Fotolia 37720684 M

Schamanisches Retreat in Amerika oder „hüllenlos durch die Nacht“? – Auftrittsangst kann man auch einfacher überwinden…

Die fünf ungewöhnlichsten Techniken, wie Sie Ihre Auftrittsangst besiegen, und warum Sie sie auf keinen Fall ausprobieren sollten

Von Thomas Coucoulis

Wahrscheinlich gibt es kaum einen unter uns, der nicht schon mal öffentlich vor einem mehr oder weniger großen Publikum aufgetreten ist. Und wahrscheinlich gibt es auch kaum einen, dem in so einer Situation nicht schon mal „die Muffe ging“. Lampenfieber nennt man das unter Künstlern – wenn es gut läuft. Wenn es schlecht läuft, kann sich das Fieber verschlimmern und bis zu einer ausgewachsenen Auftrittsangst steigern. Doch wo kommt es her, dieses Biest? Warum haben selbst erfahrene Speaker, Trainer, Schauspieler, Musiker und sonstige Rampensäue zum Teil auch nach Jahrzehnten noch schweißnasse Hände, Schnappatmung und ein flaues, krampfendes Gefühl im Magen? Na, sind Sie schon in der Problemtrance?

Die Ur-Ursache ist schon ein Weilchen her, damals lebten wir noch in kleinen Gruppen in dorfartigen Gemeinschaften von in der Regel weniger als 100 Individuen. Unter den damaligen Lebensumständen war es überlebenswichtig, die Zugehörigkeit zur Gruppe nicht zu gefährden, denn das hätte den Ausschluss aus der Gruppe und damit den sicheren Tod bedeutet. Wer damals also dazugehören und sich reproduzieren wollte, trug nicht nur Bart, was momentan auch wieder zutrifft, sondern auch sein Herz nicht zu sehr auf der Zunge.

Heute können wir unser Mammut- respektive Kobe-Fleisch online bestellen, ebenso wie die Felle, die wir auf der Haut tragen. Letztere aus Gründen der Political Correctness natürlich nur aus Kunstpelz (Erdöl), was, wenn man es genau betrachtet, die eigentlich wahre Dekadenz ist. Doch das nur am Rande, uns geht es ja hier ums Auffallen, obwohl man das mit Pelz in der Regel auch tut. Die Verfügbarkeit lebenswichtiger Ressourcen ist also nicht der Grund, warum wir trotzdem erwiesenermaßen mehrmals am Tag lügen, was natürlich auch das Herunterschlucken der eigentlichen Antwort auf die unfreundliche Art des neudeutschen Zugbegleiters impliziert.

Wenn nicht der Arterhaltung wegen, warum dann? Die Zeiten, als man dafür verhaftet wurde, wenn man seine Meinung sagte, sind ja hierzulande glücklicherweise vorbei. Dennoch wurden unsere Eltern und Großeltern von solchen Umständen geprägt, diejenigen von uns, die in der ehemaligen DDR aufgewachsen sind, ja zum Teil noch selbst. Unser Schulsystem trägt auch nicht gerade dazu bei, dass wir uns die Offenheit und Ehrlichkeit unserer Kindheit bis ins Erwachsenenalter bewahren. Und die herrschende Klasse war auch noch nie so wirklich daran interessiert, dass wir kundtun, was uns nicht passt, also gibt es ein rund um die Uhr rundfunkendes Brot-und-Spiele-Programm als Opium für das Volk. Die, die dort auftreten, dürfen wir bewundern, aber bei der Bewunderung anderer soll es auch bleiben, wir selbst haben im Mittelpunkt nichts verloren. Kommt der Begriff Unterhaltung also von Untenhaltung?

So viel mal zu den Ursachen und den daraus resultierenden Glaubenssätzen. „Sprich nicht so laut, das macht man nicht!“ – „Sei immer schön brav und tu, was der Lehrer dir sagt!“ – „Zieh dich ordentlich an, so kannst du doch nicht auf die Straße gehen, was sollen denn die Leute denken!“ Und jetzt seien wir mal ehrlich, wer von uns kennt nicht mindestens einen dieser Sätze? Abgesehen von der Frage, ob die aus dieser (V)Erziehung resultierenden Glaubenssätze für uns heute noch Gültigkeit besitzen (Kleiner Tipp: Nein), steht ja auch im Raum, was wir ohne selbige wären. Auf jeden Fall entspannter, wenn es darum geht, öffentlich vor Publikum aufzutreten. Auf jeden Fall ehrlicher, wenn uns etwas nicht passt. Auf jeden Fall authentischer, wenn wir uns selbst darstellen.

Wie man Glaubenssätze verändert, haben die meisten unter uns ja gelernt, aber reicht das? Als Rampenpfau und jemand der sich die letzten knapp 20 Jahre damit beschäftigt hat, wie man so richtig schön auffällt, sage ich: Nö. Wenn wir das jetzt schon gemeinsam angehen, dann machen wir es richtig. Wenn Sie das auch wollen, lesen Sie jetzt weiter. Aber Achtung, die folgenden Techniken könnten dazu führen, dass Sie in Zukunft auffallen. Ja, auch unangenehm. Dafür ist Ihnen danach garantiert nichts mehr peinlich. Also überlegen Sie es sich gut.

1. Seien Sie einen Tag lang ehrlich. Wenn Sie einen Kollegen treffen, antworten Sie mit der Wahrheit auf sein „Na, wie geht’s?“. – „Du, nicht so toll, ich habe gestern Abend so einen Salat gegessen, und der hat sich irgendwie nicht mit dem Bier vertragen, dann hatte ich die halbe Nacht Blähungen und um drei auch noch Durchfall.“ Oder ihr Chef: „Machen Sie mir das doch bitte noch bis morgen fertig.“ – „Wissen Sie eigentlich, wie lange das dauert? Ich hab‘ auch noch andere Sachen zu tun, und um Punkt sechs mach‘ ich Feierabend, weil wir heute Champions League gucken und dazu einen saufen.“ Mit Ihrem Partner im Restaurant: „Und, wie war dein Tag?“ – „Wie immer, im Meeting habe ich dem jungen Kollegen die ganze Zeit auf den Arsch geglotzt. Der ist echt knackig, nicht so schlaff wie deiner …“ Ich denke Sie haben das Prinzip verstanden.

2. Schonungslose Ehrlichkeit macht sich auch immer besonders gut im Kreis der lieben Verwandten. Auf der nächsten Familienfeier betrinken Sie sich – und zwar richtig. Nach dem etwa fünften Bier oder vierten Glas Wein erklären Sie sich offiziell zur Partykönigin. Und die Königin will Gesang, also stimmt sie ein Liedchen an und animiert die anderen zum Mitmachen. Die Polonäse darf natürlich auch nicht fehlen. Zwischendurch trinken Sie mit Ihrem Schwager Brüderschaft und das ungefähr fünfmal in Folge. Danach tanzen Sie auf dem Tisch zu Bonnie Tyler und performen dabei ordentlich mit. (Ihr Schwager unterstützt Sie freundlicherweise dabei). Am Ende des Abends lassen Sie sich von Ihrem Mann nach Hause fahren und übergeben sich unterwegs so ungefähr zwei bis dreimal. Das gleiche Prinzip funktioniert übrigens auch auf Betriebsfeiern. Alles klar?

3. Machen Sie ein schamanisches Retreat in Südamerika. Zwei Wochen abseits der Zivilisation in der wilden Schönheit der Natur tun nach dem ganzen Alkohol (s. o.) auch mal ganz gut. Das Highlight dieser Reise ist das Reinigungsritual mit Ayahuasca. Das ist ein Pflanzensud, der zum Großteil aus der ausgekochten Ayahuasca-Liane besteht und psychotrope Wirkstoffe enthält. Das Ritual führt in der Regel zu heftigen Halluzinationen in Kombination mit starken körperlichen Schmerzen und Erbrechen. Üblicherweise wird es abends eingenommen, die Wirkung dauert dann die ganze Nacht an. Es wird von Menschen berichtet, die mit schweren Autoimmunkrankheiten an diesem Ritual teilgenommen haben und anschließend ihre Krankheiten besiegen konnten, weil durch die Schmerzen und die Übelkeit der Lebenswille wieder so stark wurde, dass die körpereigenen Selbstheilungskräfte einen Turboboost verpasst bekamen und den Rest erledigten. Wenn Sie das durchgestanden haben, wird Ihnen so einiges egal sein, unter anderem auch, irgendwo aufzufallen. Viel Spaß!

4. Nach so einer anstrengenden Reise haben Sie sich etwas Erholung verdient. Gehen Sie in die Sauna und suchen Sie sich dort Menschen, die Ihnen gefallen. Sprechen Sie sie an, und versuchen Sie, ein Date mit jemandem auszumachen. Ob Sie hingehen, können Sie ja später immer noch entscheiden. Wichtigster Punkt: Tun Sie es nackt! Hüllenlos durch die Nacht ist das Motto, und genau so stellen Sie sich vor diese Person und haben somit schon mal nicht den üblichen Schutzschild aus Jeans und Tweed, hinter dem Sie sich sonst immer verstecken. Kein graues Pinstripe-Business-Mimikri, kein hipper Freizeitlook aus London (online bestellt), nur Sie selbst. Eine ehrlichere Anmache kann es nicht geben.

5. Als krönenden Abschluss ihrer Befreiung von den hinderlichen Glaubenssätzen und Konventionen gehen Sie feiern. Jede Stadt bietet ja so eine Party-Location, wo man nicht nur schick und zickig rumsteht, sondern auch so richtig abtanzen kann. Da gehen Sie hin – und Sie werden feiern, und zwar härter, wilder und lauter als jeder andere in diesem Laden. Eine Freundin von mir nennt das „den Club abbrennen“. Das bedeutet, dass man so ausgelassen feiert, dass man am Ende entweder auf Händen getragen oder von selbigen rausgeworfen wird. Das Ergebnis, Partykönig oder Hausverbot, ist in diesem Fall völlig egal, Hauptsache es war enthemmt. Wie besagte Freundin ebenfalls zu sagen pflegt: „Es eskaliert eh.“

Wenn Sie jetzt denken „Woher weiß er, was ich in der letzten Zeit gemacht habe?“, dann erzähle ich Ihnen mit diesem Artikel natürlich nichts Neues. Sie haben mit großer Wahrscheinlichkeit auch keine Schwierigkeiten, entspannt öffentlich aufzutreten. Wenn Sie hingegen sagen: „Das ist doch komplett irre!“, danke ich Ihnen für das Kompliment. Und wenn Sie jetzt noch wissen wollen, warum Sie diese Techniken auf keinen Fall ausprobieren sollten – wegen der Folgen:

1. Verlust des Arbeitsplatzes

2. Enterbung und/oder Scheidung

3. Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz und überaus unangenehme Nebenwirkungen

4. Hausverbot und Anzeige wegen sexueller Belästigung

5. Blaue Flecken

Und wenn Sie sich jetzt noch fragen, ob ich das alles ernst meine, dann versichere ich Ihnen: Ja, natürlich! Machen Sie das auf jeden Fall genau so, und denken Sie auf keinen Fall darüber nach, was Sie stattdessen für sich tun könnten, um aus dem Gefängnis Ihrer eigenen Glaubenssätze auszubrechen. Also, verstehen Sie diesen Artikel auf gar keinen Fall als Satire und diesen Satz bloß nicht ironisch.

Aber jetzt mal im Ernst, glauben Sie wirklich, dass das nötig ist? Klar, Sie können die Rosskur der Desensibilisierung ruhig machen, funktionieren wird Sie. Vielleicht reicht es aber auch, erst mal die Füße ins Wasser zu stecken und nicht gleich mit dem Kopf voraus reinzuspringen. Insbesondere wenn Sie den Grund noch nicht sehen können. Wie wäre es zum Beispiel damit, einfach mal Ihrem Gefühl zu folgen? Wenn Ihnen etwas auf dem Herzen liegt, warum es statt auf die Goldwaage nicht einfach mal auf die Zunge legen und kommunizieren? Kann man ja auch ganz gewaltfrei, wertschätzend und nach NLP-Kriterien machen.

Ganz konkret könnte das bedeuten, dass Sie in einer Auftrittssituation ehrlich zu Ihrem Publikum sind. Wenn Sie nervös sind, versuchen Sie nicht, es zu überspielen, indem Sie das Publikum mundtot dominieren. Sagen Sie es ruhig, ihr Publikum merkt es so oder so, wenn auch nicht unbedingt bewusst. Sie werden damit ehrlicher und authentischer rüberkommen und gleichzeitig auch diesen inneren Druck Ihrer Nervosität ablassen. Und wenn Sie diesen Druck nicht mehr zu kontrollieren brauchen, können Sie Ihre Aufmerksamkeit auf das lenken, was in diesem Moment wirklich wichtig ist: Das, was Sie sagen möchten, und diejenigen, denen Sie es sagen möchten.

Und noch was: Begeben Sie sich ruhig auf eine gemeinsame, kooperative Basis mit Ihrem Publikum – auf Augenhöhe. Schulz von Thun würde es die Wahrheit der Situation nennen. Und kommen Sie mir nicht mit irgendwelchem rhetorisch-technischen Schnick-Schnack, das zu verstehen und umzusetzen bedeutet viel mehr, als nur ein paar kommunikationspsychologische Tricks anzuwenden. Es bedeutet Wertschätzung. Sie sitzen in diesem Moment alle im selben Boot und wollen alle das Beste aus der Situation rausholen. Die Zuhörer sind Ihr Publikum, und für dieses machen Sie Ihre Show, nicht zur (Selbst-) Befriedigung Ihres Egos. Also, nächstes Mal, wenn Ihnen jemand zuhört, seien Sie dankbar und machen Sie was draus! Alles Gute dabei!

 

  Über den Autor

Thomas Coucoulis betreibt als Rampenpfau das Institut für Selbstdarstellung in Hamburg, sein Spezialgebiet ist das Überwinden von Ängsten und Blockaden bei öffentlichem Auftreten und die Entwicklung authentischer Auftritts-Persönlichkeiten. Mehr Infos und einen Blog zum Thema finden Sie hier.

Nächster offener Coaching-Abend Meet’n’Peacock: 24. Juni 2015. Anmeldung hier!

Antworten