Frau Schal 2097535

Was bedeutet Scheitern?

Mit Misserfolgen und Rückschlägen leben lernen

Von Prof. Dr. Jutta Heller

Niemand scheitert gern – ohne Scheitern kommt aber keiner durchs Leben. Ist es nicht an der Zeit zu lernen, wie wir besser damit umgehen können?

Prof. Dr. Jutta Heller in einem Vortrag zu Scheitern und Resilienz: „Zusammengehörigkeit im Scheitern”

Sportjournalisten verwenden das Wort „scheitern” scheinbar routiniert in ihren Artikeln: Im Jahr 2015 ist beispielsweise nicht nur der FC Bayern München an Barcelona „gescheitert“ (www.focus.de vom 13.05.15), sondern auch Schalke 04 an sich selbst (www.derwesten.de vom 12.04.15). Hamburg scheiterte mit seiner Bewerbung für die Ruder-WM 2019, und die Hamburger Olympia-Befürworter sowieso. Im Sport braucht es also nicht viel, um gleich als „gescheitert“ zu gelten. Ganz so schnell wird das Label in der Wirtschaft oder im Privaten nicht verpasst, aber dennoch: Wenn Sie mal ganz ehrlich mit sich sind – haben Sie selbst auch solche Projekte? Die für Sie ein Scheitern darstellen, weil sie einfach nicht mehr „auf einen grünen Zweig“ zu bringen sind, und die Sie noch nicht als „Erfahrung“ abhaken können? Denn das ist ja ein ganz wichtiger Punkt am Scheitern: Sobald wir es akzeptiert und verarbeitet haben, empfinden wir es nicht mehr als solches.

Wirtschaftliches und persönliches Scheitern ist noch immer ein Tabuthema. Zwar ist es in letzter Zeit etwas „gesellschaftsfähiger“ geworden – nicht zuletzt durch erfolgreiche Bücher wie Gescheiter scheitern (Burmeister und Steinhilper, 2011), Berichte in diversen Zeitschriften zu gemeisterten Krisen oder das Durchführen sogenannter „Fail Nights“ (siehe unten). Es wird aber noch immer, im Gegensatz zum Erfolg, „für sich“ behalten. Dabei ist es ein so wichtiges und zentrales Thema, das uns alle betrifft. Manche früher, manche später, manche öfter und manche seltener, aber ganz ohne die Erfahrung, auch einmal gescheitert zu sein, kommt niemand durchs (Berufs-)Leben.

Das Scheitern feiern?

In den Fail Nights erzählen Menschen in einem kathartisch wirkenden Auftritt vor einem großen Publikum von ihrem Scheitern und werden dafür gefeiert. Dabei fällt oft der Name Max Levchin. Ich wünschte mir, dass Scheitern immer so ablaufen würde wie bei ihm. Max Levchin, Mitgründer von PayPal, erzählt von seinen Misserfolgen so: „Das erste Unternehmen, das ich gegründet habe, ist mit einem großen Knall gescheitert. Das zweite Unternehmen ist ein bisschen weniger schlimm gescheitert, das dritte ist auch anständig gescheitert, aber das war irgendwie okay. Ich habe mich rasch erholt, und das vierte Unternehmen überlebte bereits. Nummer fünf war dann PayPal“ (Quelle: brandeins 11/2014).

Für Levchin ist sein Scheitern inzwischen nicht viel mehr als eine Anekdote auf dem Weg zum Gründer eines der erfolgreichsten Internet-Unternehmen.

Verantwortung übernehmen

Aber es geht nicht darum, Scheitern so umzudeuten, dass es in die eigene Erfolgsgeschichte passt. Es geht darum, die Verantwortung für das Scheitern zu übernehmen, den eigenen Anteil am gescheiterten Projekt anzuerkennen und den der anderen – und an dem Gefühl, gescheitert zu sein, nicht zu zerbrechen. Gerade im Berufsleben definieren wir uns oft über das Ergebnis anstatt über unseren Einsatz, und leider werden wir auch von außen oft daran gemessen. Da kann es einen schon aus der Bahn werfen, wenn ein wichtiges Projekt misslingt – gerade wenn das auch noch öffentlich, vor dem eigenen Team, Kolleg(inn)en oder Kund(inn)en passiert.

Der Wirtschaftspsychologe Jörg Bauer von der Hochschule Fresenius hat in einer Studie die Reaktionen auf eine extreme Erfahrung des Scheiterns untersucht, nämlich wie Topmanager reagieren, wenn sie gekündigt werden. Er konnte vier Phasen der psychischen Verarbeitung unterscheiden. Die erste Phase ist der „Blitz und Absturz“: Der Manager ahnt bereits, dass ihm das Ende seines Arbeitsverhältnisses bevorsteht, will dies aber noch nicht wahrhaben. In der zweiten Phase „Ruhe vor dem Sturm“ sind die Verbitterung über die erfahrene Ungerechtigkeit und die Überzeugung, bald alles wieder im Griff zu haben, vorherrschend. Erst in der dritten Phase, „Der lange Regen“, kommt für die ehemaligen Topmanager die harte Erkenntnis, dass sich die Jobsuche trotz vorheriger herausragender Leistungen und guter geschäftlicher Beziehungen schwierig gestalten wird. Phase vier – „Die Wolken brechen auf“ – beschreibt den Weg aus der Krise, wenn eine Neuorientierung und eine Versöhnung mit dem eigenen Scheitern stattfinden.

Eine heftige Reaktion auf das Scheitern ist normal und wohl unvermeidlich. Wie können wir aber mit unserem Scheitern umgehen, um nicht persönlichen Schaden daran zu nehmen? Wenn wir es schaffen, uns selbst zu verzeihen, uns nach der negativen Erfahrung noch zu schätzen und zu vertrauen, dann kann so ein Misserfolg unsere Selbstwirksamkeit enorm stärken. Dann können wir nämlich potentiellen zukünftigen Situationen, in denen etwas missrät, gelassener entgegenblicken, weil wir sicher wissen: Ich kriege es hin, danach wieder aufzustehen und weiterzumachen. Dann haben wir für die Zukunft eine wertvolle Ressource mehr: eine gestärkte Resilienz (lesen Sie hier mehr zum Konzept der Resilienz).

Verantwortung heißt auch Eigenverantwortung

Misserfolge sind extreme Lebenserfahrungen. Und gerade im Angesicht eines scheinbar übergroßen, unlösbaren Problems oder eines gescheiterten Projekts wird es Zeit, Verantwortung zu übernehmen. Nun haben gerade reflektierte, erfolgreiche Menschen, Führungskräfte und andere, die wichtige Entscheidungen treffen müssen, meist nicht das Problem, dass sie die Verantwortung für alle Fehlentscheidungen zu leicht von sich weisen. Ganz im Gegenteil: Der selbst gemachte Druck, für alles alleine verantwortlich zu sein, trägt sogar noch erheblich zum Gefühl des Gescheitertseins bei. Was wir dabei leicht ignorieren: Wir haben auch eine Verantwortung uns selbst gegenüber! Eigen-Verantwortung ist ein wichtiger Schlüssel zur Resilienz und bedeutet, dass wir erst einmal dafür sorgen müssen, funktionsfähig zu bleiben oder wieder zu werden – im Beruf, aber auch im Privatleben. (Im Übrigen: Lässt sich das überhaupt so genau trennen? Wenn es uns schlechtgeht, wird meist beides zum anstrengenden Kampfschauplatz.)

Misserfolge und große Krisen können uns so weit blockieren, dass wir selbst unsere elementaren Bedürfnisse vernachlässigen: essen, trinken, schlafen, Bewegung, soziale Bindung. Solche Erfahrungen werfen uns aus der Bahn, wir werden (zunächst) handlungsunfähig. In ihrem emotionalen Verlauf sind heftige Rückschläge mit traumatischen Erlebnissen vergleichbar, wenn natürlich auch in einer anderen Größenordnung. Deswegen begegnen wir solchen Situationen am besten mit einem der Traumatherapie entliehenen „Erste-Hilfe-Paket“: Zuerst müssen wir uns stabilisieren, bevor wir die Erfahrung bearbeiten und letztendlich integrieren können. Stabilisieren kann im Moment einer schweren Krise bedeuten, sich Routinen zu schaffen, die Sicherheit und Halt geben. Jeden Tag zur selben Zeit aufstehen, jeden Tag zur Arbeit gehen, jeden Abend einen heißen Tee mit Honig trinken – das gibt einen äußeren Rahmen, an dem wir uns orientieren können, und nimmt uns die Last zusätzlicher Entscheidungen. Menschen sind verschieden, manche brauchen in dieser Zeit der Stabilisierung viel Kontakt zu anderen, um die Erfahrung in Gesprächen zu reflektieren oder sich einfach abzulenken. Andere igeln sich ein, brauchen vor allem Ruhe und Geborgenheit in einem vertrauten Zuhause. Gönnen Sie es sich, Ihren Bedürfnissen in dieser Situation nachzugeben! Wichtig dabei ist, sich bewusst zu sein, dass diese Phase nicht Resignation oder „Aufgeben“ bedeutet, sondern den ersten Schritt auf dem Weg zur Verarbeitung Ihres Scheiterns markiert. Erst mit etwas Abstand kann dann das erste Nachdenken, das Überprüfen der gemachten Erfahrung gelingen. Im Nachhinein betrachten viele Menschen die Erfahrungen ihres Scheiterns als wichtig und wertvoll, weil sie etwas daraus gelernt haben oder weil es eine entscheidende Weichenstellung für eine positive Entwicklung war – siehe Max Levchin mit PayPal. Und so manches Mal zeigt uns ein Scheitern sogar auf, dass wir stärker sind als gedacht, und führt dazu, dass wir beim nächsten Mal mutiger und gelassener agieren. Wir können nämlich nicht immer beeinflussen, was uns geschieht, aber es liegt in unserer eigenen Verantwortung, wie wir das Geschehen wahrnehmen, bewerten und darauf reagieren.

„Es ist niemals die Umgebung; es sind niemals die Ereignisse in unserem Leben, sondern die Bedeutung, die wir damit verknüpfen – wie wir sie interpretieren – das entscheidet darüber, wer wir heute sind und wer wir morgen sein werden.“

(Tony Robbins)

 

  Über die Autorin:

Prof. Dr. Jutta Heller steht für „Resilienz“, dem Fachbegriff für innere Stärke. Die Dinge akzeptieren, wie sie sind, Eigenverantwortung übernehmen, seelische Widerstandskraft entwickeln: Das sind die Kernelemente ihres überzeugenden Konzepts, mit dem sie seit über 25 Jahren Menschen aus den unterschiedlichsten Kontexten zu ihren mentalen Ressourcen führt. Neben ihrer selbständigen Beratungstätigkeit ist sie Professorin für Training & Business Coaching in der wirtschaftspsychologischen Fakultät an der Hochschule für angewandtes Management Erding. Prof. Dr. Heller ist auch Organisatorin des jährlichen Coaching-Kongresses in Erding.

Seit 2015 gibt Prof. Heller ihre Expertise in einer Zertifikatsausbildung weiter. Die Ausbildung umfasst u.a. Grundlagen zu Resilienz, Tests und Resilienzmodelle, individuelle Resilienz (zu diesem Bereich gehört die in diesem Beitrag behandelte Eigenverantwortung), organisationale Resilienz und Konzepte für Coaching, Training und Gesundheitsmanagement.

Mehr Informationen erhalten Sie unter www.juttaheller.de

 

Antworten