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Öffentliches Zuhören: verstehen statt urteilen

„Wir hören zu!“

Von Marion Miketta

Der Schock saß tief, als ich kurz nach dem Brexit-Votum mit Kollegen in England sprach. Nie hätten sie erwartet, dass die Mehrheit der Briten tatsächlich für den Austritt aus der EU stimmen würde. Sie waren erschüttert über das Ergebnis, sehr verunsichert angesichts der neuen Lage und besorgt darüber, was dies wohl für die Zukunft bedeuten würde.

Kurze Zeit später folgte das nächste ungute Erwachen: Der Ausgang der Präsidentenwahl in den USA. Wieso kam auch dieses Votum so unerwartet? Eine Erklärung war, dass viele Menschen sich zwar offensichtlich abgehängt und nicht wahrgenommen fühlten, sich jedoch nicht getraut hatten, ihre Sichtweisen in Meinungsumfragen kundzutun. So ließ erst die Auszählung der Wahlzettel das eigentliche Ausmaß dieses weit verbreiteten Unmutes sichtbar werden.

In England wurde als Reaktion auf das Brexit-Votum ein sogenanntes Listening-Café gegründet, das Raum geben soll, eigene Perspektiven auszudrücken. Die Idee hinter dem Café ist, das starke Gefühl der Desillusionierung, das viele Menschen nun begleitet, aufzufangen und einen sicheren Rahmen für den gemeinsamen Austausch zu schaffen.

Inspiriert von diesem Projekt, entschieden eine Kollegin und ich uns dazu, in Berlin ein ähnliches Experiment zu wagen. Denn natürlich treibt auch uns in Deutschland die Frage um, wie wir auf die zunehmende gesellschaftliche Spaltung reagieren und welchen Beitrag wir leisten können, um eine stärkere Verbundenheit zu fördern. Statt uns in Facebook-Echokammern in einer virtuellen Realität zu bewegen, wollten wir die Kunst des Zuhörens auf die Straße bringen und jedem vorurteilsfrei ein offenes Ohr schenken. Wir wollten öffentlich aussprechen: „Wir hören zu!“ Ein Versuch erschien uns lohnenswert.

Bevor wir uns mit unseren Schildern in kleinen Gruppen auf verschiedenen Plätzen in Berlin verteilten, bereiteten wir uns gemeinsam vor. Praktische Übungen schulten uns im wertungsfreien Zuhören. Wie fühlt es sich an zuzuhören, ohne unmittelbar etwas erwidern, sondern stattdessen die Gedanken der anderen beflügeln zu wollen?

Auf einige wenige Leitlinien hatten wir uns verständigt. Als Grundlage diente uns dabei der Leitfaden der „urbanconfessionals“. Wir klärten zunächst unser gemeinsames Anliegen, um es auf Rückfrage auch klar kommunizieren zu können: Wir möchten uns als Zuhörende anbieten und unser Ohr den Menschen schenken, die gehört werden möchten. Nur durch Blicke und unsere Schilder möchten wir Menschen einladen, auf uns zuzukommen, sie werden nicht von uns angesprochen. In jedem Fall werden wir sie nicht unterbrechen und an keiner Stelle unsere eigenen Sichtweisen aufdrängen.

Wir besprachen, wie wir damit umgehen würden, wenn wir Dinge zu hören bekommen sollten, mit denen wir absolut nicht übereinstimmten. Wir wollten versuchen, eher die Person hinter dieser Meinung zu sehen, als zu sehr auf die Aussage selbst zu fokussieren. Und wir nahmen uns vor, nachzufragen, wie das Gegenüber zu dieser Ansicht gekommen war. „Versuchen, einander zu verstehen, statt zu urteilen“, das war unser Anliegen.

Auch andere Eventualitäten kamen zur Sprache: Wie möchten wir darauf reagieren, wenn wir um Geld gebeten werden oder wenn wir von dem Platz vertrieben werden, auf dem wir stehen? Für Notfälle hatten wir sogar die Nummer des Berliner Krisendienstes parat. Derart gewappnet, gespannt und vorfreudig mit einem etwas mulmigen Gefühl im Bauch machten wir uns auf.

So standen wir an einem sonnigen und kalten Wintertag auf dem Alexanderplatz. Wir hatten Pappschilder in der Hand, die zum Gespräch einladen sollten. Auf den Schildern stand: „Was bewegt Sie? Ich höre zu.“

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Wir waren eine Gruppe von insgesamt 13 Personen. Ein paar davon waren Coaches, Therapeuten oder brachten Erfahrungen im Bereich der Mediation mit. Im Grunde aber waren derlei Kenntnisse nur bedingt nötig. Ausschlaggebend war eher die Lust und die Bereitschaft, zuzuhören. Wirklich zuzuhören – empathisch und aufgeschlossen.

Kaum angekommen am Brunnen vor dem Kaufhof, rief uns eine Frau mit Blick auf unser Schild zu: „Is dit geil! Wenn ich damit anfange, dann höre ich gar nicht mehr auf!“ Allein die Vorstellung, dass ihr zugehört werden würde, bereitete ihr schon gute Laune. Beschwingt und erheitert ging sie ihres Weges. Andere blieben stehen und erzählten uns von gestiegenen Mietpreisen, ihrer Obdachlosigkeit, Diskriminierungserfahrungen als Roma oder auch von der Sorge vor Überfremdung. Ein Paar las die Frage: „Was bewegt sie?“, und wir konnten die beiden im Weitergehen hören, wie sie sich – angeregt durch das Schild – gegenseitig die Frage stellten: Was bewegt dich denn eigentlich gerade? Viele Menschen gingen an uns vorüber und lächelten oder fotografierten uns. Uns wurde allerorts Freundlichkeit entgegengebracht. Trotz der gelegentlichen Verwunderung, dem Staunen der Menschen, standen Wohlwollen und Neugier im Vordergrund. Der Wunsch, sich auszutauschen, sich zu begegnen und in Kontakt zu treten, war deutlich spürbar.

Bei fast allen: Der BVG-Sicherheitsbeamte, der uns später nach der Genehmigung für unser Pappschild fragte, als wir uns der Kälte wegen in die Bahnhofsvorhalle verzogen hatten, war überzeugt, dass wir mit Sicherheit nicht hören wollten, was ihn gerade so beschäftigte. Eigentlich schade. Wir hätten ein offenes Ohr gehabt.

Nach einigen Stunden trafen wir uns wieder und teilten die Erfahrungen miteinander, die wir in den verschiedenen Stadtteilen gesammelt hatten.

Das Ergebnis dieses Experimentes war verblüffend und sehr ermutigend für uns: Nicht erst durch die Gespräche selbst, schon alleine durch die einladende Präsenz und unserer Botschaft „Wir hören zu!“ veränderte sich die Atmosphäre auf dem jeweiligen Platz. Bisher hatte ich den Alexanderplatz eher nur immer schnell überquert, um von der S-Bahn zur Tram zu gelangen. Ich hatte ihn nicht als einen Ort wahrgenommen, an dem ich mich gerne aufhalten wollte. Jetzt hatte ich mich mit meinem Angebot dort „etabliert“ und alle Passanten – seien es Obdachlose, Kinder, Touristen, junge Leute mit Primark-Tüten bepackt oder arabisch sprechende Brunnenakrobaten – mit dem gleichen offenen Blick und Herzen angesehen. Allein das Sich-Hinstellen – ohne Handy in der Hand und mit der Bereitschaft und der expliziten Einladung zur Begegnung – führte schon zu einer Verbindung. Uns kam es so vor, als würden wir mit unserer Haltung den Raum gestalten und viel mehr als üblich an unserer Umwelt partizipieren. Als würden wir ein Gegengewicht bilden zu all dem „Senden“ von Werbebotschaften und Kaufangeboten: Wir standen für das „Empfangen“.

Eine Frau, die sich mit ihrem Pappschild auf einen Platz begeben hatte, der für eher raue Umgangsformen und Aggression steht, brachte es später so auf den Punkt: „Komisch, an diesem Tag sind alle Idioten zu Hause geblieben.“ Es wurde deutlich, wie sehr die Wahrnehmung des Umfeldes von der eigenen Einstellung und Bereitschaft, sich auf andere Perspektiven einzulassen, abhing. Diejenigen, denen man vorher vielleicht einfach aus dem Weg gegangen wäre, waren nicht mehr sichtbar, sondern einfach nur noch Menschen mit ihren Sorgen, mit Ängsten und dem Bedürfnis, sich mitzuteilen.

Unser „Pilotprojekt“ wird nun in Folge gehen. Wir werden uns weiterhin regelmäßig treffen, um öffentlich zuzuhören. Und: Jeder ist eingeladen mitzumachen – bei uns oder in selbst organisierten Gruppen. Die aktuellen Termine und weitere Informationen dazu erhalten Sie hier.

Wir freuen uns über eine rege Teilnahme!

***

Wie wichtig sind Ihnen Menschen, die wirklich zuhören können? Haben Sie selbst schon einmal (positive, überraschende, erfreuliche …) Erfahrungen gemacht, indem Sie sich vorurteilsfrei einem Gegenüber geöffnet und empathisch zugehört haben? Oder konnten Sie vielleicht selbst schon einmal an ähnlichen Listening-Initiativen teilnehmen? Ihre Kommentare sind willkommen!

 

Miketta_Marion  Über die Autorin

Marion Miketta lebt in Berlin und arbeitet als Thinking Environment-Coach, -Facilitator und -Ausbilderin (www.timetothink.com).

Die Qualität des achtsamen Zuhörens hat sie durch den vietnamesischen Zen-Meister Thich Nhat Hanh erfahren.

Weitere Informationen zur Autorin erhalten Sie hier.

  1. Katharina ArnoldKatharina Arnold04-10-2017

    Lieber Herr Motzet,

    es freut uns sehr, dass Sie inspiriert worden sind und nun selber aktiv werden möchten! Dazu ist es auch gar nicht notwendig, sich an feste Termine zu halten. Wenn Sie eine eigene Zuhör-Gruppe gründen möchten, legen Sie einfach los – und lassen Sie uns gerne an Ihren Erfahrungen teilhaben.

    Ansonsten: Die nächsten Termine, an denen unsere Autorin Marion Miketta und Kolleginnen und Kollegen wieder „öffentlich zuhören“, finden Sie unter http://www.impuls.net/labor-fuer-ideen/veranstaltungen-at/wir-hoeren-zu/

    Wir sind gespannt und wünschen einen tollen Austausch!

  2. Werner MotzetWerner Motzet04-09-2017

    Fantastisch, so erlebe ich mich auch: “ Es wurde deutlich, wie sehr die Wahrnehmung des Umfeldes von der eigenen Einstellung und Bereitschaft, sich auf andere Perspektiven einzulassen, abhing.“ Ich bin im Raum Nürnberg zu Hause und würde das gerne in Nürnberg machen. Für April ist das wohl der morgige Montag 11.4.? Das wäre zu knapp aber ich werde die nächsten Wochen nutzen um „Mit-Hörer“ zu finden und im Mai mitzumachen, gibt es schon einen Termin?

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