Entdecke die Möglichkeitsräume, die in dir angelegt sind

So tun, als ob: Über die Chance der Flexibilität

Von: Sabine Claus

Viele Menschen erleben die heutige Arbeitswelt voller Widersprüche und Paradoxien. Einerseits wird uns ständig suggeriert, dass wir völlig freie, selbstbestimmte Individuen seien: Als Mitarbeiter stehen wir im Mittelpunkt, sind das wichtigste Potenzial, dürfen unsere Jahresarbeitszeit flexibel einsetzen, unsere Kreativität zur Entfaltung bringen und unser persönliches Entwicklungsziel definieren. Als Führungskraft stehen wir im Mittelpunkt, denn wir gestalten die Zukunft unserer Organisation.

Andererseits wird zugleich ein enormer Leistungsdruck erzeugt, indem uns die Medien, unser Umfeld und die Erfolgskennzahlen, an denen wir gemessen werden, vormachen, wir seien erst dann wirklich genügend wert, wenn wir die perfekte Zielerreichung, die perfekte Leistung, die perfekte Kundenzufriedenheit, ein perfektes Netzwerk und eine perfekte Opportunity-Pipeline vorweisen – und dies stets dynamisch und gut gelaunt, aber neuerdings auch demütig und achtsam.

Angesichts dieser Ambivalenz ist es kein Wunder, dass sich bei vielen Menschen ein chronisches Gefühl von Unzulänglichkeit entwickelt und damit verbundene stetige Selbstzweifel, innere Unruhe und Erschöpfung. Man nimmt sich als Spielball äußerer Kräfte wahr, ständig bemüht, seine vermeintliche Freiheit zu nutzen, zugleich immer neue, vorgegebene Ziele zu erreichen und obendrauf erfolgreicher Selbstmanager zu sein.

Klarheit erlangen: Was möchte ich erleben?

In unserer beschleunigten und unsteter werdenden Arbeitswelt, in der heute getroffene Entscheidungen morgen schon wieder korrigiert werden, in der vor lauter Optimierung und Zwang zu zeitraubendem Reporting kaum noch Raum zum gründlichen Nachdenken bleibt, kann es für den Einzelnen hilfreich sein, wieder bewusster mit sich selbst in Kontakt zu treten. Um nicht zwischen die Mühlsteine multipler und sich widersprechender äußerer Erwartungen zu geraten, bietet es sich an, sich von Zeit zu Zeit folgende Frage zu stellen: „Welches wäre in einer bestimmten Situation mein gewünschtes Erleben?“ Die Frage mutet auf den ersten Blick vielleicht ungewohnt an. Sie birgt aber die Chance in sich, auch in vordergründig fremdbestimmten Situationen, die Möglichkeitsräume, die in uns angelegt sind, dergestalt zu nutzen, dass wir mit unserem Dasein und Handeln wirksam sein können.

Ein Beispiel: Der Vertriebsmitarbeiter einer internationalen Medizintechnikfirma, der von seinen Kollegen und Kunden als angenehm, verträglich und zurückhaltend beschrieben wird, muss jeden Montagabend zum Rapport antreten, um die erneute Nicht-Erreichung seiner realitätsfremden Ziele zu rechtfertigen. Sein Vorgesetzter, der Stunden zuvor dasselbe Ritual mit seinem Chef-Chef absolviert hat, zeigt ein autoritäres, cholerisches Verhalten. Das übliche Verhaltensmuster, das sich jeden Montagabend wiederholt, besteht aus einem Druck ausübendem Vorgesetzten und einem eingeschüchterten Vertriebsmitarbeiter, der sich entweder mit dünnen Argumenten rechtfertigt oder schuldbewusst resigniert. Würde sich der Vertriebsmitarbeiter die Frage stellen „Welches wäre in dieser Situation mein gewünschtes Erleben?“, würde er vielleicht antworten: „Ich möchte mich gerne weniger in die Ecke gedrängt und klein gemacht erleben.“ Positiv formuliert: „Ich möchte mich handlungsfähig, durch meinen Vorgesetzten respektiert und dadurch aufrecht erleben.“

Der Vertriebsmitarbeiter kann im Moment weder seine zu hoch angesetzten Ziele korrigieren, noch seinen unbeherrschten Vorgesetzten austauschen, zugleich will er seinen Arbeitsplatz behalten. Mit Hilfe der Frage „Was wäre mein gewünschtes Erleben?“ gelangt er zu einem erstrebenswerten Ziel: „Ich möchte mich handlungsfähig, respektiert und aufrecht erleben.“ Wenn er nun denken würde: „Ich bin halt so, wie ich bin“, und statisch in seiner zurückhaltenden Persönlichkeit verharren würde, würde sein Stresslevel jeden Montagabend aufs Neue über die Maßen beansprucht werden. Auch sein Vorgesetzter würde sein cholerisches Verhalten beibehalten, denn auch er „ist halt so“. Ein eingespieltes Muster.

Die restlichen neun Zehntel der Persönlichkeit

Wäre es nicht besser, wenn der angepasste Vertriebsmitarbeiter mehr aus sich herausginge und sich behauptete? Psychologen bestätigen, dass es in speziellen Situationen von Vorteil sein kann, wenn man sich ganz bewusst anders verhält, als es die eigene Persönlichkeit vorgeben würde. Manchmal ist es einen Versuch wert, etwas zu tun, was einem gerade nicht im Blut liegt. In seinem Buch Flex: Do Something Different (2011) benutzt der Arbeits- und Gesundheitspsychologe Ben Fletcher das Verb to flex, was sich mit dehnen oder biegen übersetzen lässt. Er betont, dass es zuweilen besser sei, etwas zu tun, was gegen seine natürlichen Tendenzen geht. Fletcher ist überzeugt, dass jede Person über die Fähigkeit verfügt, unterschiedliche Personen zu verkörpern. Wenn man ihm glaubt, ist nicht nur offensiveres, selbstbehauptendes Verhalten erlernbar, sondern jedes andere. Mit Hilfe seines Trainingsprogramms lassen sich „die anderen neun Zehntel“ der eigenen Persönlichkeit entwickeln. Hierbei setzt er aufs Tun. „Mann kann einem Menschen nicht einfach sagen, er solle sich verändern. Ein Mensch muss etwas anderes tun, um Veränderung möglich zu machen.“

Hier setzt die So-tun-als-ob-Idee an. Man tut so, als ob der gewünschte Erlebenszustand bereits Realität wäre. Der Vertriebsmitarbeiter tut so, als ob er sich als handlungsfähig, motiviert und aufrecht erleben würde. Diese Idee mutet vielleicht simpel an. Doch sie kann Wirkung erzielen, sowohl für denjenigen, der sie anwendet, als auch für die Interaktionspartner, in unserem Beispiel also für den Vorgesetzten.

Die moderne Neurobiologie belegt, dass Erleben nie konstant ist und in jeder Sekunde neu gestaltet wird – durch Fokussierung von Aufmerksamkeit und durch Bildung bzw. Reaktivierung von Netzwerken von Erlebniselementen: Wir geraten also zu jeder Zeit durch neue Ereignisse in neue Erlebenszustände. Der Vertriebsmitarbeiter könnte mit Hilfe der So-tun-als-ob-Idee ausprobieren, ob er erstens in seinem eigenen Erleben einen Unterschied erzeugen und zweitens durch sein verändertes Erleben sein Verhalten verändern und damit auch ein verändertes Verhalten beim Vorgesetzen auslösen könnte. Denn jeder Gedanke eines Menschen löst eigene Haltungen und Handlungen aus, auf die andere reagieren – und uns wiederum in dem bestätigen, was wir zu sein glauben. Der zurückhaltende Vertriebsmitarbeiter provoziert die ungebremsten Vorwürfe und Schuldzuweisungen seines Chefs, weil sein Verhalten von der Selbsteinschätzung geprägt ist: „Diese Ziele kann ich eh nie schaffen.“ Und wer derart resigniert, hat bereits verloren.

Die Möglichkeiten, sich selbst seinem gewünschten Erleben näher zu bringen, sind deshalb größer, als viele meinen. Jeder kann zumindest zeitweise über sich hinauswachsen, die Grenzen des eigenen Ichs sprengen. „Ich bin nun einmal so, wie ich bin, und kann nicht anders!“ Dieser Satz gerät damit zur bequemen Ausrede. Es ist zwar nicht zu leugnen, dass die Welt sich immer schneller wandelt. Daraus resultiert der Zwang, ständig dranzubleiben und sich weiterzuentwickeln. Aber das Unfertige in uns muss kein Mangel sein, sondern eine Chance. Es steckt immer eine Möglichkeit darin.

Welche Möglichkeiten das sein können, ist vielfach aufgezeigt worden, unter anderem durch eine 1979 durchgeführte Studie der Harvard-Psychologin Ellen Langer. Sie schickte eine Gruppe von Männern um die 80 für eine Woche auf eine Art Zeitreise in ein abgeschiedenes Wohnhaus. Alles war eingerichtet wie 20 Jahre zuvor, es gab sogar Musik wie vor 20 Jahren, und ebenso waren Zeitungen, das Fernsehprogramm und die Kleidung entsprechend angepasst. Vor allem aber durften die Männer nicht in der Vergangenheitsform über sich sprechen und nichts erwähnen, was nach 1959 stattgefunden hatte. Ihre Aufgabe war es, so zu tun, als ob sie im Jahr 1959 lebten. Die Verwandlung war absolut verblüffend: Die zu Beginn hilfsbedürftigen Männer kamen plötzlich wieder allein zurecht. Ihr Gehör, ihr Gedächtnis und ihre geistige Flexibilität verbesserten sich, der Blutdruck sank. Messungen an den Handwurzelknochen ergaben, dass diese stärker geworden waren. Nur so zu tun, als wären sie jünger, war für die Probanden ein wahrhafter Jungbrunnen.

In Fachkreisen werden die Studien von Ellen Langer in ihrer Methodik und Validität zum Teil heftig kritisiert. Zugleich ist es unbestritten, dass sich die So-tun-als-ob-Idee positiv auf das subjektive Erleben der Studienteilnehmer ausgewirkt hat, egal, ob deren Gesundheit tatsächlich nachhaltig verbessert wurde. Auch andere Wissenschaftler kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Die So-tun-als-ob-Idee öffnet neue Möglichkeitsräume im eigenen Erleben und Handeln und wirkt unmittelbar auf das System ein, in dem wir uns gerade befinden.

„So tun, als ob“ eröffnet neue Handlungsräume

Die So-tun-als-ob-Idee funktioniert in vielen Situationen. Sie kann bei der Realisierung des gewünschten Erlebens und der Gestaltung von Interaktionen gute Dienste leisten. Die nachfolgenden Beispiele werden von der kritischen Leserschaft vielleicht als nicht authentisch, weil gespielt, oder gar als heuchlerisch abgetan. Jedoch hat die Entdeckung der Spiegelneurone im menschlichen Gehirn unter anderem gezeigt, dass auch gespielte Gefühle beim anderen dieselben Resonanzreaktionen auslösen können wie tatsächliche Emotionsregungen. Solange das Einnehmen einer bestimmten Rolle sinnvolle Seiten hat, darf es als Ausdruck sozial-emotionaler Intelligenz betrachtet werden.

Deshalb lohnt es sich, einmal damit zu experimentieren und das Vorher und Nachher miteinander zu vergleichen: Wer glücklicher werden will, sollte sich benehmen, als wäre er schon froh, und sollte möglichst viel lächeln, das hebt die Stimmung. Wer selbstbewusster werden möchte, kann sich zum Beispiel lässig im Stuhl zurücklehnen und die Hände hinter dem Kopf falten. Wer sich weniger in die Ecke gedrängt fühlen möchte, könnte einen Platz im Zentrum des Tisches wählen und direkten Augenkontakt suchen. Wer respektiert werden möchte, nimmt eine bewusst aufrechte Körperhaltung ein. Wer möchte, dass man ihm zuhört, tut so, als ob er die wichtigste Botschaft vertreten würde, die heute geäußert wird – und wählt ganz unwillkürlich eine starke Sprache. Wer befördert werden möchte, könnte sich als ersten Schritt entsprechend kleiden. Wer ernst genommen werden möchte, ist ernst, lehnt sich nach vorne und verschafft sich Gehör.

Aber: So tun, als ob, das ist auch anstrengend. Um Überforderung vorzubeugen, ist es wichtig, sich bewusst Erholungsnischen zu schaffen. Das können Situationen oder Orte sein, in denen man so sein kann, wie man von Natur aus am ehesten ist. Eine weitere Voraussetzung dafür, dass das Aus-der-Rolle-Fallen nicht enorm anstrengend wird, ist, dass es dazu dient, einem echten, tiefen Erlebenswusch näherzukommen. Etwas, was uns von innen heraus bewegt. Das Streben nach dem Zustand dieser inneren Stimmigkeit gilt als einer der stärksten Antreiber im Leben.

Der Vertriebsmitarbeiter, den ich aus einer Beratung kenne, hat mit der So-tun-als-ob-Methode übrigens sein Selbstwertgefühl punktuell gesteigert und seinen cholerischen Chef, wenigstens zeitweise, zu einem konstruktiveren Dialog bewegen können. Inzwischen wurde der Vorgesetzte entlassen.

Wenn Sie die So-tun-als-ob-Methode selbst ausprobieren möchten, können Sie folgendes tun:

  1. Vergegenwärtigen Sie sich Ihren Erlebenswusch. Stellen Sie sich dann in allen Einzelheiten vor, wie es wäre, wenn dieser Wunsch erfüllt wäre:
  • Was würden Sie genau tun?
  • Wie würden Sie sich bewegen?
  • Wie wäre Ihre Körperhaltung?
  • Was würden Sie anziehen?
  • Über was würden Sie sprechen und in welchem Tonfall?
  • Wie würden Sie sich fühlen?
  • Welche Musik würden Sie hören?
  1. Tun Sie dann in einer bestimmten Situation so, als ob sich Ihr Erlebenswunsch bereits erfüllt hätte.
  1. Vergleichen Sie anschließend die Unterschiede zwischen vorher und nachher. Was hat Sie Ihrem gewünschten Erleben näher gebracht? Was hat Ihnen gut getan? Wo konnten Sie neue Dimensionen bei sich selbst entdecken?

In Kurzform heißt das: Erlebenswunsch bewusst machen und so tun, als ob dieser schon erfüllt sei. Neue Handlungsräume zeigen sich. Und das gibt neuen Schwung.

 

Weiterführende Informationen und Quellen

 

Claus_Sabine_NEU-2015   Über die Autorin

Sabine Claus ist Betriebswirtschaftlerin und Master of Advanced Studies in Coaching & Organisationsberatung. Sie hilft Unternehmen in Veränderungsprozessen und begleitet Menschen in ihrer Persönlichkeitsentwicklung sowie in den Bereichen Selbst- und Mitarbeiterführung, Team und Konflikt, Karriere und Auftrittskompetenz.

Wer konnte punkten? – Das erste Clinton-Trump-TV-Duell mimisch betrachtet

In der Nacht vom 26. auf den 27. September fand das erste TV-Duell zur amerikanischen Präsidentschaftswahl statt. Wer würde besser abschneiden? Würde Donald Trump verbal und emotional entgleisen? Würde Hillary Clinton ihr Image, arrogant und unterkühlt zu sein, verändern können? Und: Wie fit würde sie nach ihrem Zusammenbruch infolge einer Lungenentzündung sein?

Auch in Deutschland wurde das TV-Duell von großem Interesse begleitet. In den Nachrichten am 27. September lautete das Urteil: Punktsieg und leichte Vorteile für Clinton, aber kein K.o.-Schlag für Trump.

Dirk W. Eilert

Dirk W. Eilert

Ein Junfermann-Autor absolvierte am 27. September einen wahren Pressemarathon. Die Rede ist von Dirk Eilert, Experte für Mimik, Körpersprache und Emotionen. Von seinem Buch Mimikresonanz. Gefühle sehen. Menschen verstehen wurden seit dem Erscheinen vor drei Jahren mehr als 10.000 Exemplare verkauft.

Dirk Eilert war medial auf allen Kanälen unterwegs: Morgens im Fernsehen und zwar im Sat1-Frühstücksfernsehen. Dort wurde er von Moderator Daniel Boschmann befragt. Abends dann konnte man ihn in der von Alexander Kähler moderierten Phoenix-Runde sehen, zusammen mit dem Journalisten Matthew Karnitschnig (Politico), dem Kommunikationsberater  Axel Wallrabenstein und Sudha David-Wilp (German Marshall Fund).
„Trump stand nur einmal wirklich unter Stress“, lautete seine Bilanz in einem Interview mit der Zeitung Die Welt. Bleibt noch, ein Radiointerview mit DRadio Wissen in diese Aufzählung aufzunehmen.

Und zu welchen Ergebnissen ist Dirk Eilert nun gekommen? Zunächst einmal haben beide, sowohl Clinton als auch Trump, das umsetzen können, was sie sich vorgenommen hatten. Er ist staatsmännischer rübergekommen, sie nicht ganz so unterkühlt. Bei diesem Zusammentreffen eines Extrovertierten mit einer Introvertierten lässt sich wohl bei Clinton eine größere cover-vorschauEntwicklung feststellen. Dirk Eilert beobachtet Hillary Clinton bereits sehr lange, in ihrer Zeit als First Lady und danach als Senatorin und dann als Außenministerin. In ihrer Körpersprache ist sie expressiver geworden. „Trump ist Trump“, meint Dirk Eilert. Er ist kongruent in dem was er sagt und wie er es ausdrückt. Clinton hat, im Gegensatz zu Trump, immer mal wieder Stresssignale gezeigt. Dabei hatte ihr Kontrahent in diesem TV-Duell diverse schwierige Themen (vorerst) ausgespart. Allerdings zeigte er auch ein Dominanzgebaren, das ihm nicht unbedingt Sympathiepunkte einbringen dürfte. So blieb er bei der Begrüßung kurz stehen, zwang Clinton dadurch, auf ihn zuzugehen. Dann legte er ihr die Hand auf den Rücken, eine Geste, die dem Ranghöheren bei einem Rangniedrigeren „zustehen“ würde. Bei der Verabschiedung wiederholte er das, sogar noch in verschärfter Form. Wie ein „guter Onkel“ klopfte er ihr gönnerhaft auf den Rücken.

Das sind nur einige Schlaglichter. Die ausführlichen Analysen von Dirk Eilert können Sie nachlesen, nachhören bzw. in Videoclips anschauen – und zwar hier:

Sat1 Frühstücksfernsehen

Phönix-Runde

Interview in „Die Welt“

Interview im DRadio Wissen

 

Diagnose Autismus

Wie gehen die Eltern betroffener Kinder damit um?

Von Dr. Prithvi Perepa

Jede Familie ist anders. Daher fallen auch die Reaktionen von Eltern auf die Autismus-Diagnose ihres Kindes sehr individuell aus. In manchen Fällen kann der Weg bis zur offiziellen Diagnose traumatischer sein als die Diagnose selbst. Viele Eltern, mit denen ich gearbeitet habe, berichteten mir, dass sie gut zehn Ärzte aufsuchen mussten, bis ihr Kind letztendlich dem Autismusspektrum zugeordnet wurde. Während Ärzte bei klassischeren Symptomen des Autismus mit größerer Sicherheit die Diagnose stellen, lassen sich hochfunktionaler Autismus oder das Asperger-Syndrom nicht so leicht identifizieren. Die resultierenden Verhaltensauffälligkeiten sind subtiler.

Symptome oft nach außen nicht sichtbar

Das nicht immer gleich offensichtliche Erscheinungsbild des Autismus macht es einigen Eltern zusätzlich schwer, die Diagnose zu akzeptieren. Handelt es sich bei dem betroffenen Kind um ihr Erstgeborenes, bemerken sie das abweichende Verhalten unter Umständen nicht einmal, bis ein Arzt sie dann darauf hinweist oder Probleme auftreten – dies geschieht oft erst im Kindergarten. Manche Eltern empfinden einen schmerzlichen Verlust ob des „perfekten“ Kindes, das sie meinen, verloren zu haben. Es fällt ihnen schwer, anderen die Diagnose zu erklären, da die Symptome sehr unscheinbar wirken können. Darüber hinaus kann es eine große Herausforderung darstellen, wenn der Nachwuchs sich scheinbar normal entwickelt und plötzlich eine Fähigkeit, wie z.B. das Sprechen, wieder verliert. Eltern geben sich möglicherweise selbst die Schuld dafür, dass ihr Kind autistisch ist. Sie haben das Gefühl, als Eltern versagt zu haben. Daher ist es äußerst wichtig, dass Ärzte sehr sensibel vorgehen, wenn sie die Diagnose überbringen. Sie müssen zuvor sichergestellt haben, dass den Eltern die nötige Unterstützung zur Verfügung stehen wird.

Obwohl Untersuchungen nahelegen, dass sich der Grad der Unterstützung, die eine Familie erhält, darauf auswirkt, wie sie den Autismus des Kindes aufnehmen, muss das Thema Unterstützung vorsichtig gehandhabt werden. Bei den Eltern darf nicht der Eindruck entstehen, dass ihre elterlichen Instinkte unzureichend wären. Erlernte Hilflosigkeit wäre die Folge. Es ist eine Tatsache, dass Eltern im Gegensatz zu ausgebildeten Fachleuten nicht das Wissen haben, um ein Kind mit Autismus fachgerecht zu unterstützen – doch viele Aspekte des Umgangs mit autistischen Kindern beruhen einfach auf guten Erziehungsmethoden. Fachpersonal auf diesem Gebiet sollte die Eltern also darin bekräftigen, ihren Instinkten zu vertrauen, es sollte die elterlichen Stärken hervorheben und ihnen geeignete Literatur, Anlaufstellen und weitere Unterstützung anbieten.

Nicht alle Eltern reagieren bestürzt, wenn bei ihrem Kind Autismus diagnostiziert wird. Viele sind erleichtert, dass es endlich offiziell ist, da sie vielleicht schon Monate oder in vielen Fällen Jahre vor der Diagnose diese Vermutung hatten. Doch auch diese Gruppe von Eltern benötigt Hilfe, wenn es um praktische Aspekte wie häusliche Betreuung oder schulische Maßnahmen geht. Einige Eltern sind zu Anfang in der Lage, ihrem Kind die Förderung zu geben, die es braucht, erkennen jedoch nach einer Weile, dass sie doch Hilfe in Anspruch nehmen möchten. Daher ist es sehr wichtig, dass Ärzte, anderes Fachpersonal und entsprechende Betreuungseinrichtungen flexibel auf die Bedürfnisse dieser Familien eingehen.

Das Labyrinth von schulischen Einrichtungen und Förderung

Nachdem die Diagnose Autismus gestellt worden ist, verwenden Eltern oft sehr viel Zeit darauf, die besten Fördermöglichkeiten für ihr Kind zu finden. All jene, die Erfahrung auf dem Gebiet der Sonderpädagogik oder des Autismus haben, wissen, wie schwierig es ist, die beste Entscheidung hinsichtlich angemessener Fördermaßnahmen zu treffen. Welcher Schultyp passt zu meinem Kind? Soll es auf eine normale oder auf eine Förderschule gehen? Welche Maßnahmen werden die besten Resultate bringen? Welche Therapien sollte mein Kind erhalten? Eltern werden mit all diesen Fragen konfrontiert, zu denen es sehr wenige unvoreingenommene, wissenschaftliche Studien gibt, die ihnen bei der Entscheidung helfen könnten. Was sie aber immer und immer wieder hören, ist die Aussage, dass das Kind so früh wie möglich gefördert werden sollte, was den Druck auf die Eltern nur noch erhöht.

Auch wenn die Eltern die richtigen Entscheidungen getroffen haben, stehen ihnen die gewünschten Förderungsmaßnahmen nicht automatisch auch zur Verfügung. Wartelisten können sehr lang sein oder Aufnahmekriterien so streng, dass das Kind sie nicht erfüllt. Familien bringen oft große finanzielle Opfer, um ihrem Kind die beste Förderung zu sichern, und einige dieser Programme verlangen den Eltern regelmäßig außerordentliche Leistungen ab. Dies kann sich auf die Familiendynamik auswirken und die Eltern daran hindern, ihren anderen Kindern genügend Aufmerksamkeit zu schenken. Sonderpädagogen müssen stets im Hinterkopf behalten, dass das autistische Kind, um das sie sich kümmern, auch immer Teil einer Familie ist. Wie Bronfenbrenner in seinem ökosystemischen Ansatz aufzeigt, wirken sich Veränderungen in der Familiendynamik auf das Erlebnis des Kindes und damit seine Entwicklung aus.

Soziale und kulturelle Wahrnehmung

Individuelle Erfahrungen werden oft davon beeinflusst, wie Menschen im Umfeld der Person auf sie reagieren – die Gesellschaft oder das Makrosystem, wie Bronfenbrenner es nennt. Viele Eltern, mit denen ich gearbeitet habe, fanden es schwieriger, mit den Reaktionen ihres erweiterten Familienkreises und der Gesellschaft im Allgemeinen umzugehen, als mit dem Autismus ihres Kindes an sich. Autismus hat in der Gesellschaft in den letzten Jahren dank Medienpräsenz stark an Bekanntheit zugenommen. Während fast jeder das Wort Autismus schon einmal gehört hat, gibt es jedoch noch immer große Unterschiede, was das adäquate Verständnis für diese Entwicklungsstörung angeht. Zudem lassen sich die Menschen von Stereotypen beeinflussen, die sie in den Medien präsentiert bekommen. Einige Eltern erzählten mir, dass Menschen in ihrem Umfeld sich nicht davon abbringen ließen zu glauben, dass das autistische Kind lediglich frech wäre. Andere berichteten von Leuten, die enttäuscht reagierten, weil das Kind keine außergewöhnlichen Fähigkeiten hatte, wie sie es aus dem Fernsehen oder Büchern gewohnt waren.

Unsere Wahrnehmung individuellen Verhaltens wird auch dadurch beeinflusst, was wir als Gesellschaft als wichtig ansehen. Die meisten europäischen Länder werden immer multikultureller, was bedeutet, dass Eltern aus verschiedenen Kulturkreisen Autismus unterschiedlich wahrnehmen und andere Erwartungen bezüglich der gewünschten Unterstützungsoptionen haben. Während es für eine/n Lehrer/in zum Beispiel wichtig sein mag, dass ein Kind sich auf eine Aufgabe konzentrieren kann oder sein fantasievolles Spielen weiterentwickelt, priorisiert die Familie unter Umständen die Fähigkeit des Kindes, an religiösen oder sozialen Treffen teilzunehmen oder seine schulischen Leistungen zu verbessern. Solch unterschiedliche Prioritäten kann die Zusammenarbeit von Eltern und Fachpersonal erschweren.

Wie bekannt Autismus in der Bevölkerung ist, hängt zudem oftmals von den Gesellschaftsschichten ab. Dies kann dazu führen, dass es für einige Eltern sehr viel schwieriger ist, den Menschen in ihrer Umgebung die Autismus-Diagnose ihres Kindes zu erklären. Unter Umständen ist auch die Fachliteratur in bestimmten Sprachen begrenzt, was den Zugang zu den neuesten Studien erschwert. Es verwundert daher nicht, dass meine Arbeit und Studien gezeigt haben, wie sehr auch kulturelle Faktoren die Akzeptanz einer Diagnose beeinflussen. Das Zurverfügungstellen von Information und relevanten Leistungen spielt eine große Rolle dabei, fachliche Anlaufstellen und unsere Gesellschaft im Allgemeinen im Sinne der Inklusion zu gestalten. Wie ich zu Beginn dieses Blogbeitrags bereits erwähnt habe, empfindet jede Familie das Leben mit einem autistischen Kind auf ihre individuelle Weise. Daher ist es wichtig, neben den grundsätzlichen Aspekten, die es bei der Betreuung zu beachten gilt, immer zuvorderst die Familie als Quelle relevanter Information zu sehen. Sie teilen uns ihre Ängste, Herausforderungen und Prioritäten mit – hören Sie ihr einfach zu.

(Übersetzerin: Julia Welling)

 

Perepa_Prithvi  Über den Autor

Dr. Prithvi Perepa ist Dozent an der Universität in Northampton. Seit über 20 Jahren arbeitet und forscht er auf dem Gebiet des Autismus. Weitere Informationen zum Autor erhalten Sie hier.

Perepa-AutismusKleinkindalter_VAR1.qxp_Cover-Vorschau  Im Junfermann Verlag erscheint in Kürze sein Buch Autismus im Kleinkindalter. Professionelle Helfer und auch Angehörige finden hier wichtiges Hintergrundwissen und Übungen, um autistische Kinder in ihrer Entwicklung zu fördern – empathisch und fundiert dargestellt.

Danke, jetzt nicht!

Sei dein eigener Changeman

Von Horst Lempart

Sie sitzen an Ihrem Schreibtisch und ziehen Bilanz. Währenddessen scheint draußen das Leben an Ihnen vorbeizuziehen. Sie versuchen innezuhalten und sich auf den Augenblick zu besinnen. Gleichzeitig werden Sie mit unzähligen Ablenkungen konfrontiert: „Leben ist das, was an dir vorbeizieht, während du Pläne schmiedest“ habe ich neulich auf einem Plakat gelesen. Der Strom des Lebens steht nie still. Wer nicht mitschwimmt oder sich von ihm mitreißen lässt, der bleibt wie ein vertäutes Schiff am Ufer zurück. Ohne seine Bestimmung zu finden, blättert mit der Zeit der Lack ab.

„Change“ ist das Schlagwort unserer Zeit. Veränderung ist alles. Ohne Veränderung ist alles nichts. Wer nicht mit der Zeit geht, der geht mit der Zeit. Höher, weiter, schneller, unsere Leistung wird an Superlativen gemessen. Heute reicht es eben nicht mehr, ein Star oder Sternchen zu sein. Heute gehört nur Superstars die Zukunft.

Die Produktlebenszyklen werden immer kürzer. Auch kleinste Produktvariationen kommen in immer kürzeren Abständen auf den Markt. Manchmal frage ich mich, worin denn nun überhaupt die entscheidende Verbesserung liegt.

Veränderungsprozesse in Unternehmen sind die Regel, nicht mehr die Ausnahme. Mitarbeiter sind aufgefordert, durch Gesundheitsberatungen, Stress- und Resilienztrainings ihr psychisches Immunsystem zu stärken. Man könnte auch von einem betrieblichen Gesundheits-Changemanagement sprechen. So können Mitarbeiter den Veränderungsforderungen kraftvoller nachkommen.

Durch virtuelle Netzwerke rückt die Welt immer näher zusammen. Mit Internet und Mobilfunk sind wir heute im entlegensten Winkel der Welt erreichbar. Wer sich nicht auf die modernen Kommunikationsmedien einlässt, der scheint den Anschluss an die Gesellschaft zu verlieren.

Unter diesen Gesichtspunkten stelle ich mir die Frage: Wie frei sind wir überhaupt, um über unsere eigene Veränderung zu entscheiden? Neurowissenschaftler gehen einer ganz ähnlichen Frage nach: Wie frei ist unser Wille? Trifft unser Unterbewusstsein unsere Entscheidungen? Als systemischer Coach interessiere ich mich besonders für den Aspekt: Inwieweit ermöglicht uns unsere (System-)Umwelt überhaupt die Entscheidung? Und welche Rolle spiele ich als einzelne Person hierbei? Ich bewege mich hier im Feld der Sozial- und Persönlichkeitspsychologie.

Ein zentrales Bedürfnis des Menschen ist die Zugehörigkeit. Es mag heute nicht mehr überlebenswichtig sein, zu einer Gemeinschaft zu gehören. Aber die Sehnsucht, dabei zu sein, sich angenommen zu fühlen, sich mitzuteilen, Teil eines größeren Ganzen zu sein, ist nach wie vor in uns Menschen tief verwurzelt. Nie war das Angebot an „analogen“ und virtuellen Gruppen größer als heute. „Unter seinesgleichen“ zu sein scheint vielleicht dann umso verlockender, wenn man sich als eigene Persönlichkeit gar nicht mehr richtig erkennt oder wahrnimmt. Dann kann die Gemeinschaft ein Stück Identität zurückverleihen.

Das mag ketzerisch klingen. Soll es auch. Ich bin der Meinung, dass viele Anpassungsforderungen unter dem Deckmäntelchen des „Change“ daherkommen. „Change dich so, dass es für uns passt, dann passt das schon.“ Wir sollen passen: In die Organisation, in den Markt, in das politische System, in die Peergruppe. Selbst Familie und Partnerschaft scheinen in vielen Fällen heute die „Passung“ als übergeordnetes Ziel zu definieren. Verändern wir uns, um zu passen? Ist Change die ökonomische Form einer gesellschaftlich längst akzeptierten Gleichmacherei?

Ich möchte Sie dazu animieren, auch die Phasen des „Stillstandes“ als Wert zu entdecken. Ich meine damit ausdrücklich nicht die Erholungszeiten im Urlaub, das Besinnungswochenende im Kloster oder das autogene Training nach Feierabend. Ich meine auch nicht die Fünf-Minuten-to-go-Mediation. All diese Maßnahmen verfolgen in der Regel das gleiche Ziel: Uns ausreichend gut vorzubereiten für den nächsten Wandel. Als Phase des Nicht-Wandels meine ich die ganz bewusste Entscheidung, die Dinge zu lassen, wie sie sind. Sich auf das zu besinnen, was ist. Vielleicht ganz einfach zufrieden und dankbar dafür zu sein. „Nein“ sagen zu können und zu betonen: „Danke, jetzt nicht“ oder „Das passt nicht zu mir“.

In meinem Buch Das habe ich alles schon probiert gehe ich auf den großen Wert der Dauerhaftigkeit ein. Die Dauer scheint in unserer schnelllebigen, getriebenen Gesellschaft keine große Lobby mehr zu haben. Dabei kann es wichtig, manchmal sogar äußerst vorteilhaft sein, alles zu lassen, wie es ist. Sie kennen das, wenn die Zeit nicht reif ist. Oder wenn die Lösung schlimmer ist als das Problem. Oder wenn die Vorteile des Status quo bei genauerer Betrachtung doch größer sind als die Nachteile.

Es gibt eine ganze Anzahl von Gründen, warum sich Menschen mit Veränderungen schwertun. Sieben davon habe ich in meinem Buch vorgestellt. Diese „Ketten“, die zur Nicht-Veränderung zum „Un-Change“ führen, erfüllen wiederum einen Sinn. Und genau darum geht es im Kern: Veränderung muss für den einzelnen Menschen einen Sinn machen, er muss den Wandel als sinnvoll erleben. Change without sense is Nonsens.

Die große Psychoanalytikerin Ruth Cohn formulierte für ihre Themenzentrierte Interaktion (ein Arbeitsmodell für Gruppen mit dem Ziel der persönlichen Entwicklung) die Grundhaltung: Sei dein eigener Chairman. Damit ist die Aufforderung verbunden, sich selbst, andere und die Umwelt in den Möglichkeiten und Grenzen wahrzunehmen und jede Situation als ein Angebot für die eigene Entscheidung anzusehen.

Wie wäre es also mit: Sei dein eigener Changeman!

Wenn es für Sie griffiger ist: Werden Sie Ihr eigener Changemanager.

Es gehört manchmal eine größere Portion Mut dazu, „Mache ich nicht mit“ zu sagen, als sich gleich zu „changen“. Fragen Sie sich auch durchaus: Wer hat das größte Interesse an Ihrer Veränderung? Sie selber oder irgendjemand anderes?

Vielleicht ist Ihre Entscheidung, beim nächsten Change einfach mal „Nein“ zu sagen, eine ganz neue Erfahrung für Sie. Dann werden Sie merken, dass auch in dieser neuen Erfahrung der Zauber der Veränderung liegen kann, in Ihrer Veränderung.

 

P1010527  Über den Autor

Horst Lempart ist Coach, psychologischer Berater und NLP-Master. Sein Lieblingstitel ist aber „Persönlichkeitsstörer“. Er lebt und arbeitet in eigener Praxis in Koblenz. 2015 stieß sein Buch Ich habe es doch nur gut gemeint, in dem die narzisstische Kränkung in Coaching und Beratung thematisiert wird, auf großes Interesse. Am 22. Juli erscheint sein neues Buch: Das habe ich alles schon probiert. Warum wir uns mit Veränderung so schwertun. 7 Chains to Change.

 

In der Kürze liegt die Würze?!

Wie lang ist kurz?

Von Ruth Urban

Wie lang ist die richtige Länge für einen Blog-Artikel? Kurz.

Das ist meine erste, zugegeben pauschale Antwort. In einem Gespräch mit Tanja [Klein] und zwei bloggenden Kunden kamen wir auf folgende, einfache Aufteilung:

– Sie wollen einen Impuls geben, eine Idee anreißen?

Ihr Blog-Artikel muss pointiert sein. Neugierde auf ein Thema, Lust zur Beschäftigung damit und einen wirklichen Anstoß erreichen Sie mit Blog-Artikeln, die wirklich kurz sind, nicht länger als eine halbe DIN-A4-Seite.

– Sie möchten einen Tipp weitergeben?

Wenn Sie Nutzen stiften oder ein Buch, einen Artikel empfehlen wollen, dann sind Sie „expertiger“ unterwegs und Ihr Beitrag kann etwa eine Dreiviertelseite lang sein.

Sie können eine spannende Geschichte erzählen oder können einen großen Mehrwert für Ihre Leser stiften?

Dann können Sie – gut strukturiert – die Länge einer ganze DIN-A4-Seite nutzen.

Dieses grobe Raster ist nur eine Richtschnur! Doch Sie haben sicher auch schon beobachtet, dass wir uns bei Artikeln von Experten „automatisch“ mehr Zeit nehmen. Wenn lustige oder unwichtige Informationen so sperrig verpackt wären wie manches Wissenswerte, würden wir uns das nicht antun. Bei diesen Inhalten muss die Pointe sehr schnell erfolgen, sonst sind wir – weg. Bei einem Fachartikel haben wir mehr Durchhaltevermögen und unser Gehirn „kalkuliert“ das schon vor Lesestart mit ein. Großartig trotzdem, dass es den Besten auch dort gelingt, die Inhalte kurzweilig aufzubereiten! Denn auch Sie wissen: In der Kürze liegt die Würze.

Ich ergänze: Zumindest online. Und ach, dieser Artikel ist eine Dreiviertelseite lang. Sowas… 🙂

 

(Erstmals publiziert am 23. Februar 2016 unter www.coachyourmarketing.com)

Urban_Klein_2015 Über die Autorinnen:

Ruth Urban ist Expertin für authentisches Marketing & Direktmarketing. Sie arbeitet als Werbetexterin, und gemeinsam mit ihrer Kollegin Tanja Klein unterstützt sie mit ihren Seminaren und Texten Freiberufler dabei, authentisch für sich zu werben.

Tanja Klein arbeitet als systemischer Coach (DCV) in Bonn.

Nach Coach, your Marketing (2012) erscheint am 24. Juni das aktuelle Buch der beiden Autorinnen: Erfolg durch Positionierung.

Das eigene Buch ist wie eine vergoldete Visitenkarte

Ein Highlight auf unserem Autorentag im April war sicherlich der Austausch mit Jennifer B. Kahnweiler, US-amerikanische Autorin von Die Stärken der Stillen und Geniale Gegensätze, und Johanna Vondeling, Vizepräsidentin des Berrett-Koehler Verlags, wo die Bücher im Original erschienen sind. Sympathisch, witzig und erfrischend ehrlich erzählte Jennifer Kahnweiler von den Irrungen und Wirrungen als angehende Autorin und den wertvollen Erfahrungen, die sie auf dem Weg zum „alten Hasen“ gemacht hat. Ihr Plädoyer für das Entkräften bestimmter Mythen, die sich in Bezug auf das Buchmarketing hartnäckig halten, finden Sie hier noch einmal zum Nachlesen.    

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Die Sieben Mythen des Buchmarketings

Von Jennifer B. Kahnweiler

Im Jahre 2011 erhielt ich eine E-Mail von Richard Ruiz, Leiter des Leadership-Programms an der Universität von Asunción in Paraguay. Er hatte mich in einem YouTube-Video über mein Buch The Introverted Leader sprechen hören und wollte mich aufgrund dessen in sein Land einladen, um dort einen Vortrag zum Thema introvertierte Führungskräfte zu halten.

Ich musste zunächst einmal nachschauen, wo Paraguay eigentlich genau liegt! Auf diese Weise begann jedoch meine Reise nach Südamerika. Meine Rede bei der Abschlussfeier der Universität, das Seminar, das ich vor Führungskräfte hielt, und der Besuch einer Schule waren Erlebnisse, die ich mir niemals hätte träumen lassen, als ich an meinem ersten Buch arbeitete.

Seither habe ich das Vergnügen gehabt, von meiner Heimat in Atlanta im US-Bundesstaat Georgia aus in Länder wie Deutschland, die Niederlande, Spanien, Vietnam, Singapur, Australien und Kanada zu reisen, um Vorträge über introvertierte und extrovertierte Menschen am Arbeitsplatz zu halten. Während ich meine Bücher schrieb, hegte ich immer auch die Hoffnung, damit viele Menschen auf der ganzen Welt anzusprechen. Das Reisen hat mein Leben für immer verändert, und ich hoffe, dass auch ich einen Einfluss auf die Menschen hatte, die ich dabei getroffen habe.

Um auf der ganzen Welt Vorträge halten zu können, musste ich lernen, wie sich Bücher verkaufen. Glücklicherweise besaß ich bereits einiges an Wissen, auf das ich aufbauen konnte. Ich verstand immer mehr den Wert und Nutzen von Marketing und PR, während ich mich über die Jahre als Coach und Ausbilder selbstständig machte. Marketingerfahrung kann ebenfalls gute Dienste leisten, um ein Buch erfolgreich zu vermarkten.

Hier sind sieben Mythen über das Vermarkten von Büchern und Vorschläge, wie diese ausgeräumt werden könnten.

Mythos Nr. 1: Beginnen Sie mit dem Vermarkten, wenn das Buch veröffentlicht wird.

Sie sollten ihr Buch bereits vermarkten, während Sie es schreiben. Warum? Die Leser werden schon lange vor der eigentlichen Veröffentlichung mit Interesse reagieren. Um dies zu erreichen, sollten Sie sich bei der Recherche mit Umfragen an Ihr Umfeld wenden und um Interviews und persönliche Berichte bitten.

Sie können zudem Auszüge aus Ihrem Manuskript als Blog-Artikel veröffentlichen, um damit Interesse bei Lesern zu wecken. Soziale Medien können sich als sehr hilfreich erweisen, indem in ihnen Inhalte geteilt werden und Ihr Buch erwähnt wird (mehr hierzu später). Nutzen Sie bei Vorträgen und Workshops die Gelegenheit Ideen zu präsentieren, um herauszufinden, welche Themen das Publikum am meisten interessieren. Mein Verlag Berrett-Koehler verwendet Meinungsumfragen bei der Wahl seiner Buchtitel und bei der Umschlaggestaltung.

Zu guter Letzt sollten Sie Ihre Beziehungen und Ihr Netzwerk gezielt nutzen. Informieren Sie diese Menschen regelmäßig über Ihren Fortschritt und teilen Sie ihnen mit, wie sie Ihr Buch bekanntmachen können. Sie könnten Ihren Fans zum Beispiel vorgefertigte Facebook- und Twitterbeiträge zukommen lassen, um es ihnen so einfach wie möglich zu machen. Wenn Ihr Buch dann endlich veröffentlicht wird, werden die Leser bereits gespannt darauf warten und es anderen empfehlen!

Mythos Nr. 2: Andere Autoren als Konkurrenten ansehen.

Seien wir einmal ehrlich: Andere Autoren schreiben über die gleichen Themen wie wir, weshalb es ganz natürlich ist, dass wir sie als Konkurrenten ansehen. Doch anstatt dies als ein Rennen anzusehen, in dem Sie zu gewinnen versuchen, sollte Sie die Situation als einen Staffellauf betrachten, bei dem alle dabei helfen, die Ziellinie zu erreichen. Auf diese Weise werden auch alle von Ihnen viele Bücher verkaufen. Stellen Sie sich also die Frage, wie Sie zusammenarbeiten können. Mit dieser Einstellung werden Ihre Konkurrenten zu Ihren besten Verbündeten.

Ein Kollege erzählte mir von Susan Cain, die ein Buch über Introvertiertheit schrieb – Still, ein Bestseller –, und stellte uns einander vor. Wir hatten mehrere produktive Diskussionen, und Susan schrieb eine Empfehlung für mein Buch Die Stärken den Stillen und bot mir an, zu ihrem Blog beizutragen. Im Gegenzug werbe ich in sozialen Medien für ihre Arbeit. Wir hatten beide verstanden, dass unsere Bücher einander auf unterschiedliche Weise unterstützten, und genießen die Vorteile, die diese Tatsache für unsere Medienpräsenz, Verkaufszahlen und beruflichen Möglichkeiten hat. Es handelte sich hierbei eindeutig um eine Win-win-Situation, von der wir gleichermaßen profitierten. Verhalten Sie sich ebenfalls auf diese Weise, sodass Ihre Leser Sie als einen Menschen sehen, dem das Thema wichtiger ist als die Selbstdarstellung und der eigene Vorteil.

Mythos Nr. 3: Eine Internetseite existiert, um zu zeigen, was Sie zu bieten haben.

Ihre Internetseite dient dazu, Ihre Glaubwürdigkeit zu stärken, und ist nicht bloß eine Werbebroschüre. Sie können dort zum einen Auszüge aus Ihrem Buch veröffentlichen, sie zum andere aber auch zum Ausbau Ihres Netzwerkes und Ihrer Adressenliste nutzen.

Ihre Internetseite dient als Anlaufstelle für alte und neue Kunden sowie die Presse. Daher sollten alle Inhalte schnell und einfach zu finden sein. Ihr Internetauftritt sollte zudem dynamisch sein und Ihre „Marke“ repräsentieren. Soweit es Ihnen finanziell möglich ist, empfehle ich Ihnen, in gutes Webdesign zu investieren.

Sie sollten Ihren Blog auf Ihrer Internetseite hosten, damit deren Inhalt sich ständig erneuert und für Ihre Leser relevant bleibt. Daher sollte Ihr Blog mindestens einmal die Woche aktualisiert werden, wodurch Ihre Internetseite zusätzlich auf Suchmaschinen höher rangiert.

Mythos Nr. 4: Soziale Medien und PR sind Zeit- und Geldverschwendung.

Dies kann zutreffend sein, wenn Sie nicht das nötige Wissen besitzen.

Soziale Medien sind ein entscheidender Teil Ihrer Buchmarketingstrategie. Neuesten Untersuchungen[1] zufolge lesen 89 Prozent aller Journalisten Blogs, wenn sie für Artikel recherchieren. 65 Prozent von ihnen suchen soziale Medien auf und 52 Prozent verwenden Twitter. Veröffentlichen Sie daher eigene Inhalte im Netz und teilen Sie die Beiträge anderer (dies ist sehr wichtig, um Follower und Fans zu sammeln). Informieren Sie sich darüber, welche Dienste Ihre Zielgruppe bevorzugt und konzentrieren Sie sich auf diese.

Viele Autoren stellen PR-Spezialisten ein, um sich bei der Vermarktung eines Buches helfen zu lassen, müssen aber enttäuscht feststellen, dass dies ihr Buch nicht automatisch zu einem Bestseller macht. In Wahrheit haben nur wenige das Geheimnis um das Hervorbringen eines Bestsellers gelüftet, doch gute PR erhöht definitiv die Wahrscheinlich, dass Ihr Buch sichtbar wird.

Arbeiten Sie mit PR-Beratern zusammen, um die besten Medienziele zu identifizieren und eine Strategie zu entwickeln, um Ihr Buch bekannt zu machen. Bitten Sie Ihre Berater um regelmäßige Rückmeldungen, um sicherzustellen, dass sie ihr Geld wert sind. Behalten Sie auch immer im Hinterkopf, dass Journalisten Ihnen beim Verkauf Ihres Buches behilflich sein können. Bereiten Sie sich daher auf Interviews gut vor und liefern Sie Inhalte von guter Qualität. Die Presse wird auch zu einem späteren Zeitpunkt auf Sie zurückkommen und Sie um Zitate bitten, was den Titel Ihres Buches auch lange nach dem Veröffentlichungsdatum noch in die Medien bringt.

Mythos Nr. 5: Mit Gratisvorträgen verkauft man keine Bücher.

Durch das Halten von Gratisvorträgen schaffen Sie sich nicht nur eine Plattform und werden sichtbar, Sie lernen auch, über Ihr Buch zu reden. Dies gibt Ihnen die Möglichkeit, Ihr Buch zu vermarkten. Seien Sie für jede Gelegenheit, das Sprechen vor fremden Menschen zu üben, offen. Hierdurch können Sie sich nur verbessern und werden zu einem gefragten Redner.

Wenn Sie Vorträge zu Ihrem Buch halten, werden Sie herausfinden, welche Bereiche die Leser am meisten interessieren, sodass Sie diese in Zukunft verstärkt ansprechen können. Versuchen Sie immer auch, Ihr Buch bei diesen Veranstaltungen zu verkaufen. Buchclubs, Interessenorganisationen, Vereine etc. nehmen die Möglichkeit, einen Autor zu einer Lesung einladen zu können, oft sehr gerne wahr. Seien Sie daher kreativ, wenn es darum geht, Ihre Zielgruppe zu identifizieren.

Mythos Nr. 6: Durch das Verschenken von Büchern verkauft man keine Bücher.

Der Ausdruck „Quid pro quo“ bedeutet wörtlich übersetzt „etwas für etwas“, d. h. eine Gegenleistung. Menschen fühlen sich dazu verpflichtet zurückzugeben, wenn sie etwas erhalten haben. Wenn Sie einem Leser, der an Ihrem Buch interessiert ist, ein signiertes Gratisexemplar schenken, wird diese Person anderen mit größter Wahrscheinlichkeit von Ihrem Buch erzählen. Dies nennt man „pass along sales“, was so etwas wie eine Verkaufskette darstellt. Sie könnten die Person auch darum bitten, eine Rezension auf Amazon zu schreiben, wenn ihr das Buch gefallen hat. Dies wirkt sich überaus positiv auf den Ranglistenplatz Ihres Buches aus. Zudem sollten Sie niemals den Wiedererkennungseffekt Ihres Buchumschlags unterschätzen, der dadurch entsteht, dass das verschenkte Buch in einem Café oder Flugzeug gelesen und somit auch gesehen wird.

Mythos Nr. 7: Mit Büchern verdient man kein Geld.

Mit dem Geld aus Ihren Tantiemen können Sie vielleicht nett essen gehen, doch die Raten für Ihr Haus lassen sich damit nicht bezahlen. Machen Sie Ihr Buch jedoch zu einem Teil Ihres „Unternehmens“, haben Sie ausgezeichnete Chancen, sich Aufträge zu sichern und langanhaltende Kundenbeziehungen aufzubauen. Es wird sich oft an Autoren gewandt, wenn Kunden auf der Suche nach einem Coach, Ausbilder oder Redner sind. Ihr Buch macht Sie glaubwürdig und dient als Beweis für Ihre Fachkompetenz. Viele Autoren stellten mit Überraschung fest, dass das eigene Buch Ihnen viele Türen öffnete. Johanna Vondeling, Vizepräsidentin des Berrett-Koehler Verlags, nennt es deshalb auch die „vergoldete Visitenkarte“.

Daher kann ich nur sagen: Herzlichen Glückwunsch! Sie haben das erreicht, wovon Millionen von Menschen nur träumen können. Sie haben ein Buch veröffentlicht, auf das Sie stolz sein können, und Sie haben dabei einen großartigen Verlag an Ihrer Seite (Stephan[2] hat mich nicht dafür bezahlt, dies zu sagen!).

Ich habe eine unvergessliche Woche in Deutschland verbracht – eine Reise, die ich mir niemals hätte erträumen können, als ich mein erstes Buch schrieb. Nun ist es an der Zeit, dass Sie die Früchte IHRER Arbeit ernten und IHR Buch das Leben anderer verändert. Stellen Sie die Marketing-Mythen noch heute in Frage und schlagen Sie damit einen Weg ein, der Sie zu ungeahnten Resultaten führen wird.

(Übersetzerin: Julia Welling)

[1] Cave Henricks, B. & Shelton, R. (2016): Mastering the New Media Landscape. Berrett-Koehler, S. 58.

[2] Dr. Stephan Dietrich, Verlagsleiter von Junfermann.

 

Jennifer with Scarf  Über die Autorin

Jennifer B. Kahnweiler, Ph. D., ist Coach und Beraterin verschiedenster Großunternehmen, in denen sie Einzel- und Gruppencoaching anbietet und sich speziell auf die effektive Zusammenarbeit von intro- und extrovertierten Mitarbeitern konzentriert. Weitere Informationen zu der Autorin finden Sie hier.

Psychische Verletzungen behandeln und emotionale Widerstandsfähigkeit verbessern

Die sieben Angewohnheiten emotional gesunder Menschen

Von Guy Winch

Die meisten von uns achten sehr auf ihre Gesundheit und behandeln Angriffe auf ihr körperliches Wohlergehen unverzüglich. Wir ziehen uns warm an, wenn wir eine Erkältung vermuten, behandeln Kratzer und Wunden mit antibakterieller Salbe und Pflastern, und wir halten uns von Wundschorf fern, damit Verletzungen in Ruhe heilen können. Obwohl wir uns psychische Wunden genauso oft zuziehen wie körperliche, sind wir in dieser Hinsicht deutlich weniger proaktiv. Wir schützen unser psychisches Wohlergehen in geringerem Maße als unser körperliches. Indem Sie sich die folgenden sieben Angewohnheiten aneignen und häufig auftretende psychische Verletzungen sofort „behandeln“, unterstützen Sie Ihre mentale Gesundheit und verbessern Ihre emotionale Widerstandsfähigkeit.

  1. Nach einer Niederlage die Kontrolle zurückgewinnen: Niederlagen verzerren unsere Wahrnehmung, was dazu führt, dass unsere Ziele außer Reichweite und unsere Fähigkeiten unzulänglich erscheinen. Wenn wir das Gefühl haben, unseren Erfolg kaum beeinflussen zu können, verlieren wir unsere Motivation. Gewöhnen Sie sich an, diese automatische irreführende Reaktion zu ignorieren, und machen Sie stattdessen eine Liste mit all den Faktoren, die Sie auf dem Weg zu Ihrem Ziel kontrollieren können (z. B. Arbeitseinsatz, Vorbereitung, Planung, verschiedene Herangehensweisen, die Sie hätten wählen können, usw.). Denken Sie dann darüber nach, wie Sie jeden dieser Faktoren verbessern können. Auf diese Weise beugen Sie nicht nur negativen Sinnestäuschungen vor, sondern erhöhen außerdem Ihre Chancen auf zukünftigen Erfolg.
  2. Den Sinn in Verlust und Trauma sehen: Menschen, die sich von Verlust oder Trauma emotional nicht unterkriegen lassen und erfolgreich weiterleben, unterscheiden sich in einem wesentlichen Aspekt von anderen: Sie sind in der Lage, ihrer Erfahrung einen Sinn abzugewinnen. Dieser Prozess nimmt Zeit in Anspruch, genauso wie das Trauern und das sich Anpassen an eine neue Realität. Sie werden Ihr Leben und die Menschen darin jedoch neu zu schätzen lernen, wenn Sie sich daran gewöhnen, nicht nur das Verlorene zu sehen, sondern auch zu erkennen, was Sie gewonnen haben. Sie werden wichtige Entscheidungen treffen und Wert, Sinn und Bedeutung finden können, wo Ihnen dies zuvor unmöglich erschien.
  3. Den Drang zu grübeln unterdrücken: Wenn wir über beunruhigende Ereignisse grübeln, gewinnen wir selten Einsicht in diese. Stattdessen spulen wir in unserem Kopf beunruhigende oder ärgerliche Szenarien immer wieder ab, was unseren Drang zu grübeln nur noch verstärkt. Dadurch fühlen wir uns schlechter. Gewöhnen Sie sich daran, den Teufelskreis des Grübelns sofort zu unterbrechen – wie verlockend er auch erscheinen mag. Dies gelingt am besten, indem Sie sich mit einer Tätigkeit ablenken, die Ihre volle Konzentration in Anspruch nimmt – z. B. mit einer Runde Sudoku, indem Sie versuchen, sich an die genaue Reihenfolge aller S-Bahn-Stationen auf Ihrem Heimweg zu erinnern, oder eine fesselnde TV-Sendung anschauen.
  4. Selbstwertgefühl stärken: Unser Selbstwertgefühl schwankt für gewöhnlich, was dazu führt, dass wir uns an einigen Tagen besser als an anderen fühlen. Viele Menschen sind jedoch sehr selbstkritisch, wenn sie sich schlecht fühlen, d. h., sie greifen ihr eigenes Selbstwertgefühl an, obwohl es bereits am Boden liegt. Um Ihre psychische Gesundheit zu verbessern, sollten Sie Ihr Selbstwertgefühl als „emotionales Immunsystem“ betrachten, das es zu stärken gilt, wenn es angeschlagen ist. Der beste Weg, ein verletztes Selbstwertgefühl zu „heilen“, besteht darin, Mitgefühl mit sich selbst zu haben. Wenn Sie also einmal wieder selbstkritische Gedanken hegen, überlegen Sie sich, was Sie in einer ähnlichen Situation zu einem guten Freund sagen würden. Schreiben Sie eine E-Mail, in der Sie Mitgefühl und Unterstützung ausdrücken. Lesen Sie diese E-Mail dann, als hätte jemand anders sie Ihnen geschickt.
  5. Das Selbstwertgefühl nach Zurückweisung stärken: Zurückweisungen sind so schmerzhaft, dass wir die Schuld oft bei uns selbst suchen, um unsere emotionalen Schmerzen zu verstehen. Wir glauben, dass wir sehr schwach/erbärmlich/ein Verlierer/wertlos/zerbrechlich/nicht liebenswert/… sein müssen, um uns so verletzt fühlen zu können. Zurückweisung schmerzt nicht deshalb, weil etwas mit uns nicht stimmt, sondern aufgrund der Funktionsweise unseres Gehirns. Die beste Möglichkeit, emotionalen Schmerz zu lindern und das Selbstwertgefühl wieder aufzubauen, besteht darin, eigene Aspekte und Qualitäten zu bestärken, die Sie wertschätzen (z. B. Loyalität, Mitgefühl, Kreativität oder eine gute Arbeitseinstellung). Legen Sie eine Liste solcher Eigenschaften an, wählen Sie ein oder zwei Aspekte aus und erklären Sie kurz schriftlich, warum Ihnen diese Qualitäten wichtig sind.
  6. Einsamkeit durch Identifizieren von selbstschadenden Verhaltensweisen bekämpfen: Chronische Einsamkeit tritt sehr viel häufiger auf, als wir annehmen, und hat katastrophale Auswirkungen auf unser emotionales und körperliches Wohlergehen. Wenn wir uns einsam fühlen, versuchen wir oft, das Risiko weiterer Zurückweisungen zu minimieren, indem wir uns unbewusst selbstschadend verhalten und die Möglichkeit sabotieren, neue Kontakte zu knüpfen und alte zu stärken. Der beste Weg Einsamkeit zu bekämpfen, besteht darin, sich anzugewöhnen, selbstschadende Verhaltensweisen zu identifizieren und herauszufordern. Legen Sie eine Liste der Ausreden an, mit denen Sie bisher vermieden haben, in sozialen Situationen die Initiative zu ergreifen (z. B. Ich kenne niemanden bei dem Fest, warum sollte ich also gehen? Die rufen mich nie an, warum sollte ich es dann bei ihnen versuchen? Sie sind wahrscheinlich zu beschäftigt, um sich mit mir zu treffen. Ich kann mich doch nicht einfach selbst einem Unbekannten bei einer Party vorstellen.). Listen Sie nun die Menschen auf, in deren Gesellschaft Sie sich in der Vergangenheit wohlgefühlt haben (durchsuchen Sie Telefon-, E-Mail- und Facebook-Kontakte), und nehmen Sie jeden Tag mit einer oder zwei Personen Kontakt auf, um sich zu verabreden. Wiederholen Sie dies, bis Ihr Kalender voll ist. Fordern Sie sich dazu heraus, nicht auf die Ausreden von Ihrer Liste zurückzugreifen, wenn Sie sich unwohl fühlen.
  7. Beschädigte Beziehungen reparieren, um überhöhte Schuldgefühle abzulegen: Überhöhte Schuldgefühle entstehen, wenn unsere Handlungen oder Untätigkeit eine andere Person (häufig eine enge Freundin oder einen nahen Verwandten) verletzt haben und diese Person uns dafür nicht vergeben hat. Dies ist hauptsächlich auf unzulängliche Entschuldigungen zurückzuführen und nicht auf die Unfähigkeit der anderen Person, ihren Schmerz zu verarbeiten. Die entscheidende Eigenschaft einer wirkungsvollen Entschuldigung – etwas, das wir häufig vergessen – ist Empathie. Um die Vergebung einer anderen Person zu erhalten, müssen Sie es sich zur Aufgabe machen, stets eine wirkungsvolle Entschuldigung vorzubringen, wenn Sie etwas falsch gemacht haben. Dabei ist es wichtig, der Person das Gefühl zu geben, dass Sie vollkommen verstehen, was sie empfindet und welche Auswirkungen Ihr Verhalten auf sie hatte. Durch den Ausdruck angemessener Empathie erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass Ihr Gegenüber Ihre Entschuldigung als aufrichtig empfindet und Ihnen wirklich vergibt. Ihre Schuldgefühle werden kurz darauf verschwinden.

(Übersetzt von Julia Welling)

Winch_Guy Über den Autor

Guy Winch, Ph.D., ist Psychotherapeut in eigener Praxis in New York und Mitglied der American Psychological Association. Von seinen Büchern ist „Emotionale Erste Hilfe“ das erfolgreichste. Es wurde in 20 Sprachen übersetzt.

(Die englische Version des Blogbeitrags ist hier zu finden.)

 

 

Der erste Coaching-Kalender bei Junfermann: Begleiter, Mutmacher und Ideenquelle

„Time flies!“ heißt es im Englischen, die Zeit vergeht wie im Fluge. Und das scheint für den Kalendermarkt im Besonderen zu gelten: Während wir noch nicht einmal 2016 zur Hälfte geschafft haben, sind die Kalender für 2017 schon fertig. Die gute Nachricht: Diesmal ist Junfermann mit von der Partie! Ab heute ist er nämlich im Handel erhältlich, unser erster Coaching-Kalender: Einfach ICH!

Im Interview erzählt uns die Autorin Iris Meier, was Selbstcoaching-Fans von dem Kalender erwarten können.   

 

Der Coaching-Kalender Einfach ICH! soll Menschen nicht nur als gewöhnliche Erinnerungshilfe durch das Jahr begleiten, sondern auch durch Übungen und Gedankenanstöße zu deren Entwicklung beitragen. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, solch einen Kalender selbst zu entwerfen?

Schon während der Ausbildung zum Coach kam mir die Idee, einen kleinen, praktischen Coaching-Ratgeber zu erstellen, weil die teilweise mit theoretischem Wissen zu prall gefüllten Lehrbücher eher demotivierend als inspirierend auf mich wirkten. So viel komprimiertes Wissen auf einmal: Nach drei Tagen waren die guten Vorsätze nach besserem Selbstmanagement vorbei.

Als ich meine Notizen vor einiger Zeit wiedergefunden habe, kam mir der Gedanke, ein Tagebuch in Form eines Coaching-Kalenders mit anregenden Texten und Bildern sowie dazu passenden, praktischen Übungen zu gestalten. Aus Erfahrung weiß ich, dass es manchmal nur einen kleinen Schubs braucht, um das Boot in Fahrt zu bringen oder die Richtung zu ändern. Um im Bild zu bleiben: Das „Logbuch“ soll ständiger Begleiter, Mutmacher, Klagemauer und Ideenquelle sein – für jeden Leser ganz nach den individuellen Bedürfnissen nutzbar. Auf dem persönlichen Lebensweg, Woche für Woche.

 

Die jeweiligen Coaching-Abschnitte sind einerseits nach Themen wie Beziehung, Gesundheit, Finanzen sortiert, andererseits richten sie sich nach den vier Jahreszeiten. Diese saisonale Schwerpunktsetzung ist im Bereich Coaching etwas Ungewöhnliches, oder? Was hat es damit auf sich?

Da es ja eine Agenda ist, führt der Coaching-Kalender die Leser durchs ganze Jahr, und viele Lebensthemen sind auch jahreszeitlich bestimmt. Denken wir an den Frühling, da steht wahrscheinlich das Thema Fitness und gesunde Ernährung bei vielen im Vordergrund. Im Sommer, der großen Urlaubszeit, werden Pläne für Ferien geschmiedet. Dazu habe ich kleine Selbstcoaching-Sequenzen geschrieben, die zum Nachdenken und Ausprobieren anregen.

 

Nach welchen Kriterien/mit welchen Absichten haben Sie die Übungen und Inhalte ausgewählt? Richten Sie sich damit an eine ganz bestimmte Zielgruppe, oder denken Sie, dass die Übungen für jeden geeignet sind?

Analog des Lebensrads stehen pro Quartal die folgenden sechs Lebensbereiche im Fokus: Geist & Seele, Körper & Gesundheit, Beziehungen, Beruf & Karriere, Finanzen und Erholung, Spaß & Freizeit. Die Idee ist, dass jeder Leser/jede Leserin in irgendeinem Abschnitt sein/ihr Thema und Denkanstöße dazu findet. Den eigenen Leitfaden, das eigene Drehbuch zu schreiben, gleichzeitig Regie zu führen und Hauptdarsteller zu sein, dabei zu lernen, sich selbst besser zu verstehen und persönliche Erfolge zu feiern und trotz Misserfolgen das Ziel nicht aus den Augen lassen: Darum geht’s bei diesem Coaching-Kalender. Er ist für alle Leser geeignet, die mehr von dem erhalten möchten, was ihnen wichtig ist, und bereit sind, einen Schritt mehr zu tun als bisher.

 

Was ist Ihrer Ansicht nach das Wichtigste für ein erfolgreiches Selbstcoaching?

Ein Selbstcoaching ist immer nur dann sinnvoll, wenn jemand sein Verhalten oder die Situation än­dern will und nach neuen Lösungen sucht, weil man z. B. nicht mehr mit seinen Werten im Einklang ist, seine Bedürfnisse nicht mehr erfüllt sind, die Konflikte nicht mehr auszuhalten sind oder man in einer Sackgasse gelandet ist. Gerade wenn wiederholte Problem-Lösungsversuche nicht funktionieren, lohnt es sich zu überlegen, ob man nicht etwas völlig anderes anpeilen sollte, vielleicht sogar etwas zunächst absurd Erscheinendes und aus der Luft Gegriffenes.

 

Eigentlich könnte man im Zeitalter von Smartphone, Tablet und Co. vermuten, dass der klassische Terminkalender antiquiert wirkt und bald ganz überflüssig wird. Der Markt zeigt aber den gegenteiligen Trend. „Analoge“ Kalender sind nach wie vor gefragt. Wie erklären Sie sich das?

Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Tasten – das sind die klassischen 5 Sinne des Menschen. Mit dem Gebrauch des Kalenders werden zwar nur „Sehen“ und „Tasten“ abgedeckt, doch gerade das haptische Erleben, wie am Papier riechen, die Agenda anfassen, blättern, die Bilder betrachten, bringt einem den Kalender näher, macht ihn persönlicher als eine elektronische Agenda. Die eigenen Überlegungen können so besser gebündelt werden, denn nichts bringt so viel Ordnung in die Gedanken wie das Schreiben von Hand. Das schwarze Notizbuch von Moleskine ist gerade wieder im Trend!

 

Sie sind Diplom-Graphologin und haben regelmäßig Veranstaltungen zum Thema Graphologie. Was sagt denn die Handschrift über einen Menschen aus? Kann man da generelle Aussagen treffen?

Als Graphologin und Coach stelle ich in Beratungsgesprächen immer wieder fest, dass die meisten Menschen ein ganz persönliches Verhältnis zu ihrer Handschrift haben, weil sie instinktiv spüren, dass die Schrift mit der eigenen Wesensstruktur im Zusammenhang steht. Tatsächlich spiegelt sie die Innenwelt (z. B. Intellekt, Gefühle, Belastbarkeit etc.) und kann helfen, das eigene Potenzial besser zu erkennen und für sich zu nutzen, aber auch unbekannte Schattenseiten ans Licht zu bringen, wenn man bereit ist, den Schleier ein wenig zu lüften. Ich bin selber oft erstaunt, wie viel schon ein paar von Hand geschriebene Zeilen über den Charakter verraten.

 

Was erhoffen Sie sich für die Leser, die den Kalender kaufen? Was möchten Sie ihnen mit auf den Weg geben?

Sich täglich, wenn auch nur fünf Minuten, in sich selber zurückziehen, auf sich selber besinnen. Was ist gut gelaufen? Was nicht? Weshalb? Was könnte ich verbessern? Wozu? Sich selber annehmen, so, wie man ist, ohne allzu große Selbstkritik. Nicht sinnlos kämpfen, sondern Geduld und Achtsamkeit üben. Erfolge feiern. Auch immer wieder neue Ziele setzen, mit kleinen Schritten beginnen und dabei das große Ganze nicht aus den Augen verlieren, sich nicht vor Veränderungen verschließen. Mutiger sein und nicht vergessen: Man lebt nur einmal!

 

Der zweite Kalender für 2018 ist ja bereits in Arbeit. Was wird inhaltlich anders sein im Vergleich zum Kalender 2017?

Auch im zweiten Kalender geht es darum, das eigene Wahrnehmungsfeld zu erweitern, Verständnis für andere Menschen und ihre Handlungsweisen zu entwickeln, Ressourcen zu nutzen und eigene Kräfte zu aktivieren, um sich selbst zu helfen, auf eigene Lösungen zu kommen und mehr Zufrieden­heit zu erlangen. Die Rahmenbedingungen sind gleich, die Inhalte sind neu, ein inspirierender Mix aus Wissen, praktischen Übungen für den Alltag und Fragen, die zum Nachdenken anregen.

 

Vielen Dank, Frau Meier!

 

MeierIris Über die Autorin:

Iris Meier, dipl. Graphologin VDG und dipl. Coach SCA/CAS, ist seit 2006 als schriftpsychologische Expertin und Coach in selbstständiger Position für Einzelpersonen in verschiedenen geschäftlichen und privaten Bereichen tätig. Sie bietet hauptsächlich Begleitung bei Standortbestimmung, Bewerbung, Laufbahn- und Karriereplanung an, hält Referate und bietet Sprechstunden zum Thema Graphologie an. Iris Meier ist verheiratet und wohnt in der Schweiz im Kanton Zug.

Weitere Informationen erhalten Sie hier.

 

Vertrauen Sie darauf, sich selbst helfen zu können

Ende Mai erscheint unser Spitzentitel Emotionale Erste Hilfe. Wie wir mit seelischen Verwundungen im Alltag umgehen können. Wie ein Medizinschränkchen mit Verbandszeug, Salben und Schmerzmitteln, die bei der Behandlung körperlicher Alltagsverletzungen zum Einsatz kommen, möchte dieses Buch eine Hausapotheke für die kleineren seelischen Verletzungen sein, mit denen wir im täglichen Leben konfrontiert sind.

Winch_Guy  Guy Winch, der Autor des Buches, ist Psychotherapeut in eigener Praxis in New York und sehr erfolgreich als Vortragsredner, u.a. für die Organisation TED. In einem Interview spricht er über die Idee zum Buch, über Psychohygiene und emotionale Widerstandsfähigkeit.

 

Die Grundidee Ihres Buches – „Wir können emotionale Wunden ebenso behandeln wie kleinere physische Verletzungen, wir müssen nur lernen wie“ – erscheint so einleuchtend, hilfreich und einfach, dass ich mich frage, warum niemand zuvor auf diese Idee gekommen ist. Woher nahmen Sie die Inspiration zu Ihrem Buch?

Die Patienten in meiner Privatpraxis verbrachten oft ganze Sitzungen damit, relativ unbedeutende Situationen zu besprechen, in denen sie zurückgewiesen wurden, Misserfolge erfahren oder andere emotionale Wunden erlitten hatten. Dabei wurde mir klar, dass sie ihre Gefühle völlig falsch verarbeiteten. Sie kritisierten sich selbst, vermieden gewisse Emotionen, zogen sich zurück oder fühlten sich hilflos. Da ich mich gewöhnlich auf dem neuesten Stand halte, was wissenschaftliche Studien angeht, wusste ich, dass Strategien existierten, mit deren Hilfe sie sich besser fühlen würden. Es verging jedoch eine ganze Weile, bevor ich ernsthaft in Betracht zog, ein Buch zu diesem Thema zu schreiben, da ich davon ausging, dass jemand anderes dies bereits getan hatte. Ich begann also nach einem solchen Buch zu suchen, konnte aber keines finden. Daraufhin schlug ich meiner Agentin die Idee vor, und auch sie war erstaunt, dass noch niemand daran gedacht hatte. Ich machte mich sofort an die Arbeit.

Emotionale Erste Hilfe befasst sich mit sieben alltäglichen Verletzungen und deren Heilung: Zurückweisung, Einsamkeit, Verlust/Trauma, Schuldgefühle, Grübeln, Niederlage und schwaches Selbstwertgefühl. Welche dieser Verletzungen ist Ihrer Meinung nach am schwierigsten zu heilen?

Ich beginne mein Buch mit dem Kapitel über Zurückweisung, da dies nicht nur die häufigste emotionale Verletzung darstellt, sondern auch die schmerzhafteste. Verlust und Trauma können selbstverständlich um einiges niederschmetternder sein als Zurückweisung, treten aber sehr viel seltener auf. In den Studien zu Zurückweisung, die ich in meinem Buch zitiere, fühlten die Teilnehmer auch dann noch den emotionalen Schmerz, nachdem sie herausgefunden hatten, dass die Verletzung nicht echt war – dass es sich lediglich um einen wissenschaftlichen Mitarbeiter handelte, der die Teilnehmer zurückzuweisen vorgab.

Welche Strategie schlagen Sie für die Behandlung von Zurückweisung vor?

Die Behandlung von Zurückweisung muss auf mehrere Weisen gleichzeitig angegangen werden: Es gilt, nicht nur das „Bluten“ zu stoppen, das durch selbstkritische Gedanken entsteht, sondern auch das Selbstwertgefühl neu aufzubauen und mit Menschen in Kontakt zu treten, die Sie wertschätzen, um das Gefühl dazuzugehören wiederherzustellen. Deshalb erschien es mir überaus wichtig, die genaue Art der mentalen Wunden darzustellen, die wir uns zuziehen, damit der Leser versteht, was er oder sie behandeln muss.

Ihr Buch enthält viele interessante und bewegende Fallbeispiele – vor allem die Geschichte von David, einem behinderten Studenten, der es schafft, seine lebenslange Isolation zu überwinden. Sind Sie der Meinung, dass die eine oder andere Behandlung aus Ihrem Buch immer funktioniert, oder sind Ihnen Menschen bekannt, denen es nicht gelang?

Ähnlich wie Schmerzmittel funktionieren auch die Behandlungsweisen aus meinem Buch nicht zuverlässig bei allen Menschen. Doch indem die Leser verschiedene Behandlungen ausprobieren und so herausfinden, was bei ihnen persönlich wirkt, können sie sich ihr eigenes, persönliches mentales Erste-Hilfe-Schränkchen oder Werkzeugkästchen zusammenstellen. Zudem bauen die Leser durch das Wiederholen der Techniken eine emotionale Widerstandsfähigkeit auf. Ein weiterer wichtiger Vorteil besteht darin, dass die Leser darauf vertrauen, sich selbst helfen zu können, wenn einmal etwas nicht gelingt – auch wenn es für eine Weile schmerzt.


 

Hier können Sie Guy Winch auf der Bühen bei einer TED-Veranstaltung sehen, wo er über Psychohygiene spricht:


 

Ich habe gehört, dass Ihr Buch in den USA großen Erfolg genossen hat. Welche Rückmeldungen haben Sie von Ihren amerikanischen Lesern erhalten? Haben ihnen Ihre Behandlungsvorschläge geholfen?

Ich erhalten jeden Tag einige E-Mails und Tweets von Menschen, denen das Buch geholfen hat. Die Rückmeldungen kommen jedoch aus der ganzen Welt, da es in 20 Sprachen übersetzt worden ist. Vor einigen Monaten sandte ich ein Gratisexemplar an eine Person, die mir aus einem Flüchtlingscamp geschrieben hatte. Er schickte mir ein Foto von dem Buch, als es angekommen war. Für mich bestätigt dies nur einmal wieder, wie universell Menschen Gefühle erleben – ungeachtet dessen, woher wir stammen, welcher Kultur oder Ethnie wir angehören oder welchen sozioökonomischen Status wir haben, teilen wir die gleichen emotionalen Reaktionen. In dieser Hinsicht sind wir alle gleich.

Welchen Einfluss auf den deutschsprachigen Raum erhoffen Sie sich von der Übersetzung Ihres Buches?

Ich habe viele E-Mails von Menschen erhalten, die um eine deutsche Übersetzung baten. Deshalb weiß ich, dass Bedarf besteht und die Leser sich darauf freuen. Ich hoffe, dass die deutsche Ausgabe eine breitere, wissenschaftlich fundierte Diskussion über Gefühle und den Umgang mit ihnen anregt. Wir tendieren dazu, zu glauben, dass alles, was unser Verstand uns mitteilt, richtig und wahr ist. Doch wie die Leser meines Buches feststellen werden, führt uns unser Verstand oft in die Irre. Wir müssen verstehen lernen, warum, wann und wie dies geschieht, damit wir nicht auf Weisen reagieren, die uns oder anderen schaden.

Ein sehr optimistischer Unterton durchzieht Emotionale Erste Hilfe – die Hoffnung, dass die Anwendung der von Ihnen propagierten psychohygienischen Praxis zu einem glücklicheren, zufriedeneren Leben führen kann. Sehen Sie Ihr Buch als einen großen Schritt auf dem Weg zu diesem Ziel?

Absolut. Das war das Ergebnis, das ich mir während des Schreibens erhoffte. Mein TED-Talk (siehe Video oben) hat ebenso zu diesem Ziel beigetragen, da er großen Erfolg hatte und im ersten Jahr mehr als drei Millionen Mal angeschaut wurde. Meiner Meinung nach ist das Priorisieren der psychischen Gesundheit, das Erlernen mentaler Hygiene, das Erreichen besseren emotionalen Wohlergehens und insbesondere die Weitergabe dieses Wissens an Kinder eines der wichtigsten Dinge, die die Menschheit auf der ganzen Welt verbreiten sollte.

Ihr Buch in seiner jetzigen Form wurde bereits im Jahre 2013 veröffentlicht. Wie ist es Ihnen in der Zwischenzeit ergangen? Planen Sie, ein zweites Buch zu schreiben, oder sind Sie der Ansicht, mit diesem alles Notwendige niedergeschrieben zu haben?

Ich arbeite an einem neuen Buch, das sich jedoch noch in einem sehr frühen Stadium befindet. Ich spreche sehr oft auf Konferenzen und schreibe regelmäßig Beiträge für psychologytoday.com. Zusätzlich arbeite in an einer App, die auf meinem Buch basiert und dieses Jahr herauskommen wird – wahrscheinlich auch auf Deutsch. Darüber hinaus stelle ich gerade ein Science-Fiction-Jugendbuch fertig, das eine Zukunft schildert, in der Wissenschaftler die Arbeitsweise unseres Gehirns vollkommen entschlüsselt haben und die Menschen daher emotional sehr viel höher entwickelt sind. Es geschehen also gerade sehr viele spannende Dinge in meinem Leben.

Vielen Dank!

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Das Interview führte Dr. Stephan Dietrich.

Übersetzerin: Julia Welling

Welttag des Buches 2016: Wir verschenken Lesefreude für mehr Lebensfreude

„Im Herbst 2013 begann sich in meinem Leben leise etwas zu verändern. Ich hatte, wie die meisten Menschen, bis dahin viel gearbeitet und gekämpft gegen die Umstände und meine zuweilen melancholischen Gedanken. Müdigkeit war zum allgegenwärtigen Normalzustand geworden. Täglich musste ich mich morgens aufraffen, um einigermaßen aufstehen zu können. Ich hatte einige Misserfolge zu meistern gehabt, rappelte mich wieder hoch, aber mein Leben fühlte sich oft mühsam an. Zwar gab es schon immer eine Fülle an Freude und Glück in meinem bisherigen Leben, und ich versuchte täglich, mich daran zu erfreuen. Doch Nachdenklichkeit begleitete mich wie Hintergrundmusik auf Schritt und Tritt.“

(c.) www.nachtart.de - DigitalstockMit diesen Worten beginnt Sabine Claus Buch „Mein allerbestes Jahr“. Allein der gewählte Titel lässt den Rückschluss zu, dass es für die Autorin nicht bei melancholischen und leicht resignierten Stimmung geblieben ist. Es gab einen Wendpunkt, der schließlich dazu führte, dass Sabine Claus eine andere Einstellung zu ihrem Leben fand: Sie begann, mit Dankbarkeit auf das zu fokussieren, was bereits gut war und sie hielt ihre Zukunftswünsche fest und machte damit schon den ersten Schritt in Richtung Realisierung.

Als Coach und Trainerin blieb sie nicht bei sich selbst stehen, sondern entwickelte ein Programm, das auch anderen Menschen ermöglicht, von ihren Erfahrungen zu partizipieren. Diese „Begleitung zur Wunscherfüllung“ gibt es in ihrem Buch „Mein allerbestes Jahr“, das Schritt für Schritt durch den Prozess leitet – und das für den Zeitraum von etwa einem Jahr.

Manchen Menschen fällt es möglicherweise schwer, mithilfe eines Selbstcoaching-Programms in (c) khz FOTOLIABuchform wirklich an einem Thema zu bleiben. Für sie wäre es vielleicht hilfreich, jeden Tag einen kleinen Impuls zu bekommen – und das möglichst über ein Tool, das sie ohnehin im Alltag nutzen, einen Kalender beispielsweise. Wenn Sie sich zu diesen Menschen zählen, dann kann 2017 ein gutes Jahr für Sie werden  Dann nämlich gibt es den ersten Junfermann-Coaching-Kalender: „Einfach ICH“ von Iris Meier. In der Einleitung heißt es: „Dein persönlicher Jahresplaner hilft dir dabei, die eigenen Verhaltensmuster aus einer neuen Perspektive, mit einem veränderten Blick, zu betrachten. Er begleitet dich durch die Jahreszeiten mit einem Mix aus Wissen, praktischen Übungen für den Alltag und Fragen, die zum Nachdenken anregen. Mein Ziel ist es, dich zu inspirieren. Finde heraus, was dir im Leben wirklich wichtig ist, und dann handele danach!“

Vielleicht reicht aber auch ein wöchentlicher Impuls? – auch hier können wir für das Jahr 2017 etwas anbieten: den Wandkalender „Gute Aussichten“ von Helmar Dießner.

 

Jetzt sind Sie am Zug: Erzählen Sie von Ihrem allerbesten Jahr

Auch in diesem Jahr möchten wir Lesefreude an Sie verschenken – und damit hoffentlich auch Lebensfreude. Alles, was Sie dafür tun müssen, ist Folgendes:

  • Schreiben Sie uns hier im Blog entweder, welches Jahr ein ganz besonderes für Sie war und welche wesentlichen Faktoren dazu beigetragen haben. Vielleicht waren es persönliche oder berufliche Entwicklungen? Besondere Begegnungen mit anderen Menschen, ein besondere Reise, die Geburt eines Kindes …
  • Oder vielleicht steht Ihr besonderes Jahr noch bevor und Sie stellen gerade die Weichen, dass alles so kommt, wie Sie es sich wünschen? – In diesem Fall: Mögen Sie vielleicht kurz mit uns teilen, was Sie sich wünschen und wie Sie Ihre Wunscherfüllung in Angriff nehmen?

 

Allen, die zu diesem Thema hier etwas schreiben, nehmen an unserer diesjährigen Lesefreude-Verlosung zum Welttag des Buches am 23. April teil. Wir ermitteln dann insgesamt fünf Gewinnerinnen oder Gewinner, die diesmal haben sogar die Wahl haben zwischen drei unterschiedlichen Preisen:

Mein allerbestes Jahr“ von Sabine Claus

Einfach ich“ von Iris Meier

Gute Aussichten“ von Helmar Dießner

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Wenn Sie nach der Verlosung von uns Ihre Gewinnbenachrichtigung bekommen, fragen wir ab, welchen Kalender / welches Buch wir Ihnen zuschicken dürfen.

Aber bevor wir etwas verlosen und zuschicken können, müssen Sie erst einmal in unsere Lostrommel kommen – und dafür gibt es einen einfachen Weg: Schreiben Sie uns etwas!