Kinder brauchen Bindung

Hilfe für Alleinerziehende?

Von Bianca Olesen

In meiner Praxis für Psychotherapie arbeite ich mit Einzelklienten, Gruppen und immer wieder gerne auch mit Familien.

Ein häufiger Anlass, meine Praxis zu besuchen, ist Erschöpfung. Mancher nennt es Burnout, mancher erlebt vorwiegend den depressiven Anteil dieses Zustandes, die Angst oder die körperliche Komponente – oder auch die daraus resultierenden Beziehungsschwierigkeiten. Allen gemein ist aber die zugrunde liegende starke Überforderung und die Idee, mehr leisten zu müssen, sich noch mehr anzustrengen, und die in Folge auftretende tiefe Erschöpfung. Viele kommen also zu mir, um Wege aus der Überforderung zu finden. Eine Gruppe von Menschen, die davon häufig betroffen sind, sind Alleinerziehende.

Neulich habe ich Lisa kennengelernt. Lisa leidet wie viele ihrer Generation unter dem Schicksal, alleinerziehend zu sein. Lisa ist schwer erschöpft davon, sich allein zu fühlen, alles alleine bewältigen zu müssen, und hat deswegen zunehmend auch soziale Probleme: Sie schafft es nicht mehr, die Leistung zu erbringen, die man von ihr erwartet. Das setzt Lisa unter Druck, sie fühlt sich zunehmend minderwertig, zweifelt an sich und fragt sich immer häufiger, was mit ihr nicht stimmt. Dass etwas mit ihr nicht stimmt ist klar, so die anhaltende Resonanz ihres Umfeldes. Lisa fühlt sich falsch, und sie weiß nicht, wie sie es schaffen kann, richtig zu sein. Aus dieser Unsicherheit heraus fällt es ihr immer schwerer, sich sozial einzufügen, sich angemessen zu verhalten im Umgang mit anderen, egal ob groß oder klein. Denn Lisa ist eigentlich ständig traurig und gereizt. Das ganze Dilemma beschäftigt sie Tag und Nacht, sie schläft schlecht, sie träumt schlecht und leidet unter Kopf- und Bauschmerzen. Und auch damit fühlt sie sich: allein.

Ich erlebe Lisa ratlos. Und sie steckt bereits in einem Teufelskreis: Was sich ihr Umfeld von ihr wünscht, ist nicht nur, dass sie mehr leistet, sondern dass sie wieder präsenter ist und zugänglich. „Schwingungsfähig“ würden wir das fachsprachlich nennen, emotional ansprechbar. Gerade das kann Lisa aber nicht erreichen, wenn sie sich anstrengt, um den anderen wieder besser zu gefallen. Und vor lauter Anstrengung erschöpft sie sich immer mehr.

Lisa erlebt also den klassischen Werdegang überforderter Menschen: vegetative Übererregung und Gereiztheit, Unverständnis des Umfeldes und daher fehlende Unterstützung, Hilflosigkeit und schließlich sozialer Rückzug bis zur Isolation.

Ihr Umfeld beschreibt sie als schwierig und widerständig und beginnt, sich von ihr abzuwenden.

Als Alleinerziehende muss Lisa zudem schwierige Fragen des Alltags alleine beantworten und wichtige Entscheidungen alleine treffen. Je weniger nützliche Vorerfahrungen hierfür zur Verfügung stehen und je weniger Ressourcen, desto schwieriger fällt dies und desto überfordernder erlebt sie ihre Situation.

Eine überlebenswichtige Ressource für überforderte Menschen wie Lisa ist die emotionale, wohlwollende Unterstützung durch andere. Ohne Unterstützung ist es nicht unwahrscheinlich, dass Lisa irgendwann den letzten Ausweg wählt.

Was aber meint emotionale Unterstützung? Emotionale Unterstützung bedeutet nicht in erster Linie, etwas für den anderen zu tun, sondern vielmehr, mit ihm zu sein. Eine tragfähige Beziehung anzubieten im folgenden Sinne:

Als soziales Wesen mit dem Grundbedürfnis nach sicherer Bindung beschäftigt sich der Mensch „im Hintergrund“ seines Bewusstseins, seinem „sozialen Unbewussten“, ständig mit der Suche nach der Antwort auf drei überlebenswichtige Fragen:

  1. Bist du präsent?
    (Bist du aufmerksam für mich?)
  2. Bist du empathisch für mich?
    (Fühlst du dich in mich ein? Bekommst du mit, was in mir los ist, was mich beschäftigt?)
  3. Sagst du dazu „Ja“?
    (Nimmst du mich an, liebst du mich, wertschätzt du mich mit dem, in das du dich einfühlst?)

Ein Ja auf alle drei Fragen bewirkt das Erleben emotionaler Unterstützung und sicherer Bindung. In Beziehung lebend haben wir im besten Falle mindestens einen Menschen, der ein grundsätzliches Ja als Antwort auf die drei Fragen bietet, der also Ja zu uns sagt. Das entlastet und sichert uns und erleichtert uns den Umgang mit den Schwierigkeiten des Alltags.

Lisa fühlt sich nicht auf diese Weise zuverlässig gebunden. Sie findet nirgendwo zuverlässig ein klares Ja auf diese drei existenziellen Fragen. So fällt es ihr zunehmend schwerer, sich sicher und vertrauensvoll auf das Leben einzulassen zu können. Darunter leidet sie.

Folgerichtig müsste ich Lisa also zuerst dabei unterstützen, wieder in Beziehung zu gehen und in ihrem Umfeld Unterstützung zu finden. Eigentlich.

Lisa leidet wie viele ihrer Generation unter dem Schicksal, alleinerziehend zu sein. Obwohl sie inmitten einer Familie lebt.

Lisa ist acht Jahre alt und seit zwei Jahren Schlüsselkind. Wenn sie um 16 Uhr aus der Ganztagsbetreuung nach Hause kommt, wird es noch zwei Stunden dauern, bis ihre Mutter aus dem Büro kommt. Viel später, wenn Lisa sich schlafen legt, wird ihr Vater nach Hause kommen.

An den Wochenenden steht nach den Übungsaufgaben (Mama und Papa wollen schließlich sicherstellen, dass sich Lisas Leistungen weiter verbessern) vom Maislabyrinth bis zum Freizeitpark alles auf dem Programm, was geeignet ist, das schlechte Gewissen der Eltern zu beruhigen. Und Lisa freut sich brav mit ihren müden Augen. Gegessen wird im Restaurant, denn zum Kochen sind auch die Eltern zu erschöpft. Natürlich benimmt sie sich vorbildlich. Lisa macht sich in der Woche alleine etwas zu essen, sie erledigt ihre Hausaufgaben und bleibt mit ihren vielen Fragen allein. Sie bleibt brav in ihrem Bett, wenn ihre Albträume sie aus dem Schlaf gerissen haben. Und sie murrt nicht, sie fällt Mama und Papa nicht zur Last. Schließlich macht sie ihnen doch schon genug Kummer.

Lisa ist alleinerziehend. Sie muss sich selber erziehen und ist damit hoffnungslos überfordert[1].

Und ehrlich: Ich bin ratlos, wie ich ihr helfen kann.

Als Mutter berührt mich Lisas Situation so tief, dass ich die Einsamkeit und Verzweiflung fast nicht ertragen kann, die ich an ihr wahrnehme. Ich möchte die Eltern fragen: „Wieso entscheidet ihr euch für ein Kind und sagt dann nicht in aller Konsequenz Ja zu ihm?“ Als Mutter möchte ich Lisa in den Arm nehmen, sie halten und ihr die große Last der Überforderung für einen Moment von den Schultern nehmen. Ihr eine sichere Beziehung anbieten, in der sie sein darf, wer sie ist: ein bedürftiges Kind. Und ich bleibe ratlos, denn ich weiß, Lisa braucht diese Liebe und Zuwendung zuallererst von ihren Eltern.

Wähle ich die Rolle der Therapeutin, erkenne ich, dass Lisas schwierige Situation ein familiäres Problem ist, das nicht gelöst wird, indem Lisa „behandelt“ wird. Die Medizin für Lisas Schwierigkeiten heißt Elternliebe und beinhaltet die elterliche Präsenz, Empathie und bedingungslose Annahme.

Ich bin sicher, dass auch für Lisas Eltern Geld und Karriere keine Rechtfertigung dafür darstellen, ihre Tochter emotional zu vernachlässigen. Dass es ihnen also nicht bewusst ist, dass sie Nein zu ihr sagen und sie mit zu wenigen Ressourcen in ihr Leben schicken. Dass Lisa später, wenn sie der Kindheit entwachsen ist und fest im sozialen Gefüge mit all seinen Pflichten und Herausforderungen steckt, diese Basis der Unbeschwertheit und Verantwortungsfreiheit als entlastende Ressource nicht wird aktivieren können, dass Lisa wahrscheinlich nicht einmal eine Idee davon haben wird, wie es ist, ihre Last für einen Moment an eine liebevolle Autorität zu delegieren, um kurz nach Luft zu schnappen. Und dass sie damit die wichtigste Ressource überhaupt entbehrt: die Fähigkeit zur Bindung. Die Fähigkeit, zu fühlen, was zu fühlen ist, sich damit einem anderen Menschen anzuvertrauen, der dies für einen Moment mitzutragen bereit ist, und auf diese Weise nicht allein zu bleiben, sondern Kontakt zu erleben: Mit meiner Not bin ich allein, ja, ich muss sie schlussendlich allein bewältigen, aber ich bin nicht einsam! Und das ist der große Unterschied.

Als Therapeutin würde ich deshalb die Eltern in die Arbeit einbeziehen und die drei dabei unterstützen, ihre Verbundenheit wieder bewusst als überlebenswichtige Ressource zu erleben und als kostbares Gut zu erkennen.

Vielleicht würde ich sagen: „Nutzt die kurze Zeit, bis sie flügge wird. Das sind viel weniger Jahre, als ihr glaubt. Aber diese Jahre sind die einzige Zeit, in denen ihr Lisa das mitgeben könnt, was sie für ein glückliches und gesundes Leben braucht. Denn alle Menschen – aber ganz besonders Kinder brauchen Bindung!

 

[1] Nicht nur die Zahl psychisch „gestörter“, verhaltensauffälliger Kinder steigt in den vergangenen Jahren dramatisch, sondern auch die Zahl der Suizide bei Kindern und Jugendlichen!

Aktuell spricht die Stiftung für die psychische Gesundheit von Kindern von mindestens 20 Prozent psychisch kranker Kinder in Deutschland und erwartet eine Entwicklung auf 50 Prozent bis 2020.

Suizid ist heute die zweithäufigste Todesursache bei Kindern und Jugendlichen. Und auf jeden Suizid fallen noch 15–20 Suizidversuche.

Quellen:

  • http://www.achtung-kinderseele.org/html/themen/psychische%20stoerungen.html
  • https://www.frnd.de
  • http://www.tagesspiegel.de/berlin/vor-dem-suizid-beschuetzen-jedes-jahr-nehmen-sich-600-jugendliche-das-leben/8741862.html
  • https://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2013/11/21/dramatisch-in-deutschland-ist-bald-jedes-zweite-kind-seelisch-krank

(Zugriff jeweils am 18.1.2017)

 

Unterstützung finden Betroffene auch hier:

Die Telefonseelsorge 0800 1110111

Das Kinder- und Jugendtelefon 0800 1110333

 

Olesen_Bianca  Über die Autorin

Bianca Olesen ist Heilpraktikerin für Psychotherapie und Gestalttherapeutin, Trainerin und Coach mit den Schwerpunkten Stress & Entspannung, Persönlichkeitsentwicklung, emotionale Kompetenz und gehirngerechtes Lehren und Lernen.

Ihr Buch Der Mensch hinter der Maske. Vom Umgang mit narzisstischen Klienten in Coaching und Beratung erschien 2015 im Junfermann Verlag.

Fällt es Ihnen schwer zu entspannen? Manchmal steckt mehr dahinter als äußerer Stress …

Wie Ihr Unterbewusstsein Sie vom Entspannen abhält

Von Tanja Klein

Was haben dramatische Kindheitserlebnisse mit der Unfähigkeit zu entspannen zu tun? Welche Rolle spielen das Familienumfeld und die Spiegelneurone beim Thema Entspannung? In weniger als fünf Minuten werden Sie es wissen. Und warum genießen Sie diesen Artikel nicht passenderweise direkt in einer bequemen Sitzhaltung – vielleicht mit einem Getränk Ihrer Wahl neben sich, die Füße entspannt hochgelegt – und freuen sich über die nächsten Minuten voller Ruhe und neuer Impulse. Sie nehmen wahr, wie die Atmung tiefer wird und ihr Herz angenehm langsam schlägt … Wie? Das fällt Ihnen schwer? Dann könnte es vielleicht an einem der drei folgenden Gründe liegen:

1. Sie haben in Ihrer frühesten Kindheit eine furchtbare Erfahrung gemacht, die Ihnen eine entspannte Entspannung (noch) nicht erlaubt. Und mit frühester Kindheit meine ich sehr früh, also die Zeit, als Sie noch im Bauch Ihrer Mutter waren. Und das vielleicht nicht alleine …

Der Gynäkologe Jean-Guy Sartenaer berichtete in einem Interview für das Fachbuch Das Drama im Mutterleib (2013), dass er bei acht bis zehn Prozent aller Schwangerschaften mehrere Embryonen in der Gebärmutter im Ultraschall erkennen kann. Jedoch sehen wir im Straßenbild nur sehr selten Mütter, die angestrengt versuchen, mit ihren Zwillingskinderwagen in den Bus einzusteigen. Die Quote für erfolgreiche Zwillingsschwangerschaften, bei denen beide Kinder lebend geboren werden, liegt bei nur einem Prozent. Das heißt, dass rund jede zehnte Schwangerschaft „zu zweit“ beginnt und mit dem Schicksal „verlorener Zwilling“ endet.

Wie hängt die pränatale Erfahrung mit der Unfähigkeit zu entspannen im Erwachsenenalter zusammen?

Stellen Sie sich kurz vor, Sie wären ein Embryo im Bauch Ihrer Mutter und direkt neben Ihnen wäre noch ihr Geschwisterchen. Je nach Schwangerschaftswoche hören Sie bereits den Herzschlag des anderen und spüren die Bewegungen neben sich. Mit der Zeit wird der Herzschlag „nebenan“ immer langsamer und langsamer, die Atmung immer ruhiger und die Bewegungen immer weniger … Bis es plötzlich neben Ihnen ganz ruhig wird. Da ist nichts – mehr. Absolute Ruhe. Der Mensch, der Ihnen am engsten vertraut war, ist verschwunden. Wohin auch immer.

(Ich erspare Ihnen die Beschreibung der nächsten Monate, die Sie neben dem toten Körper verbringen. Wer mehr darüber erfahren möchte, kann das erwähnte Buch lesen oder eine Fortbildung in Pränataler Psychologie z. B. bei Gerda Ehrlich besuchen.)

Vor diesem Hintergrund jedenfalls bekommt die Aussage „Ruhe fühlt sich für mich an wie der Tod“ eine ganz neue Bedeutung, und als Coach und/oder Therapeut macht es Sinn, an dieser Stelle hellhörig zu werden. Vielleicht hat der Klient, der diese Aussage getroffen hat, als eine der ersten prägenden Erfahrungen gelernt: Wenn jemand anfängt, richtig ruhig zu werden, ist er bald tot. Würden Sie mit dieser unbewussten, vorgeburtlichen Erfahrung ruhig auf dem Sofa liegen können? Es ist völlig verständlich, dass man lieber nicht zur Ruhe kommen möchte. Jemandem mit dieser Erfahrung Yoga oder Meditation zu empfehlen, könnte kontraindiziert sein. Vorher wäre es wichtig und notwendig, den ursprünglichen Stress aufzulösen.

Viele Menschen können sich nur schwer vorstellen, dass man in vorgeburtlicher Zeit etwas bewusst mitbekommt und zudem noch ins Erwachsenenleben überträgt. Fachbücher zur Pränatalen Psychologie und meine eigenen Coachingerfahrungen bestätigen jedoch genau das.

Natürlich kann man sich nicht daran erinnern, wie das Geschwisterchen ausgesehen hat oder was man angesichts seines Todes empfunden hat. Dennoch ist davon auszugehen, dass das überlebende Kind „etwas“ mitbekommen hat, denn dieses Erlebnis kann beispielsweise durch den veränderten Geschmack des Fruchtwassers „geschmeckt“ werden, und es gibt eine unbewusste Erinnerung an die Gefühle aus dieser Zeit. Die Folgen sind bei manchen Menschen durchaus auch im Erwachsenenalter noch spürbar.

Aber ich möchte Ihnen heute noch zwei weitere Gründe aus meiner Praxis vorstellen, die Entspannung erschweren:

2. Die Unfähigkeit zu entspannen kann mit der Geburtserfahrung zusammenhängen. Bei einer jungen Klientin von mir entpuppte sich unter anderem dieses Phänomen als die Ursache für ihr Problem, in der Schule stillzusitzen. In Gesprächen stellte sich heraus, dass sie eine ganz furchtbare Geburt gehabt hatte und es in den ersten Minuten danach sehr unsicher gewesen war, ob sie überleben würde. Eine Geburt kann viele kritische Momente haben, und sie alle gehen nicht spurlos am Kind und seinen Eltern vorbei.

Ohne böse Absicht wurden meiner Klientin von den Eltern immer wieder die Einzelheiten des „Geburtstraumas“ berichtet. Das Mädchen litt an einer starken, vormals unbewussten Angst zu sterben, die eindeutig aus der Zeit der Geburt stammte. Die Unfähigkeit, ruhig zu sitzen, entsprang der guten Absicht, sich selbst zu versichern, noch am Leben zu sein. Ganz nach dem Motto: „So lange ich rumhüpfe, kann ich nicht tot sein“. Angesichts der Vorgeschichte des Mädchens eine verständliche Reaktion.

Der Mensch ist jedoch ein komplexes Wesen und es gibt oft mehr als einen Grund für ein bestimmtes Verhalten. Bei meiner Klientin kam nun noch Grund Nummer 3 hinzu:

3. Spiegelneurotischer Stress des Umfeldes. Der Vater meiner Klientin hatte bei ihrer Geburt natürlich ebenfalls starke Angst, dass sein Mädchen sterben könnte. Der Ursprung dieser Angst konnte mit dem Myostatiktest eindeutig zugeordnet werden. Diese Angst hörte auch nach den gut gemeisterten ersten Lebensmonaten und sogar -jahren nicht auf. Sie wirkte unterbewusst noch immer auf ihn – und leider über die Spiegelneurone auch auf sein Kind.

Wirkungsweise der Spiegelneurone

Jeder Mensch kann sich mit emotionalem Stress von nahestehenden Menschen „anstecken“ lassen. Dies geschieht über eine ganz spezielle Sorte von Nervenzellen: den Spiegelneuronen. Im menschlichen Gehirn bewirken sie, dass beim bloßen Betrachten einer Handlung sich das gleiche Aktivitätsmuster zeigt wie beim aktiven Ausführen dieser Handlung. Aus Sicht der Evolution sind die Spiegelneurone eine tolle Sache, da sie uns oft schützen oder leichter neue Handlungsweisen lernen lassen. Manchmal lernen wir jedoch auch undienliche Muster. So kann es sein, dass meine Klientin als Kind immer wieder über die Spiegelneurone mit der Angst des Vaters in Resonanz ging. Deshalb konnten wir das Thema „Stillsitzen“ nur im Rahmen einer systemischen Arbeit mit beiden Beteiligten auflösen.

Erfahrungsgemäß sind in einer Familie nicht immer alle Mitglieder für solch einen Prozess offen oder erreichbar, manchmal sind wichtige Personen auch bereits verstorben. Entsprechende Muster können jedoch von Generation zu Generation weitervererbt werden: Es gibt viele Erwachsene, die ihre Mutter nie „zur Ruhe gekommen“ erlebt haben. Dann werden Haltungen wie „Was denken die Leute, wenn ich mich am helllichten Tag einfach hinlege?“ von Generation zu Generation weitergegeben und wirken sich so negativ auf den eignen Entspannungswunsch aus. Als guter Coach kann man diese unbewussten Muster aus den Gehirntiefen der Amygdala gut auflösen. Aber vorher muss man diese erst einmal erkennen.

Wege zur Auflösung

Es wäre falsch zu vermuten, dass jeder Mensch, der sich schwertut, einen Gang runterzufahren, ein dramatisches Geburts- oder Vorgeburtsereignis erlebt hat. Wichtig ist mir nur, eine Sensibilität dafür zu schaffen, dass die geschilderten „Dramen“ öfter ursächlich sind, als man gemeinhin denkt. Falls Sie als Coach oder Therapeut auf einen Klienten treffen, der Entspannung als extrem bedrohlich empfindet, dann könnte es also sein, dass einer der genannten Gründe vorliegt.

Jeder Coach und Therapeut hat seine ganz eigenen Methoden, wie er solche Hintergründe bei seinen Klienten herausfindet und sie anschließend bearbeitet. Ich empfehle, als qualifizierter Therapeut bzw. Heilpraktiker für Psychotherapie (HP Psych) zuerst dem Klienten dabei zu helfen, die meist traumatischen Erlebnisse aufzuarbeiten, bevor man versucht, ihm den Weg zur Entspannung näherzubringen. Gute Aussicht auf Erfolg bei der schnellen Auflösung dieser Entspannungshindernisse hat meiner Erfahrung nach die Coachingmethode wingwave. Aber sicherlich kann jeder gut ausgebildete Therapeut oder Coach mit Zusatzqualifikation als HP Psych auch mit seinen Lieblingsmethoden Unterstützung bieten.

Beim Schreiben dieser Zeilen, konnte ich ganz entspannt auf meinem Sofa sitzen und die völlige Ruhe bei der Arbeit genießen. Ich frage mich, ob auch Sie heute schon die Chance hatten, ein paar Minuten zu entspannen. Vielleicht sogar gerade jetzt? Wie erleben Sie Entspannung? Schreiben Sie gerne einen Kommentar oder teilen Sie es mir per Mail mit: mail@kleincoaching.de

Ich freue mich auf Ihre Rückmeldung und wünsche Ihnen einen entspannten Tag.

image1  Über die Autorin

Tanja Klein arbeitet als systemischer Coach (DCV) in Bonn. Sich selbst klassifiziert die IHK-geprüfte Fachkauffrau Marketing als „Marketing-Rampensau“. Im Junfermann Verlag hat sie zusammen mit Ruth Urban die Bücher Coach, your Marketing und Erfolgreich durch Positionierung veröffentlicht.

Wenn Vorstellungen zur inneren Realität werden

Imaginationen – eine ganz persönliche Kraftquelle

Von Antje Abram

Ein herzliches Willkommen im Jahr 2017! Haben Sie die Feiertage gut verlebt? Konnten Sie genug Momente der Ruhe und Entspannung finden? Oder bestand die „besinnliche Zeit“ doch eher aus einem Abhaken von Pflichtterminen?

Nehmen Sie sich doch jetzt gerade einmal einen kurzen Augenblick Zeit, um nachzuspüren, wie Sie sich fühlen, wie sich Ihr Körper anfühlt. Vielleicht notieren Sie sich sogar ein paar Stichworte dazu auf einem Zettel, denn es soll später um einen Vergleich „vorher – nachher“ gehen.

Eine wichtige Ressource, um die Batterien wieder aufzuladen und mit sich besser in Kontakt zu kommen, eine Ressource, die so alt ist wie die Menschheit selbst, möchte ich Ihnen im Folgenden kurz vorstellen: Es handelt sich um die Kraft der Imagination.

Die anschaulichste Art, Imaginationen kennenzulernen, besteht darin, einfach in sie einzutauchen! Wenn Sie mögen, begeben Sie sich daher mit mir zusammen auf einen inneren Weg zu schönen Orten, zum achtsamen Sein und zu mehr Entspannung.

Machen Sie es sich dazu bequem. Stellen Sie beide Beine auf den Boden, lockern Sie ein wenig Ihren Körper. Lassen Sie die Schultern kreisen und atmen Sie ein paarmal tief durch.

Stellen Sie sich nun vor, Sie sitzen auf einer bequemen Bank, die Sonne scheint angenehm, die Temperatur ist genau richtig. Ihnen direkt gegenüber befindet sich ein sehr schöner bunter Garten. Sie sehen gelbe und violette Blumen, viel Grün und hinter dem Garten ein Haus mit roten Fensterläden.

haus

Sie merken, wie Sie sich beim Anblick all der Pflanzen und all der Farben immer mehr entspannen. Vielleicht haben Sie den angenehmen Duft der Blumen in der Nase, vielleicht hören Sie auch die Vögel zwitschern. Sie spüren, wie Ihr Atem bei all dem ruhiger wird und wie Sie bei jedem Ausatmen noch ein bisschen mehr in Ihre Sitzgelegenheit entspannt hineinsinken. Einfach nur atmen und den Ausblick genießen.

Dann, einem Impuls folgend, stehen Sie ganz in Ruhe auf und beginnen, einen kleinen Pfad entlangzugehen, der direkt an Ihrer Bank anfängt. Sie spüren Ihre Füße in den Schuhen und Sie nehmen wahr, wie die Füße bei jedem Ihrer Schritte sanft abrollen. So gehen Sie achtsam vor sich hin, Schritt für Schritt, ganz entspannt. Dann wenden Sie Ihren Blick beim Gehen zur Seite und sehen – zu Ihrer Überraschung – ein paar Erdmännchen, die Ausschau halten.

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Und während sich Ihr Kopf noch fragt, wo diese Erdmännchen auf einmal herkommen, erfreut sich Ihr Inneres bereits an diesen Tieren, an diesem quirligen und lebendigen Sein, an diesem aufmerksamen Blick. Und vielleicht bringt all dies ein Lächeln auf Ihr Gesicht, dem Sie innerlich nachspüren.

Sie gehen weiter den Pfad entlang und Ihnen wird klar: In der Fantasie geht einfach alles!

Und weil dem so ist, befinden Sie sich – jetzt, nur einen Atemzug später – am Meer! Sie spüren den Wind und die Sonne, Sie riechen die leicht salzige Luft und hören die kräftigen Töne der Möwen. Die Wellen branden an den schönen Strand und Sie beginnen, ganz in Ruhe, an diesem Strand entlangzugehen. Vielleicht mögen Sie auch Ihre Schuhe ausziehen, um den warmen Sand an den Füßen zu spüren, vielleicht mögen Sie auch durch das Wasser waten. Und dann erblicken Sie eine Herde Robben, die friedlich dösend nahe am Wasser liegen.

robben

Sie halten respektvoll Abstand und beobachten die Robben. Es durchströmt Sie eine große Ruhe und Entspannung, als würde sich der Müßiggang der Tiere direkt auf Sie übertragen. Dann gehen Sie in einem weiten Bogen um die Robben herum und nehmen wieder das Meer wahr. Sie lassen das ewige Spiel der Wellen auf sich wirken, das Heranrollen an den Strand, das kurze Verweilen, und das Zurückfließen in das große Ganze. Genau so können Sie auch mit Gedanken umgehen, die jetzt gerade unwichtig sind: Die Gedanken kommen, sie gehen aber auch wieder – und Sie entspannen sich immer mehr, nehmen Ihren Körper wahr, lassen die Muskulatur locker. Sie finden einen schönen Platz am Strand, friedlich und bequem. Die Sonne fängt an unterzugehen und Sie genießen diese Abendstimmung mit all Ihren Sinnen, ganz entspannt und in Ruhe atmend.

meer

Liebe Leserin, lieber Leser,

wenn Sie innerlich mit auf diese Reise gegangen sind – wie geht es Ihnen jetzt gerade? Hat sich Ihr Zustand von vorhin geändert? Welche Stichworte hatten Sie sich notiert – und welche würden Sie jetzt aufschreiben, um Ihr momentanes Empfinden zu beschreiben?

Was Sie soeben miterlebt haben, weicht von einer klassischen Imaginationsübung etwas ab, denn Sie haben den Text gelesen und nicht mit geschlossenen Augen angehört. Außerdem hatten Sie Gelegenheit, die beigefügten Fotos zu betrachten – Bilder, die Sie sonst individuell in Ihrer Fantasie kreiert hätten, vermutlich in anderer Art und Weise. Und dennoch: Je tiefer Sie eintauchen in Ihre Fantasiewelt, je mehr Sie Ihre Sinne dabei aktivieren, desto „realer“ wird Ihre eigene Imagination für Sie und Ihr Gehirn. Sich genau vorzustellen, was man sieht, hört, fühlt, riecht und schmeckt, macht eine Imagination sehr lebendig und real. Neurobiologische Untersuchungen zeigen, dass es für das Gehirn nur minimale Unterschiede gibt zwischen „real erlebt“ und „intensiv vorgestellt“. Dies eröffnet eine Vielzahl an Möglichkeiten, zum Beispiel für das mentale Training: sei es, um die eigenen Leistungen zu verbessern, beispielsweise im Beruf oder im Sport, sei es, um mit Ängsten, Trauer und Konflikten besser umzugehen, sei es, um mehr Entspannung zu erleben und besser schlafen zu können oder auch zur intensiven Unterstützung von Heilungsprozessen.

In meinem Buch Imaginationen, das in diesem Frühjahr erscheinen wird, lade ich Fachleute und andere Interessierte ein, alle Facetten und Möglichkeiten von Imaginationsübungen kennenzulernen und die wohltuende Wirkung anhand praktischer Übungen selbst zu erfahren.

Viel Freude bei den unendlichen Möglichkeiten Ihres Gehirns!

abram_1_2008  Über die Autorin
Antje Abram
ist Gestalttherapeutin, Dipl. Sportwissenschaftlerin und Heilpraktikerin Psychotherapie. Sie arbeitet seit 1998 in eigener Praxis in Köln. Im Junfermann Verlag erschienen sind bisher von ihr die Bücher Glück sucht Empfänger, Gestalttherapie und zusammen mit Daniela Hirze Fühlen erwünscht. Im Frühjahr dieses Jahres wird zudem der Titel Imaginationen im Handel erhältlich sein.

Der Junfermann Verlag auf dem Selfpublisher-Podcast

Henri Apell

Henri Apell

Am 2. Dezember 2016 hatte ich einen Interviewtermin. Henri Apell wollte  für seinen Selfpublisher-Podcast von mir wissen, was Autoren beachten müssen, die bei Junfermann ein Buch veröffentlichen wollen. – Moment mal: Selfpublishing bedeutet doch, sein Buch ohne Verlag zu veröffentlichen. Was also haben wir, was habe ich auf einer Plattform verloren, die Informationen rund um das Thema Selfpublishing anbietet? Nun, dazu gibt es eine kleine Vorgeschichte:

Henri Apell ist bei uns im Verlag durchaus als Autor in Erscheinung getreten, auf unserer Plattform active-books und in der Zeitschrift Praxis Kommunikation. In Heft 2/2015  erschien ein Beitrag von ihm unter dem Titel: „Autor werden. Selfpublishing für Coaches und Trainer“. Darin beschrieb er Möglichkeiten, sein Renommee durch eine Buchpublikation zu untermauern – und wie dies auch ohne Verlag machbar ist. Dieser Beitrag blieb nicht ohne Widerspruch, denn in Heft 3/2015 schildert Beate Ulrich, Geschäftsführerin des Carl Auer Verlags, worin die Vorteile einer Verlagsveröffentlichung bestehen. Und kurz darauf wurde Beate Ulrich auch von Henri Apell für den Selfpublisher-Podcast interviewt. In diesem Interview betont sie nochmals, wie wichtig es ist, dass Autoren sich vorab informieren, sich mit dem Programm auseinandersetzen, bevor sie einem Verlag ein Buch anbieten.

Verlage und Autoren: Transparenz ist wichtig für ein gutes Miteinander
Verlage auf der einen Seite, Autoren auf der anderen: zwei Welten, die sich nicht wirklich gut verstehen? Ein so starkes Gegeneinander entspricht wohl kaum der Realität, aber es kann schon zu Missverständnissen und Irritationen kommen, weil Abläufe und Strukturen nicht bekannt oder undurchschaubar sind. Deshalb hat der Junfermann Verlag in diesem Jahr einen Autorenleitfaden erstellt, der hier Abhilfe schaffen und Transparenz fördern soll. Dieser Leitfaden war auch der Anlass für das o.g. Interview, das Henri Apell dann mit mir führte: „Wie ich mein Buchprojekt einem Verlag anbiete“, und das jetzt auf dem Selfpublisher-Podcast veröffentlicht wurde.

Klassische Verlagsprogramme und von Autoren selbst publizierte Bücher: Beide Möglichkeiten gibt es heutzutage und beide haben ihre Vor- und Nachteile. Warum auch im Selfpublishing nicht alles Gold ist, was sich glänzend gibt, dazu äußerte sich kürzlich auch die Autorin und Künstlerin Root Leeb. Ihr Vortrag ist hier nachzulesen.

Stellen Sie sich vor, es gäbe ein Problem und niemanden würde es interessieren …

Probleme fallen aus heiterem Himmel

Von Horst Lempart

Stellen Sie sich vor, es gäbe ein Problem und niemanden würde es interessieren. Was passierte dann mit dem Problem?

Dr. med. Eckhart von Hirschhausen stellt sich in einem Buchtitel die Frage: „Wohin geht die Liebe, wenn sie durch den Magen durch ist?“ Ich möchte die Frage für mein Thema umformulieren: Wohin geht das Problem, wenn es uns am Arsch vorbeigeht?

Damit etwas überhaupt als Problem erlebt werden kann, bedarf es einiger Voraussetzungen:

  • Jemand gelangt zu der Überzeugung, „etwas“ sei nicht in Ordnung.
  • Das „Problem“ muss als vorübergehender Zustand angesehen werden, der prinzipiell veränderbar ist.
  • Es muss überhaupt jemanden geben, der eine Soll-Ist-Differenz ausmacht und diese für unerwünscht hält.

Wenn auch nur einer dieser Punkte nicht erfüllt ist, wird die Problemkonstruktion unmöglich. Insofern sollte es doch deutlich weniger Probleme geben, als tatsächlich beklagt werden.

Nun steckt aber der Teufel im Detail. Das winzige, unbedeutend erscheinende Wörtchen „etwas“ macht aus der Mücke einen Elefanten. Denn grundsätzlich kann alles zum Problem werden: zu wenig Geld – zu viel Geld; zu groß – zu klein; zu spät – zu früh; allein – zusammen; mit Job – ohne Job.

Haben Sie gerade ein Problem? Ich rate Ihnen, nicht zu lange über diese Frage nachzudenken. Sie könnten auf Probleme stoßen, die Sie vorher gar nicht hatten. Probleme fallen aus heiterem Himmel: „Aus Spaß wurde Ernst. Ernst ist heute drei Jahre alt“ weiß der Volksmund dazu anzumerken.

In einem meiner Seminare bat ich eine junge Frau zu mir nach vorne. Sie sollte das von ihr erlebte „Problem“ aufs Flipchart zeichnen. Die anderen Teilnehmer forderte ich auf, darüber zu spekulieren, was das Problem sein könnte. Die überraschende Antwort eines Herren: „Ihr großes Problem ist, dass sie nicht zeichnen kann.“ Damit hatte er uns auf erfrischende Weise bestätigt, wie schnell ein neues „Problem“ erlebt werden kann. Erfreulicherweise ging der jungen Frau dieses Problem aber „am Arsch vorbei“. Ich bin mir zwar bis heute nicht sicher, wo es hin ist. Aber womöglich haben wir es im allgemeinen Gelächter ertränkt.

Am 19. Januar 2017 widme ich einen ganzen Tag dem Eigenleben von Problemen. Ich nenne Sie Hirn-Fürze. Wir schauen uns gemeinsam an, wie Hirn-Fürze unser Leben vernebeln können, aber auch, wie flüchtig sie sind. Erleben Sie, wie Problem-Konstruktionen zu Möglichkeitskonstruktionen werden und wie Sie als Profi diesen Prozess begleiten können.

Das Seminar richtet sich an Coaches, Therapeuten und alle Prozessbegleiter, die „Probleme“ nicht einfach so im Raum stehen lassen wollen. Die Teilnahme ist auf 10 Personen begrenzt. Veranstaltungsort ist das Forum Vinzenz Palotti in 56179 Vallendar. Weitere Infos und die Anmeldeunterlagen finden Sie hier.

Lempart1  Über den Autor

Horst Lempart ist Coach, psychologischer Berater und NLP-Master. Sein Lieblingstitel ist aber „Persönlichkeitsstörer“. Er lebt und arbeitet in eigener Praxis in Koblenz.

Jeder Tat geht ein Gedanke voraus

Gute Aussichten?!

Von Helmar Dießner

Der erste Advent ist gerade vorbei. Das Jahr neigt sich dem Ende zu. Oftmals unzufrieden blicken wir auf die vergangenen Tage zurück: zu viel Stress, zu viel Fremdbestimmung, zu wenige Momente der Entspannung und des Glücks. Geht es Ihnen auch so? Nehmen Sie sich auch immer wieder vor, Bilanz zu ziehen, um „nächstes Mal“ alles besser zu machen – und dann geht das Bilanzziehen in der Hektik des Alltags auch wieder unter?

Hand aufs Herz: Können Sie realistisch einschätzen, was Ihrer Psyche und Ihrem Körper gut tut?

Was füllt Ihr Leben mit Leidenschaft und Begeisterung aus? Nehmen Sie sich Zeit für sich und investieren Sie gut in sich selbst? Nutzen Sie Ihre Talente, Fähig- und Fertigkeiten für sich und für andere Menschen?

Ich weiß, solche Fragen sind fies! Nicht nur, weil wir einige davon vielleicht mit einem Nein beantworten müssen, sondern weil sie uns vor Augen führen, dass wir oftmals komplett an uns vorbei leben, dass wir uns diese Fragen gar nicht erst stellen, sondern lieber in blinden Aktionismus verfallen, To-do-Listen abhaken (die meist fremdbestimmte Ziele umfassen) und uns im alltäglichen Hamsterrad immer schneller bewegen – immer schneller weg von uns selbst.

Doch egal wie alt Sie sind, eine persönliche Struktur für Ihr Leben kann Sie wieder näher zu sich selbst bringen. Nur: Entwickeln müssen Sie diese Struktur schon selbst. Dabei korrespondieren Ihre Werte und Normen, Ihre Träume, Ihre Kreativität, Ihre Fähig- und Fertigkeiten, letztlich Ihr gesamtes Weltbild miteinander. Diese Vorgänge unterliegen immer wieder Veränderungen von innen und außen. Sie können sich nicht auf Gesetze und Normen berufen, die gerade gesellschaftliche Akzeptanz finden, sondern Sie müssen, wie jeder andere Mensch auch, für Ihr Tun Verantwortung übernehmen.

Im Feld alltäglicher Lebensbewältigung zeigen sich Selbstbestimmung, Toleranz, Akzeptanz, Freiheit usw. Oftmals merken Sie kaum, wie sich Ihre Lebensstruktur verändert. Was ist heute noch wichtig, gültig, fördernd usw.? Aktualisieren Sie Ihre Lebensstruktur, halten Sie dabei an den für Sie verbindlichen Werten fest. Lassen Sie es nicht zu, dass negative gesellschaftliche Trends oder negative Einflüsse Ihrer Mitmenschen Ihre Lebens- und Persönlichkeitsstruktur nachhaltig beeinflussen. Wenden Sie solche Einflüsse von außen ab, indem Sie dagegen agieren. Bleiben Sie sich treu!

Gehen Sie in den Garten!

Das klingt wie ein Werbeslogan für Sie? Natürlich stellt sich die Frage, welch eine Persönlichkeitsstruktur Sie denn eigentlich haben. Wenn Sie Ihre Lebensstruktur mit einem Garten vergleichen, so wissen Sie, dass Ihr Lebensgarten gepflegt und gehegt, bewässert und gedüngt werden muss. Gehen Sie in Ihrem Umfeld spazieren, so sehen Sie die unterschiedlichsten Gärten. Manch ein Garten sieht einfach, karg, ungepflegt, bescheiden aus. Andere Gärten hingegen zeigen ein Höchstmaß an Kreativität, Zierde und Anmut – ja sie sind eine Augenweide. An diesem Anblick kann sich Ihre Seele laben und erquicken, hier können Sie aus- und entspannen, sich erholen und regenerieren. Während die erstgenannten Gärten oftmals mit Beton oder Stein hermetisch abgesteckte Grünflächen aufweisen, sehen Sie in den kreativ gestalteten Gärten runde, weiche und aufeinander abgestimmte Formen und Strukturen. Da haben Pflanzen, Büsche, Sträucher und Bäume den richtigen Standort. Da sind verschiedene Sitzecken, lauschige Plätze, Sonnen- und Schattenplätze zu finden usw.

Vergleichen Sie nun einmal die Menschen mit den so ausführlich beschriebenen Gärten. Gehören Sie zu den Menschen, die aus ihrem Leben etwas Besonderes, Schönes, Außergewöhnliches, Interessantes machen?

Einige Menschen haben eine bessere Unterstützung bei der Umsetzung ihrer architektonischen Pläne erhalten als andere. Das ist wahr. Als verantwortungsvoller Mensch hilft es Ihnen nur wenig, wenn Sie klagen und jammern, Ihre Eltern und Ihre Umwelt für Ihren Zustand verantwortlich machen. Sie sind gefordert, Ihr Leben in die Hand zu nehmen. Sie verfügen über ein gewisses Know-how, Ihre Talente, Fähig- und Fertigkeiten, Ihr Wissen sind Ihr Kapital. Setzen Sie es ein, egal wie Ihr Garten zurzeit aussieht.

Hinterfragen Sie Kernglaubenssätze!

Wenn Sie die Dinge in Ihrem Leben neu ordnen möchten, neue Zwischenziele festlegen wollen, müssen Sie erst einmal eine gewisse Grundstruktur entwickeln. Das heißt, Sie müssen erst eine Übersicht, eine Basis, einen gewissen Grund hineinbringen. Das ist nötig, damit Sie sich nicht im Detail verzetteln oder in ein unübersichtliches Chaos geraten.

Dabei ist es wichtig, sich immer wieder vor Augen zu führen: Sie bestimmen, wie Sie leben! Ersetzen Sie alte Kernglaubenssätze durch neue. Nutzen Sie dabei die Möglichkeit der Selbstreflexion:

  • Was können Sie an Ihrem Zustand ändern?
  • Wo müssen Sie den Hebel ansetzen, um effektiver oder effizienter sein zu können?
  • Welche Helfer (z. B. Fachleute, Freunde, Coachs) können Sie dabei unterstützen?
  • Welche Strategie entwickeln Sie?
  • Stellen Sie sich die Frage, wo Sie vor fünf Jahren standen.
  • Fragen Sie sich, wo Sie vor zehn Jahren standen.
  • Wo stehen Sie heute?
  • Hätten Sie vor fünf oder zehn Jahren geglaubt, dass Sie heute dort stehen würden, wo Sie heute stehen? Hätten Sie es sich gewünscht?
  • Wie wird Ihr Leben in fünf Jahren aussehen?
  • Was werden Sie in zehn Jahren sein?

Bei der Beantwortung dieser Fragen: Was geht Ihnen da durch den Kopf? Nehmen Sie wahr, was in Ihnen steckt, und nutzen Sie dabei Gelegenheiten, um Ihre Talente unter Beweis zu stellen? Denken Sie dabei nicht zu bescheiden von sich. Denken Sie groß, trauen Sie sich etwas zu, ohne dass Sie sich dabei selbst überschätzen. Auch Selbstcoaching-Übungen können Ihnen zu einer relativ objektiven Selbsteinschätzung verhelfen.

Sagen Sie Stopp!

Dabei ist es auch immer wieder sinnvoll, Ihre eigenen Gedanken zu beobachten. Werden Sie sich Ihrer inneren Kommunikation bewusst und achten Sie auf Ihre Selbstgespräche. Machen Sie sich bewusst, dass innere Zwiegespräche während Ihrer Wachphasen permanent ablaufen: Sie gehen Ihrer Alltagsbeschäftigung nach und verrichten Ihre Aufgaben wie gewohnt. Dabei nehmen Sie ein Ereignis von außen wahr, was sich zunächst Ihrer direkten Einflussnahme entzieht. Jedoch sind Sie nach der Verarbeitung dieses Wahrnehmungsvorganges in der Lage, darauf innerlich, aber auch aktiv zu reagieren. Automatisch führen Sie ein Selbstgespräch, welches von Ihren Emotionen begleitet wird, Sie können es aber in eine bestimmte Richtung lenken. So entsteht ein Verhalten, dass Sie steuern. In diesem Automatismus bedingt eine Ebene die andere.

Und auch hier gilt: Reflektieren und analysieren Sie die Kernglaubenssätze, die Sie im Laufe Ihrer Biographie verinnerlicht haben. Dabei sind die negativen ebenso wie die positiven Schlüsselsätze wie auf einem PC gespeichert. In Beratungs- und Therapieprozessen habe ich immer wieder von Klienten negative Schlüsselsätze gehört wie:

  • „Das kann ich nicht!“
  • „Das ist zu schwer für mich!“
  • „Ich habe kein Talent!“
  • „So etwas passiert mir immer!“
  • „Es hat mit mir keinen Sinn!“

Wenn diese und ähnliche Kernglaubenssätze Ihre Begleiter sind, dann sagen Sie energisch STOPP!!!

Werden Sie sich darüber bewusst, dass Ihre negativen Selbstüberzeugungen wie selbsterfüllenden Prophezeiung wirken und Sie somit den negativen Ausgang des Geschehens bereits vorwegnehmen. Sie sind, was Sie zu sein glauben.

Geben Sie sich selbst einen Ruck und überwinden Sie bewusst Ihre Angst oder Ihre innere Trägheit und sprechen Sie sich Mut zu. Äußern Sie eine positive Formulierung, schreiben Sie diese auf. Wenn es für Sie hilfreich ist, hängen Sie diese Aussage sichtbar in Ihrem Haus oder in Ihrer Wohnung auf, sodass Sie immer wieder an Ihren Entschluss erinnert werden. Nur der Wille setzt Entschlüsse in Handlungen um. Ersetzen Sie negative Schlüsselsätze durch positive.

TIPP: Sagen Sie sich Ihre positive Selbstaussage immer laut und leise vor. Setzen Sie jeden Tag einen oder mehrere Ihrer (positiven) Kernglaubenssätze praktisch um.

Glauben Sie an sich! Sämtliche Vorgänge wie sprechen, lesen, essen, laufen etc. werden durch einen Gedankengang eingeleitet. Hinter jedem Gedanken steckt eine enorme Kraft. Es ist Ihr Geist und Ihr Denken, die darüber entscheiden, wer und was Sie sind.

 

Weitere positive Worte, die im Alltag eine Unterstützung und Ausrichtung bieten, Ihr Selbstbewusstsein und Ihre Zufriedenheit stärken sollen, finden Sie im aktuellen Lebensperspektiven-Kalender 2017: Für jede Kalenderwoche des Jahres finden Sie dort einen Rat zur aktiven Lebensgestaltung, den Sie in Ihr Leben integrieren können. Sie werden dabei Neues lernen, motiviert werden und ungewöhnliche Wege zu Ihrem persönlichen Erfolg entdecken.

Ganz nach dem Motto: „Jeder Tat geht ein Gedanke voraus.“ (Ralph Waldo Emerson)

 

diessner-2016  Über den Autor:

Dr. phil. Helmar Dießner ist Erziehungswissenschaftler und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut, Psychotherapeut (HPG) sowie Management- und Motivationstrainer. Er ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt in Hamm (Westfalen).

Entdecke die Möglichkeitsräume, die in dir angelegt sind

So tun, als ob: Über die Chance der Flexibilität

Von: Sabine Claus

Viele Menschen erleben die heutige Arbeitswelt voller Widersprüche und Paradoxien. Einerseits wird uns ständig suggeriert, dass wir völlig freie, selbstbestimmte Individuen seien: Als Mitarbeiter stehen wir im Mittelpunkt, sind das wichtigste Potenzial, dürfen unsere Jahresarbeitszeit flexibel einsetzen, unsere Kreativität zur Entfaltung bringen und unser persönliches Entwicklungsziel definieren. Als Führungskraft stehen wir im Mittelpunkt, denn wir gestalten die Zukunft unserer Organisation.

Andererseits wird zugleich ein enormer Leistungsdruck erzeugt, indem uns die Medien, unser Umfeld und die Erfolgskennzahlen, an denen wir gemessen werden, vormachen, wir seien erst dann wirklich genügend wert, wenn wir die perfekte Zielerreichung, die perfekte Leistung, die perfekte Kundenzufriedenheit, ein perfektes Netzwerk und eine perfekte Opportunity-Pipeline vorweisen – und dies stets dynamisch und gut gelaunt, aber neuerdings auch demütig und achtsam.

Angesichts dieser Ambivalenz ist es kein Wunder, dass sich bei vielen Menschen ein chronisches Gefühl von Unzulänglichkeit entwickelt und damit verbundene stetige Selbstzweifel, innere Unruhe und Erschöpfung. Man nimmt sich als Spielball äußerer Kräfte wahr, ständig bemüht, seine vermeintliche Freiheit zu nutzen, zugleich immer neue, vorgegebene Ziele zu erreichen und obendrauf erfolgreicher Selbstmanager zu sein.

Klarheit erlangen: Was möchte ich erleben?

In unserer beschleunigten und unsteter werdenden Arbeitswelt, in der heute getroffene Entscheidungen morgen schon wieder korrigiert werden, in der vor lauter Optimierung und Zwang zu zeitraubendem Reporting kaum noch Raum zum gründlichen Nachdenken bleibt, kann es für den Einzelnen hilfreich sein, wieder bewusster mit sich selbst in Kontakt zu treten. Um nicht zwischen die Mühlsteine multipler und sich widersprechender äußerer Erwartungen zu geraten, bietet es sich an, sich von Zeit zu Zeit folgende Frage zu stellen: „Welches wäre in einer bestimmten Situation mein gewünschtes Erleben?“ Die Frage mutet auf den ersten Blick vielleicht ungewohnt an. Sie birgt aber die Chance in sich, auch in vordergründig fremdbestimmten Situationen, die Möglichkeitsräume, die in uns angelegt sind, dergestalt zu nutzen, dass wir mit unserem Dasein und Handeln wirksam sein können.

Ein Beispiel: Der Vertriebsmitarbeiter einer internationalen Medizintechnikfirma, der von seinen Kollegen und Kunden als angenehm, verträglich und zurückhaltend beschrieben wird, muss jeden Montagabend zum Rapport antreten, um die erneute Nicht-Erreichung seiner realitätsfremden Ziele zu rechtfertigen. Sein Vorgesetzter, der Stunden zuvor dasselbe Ritual mit seinem Chef-Chef absolviert hat, zeigt ein autoritäres, cholerisches Verhalten. Das übliche Verhaltensmuster, das sich jeden Montagabend wiederholt, besteht aus einem Druck ausübendem Vorgesetzten und einem eingeschüchterten Vertriebsmitarbeiter, der sich entweder mit dünnen Argumenten rechtfertigt oder schuldbewusst resigniert. Würde sich der Vertriebsmitarbeiter die Frage stellen „Welches wäre in dieser Situation mein gewünschtes Erleben?“, würde er vielleicht antworten: „Ich möchte mich gerne weniger in die Ecke gedrängt und klein gemacht erleben.“ Positiv formuliert: „Ich möchte mich handlungsfähig, durch meinen Vorgesetzten respektiert und dadurch aufrecht erleben.“

Der Vertriebsmitarbeiter kann im Moment weder seine zu hoch angesetzten Ziele korrigieren, noch seinen unbeherrschten Vorgesetzten austauschen, zugleich will er seinen Arbeitsplatz behalten. Mit Hilfe der Frage „Was wäre mein gewünschtes Erleben?“ gelangt er zu einem erstrebenswerten Ziel: „Ich möchte mich handlungsfähig, respektiert und aufrecht erleben.“ Wenn er nun denken würde: „Ich bin halt so, wie ich bin“, und statisch in seiner zurückhaltenden Persönlichkeit verharren würde, würde sein Stresslevel jeden Montagabend aufs Neue über die Maßen beansprucht werden. Auch sein Vorgesetzter würde sein cholerisches Verhalten beibehalten, denn auch er „ist halt so“. Ein eingespieltes Muster.

Die restlichen neun Zehntel der Persönlichkeit

Wäre es nicht besser, wenn der angepasste Vertriebsmitarbeiter mehr aus sich herausginge und sich behauptete? Psychologen bestätigen, dass es in speziellen Situationen von Vorteil sein kann, wenn man sich ganz bewusst anders verhält, als es die eigene Persönlichkeit vorgeben würde. Manchmal ist es einen Versuch wert, etwas zu tun, was einem gerade nicht im Blut liegt. In seinem Buch Flex: Do Something Different (2011) benutzt der Arbeits- und Gesundheitspsychologe Ben Fletcher das Verb to flex, was sich mit dehnen oder biegen übersetzen lässt. Er betont, dass es zuweilen besser sei, etwas zu tun, was gegen seine natürlichen Tendenzen geht. Fletcher ist überzeugt, dass jede Person über die Fähigkeit verfügt, unterschiedliche Personen zu verkörpern. Wenn man ihm glaubt, ist nicht nur offensiveres, selbstbehauptendes Verhalten erlernbar, sondern jedes andere. Mit Hilfe seines Trainingsprogramms lassen sich „die anderen neun Zehntel“ der eigenen Persönlichkeit entwickeln. Hierbei setzt er aufs Tun. „Mann kann einem Menschen nicht einfach sagen, er solle sich verändern. Ein Mensch muss etwas anderes tun, um Veränderung möglich zu machen.“

Hier setzt die So-tun-als-ob-Idee an. Man tut so, als ob der gewünschte Erlebenszustand bereits Realität wäre. Der Vertriebsmitarbeiter tut so, als ob er sich als handlungsfähig, motiviert und aufrecht erleben würde. Diese Idee mutet vielleicht simpel an. Doch sie kann Wirkung erzielen, sowohl für denjenigen, der sie anwendet, als auch für die Interaktionspartner, in unserem Beispiel also für den Vorgesetzten.

Die moderne Neurobiologie belegt, dass Erleben nie konstant ist und in jeder Sekunde neu gestaltet wird – durch Fokussierung von Aufmerksamkeit und durch Bildung bzw. Reaktivierung von Netzwerken von Erlebniselementen: Wir geraten also zu jeder Zeit durch neue Ereignisse in neue Erlebenszustände. Der Vertriebsmitarbeiter könnte mit Hilfe der So-tun-als-ob-Idee ausprobieren, ob er erstens in seinem eigenen Erleben einen Unterschied erzeugen und zweitens durch sein verändertes Erleben sein Verhalten verändern und damit auch ein verändertes Verhalten beim Vorgesetzen auslösen könnte. Denn jeder Gedanke eines Menschen löst eigene Haltungen und Handlungen aus, auf die andere reagieren – und uns wiederum in dem bestätigen, was wir zu sein glauben. Der zurückhaltende Vertriebsmitarbeiter provoziert die ungebremsten Vorwürfe und Schuldzuweisungen seines Chefs, weil sein Verhalten von der Selbsteinschätzung geprägt ist: „Diese Ziele kann ich eh nie schaffen.“ Und wer derart resigniert, hat bereits verloren.

Die Möglichkeiten, sich selbst seinem gewünschten Erleben näher zu bringen, sind deshalb größer, als viele meinen. Jeder kann zumindest zeitweise über sich hinauswachsen, die Grenzen des eigenen Ichs sprengen. „Ich bin nun einmal so, wie ich bin, und kann nicht anders!“ Dieser Satz gerät damit zur bequemen Ausrede. Es ist zwar nicht zu leugnen, dass die Welt sich immer schneller wandelt. Daraus resultiert der Zwang, ständig dranzubleiben und sich weiterzuentwickeln. Aber das Unfertige in uns muss kein Mangel sein, sondern eine Chance. Es steckt immer eine Möglichkeit darin.

Welche Möglichkeiten das sein können, ist vielfach aufgezeigt worden, unter anderem durch eine 1979 durchgeführte Studie der Harvard-Psychologin Ellen Langer. Sie schickte eine Gruppe von Männern um die 80 für eine Woche auf eine Art Zeitreise in ein abgeschiedenes Wohnhaus. Alles war eingerichtet wie 20 Jahre zuvor, es gab sogar Musik wie vor 20 Jahren, und ebenso waren Zeitungen, das Fernsehprogramm und die Kleidung entsprechend angepasst. Vor allem aber durften die Männer nicht in der Vergangenheitsform über sich sprechen und nichts erwähnen, was nach 1959 stattgefunden hatte. Ihre Aufgabe war es, so zu tun, als ob sie im Jahr 1959 lebten. Die Verwandlung war absolut verblüffend: Die zu Beginn hilfsbedürftigen Männer kamen plötzlich wieder allein zurecht. Ihr Gehör, ihr Gedächtnis und ihre geistige Flexibilität verbesserten sich, der Blutdruck sank. Messungen an den Handwurzelknochen ergaben, dass diese stärker geworden waren. Nur so zu tun, als wären sie jünger, war für die Probanden ein wahrhafter Jungbrunnen.

In Fachkreisen werden die Studien von Ellen Langer in ihrer Methodik und Validität zum Teil heftig kritisiert. Zugleich ist es unbestritten, dass sich die So-tun-als-ob-Idee positiv auf das subjektive Erleben der Studienteilnehmer ausgewirkt hat, egal, ob deren Gesundheit tatsächlich nachhaltig verbessert wurde. Auch andere Wissenschaftler kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Die So-tun-als-ob-Idee öffnet neue Möglichkeitsräume im eigenen Erleben und Handeln und wirkt unmittelbar auf das System ein, in dem wir uns gerade befinden.

„So tun, als ob“ eröffnet neue Handlungsräume

Die So-tun-als-ob-Idee funktioniert in vielen Situationen. Sie kann bei der Realisierung des gewünschten Erlebens und der Gestaltung von Interaktionen gute Dienste leisten. Die nachfolgenden Beispiele werden von der kritischen Leserschaft vielleicht als nicht authentisch, weil gespielt, oder gar als heuchlerisch abgetan. Jedoch hat die Entdeckung der Spiegelneurone im menschlichen Gehirn unter anderem gezeigt, dass auch gespielte Gefühle beim anderen dieselben Resonanzreaktionen auslösen können wie tatsächliche Emotionsregungen. Solange das Einnehmen einer bestimmten Rolle sinnvolle Seiten hat, darf es als Ausdruck sozial-emotionaler Intelligenz betrachtet werden.

Deshalb lohnt es sich, einmal damit zu experimentieren und das Vorher und Nachher miteinander zu vergleichen: Wer glücklicher werden will, sollte sich benehmen, als wäre er schon froh, und sollte möglichst viel lächeln, das hebt die Stimmung. Wer selbstbewusster werden möchte, kann sich zum Beispiel lässig im Stuhl zurücklehnen und die Hände hinter dem Kopf falten. Wer sich weniger in die Ecke gedrängt fühlen möchte, könnte einen Platz im Zentrum des Tisches wählen und direkten Augenkontakt suchen. Wer respektiert werden möchte, nimmt eine bewusst aufrechte Körperhaltung ein. Wer möchte, dass man ihm zuhört, tut so, als ob er die wichtigste Botschaft vertreten würde, die heute geäußert wird – und wählt ganz unwillkürlich eine starke Sprache. Wer befördert werden möchte, könnte sich als ersten Schritt entsprechend kleiden. Wer ernst genommen werden möchte, ist ernst, lehnt sich nach vorne und verschafft sich Gehör.

Aber: So tun, als ob, das ist auch anstrengend. Um Überforderung vorzubeugen, ist es wichtig, sich bewusst Erholungsnischen zu schaffen. Das können Situationen oder Orte sein, in denen man so sein kann, wie man von Natur aus am ehesten ist. Eine weitere Voraussetzung dafür, dass das Aus-der-Rolle-Fallen nicht enorm anstrengend wird, ist, dass es dazu dient, einem echten, tiefen Erlebenswusch näherzukommen. Etwas, was uns von innen heraus bewegt. Das Streben nach dem Zustand dieser inneren Stimmigkeit gilt als einer der stärksten Antreiber im Leben.

Der Vertriebsmitarbeiter, den ich aus einer Beratung kenne, hat mit der So-tun-als-ob-Methode übrigens sein Selbstwertgefühl punktuell gesteigert und seinen cholerischen Chef, wenigstens zeitweise, zu einem konstruktiveren Dialog bewegen können. Inzwischen wurde der Vorgesetzte entlassen.

Wenn Sie die So-tun-als-ob-Methode selbst ausprobieren möchten, können Sie folgendes tun:

  1. Vergegenwärtigen Sie sich Ihren Erlebenswusch. Stellen Sie sich dann in allen Einzelheiten vor, wie es wäre, wenn dieser Wunsch erfüllt wäre:
  • Was würden Sie genau tun?
  • Wie würden Sie sich bewegen?
  • Wie wäre Ihre Körperhaltung?
  • Was würden Sie anziehen?
  • Über was würden Sie sprechen und in welchem Tonfall?
  • Wie würden Sie sich fühlen?
  • Welche Musik würden Sie hören?
  1. Tun Sie dann in einer bestimmten Situation so, als ob sich Ihr Erlebenswunsch bereits erfüllt hätte.
  1. Vergleichen Sie anschließend die Unterschiede zwischen vorher und nachher. Was hat Sie Ihrem gewünschten Erleben näher gebracht? Was hat Ihnen gut getan? Wo konnten Sie neue Dimensionen bei sich selbst entdecken?

In Kurzform heißt das: Erlebenswunsch bewusst machen und so tun, als ob dieser schon erfüllt sei. Neue Handlungsräume zeigen sich. Und das gibt neuen Schwung.

 

Weiterführende Informationen und Quellen

 

Claus_Sabine_NEU-2015   Über die Autorin

Sabine Claus ist Betriebswirtschaftlerin und Master of Advanced Studies in Coaching & Organisationsberatung. Sie hilft Unternehmen in Veränderungsprozessen und begleitet Menschen in ihrer Persönlichkeitsentwicklung sowie in den Bereichen Selbst- und Mitarbeiterführung, Team und Konflikt, Karriere und Auftrittskompetenz.

Wer konnte punkten? – Das erste Clinton-Trump-TV-Duell mimisch betrachtet

In der Nacht vom 26. auf den 27. September fand das erste TV-Duell zur amerikanischen Präsidentschaftswahl statt. Wer würde besser abschneiden? Würde Donald Trump verbal und emotional entgleisen? Würde Hillary Clinton ihr Image, arrogant und unterkühlt zu sein, verändern können? Und: Wie fit würde sie nach ihrem Zusammenbruch infolge einer Lungenentzündung sein?

Auch in Deutschland wurde das TV-Duell von großem Interesse begleitet. In den Nachrichten am 27. September lautete das Urteil: Punktsieg und leichte Vorteile für Clinton, aber kein K.o.-Schlag für Trump.

Dirk W. Eilert

Dirk W. Eilert

Ein Junfermann-Autor absolvierte am 27. September einen wahren Pressemarathon. Die Rede ist von Dirk Eilert, Experte für Mimik, Körpersprache und Emotionen. Von seinem Buch Mimikresonanz. Gefühle sehen. Menschen verstehen wurden seit dem Erscheinen vor drei Jahren mehr als 10.000 Exemplare verkauft.

Dirk Eilert war medial auf allen Kanälen unterwegs: Morgens im Fernsehen und zwar im Sat1-Frühstücksfernsehen. Dort wurde er von Moderator Daniel Boschmann befragt. Abends dann konnte man ihn in der von Alexander Kähler moderierten Phoenix-Runde sehen, zusammen mit dem Journalisten Matthew Karnitschnig (Politico), dem Kommunikationsberater  Axel Wallrabenstein und Sudha David-Wilp (German Marshall Fund).
„Trump stand nur einmal wirklich unter Stress“, lautete seine Bilanz in einem Interview mit der Zeitung Die Welt. Bleibt noch, ein Radiointerview mit DRadio Wissen in diese Aufzählung aufzunehmen.

Und zu welchen Ergebnissen ist Dirk Eilert nun gekommen? Zunächst einmal haben beide, sowohl Clinton als auch Trump, das umsetzen können, was sie sich vorgenommen hatten. Er ist staatsmännischer rübergekommen, sie nicht ganz so unterkühlt. Bei diesem Zusammentreffen eines Extrovertierten mit einer Introvertierten lässt sich wohl bei Clinton eine größere cover-vorschauEntwicklung feststellen. Dirk Eilert beobachtet Hillary Clinton bereits sehr lange, in ihrer Zeit als First Lady und danach als Senatorin und dann als Außenministerin. In ihrer Körpersprache ist sie expressiver geworden. „Trump ist Trump“, meint Dirk Eilert. Er ist kongruent in dem was er sagt und wie er es ausdrückt. Clinton hat, im Gegensatz zu Trump, immer mal wieder Stresssignale gezeigt. Dabei hatte ihr Kontrahent in diesem TV-Duell diverse schwierige Themen (vorerst) ausgespart. Allerdings zeigte er auch ein Dominanzgebaren, das ihm nicht unbedingt Sympathiepunkte einbringen dürfte. So blieb er bei der Begrüßung kurz stehen, zwang Clinton dadurch, auf ihn zuzugehen. Dann legte er ihr die Hand auf den Rücken, eine Geste, die dem Ranghöheren bei einem Rangniedrigeren „zustehen“ würde. Bei der Verabschiedung wiederholte er das, sogar noch in verschärfter Form. Wie ein „guter Onkel“ klopfte er ihr gönnerhaft auf den Rücken.

Das sind nur einige Schlaglichter. Die ausführlichen Analysen von Dirk Eilert können Sie nachlesen, nachhören bzw. in Videoclips anschauen – und zwar hier:

Sat1 Frühstücksfernsehen

Phönix-Runde

Interview in „Die Welt“

Interview im DRadio Wissen

 

Diagnose Autismus

Wie gehen die Eltern betroffener Kinder damit um?

Von Dr. Prithvi Perepa

Jede Familie ist anders. Daher fallen auch die Reaktionen von Eltern auf die Autismus-Diagnose ihres Kindes sehr individuell aus. In manchen Fällen kann der Weg bis zur offiziellen Diagnose traumatischer sein als die Diagnose selbst. Viele Eltern, mit denen ich gearbeitet habe, berichteten mir, dass sie gut zehn Ärzte aufsuchen mussten, bis ihr Kind letztendlich dem Autismusspektrum zugeordnet wurde. Während Ärzte bei klassischeren Symptomen des Autismus mit größerer Sicherheit die Diagnose stellen, lassen sich hochfunktionaler Autismus oder das Asperger-Syndrom nicht so leicht identifizieren. Die resultierenden Verhaltensauffälligkeiten sind subtiler.

Symptome oft nach außen nicht sichtbar

Das nicht immer gleich offensichtliche Erscheinungsbild des Autismus macht es einigen Eltern zusätzlich schwer, die Diagnose zu akzeptieren. Handelt es sich bei dem betroffenen Kind um ihr Erstgeborenes, bemerken sie das abweichende Verhalten unter Umständen nicht einmal, bis ein Arzt sie dann darauf hinweist oder Probleme auftreten – dies geschieht oft erst im Kindergarten. Manche Eltern empfinden einen schmerzlichen Verlust ob des „perfekten“ Kindes, das sie meinen, verloren zu haben. Es fällt ihnen schwer, anderen die Diagnose zu erklären, da die Symptome sehr unscheinbar wirken können. Darüber hinaus kann es eine große Herausforderung darstellen, wenn der Nachwuchs sich scheinbar normal entwickelt und plötzlich eine Fähigkeit, wie z.B. das Sprechen, wieder verliert. Eltern geben sich möglicherweise selbst die Schuld dafür, dass ihr Kind autistisch ist. Sie haben das Gefühl, als Eltern versagt zu haben. Daher ist es äußerst wichtig, dass Ärzte sehr sensibel vorgehen, wenn sie die Diagnose überbringen. Sie müssen zuvor sichergestellt haben, dass den Eltern die nötige Unterstützung zur Verfügung stehen wird.

Obwohl Untersuchungen nahelegen, dass sich der Grad der Unterstützung, die eine Familie erhält, darauf auswirkt, wie sie den Autismus des Kindes aufnehmen, muss das Thema Unterstützung vorsichtig gehandhabt werden. Bei den Eltern darf nicht der Eindruck entstehen, dass ihre elterlichen Instinkte unzureichend wären. Erlernte Hilflosigkeit wäre die Folge. Es ist eine Tatsache, dass Eltern im Gegensatz zu ausgebildeten Fachleuten nicht das Wissen haben, um ein Kind mit Autismus fachgerecht zu unterstützen – doch viele Aspekte des Umgangs mit autistischen Kindern beruhen einfach auf guten Erziehungsmethoden. Fachpersonal auf diesem Gebiet sollte die Eltern also darin bekräftigen, ihren Instinkten zu vertrauen, es sollte die elterlichen Stärken hervorheben und ihnen geeignete Literatur, Anlaufstellen und weitere Unterstützung anbieten.

Nicht alle Eltern reagieren bestürzt, wenn bei ihrem Kind Autismus diagnostiziert wird. Viele sind erleichtert, dass es endlich offiziell ist, da sie vielleicht schon Monate oder in vielen Fällen Jahre vor der Diagnose diese Vermutung hatten. Doch auch diese Gruppe von Eltern benötigt Hilfe, wenn es um praktische Aspekte wie häusliche Betreuung oder schulische Maßnahmen geht. Einige Eltern sind zu Anfang in der Lage, ihrem Kind die Förderung zu geben, die es braucht, erkennen jedoch nach einer Weile, dass sie doch Hilfe in Anspruch nehmen möchten. Daher ist es sehr wichtig, dass Ärzte, anderes Fachpersonal und entsprechende Betreuungseinrichtungen flexibel auf die Bedürfnisse dieser Familien eingehen.

Das Labyrinth von schulischen Einrichtungen und Förderung

Nachdem die Diagnose Autismus gestellt worden ist, verwenden Eltern oft sehr viel Zeit darauf, die besten Fördermöglichkeiten für ihr Kind zu finden. All jene, die Erfahrung auf dem Gebiet der Sonderpädagogik oder des Autismus haben, wissen, wie schwierig es ist, die beste Entscheidung hinsichtlich angemessener Fördermaßnahmen zu treffen. Welcher Schultyp passt zu meinem Kind? Soll es auf eine normale oder auf eine Förderschule gehen? Welche Maßnahmen werden die besten Resultate bringen? Welche Therapien sollte mein Kind erhalten? Eltern werden mit all diesen Fragen konfrontiert, zu denen es sehr wenige unvoreingenommene, wissenschaftliche Studien gibt, die ihnen bei der Entscheidung helfen könnten. Was sie aber immer und immer wieder hören, ist die Aussage, dass das Kind so früh wie möglich gefördert werden sollte, was den Druck auf die Eltern nur noch erhöht.

Auch wenn die Eltern die richtigen Entscheidungen getroffen haben, stehen ihnen die gewünschten Förderungsmaßnahmen nicht automatisch auch zur Verfügung. Wartelisten können sehr lang sein oder Aufnahmekriterien so streng, dass das Kind sie nicht erfüllt. Familien bringen oft große finanzielle Opfer, um ihrem Kind die beste Förderung zu sichern, und einige dieser Programme verlangen den Eltern regelmäßig außerordentliche Leistungen ab. Dies kann sich auf die Familiendynamik auswirken und die Eltern daran hindern, ihren anderen Kindern genügend Aufmerksamkeit zu schenken. Sonderpädagogen müssen stets im Hinterkopf behalten, dass das autistische Kind, um das sie sich kümmern, auch immer Teil einer Familie ist. Wie Bronfenbrenner in seinem ökosystemischen Ansatz aufzeigt, wirken sich Veränderungen in der Familiendynamik auf das Erlebnis des Kindes und damit seine Entwicklung aus.

Soziale und kulturelle Wahrnehmung

Individuelle Erfahrungen werden oft davon beeinflusst, wie Menschen im Umfeld der Person auf sie reagieren – die Gesellschaft oder das Makrosystem, wie Bronfenbrenner es nennt. Viele Eltern, mit denen ich gearbeitet habe, fanden es schwieriger, mit den Reaktionen ihres erweiterten Familienkreises und der Gesellschaft im Allgemeinen umzugehen, als mit dem Autismus ihres Kindes an sich. Autismus hat in der Gesellschaft in den letzten Jahren dank Medienpräsenz stark an Bekanntheit zugenommen. Während fast jeder das Wort Autismus schon einmal gehört hat, gibt es jedoch noch immer große Unterschiede, was das adäquate Verständnis für diese Entwicklungsstörung angeht. Zudem lassen sich die Menschen von Stereotypen beeinflussen, die sie in den Medien präsentiert bekommen. Einige Eltern erzählten mir, dass Menschen in ihrem Umfeld sich nicht davon abbringen ließen zu glauben, dass das autistische Kind lediglich frech wäre. Andere berichteten von Leuten, die enttäuscht reagierten, weil das Kind keine außergewöhnlichen Fähigkeiten hatte, wie sie es aus dem Fernsehen oder Büchern gewohnt waren.

Unsere Wahrnehmung individuellen Verhaltens wird auch dadurch beeinflusst, was wir als Gesellschaft als wichtig ansehen. Die meisten europäischen Länder werden immer multikultureller, was bedeutet, dass Eltern aus verschiedenen Kulturkreisen Autismus unterschiedlich wahrnehmen und andere Erwartungen bezüglich der gewünschten Unterstützungsoptionen haben. Während es für eine/n Lehrer/in zum Beispiel wichtig sein mag, dass ein Kind sich auf eine Aufgabe konzentrieren kann oder sein fantasievolles Spielen weiterentwickelt, priorisiert die Familie unter Umständen die Fähigkeit des Kindes, an religiösen oder sozialen Treffen teilzunehmen oder seine schulischen Leistungen zu verbessern. Solch unterschiedliche Prioritäten kann die Zusammenarbeit von Eltern und Fachpersonal erschweren.

Wie bekannt Autismus in der Bevölkerung ist, hängt zudem oftmals von den Gesellschaftsschichten ab. Dies kann dazu führen, dass es für einige Eltern sehr viel schwieriger ist, den Menschen in ihrer Umgebung die Autismus-Diagnose ihres Kindes zu erklären. Unter Umständen ist auch die Fachliteratur in bestimmten Sprachen begrenzt, was den Zugang zu den neuesten Studien erschwert. Es verwundert daher nicht, dass meine Arbeit und Studien gezeigt haben, wie sehr auch kulturelle Faktoren die Akzeptanz einer Diagnose beeinflussen. Das Zurverfügungstellen von Information und relevanten Leistungen spielt eine große Rolle dabei, fachliche Anlaufstellen und unsere Gesellschaft im Allgemeinen im Sinne der Inklusion zu gestalten. Wie ich zu Beginn dieses Blogbeitrags bereits erwähnt habe, empfindet jede Familie das Leben mit einem autistischen Kind auf ihre individuelle Weise. Daher ist es wichtig, neben den grundsätzlichen Aspekten, die es bei der Betreuung zu beachten gilt, immer zuvorderst die Familie als Quelle relevanter Information zu sehen. Sie teilen uns ihre Ängste, Herausforderungen und Prioritäten mit – hören Sie ihr einfach zu.

(Übersetzerin: Julia Welling)

 

Perepa_Prithvi  Über den Autor

Dr. Prithvi Perepa ist Dozent an der Universität in Northampton. Seit über 20 Jahren arbeitet und forscht er auf dem Gebiet des Autismus. Weitere Informationen zum Autor erhalten Sie hier.

Perepa-AutismusKleinkindalter_VAR1.qxp_Cover-Vorschau  Im Junfermann Verlag erscheint in Kürze sein Buch Autismus im Kleinkindalter. Professionelle Helfer und auch Angehörige finden hier wichtiges Hintergrundwissen und Übungen, um autistische Kinder in ihrer Entwicklung zu fördern – empathisch und fundiert dargestellt.

Danke, jetzt nicht!

Sei dein eigener Changeman

Von Horst Lempart

Sie sitzen an Ihrem Schreibtisch und ziehen Bilanz. Währenddessen scheint draußen das Leben an Ihnen vorbeizuziehen. Sie versuchen innezuhalten und sich auf den Augenblick zu besinnen. Gleichzeitig werden Sie mit unzähligen Ablenkungen konfrontiert: „Leben ist das, was an dir vorbeizieht, während du Pläne schmiedest“ habe ich neulich auf einem Plakat gelesen. Der Strom des Lebens steht nie still. Wer nicht mitschwimmt oder sich von ihm mitreißen lässt, der bleibt wie ein vertäutes Schiff am Ufer zurück. Ohne seine Bestimmung zu finden, blättert mit der Zeit der Lack ab.

„Change“ ist das Schlagwort unserer Zeit. Veränderung ist alles. Ohne Veränderung ist alles nichts. Wer nicht mit der Zeit geht, der geht mit der Zeit. Höher, weiter, schneller, unsere Leistung wird an Superlativen gemessen. Heute reicht es eben nicht mehr, ein Star oder Sternchen zu sein. Heute gehört nur Superstars die Zukunft.

Die Produktlebenszyklen werden immer kürzer. Auch kleinste Produktvariationen kommen in immer kürzeren Abständen auf den Markt. Manchmal frage ich mich, worin denn nun überhaupt die entscheidende Verbesserung liegt.

Veränderungsprozesse in Unternehmen sind die Regel, nicht mehr die Ausnahme. Mitarbeiter sind aufgefordert, durch Gesundheitsberatungen, Stress- und Resilienztrainings ihr psychisches Immunsystem zu stärken. Man könnte auch von einem betrieblichen Gesundheits-Changemanagement sprechen. So können Mitarbeiter den Veränderungsforderungen kraftvoller nachkommen.

Durch virtuelle Netzwerke rückt die Welt immer näher zusammen. Mit Internet und Mobilfunk sind wir heute im entlegensten Winkel der Welt erreichbar. Wer sich nicht auf die modernen Kommunikationsmedien einlässt, der scheint den Anschluss an die Gesellschaft zu verlieren.

Unter diesen Gesichtspunkten stelle ich mir die Frage: Wie frei sind wir überhaupt, um über unsere eigene Veränderung zu entscheiden? Neurowissenschaftler gehen einer ganz ähnlichen Frage nach: Wie frei ist unser Wille? Trifft unser Unterbewusstsein unsere Entscheidungen? Als systemischer Coach interessiere ich mich besonders für den Aspekt: Inwieweit ermöglicht uns unsere (System-)Umwelt überhaupt die Entscheidung? Und welche Rolle spiele ich als einzelne Person hierbei? Ich bewege mich hier im Feld der Sozial- und Persönlichkeitspsychologie.

Ein zentrales Bedürfnis des Menschen ist die Zugehörigkeit. Es mag heute nicht mehr überlebenswichtig sein, zu einer Gemeinschaft zu gehören. Aber die Sehnsucht, dabei zu sein, sich angenommen zu fühlen, sich mitzuteilen, Teil eines größeren Ganzen zu sein, ist nach wie vor in uns Menschen tief verwurzelt. Nie war das Angebot an „analogen“ und virtuellen Gruppen größer als heute. „Unter seinesgleichen“ zu sein scheint vielleicht dann umso verlockender, wenn man sich als eigene Persönlichkeit gar nicht mehr richtig erkennt oder wahrnimmt. Dann kann die Gemeinschaft ein Stück Identität zurückverleihen.

Das mag ketzerisch klingen. Soll es auch. Ich bin der Meinung, dass viele Anpassungsforderungen unter dem Deckmäntelchen des „Change“ daherkommen. „Change dich so, dass es für uns passt, dann passt das schon.“ Wir sollen passen: In die Organisation, in den Markt, in das politische System, in die Peergruppe. Selbst Familie und Partnerschaft scheinen in vielen Fällen heute die „Passung“ als übergeordnetes Ziel zu definieren. Verändern wir uns, um zu passen? Ist Change die ökonomische Form einer gesellschaftlich längst akzeptierten Gleichmacherei?

Ich möchte Sie dazu animieren, auch die Phasen des „Stillstandes“ als Wert zu entdecken. Ich meine damit ausdrücklich nicht die Erholungszeiten im Urlaub, das Besinnungswochenende im Kloster oder das autogene Training nach Feierabend. Ich meine auch nicht die Fünf-Minuten-to-go-Mediation. All diese Maßnahmen verfolgen in der Regel das gleiche Ziel: Uns ausreichend gut vorzubereiten für den nächsten Wandel. Als Phase des Nicht-Wandels meine ich die ganz bewusste Entscheidung, die Dinge zu lassen, wie sie sind. Sich auf das zu besinnen, was ist. Vielleicht ganz einfach zufrieden und dankbar dafür zu sein. „Nein“ sagen zu können und zu betonen: „Danke, jetzt nicht“ oder „Das passt nicht zu mir“.

In meinem Buch Das habe ich alles schon probiert gehe ich auf den großen Wert der Dauerhaftigkeit ein. Die Dauer scheint in unserer schnelllebigen, getriebenen Gesellschaft keine große Lobby mehr zu haben. Dabei kann es wichtig, manchmal sogar äußerst vorteilhaft sein, alles zu lassen, wie es ist. Sie kennen das, wenn die Zeit nicht reif ist. Oder wenn die Lösung schlimmer ist als das Problem. Oder wenn die Vorteile des Status quo bei genauerer Betrachtung doch größer sind als die Nachteile.

Es gibt eine ganze Anzahl von Gründen, warum sich Menschen mit Veränderungen schwertun. Sieben davon habe ich in meinem Buch vorgestellt. Diese „Ketten“, die zur Nicht-Veränderung zum „Un-Change“ führen, erfüllen wiederum einen Sinn. Und genau darum geht es im Kern: Veränderung muss für den einzelnen Menschen einen Sinn machen, er muss den Wandel als sinnvoll erleben. Change without sense is Nonsens.

Die große Psychoanalytikerin Ruth Cohn formulierte für ihre Themenzentrierte Interaktion (ein Arbeitsmodell für Gruppen mit dem Ziel der persönlichen Entwicklung) die Grundhaltung: Sei dein eigener Chairman. Damit ist die Aufforderung verbunden, sich selbst, andere und die Umwelt in den Möglichkeiten und Grenzen wahrzunehmen und jede Situation als ein Angebot für die eigene Entscheidung anzusehen.

Wie wäre es also mit: Sei dein eigener Changeman!

Wenn es für Sie griffiger ist: Werden Sie Ihr eigener Changemanager.

Es gehört manchmal eine größere Portion Mut dazu, „Mache ich nicht mit“ zu sagen, als sich gleich zu „changen“. Fragen Sie sich auch durchaus: Wer hat das größte Interesse an Ihrer Veränderung? Sie selber oder irgendjemand anderes?

Vielleicht ist Ihre Entscheidung, beim nächsten Change einfach mal „Nein“ zu sagen, eine ganz neue Erfahrung für Sie. Dann werden Sie merken, dass auch in dieser neuen Erfahrung der Zauber der Veränderung liegen kann, in Ihrer Veränderung.

 

P1010527  Über den Autor

Horst Lempart ist Coach, psychologischer Berater und NLP-Master. Sein Lieblingstitel ist aber „Persönlichkeitsstörer“. Er lebt und arbeitet in eigener Praxis in Koblenz. 2015 stieß sein Buch Ich habe es doch nur gut gemeint, in dem die narzisstische Kränkung in Coaching und Beratung thematisiert wird, auf großes Interesse. Am 22. Juli erscheint sein neues Buch: Das habe ich alles schon probiert. Warum wir uns mit Veränderung so schwertun. 7 Chains to Change.