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Hochstapler oder hochbegabt?

Glaubenssätze: Begleiter mit blockierender Kraft

Von Annette Bauer

Glaubenssätze, diese „inneren Wahrheiten“, beeinflussen unser Verhalten und unsere täglichen Handlungen. Sie bilden eine Art Rahmen, der im wahrsten Sinne des Wortes die Grenzen des Möglichen absteckt.

Wie wirken diese Glaubenssätze eigentlich genau? Und was macht sie in negativer Weise so kraftvoll, dass sie uns zuweilen blockieren?

Glaubenssätze

Robert Dilts spricht von Kongruenz mit dem, was wir glauben. Und Glaube ist in diesem Kontext = Wahrheit. Die empfundene Wahrheit des Individuums. Sie ist ein persönlich geprägtes, ureigenes Konstrukt des Einzelnen. Meine Wahrheit bilde ich aus meinen Erlebnissen, Erfahrungen und dem, was ich gelernt habe. Und damit ist nicht das erlernte Schulwissen gemeint, sondern das, was die „Schule des Lebens“ lehrt. Es handelt sich – und das ist ausschlaggebend – um ein geprägtes Bild dessen, was für mich wirklich ist, ohne der Realität zu entsprechen.

Auch wenn nicht jeder seine Glaubenssätze kennt, sind sie doch bei jedem vorhanden. Solange sie keine Blockaden auslösen und das Leben schwer machen, schlummern sie mitunter unbemerkt. Zwicken hier und da, aber man kommt klar.

Für Vielbegabte und sogenannte Scannerpersönlichkeiten, also Menschen, die über große Begeisterungsfähigkeit, Neugierde und Kreativität verfügen, gehen Glaubenssätze auch mit dem sogenannten Hochstaplersyndrom einher (engl. Impostor phenomenon, nach Clance & Imes, 1978, einzusehen unter http://psycnet.apa.org/record/1979-26502-001). Und das kann ein schmerzvoller Begleiter sein. Menschen, die darunter leiden, sprechen sich selbst ihr Können und ihre (nachgewiesenen) Erfolge ab. Und sie werden begleitet von typischen Glaubenssätzen wie „Ich bin nicht gut genug“, „Dieser Erfolg war ein Zufall/reines Glück“ … Bei Vielbegabten, die über Begabungen in mehreren Bereichen verfügen, variieren die Sätze: „Ich bin in nichts richtig gut“, „Ich bin in nichts ein Experte“ oder auch „Mich erkennt man nicht an, weil ich nichts richtig kann“.

Wenn ich auf mich selbst schaue, so kann ich sagen, dass ich die lähmende Kraft der Hochstapler-Glaubenssätze zur Genüge kenne. In der Zeit meines Lebens, als ich noch nicht wusste, dass ich vielbegabt und eine Scannerin bin, hatten mich diese Sätze immer wieder in ihren Klauen. Heute, vertraut mit meiner Begabung und nach einer persönlichen Spurensuche, nach inneren Auseinandersetzungen mit meinen persönlichen „Wahrheiten“ und Glaubenssätzen, hat sich etwas verändert. Ich erkenne die innere Stimme, die mir das Können und den Erfolg in jeglicher Form abspricht, und kann mit ihr umgehen.

Als Vielbegabte hatte ich schon immer meine Nase in allem. Es gab kaum etwas, dem ich gar nichts abgewinnen konnte. Immer fand ich etwas, was interessant schien, und langweilig wurde mir nie. – Na ja, solange ich Kind war. Im Heranwachsen lernte ich gähnende Langeweile sehr wohl kennen und sie wurde mir sehr vertraut. Immer wieder stürzte ich mich auf Neues und immer wieder wurde es langweilig. Immer häufiger wurde erwartet, dass ich an etwas dran bleibe. Heute weiß ich, dass sich für Scanner Themen erschöpfen können. Sind sie erfasst und erforscht, verlieren sie ihre Faszination und man legt sie zur Seite. Dazu zählen meist Hobbys und private Interessen. Mitunter ist aber auch der berufliche Kontext betroffen.

Jeder Scanner hat in irgendeiner Form im Laufe seines Lebens den Appell „Mach doch mal was zu Ende!“ gehört – und sich gefragt: „Wie jetzt? Es ist doch zu Ende!“ Aber nicht für Menschen, die nicht so denken und fühlen wie Scanner. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum sich das Hochstaplersyndrom sehr bequem bei Vielbegabten einnisten kann. Und hat es sich erst sein Nest gebaut und sich niedergelassen, entwickelt es sich zu einem festen Bestandteil des Selbstbildes und schmälert das Selbstvertrauen und behindert zuletzt die Fähigkeit zur Umsetzung von Vorhaben.

Neben der Vielbegabung, die langsam im Bewusstsein der Gesellschaft ihren Platz einnimmt, findet das Hochstaplersyndrom vor allem im Kontext klassisch definierter Hochbegabung Anerkennung.

Bei vielbegabten Scannern führt es dazu, dass die eigene Stärke, die in der Fülle und im sich immer wandelnden Interesse liegt, und die vielen Erfolge auf ganz unterschiedlichen Gebieten nicht erkannt und nicht anerkannt werden können. Der Grund dafür sind die Hochstapler-Glaubenssätze.

Und darum ist Glaubenssatzarbeit so wichtig. So, wie man lebensverändernde Umstände, Erlebnisse, Verluste usw. be- und somit verarbeiten kann, um sie ins Leben zu integrieren, ist es auch mit der eigenen besonderen Begabung. Das alleinige Wissen darum ist immer der erste Schritt. Für jeden Vielbegabten (oder in anderer Form Begabten) ist es wichtig, den Rahmen des eigenen Handelns und Denkens zu verstehen und die dahinter liegenden Glaubenssätze zu erkennen, sie zu be- und verarbeiten.

Und dann? Verschwinden sie, diese lästigen Sätze der inneren Stimme? Nein, das tun sie nicht. Glaubenssätze werden nicht „aufgelöst“, wie gemeinhin im Coaching gesagt wird. Aber sie werden entkräftet und integriert, wie die Erlebnisse und Erfahrungen, die im Coaching oder im therapeutischen Kontext bearbeitet werden. Während sie den Einzelnen (oder sollten sie sich übertragen, mitunter auch ganze Systeme) blockieren können, wenn sie unbearbeitet bleiben, werden sie durch Bearbeitung zu einem von vielen Bausteinen für den eigenen Lebensentwurf, die aber keine überdimensionale Kraft mehr entwickeln.

Als ich mein Buch zur Vielbegabung schrieb, klopften sie immer wieder an. Aber: Ich kannte sie, ihre Geschichte und ihre Ursprünge. Und so konnte ich den inneren Stimmen etwas entgegensetzen. Auch dann, wenn sie ihre Aussagen geschickt „verpackten“. So wurde aus „Ich bin nicht gut genug“ die Variante „Bestimmt taugt der Verlag nichts, wenn er jemanden wie mich ein Buch schreiben lässt“. Glaubenssätze können wie eine Zimmerpflanze Ableger hervorbringen. Wenn man den ursprünglichen Glaubenssatz bearbeitet hat, erkennt man die Ableger und kann ihnen sofort entgegenwirken. Und auch wenn mich das Hochstaplersyndrom nie ganz verlassen wird, kann ich ihm heute in den meisten Situationen freundlich zulächeln und fragen: „Ach, du bist das! Was willst du denn hier?“

Übrigens: Da Glaubenssätze alle Menschen begleiten und blockierende Kraft entwickeln können – völlig gleich, ob Viel-, Hoch- oder Normalbegabt –, hat jeder Mensch die Möglichkeit, sie sich anzuschauen und ihnen ihre lähmende Kraft zu nehmen.

Zum Abschluss möchte ich Ihnen hier eine kleine Selbst-Coaching-Übung zum Auffinden von blockierenden Glaubenssätzen mit auf den Weg geben:

  1. Führe dir Situationen vor Augen, die dich belasten und dich in negative Stimmungslagen führen. Gibt es Situationen, die sich ähneln?
  2. Welche Gefühle stellen sich in diesen Situationen ein? Gibt es auch hier einen roten Faden? Niedergeschlagenheit? Selbstzweifel? Traurigkeit oder Wut? Mutlosigkeit?
  3. Welche Sätze fallen dir jetzt ein, wenn du an diese Situationen und deine Befindlichkeiten in diesen Situationen denkst?
  • Ich habe es nicht verdient (erfolgreich zu sein).
  • Ich habe schon alles versucht./Das wird eh nichts.
  • Das kann ich nicht./Ich bin zu dumm dafür.
  • Dafür fehlt mir die Zeit/Begabung/Möglichkeit.
  • Geld verdirbt den Charakter.
  1. Welche Sätze könnten dich stattdessen begleiten? Wie könntest du diese negativen Glaubenssätze positiv formulieren?
  • Ich darf erfolgreich sein./Ich bin es wert!
  • Du schaffst das, wenn du es willst.
  • Ich werde XY auf meine Art erreichen.
  • Jeder Mensch hat Begabungen und ich setzte meine ein.
  • Geld eröffnet mir viele Möglichkeiten./Geld ermöglicht mir Großzügigkeit.
  1. Welche Situationen möchtest du in der nächsten Zeit mit anderen Vorzeichen erleben? Schreibe dir die dazugehörigen positiven Formulierungen auf und visualisiere sie. Mit einem Klebezettel auf dem Spiegel, Kühlschrank oder dem Armaturenbrett im Auto. Als Bildschirmschoner auf Handy oder Rechner. Mit einem Zettel im Portemonnaie.
  2. Ermögliche dir damit einen veränderten Umgang mit blockierenden Sätzen im Alltag.

Sehr hartnäckige Sätze, die dich wirklich massiv im Alltag behindern, lassen sich in einem Coaching mit verschiedenen Methoden bearbeiten.

 

3515 Über die Autorin

Annette Bauer, systemischer Coach, Strukturaufstellerin und Wingwave-Coach, ist seit fast 20 Jahren in der Begleitung und Beratung von Menschen in der Seelsorge tätig. Sie beschäftigt sich seit einigen Jahren intensiv mit der Lehre der Achtsamkeit und arbeitet als Coach mit Vielbegabten.

2017 erschien ihr Buch Vielbegabt, Tausendsassa, Multitalent? Achtsame Selbstfürsorge für Scannerpersönlichkeiten im Junfermann Verlag.

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Hochbegabung und Gesundheit

Ein sensibler Geist wohnt in einem sensiblen Körper

Von Andrea Schwiebert

Als Coach und Berufungsberaterin für hochbegabte Erwachsene begegnet mir immer wieder ein Phänomen: Viele meiner Klientinnen und Klienten, die mit Fragen der Berufsorientierung zu mir kommen, berichten nebenbei von gesundheitlichen Beschwerden, die ihre Lebensqualität und Leistungsfähigkeit beeinträchtigen. Typischerweise leiden sie gleich unter mehreren Allergien, oft auch unter Nahrungsmittelunverträglichkeiten, nicht selten unter Autoimmunerkrankungen – und oftmals unter schulmedizinisch unerklärlichen Symptomen, deren Behandlung trotz frustrierender Ärzteodyssee wirkungslos blieb. Klienten berichten mir etwa: „Ich hatte 20 Jahre lang Migräne und habe starke Medikamente eingenommen, und es hieß, da sei nichts zu machen“, oder: „Meine Blutwerte waren normal, also wurde mir nur immer wieder gesagt, meine Beschwerden seien psychisch.“

Allergien und Autoimmunerkrankungen: Wieso treten sie gehäuft bei Hochbegabten auf?

Außergewöhnlich intelligente Menschen erreichen häufiger ein höheres Bildungsniveau, sind somit aufgeklärter in Sachen Gesundheitsprävention und ernähren sich im Durchschnitt gesünder als die breite Masse der Bevölkerung. Warum also scheinen sie dennoch überproportional anfällig für bestimmte Erkrankungen zu sein, insbesondere für Allergien, Unverträglichkeiten und Autoimmunerkrankungen?

Eine Filterschwäche als Erklärung

Eine mögliche Erklärung könnte darin liegen, dass eine intellektuelle Hochbegabung in der Regel mit einem verringerten Reizfilter einhergeht, im englischen Sprachraum spricht man auch von Overexcitability. Neben einer geistigen Hochbegabung liegt also zumeist auch eine „Hochbegabung der Sinne“ oder auch Hochsensibilität vor: Die betreffenden Menschen nehmen mehr Sinnesreize wahr als der „Durchschnittsmensch“ und verarbeiten diese intensiver.

Möglicherweise ist dieser verringerte Reizfilter sogar eine der Voraussetzungen für die Entstehung einer intellektuellen Hochbegabung: Säuglinge mit dieser Filterschwäche haben von Beginn ihres Lebens an mehr Eindrücke zu verarbeiten als Kinder mit weniger Reizoffenheit, und bei entsprechender kognitiver Veranlagung lässt die Notwendigkeit, all diese Reize zu verarbeiten, ihr Gehirn schneller und vernetzter reifen, sodass ein stark überdurchschnittliches intellektuelles Potenzial entsteht.

Aus der Hochsensibilität wiederum ergeben sich zwei Umstände, die die Entstehung der o. g. Erkrankungen begünstigen können, denn einige Gegebenheiten in unserer heutigen Gesellschaft machen gerade besonders sensiblen Menschen zu schaffen:

  1. Wer sensibel ist, tappt schnell in die Stressfalle. Leistungs- und Termindruck, hohe Ansprüche und Konkurrenz, Zukunftsangst, Lärm, Hektik, Verkehrsstaus … Unser heutiges Leben setzt einiges an Stressresistenz voraus. Hochsensible Menschen, die Geräusche, Gerüche, visuelle Eindrücke, aber auch Stimmungen mit empfindsamen Antennen aufnehmen und diese intensiv verarbeiten, sich häufig viele Gedanken machen und vieles in Frage stellen, laufen leicht Gefahr, in Dauerstress zu geraten. Dass Dauerstress krank machen kann und einen Einfluss auf die Entstehung von hormonellen Störungen, Depressionen, Allergien und Autoimmunprozessen hat, ist allgemein bekannt. Die Autoimmunerkrankung der Schilddrüse Hashimoto Thyreoiditis etwa, so erklärte mir eine Ärztin, betreffe ihrer langjährigen Erfahrung nach fast immer empfindsame Menschen, die sich um viele Dinge Gedanken und Sorgen machen. Diese Erkrankung wiederum kann Depressionen und Unverträglichkeiten begünstigen und wird oft erst nach Jahren erkannt.
  1. Ein sensibler Geist wohnt in einem sensiblen Körper. Mit der sensiblen Wahrnehmung geht zumeist auch eine körperliche Sensibilität einher. Hochbegabte und hochsensible Menschen scheinen auch körperlich Seismographen der Gesellschaft zu sein: Luftverschmutzung, Elektrosmog, Farb- und Konservierungsstoffe in Nahrungsmitteln, Strahlung, Chemikalien – unsere moderne Welt ist voller Faktoren, die für uns alle ungesund sind. Hochsensible reagieren jedoch offenbar auch auf stoffliche Reize schneller und deutlicher als ihre mit einem stärkeren Reizfilter ausgestatteten Mitmenschen und entwickeln z. B. eine Kontaktallergie, eine Histaminintoleranz oder andere Nahrungsmittelunverträglichkeiten.

Meine 32-jährige Klientin Sandra (Name geändert) war vier Monate lang erschöpft und so schwer krank, dass sie kaum noch aufstehen und nicht mehr arbeiten konnte – bis eine für eine Zweitmeinung hinzugezogene Gynäkologin Sandras Verdacht, dass eine direkt vor dieser Erkrankung eingesetzte Kupferspirale zur Verhütung der Grund für diese Symptomatik sein könnte, ernst nahm und die Spirale entfernte. Sandra erzählte mir: „Ich habe mir die Spirale dann entfernen lassen – und der Effekt war unglaublich: Direkt beim Entfernen merkte ich, dass die Kupferspirale wirklich die Ursache für meine Beschwerden gewesen war. Der Unterschied, in welchem Zustand ich die Praxis betreten hatte und wie ich wieder hinauskam, war riesig. Wenige Tage danach war ich wieder fit.“ Ein eindrückliches Beispiel für einen Leidensweg, dessen Ursache ärztlicherseits zunächst nicht erkannt wurde, weil eine solche körperliche Unverträglichkeitsreaktion so selten ist.

Beide oben genannten Varianten – krankmachender Dauerstress und sensible Reaktionen des Körpers – können natürlich auch parallel auftreten. Nicht immer ist es leicht herauszufinden, ob Beschwerden stressbedingt sind oder ob andersherum eine körperliche Erkrankung so viel Kraft raubt, dass die Stresstoleranz herabgesetzt ist. Was aber nicht bedeutet, dass die Betroffenen sich ihre Symptome „nur einbilden“. Bedauerlicherweise wird ihnen jedoch von ratlosen Ärzten oft genau dies vermittelt: Sie seien eingebildete Kranke und könnten sich bestenfalls psychiatrisch behandeln lassen.

Ein weiterer Faktor: Tendenz zur Androgynität mit Affinität zu Autoimmunerkrankungen

Dabei scheint es sogar noch einen weiteren Faktor zu geben, der die Wahrscheinlichkeit von Allergien und Autoimmunerkrankungen bei Hochbegabten erhöht. Offenbar lassen sich hormonelle Besonderheiten während der fötalen Entwicklung von später hochbegabten Menschen feststellen, die oft auch noch im weiteren Lebensverlauf stabil bleiben: Der Testosteronspiegel ist bei Jungen unterdurchschnittlich hoch (in Bezug auf Normwerte bei Jungen), bei Mädchen überdurchschnittlich (in Bezug auf Normwerte bei Mädchen). Dies trägt zu einer hormonell bedingten Beeinflussung der Chromosomen (den Trägern unserer Erbinformation) und in der Folge zu einer andersartigen Hirnentwicklung bei, die unter anderem häufig mit einer Affinität für Autoimmunerkrankungen und Allergien einhergeht.

(Quellen: https://www.hochbegabtenhilfe.de/neurobiologische-forschung-zur-hochbegabung/ und https://www.hautsache.de/Neurodermitis/Forschung/Allergien-und-Hochbegabung-K-Ein-seltenes-Duo.php)

Was kann Coaching zum Gesundwerden und zur Lebensqualität Betroffener beitragen?

Eine bei Hochbegabten also oft angeborene erhöhte Neigung zu Allergien und Autoimmunerkrankungen muss nicht automatisch bedeuten, dass diese auch „ausbrechen.“ Und selbst wenn derartige Erkrankungen bereits bestehen, sind sie oft positiv beeinflussbar oder sogar heilbar. Da Allergien und Autoimmunerkrankungen sowohl körperliche Ursachen haben als auch durch Stress jeglicher Art (auch unverträgliche Nahrungsmittel oder giftige Dämpfe sind „Stress“ für den Organismus) bzw. psychische Belastungen ausgelöst oder verschlimmert werden können, macht es Sinn, ganzheitlich an die Sache heranzugehen, wenn eine Besserung der Beschwerden erreicht werden soll. Ich biete betroffenen hochbegabten und hochsensiblen Klienten deshalb eine ganzheitliche Gesundheitsberatung an, die ich als Ergänzung zu medizinischer Diagnostik und Behandlung sehe und selbstverständlich nicht als Ersatz dafür. So vergewissere ich mich zunächst, ob die Klienten bereits erfahrene Ärzte oder Heilpraktiker an ihrer Seite haben, und spreche ggfs. Empfehlungen hierzu aus.

Gerade bei Allergien, Autoimmunerkrankungen und unerklärlichen Symptomen kann in vielen Fällen eine qualifizierte Ernährungsberatung helfen. Durch eine Ernährungsumstellung können sich Heuschnupfen, rheumatische Beschwerden, Hauterkrankungen und viele andere Symptome bessern. Hier gibt es, und das möchte ich betonen, jedoch nicht die ideale Ernährungsform für alle – sondern es ist wichtig, eine individuell gesundheitsförderliche Ernährung zu finden.

Darüber hinaus können Betroffene ihr Wohlbefinden oftmals steigern und gesünder werden, indem sie ein positiveres Selbstbild entwickeln, Beziehungen in ihrem beruflichen wie privaten Umfeld klären und lernen, eine achtsame und damit gesundheitsfördernde innere Haltung einzunehmen. Hierbei begleite ich sie gern als Gesundheitsberaterin. In meiner Gesundheitsberatung habe ich wiederholt die Erfahrung gemacht, dass die oben angedeuteten drei Ansatzpunkte wesentlich sind:

1. Selbsterkenntnis und Selbstannahme. Die eigene Hochbegabung und ihre Auswirkungen auf die Biografie und Persönlichkeit, auf den bisherigen Berufsweg, auf zwischenmenschliche Beziehungen überhaupt zu erkennen, ist oft ein wichtiger Schritt zur Aussöhnung mit dem eigenen Weg und zur Selbstannahme. „Ich bin anders als andere – aber ich bin nicht falsch“ ist eine Erkenntnis, die die Basis für ein neues Selbstbewusstsein und damit gesundheitsförderlich sein kann. Ebenso entscheidend ist, dann tatsächlich die Erfahrung machen zu können, von anderen Menschen angenommen zu werden und in einen bereichernden Austausch mit diesen zu treten.

Fragen, an denen Klienten und Klientinnen arbeiten können, sind in diesem Zusammenhang:

  • Welche Besonderheiten in meinem bisherigen Leben lassen sich durch eine Hochbegabung erklären?
  • Wer bin ich und wer will ich sein?
  • Gibt es bisher „Ungelebtes“, das ich mit dem Wissen um meine Begabung nun doch verwirklichen kann und will?
  • Wie finde ich die Erlaubnis und Ermutigung, ich selbst zu sein und so zu leben, wie es mir entspricht?
  • Gibt es Menschen, von denen ich mich „erkannt“ fühle und mit denen ich mehr Zeit als bisher verbringen möchte? Fehlen mir noch „passende“ Menschen? Wo könnte ich diese finden?

 „Nicht mehr darüber nachzudenken, ob ich okay bin, sondern mich selbst anzunehmen, meine Freude und Begeisterung mit anderen zu teilen: Das hat für mich alles geändert. Ich sprudele oft richtig vor Energie und gehe jeden Tag mit Lust und Freude an. Ob es daran liegt, weiß ich nicht, aber jedenfalls sind sowohl mein Heuschnupfen als auch meine Rückenbeschwerden in den letzten Jahren immer besser geworden“, erzählte mir erst neulich eine frühere Klientin.

2. Krankmachende und gesundheitsförderliche Lebensumstände erkennen und neu gestalten. Als Systemische Beraterin interessiert mich der Blick auf krankmachende wie auch gesundheitsförderliche Umstände im Job, in Beziehungen, in der Familiengeschichte. Hochbegabte entsprechen nicht der Norm – und ecken deshalb häufig an mit ungewöhnlichen Ideen, Aktivitäten, Fragestellungen und Lösungsansätzen, was sowohl im Job als auch in zwischenmenschlichen Beziehungen ganz allgemein zu offenen oder verdeckten Konflikten und zu nagenden Selbstzweifeln führen kann. Oft lässt sich sogar ein zeitlicher Zusammenhang zwischen dem Beginn dieser Konflikte und dem Auftreten gesundheitlicher Beschwerden beobachten. Manchmal ist auch ein Blick in die eigene Familienbiografie hilfreich, um Übertragungen bestimmter Themen von früheren auf nachfolgende Generationen aufzudecken und um mit diesen alten Themen abzuschließen, sich davon zu befreien und in einigen Fällen auch hierdurch gesundheitliche Verbesserungen zu erreichen. (Die Ärztin Dr. med. Birgit Hickey hat aus dieser Erfahrung heraus Medizin und Systemische Therapie in ihrer Praxis seit vielen Jahren zur „Systemischen Medizin und –Familientherapie“ verknüpft.)

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Fragen, die hier weiter führen können, sind etwa:

  • Gibt es in meinem gegenwärtigen Leben Aufgaben, Beziehungen oder sonstige Umstände (im Job oder privat), die ich als besonders belastend empfinde?
  • Haben diese Schwierigkeiten meinem subjektiven Empfinden nach einen Einfluss auf meine Gesundheit?
  • Möglicherweise ganz konkret: Was ist für mich „zum Kotzen“? Wo ist „dicke Luft und kann ich kaum atmen“? Was bereitet mir „Kopfzerbrechen“?
  • Gibt es unzureichend geklärte Themen in früheren Generationen meiner Familie, die ich möglicherweise „stellvertretend“ zu meinen eigenen Themen gemacht habe und die mich belasten?

Wenn krankmachende Lebensumstände sowie gegenwärtige Konflikte oder schwierige Themen in der Familienbiographie erst einmal als wichtige Faktoren ausfindig gemacht worden sind, lässt sich gut mit systemischen Methoden an Lösungen und Veränderungen arbeiten. Als Beraterin wäge ich hier ab, welche Themen im Coaching angegangen werden können und in welchen Fällen eher der Verweis an eine Therapeutin oder einen Therapeuten angezeigt ist.

3. Zu einer achtsamen inneren Haltung finden. Achtsamkeit, das urteilsfreie Wahrnehmen und Erleben des Augenblicks, das Annehmen des Lebens, so, wie es gerade ist, hilft ungemein dabei, aus lähmenden und krankmachenden Gefühls- und Gedankenstrudeln auszusteigen. Und gerade negatives Gedankenkreisen ist etwas, das viele Hochbegabte nur allzu gut kennen. Darauf angesprochen, höre ich zum Beispiel: „Stimmt, über dieses Problem mache ich mir pausenlos Gedanken, ohne dabei eine Lösung zu finden.“ Kummervolle Gedanken und Gefühle werden im Sinne der Achtsamkeit durchaus wahrgenommen und nicht unterdrückt. Die Kunst ist jedoch, destruktive Gedanken weiterziehen zu lassen, statt sie immer wieder neu „aufzukochen“. Daran lässt sich im Coaching gemeinsam arbeiten.

Interessante Fragen sind hier z. B.:

  • Was trägt dieser Gedanke dazu bei, dass ich ein glückliches und erfülltes Leben führen kann?
  • Wann, wie und wo könnte ich mich gezielt mit dem Problem beschäftigen, um Lösungsmöglichkeiten zu finden?
  • Was könnte ich in der übrigen Zeit tun, statt mich mit dem Problem zu beschäftigen?

Wenn wir achtsam leben, sind wir im Kontakt mit uns selbst und dem eigenen Körper und spüren, was uns guttut und was nicht. Das betrifft z. B. auch die Ernährung: Die anfangs genannte für unheilbar befundene Migränepatientin etwa fand selbst heraus, dass sie bei einer histamin- und kohlenhydratarmen Ernährung beschwerdefrei ist. Ein achtsames Beobachten ihrer Symptome half ihr dabei.

Hier droht allerdings eine Falle: Einerseits ist es für hochsensible Menschen oft unerlässlich, sich selbst zu beobachten und selbst zu gesundheitlichen Fragen zu recherchieren, um individuell hilfreiche Lösungen zu finden, die in der Arztsprechstunde nicht erkannt werden. Andererseits aber besteht die Gefahr, dass Hochbegabte und Hochsensible es mit der Selbstbeobachtung und Gesundheitsrecherche übertreiben – und ihre Gelassenheit und das Vertrauen in die Selbstheilungskräfte ihres Körpers im Streben nach Optimierung verlieren.

Vor diesem Hintergrund bedeutet Achtsamkeit, zu erkennen, dass wir die Wahl haben, worauf wir unseren Fokus richten: Trotz vorhandener Beschwerden und Sorgen können wir unsere Aufmerksamkeit auch auf das richten lernen, was funktioniert und was uns Kraft gibt, statt uns ständig um die Krankheit zu drehen. So erleben wir wieder mehr Leichtigkeit und Lebensfreude, was sich wiederum positiv auf die Selbstheilungskräfte auswirkt. Und selbst wenn Heilung nicht zu erwarten ist, hilft Achtsamkeit dabei, trotz Krankheit Lebensqualität zu erfahren.

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Um eine achtsame Haltung wirklich zu verinnerlichen, empfiehlt sich die Teilnahme an einem achtwöchigen MBSR-Kurs (MBSR = Mindfulness Based Stress Reduction).

Fazit: Vom neuen Blickwinkel zu konkreten Schritten – so lassen sich Gesundheit und Lebensqualität verbessern

Alle drei zuvor genannten Punkte sind gewissermaßen das Handwerkszeug, das wir nutzen können, um damit Dinge in unserem Selbstkonzept und im eigenen Alltag so zu verändern, dass ein Gesundwerden überhaupt möglich ist:

  • Die Erkenntnis der Hochbegabung macht Mut „so zu sein, wie ich bin“, und befreit dazu, das eigene Licht „unterm Scheffel hervorzuholen“ und mit der Welt zu teilen.
  • Der systemische Ansatz hilft, Beziehungen und Verstrickungen zu klären, an deren Lösung wir dann im Coaching arbeiten können.
  • Die Achtsamkeit lässt uns spüren, was uns nährt und wohltut und was nicht, und zeigt uns Handlungsspielräume auf, sowohl was die Welt unserer Gedanken und Gefühle betrifft, als auch in Beziehungen mit anderen Menschen.

So bedeutet Gesundheitsberatung letztlich, den hochbegabten Klientinnen und Klienten dabei zur Seite zu stehen, im eigenen Leben aufzuräumen: Unpassendes zu reduzieren und Wohltuendes einzubauen bzw. wachsen zu lassen. Das schließt alle Lebensbereiche ein.

 

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© Sabine Braungart

Über die Autorin:

Andrea Schwiebert ist Systemische Beraterin mit eigener Praxis in Münster. Sie arbeitet als Coach für hochbegabte und vielseitig begabte Erwachsene.

Bei Junfermann ist von Andrea Schwiebert Kluge Köpfe, krumme Wege? Wie Hochbegabte den passenden Berufsweg finden (2015) erschienen.

Weitere Informationen erhalten Sie hier.

Wünsche an eine Begabtenforschung und -förderung für alle Altersgruppen

Stell dir vor, du bist hochbegabt – und merkst es nicht …

Von Andrea Schwiebert

Hochbegabte Erwachsene? Das ist in Deutschland kaum ein Thema. Während es inzwischen reichlich Literatur, Fortbildungen und Beratungen rund um hochbegabte Kinder gibt, sickert es erst langsam ins allgemeine Bewusstsein, dass Hochbegabung kein Kindheitsphänomen ist. Heute längst erwachsene Hochbegabte, zu deren Schulzeit Begabtenförderung kaum existierte, wissen oft nichts von ihrer besonderen Begabung. Da stellt sich die Frage: Sollten sie denn davon wissen? Was würde das ändern – für die Betreffenden und für uns alle als Gesellschaft?

Was heißt eigentlich hochbegabt?

Kurz gefasst bedeutet Hochbegabung: „Mehr denken, mehr fühlen, mehr wahrnehmen“ (Brackmann, 2012, S. 19). Demzufolge sind Hochbegabte nicht einfach besonders intelligent, sondern sie machen sich Gedanken über Dinge, die andere Menschen übergehen, ecken oft an, richten kaum zu erfüllende perfektionistische Ansprüche an sich selbst und an andere – und stehen sich deshalb nicht selten selbst im Weg. Das soll nicht heißen, dass es sich um lauter gescheiterte Existenzen handelt! Die meisten mir bekannten Hochbegabten sind berufstätig, haben Familie und erfüllen nach außen hin problemlos die Kriterien für ein gesellschaftlich als „erfolgreich“ anerkanntes Leben. Und doch sind viele von ihnen (nicht alle!) innerlich unglücklich: Sie fühlen sich unverstanden, einsam inmitten anderer Menschen, haben das Gefühl, nicht wirklich ihren Platz zu finden in dieser Welt – das erfahre ich tagtäglich im Coaching. Statt auf die Idee zu kommen, dass ihr Abweichen von der Norm mit einem besonderen Potenzial zusammenhängen könnte, kreiden unwissentlich Hochbegabte sich dieses Anderssein oft als Defizit an. Die späte Erkenntnis der eigenen Hochbegabung kann hier eine ganze Kettenreaktion von Aha-Erlebnissen auslösen und lädt dazu ein, sich selbst neu kennenzulernen und anzunehmen und sich die Erlaubnis zu geben, neue Wege einzuschlagen. Eine Klientin berichtete mir von diesem Erkenntnisprozess: „In den letzten Tagen habe ich viel zu Hochbegabung gelesen. Dabei musste ich abwechselnd weinen und lachen – so sehr fügt sich für mich nun alles zu einem neuen Bild zusammen. Ich verstehe jetzt, warum mich andere oft zu kompliziert fanden oder weshalb irgendwie keiner nachvollziehen konnte, wonach ich mich sehne und wovon ich träume. Jetzt ist mir klar: Ich ticke anders als die Mehrheit. Und ich bin aber trotzdem nicht falsch, so wie ich bin. Ich darf anders sein und bin trotzdem o.k.!“

Angebote für Erwachsene?!

Wenn es also auch für Erwachsene wichtig sein kann, die eigene Hochbegabung zu entdecken und auf Angebote zurückgreifen zu können, die sie bei ihrer Potenzialentfaltung und in ihrem persönlichen Wachstumsprozess unterstützen, dann stellt sich die Frage: Was bieten denn Hochbegabungsforschung und -förderung hierzulande für erwachsene Hochbegabte?

Aus meiner Sicht muss ich sagen: Noch lange nicht genug!

Die Hochbegabungsforschung und spezielle Förderprogramme beziehen sich fast ausschließlich auf Kinder und Jugendliche, höchstens noch auf Studierende. Änderungen vollziehen sich nur langsam: In den letzten zehn Jahren gab es erfreulicherweise erste Veröffentlichungen zum Thema „Hochbegabte Erwachsene“, und in einigen Städten finden sich inzwischen Coachingangebote für diese Zielgruppe. Das Internationale Centrum für Begabungsforschung (ICBF) in Münster richtete 2012 einen Kongress „Giftedness accross the lifespan – Begabungsförderung von der frühen Kindheit bis ins Alter“ aus, was als ein positives Zeichen gewertet werden kann. Allerdings fanden sich bezeichnenderweise offenbar wenig Referenten, die tatsächlich über hochbegabte Erwachsene berichten konnten, sodass die meisten Beiträge sich doch wieder um Kinder und Jugendliche drehten. Desweiteren gibt es z. B. den Hochbegabtenverein „Mensa“, der aber offenbar nur eine kleinere Gruppe der Hochbegabten anzieht. Vereinzelt finden sich Internetforen für hochbegabte Erwachsene – aber meiner Erfahrung nach ersetzen diese nicht die persönliche Begegnung im echten Leben.

Warum hinken Angebote für Erwachsene denen für Kinder hinterher?

Meine These ist, dass dies mit dem in der Begabtenförderung dominanten Fokus auf das Hervorbringen exzellenter Leistungen zusammenhängt. Die Begabtenförderung ist bisher stark leistungsorientiert, rechtfertigt sie doch ihr Engagement als Investition in die Standortsicherung eines ansonsten rohstoffarmen Landes. Erst in jüngster Zeit setzt eine fachliche Diskussion darüber ein, inwieweit hohe Begabung eigentlich zu hohen Leistungen führen müsse (vgl. Hackl et al., 2012, S. 6). Hochbegabte Erwachsene wurden, so vermute ich, bislang auch deshalb kaum beachtet, weil bei erst spät erkannten und in ihrer Potenzialentfaltung wenig unterstützten Hochbegabten kaum zu erwarten ist, dass sie noch konkurrenzlose, nobelpreisverdächtige Leistungen erbringen.

Meiner Überzeugung nach sollte Begabtenförderung jedoch weder in Bezug auf Kinder noch in Bezug auf Erwachsene einseitig leistungsorientiert sein. Auch außergewöhnlich kluge Menschen sind zuallererst Menschen und haben das Recht, nicht auf ihre Leistung reduziert zu werden: Sie sind viel mehr als ihr Intellekt oder ihre Begabung!

Mein Wunsch wäre deshalb eine ganzheitliche Begabungsforschung und -förderung. Spannende Forschungsfragen könnten z. B. sein:

  • Wie muss ein Arbeitsplatz für einen hoch intelligenten und hochsensiblen Menschen aussehen, damit dieser motiviert bei der Sache bleibt und sein Potenzial zum Nutzen der Allgemeinheit entfaltet?
  • Was lässt sich über die Zusammenhänge von Hochbegabung und Hochsensibilität herausfinden?
  • Was wäre zu berücksichtigen, um hochbegabte Mädchen und Frauen besser als bisher zu fördern?
  • Welche Modelle kann es geben, um eine leichtere Vereinbarkeit von Wissenschaftskarriere und Familie zu ermöglichen?
  • Wie kann sichergestellt werden, dass besondere Begabungen auch bei Menschen aus anderen Kulturkreisen zur Kenntnis genommen werden?

Die offenen Fragen sind so spannend wie zahlreich. Forschungsergebnisse zu diesen Fragen könnten wegweisend für den Aus- und Aufbau entsprechender Angebote der Begabtenförderung sein.

Zu einer ganzheitlichen Förderung hochbegabter Erwachsener sollten gehören:

  1.  Mehr Beratungsangebote und Mentoring für Erwachsene, insbesondere zu den Fragen: „Bin ich hochbegabt? Und wenn ich es bin, was erklärt das im Rückblick und welche Konsequenzen hat dies für die Gestaltung meines weiteren Lebens- und Berufsweges?“ Mentoring-Projekte, in denen lebenserfahrene Hochbegabte sich „frisch erkannten“ Hochbegabten für einen gewissen Zeitraum als Gesprächspartner zur Verfügung stellen, können klassische Beratungsangebote sinnvoll ergänzen.
  2. Der Aufbau regionaler Gesprächs- und Begleitgruppen für hochbegabte (und oft zugleich hochsensible) Erwachsene: Hier können Hochbegabte die Erfahrung machen, „normal“ zu sein und verstanden zu werden. Die Gruppen ermöglichen Austausch, Unterstützung, Ermutigung und die Stärkung eines neuen Selbstkonzepts: „Ich darf so sein, wie ich bin!“
  3. Die Fortbildung von Therapeutinnen, Coaches und Ärzten rund um Hochbegabung und Hochsensibilität: Dass sich heute immer mehr Lehrpersonal zu Hochbegabung weiterbildet, kommt für Erwachsene zu spät. Für sie wäre es aber hilfreich, wenn jene Menschen, an die sie sich mit ihren Veränderungs- und Entwicklungswünschen, ihrem seelischen oder körperlichen Leiden und ihrem Wunsch nach „Erkannt-Werden“ wenden, dem erweiterten Erfahrungs- und Denkhorizont Hochbegabter wissend und akzeptierend begegnen und manche Begleiterscheinungen einer Hochbegabung nicht als psychische „Störung“ missverstehen würden (was leider immer wieder geschieht).
  4. Kreative Denkräume und Offenheit für intrinsische Motivation am Arbeitsplatz: Hierarchien sollten möglichst flach gehalten werden, und Arbeitgeber sollten es begrüßen, wenn ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen eigene Herangehensweisen, Ideen und Visionen einbringen und umsetzen. Um vom Potenzial kluger und kreativer Köpfe zu profitieren, sollte außerdem der heute gängigen Arbeitsverdichtung entgegengewirkt werden: Für die Entwicklung von Visionen und kreativen Lösungsansätzen braucht es regelmäßige Zeitfenster bzw. „Denkräume“, in denen Menschen von ihren alltäglichen Arbeitspflichten befreit sind und sich in einen offenen Denk-Modus begeben können.
  5. Ganzheitliche Bildungsangebote: Weiterbildungsmöglichkeiten für Erwachsene, Bildungsurlaub, nebenberufliche Studien- und Ausbildungsoptionen, finanzielle Unterstützungspakete für Fortbildung, Umschulung und Existenzgründung etc. sollten weiter ausgebaut und auch in Zeiten knapper Kassen nicht reduziert werden. Gerade in einer alternden Gesellschaft sind Konzepte lebenslangen Lernens eine notwendige Voraussetzung für eine konstruktive Weiterentwicklung in allen Bereichen der Wirtschaft und des Zusammenlebens. Einzelne Bildungsangebote speziell für Hochbegabte können sinnvoll sein, prinzipiell sollten Bildungsmöglichkeiten aber allen interessierten Erwachsenen offen stehen. Inhaltlich sollten die Angebote nicht auf wirtschaftlichen Nutzen oder Leistungsoptimierung begrenzt sein, sondern in dem Sinne ganzheitlich sein, dass auch Fragen der Persönlichkeitsentwicklung und Gesundheit sowie des gesellschaftlichen Zusammenlebens Berücksichtigung finden.
  6. Abbau von Altersdiskriminierung: Neueinstellungen, Studiengänge und Ausbildungen, Weiterbildungen und Existenzgründungen sollten keiner festgelegten oder imaginären Altersgrenze unterliegen. Da Hochbegabte ihren Wissensdurst und ihre Lust an der persönlichen Weiterentwicklung im Laufe ihres Lebens in aller Regel nicht verlieren, sind sie durchaus in der Lage, sich auch jenseits der Lebensmitte noch neue Bereiche zu erschließen – und bringen dann gleichzeitig wertvolle Lebens- und Berufserfahrung mit.

Ich bin davon überzeugt, dass eine solche ganzheitliche Begabtenförderung für Erwachsene nicht nur den einzelnen Menschen helfen könnte, sondern auch unserer Gesellschaft dienlich ist. Hochbegabung bedeutet zwar nicht automatisch, „edel, hilfreich und gut“ zu sein. Aber es fällt mir doch immer wieder auf, dass viele meiner hochbegabten Klienten Visionen einer gerechteren, nachhaltiger wirtschaftenden Gesellschaft verfolgen. Manchmal erscheinen sie mir wie Seismographen, die besonders sensibel wahrnehmen, woran unsere heutige Welt insgesamt krankt. Sie sehnen sich nach weniger Leistungsdruck und mehr Raum für selbst motivierte Kreativität, nach weniger Konsum und mehr Sinn und Authentizität, nach weniger Defizitblick und mehr Mut zum jeweils eigenen, vielleicht von der Norm abweichenden Weg. Wenn sie sich ermutigt fühlen, ihre Träume zu verwirklichen und ihr Potenzial zu entfalten, bereichern sie unsere Gesellschaft auch unabhängig vom fragwürdigen Ziel möglichst „exzellenter“ Leistungen.

Ein in meinen Augen wünschenswerter gesellschaftlicher Umgang mit Hochbegabung wäre also, das Besondere an der Hochbegabung zu sehen und Hochbegabte zu eigenen, auch ungewöhnlichen Wegen zu ermutigen – und dabei zugleich zu realisieren, dass „Besonders-Sein“ normal ist und dass jeder Mensch, ganz unabhängig vom Ausmaß seiner Begabung, die Chance zur Entfaltung seines Potenzials verdient! Eine Utopie? Sicher! Aber auch eine erstrebenswerte und beflügelnde Vision.

Literatur

  • Brackmann, A. (2012): Ganz normal hochbegabt. Leben als hochbegabter Erwachsener (5. Auflage). Stuttgart: Klett-Cotta.
  • Hackl, A., Pauly, C., Steenbuck, O. & Weigand, G. (Hrsg.) (2012): Begabung und Leistung. Karg-Hefte: Beiträge zur Begabtenförderung und Begabungsforschung. Heft 4. Frankfurt am Main.

In ihrem Buch Kluge Köpfe, krumme Wege? Wie Hochbegabte den passenden Berufsweg finden, das ab dem 23.11.2015 im Handel erhältlich ist, erläutert Andrea Schwiebert auf Basis neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse und ergänzt durch Interviews mit begabten Klienten, woran sich eine Hochbegabung bei Erwachsenen zeigen kann und welche Stolpersteine mit dem hohen Potenzial verbunden sein können. Anschaulich und praxisnah gibt sie Tipps, wie sich diese Stolpersteine in Grundsteine für ein erfülltes (Berufs-)Leben verwandeln lassen.

  Über die Autorin

Andrea Schwiebert, Systemische Beraterin und Sozialtherapeutin, berät und coacht Menschen auf der Suche nach ihrer „Berufung“, darunter viele hochbegabte Erwachsene. Mit Vorträgen und Workshops inspiriert sie zu einem neuen Blick auf das eigene Potenzial und zu neuen Wegen.

Weitere Informationen über die Autorin und ihre Arbeit erhalten Sie unter www.die-berufungsberatung.de.