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Mensch, fürchte dich nicht!

Von Fabienne Berg

 

Bestimmt kennen auch Sie diese Stelle in der Weihnachtsgeschichte, in der die Hirten nachts auf dem Felde ein sehr machtvolles und unbekanntes Gefühl überkam, worauf sie fast zu Tode erschreckten. Irgendetwas war passiert, das sie nicht so recht einordnen konnten und das jagte ihnen einen riesigen Schrecken ein. Doch glücklicherweise mussten sich die armen Hirten nicht lange ängstigen. Nur Momente später erschien ihnen ein Engel, der versicherte, dass alles in Ordnung sei und sie sich nicht weiter zu fürchten bräuchten.

Die hatten es gut die alten Hirten aus dem Neuen Testament! Da passiert plötzlich etwas vollkommen Unerwartetes, was einen gefühlt kurz vor den Herzstillstand bringt, doch anstatt äußerlich durchzudrehen oder innerlich im Schock zu verharren, wird man aus seiner Angst erlöst, weil spontan jemand ganz Besonderes um die Ecke kommt, ein paar beruhigende Worte spricht und man ihm einfach glaubt.

Heutzutage ist diese Geschichte im Grunde nicht mehr fassbar. Dabei wäre es auch für uns oft gar nicht so dumm, wenn wir nicht so viel Angst hätten. Ich bin zum Beispiel eine pathologische Angsthäsin. Mir macht quasi alles Angst: Höhe, laute Geräusche, enge Räume, Menschenansammlungen, Spinnenweben im Herbst und Ansteckungsgefahr im Winter. Außerdem habe ich Angst davor, zu versagen, verlassen zu werden, alleine zu sterben, im richtigen Moment das Falsche zu sagen und im falschen Moment das Richtige zu tun.

Eigentlich habe ich fast jeden Tag vor irgendetwas Angst. Trotzdem versuche ich mich nicht zu fürchten.

Angst ist ein sehr machtvolles Gefühl. Es kann uns schützen, aber es kann uns auch klein und in Schach halten. Zu viel Angst verhindert jede Entwicklung und jeden Fortschritt. Das ist gefährlich – individuell, aber auch gesellschaftlich.

Mensch, warum haben wir solche Angst?!

Warum sind wir oft so gehemmt und gefangen? Warum haben wir so eine Angst vor dem Fremden, dem Unvorhersehbaren und vor dem, was uns nah geht? Was für eine Rolle spielt es denn, ob jemand in Damaskus, in Wuppertal oder in Halle an der Saale geboren wurde oder ob sie ihn liebt oder sie? Warum ist es so schwer für uns, nach einem Streit wieder aufeinander zuzugehen und einander zu verzeihen? Warum erscheint es uns einfacher zu spalten, als zu versöhnen? Warum ist zu besitzen so viel interessanter für uns als zu geben? Warum ist „Der ist doof!“ so viel schneller gesagt als „Ich hab dich lieb“? Und warum schweigen oder schlagen wir, obwohl wir miteinander reden müssten?

Der gute Engel aus dem Evangelium würde Hände und Flügel über dem Kopf zusammenschlagen und bei seinem Chef um weiteres Personal bitten, wäre er hier und heute bei uns im Einsatz!

Ich möchte Sie einladen, sich einmal vorzustellen, was passieren würde, wenn sich alle Menschen auf der Welt nur für einen einzigen Tag nicht zu fürchten bräuchten. Was für eine Welt hätten wir wohl, ohne unsere aus der Angst heraus getroffenen Entscheidungen? Und wie sähe unsere eigene „kleine“ ganz persönliche Welt wohl aus, wenn wir uns einen Tag vollkommen frei und mutig fühlen könnten?

Stellen wir uns vor, dass wir fragen: „Wie meinen Sie das?“, wenn jemand in der U-Bahn sagt: „Diese Asylanten sind ja überall.“ Stellen wir uns vor, dass wir die Kollegin, die immer stiller geworden ist, fragen, ob sie mit uns reden möchte, anstatt zu denken, dass uns das nichts angeht. Stellen wir uns vor, dass wir den Bruder, mit dem wir seit fünf Jahren nicht mehr gesprochen haben, anrufen und den ersten Schritt machen, selbst wenn wir wissen, dass wir beide Schuld haben und er den Hörer vielleicht nicht abnehmen wird. Stellen wir uns vor, dass wir nicht wie sonst jeden Tag mit gesenktem Kopf an dem Menschen vorbeilaufen, in den wir schon so lange verliebt sind, sondern stehenbleiben und fragen, ob er oder sie einen Kaffee mit uns trinken mag. Und stellen wir vor, dass – ganz gleich, wie all diese Situationen ausgehen –, ein Engel an unserer Seite ist und uns jeden Tag Mut macht, indem er uns beim Namen nennt und uns zuflüstert: „Umarme das Leben und fürchte dich nicht!“

 

FROHE WEIHNACHTEN!

Denn es war kein Raum in der Herberge

Von Fabienne Berg

Überall leuchten und blinken weiße und bunte Lichtlein. In den Innenstädten riecht es verlockend nach gebrannten Mandeln und Glühwein. Bepackt mit Tüten und Geschenkpapier schieben sich die Menschen von Geschäft zu Geschäft. Straßenmusikanten streiten um die besten Plätze. Der Handel hat Hochkonjunktur – die Taschendiebe auch. Unverkennbar: Es weihnachtet wieder. Wie schön!

Wir feiern Weihnachten in Gedenken an die Geburt Jesu Christi. Und dessen Geschichte beginnt mit einer schwangeren Frau, die sich zusammen mit ihrem Mann aufmacht auf eine gefährliche Reise mit ungewissem Ausgang.

Die Geschichte von Maria und Josef kennt hierzulande fast jedes Kind. Wir hören sie jedes Jahr um diese Zeit und der einen oder dem anderen von Ihnen klingen vielleicht bei dem Gedanken an die Weihnachtsgeschichte folgende Worte aus dem Lukasevangelium in den Ohren: „Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war. Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeder in seine Stadt.“

Nun ist der IS in Syrien. Und ein jeder läuft. Aber nicht in seine Stadt, sondern um sein Leben. Tausende Frauen, Männer und Kinder sind auf der Flucht. Nicht selten sind unter den Frauen auch Schwangere, die – wie damals Maria – nicht wissen, ob sie und ihre ungeborenen Kinder die Reise gesund überstehen werden. Und trotzdem machen auch sie sich auf den Weg.

Maria und Josef brauchten damals dringend einen Platz zum Schlafen. Die Wehen hatten bei Maria bereits eingesetzt. Immer wieder fragten sie nach einem Quartier. Der Zimmermann und seine Frau. Arme Leute. Erschöpft und sorgenvoll. Die Antwort auf ihre Bitte war jedoch immer die gleiche: Nicht hier! Nicht bei uns! Wir haben keinen Platz!

Statt ersehnter Hilfe ernteten die beiden Argwohn und Ablehnung.

Auch das kommt uns irgendwie bekannt vor, wenn wir an unsere heutige Zeit denken. Die Angst vor dem Fremden scheint ein Ur-Programm in uns zu sein. Die Bereitschaft zur Aggression leider auch. Während die meisten von uns die Kerzen am Adventskranz anzünden, brennen in so manchen Köpfen Hass und Zerstörungswut. Häuser brennen nieder im Krieg – und so manche Flüchtlingsunterkunft bei uns auch.

Wie verzweifelt muss ein Mensch sein, wenn er alles verlässt, was ihm wichtig war? Hoffen wir, dass wir und unsere Kinder niemals in diese Lage kommen und vor allem, dass die Kriegsherde in unserer Welt irgendwann erlöschen.

Die Weihnachtsgeschichte, die wir alle so schön und besinnlich finden, ist aber – wie wir wissen – lediglich der Beginn einer Erzählung, die uns Hoffnung, Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe lehren soll. Es ist nicht wirklich notwendig, an Jesus zu glauben, um das, wofür er steht, zu verstehen und vielleicht sogar ein Stück weit praktisch zu leben.

Ein nettes Wort für unseren Nächsten, ein offenes Ohr für die Nöte anderer, etwas gelebte Toleranz und ein mutiger Umgang mit unseren Ängsten und Vorbehalten – das kann schon ein Anfang sein.

Weihnachten endet nicht am 26. Dezember.

Weihnachten kann jeden Tag sein. In jedem Augenblick.

Ich weiß nicht mehr genau, wo ich folgenden Ausspruch gelesen habe, aber hier passt er hin:

„Heben wir uns unsere Prinzipien für die wenigen Momente im Leben auf, in denen es wirklich auf Prinzipien ankommt. Für den Rest genügt ein wenig Barmherzigkeit.“

 

In diesem Sinne wünsche ich dem gesamten Junfermann-Team, allen Leserinnen und Lesern und auch den anderen Autorinnen und Autoren fröhliche und friedliche Feiertage und alles Gute und Schöne für das neue Jahr!