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Die Stärken der Stillen: Interview mit Jennifer Kahnweiler

Die US-Amerikanerin Jennifer Kahnweiler arbeitet erfolgreich als Rednerin, Management-Coach und Autorin. Ihr Spezialgebiet ist die Introversion – sie hilft stillen, introvertierten Menschen, ihre besonderen Qualitäten einzusetzen und in ihrem Privat- und Berufsleben selbstbewusster und einflussreicher zu werden. Darüber hinaus berät sie große Unternehmen dabei, die spezifischen Stärken ihrer introvertierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter besser zu erkennen und zu nutzen. Kahnweiler hat zu diesem Thema zwei Bücher geschrieben. Eines davon erscheint im März 2015 unter dem Titel Die Stärken der Stillen: Selbstvertrauen und Überzeugungskraft für introvertierte Menschen erstmals auf deutsch. Wir haben mit der in Atlanta (Georgia) lebenden Autorin über ihr Buch gesprochen.

                          

Jennifer, was ist das Introvertierteste, was Sie heute getan haben?

Ich habe mir heute Morgen eine stille Auszeit genommen, in mein Tagebuch geschrieben und über den anstehenden Tag nachgedacht. Außerdem versuche ich, nicht zu vergessen, Dankbarkeit zu üben und morgens ist für mich die beste Zeit dafür.

Sie beschreiben sich selbst als einen extrovertierten Menschen – woher kommt Ihr Interesse an Introvertierten und ihren spezifischen Stärken (und Schwierigkeiten) ursprünglich?

Als ich in der Führungskräfte-Entwicklung und im Karrierecoaching gearbeitet habe, hat es mich oft befremdet, wie oft introvertierte Menschen übersehen und geringgeschätzt wurden. Ich wollte ihnen dabei helfen, eine führende Stimme zu entwickeln und ihre Ideen einbringen zu können. Ich wusste, dass ihre Teams und Unternehmen von dem Mehrwert profitieren können, den Introvertierte in eine Debatte einbringen.
Ganz persönlich kann ich sagen, dass ich mit meinem Mann Bill seit mehr als 40 Jahren verheiratet bin und er ist sehr introvertiert. Ich habe gelernt (und lerne immer noch), mit ihm zu kommunizieren und eine Verbindung mit ihm herzustellen und ich wollte mein Wissen gern mit anderen Menschen teilen. Diese persönlichen und beruflichen Erfahrungen haben mich zur „Introversions-Meisterin“ gemacht.

Eines der Hauptargumente in Die Stärken der Stillen lautet, Introvertierte würden ihre Schwierigkeiten nur vergrößern, wenn sie versuchen, die Verhaltensweisen von Extrovertierten nachzuahmen. Stattdessen sollten sie vielmehr ihre eigenen, introvertierten Stärken einsetzen. Sehen Sie in den USA einen Wandel in der allgemeinen Arbeits- und Firmenkultur, der die Würdigung dieser Stärken begünstigt?

Oh ja, dieser Wandel findet Gottseidank statt. Je mehr Aufmerksamkeit die Medien für das Thema Introversion haben, desto selbstbewusster nehmen Introvertierte ihre stillen Stärken wahr. Sie erfahren mehr Wertschätzung und erkennen, dass nicht irgendetwas mit ihnen nicht stimmt, nur weil sie ein ruhigeres Temperament haben. Extrovertrierte Menschen bemühen sich, Introvertierte bei der Arbeit einzubingen und sie nicht unter Druck zu setzen, sich extrovertierten Regeln unterwerfen zu müssen. Sogar die Arbeitsplatzumgebung selbst wird zunehmend so gestaltet, dass sie den Bedürfnissen Introvertierter besser gerecht werden, etwa durch Ruheorte inmitten all dieser Arbeitsplatzboxen in unseren Großraumbüros. Trotz alledem haben wir natürlich noch einen weiten Weg vor uns, bis die westlichen Gesellschaften intorvertierte Menschen wirklich akzeptieren.

Kommen wir auf eine besondere Stärke introvertierter Menschen zu sprechen, die Sie in Ihrem Buch diskutieren: das engagierte Zuhören. Können Sie uns erklären, warum das Ihrer Meinung nach eine Eigenschaft ist, die für Introvertierte charakteristisch ist und wie solche Menschen diese Eigenschaft nutzen können, um einflussreicher zu werden?

Introvertierte fokussieren meist auf nur eine Person in einem gegebenen Moment. Ferner akzeptieren sie Stille und Pausen in Gesprächen. Das sind meist die Momente, in denen sich Menschen öffnen und etwas von sich preisgeben. Introvertierte Menschen können diese Art engagierten Zuhörens einsetzen, um 1) ein besseres Verständnis einer gegebenen Situation zu gewinnen und dafür Informationen und Erkenntnisse zu sammeln; 2) ihre Verbindung schaffende Empathie zu vertiefen; 3) Glaubwürdigkeit zu gewinnen, indem sie aufmerksam auf das reagieren, was sie gehört haben und 4) ein hohes Maß an Engagement zu erzeugen, indem sie in ihrem Vorgehen das Vertrauen und Engagement anderer Menschen gewinnen.

Ihr erstes Buch ist 2009 erschienen und hieß The Introverted Leader (dt. „Die introvertierte Führungskraft“). Was hat Sie bewogen, sich im zweiten Buch abermals mit dem Thema Introversion zu beschäftigen und dabei eine andere Zielgruppe in den Blick zu nehmen?

Mein erstes Buch richtete sich an aufstrebende Führungskräfte aus dem mittleren und höheren Management großer Unternehmen. Ich habe aber festgestellt, dass das Buch von Menschen aus allen möglichen beruflichen Hierarchieebenen sehr geschätzt wurde. Und ich denke, es ist wichtig, seinen Leserinnen und Lesern zuzuhören; sie haben mich wissen lassen, dass sie gerne Ansätze für Introvertierte in ihrem gesamten Unternehmen hätten, wie auch im Umgang mit Kunden, Händlern, Lieferanten etc. Also habe ich im ganzen Land Interviews mit einer Reihe von erfolgreichen Introvertierten geführt, die auf stille Weise Einfluss ausüben. Auf meinen Erkenntnissen dabei beruht der Prozess zur Stärkung der Stillen, den ich in meinem Buch beschreibe.

Welche Hoffnungen verbinden sich für Sie mit dem Erscheinen Ihres neuen Buchs in deutscher Sprache?

Ich hoffe, dass es jenen Introvertierten im deutschsprachigen Raum, die womöglich ihre Stärken noch nicht erkannt haben, Inspiration und praktische Anleitung liefert, damit sie in ihrem Umfeld die Wirkung erzielen können, die sie möchten. Darüber hinaus hoffe ich, dass auch Extrovertierte hierzulande sich ihre eigenen stillen Stärken zunutze machen und so ihr Spektrum effektiver Handlungsweisen erweitern, aber auch besser mit den introvertierten Menschen in ihrem Leben umgehen können. Und schließlich hoffe ich, dass Unternehmen im deutschsprachigen Raum den Wert und den Beitrag anerkennen, den ihre stilleren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einbringen und darüber nachzudenken beginnen, Arbeitsbediungen so zu gestalten, dass sie für ganz unterschiedliche Persönlichkeiten in gleicher Weise geeignet sind.

Eine weitere Stärke introvertierter Menschen, die in Ihrem Buch erwähnt wird, ist das überlegte Nutzen sozialer Medien. Sie selbst nutzen diese Medien ziemlich intensiv – es gibt einen Blog, einen Facebook- und einen Twitter-Account. Zu welchem Zweck setzen Sie diese unterschiedlichen Kanäle ein und wie tun Sie das? Gibt es eine Strategie, die Zeitpunkte und Inhalte von Postings bestimmt, gibt es Menschen, die Ihnen dabei helfen, diese Accounts zu bespielen?

Für Introvertierte sind soziale Medien klasse, denn sie geben ihnen Zeit darüber nachzudenken, was sie posten und wo sie das tun. Ferner kann man dort auch auf langsame Weise echte und tiefe Beziehungen und Verbindungen zu Menschen aufbauen.

Mir selbst gefällt das alles gut und ich nutze es in ganz verschiedener Weise. Ich schreibe meinen Blog, um neue Inhalte, verbunden mit meiner persönlichen Perspektive, in die Welt zu bringen (www.jenniferkahnweiler.com). Wenn ich also einen Zeitschriftenbeitrag oder neue Forschungsergebnisse zum Thema Introversion finde, dann teile ich das und kommentiere es. Es gibt dort auch Formen „weicher“ PR – etwa indem ich meine Erfahrung mit einem Journalisten kommentiere, der über meine Arbeit berichtet hat. Und schließlich ist man mit einem Blog im Netz gut auffindbar.
Mir liegt an einem gegenseitigen Geben und Nehmen und daher mache ich auch viel Werbung für die Arbeit anderer Menschen, an die ich glaube und von der ich denke, dass meine Leserinnen und Leser sie kennen sollten. Dafür benutze ich den Blog und soziale Medien gleichermaßen.

Dabei hilft mir bislang noch niemand, aber wenn im August 2015 mein nächstes Buch in den USA erscheint (es wird „The Genius of Opposites“ heißen und sich damit beschäftigen, wie Introvertierte und Extrovertierte am besten zusammenarbeiten können), werde ich wohl eine Agentur beauftragen, mich bei der PR zu unterstützen.

Twitter, Facebook und LinkedIn nutze ich, um auf dem Laufenden zu bleiben und Neuigkeiten zu erfahren. Ich nehme dort auch vieles wahr, was sich außerhalb meines Arbeitsgebiets befindet (Nachrichten aus der Welt und meiner Region, Unterhaltung, Kunst etc.), um einen frischen Blick auf die Dinge zu bekommen. Das wiederum versorgt mich mit neuen Ideen für mein Schreiben und meine Vortragstätigkeit.
Meine Facebook-Seite The Introverted Leader vermittelt vorwiegend Inhalte, die mit diesem Buch in Zusammenhang stehen. Ich habe darüber hinaus auch noch eine persönliche Seite für den Kontakt mit Freunden und Familie, die sich übrigens sogar positiv auf mein Geschäft auswirkt: Klienten und Leser schicken mir oft Kommentare zu etwas, das sie dort gefunden haben. Und ich stelle meinerseits fest, dass ich aus Postings auf Facebook etwas über andere Menschen erfahre und Beziehungen zu ihnen aufbauen kann.

Ich nutze das Programm HootSuite, um meine Postings zu terminieren und meine verschiedenen Feeds aus den sozialen Medien mehrfach am Tag abzurufen. Darüber hinaus gibt es das Programm SelfControl, das ich für die Überwachung der Zeit, die ich für soziale Medien aufwende, einsetze. Es erlaubt mir außerhalb der voreingestellten Zeiten tatsächlich keinen Zugang zu meinen Seiten. Ich brauche diese Art von Hilfe, um potenzielle Ablenkungen einzuschränken und sicherzustellen, dass ich auf meine aktuelle Arbeit konzentriert bleibe!

Neben der Präsenz in sozialen Medien findet man auch eine Menge Videos von Ihnen im Netz. Wenn Sie für jemanden, der noch nicht von Ihnen gehört hat, eines auswählen sollten, das einen guten Eindruck von Ihnen und Ihrer Arbeit vermittelt – welches würden Sie nehmen?

Ich würde mein neuestes Demovideo empfehlen:

 

Vielen Dank!

Bitte schön! 🙂

 

Das Interview führte Stephan Dietrich.

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