Die Stärken der Stillen: Interview mit Jennifer Kahnweiler
Die US-Amerikanerin Jennifer Kahnweiler arbeitet erfolgreich als Rednerin, Management-Coach und Autorin. Ihr Spezialgebiet ist die Introversion – sie hilft stillen, introvertierten Menschen, ihre besonderen Qualitäten einzusetzen und in ihrem Privat- und Berufsleben selbstbewusster und einflussreicher zu werden. Darüber hinaus berät sie große Unternehmen dabei, die spezifischen Stärken ihrer introvertierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter besser zu erkennen und zu nutzen. Kahnweiler hat zu diesem Thema zwei Bücher geschrieben. Eines davon erscheint im März 2015 unter dem Titel Die Stärken der Stillen: Selbstvertrauen und Überzeugungskraft für introvertierte Menschen erstmals auf deutsch. Wir haben mit der in Atlanta (Georgia) lebenden Autorin über ihr Buch gesprochen.
Jennifer, was ist das Introvertierteste, was Sie heute getan haben?
Ich habe mir heute Morgen eine stille Auszeit genommen, in mein Tagebuch geschrieben und über den anstehenden Tag nachgedacht. Außerdem versuche ich, nicht zu vergessen, Dankbarkeit zu üben und morgens ist für mich die beste Zeit dafür.
Sie beschreiben sich selbst als einen extrovertierten Menschen – woher kommt Ihr Interesse an Introvertierten und ihren spezifischen Stärken (und Schwierigkeiten) ursprünglich?
Als ich in der Führungskräfte-Entwicklung und im Karrierecoaching gearbeitet habe, hat es mich oft befremdet, wie oft introvertierte Menschen übersehen und geringgeschätzt wurden. Ich wollte ihnen dabei helfen, eine führende Stimme zu entwickeln und ihre Ideen einbringen zu können. Ich wusste, dass ihre Teams und Unternehmen von dem Mehrwert profitieren können, den Introvertierte in eine Debatte einbringen.
Ganz persönlich kann ich sagen, dass ich mit meinem Mann Bill seit mehr als 40 Jahren verheiratet bin und er ist sehr introvertiert. Ich habe gelernt (und lerne immer noch), mit ihm zu kommunizieren und eine Verbindung mit ihm herzustellen und ich wollte mein Wissen gern mit anderen Menschen teilen. Diese persönlichen und beruflichen Erfahrungen haben mich zur „Introversions-Meisterin“ gemacht.
Eines der Hauptargumente in Die Stärken der Stillen lautet, Introvertierte würden ihre Schwierigkeiten nur vergrößern, wenn sie versuchen, die Verhaltensweisen von Extrovertierten nachzuahmen. Stattdessen sollten sie vielmehr ihre eigenen, introvertierten Stärken einsetzen. Sehen Sie in den USA einen Wandel in der allgemeinen Arbeits- und Firmenkultur, der die Würdigung dieser Stärken begünstigt?
Oh ja, dieser Wandel findet Gottseidank statt. Je mehr Aufmerksamkeit die Medien für das Thema Introversion haben, desto selbstbewusster nehmen Introvertierte ihre stillen Stärken wahr. Sie erfahren mehr Wertschätzung und erkennen, dass nicht irgendetwas mit ihnen nicht stimmt, nur weil sie ein ruhigeres Temperament haben. Extrovertrierte Menschen bemühen sich, Introvertierte bei der Arbeit einzubingen und sie nicht unter Druck zu setzen, sich extrovertierten Regeln unterwerfen zu müssen. Sogar die Arbeitsplatzumgebung selbst wird zunehmend so gestaltet, dass sie den Bedürfnissen Introvertierter besser gerecht werden, etwa durch Ruheorte inmitten all dieser Arbeitsplatzboxen in unseren Großraumbüros. Trotz alledem haben wir natürlich noch einen weiten Weg vor uns, bis die westlichen Gesellschaften intorvertierte Menschen wirklich akzeptieren.
Kommen wir auf eine besondere Stärke introvertierter Menschen zu sprechen, die Sie in Ihrem Buch diskutieren: das engagierte Zuhören. Können Sie uns erklären, warum das Ihrer Meinung nach eine Eigenschaft ist, die für Introvertierte charakteristisch ist und wie solche Menschen diese Eigenschaft nutzen können, um einflussreicher zu werden?
Introvertierte fokussieren meist auf nur eine Person in einem gegebenen Moment. Ferner akzeptieren sie Stille und Pausen in Gesprächen. Das sind meist die Momente, in denen sich Menschen öffnen und etwas von sich preisgeben. Introvertierte Menschen können diese Art engagierten Zuhörens einsetzen, um 1) ein besseres Verständnis einer gegebenen Situation zu gewinnen und dafür Informationen und Erkenntnisse zu sammeln; 2) ihre Verbindung schaffende Empathie zu vertiefen; 3) Glaubwürdigkeit zu gewinnen, indem sie aufmerksam auf das reagieren, was sie gehört haben und 4) ein hohes Maß an Engagement zu erzeugen, indem sie in ihrem Vorgehen das Vertrauen und Engagement anderer Menschen gewinnen.
Ihr erstes Buch ist 2009 erschienen und hieß The Introverted Leader (dt. „Die introvertierte Führungskraft“). Was hat Sie bewogen, sich im zweiten Buch abermals mit dem Thema Introversion zu beschäftigen und dabei eine andere Zielgruppe in den Blick zu nehmen?
Mein erstes Buch richtete sich an aufstrebende Führungskräfte aus dem mittleren und höheren Management großer Unternehmen. Ich habe aber festgestellt, dass das Buch von Menschen aus allen möglichen beruflichen Hierarchieebenen sehr geschätzt wurde. Und ich denke, es ist wichtig, seinen Leserinnen und Lesern zuzuhören; sie haben mich wissen lassen, dass sie gerne Ansätze für Introvertierte in ihrem gesamten Unternehmen hätten, wie auch im Umgang mit Kunden, Händlern, Lieferanten etc. Also habe ich im ganzen Land Interviews mit einer Reihe von erfolgreichen Introvertierten geführt, die auf stille Weise Einfluss ausüben. Auf meinen Erkenntnissen dabei beruht der Prozess zur Stärkung der Stillen, den ich in meinem Buch beschreibe.
Welche Hoffnungen verbinden sich für Sie mit dem Erscheinen Ihres neuen Buchs in deutscher Sprache?
Ich hoffe, dass es jenen Introvertierten im deutschsprachigen Raum, die womöglich ihre Stärken noch nicht erkannt haben, Inspiration und praktische Anleitung liefert, damit sie in ihrem Umfeld die Wirkung erzielen können, die sie möchten. Darüber hinaus hoffe ich, dass auch Extrovertierte hierzulande sich ihre eigenen stillen Stärken zunutze machen und so ihr Spektrum effektiver Handlungsweisen erweitern, aber auch besser mit den introvertierten Menschen in ihrem Leben umgehen können. Und schließlich hoffe ich, dass Unternehmen im deutschsprachigen Raum den Wert und den Beitrag anerkennen, den ihre stilleren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einbringen und darüber nachzudenken beginnen, Arbeitsbediungen so zu gestalten, dass sie für ganz unterschiedliche Persönlichkeiten in gleicher Weise geeignet sind.
Eine weitere Stärke introvertierter Menschen, die in Ihrem Buch erwähnt wird, ist das überlegte Nutzen sozialer Medien. Sie selbst nutzen diese Medien ziemlich intensiv – es gibt einen Blog, einen Facebook- und einen Twitter-Account. Zu welchem Zweck setzen Sie diese unterschiedlichen Kanäle ein und wie tun Sie das? Gibt es eine Strategie, die Zeitpunkte und Inhalte von Postings bestimmt, gibt es Menschen, die Ihnen dabei helfen, diese Accounts zu bespielen?
Für Introvertierte sind soziale Medien klasse, denn sie geben ihnen Zeit darüber nachzudenken, was sie posten und wo sie das tun. Ferner kann man dort auch auf langsame Weise echte und tiefe Beziehungen und Verbindungen zu Menschen aufbauen.
Mir selbst gefällt das alles gut und ich nutze es in ganz verschiedener Weise. Ich schreibe meinen Blog, um neue Inhalte, verbunden mit meiner persönlichen Perspektive, in die Welt zu bringen (www.jenniferkahnweiler.com). Wenn ich also einen Zeitschriftenbeitrag oder neue Forschungsergebnisse zum Thema Introversion finde, dann teile ich das und kommentiere es. Es gibt dort auch Formen „weicher“ PR – etwa indem ich meine Erfahrung mit einem Journalisten kommentiere, der über meine Arbeit berichtet hat. Und schließlich ist man mit einem Blog im Netz gut auffindbar.
Mir liegt an einem gegenseitigen Geben und Nehmen und daher mache ich auch viel Werbung für die Arbeit anderer Menschen, an die ich glaube und von der ich denke, dass meine Leserinnen und Leser sie kennen sollten. Dafür benutze ich den Blog und soziale Medien gleichermaßen.
Dabei hilft mir bislang noch niemand, aber wenn im August 2015 mein nächstes Buch in den USA erscheint (es wird „The Genius of Opposites“ heißen und sich damit beschäftigen, wie Introvertierte und Extrovertierte am besten zusammenarbeiten können), werde ich wohl eine Agentur beauftragen, mich bei der PR zu unterstützen.
Twitter, Facebook und LinkedIn nutze ich, um auf dem Laufenden zu bleiben und Neuigkeiten zu erfahren. Ich nehme dort auch vieles wahr, was sich außerhalb meines Arbeitsgebiets befindet (Nachrichten aus der Welt und meiner Region, Unterhaltung, Kunst etc.), um einen frischen Blick auf die Dinge zu bekommen. Das wiederum versorgt mich mit neuen Ideen für mein Schreiben und meine Vortragstätigkeit.
Meine Facebook-Seite The Introverted Leader vermittelt vorwiegend Inhalte, die mit diesem Buch in Zusammenhang stehen. Ich habe darüber hinaus auch noch eine persönliche Seite für den Kontakt mit Freunden und Familie, die sich übrigens sogar positiv auf mein Geschäft auswirkt: Klienten und Leser schicken mir oft Kommentare zu etwas, das sie dort gefunden haben. Und ich stelle meinerseits fest, dass ich aus Postings auf Facebook etwas über andere Menschen erfahre und Beziehungen zu ihnen aufbauen kann.
Ich nutze das Programm HootSuite, um meine Postings zu terminieren und meine verschiedenen Feeds aus den sozialen Medien mehrfach am Tag abzurufen. Darüber hinaus gibt es das Programm SelfControl, das ich für die Überwachung der Zeit, die ich für soziale Medien aufwende, einsetze. Es erlaubt mir außerhalb der voreingestellten Zeiten tatsächlich keinen Zugang zu meinen Seiten. Ich brauche diese Art von Hilfe, um potenzielle Ablenkungen einzuschränken und sicherzustellen, dass ich auf meine aktuelle Arbeit konzentriert bleibe!
Neben der Präsenz in sozialen Medien findet man auch eine Menge Videos von Ihnen im Netz. Wenn Sie für jemanden, der noch nicht von Ihnen gehört hat, eines auswählen sollten, das einen guten Eindruck von Ihnen und Ihrer Arbeit vermittelt – welches würden Sie nehmen?
Ich würde mein neuestes Demovideo empfehlen:
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Vielen Dank!
Bitte schön! 🙂
Das Interview führte Stephan Dietrich.
Schluss mit der Selbstgeißelung!
Erkenne Dich selbst – Wege zur Selbsterkenntnis
Von Annette Auch-Schwelk
(Mit Abbildungen von Tine Kluth)
„Wer bin ich? – Wenn ich das nur wüsste!“
Gehören Sie zu den Menschen, die morgens in den Spiegel schauen und denken: „Meine Güte, siehst du fertig aus, schon wieder ein paar Falten mehr …“? – Anstatt mit einem Lächeln zu fragen: „Hey, wer bist du? Lust auf ein Date?“
Weshalb fällt es vielen Menschen so schwer, sich selbst zu akzeptieren, wenn sie morgens in den Spiegel schauen? Ein „Ich bin ich, und das ist gut so“ ist den wenigsten in die Wiege gelegt. Enttäuschungen in der Kindheit oder im Erwachsenenleben können zu Unsicherheit, Selbstzweifeln und einem getrübten Blick auf die eigenen Potenziale führen.
Vor allem der eigene „Flagellant“ macht vielen Menschen das Leben schwer. Die Flagellanten waren eine christliche Laienbewegung im 13./14. Jahrhundert. Ihr Name geht auf das lateinische Wort flagellum für „Geißel“ oder „Peitsche“ zurück. Zu den religiösen Praktiken ihrer Anhänger gehörte die öffentliche Selbstgeißelung, um auf diese Weise Buße zu tun und sich von begangenen Sünden zu reinigen.
Die meisten Menschen sind Geißler und ausgestattet mit zwei Peitschen. Eine rechts, eine links. Mehrmals am Tag machen sie eine Selbstgeißelung. Ab und an öffentlich, ab und an im stillen Kämmerchen. Der „Geißler“ kann sich das Leben zur Hölle machen. Er kritisiert. Schnell. Schonungslos. Lassen Sie nicht zu, dass Ihr Flagellant Sie beherrscht. Wann immer er die Oberhand gewinnt, fragen Sie sich: „Und wer bin ich noch?“
„Wer bin ich? – Wenn ich das nur wüsste!“
Um das herauszufinden, machen Sie ein Date, eine Verabredung mit der Person, die Sie jeden Morgen im Spiegel sehen – mit sich selbst! Gehen Sie auf eine Entdeckungsreise zu sich selbst! Nehmen Sie hierfür die Abenteuerlust eines Christoph Kolumbus mit.
Wie machen Sie das?
Beginnen Sie mit der „1 x 9 x 7″-Methode: Nehmen Sie sich 1 x täglich mindestens 9 Minuten Zeit für sich – und das 7 Tage die Woche! Beginnen Sie mit der einfachen und gleichzeitig sehr effektiven Übung „Einatmen – Ausatmen – Weiterleben“! Unser Atem ist die Quelle des Lebens. Atmen Sie bewusst, ein und aus. Helfen Sie sich und Ihrem Körper dabei, sich zu entspannen.
Es klappt nicht gleich? Stellen Sie sich vor, Sie haben schon lange keinen Sport mehr gemacht. Jetzt machen Sie am Wochenende mit Ihren Freunden eine Fahrradtour. Für Ihren Körper ist es gut, dass Sie sich bewegen – ein kurzfristiger Erfolg. Wenn Sie jedoch danach regelmäßig Fahrrad fahren, ist es für Ihren Körper besser, für Ihre Gesundheit ein langfristiger Erfolg und somit nachhaltiger. Genauso ist es mit dem Selbstbewusstsein. Dieses ist wie ein Muskel, den Sie trainieren können! Trainieren Sie täglich, sich kennenzulernen, sich Ihrer selbst bewusst zu werden!
Hierfür kann Ihnen eine Schatzkiste helfen! Werden Sie sich bewusst, was Ihnen in Ihrem Leben gut tut. Legen Sie dort Ihre Lieblings-CD hinein. Ein Bild mit Menschen, die Sie lieben und von denen Sie geliebt werden. Ein Buch, welches Ihnen besonders gut gefällt. Schreiben Sie auf, was Ihnen Spaß macht. Was Sie begeistert. Was Ihnen ein Lächeln auf die Lippen zaubert. Wodurch Sie Kraft tanken. Worauf Sie stolz sind. Was Sie schon alles in Ihrem Leben gemeistert haben.
Schließen Sie für einen Moment die Augen und fragen Sie sich laut: „Wann in meinem Leben habe ich schon einmal eine für mich schwere Situation gemeistert?“ Wenn nichts kommt, atmen Sie entspannt ein und aus. Stellen Sie sich in nächster Zeit immer wieder diese Frage. Irgendwann bekommen Sie eine Antwort. Wichtig ist, dass Sie sich nicht mit anderen vergleichen!
Was war IHRE Herausforderung? Wie erging es Ihnen dabei? Erinnern Sie sich, wie haben Sie sich damals gefühlt? Wie sah die Situation aus? Was haben Sie gerochen? Haben Sie etwas gehört? Können Sie sich an einen Geschmack erinnern? Wenn Sie Ihr eigenes Bild haben, dann prägen Sie sich jetzt dieses Bild ein, indem Sie eine Körperbewegung dazu machen. Sie kann klein ausfallen oder groß, je nachdem, was für Sie passt. Damit „ankern“ Sie Ihre Erfolgssituation nicht nur im Geiste, sondern auch in Ihrem Körper. Somit stärken Sie sich selbst!
„Wer bin ich? – Wenn ich das nur wüsste!“
Eine weitere Möglichkeit ist, auf seinen „inneren Ratgeber“ zu hören. Sie hören nichts?
Stellen Sie sich vor, Sie sprechen mit einer Person. Leider kommen Sie nicht zu Wort, da diese Person unaufhörlich redet. Sie versuchen es immer wieder, doch Sie haben keine Chance. Wie geht es Ihnen? Werden Sie genervt, frustriert, wütend oder ziehen sich zurück? Genauso könnte es Ihrer inneren Stimme, Ihrem inneren Ratgeber gehen. Immer wieder sendet er Signale, möchte etwas mitteilen, doch Sie hören nicht hin. Unentwegt arbeiten Sie, sind ständig unterwegs, hier ein Meeting, da ein Treffen, dort die Präsentation, zum Sport, die Familie, der Fernseher … Wie soll da Ihr innerer Ratgeber, Ihr Bauchgefühl zu Wort kommen?
Wissenschaftler wie Professor Dr. Gerd Gigerenzer sprechen von der Intelligenz des Unbewussten und der Macht der Intuition. Haben wir ein Gehirn im Kopf und eines im Bauch? Neurowissenschaftler sprechen von einem „zweiten Gehirn“. Anscheinend das Abbild des Kopfhirns – Zelltypen, Wirkstoffe und Rezeptoren sind exakt gleich. Wenn dem so ist, wäre es eine Verschwendung, nur eines davon bewusst zu nutzen!
Hören Sie auf Ihren Bauch? Auf Ihren inneren Ratgeber? Wenn ja – weiter so!
Vielleicht hat sich Ihr innerer Ratgeber aber auch zurückgezogen, da Sie ihn nicht haben zu Wort kommen lassen? Keine Sorge, die Tür dorthin mag etwas verrostet sein, doch sie lässt sich ölen!
Werden Sie ab und an ruhiger. Werden Sie ab und an stiller. Machen Sie eine Pause. Legen Sie Ihre Hände auf Ihren Bauch. Was fühlen Sie? Hören Sie etwas? Seien Sie geduldig und laden Sie Ihren inneren Ratgeber ein, indem Sie ihm Beachtung und Zeit schenken. Die Antworten können ganz unterschiedlich ausfallen. Vielleicht spüren Sie nach wochenlangem Hadern ganz klar, welchen Weg Sie gehen möchten. Oder Sie träumen von etwas, das Ihnen hilft. Vielleicht begegnet Ihnen plötzlich ein Mensch, der Sie unterstützt. Oder Sie bekommen klare Körpersymptome. Seien Sie aufmerksam für alles, was Sie fühlen, wem Sie begegnen und was passiert! Je mehr Sie wieder auf Ihr Bauchgefühl hören, desto mehr hat Ihr innerer Ratgeber Lust, sich Ihnen zu zeigen, Sie zu unterstützen. Wenn Sie schon „zwei Gehirne“ haben, nutzen Sie beide!
Vertrauen Sie Ihrer inneren Stimme, Ihrem inneren Ratgeber. Das wird Ihnen helfen, sich selbst – noch mehr – zu erkennen!
Haben Sie Fragen oder Anregungen? Die Autorin antwortet Ihnen gerne.
Annette Auch-Schwelk arbeitet seit 2004 selbständig als Coach, Rednerin und Autorin mit Schwerpunkt Selbstbewusstsein. 2011 kam ihr Buch “Erfolgreich mit Selbstbewusstsein” (Haufe Verlag) auf den Markt. 2013 erhält sie den Coaching Award für das beste Buch. Dieses hat „Bestseller-Status“ erreicht. Seit 2012 ist die Geschäftsführerin der Auch-Schwelk GmbH als Referentin an der “Hochschule der Medien” in Stuttgart tätig. Mehr über die Autorin erfahren Sie hier.
Hinweise zum Buch/Hörbuch finden Sie hier.
Veranstaltungshinweise
2015 Vortrag/Workshop: „Erfolgreich mit Selbstbewusstsein“:
· 25. Februar Didacta Hannover
· 13/14. März Trainerkongress Berlin
· 18. März Cebit Hannover
· 22. März Junfermann Kongress Düsseldorf
· 14. April Hannover Messe
· 11. Juni Interschutz Hannover
Zeit für die wirklich wichtigen Dinge haben
Das neue Jahr hat begonnen – und zwar für viele genauso stressig, wie das alte Jahr zu Ende gegangen ist. Quälen Sie sich jetzt nicht mit allen möglichen guten Vorsätzen. Überlegen Sie stattdessen, wie Sie Ihre Zeit sinnvoll gestalten und somit mehr Freiraum schaffen können für das, was Ihnen wirklich wichtig ist. Zach Davis, der sich auf pragmatische Lösungen für die Probleme „Informationsflut“ und „Zeitknappheit“ spezialisiert hat, gibt erste Tipps:
Zeitmanagement im Griff!
Von Zach Davis
Sie möchten oder müssen vielen verschiedenen Anforderungen gerecht werden? Der Schlüssel für ein gelungenes Zeitmanagement liegt darin, weniger unreflektiert zu reagieren und somit einen höheren Anteil seiner Zeit aktiv selbst zu planen. Dies ist leider leichter gesagt als getan. Wie setzt man das in die Praxis um? Entscheidend ist der Start: der Start in die Woche und der Start in den (Arbeits-)Tag. Die meisten Menschen kommen morgens ins Büro und sind sofort im „Reaktions-Modus“. Man schaut erst seine E-Mails nach, hört seinen Anrufbeantworter ab – und schon fängt die Fremdbestimmung an!
Im Folgenden erhalten Sie zwölf (plus 1) Zeitspartipps für den Alltag, die für mehr Selbstbestimmung und effektivere Planung sorgen:
1. Zusagen im Griff haben
Viele Menschen geraten in Bedrängnis, weil sie vereinbarte Termine nicht einhalten können. In einer Zeit immer schnellerer Abläufe meinen wir, dass Kollegen, Kunden und andere Geschäftspartner eine sofortige Erledigung der anstehenden Aufgaben von uns erwarten. Eine sofortige reflexartige Zusage bringt uns aber oftmals nicht nur selbst in Bedrängnis, sondern schürt auch für die Zukunft eine immer höhere Erwartungshaltung. Planen Sie also beim Zusagen eines Termins mehr Zeit ein, als Sie tatsächlich zu benötigen glauben.
2. Unwichtiges aufschieben
Im Zeitmanagement heißt es immer wieder, man solle mit den wichtigen Dingen starten. Das macht auch Sinn, nur muss die Zeit dafür irgendwo herkommen. Es ist oft psychologisch einfacher, diese Notwendigkeit gedanklich umzudrehen, indem man sich darauf konzentriert, die unwichtigen Dinge aufzuschieben. Erstaunlicherweise erledigen sich einige Aktivitäten dann von selbst – gerade wenn es Kleinigkeiten sind, die andere Menschen an einen herangetragen haben.
3. Zeitverwendungsrecht behalten
Jemand schreibt Ihnen ein E-Mail. Hat dieser deshalb automatisch ein Recht darauf, dass Sie Ihre Zeit damit verbringen, diese E-Mail zu lesen? Jemand ruft Sie an. Hat diese Person dadurch automatisch ein Recht darauf, dass Sie sich die Zeit für ein Telefonat mit ihm nehmen? Auch wenn es egoistisch klingen mag: Ein Recht auf das Ein- und Verplanen Ihrer Zeit haben nur Sie selbst. Stellen Sie sich regelmäßig die Frage: Macht es für mich Sinn, meine Zeit hierauf zu verwenden, oder sollte ich meine Zeit besser anders einsetzen?
4. Die großen Brocken schaffen
Wie viel ergeben 50 Milliliter einer Flüssigkeit und 50 Milliliter einer anderen Flüssigkeit zusammen? 100 Milliliter? Nicht unbedingt! Wenn die eine Flüssigkeit aus besonders großen Molekülen besteht und die andere aus besonders kleinen Molekülen, dann findet Letztere um die zuerst eingefüllten größere Moleküle herum noch Platz, sodass es beispielsweise nur 96 Milliliter werden. Jetzt werden Sie fragen: Was hat das mit Zeitmanagement zu tun? Ich verrate es Ihnen: Wenn Sie die „großen Brocken“ zuerst einplanen und erledigen, dann findet sich meist zwischendurch noch Zeit für die kleineren Aufgaben. Psychologisch fällt das Starten mit einer großen Aufgabe im Tages- und Wochenablauf auch immer schwerer, weil immer weniger Zeit übrig bleibt.
5. Gleiches zusammenpacken
Wenn eine Maschine von einem Produkt auf ein anderes umgerüstet wird, dann kostet dies Zeit. Ähnlich ist es, wenn wir von einer Art von Aktivität zu einem anderen Aktivitätstyp springen. Versuchen Sie daher, gleichartige Tätigkeiten gebündelt zu erledigen, das heißt beispielsweise nur zwei- bis dreimal am Tag die E-Mails abzurufen und dann möglichst viele ohne Unterbrechung am Stück zu beantworten und möglichst alle Telefonate in einem Block zusammenzufassen, um diese nicht nur gesammelt, sondern auch in einem sinnvollen Zeitraum (Stichwort telefonische Erreichbarkeit) zu erledigen.
6. Nur sinnvolles Multitasking
Wenn man zwei Dinge gleichzeitig erledigt, dann spart man die Hälfte der Zeit ein?! Hier besteht ein Irrglaube. Es ist selten möglich, zwei Tätigkeiten, die beide eine gewisse Konzentration erfordern, simultan durchzuführen. Beim Telefonieren gleichzeitig E-Mails zu schreiben ist nur scheinbar effektiver. Erstens schreiben Sie die E-Mail nicht so schnell wie sonst und zweitens ist die Fehleranfälligkeit höher, weil das Gehirn sich immer nur auf eine Tätigkeit bewusst konzentrieren kann. Nur wenn eine Tätigkeit (z. B. Joggen oder Bahnfahren) ohne bewusste Konzentration ablaufen kann, ist Multitasking sinnvoll.
7. AAA-Formel anwenden
Versuchen Sie, Schriftstücke wie Ihre Eingangspost direkt im ersten Durchgang zu bearbeiten. Häufig beschäftigt man sich mehrfach mit ein- und demselben Vorgang, weil beim ersten Mal schlichtweg keine klare Entscheidung getroffen wurde. Arbeiten Sie nach der AAA-Formel und entscheiden Sie sich bewusst für eine der folgenden Optionen:
- A wie Aktion bzw. Aktivität, d. h., Sie werden aktiv.
- A wie Archiv, d. h., Sie heften das Schriftstück ab.
- A wie Abfall, d. h., Sie werfen es in den Papierkorb.
Mit einer klaren Entscheidung vermeiden Sie Doppelarbeiten.
8. Erreichbarkeit selbst steuern
Eine wahre Gegebenheit auf der Männertoilette: Ein Herr steht am Urinal und bekommt einen Anruf. Er entscheidet (noch nicht fertig mit seiner Tätigkeit …), das Telefonat anzunehmen. Da es ein wichtiges geschäftliches Telefonat zu sein scheint, möchte er Notizen machen. Also holt er Zettel und Stift heraus, klemmt den Zettel zwischen Ellenbogen und Wand über dem Urinal ein, um mit der anderen Hand schreiben zu können … Ganz so absurd ist es bei Ihnen vermutlich nicht, aber entscheiden Sie bewusst, wann und wo Sie erreichbar sein wollen und in welchen Situationen nicht.
9. Gut ist gut genug
Angenommen, Sie bemühen sich, einen perfekten Kreis zu zeichnen. Wenn Sie gefragt werden, ob dieser Kreis perfekt ist oder nicht, dann werden Sie zugeben müssen, dass er nicht perfekt ist. Würden Sie jemandem allerdings Ihre Zeichnung zeigen und fragen, welche Form derjenige darin sehe, dann würde dieser mit ziemlicher Sicherheit antworten, dass es ein Kreis ist. Was Sie daraus für Ihr Zeitmanagement lernen? Unterscheiden Sie bewusst zwischen sinnvollen Optimierungen und perfektionistischen kleinen Verbesserungen, die nur Ihnen auffallen bzw. unwesentlich sind.
10. Posteingang sinnvoll strukturieren
Die für Sie optimale Struktur für Ihren Posteingang können nur Sie selbst festlegen. Vielleicht ist eine Unterteilung in die drei Kategorien „Zu bearbeiten“, „Warte auf Antwort“ und „Abheften“ sinnvoll. Auch in Bezug auf E-Mails macht es durchaus Sinn, sich mit seinem Mailprogramm ein wenig zu beschäftigen. Sie können beispielsweise nach Absendern gruppieren oder nach Empfänger. Letzteres macht nur Sinn, wenn Sie mit mehreren eigenen E-Mail-Adressen arbeiten – was wiederum sehr nützlich sein kann.
11. Das wichtigste Wort im Zeitmanagement
Es ist ein kurzes Wort mit weitreichender Konsequenz: das Wort NEIN. Natürlich wollen wir Kollegen und Kunden gegenüber hilfsbreit sein und nicht immer grundsätzlich Nein sagen. Wichtig ist, nicht impulsartig und automatisch Ja zu sagen. Stellen Sie sich vorher Fragen wie:
- Soll bzw. will ich dies machen?
- Macht es überhaupt Sinn?
- Kann es jemand anderes erledigen?
- Was wird dafür dann nicht gemacht?
Nur wer häufig Nein sagt, kann auch häufig Ja zu wirklich wichtigen Aufgaben sagen.
12. Dumme Aktivitäten streichen
Wir Menschen sind Gewohnheitstiere. Deshalb neigen wir durchaus dazu, Aktivitäten weiterhin durchzuführen, auch wenn diese nicht oder nicht mehr zieldienlich sind. Manchmal verschwenden wir aber auch unsere Zeit mit Streitgesprächen oder gar juristischen Auseinandersetzungen, bei denen es primär um das eigene Ego geht und nicht um die Sache selbst. Überlegen Sie, welche Aktivitäten Sie streichen oder reduzieren sollten – schließlich können Sie jede Minute nur einmal verwenden.
Die Säge schärfen
Der Ausdruck „Die Säge schärfen“ stammt aus einer Geschichte des amerikanischen Zeitmanagement-Experten Stephen Covey:
Ein Spaziergänger kommt in einen Wald und entdeckt eine Person, die einen dicken Baumstamm sägt. Der Säger scheint nicht nur stark, sondern auch hochmotiviert zu sein. Da sein Fortschritt dennoch gering ist, klopft der Spaziergänger dem Sägenden auf die Schulter: „Ihre Säge ist stumpf!“ Dieser entgegnet: „Ich habe keine Zeit, sie zu schärfen – ich muss sägen!“
Warum diese Geschichte? Auch Erholungs-, Weiterbildungs- und Denkzeiten sind wichtig für die persönliche Effektivität. Schärfen Sie regelmäßig Ihre Säge, um für die Zukunft Zeit und Energie zu sparen!
Mit den hier beschriebenen Zeitspartipps finden Sie garantiert einige zusätzliche Stunden in der Woche – für Dinge, die Ihnen wirklich wichtig sind.
Kurzprofil des Autors:
Zach Davis hat nach seinem Studium der Betriebswirtschaftslehre in Köln und seiner Tätigkeit als Human Resources Consultant bei der KPMG Consulting AG 2003 das Trainingsinstitut Peoplebuilding gegründet. Er wird regelmäßig als Speaker für Veranstaltungen unterschiedlichster Art gebucht. Als Produktivitätsexperte liefert Davis ein „Infotainment auf höchstem Niveau“ (Handelsblatt über die Arbeit von Zach Davis).
Weitere Informationen zu seinen Veranstaltungen erhalten Sie hier.
Haben Sie Fragen oder Anregungen? Möchten Sie den Artikel von Zach Davis kommentieren oder einen zusätzlichen Tipp für ein gelungenes Zeitmanagement verraten? Nur zu! Der Autor antwortet Ihnen gerne und freut sich auf Ihre Rückmeldungen – wir übrigens auch! 🙂
Das „depressive Gehirn“ verstehen lernen
Warum ist es so schwer, sich bei einer Depression der Gefühle von Unzulänglichkeit und der sich im Kreis drehenden negativen Gedanken zu erwehren? Unsere Autorin Margaret Wehrenberg schreibt über die Themen Angst und Depression regelmäßig in ihrem Blog. Hier hat sie uns einen Artikel zur Verfügung gestellt, in dem sie an einem scheinbar banalen Beispiel die Mechanismen des depressiven Denkens deutlich macht.
Erst handeln, dann Ziele bestimmen?!
Von Dr. Margaret Wehrenberg
Es war mal wieder so weit: Jess weinte, weil sie nicht die Anerkennung erhielt, die sie für ihren Artikel in der Hochschulzeitschrift erwartet hatte. Sie fragte: „Warum schicken mir meine Freunde keine Nachricht, wie gut mein Artikel ist? Warum gratuliert mir der Herausgeber nicht? Warum schreibe ich überhaupt, wenn mir niemand die Rückmeldung gibt, dass meine Arbeit gelungen ist?“
„Das ist die richtige Frage“, sagte ich, „Warum hast du den Artikel denn geschrieben?“ Jess war ein wenig verwundert, dass ich keine Diskussion mit ihr darüber begann, dass sie natürlich eine gute Schreiberin sei. Sie wollte in ihrem Kummer schwelgen und über die Motive des Herausgebers und ihrer Freunde spekulieren – was sie, wie ich wusste, bereits zusammen mit ihrem besten Freund getan hatte. Aber weder sie noch ich konnten wirklich wissen, was die wahren Motive der anderen waren. Zu spekulieren war also reine Zeitverschwendung. Als ich diese unnötige Diskussion daher abkürzte und sie bat, einmal in sich hineinzuhören, veränderte sich ihre Stimmung schlagartig.
„Ich liebe es zu schreiben!“, erklärte sie. „Ich schreibe über Dinge, die mich interessieren. Das hilft mir, meine Ideen und Meinungen klar zusammenzufassen.“ Sie redete weiter über das Recherchieren und Schreiben und darüber, dass es einfach purer Spaß für sie sei. Also formulierte ich meine Frage neu: „Warum beschäftigt es dich dann, was andere über deine Arbeit denken?“ Sie runzelte die Stirn.
„Ich will doch wissen, dass ich gut darin bin.“ Einfach aus Spaß zu schreiben schien ihr nicht genug zu sein. Sie brauchte einen Motivationsschub. Und aus ihrer Perspektive würde Lob von anderen ihre Motivation erheblich steigern. Zudem hatte sie Schwierigkeiten damit, selbst an ihr Talent zu glauben, wenn Bestätigungen von anderen ausblieben.
Jess fühlte sich immer schlechter, je mehr sie darüber nachdachte, wie sehr der Herausgeber sie im Stich gelassen hatte. Sie begann an ihren Fähigkeiten zu zweifeln und meinte, niemand würde ihr sagen, dass sie besser aufhören sollte zu schreiben – obwohl die anderen sich vielleicht sogar insgeheim wünschten, dass sie selbst ihre Unfähigkeit erkennen und ihre Mitarbeit bei der Zeitung beenden würde.
Am Beispiel dieses Prozesses, in den Jess hineingeriet, können wir die Probleme eines Menschen mit Depressionen gut nachvollziehen: Zu handeln, bevor man sich selbst im Klaren darüber ist, warum man so handelt und was man eigentlich erreichen will – das macht es schwer, sich über die eigenen Leistungen zu freuen.
- Bei einem depressiven Gehirn findet zu wenig Aktivität im Belohnungszentrum statt. Entweder es wird gar keine Freude wahrgenommen oder zumindest nicht in dem Maße, dass es Motivation erzeugt. Das zu tun, was einem liegt, ist für die meisten Menschen eine echte Quelle der Freude. Jess‘ Freude wurde hingegen dadurch getrübt, dass sie sich in ihrem Tun nicht gut genug fühlte.
- Das depressive Gehirn tut sich schwer damit, das Positive zu sehen. Der Teil des Gehirns, der verantwortlich ist für die Wahrnehmung von Bedrohung und für möglichen Ärger, ist so stark aktiv, dass negative Gedanken die positiven weit überwiegen. Das führt dazu, dass die Betroffenen letztendlich alles als ein Problem ansehen.
- Der Selbstwert wird durch solche depressiven Gedanken in Frage gestellt. Die Gedanken drehen sich nur noch um die eigene Wertlosigkeit und Unfähigkeit. Wenn die Betroffenen auch nur an die Möglichkeit eines Erfolges denken, taucht gleich der hässliche Gedanke „Vielleicht bin ich aber nicht gut genug“ auf. Das ist Bestandteil des Teufelskreises der Depression, der für die geringe Selbstachtung verantwortlich ist und diese auch aufrechterhält. Jess zeigte dieses Problem in höchstem Maße.
- Gegen diese Negativität anzugehen erscheint den Betroffenen unmöglich. Für Abwägen und kritisches Hinterfragen bleibt zu wenig Energie, wenn man von einer Depression betroffen ist. Man tut sich schwer damit, positive Ansichten zu erzeugen, wie etwa: „Das geht vorbei“, „Es könnte schlimmer sein“, „Du kommst damit zurecht“, „Trotz der Fehler gibt es auch richtige/gute Aspekte“.
Verstehen, wie das Gehirn funktioniert, um Denkstrukturen positiv zu verändern
Zuallererst ist eine bewusste Entscheidung, die depressiven Gedanken ändern zu wollen, hilfreich. Sie richten sich damit an den Teil Ihres Gehirns, der Emotionen und Gedanken in Richtung positive Erwartung lenkt. Das macht es wahrscheinlicher, dass Sie das Positive auch wirklich sehen. Wenn Ihnen dafür aufgrund der Depression die Kraft fehlt, können Sie dieses Denken stärken, indem Sie sich Energie von anderen vertrauenswürdigen Menschen „borgen“: Indem Jess mit ihrem besten Freund über ihre Eindrücke sprach, konnte sie langsam die negative Einstellung relativieren. In einer Therapie würde sie vielleicht weitere Ermutigung erhalten.
Ein solches Vorgehen hilft bis zu einem bestimmten Grad. Trotzdem fühlte Jess sich immer noch traurig. Durch unsere Gespräche wurde ihr eines endgültig klar: Wenn sie aus ihrer Depression ausbrechen wollte, musste sie begreifen, wie das negative Denken funktioniert, und sich darauf vorbereiten, diese Denkmuster zu stoppen, bevor sie überhaupt einsetzen.
Im Folgenden finden Sie einige Ideen, die wir zu diesem Zweck in der Therapie erarbeitet haben:
- Bevor Sie irgendetwas beginnen, machen Sie sich klar, warum sie es tun. Das bezieht sich auf alles, was Sie unternehmen, so unterschiedlich die jeweiligen Aktivitäten auch sein mögen: sich politisch oder für irgendeine Organisation engagieren, einen Blog schreiben, sich für einen neuen Job bewerben oder für einen Studiengang einschreiben. Sich im Vorfeld auszumalen, was Sie erreichen wollen, erhöht die Chance, mit dem Ergebnis zufrieden zu sein. Jess wusste, ihr wichtigster Grund zum Schreiben würde immer sein: „Weil ich das Schreiben liebe.“ Das würde ihre positive Erwartung unterstützen.
- Entscheiden Sie, bevor Sie loslegen, welches Ergebnis Sie zufriedenstellt. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, sich selbst als kompetent zu erleben, weil Sie genau wissen, ab wann das Ergebnis für Sie ein gutes Ergebnis darstellt. Das ist eine wichtige Herausforderung, weil Sie natürlich die Ergebnisse vorher nicht kennen. Sie können nur den Einsatz gewährleisten, den Sie in die jeweilige Aufgabe investieren. Also seien Sie vorsichtig bei der Wahl Ihrer Beweggründe. Nehmen wir an, Sie wollen eine Wahl gewinnen – das Wahlergebnis können Sie niemals garantieren. Aber: Können Sie stolz darauf sein, wie Sie den Wahlkampf geführt haben? Glauben Sie daran, dass Sie Ihre Ideen bestmöglich präsentiert haben? Können Sie es als Erfahrungswert verbuchen? Wenn Sie nur dann zufrieden sind, wenn Sie als Gewinner aus der Wahl hervorgehen, dann sollten Sie verdammt sicher sein, dass Ihnen der Sieg gewiss ist. In Bezug auf ihre Schreibprojekte muss Jess sich daran erinnern, dass sie zufrieden sein wird, sobald sie ihre Gedanken zu einem Thema erläutert hat.
Darüber hinaus wollte sie aber auch daran glauben können, dass sie ihre Sache gut macht. Also betrachtete sie den nächsten Punkt:
- Entscheiden Sie, wie und wann Sie das Ergebnis bewerten. Sie wollen beispielsweise Biologie studieren, um später in der Forschung arbeiten zu können. Wenn Sie erst nach dem Abschluss und einer entsprechenden Anstellung überprüfen, ob Ihre Studienwahl zufriedenstellend war, dann müssen Sie eine lange Wartezeit in Kauf nehmen. Bei welchen Meilensteinen könnten Sie Ihr Handeln reflektieren und sich selbst sagen, dass Sie eine gute Wahl getroffen haben? Könnten Sie das zum Beispiel am Ende jedes Semesters überprüfen und sich fragen, ob Sie die Seminare gemocht und erfolgreich besucht haben? Wie sieht es nach einem Praktikum aus? Jess wollte wissen, dass Sie gut war im Schreiben, aber sie geriet unter Druck, weil sich ihre eigene Bewertung auf dem Lob ihrer Freunde gründete. Besser wäre es, wenn der Herausgeber sie um einen weiteren Beitrag bitten würde und sie dies als Indikator für die Qualität ihrer Arbeit ansehen könnte. Wenn sie dann zusätzlich von anderer Seite Lob erhalten würde, könnte sie das zur Kenntnis nehmen und wertschätzen.
- Halten Sie Ihre Ziele, Motivatoren und größten Hoffnungen schriftlich fest. Dann platzieren Sie sie dort, wo Sie sie während des Prozesses gut einsehen können. Das Konzentrieren darauf wird Ihren Fokus auf die anstehenden Belohnungen aufrechterhalten.
Finden Sie jemanden, dem Sie vertrauen und der mit Ihnen den Prozess überprüft, während Sie an Ihren Zielen arbeiten:
Jess verstand, dass ihr die obigen Schritte dabei helfen würden, mehr zu schreiben und selbst zu beurteilen, ob es das Schreiben wert war. Lob würde ihren Erfolg noch steigern und sich einfach gut anfühlen. Trotzdem ist es weiterhin nicht einfach für sie zu spüren, wann sie ihre Ziele erreicht hat, denn wie eingangs erwähnt tut sich ein depressives Gehirn schwer damit, Positives zu registrieren oder Freude zu empfinden. Wenn Sie die Möglichkeit haben, holen Sie sich Unterstützung bei einem Freund oder Familienmitglied, um die vier oben genannten Punkte in Ihrem Leben zu integrieren und zu prüfen, wie Ihnen das Umsetzen gelingt. Auf diese Weise helfen andere Ihrem Gehirn dabei, sich bald selbst zu helfen.
Sich vorbereiten, Ziele setzen und erst dann handeln, das macht es einfacher, die Depression zu bekämpfen, bevor sie richtig einsetzt. Sie und Ihre Umwelt werden davon profitieren. Familienmitglieder oder Freunde werden sich ebenfalls besser fühlen, sobald sie in der glücklichen Lage sind, Sie beim Erreichen Ihrer Ziele zu unterstützen.
(Übersetzung: Katharina Arnold)
Dr. Margaret Wehrenberg ist Expertin für die Behandlung von Ängsten und Depressionen, wobei ihr besonderes Interesse der Neurobiologie psychischer Störungen gilt. Als Psychotherapeutin arbeitet sie in eigener Praxis. Ihre Fachvorträge im Rahmen von Weiterbildungsveranstaltungen erfreuen sich großer Beliebtheit. Weitere Informationen erhalten Sie unter: www.margaretwehrenberg.com
Robert Dilts erhält den Life Achievement Award der Weiterbildungsbranche
Gestern kam die gute Nachricht aus Bonn: Unser Autor Robert Dilts wird im nächsten Jahr mit dem renomierten „Life Achievement Award“ ausgezeichnet. Die Verleihung wird im Rahmen der Petersberger Trainingstage (17.-18. April 2015 ) stattfinden. Wir gratulieren Robert Dilts ganz herzlich zu dieser Würdigung seines Lebenswerks.
Im Folgenden veröffentlichen wir die offizielle Pressemitteilung:
NLP-Vordenker wird für sein Lebenswerk ausgezeichnet
(Bonn) Er gehört zu den führenden Köpfen des Neuro-Linguistischen Programmierens: Robert Dilts steht wie kein anderer für eine businessorientierte Anwendung des NLP. Als einer der Ersten übertrug er das von Richard Bandler und John Grinder begründete Verhaltensmodell auf Unternehmenskontexte.
Durch sein weltweites Engagement als Ausbilder und Trainer trug er wesentlich dazu bei, dass sich NLP in der Weiterbildung etablierte. Die von ihm entwickelten Modelle, zu deren bekanntesten die Logischen Ebenen gehören, werden heute auf der ganzen Welt in Trainings vermittelt. Für diese Leistung wird der amerikanische NLP-Vordenker 2015 mit dem Life Achievement Award der Weiterbildungsbranche ausgezeichnet.
Dilts studierte an der University of California in Santa Cruz, wo er 1974 zur Arbeitsgruppe von John Grinder und Richard Bandler stieß. Grinder, der Linguistik an der Universität lehrte, arbeitete zusammen mit dem Psychologen Richard Bandler an Modellen über die Wirkung menschlicher Kommunikation. Dabei griffen sie unter anderem Konzepte aus der Klientenzentrierten Therapie, der Gestalttherapie, der Hypnotherapie und den Kognitionswissenschaften auf. Ihre Erkenntnisse beschrieben sie ab 1975 in mehreren Publikationen. Damit begründeten Grinder und Bandler das Neuro-Linguistische Programmieren, zu dessen Weiterentwicklung und Vermittlung Robert Dilts fortan maßgeblich beitrug. Dilts ist Hauptautor des Werkes „Neuro-Linguistisches Programmieren Band 1“, das er 1980 zusammen mit John Grinder, Richard Bandler und Judith DeLozier veröffentlicht hat. Das Buch gilt als Standardwerk auf dem Gebiet.
Anfang der 80er-Jahre war Robert Dilts an der Entwicklung von Lehrplänen und Testverfahren für die ersten Ausbildungsprogramme beteiligt. Seit 1991 betreibt er zusammen mit Judith DeLozier und Theresa Epstein ein eigenes Ausbildungsinstitut in Santa Cruz, die NLP-Universität. Anlässlich des 40-jährigen Jubiläums des Neuro-Linguistischen Programmierens im kommenden Jahr veranstaltet Dilts zusammen mit der University of California einen neuntägigen Kongress, der die NLP-Gründer, Weiterentwickler und Aktiven zusammenführt, um Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Verfahrens zu reflektieren.
„Robert Dilts hat sich stets für einen seriösen Einsatz von NLP engagiert und dadurch dafür gesorgt, dass die Methode in der Weiterbildung anerkannt ist“, begründet Lothar Seiwert, Mitglied des Expertengremiums des Life Achievement Awards, die Wahl des Preisträgers. Verliehen wird der Preis am 17. April 2015 auf den Petersberger Trainertagen in Königswinter bei Bonn. Die Laudatio wird Dr. Jens Tomas halten, Vorstandsvorsitzender des DVNLP (Deutscher Verband für Neuro-Linguistisches Programmieren e.V.), TV-Coach und Business Speaker. Einen Einblick in seine Arbeit und seine Ideen liefert Dilts im Rahmen einer Keynote am 18. April.
Programm und Anmeldung unter www.petersberger-trainertage.de.
Weitere Informationen zur Auszeichnung unter www.life-achievement-award.de.
Der Life Achievement Award (LAA) wird jährlich von einem Gremium, bestehend aus führenden Vertretern der Weiterbildungsbranche, verliehen. Dazu gehören: Renate Richter, Vizepräsidentin des DVWO Dachverband der Weiterbildungsorganisationen, Nicole Bußmann, Chefredakteurin im Verlag managerSeminare, Gerd Kulhavy, Geschäftsführer der Referentenagentur Speakers Excellence, André Jünger, Inhaber des Gabal Verlags und Vizepräsident des didacta Verbands, sowie Lothar Seiwert, Preisträger des Life Achievement Awards 2007 und Past President der German Speakers Association. Verliehen wird der Preis seit 2009 auf den Petersberger Trainertagen. Der Weiterbildungskongress wird seit 2005 von der managerSeminare Verlags GmbH ausgerichtet.
DGPPN-Kongress in Berlin
Mehr als 9.000 Personen waren dabei
Vom 27. bis zum 29. November fand in diesem Jahr wieder der DGPPN-Kongress in Berlin statt, der große Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde. In diesem Jahr traf sich die Branche nicht im ICC – wie in den Jahren zuvor –, sondern im CityCube, dem quadratförmigen Gebäude, das erst im Mai dieses Jahres die erste Großveranstaltung zu verbuchen hatte.
Stefanie Linden und Monika Köster waren bereits am Dienstag vor Ort, um den Stand aufzubauen und unsere Bücher zu platzieren. Schade, dass die Aussicht vom Stand aus nur bis zur Betonmauer gegenüber (und immerhin bis zum Pabst Verlag) reichte… Das wird nächstes Jahr besser!
An den folgenden vier Tagen haben wir Bücher verkauft, sind mit Teilnehmern ins Gespräch gekommen und haben uns das Programm angesehen und angehört. Das Angebot war vielfältig: über Workshops und Seminare bis hin zu Fachvorträgen, Filmvorführungen und Posterausstellungen war alles dabei.
Das Thema des Kongresses hätte auch kaum aktueller sein können: Mit dem Leitmotto „Herausforderungen durch den demographischen Wandel – psychische Erkrankungen heute und morgen“ stand einer der zentralen Zukunftsaufgaben für unsere Gesellschaft im Zentrum.
In vielen Vorträgen ging es daher natürlich auch um die Zukunft der Demenz- und Alzheimer-Behandlung. Besonders berührend war in diesem Zusammenhang die Filmvorführung „Leben, lieben, vergessen“. Der Film von Thomas Liesen begleitet eine Frau, die mit gerade mal 42 Jahren die Diagnose Alzheimer im Frühstadium erhält.
Das komplette Kontrastprogramm bot hingegen Manfred Lütz mit seinem Vortrag über „Lebenslust“. Obwohl Lütz durchaus auch ernste Fragen aufwarf, lachten die Teilnehmer Tränen über das komödiantische Talent des Rheinländers. Sein Credo auf den Punkt gebracht: Pure Lebenslust statt Askese und Fitnesswahn! Wenn Menschen wie er nur noch Müsli essen und durch den Park walken dürften und vor lauter Gesundheit nicht mal sterben könnten – dann sei das bereits die Hölle.
Bei dieser Veranstaltung fehlte eigentlich nur noch der Karnevalstusch…
Wir sagen: Auf Wiedersehen zum DGPPN-Kongress vom 25. – 28. November 2015 im CityCube Berlin.
Der Kongress in Zahlen
- 9,003 Besucher nahmen am DGPPN-Kongress 2014 teil
- 662 wissenschaftliche Sitzungen
- 1.637 Referenten, Vorsitzende und Posterautoren
- 83 Fortbildungsveranstaltungen mit 1.667 Teilnehmern
- Gäste aus 53 Ländern
…und ein wenig Weihnachtsstimmung gab es in der Landeshauptstadt natürlich auch…
Geburtstage am Messestand – mit Torte: die Frankfurter Buchmesse 2014
Alle Jahre wieder … sind wir auf der Frankfurter Buchmesse. Im Wesentlichen laufen die Messetage Jahr für Jahr ganz ähnlich ab. Das Aufbau-Team macht sich schon am Dienstag auf den Weg nach Frankfurt und sorgt dafür, dass alles am rechten Platz ist. Ab Mittwoch reisen dann wir anderen an, mit gefüllten Terminkalendern und bereit für vielfältige Begegnungen und Gespräche.
Und doch war in diesem Jahr die Messe für uns etwas anders, denn es gab Geburtstage zu feiern. Zum einen natürlich den 80. Geburtstag von Marshall Rosenberg, was deutlich an unserer diesjährigen Gestaltung der einen Standwand zu sehen war. Ganz oben gab es eine Trägerplatte mit dem Konterfei des Jubilars und in den Regalen darunter fand sich unser Geburtstagsgeschenk: das Buch „Und plötzlich öffnet sich eine Tür“.
Doch nicht nur unser Bestsellerautor, auch wir als Verlag wurden in diesem Jahr in Frankfurt gefeiert. Am Messe-Donnerstag erschien im Auftrag der Messegesellschaft Maren Ongsiek, mit Torte und Urkunde im Gepäck. Seit 25 Jahren sind wir Aussteller in Frankfurt – und solche Konstanz wird belohnt. Nach Jahren ständiger Zuwächse, sowohl was Aussteller als auch was Besucher betrifft, verzeichnet die Buchmesse in jüngster Zeit Rückgänge. Ob eine Torte – so lecker sie sein mag – abwanderungswillige Aussteller wirklich bei der Stange halten kann sei dahingestellt. Wir haben uns unser Präsent jedenfalls schmecken lassen – und kommen im nächsten Jahr wieder.
Denn Jahr für Jahr ist es nett, Autoren am Stand zu begrüßen und über die gerade erschienenen Bücher, aber auch über neue Projekte zu sprechen. Es macht uns Freude, das Interesse an unseren Büchern zu sehen, wenn etwa Standbesucherinnen sich so sehr in einen Titel vertiefen, dass sie das Gedränge der Umgebung gar nicht mehr wahrnehmen. Auch mit Journalistinnen, Lizenzgebern, und Dienstleistern kann man sich gut und unkompliziert auf der Messe treffen, sodass ein Besuch wirklich immer lohnt.
Und wie sieht es mit Ihnen aus? Fahren Sie zur Frankfurter Buchmesse? Waren Sie in diesem Jahr da und haben etwas erlebt, das Sie mit uns an dieser Stelle teilen möchten?
Und hier noch einige Messe-Impressionen:
- Anja Palitza und Olaf Hartke präsentieren ihr Buch vor der Marshall-Rosenberg-Geburtstagswand
Buchgeburtstag: Zehn Jahre „Quest – die Sehnsucht nach dem Wesentlichen“
Am 20. Oktober 2004 erschien die erste Auflage von Martin Weiss Buch „Quest – die Sehnsucht nach dem Wesentlichen“. Ein zehnjähriges Buch-Jubiläum ist im doch eher schnelllebigen Buchmarkt keine Selbstverständlichkeit und deshalb soll dieser runde Geburtstag gebührend gefeiert werden. Als Verlag tun wir das, indem wir in diesem Jahr die E-Bookausgabe herausbringen werden.
Im im ersten Teil des folgenden Interview unterhalte ich mich mit Martin über die zurückliegenden zehn Jahre. Ich erfahre, dass schon bei Fünftklässlern das Thema Berufung eine Rolle spielt. Der Wandel vom „Arbeitsamt“ zur „Agentur für Arbeit“ zeigt sich zumindest darin, dass Visionen und Herzenswünsche inzwischen bei der Berufswahl wichtig genommen werden. Die eigene Berufung zu finden ist inzwischen zu einem „Königsthema“ geworden. Das war 2004 noch nicht so sehr der Fall.
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Wie hat sich der Vermittlungsprozess der Quest-Inhalte verändert? Mit dieser Frage steigen wir in den zweiten Teil des Interviews ein. Nicht die Berufung herauszufinden ist schwierig, sondern die Umsetzung. Martin erläutert den „Schmetterlingsfaktor“ und berichtet über das Quest-Gründercamp.
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„Wie wird Quest sich in den nächsten 10 Jahren entwickeln?“ Das Thema Berufung wird keine große Rolle mehr spielen, meint Martin zu Beginn des dritten Teils des Interviews. Gesellschaftliche und politische Themen werden mehr in den Fokus rücken.
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Herzlichen Glückwunsch, Marshall Rosenberg!
Heute, am 6.10.2014, wird unser Autor Marshall Rosenberg 80 Jahre alt. Wir, das ganze Verlagsteam, gratulieren ihm ganz herzlich zu seinem Ehrentag. Feiern ist ja ein nicht ganz unwichtiges Element in der Gewaltfreien Kommunikation. Wir feiern Marshalls runden Geburtstag mit einem ganz besonderen Buch, in dem viele GFK-Trainerinnen und -Trainer zu Wort kommen und darüber berichten, auf welches Weise die Gewaltfreie Kommunikation ihr Leben bereichert hat.
Doch wir möchten auch den Jubilar selbst zu Wort kommen lassen, natürlich begleitet von Wolf und Giraffe 🙂
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Übrigens: Einen Auszug aus dem Geburtstagbuch für Marshall Rosenberg können Sie hier lesen.
Und: Wenn Sie Marshall Rosenberg zum Geburtstag gratulieren möchten, dann tun Sie es doch hier und jetzt. Wir leiten die guten Wünsche gerne weiter.
„Morgen wird alles besser sein“ – Resilienz und positive Traumafolgen
Von Fabienne Berg
Jede Medaille hat zwei Seiten. Auch ein Trauma. Natürlich gibt es massive Folgestörungen, unter denen Betroffene lange, manchmal ihr ganzes Leben zu leiden haben. Doch selbst die schrecklichsten Erfahrungen können positive Wendungen im Leben bewirken. Wie das möglich ist, möchte ich zunächst mithilfe einer Geschichte zeigen. Es würde mich freuen, wenn meine anschließenden Gedanken zur Idee des posttraumatischen Wachstums Sie anregen würden, sich mit mir darüber auszutauschen.
Peters Geschichte
Peter war bereits schwer krank, als ich zum ersten Mal bei ihm und seiner Familie zum Kaffee eingeladen war. Die Diagnose: Knochenkrebs im Endstadium. Ein Todesurteil. Trotzdem saß Peter aufrecht in seinem Krankenbett und sang fröhliche Lieder. Wir saßen um das Bett herum, aßen selbstgebackenen Kuchen und sangen mit. Einige Monate später erlag Peter im Alter von 86 Jahren seinem Leiden. Auf seiner Beerdigung sangen wir Peters Lieblingslieder. Das war sein Wunsch gewesen. Wir sollten nicht weinen, sondern ihn in glücklicher Erinnerung behalten.
Auch vor seiner schlimmen Erkrankung im hohen Alter war Peters Leben mehr als nur einmal von Grenzsituationen und Todesnähe geprägt gewesen. Wie so viele musste er als junger Mann in den Krieg ziehen und für Nazi-Deutschland kämpfen. Einen Krieg, gegen den Peter bereits in seinen politischen Anfängen einen tiefen Widerwillen verspürte. Sein damaliger Arbeitgeber, eine große staatliche Bank, drängte Peter mehrfach, der NSDAP beizutreten. Peter lehnte ab. Kurze Zeit darauf wurde er zum Wehrdienst eingezogen und nach nur vierwöchiger Ausbildung dem Pionier-Panzer-Bataillon 40 zugeordnet, das an Feldzügen in Holland, Belgien, Frankreich, Polen und an der Schlacht von Stalingrad beteiligt war. Seine Frau und seine kleine Tochter blieben zurück.
Stalingrad
Der im August 1942 begonnene Angriff auf Stalingrad führte auf beiden Seiten zu hohen Verlusten. In einer Gegenoffensive der Roten Armee im November 1942 wurden die 6. Armee und Teile der 4. Panzerarmee eingekesselt und weitgehend von jedweder Versorgung abgeschnitten. Hitler befahl mehrfach, Ausbruchsversuche zu unterlassen und die Stellung zu halten. Die meisten von Peters Kameraden, die nicht durch „Feindeshand“ ums Leben kamen, starben an Kälte, Mangelernährung und Krankheiten, die sich unter den Soldaten rasch verbreiteten. Ende Januar 1943 wurden Kapitulationsverhandlungen mit der Roten Armee aufgenommen und die wenigen Überlebenden des Panzer-Bataillons 40 wurden dem Zug der sowjetischen Kriegsgefangenen zugeführt, der Peter endlos erschien. Nahezu 100 000 deutsche Soldaten gingen bei Stalingrad in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Ungefähr 6000 überlebten diese; einer von ihnen war Peter.
Was Peter während des Krieges und in der daran anschließenden Gefangenschaft an Grausamkeiten und Unmenschlichkeit erleben und mit ansehen musste, lässt sich kaum in Worte fassen. Erst nach seiner Pensionierung war er in der Lage, vorsichtig und sehr allgemein darüber zu sprechen. Über den Krieg selbst, über die ständige Angst vor Gewalt und Tod und die Sorge und die Sehnsucht nach der Familie und dem Frieden.
Kriegsgefangenschaft
Eine Begebenheit, die sich während seiner Zeit in sowjetischer Gefangenschaft ereignete, war Peter jedoch in ganz besonderer Erinnerung geblieben.
Wie viele Kriegsgefangenen musste Peter im Steinbruch arbeiten. Die Arbeit war hart, die Versorgung vollkommen unzureichend. Auch hier sah er viele Menschen sterben. An Hunger, Erschöpfung, Selbstmord und Krankheiten. Auf die Frage, wie lange die Gefangenschaft andauern würde, wurde Peter und seinen Mitgefangenen lediglich mitgeteilt, dass sie „so lange gefangen bleiben müssten, bis sie alles wieder aufgebaut hätten, was die Faschisten zerstört hatten“.
Ab und zu eilten sowjetische Frauen am Steinbruch vorbei. Meist bepackt, mit gesenktem Blick und von eigenen Sorgen geplagt. An einem besonders kalten Tag blieb jedoch eine von ihnen am Steinbruch stehen. Sie hatte Mitleid mit den Zwangsarbeitern und steckte Peter und einem Mitgefangenen ein Stück Brot zu. Dabei sagte sie: „Morgen wird alles besser sein“ und eilte weiter. An diesen Satz klammerte sich Peter fortan jeden Tag. Fünf Jahre lang sprach er ihn mehrfach zu sich selbst und versuchte auch den anderen Mitgefangenen Hoffnung zu vermitteln, indem er versicherte, dass bald alles besser würde.
Irgendwann war tatsächlich „morgen“ und Peters Name wurde auf die Liste der Heimkehrer gesetzt.
Heimkehr
Als Peter 1948 aus der Kriegsgefangenschaft entlassen wurde, war er schwer krank, vollkommen entkräftet. Und er fühlte sich fremd – seiner Frau gegenüber, seiner Tochter und seiner Heimatstadt, die zu großen Teilen zerstört war.
An großartige ärztliche Versorgung oder gar Psychotherapie war damals nicht zu denken. Nach nur sechs Monaten wurde Peter von einem Amtsarzt gesundgeschrieben und sollte sich bei seinem früheren Arbeitgeber zurückmelden: bei jener Bank, die ihn damals so sehr gedrängt hatte, der Partei beizutreten. In der Geschäftsleitung saßen noch dieselben Männer wie vor dem Krieg: einflussreiche Nazi-Bonzen in feinen Anzügen, die den Krieg nur vom Hörensagen kannten. Höhnisch erklärten sie Peter, dass die letzte freie Stelle an ein ehemaliges Parteimitglied vergeben worden und für ihn „leider“ kein Platz mehr frei sei.
Als Peter uns diese Erinnerung erzählte, fügte er hinzu: „Ich war schockiert und fassungslos. Gleichzeitig fiel es mir wie Schuppen von den Augen und mir wurde klar: So läuft das System. Ich war froh über diese Klarheit, denn so wusste ich, dass ich einen ganz anderen Weg gehen muss.“
Engagierter Pädagoge
Den ging er. Konsequent. Von einem Nachbarn hatte Peter gehört, dass händeringend Lehrer gesucht würden, da sehr viele im Krieg gefallen oder nicht mehr arbeitsfähig waren. So kam es, dass Peter sich als Hilfslehrer meldete und an verschiedenen Schulen in ganz unterschiedlichen Fächern eingesetzt wurde.
Das Zusammensein mit den Kindern bereitete ihm große Freude und Peter empfand seine Arbeit als ausgesprochen sinnvoll. Einige Zeit später nahm Peter neben dem Schuldienst ein Studium auf. Er wurde „richtiger“ Lehrer und bildete sich später zum Sonderschulpädagogen weiter. Die Verfolgung geistig und körperlich beeinträchtigter Menschen unter Hitler hatte sich tief in sein Gedächtnis eingegraben und ihn lange Zeit nicht losgelassen. Also machte er sich auf, beeinträchtigte Kinder und Jugendliche aus ihrer Isolation heraus in die Schulen zu holen. 1963 wurde er Rektor einer Sonderschule und 1976 mit dem Verdienstorden der BRD für die besondere Förderung von Lernbehinderten ausgezeichnet. Für seine Schüler und deren Eltern war Peter während seiner gesamten Dienstzeit der „liebe Direktor“. Beim Schulamt aber war er „gefürchtet“, da er sich auch entgegen jedweder Sparpolitik hartnäckig stets für die Interessen der Schüler und seine Schulpolitik eingesetzt hatte.
Was bedeutet Peters Geschichte?
Ich kenne Peters Familie nun schon seit vielen Jahren. Ihn selbst habe ich nur kurz gekannt. Bei jeder Begegnung erlebte ich ihn als einen ausgesprochen offenen, herzlichen und toleranten Menschen, der immer ein nettes Wort und ein offenes Ohr für alle Menschen in seinem Umfeld hatte.
Seine Geschichte hatte mich beeindruckt und fasziniert, schon lange bevor ich mich mit dem Thema Resilienz auseinanderzusetzen begann. Dieser Mann hatte es nicht nur geschafft, den Krieg und die Gefangenschaft zu überstehen, sondern hatte, um mit Kästner zu sprechen, aus den Steinen, die ihm in den Weg gelegt worden, etwas Schönes gebaut.
Wie war ihm das gelungen? War Peter eine jener Ausnahmepersönlichkeiten, die über weitaus mehr Willensstärke und Durchhaltevermögen verfügen als die meisten von uns? Oder ist seine Geschichte im Kern vielleicht gar nicht so selten?
Posttraumatisches Wachstum
In der Psychologie gibt es einen Begriff für diese Art der positiven Traumafolge: posttraumatisches Wachstum. Häufig wird er als eine Art Gegenstück zu den posttraumatischen Belastungsstörungen „gehandelt“. Mit posttraumatischem Wachstum beschreibt man die Folgen eines möglichen positiven inneren Transformatiosprozesses, den traumatisierte Menschen im Zuge der Beschäftigung mit ihrem Trauma durchlaufen und aus dem sie am Ende als gestärkt und gereift hervorgehen. Eine schöne Vorstellung.
Trotzdem wird dem posttraumatischen Wachstum bei weitem nicht so viel Aufmerksamkeit geschenkt wie den posttraumatischen Störungen. Ich habe mal stichprobenartig nachgefragt: Von 17 Traumabetroffenen, die ich angeschrieben hatte, kannten 17 den Begriff der Belastungsstörungen, aber nur eine wusste etwas mit posttraumatischem Wachstum anzufangen. Schade, wie ich finde.
Und ich frage mich: Wissen vielleicht andere Menschen, die ich nicht direkt befragen konnte, etwas über Wachstum als Traumafolge? Sind Sie mit dem Konzept vertraut? Was meinen Sie dazu?
Was mir geholfen hätte
Ich kann nur für mich sprechen, aber mir hätte es damals große Hoffnung und Mut gemacht, wenn mir jemand gesagt hätte, dass es nicht nur Belastungsstörungen, sondern vielleicht auch positive Folgen geben kann. Auch wenn ich darunter zu leiden hätte, nicht so belastbar wie andere Menschen meines Alters zu sein: Später könnte ich mir dennoch meiner Stärken und Prioritäten bewusst werden und würde vielleicht so einen Weg finden, trotz verringerter Belastbarkeit glücklich und berufstätig zu sein.
Bestimmt hätte ich mich auch sehr darüber gefreut, nicht nur etwas über sehr wahrscheinliche Schwierigkeiten zu hören, künftig Vertrauen aufzubauen. Es hätte mir geholfen, um die Möglichkeit zu wissen, langsamer an Beziehungen und Freundschaften heranzugehen und so auf behutsame Weise sehr enge und langjährige Verbindungen einzugehen.
Und ganz sicher wäre es mir im Gedächtnis geblieben, wenn ich gehört hätte, dass ich möglicherweise den kleinen Dingen im Leben und dem Leben selbst in mit einem ganz intensiven Gefühl der Dankbarkeit und Wertschätzung begegnen würde. Durch meine Heilung war mir schließlich das Leben zurückgegeben worden.
Was hätte Ihnen geholfen? Was hätten Sie sich an meiner Stelle gewünscht?
Beide Seiten der Medaille sehen
All diese Aspekte können Ausdruck posttraumatischen Wachstums sein. Und selbst wenn nicht alle Punkte auf jeden gleichermaßen zutreffen mögen und auch wenn es daneben Belastungsstörungen gib: Ich finde, es sollten beide Seiten der Medaille, beide Formen möglicher Traumafolgen Beachtung finden. Hoffnung ist ein kostbares Gut. Gerade in Situationen, die schwierig sind und in denen mit raschen positiven Ergebnissen nicht zu rechnen ist. Hätte Peter damals keine Hoffnung mehr in sich gespürt, so hätte er die schlimmste Zeit in seinem Leben nicht überlebt. Weder hätte er eine Sonderschule geleitet und Freude und Sinn darin gefunden, noch hätte er seine Tochter und seine Enkeltöchter aufwachsen sehen und nach 1948 ein ein glückliches Leben führen können.
Unsere Seele zu nähren und ihr Hoffnung zu schenken, gerade dann, wenn sie es am nötigsten braucht – nichts anderes ist Resilienz zu üben. Wir verleugnen das Dunkel nicht, aber wir glauben trotzdem an das Licht. Und auch wenn es uns manchmal sehr lange so vorkommt, dass die Dunkelheit größer ist als das Licht, so kann es uns helfen darauf zu vertrauen, dass mit jeder noch so kleinen positiven Entscheidung für unser Leben das Licht immer heller und größer wird und selbst aus der schwärzesten Nacht ein neuer Tag entsteht.
Ein neuer Tag – das ist morgen. Und morgen kann alles schon besser sein.
Ich würde mich sehr freuen, weitere Geschichten und Erfahrungen zu hören. Mögen Sie mir etwas mitteilen, vielleicht auch Gedanken zum Thema positive Traumafolgen?
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Fabienne Berg hat Sprach- und Sozialwissenschaften mit dem Schwerpunkt außeruniversitäre Erwachsenenbildung studiert. Vor dem Hintergrund ihrer eigenen Traumabewältigung befasst sie sich vor allem mit den Auswirkungen seelischer Verletzungen sowie mit den Zusammenhängen von Heilung und Selbstfindung. Besonders liegt ihr am Herzen, andere Menschen für ihre individuellen Entwicklungsmöglichkeiten zu sensibilisieren und sie auf ihrem Heilungsweg zu unterstützen und zu stärken.
Bei Junfermann sind ihre Bücher Mut, Kraft und Liebe wünsche ich dir (2012) und Übungsbuch Resilienz (2014) erschienen.































