Beiträge

Podcast »Apropos Psychologie!«

Podcast-Folge 40: Apropos … Gelassener studieren!

Auf eigenen Füßen stehen? Sich strukturieren und selbst organisieren? Sich mental fürs Studium und ja eigentlich auch fürs Leben fit machen. Wie das am besten gelingt, und welche Höhen und Tiefen wir dabei durchlaufen, darum geht es in der neuen Folge von „Apropos Psychologie“. Zu Gast ist der Psychologe und Psychotherapeut Rolf Wartenberg, der an verschiedenen Hochschulen in der psychologischen Beratung Studierender gearbeitet hat.

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Podcast »Apropos Psychologie!«

Podcast-Folge 39: Apropos … Coaching!

Was ist eigentlich Coaching? Wo verläuft die Grenze zu Beratung oder einer Therapie? Wann ist Coaching sinnvoll – und lohnt es sich überhaupt? Oder handelt es sich lediglich um ein beliebtes „Tool“ zur „Selbstoptimierung“, dass vornehmlich aufstrebenden Unternehmer*innen in ihrem Business zupasskommt?

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Podcast »Apropos Psychologie!«

Podcast-Folge 37: Apropos … Humor!

Man hat ihn oder hat ihn nicht: Humor. Zumindest der Volksmund ist sich da sicher – und irrt: Denn Humor ist erlernbar und hängt ganz entscheidend von der Sozialisation ab. Wer gelernt hat, mit Humor und einem Lächeln etwas mehr Leichtigkeit in sein Leben zu bringen, tut etwas für sein seelisches und körperliches Wohlbefinden. „Lachen ist die beste Medizin“ – diese Volksweisheit trifft also in Schwarze.

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Podcast »Apropos Psychologie!«

Podcast-Episode 6: Apropos … Perfektionismus!

Gut genug statt perfekt

Franz Grieser

Franz Grieser, © Foto: Christian Weber

Kennst du das? Liebe Freunde kommen zum Essen und du fängst Tage vorher an, wie irre die Wohnung zu putzen: Fußboden, Fenster, Fußleisten, Lampenschirme … und statt dich entspannt auf den Besuch zu freuen, fällt dir in letzter Sekunde ein neuer Fleck auf dem Türrahmen auf. Es klingelt und du bist total abgekämpft.⁠
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Die Aufgabe im Job schiebst du wochenlang vor dir her, sammelst zig (überflüssige) Infos, bevor du in letzter Sekunde alles verwirfst und endlich zur Sache kommst. Normale »Aufschieberitis« oder die unbewusste Taktik eines Perfektionisten?⁠
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Wovor haben Perfektionisten Angst? Vor Fehlern? Der Sorge, als »Nichtskönner« oder »Mittelmaß« entlarvt zu werden?⁠
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Franz Grieser, Journalist und Autor zahlreicher Sachbücher, verrät uns in der sechsten Folge von »Apropos Psychologie!« verblüffend einfache Methoden, die helfen, perfektionistische Ansprüche auf »normal« runterzuschrauben. Und weshalb Fehler zu machen richtig gut sein kann! ⁠

 

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Podcast »Apropos Psychologie!«

Podcast-Episode 4: Apropos … Stress!

Stressbewältigung beginnt im Kopf

»Menschen die immer nur funktionieren, entfernen sich immer mehr von sich selbst. Gefühle, Körper und Geist gehen dann getrennte Wege«, sagt Nanni Glück, Glückscoach und Autorin. Das würde zu purem Stress und weit mehr werden, als der Mensch zum Leben nötig habe. In einem gesunden Maße helfe Stress: z. B. um Gefahren blitzschnell zu erkennen und in schwierigen Situationen nötige Kräftereserven zu mobilisieren.

Aber seien wir ehrlich: Säbelzahntiger, vor denen wir Reißaus nehmen müssen, sind rar geworden; wir tun also gut daran, unser Gehirn auf Neuzeit umzustellen. Das sprichwörtliche »dicke Fell« heißt heute zutreffender »Resilienz«. Und diese hängt eng zusammen mit unserem existenziellen Bedürfnis nach Verbundenheit.

Unser Verhalten in stressigen Situationen lernen wir von unseren Eltern – es wird uns zum Teil schon in die Wiege gelegt. Denn: Stress verändert unser Gene. Stress ist erblich!

Über gute Gründe, um unseren steinzeitlichen Energiesparmodus auszutricksen und neue Gewohnheiten für mehr Achtsamkeit und positive Sichtweisen zu entwickeln, spricht Marion Heier mit Nanni Glück in Episode 4 unseres Podcasts »Apropos Psychologie!«.

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„Wache Schule – achtsamkeitsbasierte Weiterbildung für Pädagog*innen“ – ein erstes Fazit

Es hat keinen Sinn, Kinder zu erziehen – sie machen einem doch alles nach!

Annett Ammer-Wies, Erziehungswissenschaftlerin und Dipl.-Psychologin, gestaltet seit 2013 die Psychologische Beratungsstelle am Zentrum für Lehrerbildung und Schulforschung der Universität Leipzig mit. Im Interview mit unserer Autorin Susanne Krämer geht es um erste Erfahrungen und Beobachtungen aus dem ersten Jahrgang von „Wache Schule“, einer achtsamkeitsbasierten Weiterbildung für Pädagog*innen. Im Herbst startet der zweite Jahrgang.

Ammer-Wies: Was sollen die Lehrerinnen und Lehrer aus deiner Weiterbildung mitnehmen?

Krämer: Wenn wir mehr Achtsamkeit im Schulalltag wollen, müssen wir bei den Pädagogen ansetzen. Wie wir aus der Neurowissenschaft bestätigt bekommen, findet sozio-emotionales Lernen am Vorbild statt. So gehe ich auch in dem 2019 erschienenen Buch Wache Schule vor. Möchte ich Achtsamkeit lehren, dann ist es so wichtig, diese selbst vorzuleben. Ralph Waldo Emerson bringt es auf den Punkt: „What you are speaks so loudly, that I can’t hear what you say you are.” Oder wie Jean Paul sagt: „Es hat keinen Sinn, die Kinder zu erziehen, sie machen einem doch alles nach.“

Deshalb bin ich auch sehr glücklich, dass ich in der Lehramtsausbildung der Universität Leipzig seit 2013 das Seminar „Kommunikation und Achtsamkeit“ anbieten kann, sodass nunmehr über 800 Studierende bereits in ihrer Lehramtsausbildung ein Grundwissen zu achtsamkeitsbasierten Übungen bekommen haben und dies in die Schulen bringen können.

Ammer-Wies: Zurück zur Weiterbildung „Wache Schule“. Was unterscheidet sie von anderen Weiterbildungsangeboten für Lehrkräfte im Kontext gesunde Schule?

Krämer: Viele der bisherigen Ansätze bieten eher eine „Entspannung“ nach stressigen Situationen an. Achtsamkeit zu entwickeln heißt, schwierige Situationen genauer wahrzunehmen mit all den Gedanken, Gefühlen und automatisierten Mustern, die ich und mein Gegenüber da mitreinbringen und diese in einer nicht wertenden, gelassenen Haltung zu bewältigen. Also mich nicht erst danach zu entspannen, sondern mit einer anderen Haltung durchs Leben zu gehen.

Eine achtsame Haltung ist entscheidend für die Beziehung zu Schülerinnen und Schülern.

Für Lehrkräfte heißt diese erhöhte Selbstreflexions- und Selbstregulationsfähigkeit, dass weniger Resignation bei Misserfolgen entsteht und durch die verstärkte Präsenz im Körper die Entspannungs- und Erholungsfähigkeit steigen. Indem man körperliche und psychische Anspannungen schneller wahrnimmt, kann ganz gezielt gegengesteuert werden. Dadurch entstehen mehr Wohlbefinden, Ruhe und Ausgeglichenheit und Angst, Stressgefühle und Depression nehmen ab.

Aber eine achtsame Haltung vorzuleben ist auch entscheidend für die Beziehung zu Schülerinnen und Schülern, denn wie die Lehrperson negative Emotionen ausdrücken bzw. steuern kann, trägt viel zur Qualität unserer Begegnungen bei, was sowohl das Klassenklima als auch die Lernmotivation bessert.

Werden neben diesen „Nebenwirkungen“ den Schülern und Schülerinnen noch explizite Übungen angeboten, können sie besser ihre Impulse wahrnehmen und kontrollieren, sodass es zu weniger Aggressivität kommt und gerade der Schwerpunkt der Weiterbildung zu mehr (Selbst-)Mitgefühl führt, zu einem anderen Miteinander. Darüber hinaus stellen Studien heraus, dass die Übungen auch die selektive Aufmerksamkeit verbessern, Kreativität nimmt zu sowie die kognitive Flexibilität und Merkfähigkeit für den Unterrichtsstoff.

Es ist also weit mehr als ein Gesundheitsprogramm. Eine Schülerin, die ich im Rahmen des Buches interviewte, beschrieb, dass Achtsamkeit ihre Lebensqualität ungemein steigere, weil sie gelernt habe, die „Dinge“, die ihr Leben prägen, bewusster wahrzunehmen, mit den „schlechten“ besser umzugehen und die „guten“ mehr zu gewichten.

Ammer-Wies: Welche Grenzen haben Achtsamkeitsbasierte Programme in der Schule? Für wen oder wann ist dieser Ansatz nicht geeignet?

Krämer: Dies ist ein wichtiger Punkt, den Du da ansprichst. Achtsamkeitsbasierte Programme ersetzen keine Therapie und erst recht nicht im „Großgruppensetting“ der Schule. So helfen diese Programme z.B. Kindern mit ADHS, zur Ruhe zu kommen, und der körperbezogene Ansatz kann auch für traumatisierte Kinder hilfreich sein, jedoch braucht es hier natürlich darüber hinausgehende Begleitung von Fachpersonen.

Häufig wird auch die Angst vor einer Retraumatisierung durch das Auf-sich-Besinnen der Meditationen befürchtet. In einem Artikel des Mindfulness Centre der University of Oxford wurde herausgehoben, dass dies bei den low intensiv practices, welche in der Schule durchgeführt werden, nicht beobachtet werden konnte. Sie heben die gute Ausbildung der anleitenden Person hervor, denn gerade der Umgang mit auftretenden Widerständen und dazugehörig das Angebot der passiven Teilnahme oder Freiwilligkeit, braucht die eigene Achtsamkeitspraxis.

Ammer-Wies: Was meinst Du mit passiver Teilnahme?

Krämer: Kinder haben bereits ein sehr gutes Gespür, wann eine Meditation sie überfordert. Auch wir selbst wissen, wann es gut ist, uns unserem Inneren zuzuwenden und uns damit auch allen Problemen, die da sind, zu stellen oder wann dazu nicht der Rahmen und die Energie gegeben sind. Dann gilt es, Möglichkeiten der passiven Teilnahme in Erwägung zu ziehen, wie das Beobachten der Zeit, ggf. Schlagen eines Gongs bis hin zu einer ruhigen Selbstbeschäftigung („Auszeitecke“). Erstaunlicherweise nehmen Schüler und Schülerinnen auch aus der scheinbar unbeteiligten Beobachtungsposition sehr viel mit!

Es geht nicht darum, das Rad neu zu erfinden, sondern sich das passende anzueignen.

Ammer-Wies: Gehst Du auf solche Thematiken auch in der Weiterbildung ein?

Krämer: Oh ja, die Weiterbildung ist sehr erfahrungs- und praxisorientiert gestaltet. Alle kommen ja mir den Grundvoraussetzungen, dass sie bereits für sich selbst eine eigene Praxis haben, das heißt, wir können gleich mit Umsetzungsformaten für die Schule starten. Diese werden erst aus Schüler*innenperspektive erlebt, reflektiert und dann selbst angeleitet. Insbesondere das Feedback der anderen Pädagog*innen gibt das Vertrauen und die Sicherheit in die eigene Anleitung. Dazu kommen Experimente mit Widerständen, Hinweise zur Einführung in der Schule, beispielsweise: Wie spreche ich Eltern, die Schulleitung und mein Kollegium an? Und natürlich ein beständiges Vertiefen der eigenen Praxis. Ich arbeite mit einem Bausteinkonzept. Die Teilnehmenden erhalten einen Überblick über einen stimmigen Aufbau und können sich dann aus den vorgestellten Übungen selbst ein für sie und ihre Klassen passendes „Programm“ zusammenbauen. Deshalb ist mir die Zusammensetzung der Dozierenden der Weiterbildung auch so wichtig: Katja Bach bringt den körperbasierten Zugang über das Qi Gong ein, Dr. Adrian Bröking stellt Auszüge aus dem Mind the Music Programm, das er in der Sekundarstufe ll einbringt, vor und Nanine Schulz berichtet von ihrem mit vielen spielerischen Elementen versehenen Ansatz mit „Ananda, der weisen Schildkröte“. Mir ist es wichtig, dass jede*r Teilnehmer*in in das Konzept der achtsamkeitsbasierten Pädagogik eingeführt wird, dann vielfältige Zugänge kennenlernt und ausprobiert und dadurch alles in der Hand hat, ihre eigenen Wege zu gehen. Nur wohinter wir stehen, können wir auch voll und ganz „verkörpern“. Es geht nicht darum, das Rad neu zu erfinden, sondern sich das passende anzueignen.

Ammer-Wies: Was erhoffst Du Dir, was die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nach dem Kurs anders machen?

Krämer: Genau das, was aus dem ersten Jahrgang rückgemeldet wurde, dass die eigene achtsame Haltung im Unterricht sich vertiefte und alle angefangen haben mit der Vermittlung! Das hat mich sehr gefreut!

Indem wir Kinder und Jugendliche zu mehr Selbstwirksamkeit und bewusstem Handeln befähigen, werden sie hoffentlich immer mehr zu einer bewussten Gestaltung der Gesellschaft beitragen.

(Auszug aus dem Newsletter AKiJu – Achtsamkeit für Kinder und Jugendliche, August 2020)

O-Ton einer Teilnehmerin: 
Grundlage für die Fortbildung ist Susannes Buch „Wache Schule“, welches eine Schatzgrube rund um das Thema Achtsamkeit und Schule ist. Die Fortbildung lässt das Geschriebene lebendig werden: praxisorientiert, erlebnis- und erfahrungsorientiert! Eine der besten und schönsten Fortbildungen, die ich zu diesem Thema gemacht habe.
Danke, Susanne!

 

Susanne Krämer ist Dipl.-Schauspielerin, Kommunikationstrainerin, Tai-Chi- und MBSR-Lehrerin. Sie hat seit 2013 den Bereich Kommunikation am Zentrum für Lehrerbildung und Schulforschung der Universität Leipzig aufgebaut und bietet dort u.a. das von ihr entwickelte Seminarkonzept „Kommunikation und Achtsamkeit“ an. Susanne Krämer ist in den Netzwerken „Achtsamkeit in der Pädagogik“ und „Achtsamkeit an Hochschulen“ aktiv und Autorin von Wache Schule – Mit Achtsamkeit zu Ruhe und Präsenz, Junfermann 2019.

 

 

 

 

Annett Ammer-Wies ist Erziehungswissenschaftlerin und Dipl.-Psychologin. Sie hat eine Weiterbildung zur Systemischen Therapeutin und Beraterin (SG) absolviert. Seit 2013 gestaltet sie die Psychologische Beratungsstelle am Zentrum für Lehrerbildung und Schulforschung der Universität Leipzig aus.

Als ob man sein Umfeld zum ersten Mal im Leben betrachten würde…

Innere Ruhe: einfach gehen

 

„Auch in deiner Nähe warten leise Wohlfühlorte, wo Denken leichter, klarer, milder wird.“

(Markus P. Baumeler, Autor)

 

Manchmal suchen wir inmitten der Hektik des Alltags die Stille und wünschen uns ein eher nach innen gewandtes Gehen, das uns beruhigt. Wenn wir uns dann aufmachen zu einem Spaziergang und den Ärger vom Arbeitsplatz oder eine private Enttäuschung mitnehmen, können wir uns trotz des Bemühens nicht so richtig an den prächtigen Farben der Natur erfreuen. Die Blumen am Wegesrand, die es zu entdecken gäbe, nehmen wir in unserer Niedergeschlagenheit gar nicht wahr. Zur Ruhe kommen wir erst recht nicht. Dafür kreisen die Gedanken um die schwierige Kollegin, ungelöste Probleme oder den unaufmerksamen Partner. Vielleicht ärgern wir uns aber auch über die kühle Witterung oder das falsche Schuhwerk. Es braucht Zeit, bis sich solche Gedanken langsam verabschieden.

Es kommt nicht so sehr auf die äußeren Umstände an, sondern vielmehr auf das, was wir innerlich daraus machen. Die äußeren Umstände können wir häufig kaum beeinflussen. Aber in welcher Gestimmtheit und Bewusstheit wir unterwegs sind und wie unsere Beziehung zur Umgebung ist, liegt bei uns selbst. Erst wenn Außenwelt und Innenwelt zusammenkommen und Gleichklang entsteht, erleben wir Sinn und Bedeutung: Wenn wir versuchen, die Natur in ihrer Wesensart, in ihrer Lebendigkeit und in ihrem Rhythmus (Außenwelt) in uns aufzunehmen, um innerlich daran zu reifen, erkennen wir, dass die einzige Konstante die kontinuierliche Veränderung ist. Im Rhythmus der Schritte können wir Außen- und Innenwelt miteinander synchronisieren. Wenn mich während eines Spaziergangs die unerfreulichen Gedanken zu lange begleiten, habe ich für mich zwei Strategien entwickelt: Erstens, und sofern es mein Tagesprogramm erlaubt, verlängere ich den Spaziergang auf mindestens eine Stunde. Zweitens versuche ich, willentlich aus dem Gedankenkarussell auszusteigen. Drei Schritte aus der Zen-Meditation können dabei helfen, einen Spaziergang zu unternehmen und dabei innere Ruhe zu erfahren, unabhängig von äußeren Umständen:

 

 

  1. Wahrnehmen, was ist und wie es ist. Dies gelingt beim Herumspazieren ohne festes Ziel. Es geht darum, einfach nur wahrzunehmen, was man sieht, was auf einen zukommt und was sich zeigt, ohne zu werten. Nichts tritt zwischen den Spaziergänger und die Umgebung. Es gibt keine Voreingenommenheit, keine Absichten, kein zu erreichendes Ziel. Vielmehr sind wir in voller Offenheit unterwegs. Wir sehen, was ist und wie es ist, anstatt nur das zu sehen, was „man gesehen haben muss“ oder was „sehenswürdig“ ist.

 

  1. Annehmen, was ist und wie es ist. Wenn wir versuchen, das, was beim Gehen um uns herum ist, anzunehmen, kann zwischen dem Spaziergänger und seiner Umgebung Harmonie entstehen. Voraussetzung hierfür ist, dass wir ohne bestimmte Erwartungen unterwegs sind. Wem das gelingt, wird sich nicht mehr von Regen oder Herbstnebel die Laune verderben lassen, sondern offen sein für das besondere Farbenspiel. Insbesondere unerwartete Situationen, wie ein Wetterumschwung, ein gesperrter Weg oder eine steile Stelle, können, wenn wir uns auf sie einlassen, zu einem intensiveren Erlebnis oder gar Glücksgefühl führen. Wir werden ein Stück weit unabhängiger von äußeren Umständen. Es bedeutet auch, nicht sofort zu überlegen, wie wir etwas verändern oder lösen könnten, sondern erst einmal die Situation anzunehmen.

 

  1. Schätzen, was ist und wie es ist. Hierbei geht es nicht um „positive thinking“ oder die rosarote Brille. Es geht um die Wertschätzung dessen, was gerade ist und uns umgibt. Wenn wir in den beiden Schritten zuvor echtes Sehen und Annehmen geübt haben, werden wir es auch als das, was es ist, schätzen. Was wir gut kennen, lieben wir. Was wir lieben, macht uns glücklich.

Spazieren eröffnet uns die Möglichkeit, das Gepäck des Alltags wenigstens temporär beiseite zu legen. Das schließt auch die vielen Hightech- und Luxusartikel ein, die uns umgeben. Wir legen ab und reduzieren uns auf das Wesentliche. Wie viel bräuchten wir zum Leben, wenn wir all das, was wir mit uns nehmen könnten, in der Umhängetasche oder im Rucksack auf dem Rücken tragen müssten?

 

Ideen für einen Spaziergang „Innere Ruhe – einfach gehen“

Vielleicht mögen Sie diese drei Impulse mit auf Ihren Weg nehmen:

  • Wahrnehmen, was ist und wie es ist: Nehmen Sie sich Zeit und genießen Sie jeden einzelnen Schritt.
  • Annehmen, was ist und wie es ist: Wir müssen negative Gefühle nicht los werden. Stattdessen sagen wir innerlich ja zu dem, was jetzt gerade ist.
  • Schätzen, was jetzt gerade ist und wie es jetzt gerade ist.

 

Wenn sich das Gedankenkarussell nicht beruhigen will, geben Sie nicht auf. Konzentrieren Sie sich einfach auf Ihren Atem. Gehen Sie Schritt für Schritt für Schritt für Schritt für Schritt …

 

Variante: Sinnlicher achtsamer Spaziergang (circa 30 Minuten)

  • Einige Momente stillstehen und über die Fußsohle Kontakt mit dem Boden aufnehmen.
  • Gewicht ganz leicht nach hinten auf die Fersen verlagern, nach vorne auf die Zehen und schließlich in einem Halbkreis über die Außenkante der Fußsohle von vorn nach hinten und zurück abrollen.
  • Wahrnehmen, wo diese kleine Bewegung sonst noch im Körper zu spüren ist.
  • Einen bewussten ersten Schritt machen.
  • Langsam und bewusst ins Gehen kommen und fühlen, wie sich das Gleichgewicht verlagert.
  • Weitergehen und bei der Wahrnehmung des Bewegungsablaufs bleiben.
  • Im Atemrhythmus gehen und wahrnehmen, wie viele Schritte Sie in einer Ausatmung und in einer Einatmung gehen.
  • Wahrnehmen, wie Sie heute gehen (Tempo, Körperhaltung, Knie, Becken, Wirbelsäule, Schultern, Arme, Hände, Finger, Hals, Kopf, Mund, Stirne, Gesicht).
  • Die Aufmerksamkeit auf den Tastsinn richten: Wie fühlen sich der Untergrund, die Reibung der Kleidung auf der Haut, Luftzug, Temperaturunterschiede etc. an?
  • Die Aufmerksamkeit auf den Geruchssinn richten: Welche unterschiedlichen Gerüche und Düfte umgeben mich?
  • Die Aufmerksamkeit auf den Hörsinn richten: Welche Geräusche und Töne in der Nähe und in der Ferne kann ich wahrnehmen?
  • Die Aufmerksamkeit auf den Sehsinn richten: Welche Farben, Formen und Strukturen hält die Umgebung für mich bereit?
  • Sich auf den gegenwärtigen Moment einlassen, Gedanken wie Wolken ziehen lassen und sich wieder dem gegenwärtigen Moment zuwenden.

 

Ein achtsamer Spaziergang ist, als ob man sein Umfeld zum ersten Mal im Leben betrachten würde. Er bringt uns die Fähigkeit zu stauen zurück, entspannt, reduziert Stress und steigert das Wohlbefinden.

(Auszug aus dem Buch Auf dem Weg: 20 Spaziergänge für das seelische Wohlbefinden von Sabine Claus, erschienen 2019 im Junfermann Verlag)

Nur „Aufschieberitis“ oder prokrastinierst du schon?

In ihren Coachings begegnen Annette Bauer immer wieder Menschen, hinter deren Aufschiebeverhalten alte Geschichten steckten. Damit verbunden sind auch Emotionen, die mit etwas zusammenhängen, das sie einmal erlebt haben. Den Betroffenen selbst ist das manchmal gar nicht bewusst, nie wären sie daraufgekommen, das verhasste Aufschiebeverhalten mit dieser alten Geschichte in Verbindung zu bringen. Als Coach, die mit emotionsbezogenen Methoden arbeitet, wundert sich Annette Bauer jedoch weitaus weniger …

Welche Gefühle spielen eine Rolle, wenn Sie aufschieben?

Ertappen auch Sie sich manchmal dabei, dass Sie Dinge lange vor sich herschieben? Oder haben Sie sogar schon negative Konsequenzen erfahren, weil Sie immer wieder – teils sehr wichtige – Erledigungen und Aufgaben verschieben? Wagen Sie einen ersten Blick auf die Hintergründe.

Wenn Sie auf Ihr Aufschiebeverhalten schauen, welche Art von Gefühlen regen sich dann eher bei Ihnen?

Die folgende kleine Tabelle kann ihnen helfen, Ihre eigenen Gefühle leichter in Worte zu fassen. Mehrfachnennungen sind möglich (und auch wahrscheinlich).

 

„Wenn ich jetzt an mein Aufschieben denke, empfinde ich …“

Angst Gelassenheit
Unruhe Innere Ruhe
Wut Angenehmen Nervenkitzel
Lebens- oder Existenzangst Amüsiertheit
Zögerlichkeit Inneres Kribbeln
Zweifel Zufriedenheit
Unzufriedenheit Erleichterung
Verzweiflung Zuversicht
Sorgen Entspannung
Ärger Selbstsicherheit
Selbstzweifel Vorfreude
Erleichterung

 

Finden Sie sich eher in den Gefühlen und Aussagen auf der linken Seite wieder? Diese passen eher zu Aufschieber*innen mit Problempotenzial, zu Menschen, die mit akademischem Aufschieben zu tun haben, oder gar zu pathologischen Aufschiebenden. Negative Emotionen sind eher ein Indikator für Stress, der mit dem Aufschiebeverhalten verbunden ist. Ihr Aufschieben geht nicht spurlos an Ihnen vorüber.

Finden Sie sich eher in den Gefühlen und Aussagen auf der rechten Seite wieder? Dann atmen Sie tief durch. Ihre positiven Gefühle stehen eher für einen entspannten Grundzustand und dafür, dass Sie sich im normalen Spektrum des Aufschiebeverhaltens bewegen.

Auch wenn Sie hier negative Emotionen und Aussagen bei sich entdecken, können Sie etwas tun!

Die gute Nachricht ist: Veränderung kann immer gelingen. Ganz gleich, in welchem Kontext. Wollen Sie mit dem Rauchen aufhören? Das geht, wenn Sie den richtigen Weg für sich finden. Sie möchten Ihr Ernährungsverhalten verändern? Auch das ist möglich, mit guter Beratung und Übung und einem für Sie passenden Zugang, der ohne Dogmen daherkommt. Sie möchten Tanzen lernen? Ein Tanzkurs sollte helfen, und ja, die eine wird zur fröhlich-leichten Tänzerin in allen Lebenslagen, der andere bleibt etwas knöchern bei den Grundschritten, kommt aber für „den normalen Hausgebrauch“ ganz gut zurecht.

Veränderung kann auch in Bezug auf Aufschiebeverhalten gelingen. Wenn Sie den mutigen Blick darauf wagen, wie Ihr persönliches Aufschieben gelagert ist.

Ist es eher einer Arbeitsstörung ähnlich oder sind es die kleinen Dinge des Alltags? Schieben Sie zwar Dinge auf die lange Bank, aber eigentlich spielt es nicht wirklich eine Rolle, weil das Leben damit gut funktioniert? Oder leiden Sie unter aufgeschobenen Dingen, auch wenn sie nicht von Bedeutung sind? Gibt es da vielleicht ganz andere Probleme und Beschwerden, zu denen das Aufschieben noch hinzukommt?

Diesen Blick kann Ihnen niemand abnehmen. Aber: Wenn Sie den Blick wagen, können Sie am richtigen Punkt nach der passenden Unterstützung schauen und in den Veränderungsprozess einsteigen. Und der kann dann auch gelingen.

(Quelle: Auszug aus dem Buch Auf die lange Bank: Wenn Aufschieben zum Problem wird von Annette Bauer, erschienen im September 2019)

 

Über die Autorin

Annette Bauer ist systemischer Coach sowie Strukturaufstellerin und seit fast 20 Jahren in der Begleitung und Beratung von Menschen in der Seelsorge tätig. Sie beschäftigt sich seit einigen Jahren intensiv mit der Lehre der Achtsamkeit und arbeitet als Coach mit Vielbegabten.

Jeder Konflikt ist lösbar

Zu Hause werden die Türen geknallt: Ein Streit, der harmlos begonnen hatte, ist eskaliert. Ein klärendes Gespräch? Unmöglich!

Im Meeting wird es plötzlich lauter. Ein Wort gibt das andere, bis ein Kollege wortlos aufsteht und geht.

Über den Gartenzaun hinweg diskutieren zwei Nachbarn miteinander. Beide halten ihre Emotionen zurück, doch in ihnen brodelt es.

Konflikte sind in unserem Leben unvermeidbar. Überall und jederzeit können sie auftreten. Die meisten von uns scheuen sie und drücken sich vor einer Austragung. Was dabei zu wenig im Fokus steht: die Chancen, die sich uns bieten.

Dr. Karim Fathi ist zertifizierter Konfliktberater und an der Akademie für Empathie in Berlin tätig. In seinem neuen Buch Das Empathietraining vermittelt er Konzepte aus den Bereichen Coaching und Beratung. Er richtet sich damit an alle Menschen, die ihre Empathiefähigkeit verbessern möchten, um sich fit für Krisen und Konflikte zu machen.

 

Herr Fathi, Sie haben ein beeindruckendes Profil: Unter anderem sind Sie Friedens- und Konfliktforscher. Wie sieht als solcher Ihr Arbeitsalltag aus? Und wie kamen Sie zu dieser Profession?

Während meines Studiums der Friedens- und Konfliktforschung an der Philipps-Universität Marburg war es stets mein Traum, an der Lösung der großen internationalen Konflikte in der Welt mitzuwirken. Ich begann nach dem Studium eine einjährige Ausbildung zum Konfliktberater bei Johan Galtung, einem der Gründerväter der Friedensforschung, der schon damals Erfahrung als Mediator in über 120 internationalen Konflikten hatte. Meine ersten Schritte tat ich danach ab 2009 als Mitarbeiter an zwei Instituten, die zu internationalen Konflikten forschen und beraten: Berghof Conflict Research in Berlin und International Institute for Conflict in Wien (Letzteres existiert heute nicht mehr und ist in das in Jerusalem ansässige Herbert C. Kelman Institute übergegangen). Ich war total fasziniert zu beobachten, dass auch in den komplexesten und gewalttätigsten Konflikten alle Parteien im Grunde „gute“, legitime Motive hatten. Ob südamerikanische Rebellengruppen, westafrikanische Warlords, islamische Extremisten aus dem Nahen Osten oder die Armeen der jeweiligen Regierungen, mit denen sie Krieg führten – trotz ihrer destruktiven Energie und gegensätzlichen Zielsetzungen offenbarten alle Vertreter/-innen im Grunde nahezu identische Bedürfnisse. Sie alle redeten davon, dass sie zwar Krieg führten, aber eigentlich Frieden, Sicherheit für ihre Angehörigen, Ausgleich für erlittene Ungerechtigkeiten, Respekt etc. wollten. Da erkannte ich: Jeder Konflikt ist im Grunde lösbar und zwar so, dass alle Seiten zufriedengestellt sind. Aber ich war auch ernüchtert festzustellen, dass man in der Praxis als Konfliktberater großer internationaler Konflikte wenig Einflussmöglichkeiten hat. So laufen die Konflikte in Nahost seit Ewigkeiten und ohne entscheidenden Durchbruch weiter, trotz über 30.000 Hilfsorganisationen alleine in Israel-Palästina. Und wenn Konflikte doch gelöst werden – dann so, dass sich die Konfliktarbeiter/-innen fragen mussten, ob ihre jahrelange Arbeit irgendeinen Sinn hatte. Das konnte ich in Bezug auf den Bürgerkrieg in Sri Lanka miterleben. Der Konflikt fand zwischen den für die Unabhängigkeit kämpfenden Tamil Tigers und der singhalesischen Regierung statt. Er dauerte seit 1983 an und wurde 2009 jäh mit einem Vernichtungsschlag der Regierungstruppen beendet. Zehntausende Menschen, vor allem Zivilisten, fanden den Tod. Meine Kolleg/-innen, die jahrelang vor Ort tätig waren und auf eine konstruktive Lösung hingearbeitet und zwischen den Parteien vermittelt hatten, waren völlig desillusioniert.

Ich war total fasziniert zu beobachten, dass auch in den komplexesten und gewalttätigsten Konflikten alle Parteien im Grunde „gute“, legitime Motive hatten.

Diese und andere Erfahrungen führten dazu, dass ich mich intensiv mit der Frage auseinandersetzte, was ganzheitliche Konfliktlösung in Theorie und Praxis ausmacht. Es ist ja nicht so, dass wir heute wenig Wissen und Konfliktlösungsmethoden zur Verfügung haben – im Gegenteil. Aber es gibt dazu kaum Orientierung und bislang hatten sich noch wenige Akademiker/-innen und Praktiker/-innen die Frage gestellt, wie sich dieses Wissen integrieren lässt. Diesen Überlegungen ging ich im Rahmen meiner Doktorarbeit nach, die ich 2011 abschloss. Zugleich begann ich mich als freiberuflicher Berater mehr dafür zu interessieren, wie sich alltägliche, „kleine“ Konflikte, also Konflikte mit den eigenen Kindern, dem Lebenspartner, dem Nachbarn oder Arbeitskollegen besser lösen lassen. Anders als die großen internationalen Konflikte ist wirklich jeder Mensch in seinem Leben davon betroffen. Ich erkannte auch, dass sich die Arbeit als Berater und Coach von beruflichen und privaten Alltagskonflikten als vergleichsweise sinnstiftender erwies: Ich konnte die Prozesse direkt beeinflussen und nach nur wenigen Sitzungen eine für alle Parteien befriedigende Entscheidung herbeiführen. Im vorliegenden Buch ist im Detail einer meiner ersten Fälle beschrieben. Um die Ausgangsfrage zu beantworten: Heute ist mein Arbeitsalltag vor allem damit gefüllt, dass ich als freiberuflicher Berater, Trainer, Dozent und Coach Privatpersonen, Fach- und Führungskräfte, Teams und Organisationen darin unterstütze, ihre kommunikativen Kompetenzen der Konflikt- und Krisenbewältigung zu entwickeln. Daneben forsche und publiziere ich zu der Frage, wie kollektive Systeme, sei es Teams, Organisationen oder Gesellschaften, über die Stellschraube „Kommunikation“ ihre Krisenfähigkeit steigern können. Dazu erscheinen noch in diesem Jahr zwei weitere Bücher von mir.

 

Was denken Sie: Haben sich zwischenmenschliche Konflikte (im Großen wie im Kleinen) in den letzten Jahren in ihrer Intensität/Häufigkeit etc. verändert?

Ich glaube, zu allen Zeiten und in allen Kulturen haben Menschen Konflikte, und zwar auf allen Eskalationsstufen. In ihrer Häufigkeit haben sie sich sicherlich nicht geändert, denn wann immer Menschen zusammentreffen, treffen auch unterschiedliche Meinungen und Interessen aufeinander, und so entstehen Konflikte. Historisch gesehen, hat die Intensität vielleicht eher abgenommen, wie es z.B. der berühmte Evolutionsexperte und Psychologe Steven Pinker in seinen Büchern beschreibt. Er verdeutlicht meines Erachtens recht plausibel, dass seit der Aufklärung Gewaltherrschaft, Sklaverei, Folter, Tötung aus Aberglauben oder bei Duellen geächtet sind und dass wir – trotz aktueller globaler Konflikte – immer noch in der friedlichsten aller Welten leben. Auch wenn einige Beobachter/-innen in den letzten Jahren von einer Abnahme der Empathie, vermehrtem Ellenbogendenken und einer allgemeinen Verrohung im zwischenmenschlichen Umgang sprechen, glaube ich, dass wir historisch gesehen, in der heutigen Informationsgesellschaft vergleichsweise zivilisierter mit Konflikten umgehen als im Mittelalter.

Trotz aktueller globaler Konflikte leben wir immer noch in der friedlichsten aller Welten.

 

Aus Ihrer Erfahrung heraus: Sind Menschen prinzipiell friedliebend oder ist ihr Konfliktpotenzial schon besorgniserregend?

Konfliktpotenzial hat es immer gegeben und gleichzeitig auch das Bedürfnis nach Frieden. Wir tragen beides in uns. Wann immer sich Menschen begegnen, gibt es Konfliktpotenzial. Psychologische Experimente, wie z.B. das Stanford Prison Experiment oder das Milgram Experiment, und zuvor schon Hannah Arendts Untersuchungen zur „Banalität des Bösen“ weisen darauf hin, dass wir alle sogar recht grausame Seiten in uns tragen, die in bestimmten Situationen – wenn wir nicht achtsam sind und z.B. Gruppendynamiken nachgeben – zum Tragen kommen können. Es lässt sich also nicht vermeiden, dass wir Konflikte haben und mitunter eine „dunkle Seite“ in uns schlummert. Wollen wir ein friedliches Leben führen, stellt sich vielmehr die Frage, wie wir damit umgehen. Selbst wenn wir zu keiner Lösung kommen, können wir mit Achtsamkeit, Empathie und Gelassenheit konstruktiv mit Konflikten umgehen lernen. Wie wir das kultivieren können, erfahren Sie in meinem Buch.

 

Woran scheitert Ihrer Ansicht nach der Versuch, einen Konflikt mit einem für alle Beteiligten zufriedenstellenden Kompromiss zu klären?

Grundsätzlich lässt sich jeder Konflikt (und ich behaupte: wirklich jeder Konflikt!) auf mindestens fünf Arten lösen. Erstens einseitig zu Gunsten der einen Partei (100/0-Lösung), zweitens durch Nachgeben zugunsten der anderen Partei (0/100-Lösung), drittens durch Vermeiden bzw. Rückzug (0/0), viertens durch den Kompromiss (50/50) oder fünftens durch kreative Zusammenarbeit (100/100). Die Kompromisslösung ist gar nicht so schwer zu finden und steht häufig am Ende einer Verhandlung oder Mediation, denn sie beinhaltet im Wesentlichen nur, dass beide Parteien Zugeständnisse machen und sich „in der Mitte treffen“. Kreative Zusammenarbeit ist die verhältnismäßig konstruktivste Lösung für alle Beteiligten, aber auch deutlich schwieriger zu erreichen: Sie setzt voraus, dass sich alle Beteiligten wirklich verstehen wollen, dass sie Verantwortung für ihre Handlungen übernehmen und dass sie bereit sind, die Situation aus neuen Perspektiven zu betrachten, um zu entsprechend neuen Lösungen zu kommen. Dies erfordert Empathie, Kreativität und Zeit – Ressourcen, die uns in Konflikten oft fehlen. Wir sind zu gestresst und zu sehr auf unseren empfundenen Verletzungen fixiert. Das ist auch der Fokus des Buches: Wie können wir in stressigen Konflikten Ressourcen aufbauen, um für alle bestmöglich mit der Situation umzugehen?

 

Wenn Konfliktparteien in einer absoluten Sackgasse stecken – es gibt kein Vor und kein Zurück mehr –, was hilft, um neue Bewegung zu bewirken?

Solche Situationen sind meiner Erfahrung nach schmerzhaft, aber auch sehr chancenreich. Wir können nicht mehr zurück und so weitermachen wie bisher. Wir sind nahezu gezwungen, irgendwas anders zu machen. Aber dieses Neue ist (noch) nicht da und wir wissen vielleicht (noch) nicht, wie es aussehen soll. Ich glaube, in solchen Situationen (typischerweise sprechen wir hier von „Krisen“) können wir an unterschiedlichen Punkten ansetzen. Was wir am ehesten beeinflussen können, sind wir selbst, und damit meine ich unser Denken und Handeln. Manchmal kann es Sinn machen, eine Pause einzulegen, sich aus der Situation zurückzuziehen, bis sich die Gemüter abgekühlt haben. Nach einer Pause kann die Situation in neuem Licht erscheinen. Es gibt eine Fülle von Techniken, wie Sie aus Ihren Denkfallen heraustreten, sich auf das Hier und Jetzt einlassen und zu neuen Perspektiven kommen können und wie Sie sich von stressigen Emotionen befreien können – im Buch werden Sie sorgsam daran herangeführt.

Pragmatismus heißt, alles, was uns hilft, zu nutzen, um die aktuelle Situation ein bisschen angenehmer zu gestalten.

Was sich im zwischenmenschlichen Kontext auch mal empfiehlt, ist reiner Pragmatismus. Wenn wir nicht wissen, was die finale Lösung sein könnte, können wir vielleicht zu schrittweisen, temporären Übergangslösung kommen. Wenn wir uns nicht über den Inhalt der Lösung einigen können, können wir uns vielleicht zumindest über den Prozess einigen, also, wie wir zu einer Entscheidung kommen. Pragmatismus heißt, alles, was uns hilft, zu nutzen, um die aktuelle Situation ein bisschen angenehmer zu gestalten – und sei der Schritt noch so klein. In einem Beziehungskonflikt zwischen Liebenden kann es auch sinnvoll sein, das festgefahrene Konfliktthema kurz zur Seite zu stellen und sich anderweitig anzunähern. Später kann das Paar von einer anderen Ausgangslage heraus gemeinsam auf das Problem schauen. Ich glaube, in jeder noch so festgefahrenen Situation können wir etwas tun. Meist müssen wir die Dinge etwas anders machen oder anders denken als bisher. Ich glaube, es gibt für alles Auswege, wir sind uns ihnen nur nicht immer bewusst.

 

In Ihrem neuen Buch Das Empathietraining vermitteln Sie konkrete Ansätze und Methoden, um gestärkt aus Beziehungskonflikten hervorzugehen. Wie kamen Sie auf das Thema Empathie und warum sehen Sie darin eine Art Universalkompetenz?

Ausgangspunkt dieses Buches war ein hocheskalierter Konflikt in einer Unternehmerehe, den ich mit meinem Freund und Kollegen, Herbert Haberl, begleiten durfte. Wir hatten glücklicherweise viel Zeit und Ressourcen, um – im Einverständnis mit unseren beiden Klient/-innen – mit verschiedenen Methoden zu experimentieren, also nicht nur dem klassischen Konfliktmanagement, sondern Methoden aus Resilienzförderung/Stressmanagement, systemischem Coaching, Neurolinguistischer Programmierung (NLP), sogar spirituellen Weisheitstraditionen. Am Ende kamen wir nicht nur zu einer Versöhnung, sondern auch zu einer integrierten Kombination unterschiedlicher Traditionen zur Förderung von Krisen- und Konfliktlösungskompetenzen. Die aus diesen Erfahrungen gewonnenen Erkenntnisse führten zur Entwicklung eines ganzheitlichen Empathietrainings und zur Gründung der Akademie für Empathie, einer Sinn- und Arbeitsgemeinschaft mit unterschiedlichen Expert/-innen aus Theorie und Praxis rund um das Thema Empathie. „Empathie“ begreifen wir hier nicht nur als „Einfühlung“ (emotionale Empathie) oder ein „Sich-Hineindenken“ (kognitive Empathie), sondern auch als „Selbstempathie“ (eigene Gefühle und Gedanken wahrnehmen können). In unserer Forschung und Praxis kamen wir zum Ergebnis, dass wir alle eine natürliche, authentische Verbindung zu allen Menschen, im weitesten Sinne zu allem Leben besitzen. Diese Verbindung ist uns nicht immer bewusst, sie ist aber immer da. Wir werden uns ihr vor allem dann gewahr, wenn wir in unserer Mitte sind und uns gelassen und zentriert fühlen. Dies lässt sich unserer Erfahrung nach systematisch fördern. Diese Art von Empathie, die sich ganz natürlich aus unserer Zentrierung ergibt, umschreiben wir arbeitshypothetisch mit „Empathie 3.0“. Sie ist eine Universalkompetenz, weil sie uns ermöglicht, mit vielfältigen unterschiedlichen Problemsituationen souverän umzugehen, ohne dass wir zwingend weiterführende konkretere Kompetenzen erlernen müssen. Kultiviere ich Empathie 3.0 in mir, kann ich souveräner mit Arbeitsstress, Konflikten aller Art, sogar tiefen Lebenskrisen umgehen. Sie hilft Führungskräfte dabei, funktionaler mit ihren Mitarbeitern umzugehen und kann ganze Teams dabei unterstützen, kollektiv intelligenter und damit leistungsfähiger zu werden.

 

Wie kann Ihr Buch Leser darin unterstützen, empathischer und im positiven Sinne „konfliktfähiger“ zu werden?

Im Zentrum dieses Buches steht das Empathietraining, mit dem Sie Ihre natürliche Empathie und Gelassenheit kultivieren und im Alltag mehr Raum geben können. Das Buch enthält mehrere, aufeinander aufbauende Übungen, die im Durchschnitt etwa fünf bis zehn Minuten Praxis pro Tag erfordern. Veranschaulicht werden die Übungen und darin enthaltenen Methoden anhand von vielfältigen Beispielen aus meiner Beratungspraxis. Über einem Zeitraum von ungefähr zwei Monaten praktiziert, führt das Trainingsprogramm zu einer Steigerung Ihrer Empathie, Stress- und Konfliktfähigkeit. Ähnlich wie auch beim Sport/Fitness braucht es aber gewisse Kontinuität über einen längeren Zeitraum.

 

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Stress der Empathiekiller Nummer 1 sei. Das ist fatal, denn wir leben gewissermaßen in einer „gestressten Gesellschaft“. Welche Auswirkungen hat unser Lebenstempo auf das Miteinander?

Stress hat es schon immer gegeben und führt uns evolutionär gesehen zu Höchstleistungen an. Doch wenn wir gestresst sind, neigen wir dazu, selbstbezogen zu sein und wir haben wenig Ressourcen, uns empathisch auf andere einzulassen. Die Psychologin Sara Konrath beschrieb in ihrer vielzitierten Studie das „Empathieparadoxon“, wonach die Menschen infolge der Globalisierung zwar mehr miteinander verbunden seien, aber zugleich zwischenmenschliche Empathie abnehmen würde. Das Problem unserer Zeit ist der empfundene Dauerstress infolge von Informationsüberflutung, Leistungs-, Konsum- und vor allem Zeitdruck. Viele Menschen haben verlernt abzuschalten und sind in einem permanenten Erregungszustand, der ihr Alltagshandeln und -denken negativ beeinflusst. Indem wir also lernen, funktionaler mit den Anforderungen der Informationsgesellschaft umzugehen und uns nicht dauerhaft stressen zu lassen, werden wir gelassener und empathischer. Es ist interessant zu beobachten, dass sich gerade in der schnelllebigen Zeit von heute deutliche Gegentrends nach Entschleunigung und Gelassenheitsförderung abzeichnen. Yoga, Meditation, Wellness etc. sind heute keine exotischen Begriffe mehr, sondern verbreitete Antworten auf den empfundenen Dauerstress unserer Zeit. Vor diesem Hintergrund leistet mein Buch auch einen Beitrag, gelassener, empathischer und konfliktfähiger in unserer gestressten Gesellschaft zu sein.

 

Was tun Sie persönlich gegen Stress?

Ich wende viele der im Buch beschriebenen Methoden selber an. In stressigen Situationen kommuniziere ich gerne lösungsorientiert (Konfliktkommunikation), darüber hinaus setze ich mich mit meiner Wahrnehmung des stressigen Ereignisses auseinander (mentale Techniken) und lasse negative Gefühle los (emotionale Techniken). Manchmal reicht es schon, ein paarmal tief durchzuatmen. Auch sehe ich zu, dass ich stets ausreichend Zeitfenster habe, mich zu regenerieren. Darüber hinaus praktiziere ich täglich mindestens eine Stunde Achtsamkeitsmeditation, was mir besonders gut hilft, klar zu sehen und die vielen kleinen und großen Dinge, die stressig erscheinen, in einen angemessenen Kontext zu setzen. Hier wird mir bewusst, dass es sich bei den meisten Dingen gar nicht lohnt, sich über sie aufzuregen.

 

Hand aufs Herz: Was bringt Sie selbst so richtig „auf die Palme“? Wo lassen Sie nicht/ungern mit sich verhandeln?

Mich bringt auf die Palme, wenn ich mich mit für mich nicht nachvollziehbaren, kleinteiligen, bürokratischen Prozessen auseinandersetzen muss. Ich habe ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Effizienz und Freiheit und wenn ich in solchen Situationen nicht geistesgegenwärtig bin, habe ich den anhaltenden Gedanken, dass ich dazu gezwungen werde, meine „Lebenszeit zu verschwenden“. Da empfinde ich relativ viel Stress, wahrscheinlich sogar mehr als die meisten Menschen. Ein befreundeter Therapeut hat mal mittels Herzratenvariabilitätsmessung (HRV) meine Lebensfeuerwerte gemessen, als ich meine Steuererklärung gemacht habe: Meine Werte waren völlig im Keller! Als ich Stunden später Gelegenheit hatte, kreativ zu arbeiten und an meinem Buch schrieb, waren meine Werte wieder auf höchstem Niveau.

 

Ihr Kredo?

Frieden in der Welt beginnt mit Frieden in dir.

 

Weitere Informationen zum Autor erhalten Sie hier.

 

 

 

 

 

Karim Fathi: Das Empathietraining. Konflikte lösen für ein besseres Miteinander.

Das Buch ist ab sofort im Handel erhältlich.

 

 

Ein Stück weiter in Richtung „widerstandsfähig“ kommen

Mit der Sprungkraft eines Kängurus

Von Melanie Hausler

 „Wie geht’s dir?“, frage ich meinen Kollegen bei einem zufälligen Treffen auf dem Flur. Er antwortet: „Gestresst, wie immer“, zwinkert mir zu und eilt schnellen Schrittes, die Kaffeetasse in der Hand, davon.

So oder so ähnlich laufen täglich unzählige Gespräche ab. Teilweise schwingt zwar noch ein gewisser Humor mit, in der Aussage ist es aber doch bedenklich. Gestresst zu sein ist normal geworden. „Stress“ hat sich als gesellschaftlich äußerst akzeptierter Zustand etabliert. Gestresste Menschen werden häufig als wichtig, erfolgreich oder zumindest sehr fleißig angesehen. In Smalltalks mit Kollegen, Nachbarn und Freunden dreht es sich meist um aktuelle Stressoren, und selbst nach Feierabend fällt es immer mehr Menschen schwer, herunterzufahren und zu entspannen.

Wir alle kennen das Gefühl des Gestresstseins. Stellen Sie sich zum Beispiel vor, Sie müssten in fünf Minuten unvorbereitet einen Vortrag halten. Wie würden Sie reagieren? Vermutlich würden Ihre Hände kühl und schweißig, das Herz schlüge schneller, die Atmung wäre flacher und beschleunigt und Sie nähmen eine erhöhte Anspannung der Muskulatur wahr. Kein sehr angenehmer Zustand!

Bleiben diese Stresszeiten zeitlich begrenzt, schaden sie uns nicht. Problematisch wird es aber vor allem dann, wenn wir uns ständig gestresst fühlen und zwischen den Stressereignissen kaum Zeit finden, unser System wieder in einen Entspannungszustand zu bringen. Zudem häufen sich nicht selten Stressoren aus verschiedenen Lebensbereichen: im Beruf, in der Beziehung, mit dem Vermieter … Je mehr Stressoren wir gleichzeitig erleben und je weniger wir uns dazwischen wieder entspannen und uns etwas Gutes tun, desto mehr steigt die Wahrscheinlichkeit für Burnout, Depressionen, Ängste, Schlafstörungen und Co.

Als Wissenschaftlerin interessiert mich die Frage, wie sich individuelle Stressoren auf der einen und positive Erlebnisse auf der anderen Seite auf die psychische und körperliche Gesundheit sowie das Wohlbefinden auswirken. Eine Kernaussage, die sich auf Basis der wissenschaftlichen Forschung treffen lässt, ist diese:

Durch gezielte Förderung des Wohlbefindens und effektive Stressbewältigung kann sowohl psychischen als auch körperlichen Erkrankungen entgegengewirkt werden.

 

Die Logik unserer Psyche

In meiner psychologischen Praxis begegnen mir die verschiedensten Menschen mit ihren Geschichten. Sie geben mir einen unglaublich spannenden Eindruck in die komplexe Welt der Psychologie. Und jedes Mal aufs Neue fasziniert es mich zu erkennen, welche Logik hinter der individuellen Symptomatik steckt. Denn eins ist gewiss: Es ist immer psycho-logisch. All unsere Gedanken, unsere Gefühle und Verhaltensweisen haben eine Entstehungsgeschichte, die sinnvolle Erklärungen dafür bietet, warum sie sich entwickelt haben. Und nicht nur das. Auch in der aktuellen Lebenssituation gibt es immer Faktoren, die der Symptomatik Sinn verleihen bzw. sie aus gewissen Gründen aufrechterhalten. Ich möchte Ihnen hierfür ein Beispiel geben:

Die 22-jährige Sarah B. berichtet über Angstattacken, die sie ohne erkennbare Auslöser regelmäßig ereilen. Wenn sie die Ängste erlebt, wird ihr schwindelig, ihr Herz klopft rasend schnell, ihr Mund wird trocken und in ihrem Kopf kreisen Gedanken um die Angst, verrückt zu werden. Sie erkennt zunächst keinen erkennbaren Auslöser und erst recht keinen Sinn in ihrer Symptomatik. Nach einigen Sitzungen haben wir folgende Erkenntnisse gewonnen:

  1. Die auslösende Lebenssituation stellt sich wie folgt dar. Sarah B. hat einen Umzug in eine neue Stadt hinter sich, wo sie ein BWL-Studium begonnen hat. Sie erlebt das Studium als sehr anspruchsvoll und hat gleich zu Beginn eine Prüfung nicht geschafft. Sie wohnt in einer Ein-Zimmer-Wohnung und fühlt sich dort recht einsam. Die Panikattacken treten gehäuft vor dem Einschlafen auf, wenn sie über ihre Situation nachgrübelt.
  2. Auf welche Person treffen nun diese Lebensumstände? Sarah B. beschreibt sich als sehr leistungsorientiert. Ihre Eltern haben ihr immer klar vermittelt, dass sie gute Leistungen von ihr erwarten. Wenn sie gute Noten nach Hause brachte, wurde das gemeinsam gefeiert und sie erfuhr Anerkennung und Zuneigung. Im Falle von schlechten Noten entfiel der positive Austausch und stattdessen saß sie alleine in ihrem Zimmer, um zu lernen. Als sie nun in eine neue Stadt zog, reduzierte sich der Kontakt zu den Eltern und ihren Freunden. Sie fuhr zwar regelmäßig nach Hause, aber dennoch war ihr Bedürfnis nach Austausch und Nähe nicht ausreichend erfüllt. Als sie dann auch noch eine schlechte Note erzielte, ging ihr System in Alarmbereitschaft und versetzte ihren Körper in Anspannung. Nun würde sie in nächster Zeit alleine in ihrer Wohnung verbringen müssen, um zu lernen, und die Wochenendbesuche wären nicht mehr so häufig möglich. Darüber hinaus hatte ihre Mutter Sorgen geäußert, ob sie mit dem Studium überfordert sei.
  3. Die Reaktion ihres Systems war eine Steigerung der inneren Anspannung. Als dann eine weitere Prüfung ins Haus stand, überschritt die Anspannung ihre Angstschwelle und sie erlebte ihre erste Panikattacke. Fortan beobachtete sie sich sehr genau und verfiel bei dem geringsten Anzeichen von Unwohlsein (z. B. Übelkeit, Schwindel oder Herzklopfen) in Sorge darüber, ob etwas mit ihr nicht stimme und es zu einer neuen Panikattacke kommen könne – was dann auch zunehmend häufiger der Fall war.
  4. Die Konsequenzen waren nicht nur rein negativ, wie man auf den ersten Blick vielleicht vermuten würde. Zwar fühlte sie sich langfristig dadurch massiv in Alltag und Studium eingeschränkt, doch gab es kurzfristig auch positive Konsequenzen. So rief ihre Mutter fast täglich an, um sich nach dem Befinden der Tochter zu erkundigen. Auch war sie nach dem gehäuften Auftreten einiger Panikattacken zur Erholung für ein paar Tage nach Hause gefahren. Dort hatte sie sehr viel Zuneigung und Zuspruch erlebt. Ihre Eltern hatten ihr klargemacht, dass sie wichtiger sei als positive Leistungen und dass sie vor allem auf sich schauen solle. Damit nahmen sie ihr eine große Last von den Schultern, machten aber ihre Anerkennung vom Gesundheitszustand der Tochter abhängig. Wenn nun die Symptomatik verschwinden würde – was dann? Vermutlich wären die Ansprüche – sowohl der Eltern, als auch die eigenen – wieder deutlich höher.

Dieses Beispiel ist nur eines von vielen, das veranschaulicht, warum sich Symptome entwickeln und auch, warum sie aufrechterhalten werden. Bei Depressionen, Burnout, Schlafstörungen und Co. ist es nicht anders. Jede Person hat eine andere Art und Weise, eine für sie bestmögliche Lösung zu finden, um mit der aktuellen Lebenssituation zurechtzukommen. Dabei ist es sehr wichtig, niemandem die Schuld in die Schuhe zu schieben. Weder hat Frau B. ihre Symptomatik „absichtlich“ entstehen lassen, noch sind die Eltern schuld an der Misere. Die Psyche ist viel komplexer.

Viel relevanter ist die Frage, wie sich mit solch komplexen Situationen gut umgehen lässt. Hierfür sind zwei Ansatzpunkte zentral:

  1. Negative Faktoren, Symptome und Unzufriedenheit verringern. Hatten Sie schon mal Angst zu sterben – vielleicht auch nur ganz kurz, etwa weil sie bei einer Wanderung in den Bergen mit dem Fuß abgerutscht sind oder nur durch eine Vollbremsung mit dem Auto knapp einem Unfall entgehen konnten? Um dieses Angstgefühl geht es bei Sarah B. aus dem obigen Beispiel. Grundsätzlich kann man sagen, dass man angstauslösende Situationen nicht gänzlich vermeiden und ihnen dauerhaft einfach aus dem Weg gehen kann. Es gilt vielmehr, Strategien zu entwickeln, um mit der Angst umgehen und ihr mutig begegnen zu können. Es geht also darum, angstfähig zu werden. Es hilft aber langfristig nichts, wenn nur die negativen Faktoren reduziert werden.
  2. Positives stärken. Hinter der Symptomatik steckt auch etwas Positives: Bei Sarah B. ist es der Wunsch nach Zuneigung, nach positiven Beziehungen und nach Liebe. Ein menschliches Grundbedürfnis! Es geht also darum, Wege zu finden, dieses Bedürfnis zu erfüllen und eine gute Balance zwischen Beziehungen auf der einen Seite und Freiheit bzw. Selbstbestimmung auf der anderen Seite herzustellen. Die Lösung wird bei Frau B. nicht sein, das Studium abzubrechen und einfach wieder nach Hause zurückzukehren. Es wird darum gehen, neue Wege zu finden, um dieses Bedürfnis im Hier und Jetzt zu erfüllen.

 

Die Positive Psychologie

Genau hier kommt die positive Psychologie ins Spiel. Die Wissenschaft des gelingenden Lebens dreht sich konkret darum, das positive Erleben – also positive Gefühle und Zufriedenheit – zu erhöhen. Außerdem ist folgende Frage zentral: Welche Stärken und Werte zeichnen uns aus und fördern den Selbstwert unabhängig von Leistungen, Erfolgen oder Misserfolgen? Die Stärken stellen damit eine wichtige Basis für das Wohlbefinden dar.

Es geht aber nicht nur um die positiven Gefühle, sondern auch darum, mit all unseren Gefühlen achtsam umzugehen. Negative Gefühle haben grundsätzlich einen Sinn. Angst ist beispielsweise wie ein Wachhund, der uns vor Bedrohungen warnt. Die Gefahr kann unmittelbar sein oder in der Zukunft befürchtet werden (ein weiteres Nichtbestehen der Prüfung). Manchmal kann der Wachhund aber auch überreagieren und bellen, wenn nur ein kleiner Spatz aus dem Gebüsch fliegt.

 

Das Navigationssystem unserer Gefühle

Ein Bild, das die Funktion der Gefühle anschaulich beschreibt, ist das eines Navigationssystems. Es hilft uns bei der Orientierung, lenkt unsere Aufmerksamkeit und lässt uns wichtige Informationen zukommen. Es zeigt an, welche Straßen gesperrt sind, welche Wege wir besser umfahren sollten, wie lange wir noch bis zu unserem Ziel brauchen und welche Schwierigkeiten auf unserer Reise auftreten können. Und genauso funktionieren auch unsere Gefühle.

 

Positive Gefühle zeigen uns an, dass wir auf dem richtigen Weg sind, während negative Gefühle wie Angst, Wut, Trauer etc. uns darauf aufmerksam machen, dass gerade etwas nicht so gut läuft.

 

Alle Gefühle geben uns (lebens-)wichtige Hinweise auf unsere Bedürfnisse und haben somit einen wesentlichen Anteil an unserem Wohlbefinden.

Ob die Gefühle nun aber angemessen sind oder nicht, hängt stark von der individuellen Situation ab. Während ein heiteres Lachen während der Beerdigungszeremonie eher ungewöhnlich ist, passt es beim gemeinsamen Spieleabend sehr gut. Ebenso ist es mit den negativen Gefühlen.

Angenommen das Gefühl ist passend, dann spielt darüber hinaus die Intensität des erlebten Gefühls eine Rolle. Haben wir beispielsweise gesunden Respekt vor Höhe, ist das durchaus sinnvoll, da wir dadurch während der Bergtour achtsam bleiben und aufpassen, dass wir stets sicheren Tritt haben. Besteht jedoch panische Angst vor Höhen und vermeiden wir sogar in der Folge alle Situationen, die uns mit Höhe konfrontieren könnten, dann ist dies unserem Wohlbefinden nicht mehr dienlich. Im Gegenteil – es ist sogar einschränkend. Bleiben wir beim (Gefühls-)Navigationsbild, dann gibt es folgende Möglichkeiten:

  1. Die Information ist hilfreich und wir reagieren dementsprechend (z. B. schnellere Route wählen und Stau umfahren).
  2. Die Information weist zwar in die richtige Richtung, ist aber zu intensiv (z. B. wird immer wieder auf den Stau hingewiesen, in dem wir uns befinden, es gibt jedoch keine alternative Route).
  3. Die Information ist nicht hilfreich (z. B. wird auf eine gesperrte Straße hingewiesen, die inzwischen schon wieder frei befahrbar ist).

Während es wichtig ist, im Fall 1 dem Gefühl gemäß zu handeln, ist es bei den Fällen 2 und 3 notwendig, das Gefühl zu regulieren bzw. abzuschwächen – zum Beispiel mit den Methoden der Positiven Psychologie. Je nach Ausmaß und Häufigkeit kann darüber hinaus auch eine professionelle Unterstützung Sinn machen.

 

Hinfallen, aufstehen, Krone richten, weitergehen?

Uns allen widerfahren hin und wieder Missgeschicke, Dinge laufen anders als erwartet oder wir machen schmerzhafte Erfahrungen. Das gehört zum Leben dazu. Interessant ist, wie wir mit derartigen Situationen umgehen. Studien haben gezeigt, dass glückliche Menschen bessere Strategien entwickeln, um mit kritischen Lebensereignissen umzugehen, als weniger glückliche (z. B. Tugade & Fredrickson, 2004). Sie verfügen über eine größere Widerstandskraft, die sie dazu befähigt, konstruktiv mit Krisen umzugehen, ohne an ihnen zu zerbrechen. Die Rede ist von Resilienz.

Ich möchte diesen Umstand am Beispiel des Kängurus verdeutlichen: Kängurus können ganz wunderbar springen. Bei jedem Sprung federn ihre Hinterläufe vom Boden ab wie ein Gummiball. Je mehr sich der Kängurukörper komprimiert, je stärker also die Gelenke belastet und die Muskeln gedehnt werden, desto höher ist die Sprungkraft. Resilienz ist wie diese Sprungkraft. Sie befördert uns wieder nach oben, wenn das Schicksal uns einmal zu Boden geworfen hat. Auch wenn wir Schlimmes erleben, bedeutet das nicht automatisch, dass wir dadurch traumatisiert oder von nun an unglücklich sind. Vermutlich führen wir zwar ein anderes Leben, als wir es ohne dieses Erlebnis getan hätten. Ob dieses Leben jedoch glücklich ist oder nicht, hängt sehr viel mehr von unserer Bewertung, unseren Gefühlen und unserem Verhalten – kurz: unserer Resilienz – ab: Wie wir Dinge einschätzen und welche Konsequenzen wir daraus für unser Leben ziehen, liegt an uns.

Wir alle haben die Möglichkeit, Resilienz zu trainieren und uns auf dem Kontinuum ein Stück weiter in Richtung „widerstandsfähig“ zu bewegen. In diesem Zusammenhang konnte die Bedeutsamkeit positiver Gefühle für die Förderung von Resilienz nachgewiesen werden. Resiliente Menschen nutzen positive Gefühle zum einen dafür, sich schneller von Stress zu erholen, und zum anderen, um Sinn aus negativen Erlebnissen zu schöpfen (Tugade & Fredrickson, 2004). Außerdem nehmen sie bei Stressereignissen oder Problemen nicht ausschließlich die negativen Aspekte wahr, sondern auch positive Facetten, Entwicklungsmöglichkeiten oder Lernchancen. Dies ermöglicht es ihnen, gestärkt aus solchen Erfahrungen hervorzugehen und sogar an ihnen zu wachsen.

Wenn wir einmal hinfallen, ist es wichtig, erst einmal innezuhalten und herauszufinden, worüber wir gestolpert sind. Vor allem dann, wenn uns das regelmäßig passiert, macht es sehr viel mehr Sinn, sich mit dem Hindernis auseinanderzusetzen, als jeden Tag aufs Neue über die Türschwelle zu stolpern. Der nächste Schritt ist dann zweifelsohne, wieder aufzustehen und sich mit Mitgefühl zu begegnen, anstatt sich Vorwürfe zu machen. Ist dies geschehen, können Sie mutigen Schrittes weitergehen – und wie ein Känguru mit einem kraftvollen Sprung über künftige Hindernisse hinwegspringen. Denken Sie daran: Glückliche Kängurus springen höher!

  

Über die Autorin

Dr. Melanie Hausler, Klinische und Gesundheitspsychologin, Trainerin für Positive Psychologie, Promotion in Psychologie zum Thema „Wohlbefinden verstehen und fördern“. Sie ist Glücksforscherin an der Medizinischen Universität Innsbruck und in freier Praxis tätig. Ihr Buch Glückliche Kängurus springen höher: Impulse aus Glücksforschung und positiver Psychologie erscheint am 22. März 2019 im Junfermann Verlag. Weitere Informationen über Melanie Hausler erhalten Sie hier.

 

Quelle

Tugade, M. M. & Fredrickson, B. L. (2004): Resilient Individuals Use Positive Emotions to Bounce Back From Negative Emotional Experiences. Journal of Personality and Social Psychology, 86(2), 320–333. http://doi.org/10.1037/0022-3514.86.2.320.