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Jeder Konflikt ist lösbar

Zu Hause werden die Türen geknallt: Ein Streit, der harmlos begonnen hatte, ist eskaliert. Ein klärendes Gespräch? Unmöglich!

Im Meeting wird es plötzlich lauter. Ein Wort gibt das andere, bis ein Kollege wortlos aufsteht und geht.

Über den Gartenzaun hinweg diskutieren zwei Nachbarn miteinander. Beide halten ihre Emotionen zurück, doch in ihnen brodelt es.

Konflikte sind in unserem Leben unvermeidbar. Überall und jederzeit können sie auftreten. Die meisten von uns scheuen sie und drücken sich vor einer Austragung. Was dabei zu wenig im Fokus steht: die Chancen, die sich uns bieten.

Dr. Karim Fathi ist zertifizierter Konfliktberater und an der Akademie für Empathie in Berlin tätig. In seinem neuen Buch Das Empathietraining vermittelt er Konzepte aus den Bereichen Coaching und Beratung. Er richtet sich damit an alle Menschen, die ihre Empathiefähigkeit verbessern möchten, um sich fit für Krisen und Konflikte zu machen.

 

Herr Fathi, Sie haben ein beeindruckendes Profil: Unter anderem sind Sie Friedens- und Konfliktforscher. Wie sieht als solcher Ihr Arbeitsalltag aus? Und wie kamen Sie zu dieser Profession?

Während meines Studiums der Friedens- und Konfliktforschung an der Philipps-Universität Marburg war es stets mein Traum, an der Lösung der großen internationalen Konflikte in der Welt mitzuwirken. Ich begann nach dem Studium eine einjährige Ausbildung zum Konfliktberater bei Johan Galtung, einem der Gründerväter der Friedensforschung, der schon damals Erfahrung als Mediator in über 120 internationalen Konflikten hatte. Meine ersten Schritte tat ich danach ab 2009 als Mitarbeiter an zwei Instituten, die zu internationalen Konflikten forschen und beraten: Berghof Conflict Research in Berlin und International Institute for Conflict in Wien (Letzteres existiert heute nicht mehr und ist in das in Jerusalem ansässige Herbert C. Kelman Institute übergegangen). Ich war total fasziniert zu beobachten, dass auch in den komplexesten und gewalttätigsten Konflikten alle Parteien im Grunde „gute“, legitime Motive hatten. Ob südamerikanische Rebellengruppen, westafrikanische Warlords, islamische Extremisten aus dem Nahen Osten oder die Armeen der jeweiligen Regierungen, mit denen sie Krieg führten – trotz ihrer destruktiven Energie und gegensätzlichen Zielsetzungen offenbarten alle Vertreter/-innen im Grunde nahezu identische Bedürfnisse. Sie alle redeten davon, dass sie zwar Krieg führten, aber eigentlich Frieden, Sicherheit für ihre Angehörigen, Ausgleich für erlittene Ungerechtigkeiten, Respekt etc. wollten. Da erkannte ich: Jeder Konflikt ist im Grunde lösbar und zwar so, dass alle Seiten zufriedengestellt sind. Aber ich war auch ernüchtert festzustellen, dass man in der Praxis als Konfliktberater großer internationaler Konflikte wenig Einflussmöglichkeiten hat. So laufen die Konflikte in Nahost seit Ewigkeiten und ohne entscheidenden Durchbruch weiter, trotz über 30.000 Hilfsorganisationen alleine in Israel-Palästina. Und wenn Konflikte doch gelöst werden – dann so, dass sich die Konfliktarbeiter/-innen fragen mussten, ob ihre jahrelange Arbeit irgendeinen Sinn hatte. Das konnte ich in Bezug auf den Bürgerkrieg in Sri Lanka miterleben. Der Konflikt fand zwischen den für die Unabhängigkeit kämpfenden Tamil Tigers und der singhalesischen Regierung statt. Er dauerte seit 1983 an und wurde 2009 jäh mit einem Vernichtungsschlag der Regierungstruppen beendet. Zehntausende Menschen, vor allem Zivilisten, fanden den Tod. Meine Kolleg/-innen, die jahrelang vor Ort tätig waren und auf eine konstruktive Lösung hingearbeitet und zwischen den Parteien vermittelt hatten, waren völlig desillusioniert.

Ich war total fasziniert zu beobachten, dass auch in den komplexesten und gewalttätigsten Konflikten alle Parteien im Grunde „gute“, legitime Motive hatten.

Diese und andere Erfahrungen führten dazu, dass ich mich intensiv mit der Frage auseinandersetzte, was ganzheitliche Konfliktlösung in Theorie und Praxis ausmacht. Es ist ja nicht so, dass wir heute wenig Wissen und Konfliktlösungsmethoden zur Verfügung haben – im Gegenteil. Aber es gibt dazu kaum Orientierung und bislang hatten sich noch wenige Akademiker/-innen und Praktiker/-innen die Frage gestellt, wie sich dieses Wissen integrieren lässt. Diesen Überlegungen ging ich im Rahmen meiner Doktorarbeit nach, die ich 2011 abschloss. Zugleich begann ich mich als freiberuflicher Berater mehr dafür zu interessieren, wie sich alltägliche, „kleine“ Konflikte, also Konflikte mit den eigenen Kindern, dem Lebenspartner, dem Nachbarn oder Arbeitskollegen besser lösen lassen. Anders als die großen internationalen Konflikte ist wirklich jeder Mensch in seinem Leben davon betroffen. Ich erkannte auch, dass sich die Arbeit als Berater und Coach von beruflichen und privaten Alltagskonflikten als vergleichsweise sinnstiftender erwies: Ich konnte die Prozesse direkt beeinflussen und nach nur wenigen Sitzungen eine für alle Parteien befriedigende Entscheidung herbeiführen. Im vorliegenden Buch ist im Detail einer meiner ersten Fälle beschrieben. Um die Ausgangsfrage zu beantworten: Heute ist mein Arbeitsalltag vor allem damit gefüllt, dass ich als freiberuflicher Berater, Trainer, Dozent und Coach Privatpersonen, Fach- und Führungskräfte, Teams und Organisationen darin unterstütze, ihre kommunikativen Kompetenzen der Konflikt- und Krisenbewältigung zu entwickeln. Daneben forsche und publiziere ich zu der Frage, wie kollektive Systeme, sei es Teams, Organisationen oder Gesellschaften, über die Stellschraube „Kommunikation“ ihre Krisenfähigkeit steigern können. Dazu erscheinen noch in diesem Jahr zwei weitere Bücher von mir.

 

Was denken Sie: Haben sich zwischenmenschliche Konflikte (im Großen wie im Kleinen) in den letzten Jahren in ihrer Intensität/Häufigkeit etc. verändert?

Ich glaube, zu allen Zeiten und in allen Kulturen haben Menschen Konflikte, und zwar auf allen Eskalationsstufen. In ihrer Häufigkeit haben sie sich sicherlich nicht geändert, denn wann immer Menschen zusammentreffen, treffen auch unterschiedliche Meinungen und Interessen aufeinander, und so entstehen Konflikte. Historisch gesehen, hat die Intensität vielleicht eher abgenommen, wie es z.B. der berühmte Evolutionsexperte und Psychologe Steven Pinker in seinen Büchern beschreibt. Er verdeutlicht meines Erachtens recht plausibel, dass seit der Aufklärung Gewaltherrschaft, Sklaverei, Folter, Tötung aus Aberglauben oder bei Duellen geächtet sind und dass wir – trotz aktueller globaler Konflikte – immer noch in der friedlichsten aller Welten leben. Auch wenn einige Beobachter/-innen in den letzten Jahren von einer Abnahme der Empathie, vermehrtem Ellenbogendenken und einer allgemeinen Verrohung im zwischenmenschlichen Umgang sprechen, glaube ich, dass wir historisch gesehen, in der heutigen Informationsgesellschaft vergleichsweise zivilisierter mit Konflikten umgehen als im Mittelalter.

Trotz aktueller globaler Konflikte leben wir immer noch in der friedlichsten aller Welten.

 

Aus Ihrer Erfahrung heraus: Sind Menschen prinzipiell friedliebend oder ist ihr Konfliktpotenzial schon besorgniserregend?

Konfliktpotenzial hat es immer gegeben und gleichzeitig auch das Bedürfnis nach Frieden. Wir tragen beides in uns. Wann immer sich Menschen begegnen, gibt es Konfliktpotenzial. Psychologische Experimente, wie z.B. das Stanford Prison Experiment oder das Milgram Experiment, und zuvor schon Hannah Arendts Untersuchungen zur „Banalität des Bösen“ weisen darauf hin, dass wir alle sogar recht grausame Seiten in uns tragen, die in bestimmten Situationen – wenn wir nicht achtsam sind und z.B. Gruppendynamiken nachgeben – zum Tragen kommen können. Es lässt sich also nicht vermeiden, dass wir Konflikte haben und mitunter eine „dunkle Seite“ in uns schlummert. Wollen wir ein friedliches Leben führen, stellt sich vielmehr die Frage, wie wir damit umgehen. Selbst wenn wir zu keiner Lösung kommen, können wir mit Achtsamkeit, Empathie und Gelassenheit konstruktiv mit Konflikten umgehen lernen. Wie wir das kultivieren können, erfahren Sie in meinem Buch.

 

Woran scheitert Ihrer Ansicht nach der Versuch, einen Konflikt mit einem für alle Beteiligten zufriedenstellenden Kompromiss zu klären?

Grundsätzlich lässt sich jeder Konflikt (und ich behaupte: wirklich jeder Konflikt!) auf mindestens fünf Arten lösen. Erstens einseitig zu Gunsten der einen Partei (100/0-Lösung), zweitens durch Nachgeben zugunsten der anderen Partei (0/100-Lösung), drittens durch Vermeiden bzw. Rückzug (0/0), viertens durch den Kompromiss (50/50) oder fünftens durch kreative Zusammenarbeit (100/100). Die Kompromisslösung ist gar nicht so schwer zu finden und steht häufig am Ende einer Verhandlung oder Mediation, denn sie beinhaltet im Wesentlichen nur, dass beide Parteien Zugeständnisse machen und sich „in der Mitte treffen“. Kreative Zusammenarbeit ist die verhältnismäßig konstruktivste Lösung für alle Beteiligten, aber auch deutlich schwieriger zu erreichen: Sie setzt voraus, dass sich alle Beteiligten wirklich verstehen wollen, dass sie Verantwortung für ihre Handlungen übernehmen und dass sie bereit sind, die Situation aus neuen Perspektiven zu betrachten, um zu entsprechend neuen Lösungen zu kommen. Dies erfordert Empathie, Kreativität und Zeit – Ressourcen, die uns in Konflikten oft fehlen. Wir sind zu gestresst und zu sehr auf unseren empfundenen Verletzungen fixiert. Das ist auch der Fokus des Buches: Wie können wir in stressigen Konflikten Ressourcen aufbauen, um für alle bestmöglich mit der Situation umzugehen?

 

Wenn Konfliktparteien in einer absoluten Sackgasse stecken – es gibt kein Vor und kein Zurück mehr –, was hilft, um neue Bewegung zu bewirken?

Solche Situationen sind meiner Erfahrung nach schmerzhaft, aber auch sehr chancenreich. Wir können nicht mehr zurück und so weitermachen wie bisher. Wir sind nahezu gezwungen, irgendwas anders zu machen. Aber dieses Neue ist (noch) nicht da und wir wissen vielleicht (noch) nicht, wie es aussehen soll. Ich glaube, in solchen Situationen (typischerweise sprechen wir hier von „Krisen“) können wir an unterschiedlichen Punkten ansetzen. Was wir am ehesten beeinflussen können, sind wir selbst, und damit meine ich unser Denken und Handeln. Manchmal kann es Sinn machen, eine Pause einzulegen, sich aus der Situation zurückzuziehen, bis sich die Gemüter abgekühlt haben. Nach einer Pause kann die Situation in neuem Licht erscheinen. Es gibt eine Fülle von Techniken, wie Sie aus Ihren Denkfallen heraustreten, sich auf das Hier und Jetzt einlassen und zu neuen Perspektiven kommen können und wie Sie sich von stressigen Emotionen befreien können – im Buch werden Sie sorgsam daran herangeführt.

Pragmatismus heißt, alles, was uns hilft, zu nutzen, um die aktuelle Situation ein bisschen angenehmer zu gestalten.

Was sich im zwischenmenschlichen Kontext auch mal empfiehlt, ist reiner Pragmatismus. Wenn wir nicht wissen, was die finale Lösung sein könnte, können wir vielleicht zu schrittweisen, temporären Übergangslösung kommen. Wenn wir uns nicht über den Inhalt der Lösung einigen können, können wir uns vielleicht zumindest über den Prozess einigen, also, wie wir zu einer Entscheidung kommen. Pragmatismus heißt, alles, was uns hilft, zu nutzen, um die aktuelle Situation ein bisschen angenehmer zu gestalten – und sei der Schritt noch so klein. In einem Beziehungskonflikt zwischen Liebenden kann es auch sinnvoll sein, das festgefahrene Konfliktthema kurz zur Seite zu stellen und sich anderweitig anzunähern. Später kann das Paar von einer anderen Ausgangslage heraus gemeinsam auf das Problem schauen. Ich glaube, in jeder noch so festgefahrenen Situation können wir etwas tun. Meist müssen wir die Dinge etwas anders machen oder anders denken als bisher. Ich glaube, es gibt für alles Auswege, wir sind uns ihnen nur nicht immer bewusst.

 

In Ihrem neuen Buch Das Empathietraining vermitteln Sie konkrete Ansätze und Methoden, um gestärkt aus Beziehungskonflikten hervorzugehen. Wie kamen Sie auf das Thema Empathie und warum sehen Sie darin eine Art Universalkompetenz?

Ausgangspunkt dieses Buches war ein hocheskalierter Konflikt in einer Unternehmerehe, den ich mit meinem Freund und Kollegen, Herbert Haberl, begleiten durfte. Wir hatten glücklicherweise viel Zeit und Ressourcen, um – im Einverständnis mit unseren beiden Klient/-innen – mit verschiedenen Methoden zu experimentieren, also nicht nur dem klassischen Konfliktmanagement, sondern Methoden aus Resilienzförderung/Stressmanagement, systemischem Coaching, Neurolinguistischer Programmierung (NLP), sogar spirituellen Weisheitstraditionen. Am Ende kamen wir nicht nur zu einer Versöhnung, sondern auch zu einer integrierten Kombination unterschiedlicher Traditionen zur Förderung von Krisen- und Konfliktlösungskompetenzen. Die aus diesen Erfahrungen gewonnenen Erkenntnisse führten zur Entwicklung eines ganzheitlichen Empathietrainings und zur Gründung der Akademie für Empathie, einer Sinn- und Arbeitsgemeinschaft mit unterschiedlichen Expert/-innen aus Theorie und Praxis rund um das Thema Empathie. „Empathie“ begreifen wir hier nicht nur als „Einfühlung“ (emotionale Empathie) oder ein „Sich-Hineindenken“ (kognitive Empathie), sondern auch als „Selbstempathie“ (eigene Gefühle und Gedanken wahrnehmen können). In unserer Forschung und Praxis kamen wir zum Ergebnis, dass wir alle eine natürliche, authentische Verbindung zu allen Menschen, im weitesten Sinne zu allem Leben besitzen. Diese Verbindung ist uns nicht immer bewusst, sie ist aber immer da. Wir werden uns ihr vor allem dann gewahr, wenn wir in unserer Mitte sind und uns gelassen und zentriert fühlen. Dies lässt sich unserer Erfahrung nach systematisch fördern. Diese Art von Empathie, die sich ganz natürlich aus unserer Zentrierung ergibt, umschreiben wir arbeitshypothetisch mit „Empathie 3.0“. Sie ist eine Universalkompetenz, weil sie uns ermöglicht, mit vielfältigen unterschiedlichen Problemsituationen souverän umzugehen, ohne dass wir zwingend weiterführende konkretere Kompetenzen erlernen müssen. Kultiviere ich Empathie 3.0 in mir, kann ich souveräner mit Arbeitsstress, Konflikten aller Art, sogar tiefen Lebenskrisen umgehen. Sie hilft Führungskräfte dabei, funktionaler mit ihren Mitarbeitern umzugehen und kann ganze Teams dabei unterstützen, kollektiv intelligenter und damit leistungsfähiger zu werden.

 

Wie kann Ihr Buch Leser darin unterstützen, empathischer und im positiven Sinne „konfliktfähiger“ zu werden?

Im Zentrum dieses Buches steht das Empathietraining, mit dem Sie Ihre natürliche Empathie und Gelassenheit kultivieren und im Alltag mehr Raum geben können. Das Buch enthält mehrere, aufeinander aufbauende Übungen, die im Durchschnitt etwa fünf bis zehn Minuten Praxis pro Tag erfordern. Veranschaulicht werden die Übungen und darin enthaltenen Methoden anhand von vielfältigen Beispielen aus meiner Beratungspraxis. Über einem Zeitraum von ungefähr zwei Monaten praktiziert, führt das Trainingsprogramm zu einer Steigerung Ihrer Empathie, Stress- und Konfliktfähigkeit. Ähnlich wie auch beim Sport/Fitness braucht es aber gewisse Kontinuität über einen längeren Zeitraum.

 

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Stress der Empathiekiller Nummer 1 sei. Das ist fatal, denn wir leben gewissermaßen in einer „gestressten Gesellschaft“. Welche Auswirkungen hat unser Lebenstempo auf das Miteinander?

Stress hat es schon immer gegeben und führt uns evolutionär gesehen zu Höchstleistungen an. Doch wenn wir gestresst sind, neigen wir dazu, selbstbezogen zu sein und wir haben wenig Ressourcen, uns empathisch auf andere einzulassen. Die Psychologin Sara Konrath beschrieb in ihrer vielzitierten Studie das „Empathieparadoxon“, wonach die Menschen infolge der Globalisierung zwar mehr miteinander verbunden seien, aber zugleich zwischenmenschliche Empathie abnehmen würde. Das Problem unserer Zeit ist der empfundene Dauerstress infolge von Informationsüberflutung, Leistungs-, Konsum- und vor allem Zeitdruck. Viele Menschen haben verlernt abzuschalten und sind in einem permanenten Erregungszustand, der ihr Alltagshandeln und -denken negativ beeinflusst. Indem wir also lernen, funktionaler mit den Anforderungen der Informationsgesellschaft umzugehen und uns nicht dauerhaft stressen zu lassen, werden wir gelassener und empathischer. Es ist interessant zu beobachten, dass sich gerade in der schnelllebigen Zeit von heute deutliche Gegentrends nach Entschleunigung und Gelassenheitsförderung abzeichnen. Yoga, Meditation, Wellness etc. sind heute keine exotischen Begriffe mehr, sondern verbreitete Antworten auf den empfundenen Dauerstress unserer Zeit. Vor diesem Hintergrund leistet mein Buch auch einen Beitrag, gelassener, empathischer und konfliktfähiger in unserer gestressten Gesellschaft zu sein.

 

Was tun Sie persönlich gegen Stress?

Ich wende viele der im Buch beschriebenen Methoden selber an. In stressigen Situationen kommuniziere ich gerne lösungsorientiert (Konfliktkommunikation), darüber hinaus setze ich mich mit meiner Wahrnehmung des stressigen Ereignisses auseinander (mentale Techniken) und lasse negative Gefühle los (emotionale Techniken). Manchmal reicht es schon, ein paarmal tief durchzuatmen. Auch sehe ich zu, dass ich stets ausreichend Zeitfenster habe, mich zu regenerieren. Darüber hinaus praktiziere ich täglich mindestens eine Stunde Achtsamkeitsmeditation, was mir besonders gut hilft, klar zu sehen und die vielen kleinen und großen Dinge, die stressig erscheinen, in einen angemessenen Kontext zu setzen. Hier wird mir bewusst, dass es sich bei den meisten Dingen gar nicht lohnt, sich über sie aufzuregen.

 

Hand aufs Herz: Was bringt Sie selbst so richtig „auf die Palme“? Wo lassen Sie nicht/ungern mit sich verhandeln?

Mich bringt auf die Palme, wenn ich mich mit für mich nicht nachvollziehbaren, kleinteiligen, bürokratischen Prozessen auseinandersetzen muss. Ich habe ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Effizienz und Freiheit und wenn ich in solchen Situationen nicht geistesgegenwärtig bin, habe ich den anhaltenden Gedanken, dass ich dazu gezwungen werde, meine „Lebenszeit zu verschwenden“. Da empfinde ich relativ viel Stress, wahrscheinlich sogar mehr als die meisten Menschen. Ein befreundeter Therapeut hat mal mittels Herzratenvariabilitätsmessung (HRV) meine Lebensfeuerwerte gemessen, als ich meine Steuererklärung gemacht habe: Meine Werte waren völlig im Keller! Als ich Stunden später Gelegenheit hatte, kreativ zu arbeiten und an meinem Buch schrieb, waren meine Werte wieder auf höchstem Niveau.

 

Ihr Kredo?

Frieden in der Welt beginnt mit Frieden in dir.

 

Weitere Informationen zum Autor erhalten Sie hier.

 

 

 

 

 

Karim Fathi: Das Empathietraining. Konflikte lösen für ein besseres Miteinander.

Das Buch ist ab sofort im Handel erhältlich.

 

 

„Es braucht häufig mehr als drei tiefe OMs oder ein paar positive Gedanken, um glücklich zu werden!“

„Immer mit der Ruhe! Wie Sie Ihr Gehirn zur Gelassenheit erziehen“ von Doris Iding und Nanni Glück ist ein Ratgeber und Rettungsanker in stürmischen Zeiten. Für Menschen, die spüren, dass sie sich in all dem Multitasking und To-do-Listen-Abhaken selbst verlieren; die Entschleunigung suchen und sich nach innerer Ausgeglichenheit sehnen.

Wir sprachen mit den Autorinnen über unsere „gestresste Gesellschaft“, Achtsamkeit und Selbstmitgefühl – und über das Glück …

   Interview Teil I – mit Autorin Doris Iding

Liebe Frau Iding, Sie bieten regelmäßig Yoga- und Achtsamkeitsretreats an. Die Teilnehmenden möchten lernen, wieder zur Ruhe zu kommen, und wünschen sich, Hektik und Stress einmal ganz hinter sich zu lassen. Welchen Eindruck haben Sie: Wie gestresst ist unsere Gesellschaft?

Doris Iding: Ich habe das Gefühl, dass die Menschen immer rast- und ruheloser werden. Stress gehört zum Lebensgefühl dazu. Sie fühlen sich von den steigenden Anforderungen im Privat- und Arbeitsleben häufig überfordert und sind dabei, auszubrennen, oder haben häufig auch schon ein Burn-out hinter sich.

 

In Ihrem aktuellen Buch „Immer mit der Ruhe!“ nennen Sie Achtsamkeit als den ersten Schlüssel zur Gelassenheit. Was genau verstehen Sie unter Achtsamkeit, und wie kann sie helfen, im Alltag besser mit Stress und Druck umzugehen?

Doris Iding: Achtsamkeit ist im herkömmlichen Sinne (basierend auf Buddha) eine Meditationspraxis, die uns darin unterstützt, unseren Geist zu erforschen und uns nicht mehr von den darin entstehenden Gedanken beherrschen zu lassen. So richtig salonfähig wurde Achtsamkeit aber erst durch Dr. Jon Kabat-Zinn, der die Achtsamkeit durch MBSR in Stresskliniken brachte und in den letzten zehn Jahren auch in die Gesellschaft. Durch die Achtsamkeit im Kontext von MBSR lernt man, die Gedanken, Gefühle und Körperempfindungen kennenzulernen und sich nicht mehr mit ihnen zu identifizieren.

Achtsamkeit ist aber auch gleichzeitig eine Lebensweise. Sie soll uns darin unterstützen, dass wir erkennen, dass es keine äußeren Stressoren gibt, sondern dass wir es selbst sind, die uns den Stress machen.

Achtsamkeit ist auch ein Mittel, das uns darin unterstützt, den Autopiloten auszustellen, um das Leben wieder mit all unseren Sinnen zu erleben und zu genießen. Und zwar von Moment zu Moment.

 

Seit Ihrem 15. Lebensjahr beschäftigen Sie sich schon mit Meditation und Yoga und seit vielen Jahren leiten Sie entsprechende Seminare im Bereich Achtsamkeit und Entspannungstechniken. Wie viel Übung braucht jemand, der bisher noch keine Berührung damit hatte, um diese Techniken für sich nutzbar zu machen?

Doris Iding: Das ist schwer zu sagen, weil jeder Mensch ganz einzigartig ist und ich hier keine falschen Erwartungen wecken möchte. Es gibt Menschen, die lernen die Meditation kennen und genießen es bereits von Anfang an, 30 Minuten zu meditieren. Andere Menschen sind schon mit drei Minuten überfordert. Ich versuche, die Menschen dort abzuholen, wo sie sind, und ihnen auch die Zeit und den Raum zu geben, den sie brauchen. Durch die permanente Nutzung von Handys sind die meisten Nervensysteme allerdings heute immer weniger in der Lage, lange in der Stille zu verweilen. Gleichzeitig aber wächst das Bedürfnis nach Stille immer mehr.

Jeder, der anfängt zu praktizieren, sollte sich zuerst einmal überlegen, wie viel er realistisch in seinen Alltag integrieren kann, ohne sich noch zusätzlichen Stress zu machen.

 

Interessant ist, dass Sie Selbstmitgefühl als eine weitere Komponente zur Stressreduktion thematisieren. Was genau meinen Sie damit?

Doris Iding: Es ist mittlerweile erwiesen, dass es keine äußeren Stressoren gibt, sondern dass wir selbst es sind, die sich den Stress machen. Für den inneren Stress ist in erster Linie der „innere Antreiber“ verantwortlich, der auch gerne als „innerer Kritiker“ bezeichnet wird. Dieser Anteil ist nie zufrieden. Ich arbeite in meinen Kursen mit so vielen wundervollen Menschen zusammen und 99,9 Prozent haben einen solchen inneren Kritiker, der ihnen das Leben zur Hölle machen. Entwickeln wir aber Selbstmitgefühl mit uns und schließen wir Freundschaft mit diesem inneren Kritiker, dann wird das Leben leichter. Selbstmitgefühl bedeutet, dass wir mit einem offenen Herzen auf uns selbst schauen und das wertschätzen, was wir alles leisten. Und das ist bei uns allen mehr als genug. Es bedeutet, dass wir mehr auf die eigenen Bedürfnisse eingehen und uns selbst mit genauso viel Liebe und Geduld begegnen wie den Menschen, die wir lieben – oder aber mit denen wir arbeiten.

Erfahrungsgemäß ist aber das Selbstmitgefühl das, was uns allen am schwersten fällt. Ich bin in meinem Leben schon so vielen spirituellen Lehrern, Meistern und Therapeuten begegnet. Sie alle hatten ein offenes Herz für ihre Patienten und Klienten. Aber sich selbst gegenüber waren die meisten sehr fordernd und sehr anspruchsvoll.

Prof. Dr. Luise Reddemann hat einmal gesagt, dass der innere Kritiker unkündbar ist und dass wir gut daran tun, uns mit ihm anzufreunden. Diese Aussage kann ich auch nur unterstreichen.

 

Das Besondere am Buch ist auch sein ganzheitlicher Ansatz. Es wird auf neurologische Grundlagen ebenso eingegangen wie auf spirituelle Wege. Für wie wichtig erachten Sie Spiritualität für ein gesundes Leben? Und wie kann sie helfen, besser mit den Höhen und Tiefen des Lebens zurechtzukommen?

Doris Iding: Spiritualität ist für mich die Basis eines gesunden Lebens. Nur dann, wenn wir uns mit unserem innersten Wesen verbinden, können wir ein vollkommen selbstbestimmtes Leben führen. Der Benediktinermönch Willigis Jäger hat einmal gesagt, dass es darum gehe, ganz Mensch zu werden. Dieser Aussage kann ich ebenfalls zustimmen. Spiritualität bedeutet für mich übrigens u. a., dass wir uns der Verbundenheit mit allem und der Vergänglichkeit von allem bewusstwerden. Wenn wir dies tun, dann müssen wir nicht mehr so gegen das Leben selbst ankämpfen. Dann wird vieles leichter. Spiritualität bedeutet für mich aber auch, dass wir uns mit etwas verbinden, das größer ist als wir selbst. Das heißt, dass wir uns nicht immer für den Mittelpunkt der Welt halten, sondern ein Teil davon sind. Das kann manchmal sehr erleichternd sein. Und gleichzeitig bedeutet es auch, dass wir uns mit dem Göttlichen (als dem, was Größer ist als wir selbst) verbinden UND gleichzeitig unsere Kontonummer nicht vergessen. Der vietnamesische Mönch Thich Nhat Hanh sagt dazu: Es geht (bei der Spiritualität) nicht darum, auf dem Wasser zu wandeln, sondern darum, Schritt für Schritt auf der Erde zu gehen. Diese Aussage unterstreiche ich gerne.

 

Angenommen, die Mitarbeiterin eines großen Unternehmens, deren Wochen voll durchgetaktet sind, oder eine dreifache Mutter, die „das erfolgreiche Familienunternehmen“ führt, bittet Sie um Tipps zur Stressreduktion. Was antworten Sie denen?

Doris Iding: Innehalten. Bewusst einatmen. Bewusst ausatmen. Und dann eins nach dem anderen erledigen. Es ist eben diese so einfache (!!) Kombination aus innehalten UND atmen, die uns maßgeblich dabei helfen kann, raus aus dem Kopf – dem Gedankenkarussell – und rein in den Körper zu kommen.

 

Sie litten selbst einmal an einer Angststörung. Was glauben Sie: Wie sehr haben Stress und (Leistungs-)Druck in Ihrem Leben dabei eine Rolle gespielt?

Doris Iding: Die Ursache für die Angsterkrankung lag in einer generalisierten Angsterkrankung, die wiederum ihre Wurzeln in meiner Kindheit hatte. Ich habe meine Angsterkrankung – und einen Umgang damit – in meinem Buch Die Angst, der Buddha und ich beschrieben. Darin habe ich postuliert, dass man meditieren kann UND psychisch erkranken kann, dass man Yoga machen kann UND unter Ängsten leiden kann. Noch heute bekomme ich Leserbriefe als Reaktion auf dieses Buch und viele Menschen sind froh, dass ich mit diesem Buch ein Tabu in der spirituellen Szene gebrochen habe. Leider wird hier nämlich der Irrglaube verbreitet, dass man sich glücklich denken und dehnen kann. Das ist allerdings nicht der Fall. Wir sind so multidimensional und komplex, dass es häufig mehr braucht als drei tiefe OMs oder nur ein paar positive Gedanken, um glücklich zu werden.

 

Finden Leser*innen in Ihrem Buch auch konkrete Präventionsmaßnahmen, um sich vor der Entstehung von Ängsten und Depressionen zu schützen? Inwiefern?

Doris Iding: Leider ist es häufig so, dass wir erst wach werden, wenn wir bereits unter Ängsten leiden oder Depressionen uns das Leben schwermachen. In dem Buch gibt es aber viele Übungen, die einen Menschen darin unterstützen, besser mit Ängsten und mit Depressionen umzugehen. Es sind wundervolle und sehr wirksame Übungen. Sie haben allerdings nur einen Haken: Man muss sie regelmäßig machen. Der Neuropsychologe Rick Hanson sagt: Wir können unser Gehirn und unseren Geist ändern. Aber nur wir selbst können dies tun. Dieser Aussage stimme ich zu. Wir können noch so viele Seminare besuchen und noch so viele kluge Bücher lesen. Wenn wir nicht wirklich regelmäßig üben, wird sich langfristig nicht viel ändern. Nehmen wir uns hingegen täglich die Zeit für eine Meditation, dann können wir inneren Frieden erlangen.

 

Welche Botschaft möchten Sie Menschen, die an einer Angststörung erkrankt sind, mit auf den Weg geben? Gibt es etwas, das Hoffnung macht, wenn man den Mut verloren hat?

Doris Iding: Wenn wir unseren Ängsten ins Gesicht schauen, ihnen einen Namen geben und sie liebevoll und mitfühlend in den Arm nehmen, dann können wir sie überwinden. Das weiß ich. Alles, was es braucht, ist etwas Geduld. Der Buddha hat gesagt: ‚Egal, wie schwer das gestern war, wir können heute neu anfangen.‘ Und eine weitere Aussage von ihm lauter: ‚JEDER Mensch kann inneren Frieden erfahren.‘ Für mich wurde besonders die zweite Aussage von Buddha zu einem Mantra, das ich mir während meiner eigenen Angsterkrankung täglich gesagt habe. Ich habe mir gesagt: Wenn Buddha also tatsächlich meint, dass JEDER es kann, dann kann ich es auch! Das war gut. Auch diese Aussagen kann ich unterstreichen und bestätigen. Aber auch hier gilt: Wir können unsere Ängste überwinden. Aber nur wir selbst können es!

 

Was tun Sie selbst, um in akuten Stresszeiten zur Ruhe zu kommen? Haben Sie einen Erste-Hilfe-Plan?

Doris Iding: Ich habe keinen ersten Hilfe-Plan, sondern einen Erste-Hilfe-Koffer. Je nach Gelegenheit nehme ich mir das passende Werkzeug. Meine Lieblingsmethode: Da ich für mein Leben gerne esse, praktiziere ich in solchen Momenten die Essmeditation. Ich verwöhne mich mit einem guten Essen und nutze es, um wirklich mit allen Sinnen bei der Sache zu sein. Ansonsten hilft es mir immer und überall, mich über die Atmung wieder zu erden. Ich atme ganz bewusst in die Füße langsam aus. Und wenn es ganz arg ist, dann lege ich noch eine Hand auf das Dekolleté und eine Hand auf den Bauchraum. Indem ich langsam ausatme, wird der Parasympathikus aktiviert, und wenn ich mich selbst berühre, wird Oxytocin ausgeschüttet. Das ist ein Hormon, dass uns Vertrauen vermittelt. Und dann gibt es natürlich noch viele andere kleine Übungen in dem Buch.

 

Haben Sie vielen Dank für das nette Gespräch, Frau Iding!

 

Über die Autorin

Doris Iding ist Meditations-, MBRS-, Achtsamkeits- und Yogalehrerin. Sie arbeitet als Seminarleiterin und gibt Achtsamkeitsseminare in Firmen und mit Privatpersonen. Sie ist auch Buchautorin sowie Redakteurin der Zeitschrift Yoga aktuell. Darüber hinaus bildet sie seit vielen Jahren angehende Yogalehrer im Bereich Achtsamkeit und Yoga-Philosophie aus. 18 ihrer Bücher wurden in andere Sprachen übersetzt.

Ihr Buch „Immer mit der Ruhe! Wie Sie Ihr Gehirn zur Gelassenheit erziehen“, das sie mit Mitautorin Nanni Glück zusammen verfasst hat, erschien im Mai 2018 im Junfermann Verlag.

Weitere Informationen über die Autorin und ihre Angebote finden Sie unter www.glueckundachtsamkeit.de/ und www.vomglueckderkleinendinge.blogspot.de/