Podcast »Apropos Psychologie!«

Podcast-Folge 20: Apropos … Downsizing!

Priorisieren um Balance zu halten

Mareike Schönig

Runterschrauben, runterkommen, das Prinzip „Weniger ist mehr“ ist klar. Warum fällt es uns oft schwer, Prioritäten zu setzen, unsere eigenen Bedürfnisse zu sehen und ernst zu nehmen? Gibt es Gender-Unterschiede? Können Männer besser damit leben, mit 20% Aufwand 80% des Ziels zu erreichen? Wann geben uns materielle Dinge, mit denen wir uns umgehen, nicht mehr das gute Gefühl von Sicherheit, sondern werden zu Ballast?

Es fällt schwer, aus dem Überangebot an Möglichkeiten, beruflichen wie privaten, materiellen wie ideellen, die herauszupicken, die für die eigene Energiebalance richtig sind. Ein Grund dafür ist unser Anspruchsdenken: Ansprüche an uns selbst, vor allem aber auch jene, denen wir meinen, gerecht werden zu müssen: von Kolleg:innen, dem Freundeskreis, der Familie. Wie bringe ich also Anforderungen und Bedürfnisse in eine ausgewogene Balance? Wie identifiziere ich die Energieräuber in meinem Leben, um mich möglichst nur mit dem zu umgeben, was mir mehr Energie gibt als nimmt?

Das nämlich sollte eigentlich unser Ziel sein, sagt Mareike Schönig, Coach und Lebensberaterin, die das Downsizing aus eigener Erfahrung als wohltuend erlebt hat. Sie sagt: „Erst mit Downsizing kommt man im Leben voran!“ Mehr zu diesem Thema erfahrt ihr der neuen Folge von Apropos Psychologie!

Mehr über Mareike Schönig: https://mareikeschoenig.de/

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Podcast »Apropos Psychologie!«

Podcast-Folge 19: Apropos … Nein sagen!

Wie wir lernen, Grenzen zu setzen

Gisela Ruffer

Gisela Ruffer

Die Nachbarin überträgt mir schon wieder das Blumengießen und geht ins lange Wochenende, der Chef legt noch zwei weitere Ordner auf den Stapel – „Sie machen das schon!“ – und meine Mutter bringt mich mit einem klagenden „Wir sehen uns ja auch kaum noch“ dazu, statt zum Sport zu gehen, mit ihr Kaffee zu trinken. Warum sag‘ ich nicht einfach: NEIN!?

Gerade Frauen scheint es schwer zu fallen, ihre Interessen zu vertreten und Grenzen zu setzen. Zu schnell fühlen sie sich angesprochen für alle und alles zu sorgen. Dabei werden eigene Bedürfnisse manchmal so lange nicht beachtet, bis sie gar nicht mehr wahrgenommen werden. Dass das auf Dauer die Seele belastet, muss man nicht lang erklären.

Wie aber gelingt es, die nötige innere oder äußere Distanz zu schaffen, um Zeit für eine angemessene Grenzziehung zu bekommen, also ohne weder sofort Ja zu sagen noch in die Konfrontation zugehen? Und: Wie können wir lernen, ohne schlechtes Gewisse Nein zu sagen für ein harmonisches Miteinander? Darüber spricht Marion Heier mit Gisela Ruffer, Heilpraktikerin für Psychotherapie und Autorin des Buchs „Selbstbewusst NEIN sagen“.

 

Gisela Ruffer ist Heilpraktikerin für Psychotherapie. Gemeinsam mit ihrem Mann Herbert Ruffer hat sie das Buch „Selbstbewusst NEIN sagen“ veröffentlicht, auf dessen Grundlage ein Online-Kurs zum Thema „Grenzen setzen“ bei Sinnsucher.de www.sinnsucher.de erschienen ist.

Mehr über Gisela Ruffer : https://praxis-ruffer.de/

 

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Podcast-Folge 18: Apropos … Miteinander reden!

Reden und zuhören mit Gefühl und Verstand

Ulrike Michalski

Wann ist ein Gespräch eigentlich gut? Wer beurteilt, ob es schwierig ist oder nicht? Und wie wichtig ist gutes Zuhören, wenn wir miteinander sprechen wollen?

Mit diesen und anderen Fragen beschäftigt sich die von Marshall B. Rosenberg entwickelte Gewaltfreie Kommunikation. „Gewalt“ meint hier vor allem die verbale Gewalt (und damit nicht explizit die körperliche), weshalb das Handlungskonzept auch Einfühlende oder Wertschätzende Kommunikation genannt wird. Dabei stehen Empathie und aktives Zuhören im Mittelunkt.

Wie wir unser Gegenüber mit einer empathischen Sprache erreichen und dabei unsere eigenen Bedürfnisse und die des/der anderen (be-)achten können, weiß Ulrike Michalski. Sie ist Wirtschafsingenieurin, selbstständige Beraterin und Supervisorin und Vorsitzende des Fachverbandes Gewaltfreie Kommunikation.

In unserer neuen Folge deckt sie auf, warum uns die freundliche Frage „Was gibt’s zum Essen heute?“ förmlich explodieren lassen kann – dass uns unsere kleinen, alltäglichen Ärgernisse also viel zu heftig reagieren lassen, als es angemessen ist –, und warum das Verstehen-wollen entscheidend dafür ist, auch dann ruhig und wertschätzend zu reagieren, wenn der Sohn zum siebten Mal die Hausaufgaben ignoriert hat.

Mehr über Ulrike Michalski als Coach und Beraterin: https://änders.de | Informationen zum Fachverband Gewaltfreie Kommunikation: https://www.fachverband-gfk.org/

 

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Gisela Ruffer in ihrem Online-Kurs „Nein sagen“

Wo hör ich auf, wo fängst Du an: Grenzenlos glücklich?

Im Herbst 2019 ist das Buch „Selbstbewusst NEIN sagen. Grenzen setzen – Grenzen achten“ von Gisela und Herbert Ruffer, Heilpraktiker für Psychotherapie in Landshut, erschienen, und zwei Monate später das zugehörige Hörbuch. Im März 2021 wurde in Kooperation mit Sinnsucher.de der Online-Kurs dazu – „Nein sagen – Wie Du lernst, selbstbewusst Deine Grenzen zu setzen“ – veröffentlicht. Innerhalb weniger Wochen avancierte er zu einem der beliebtesten Junfermann-Kurse auf der Plattform.

Ich sprach mit Gisela Ruffer darüber, wie wir ohne schlechtes Gewissen Nein zu sagen lernen – für ein harmonisches Miteinander. Denn, wie die Autorin Paul Tillich zitiert: „Der wahre Ort der Begegnung ist die Grenze.

 

Gisela Ruffer in ihrem Online-Kurs „Nein sagen“

Gisela Ruffer in ihrem Online-Kurs „Nein sagen“

Was hat Sie darauf gebracht, sich mit dem Thema „Grenzen setzen“ zu befassen?

Gisela Ruffer: Vermutlich einerseits mein Spezialgebiet: eigene Grenzen zu testen und möglichst zu überschreiten. Das heißt, ich bin u. a. schon früh von Zuhause ausgezogen. Ich habe im Studium versucht, möglichst wenig zu schlafen, damit ich Zeit zum Lernen habe. Bücher lese ich möglichst in einem durch, Sport habe ich gerne bis zur Erschöpfung gemacht und wenn ich nur ein Zimmer streichen müsste, renoviere ich gleich das ganze Haus.

Früher hielt ich meine Art für normal und war irritiert, wenn andere das anders machten, und ich musste lernen, mir zum Selbstschutz, immer wieder eigene Grenzen zu setzen, damit ich so alt werden konnte wie ich jetzt bin. 🙂

Andererseits traf ich auf meinem Lebensweg aber auch Menschen, die ich heute als ‚böse‘ bezeichnen würde. Ich weiß wie es ist, wenn andere meine Grenzen überschreiten und mir damit seelisches und körperliches Leid antun. Das heißt, ich habe Erfahrung damit, meine niedergerissenen Grenzen wieder aufzubauen und innerlich heil zu werden.

Die Gesamtsumme meiner Erfahrungen hat wohl dazu geführt, dass ich mich über viele Jahre um junge Menschen in ausweglosen Situationen gekümmert habe und ich durch die Begegnungen in meiner Praxis für HP-Psychotherapie zusätzlich den Ansporn und die Gedanken entwickelt habe, ein Buch bzw. Online-Seminar dazu zu schreiben.

 

Gibt es Grenzüberschreitungen, die typisch weiblich oder typisch männlich sind? Ist Grenzen zu setzen typisch Mann?

Ich bin nicht so der Fan von solchen Aussagen. Was ich entdeckt habe ist, dass viele Frauen gerne mit anderen auf einer Ebene kommunizieren, um unserem Gegenüber ein gutes Gefühl zu geben. Wir arbeiten in Netzwerken in der horizontalen Ebene. Das heißt, wir reden mit anderen gerne über unsere Emotionen, Probleme und Erlebnisse und haben dabei das Gefühl, zu teilen.

Bei Männern sehe ich das auch … aber anders. Sie holen sich einen Rat, fachsimpeln oder dozieren. Heißt, schon in der Kommunikation finde ich Unterschiede, nennen wir es Abgrenzungen. Beste Freunde ja, aber auch gute Seilschaften nach oben. Also weniger den Blick zur Seite – in die Horizontale (wie die Frau) – als nach oben bzw. unten – in die Vertikale. Diese oft andere Ausrichtung kann den Anschein erwecken, ganz sicher.

 

Machen Frauen zu viele Worte, wenn sie NEIN meinen?

Ja, auf jeden Fall! Wir Frauen sagen nicht nur NEIN, wir versuchen das dann auch noch in allen Farben und Emotionen, schlüssigen Begründungen und Herleitungen zu erklären.

Das klingt in den Ohren von Männern wie Rechtfertigung. Und wir selbst meinen, dass das klug ist. Für andere wirkt es eher inkompetent. Mein Rat: Wenn wir – als Frauen – von einer Grenze überzeugt sind, dann genügt ein einfaches NEIN.

Funktioniert übrigens bei Kindern genauso. Ich muss meinem Kleinkind nicht lange erklären, warum ich meine was ich sage.

 

***

 

Welche Grenzüberschreitungen kommen Ihrer Erfahrung nach am häufigsten vor?

Vermutlich neigen wir alle dazu, am ehesten das Wohlwollen eines anderen auszunutzen und wissen dabei oft nicht, welches Leid wir damit verursachen

 

Sie unterscheiden 9 Typen von Grenzüberschreiter*innen. Welchem ist am schwersten „Paroli zu bieten“?

Welchem Typen ich am ehesten ausgeliefert bin, hängt natürlich von meiner eigenen Persönlichkeit und dem vorhandenen Grenzverhalten ab … und nicht selten auch von meiner Tagesform.

Aber generell würde ich sagen, dass wir uns auf den ersten Blick mit den lauten und aggressiven Typen am schwersten tun. Doch bei genauerer Betrachtung erleben wir doch vielfach die Grenzüberschreitungen durch die leiseren Töne wie Erwartungen, die an uns herangetragen werden, und die wir dann nicht enttäuschen wollen.

 

Und wenn ich mich selbst in einer der Typenbeschreibungen wiedererkannt habe?

Wenn ich mich selbst in einem dieser Typen erkannt habe, dann ist diese Selbsterkenntnis immer noch der erste Weg zur Besserung. Auch dazu gebe ich im Buch und im Online-Seminar einige Tipps. Meist hilft schon das Verstehen, wie ich selbst womöglich mit meinem Umfeld interagiere und warum es mitunter zu komplizierten Beziehungen oder gar Beziehungsabbrüchen gekommen ist.

 

***

 

Kann es eine Hilfe sein, meinen Partner oder eine gute Freundin zu bitten, mir seine/ihre Wahrnehmung von mir mitzuteilen? Oder komme ich dann „in Teufels Küche“?

Zu diesem Thema müsste ich wahrscheinlich etwas weiter ausholen. Aber in der Kürze gesagt: Wir kennen ja alle den Spruch: Wie ist denn der oder die drauf? Hat der keine Freunde? Damit implizieren wir, dass gute Freunde – und das sollte vor allem auch der Partner sein – uns auf unsere blinden Flecken liebevoll aufmerksam machen.

Leider ist auch da die Scheu vor Auseinandersetzungen oft sehr hoch, was dann leider das Ertragen des anderen bewirkt … bis es nicht mehr geht.

Aber generell kann ich nur dazu ermutigen, sich Feedback einzuholen und auch immer damit zu rechnen, dass es ehrlich ist und mich somit vor eine Herausforderung stellt. Denn Wahrheit fängt mit einem großen W(eh) an! 🙂

 

Sollte ich jemand anderen darauf hinweisen, wenn ich den Eindruck habe, dass er alles mit sich machen lässt? Oder musss das jeder selbst an sich merken?

Wenn ich denke, dass ich jemanden auf etwas hinweisen sollte, dann überlege ich zunächst, ob ich das mir auch wünschen würde. Im nächsten Schritt bedenke ich, ob es dem anderen wirklich hilft und wie ich es formulieren sollte, damit es als Hilfe und nicht als Kritik ankommt. Und schließlich frage ich die Person, ob sie meine Beobachtung überhaupt hören will. Dann kann es zu einem wirklich guten Gespräch werden.

Wir alle schauen ja aus uns heraus und haben die anderen besser im Blick als uns selbst. Daher passiert es auch, dass wir für unser eigenes Verhalten oft blind sind, es nicht selbst merken können und daher froh sein dürfen, wenn uns andere in die Spur helfen.

 

Was kann ich tun, wenn mir etwas zu weit geht? Haben Sie einen Sofort-Hilfe-Tipp?

Ich muss innere oder äußere Distanz schaffen um Zeit für eine angemessene Grenzziehung zu bekommen. Also nicht gleich „ja“ sagen oder in die Konfrontation gehen. Meist benötigen wir einen Moment um festzustellen, was das in mir gerade bewirkt und was ich eigentlich will.
Und durch die Distanz kann ich mich für eine Strategie entscheiden.

Es gibt zum Beispiel auch Bereiche, in denen ich mich schon im Vorfeld für eine Reaktion von mir entschieden habe. Ich selbst habe im Straßenverkehr und im täglichen Miteinander beim Einkauf oder im Job nicht das Menschenbild von „edel sei der Mensch, hilfreich und gut“. Daher habe ich für mich entdeckt, dass mich nur mein Humor retten kann.

Drängelt sich also jemand an der Kasse vor, klaut mir den Parkplatz oder ist am Telefon mies gelaunt, dann lache ich und nehme es auf keinen Fall persönlich. Denn manche Menschen sind einfach so.

 

***

 

Der Online-Kurs bei Sinnsucher.de basiert auf Ihrem Buch „Selbstbewusst NEIN sagen“. Gab es beim Dreh etwas, zu dem Sie selbst Nein gesagt haben?

🙂 Ja, das gab es tatsächlich. Als ich das Studio betrat, führte man mich zu dem etablierten Rednerpult. Das hilft den meisten Menschen, um die Kameraeinstellung nicht zu verlassen und ihr Skript griffbereit zu haben. Für mich ist das allerdings absolut untauglich. Was ich nicht im Kopf habe, finde ich im richtigen Moment dann auch nicht auf dem Skript und zum Sprechen muss ich frei stehen können. Kurzum: das Ding musste weg. Und danach konnte es losgehen.

An dieser Stelle vielleicht ein großes Kompliment an den Regisseur, Herrn Dominik Rößler, der mich mit seiner unnachahmlichen Persönlichkeit und seinem absoluten Know-How durch diese Aufnahmezeit begleitet hat.

 

 

Was war bei der Umsetzung des Buchs in Videoclips die größte Herausforderung für Sie?

Mich überhaupt erst mal vor die Kamera zu trauen. Das war für mich eine Mutprobe und Grenzerfahrung bzw. Grenzerweiterung.
Dann die richtige Auswahl der Themen zu treffen. Und schließlich die Frage: Wie verpacke ich es in nicht nur nachvollziehbare Gedankengänge, sondern kann es auch noch anschaulich darstellen.

Ich hoffe, es ist so einigermaßen gelungen.

Anm. der Redaktion: Hier können Sie nachlesen, was Kurs-Teilnehmer sagen auf Sinnsucher.de

 

Wenn es zum Online-Kurs Outtakes gäbe von dem, was schief gegangen ist: In welcher Szene würde wir Sie am meisten lachen sehen?

Letzter Tag … es sollten nur noch die Aufnahmen für die Werbung gemacht werden … Kurze Takes mit feststehenden Aussagen. Eigentlich vollkommen undramatisch.

Doch dann begann für mich der absolute Albtraum: Ich war einfach nicht in der Lage, mir die einfachsten Sachen zu merken. Ich glaube, der Regisseur dachte anfangs, dass ich Scherze mache, lachte noch mit mir und meinte noch albern: „Nicht denken, einfach nur reden!“

Als dann mein Lachen aber immer verzweifelter wurde, stellten wir fest: Nahrung könnte helfen! Und so war es dann auch. Natürlich verursachte das eine enorme Zeitverzögerung. Schließlich kam die Anweisung: „Wir haben noch 13 Minuten. Jetzt bitte noch schnell das YouTube-Video ‚3 Tipps für leichtes NEIN Sagen‘. Sie haben 10 Minuten.“ Dafür gab es kein Konzept und nur diese Gelegenheit. Also legte ich los.

Danach war ich so durch den Wind, dass ich noch schnell alle meine Unterlagen und Klamotten zusammensuchte, mich mit zwei Koffern und Handgepäck durchs Haus zum Aufzug kämpfte, den falschen Knopf drückte, um dann irrtümlich im untersten Bereich der Tiefgarage zu landen. Durch die Sicherheitsmaßnahmen konnte ich nicht wieder zurück und zuckelte somit mit all meinen Habseligkeiten durchs Parkhaus ganz nach oben zu meinem Auto. Während ich da so lief, stellte ich mir amüsiert vor, wie der Parkhauswächter vor seinem Bildschirm sitzt und diese arme Irre, mit wirrem Blick und viel zu viel Klamotten durchs Parkhaus laufen sieht …

 

Das Interview führte Saskia Thiele, ließ sie mehrfach innerlich „JA!“ sagen – und oft schmunzeln.

 

Gisela Ruffer

Gisela Ruffer

Gisela Ruffer ist Heilpraktikerin für Psychotherapie mit eigener Praxis für Psycho-und Paartherapie in Landshut. Ihre Spezialgebiete sind lösungsfokussierte Gesprächsführung und Beziehungscoaching. Siehe auch: https://praxis-ruffer.de/

Podcast »Apropos Psychologie!«

Podcast-Folge 17: Apropos … Musik!

Ulrich Lettermann © Foto: Harald Morsch

Musik drückt aus, wofür wir keine Sprache haben

Egal, ob wir Musik nur nebenbei oder ganz bewusst hören: Musik entspannt die Psyche, kann unsere körperliche Leistungsfähigkeit verbessern und baut Stress ab. Schon im Mutterleib entwickelt sich zum Teil unsere Musikgeschmack, und als Erwachsene empfinden wir als beruhigend oder schön, was uns pränatal in Erinnerung ist.

Neben den messbaren Effekten auf Atmung und Blutdruck, die sich heute die Musiktherapie zunutze machen, hat Musik eine enorme emotionale Wirkung, die wir alle kennen: Sie kann uns in andere Welten entführen oder sogar „Heimat“ sein.

So empfindet es auch Ulrich Lettermann, unser Gast in der neuen Folge von „Apropos Psychologie!“. Er ist Dozent für Musik an der Universität Paderborn und beschäftigt sich mit Musiktheorie, Gehörbildung und Musikpädagogik. Seit 1993 bereist er mit seinem Saxophon-Quintett „Quintessenz“ die Welt, besonders auch China: Musik als verbindende Sprache! 2020 erhielt den Kulturpreis der Stadt Paderborn.

Wie Musik auf ihn, unsere Moderatorin Marion Heier und uns wirkt, und wie sie uns im Leben helfen kann besprechen wir in der Folge „Apropos … Musik!“. Jetzt reinhören – überall dort, wo es Podcasts gibt!

Mehr über das Ensemble „Quintessenz“: www.saxophonquintett.de; Weitere Informationen zu Ulrich Lettermanns künstlerische Leitung der „Kleinen Bühne Paderborn“: www.deelenhaus.de.

 

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Wir sind nicht so wichtig, wie wir meinen!

https://res.cloudinary.com/pim-red/image/upload/v1606865420/junfermann/cover/9783749501939_mwdjql.jpgEs gibt wohl kaum einen Menschen, der nicht einmal Angst davor hat, sich zu blamieren, peinlich zu verhalten oder von anderen abgelehnt zu werden. Schüchternheit und leichte Formen von sozialer Unsicherheit sind sehr weit verbreitet. Die Momente von Unbehagen sind dabei zwar nicht angenehm, werden aber bald darauf wieder vergessen. Wenn die sozialen Ängste allerdings häufiger werden, wenn sie mit negativen Gedanken und Bewertungen der eigenen Person verbunden sind, und anfangen, das Leben zu beeinträchtigen, dann wird diese Unsicherheit zu einer Sozialen Phobie.

Ein Interview mit der Psychologischen Psychotherapeutin Dr. phil. Martina Fischer-Klepsch, Autorin von Soziale Phobie – Die heimliche Angst.

 

Frau Fischer-Klepsch, was ist eine Soziale Phobie und wie kann sie sich äußern?

Martina Fischer-Klepsch: Soziale Angst ist grob gesagt die Angst vor anderen Menschen, genauer vor Peinlichkeit, Blamage, Entwertung, Demütigung, Herabsetzung. Menschen mit sozialen Ängsten befürchten, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen und negativ bewertet zu werden. Sie nehmen sozusagen die Blamage bereits im Kopf vorweg und stellen sich lebhaft vor, wie peinlich es wäre, wenn sie erröten würden oder in bestimmten Situationen, beispielsweise beim Trinken oder Essen zittern würden. Weit verbreitet ist auch die Angst vor dem Sprechen in kleinen oder größeren Gruppen, nicht nur bei Präsentationen, sondern auch im privaten Bereich. Das kann schon in der Schule beginnen, wenn ein Gedicht aufgesagt oder ein Referat gehalten werden soll. Einige Menschen haben Angst zu telefonieren, was in Zeiten von Textnachrichten gut vermieden werden kann. Einige Betroffene haben Probleme damit, öffentliche Toiletten zu benutzen oder beim Sex zu versagen oder nicht den „Mann“ stehen zu können. Ganz zu schweigen davon, überhaupt ein Date zu haben, sich zu verabreden, essen zu gehen oder an Parties teilzunehmen, einzuladen oder eingeladen zu werden. Es gibt eine Vielzahl von Situationen, die sich kaum vermeiden lassen oder die zur sozialen Isolation führen können. Auch viele berufliche Situationen sind eine Herausforderung für Menschen mit sozialen Ängsten. Die Palette reicht von leichter Schüchternheit beim Kennenlernen über einzelne ängstigende oder verunsichernde Situationen bis hin zu starker Angst und Anspannung in fast allen Kontakten mit anderen Menschen. Das Thema ist ungeheuer komplex und wird auch manchmal von Fachleuten nicht richtig erkannt, weil die Betroffenen ein so ausgeprägtes Vermeidungsverhalten an den Tag legen.

 

Hat dieses Vermeidungsverhalten nicht gravierende Folgen wie z. B. gesundheitliche Einschränkungen, weil man sich nicht traut, einen Arzt aufzusuchen oder Probleme, eine Arbeit zu finden, weil man das Vorstellungsgespräch scheut?

Ja, das Vermeidungsverhalten bei der sozialen Angststörung, wie die Soziale Phobie in jüngerer Zeit auch genannt wird führt zu gravierenden Konsequenzen im Leben der Betroffenen. Studien zeigen, dass diese Menschen im Beruf häufig hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben. Angefangen vom Bewerbungsgespräch über Kontakten mit Kollegen bis hin zur Kundenkontakten und Präsentationen sind viele Situationen eine große Herausforderung und werden dementsprechend gemieden. Erschwert wird natürlich auch die Partnersuche, weswegen Menschen mit Sozialen Phobien überdurchschnittlich häufig alleine leben und ohne feste Partnerschaft bleiben. Es kann schon sehr belastend sein, bei einem Date davon auszugehen, dass man unattraktiv, langweilig und inkompetent ist! Arztbesuche werden übrigens auch von Menschen gemieden, die Angst vor der Untersuchung wie Spritzen, Blutentnahmen, Zahnarztbehandlungen haben. Das kommt auch recht häufig vor. Interessanterweise fallen mir gerade keine Patienten ein, die Probleme mit dem Arztbesuch haben, vielleicht, weil sie dort nicht „performen“ müssen, es wird ja nichts von ihnen erwartet! Aber das Telefonieren, ein Anliegen vorbringen fällt vielen sehr schwer. Deshalb schicken mir viele Betroffene auch lieber eine E-Mail, als dass sie anrufen. All das meint eben diejenigen Betroffenen, bei denen die sozialen Ängste sehr ausgeprägt sind und die psychotherapeutischen Behandlungsbedarf haben.

Vielen Menschen mit sozialen Ängsten merkt man die Schwierigkeiten gar nicht an und Sie wären überrascht, wie viele Soziophobiker sich wahrscheinlich in Ihrem Bekanntenkreis finden! Sie machen sich ungeheure Gedanken in bestimmten sozialen Situationen, Sie merken ihnen aber gar nichts an.

 

Der Titel Ihres Buches lautet: „Soziale Phobie – die heimliche Angst“. Warum „heimliche“ Angst?

Das liegt an der Scham! Die Betroffenen verheimlichen deswegen ihre Ängste und gestehen sie häufig nicht einmal der engsten Bezugsperson. Niemand soll merken, dass sie das Gefühl haben, nicht ok zu sein, sondern makelbehaftet, inkompetent, unattraktiv, uninteressant oder dumm. Das Problem dabei ist, dass diese (falsche!) Selbsteinschätzung so nicht korrigiert werden kann. Das Verheimlichen ist dann auch wieder eine Vermeidung oder ein „Sicherheitsverhalten“, wodurch das „Schlimmste“, nämlich die Demütigung oder Abwertung, sozusagen kaschiert werden soll. Es wird als Schwäche wahrgenommen, sozial unsicher zu sein. Gesunde Menschen akzeptieren ihre Schwächen und Fehler und sind trotzdem der Meinung „im Großen und Ganzen“ in Ordnung zu sein.

Soziophobiker generalisieren ihre Schwäche und betrachten sich global und als ganzen Menschen als „Versager“.

 

Liegen einer sozialen Phobie immer negative oder abwertende Erfahrungen zugrunde, oder kann sie auch „aus dem Nichts“ kommen?

Keine psychische Störung kommt aus dem Nichts, sondern es gibt immer genügend Gründe und meistens ein ganzer Blumenstrauß an Faktoren, die alle zusammen genommen zu einer sozialen Angststörung führen können, aber nicht müssen. Manche Menschen haben viele Ressourcen und sind „resilient“. Es ist ganz erstaunlich, was manche durchmachen müssen, da wundere ich mich manchmal, dass sie nicht kränker geworden sind. Aber das ist ja ein gutes Zeichen, dass ein gesundes „Naturell“ auch einiges regulieren kann. Es kommt aber auch vor, dass die Kindheit und Jugend gut war, der oder die Betroffene behütet aufgewachsen ist, nach außen alles in Ordnung zu sein schien und trotzdem gibt es dann diese Unsicherheit. Manchmal war die Familie vielleicht auch zu harmonisch und behütend, sodass einfach nicht gelernt werden konnte, mit schwierigen Situationen umzugehen.

 

Welche Strategien empfehlen Sie – neben einer Therapie oder einem Coaching – um sich einer Sozialen Phobie zu stellen und wieder mehr Lebensqualität zu erlangen?

Sie haben es in Ihrer Frage schon angedeutet: sich der Angst stellen! Das Geheimnis lüften und sich vertrauten Menschen öffnen. Mutig sein, Risiken eingehen. Das Vermeidungs- und Sicherheitsverhalten wahrnehmen und versuchen, es abzubauen. Und sich immer wieder in ängstigende Situationen, am besten gestuft, reinbegeben. Dabei aber wichtig: versuchen, sich nicht zu be- oder verurteilen! Vielmehr sich liebevoll und gütig selbst zureden; auch das ist schwer, aber wichtig, im Hinterkopf zu behalten.

 

Exposition – die bewusste Auseinandersetzung mit Situationen, die die Phobie befördern – wird häufig empfohlen, um der Angst ihren Schrecken zu nehmen. Wie stehen Sie dazu?

Ich bin trotz Erweiterung meines verhaltenstherapeutischen Ansatzes um die Sicht auf die Biografie und das System, in dem jemand lebt, Achtsamkeit und Meditation und Schematherapie der Meinung, dass Expositionsübungen sehr helfen!

Allerdings ist es wichtig, mit welcher Grundhaltung diese Übungen durchgeführt werden und wie sie „eingebettet“ sind. Wenn jemand „nur“ unter starker Schüchternheit und leichten sozialen Ängsten leidet, dann ist das oben genannte üben, üben, üben sicher eine ganz wichtige Empfehlung. Wichtig ist dabei, schrittweise und gestuft vorzugehen, mit Hilfe einer sogenannten „Angsthierarchie“. Es geht darum, sich nicht zu überfordern, sondern sich zu spüren und sozusagen sich selbst „mitzunehmen“, immer im Kontakt mit sich und gleichzeitig mit der Umgebung zu sein. Wir nennen das die Innen- und die Außenwahrnehmung. Übungen werden immer mit Wahrnehmungsübungen und Achtsamkeit begonnen. Dafür ist es wichtig, langsam vorzugehen und sich Zeit zu lassen. Dann werden in der Exposition die eigenen Befürchtungen „an der Realität“ überprüft.

Ein Beispiel: wenn ich Angst habe, beim Kaffeetrinken mit der Hand zu zittern, dann befürchte ich ja nicht das Zittern an sich, denn wenn es auftreten würde, wenn ich alleine zuhause Kaffee trinke, wäre es mir ja gleichgültig. Meine Befürchtung besteht also darin, was andere denken könnten, wenn ich zittere, dass sie mich entwerten oder kritisch sehen könnten. Sie könnten beispielsweise denken: die ist bestimmt Alkoholikerin. Oder: die Frau ist aber unsicher! Wie schlimm wäre es, wenn das andere denken würden und würden alle Menschen so denken, wenn ich zittere? Ich mache in der Expo meine Augen auf und schaue hin: wie gucken die anderen? Wie interessiert sind sie wirklich? Und bin ich so wichtig wie ich meine? Und selbst wenn: wie schlimm wäre es, wenn ich zitterte? Würden das alle anderen Menschen genau so sehen?

Das heißt also: die Expo hilft dabei, Angst abzubauen, wenn sie zugelassen wird bei gleichzeitigem Erlauben aller Gefühle und Umstrukturieren der hartnäckigen Grundüberzeugungen. Das jetzt mal wirklich ganz kurz zusammengefasst. Ich denke, dass es über die Exposition viele Missverständnisse gibt. Wie beispielsweise, dass das „reine“ Verhaltensübungen seien. Richtig ist aber, dass in diesen Übungen sowohl die Emotionen, als auch die Kognitionen mit angesprochen werden und dass Exposition eine ausgesprochen komplexe und wenn richtig durchgeführt sehr wirksame Methode ist.

 

Was ist Ihr „Erste-Hilfe-Satz“, den Betroffene sich sagen können, wenn sich die Phobie wieder meldet?

Dass die Angst sich wieder meldet, heißt ja erst mal nichts weiter, als das sich der Betroffene vielleicht in einer Stresssituation befindet und sich zu viel zugemutet hat. Da ist es sicher gut, erst einmal zu analysieren, was eigentlich los ist, um dann zu schauen, wie man gegensteuern kann. Ich erkläre Angst erst einmal als ein Signal des Organismus. Für Menschen, die schon einmal eine Angststörung hatten, kann sie wie ein Signalfähnchen (grün, gelb, rot) darauf hinweisen, dass etwas aus dem Lot gerät und dann kann immer noch nachjustiert werden. Das heißt ja nicht, dass man einen „Rückfall“ hat. Ich unterscheide da zwischen „Vorfall“ und „Rückfall“. Das heißt also: die Angst gar nicht so ernst nehmen! Sie ist ein körperliches Signal und geht auch wieder vorbei. Jeder Mensch hat einmal Angst oder ist unsicher, das ist ganz normal. Also: Don‘t panic, es ist vielleicht gar nichts los. Wir sind nicht so wichtig (und auffällig!) wie wir meinen. Wahrscheinlich ist es niemandem aufgefallen, weswegen Sie sich jetzt in der einen oder anderen Situation schämen oder ängstigen. Ich mag den Satz von Arno Schmidt: „Schwamm drüber, wir sind doch alle nur Heinis.“

 

Das Interview führte Simone Scheinert.

 

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Dr. phil. Martina Fischer-Klepsch ist Psychologische Psychotherapeutin mit Schwerpunkt Verhaltenstherapie und Schematherapie in eigener Praxis in Hamburg. Zudem arbeitet sie in der Aus- und Weiterbildung als Supervisorin und Selbsterfahrungsleiterin. Weitere Infos unter: https://www.fischer-klepsch.de/

Berufliche (Neu-)Orientierung in Krisenzeiten – Teil 5: Kluge berufliche Entscheidungen treffen

Von Andrea Landschof

Alles ist möglich?! Sich zu entscheiden, meint die Fähigkeit eines Menschen, in bestimmten Situationen bewusst zu handeln und zwischen verschiedenen Optionen die Wahl zu haben. Doch wie treffen Menschen stimmige Entscheidungen in einer Zeit, in der Gewissheiten sich verabschieden und wir uns mit einer noch nie dagewesenen Veränderungswelle auseinandersetzen müssen? Die Pandemie fordert dazu heraus, sich permanent auf neue Gegebenheiten einzustellen und neue Entscheidungen zu treffen. Dass viel zitierte agile Mindset ist in Phasen der beruflichen Neuorientierung als Haltung erforderlich. Es braucht ein Handeln von Moment zu Moment.

 

Ich kann mich nicht entscheiden!

In meiner Coachingpraxis zeichnet sich seit einigen Jahren die Entwicklung ab, dass immer mehr junge Menschen Entscheidungsschwierigkeiten haben. Es gibt eine riesige Auswahl an Berufs- und Arbeitskonzepten, von denen unsere Eltern und Großeltern nur träumen konnten. So stehen junge Menschen beispielsweise vor der Berufswahl und der Frage, ob und was sie studieren sollen. Im Wintersemester 2020/2021 gab es an den Hochschulen in Deutschland 20.359 Studiengänge zur Auswahl. Ich durfte vor 40 Jahren zwischen ca. 3000 Studiengängen auswählen. Und schon das hat mich überfordert. Neu sind das Tempo und die Vielfalt, in der Veränderungen stattfinden.

 

Mut zur Begrenzung

Schon vor der Corona-Krise wirkte Altbewährtes schneller als je zuvor antiquiert und überholt. Viele fühlen sich wie Getriebene in einem Hamsterrad. FoMO (Fear of missing out) steht als neues Akronym für die Angst, etwas zu verpassen oder eine falsche Entscheidung zu treffen.

Viele laufen mit, weil der Stillstand auch ängstigend ist. So schilderte es mir zumindest eine Klientin im Coaching. Es fiele ihr schwer, scheinbar simpelste Entscheidungen zu treffen, und stand vor der Frage, wie sich trotz der Vielfalt von Entscheidungsoptionen ihre Entscheidungskraft verbessern lässt. Wenn wir uns für etwas entscheiden, entscheiden wir uns gleichzeitig auch immer gegen etwas. Und wir entsagen uns damit dem allgemein herrschenden „Hype“, dass es immer und in jedem Fall etwas Besseres gibt, für das man sich entscheiden könnte. Wir legen uns fest, gehen eine Verpflichtung ein und tragen die Konsequenzen unseres Handelns. Es ist hilfreich, sich bewusst zu machen, dass es nicht darauf ankommt, das absolut Richtige zu tun oder sich gar für ewig festgelegt zu haben. Niemand weiß, was die Zukunft bringt. Es kommt darauf an, bei unserer aktuellen Entscheidung Lebendigkeit zu spüren und die für uns in diesem Moment „beste“ Entscheidung zu treffen. Und, sich zu trauen „Nein“ zu sagen.

 

Herz über Kopf?

Es geht darum, stimmige Entscheidungen zu treffen, die nicht nur auf Oberflächenreizen basieren, für die man beispielsweise Beifall bekommt oder die uns finanziell entlohnen.

Auf unser Bauchgefühl allein ist kein Verlass; es kann uns sogar in die Irre führen. Beziehen wir uns nur auf unsere sogenannte Intuition, folgen wir damit unseren „alten“ Erfahrungswerten und den damit verbundenen Geschichten und Gefühlen. Zum Beispiel vermeiden wir heute vielleicht auf bestimmte Menschen im Job, die wir eigentlich mögen, aktiv zuzugehen, weil wir als Kind immer wieder von wichtigen Bezugspersonen abgewiesen worden sind. Wir treffen also in aktuellen Situationen Entscheidungen, die stark von unseren abgespeicherten, auch negativen Erfahrungen beeinflusst sind. Zurückliegende und gespeicherte Erfahrungen liegen zum Teil im Unbewussten und steuern aus dem Untergrund unsere Entscheidungen. Dort liegt oftmals der Kern eigener Entscheidungsschwierigkeiten. Aus diesem Grund ist es sinnvoll, die Bauchgefühle bei Entscheidungen mit klaren Überlegungen abzustimmen.

 

Wegweiser bei Entscheidungsprozessen            

In Entscheidungssituationen kommt es darauf an, sich zunächst alle relevanten und rationalen Informationen zu verschaffen (Arbeitsbedingungen, Verträge, Verdienst, Sicherheit, Risiko, etc.), mit den eigenen gewünschten Arbeitsbedingungen abzugleichen und einen Realitätscheck vornehmen.

Welche Kriterien sind mir wichtig? Und mit welcher Priorisierung sind diese jeweils versehen?

Im zweiten Schritt hilft es einen Schritt zur Seite zu treten und einen distanzierten Blick von außen auf die Entscheidungsoptionen zu werfen. Gut geeignet hierfür ist die Tetralemma-Methode (nach Insa Sparrer und Matthias Varga von Kibéd)  oder die Methoden aus dem Züricher Ressourcenmodell (ZRM). Beide beziehen das klare Denken als auch das Körpergefühl, die somatischen Marker, in Entscheidungsprozesse mit ein.

Die eigenen Werte sind weitere Wegweiser bei Entscheidungsprozessen. Durch die Bestimmung unserer Werte, erfahren wir auch etwas über ihre persönlichen Stärken und Neigungen. So können wir eine Art Leitfaden für zukünftige Entscheidungen erstellen.

 

Anregung zur Selbstreflexion

Fragen, die Dich in Entscheidungsprozessen unterstützen:

  • Welche richtig gute Entscheidung hast Du in Deinem Leben bisher getroffen? Wie ist Dir das gelungen?
  • Wie bist Du zu deinem jetzigen Beruf/Job gekommen? Was wirst Du nicht und was auf jeden Fall wiederholen?
  • Wo muss jemand hingehen, um Dich wirklich glücklich zu sehen?
  • Welche Werte sind Dir wichtig und leiten Dich?

Kluge und stimmige Entscheidungen zu treffen, die Dich auf deinem beruflichen Lebensweg weiterbringen, kannst Du üben. Verbinde Herz und Kopf in Deinen Abstimmungsprozessen. Reflektiere Dich, Deine Werte und Ziele, dann fällt es Dir leichter, zu wissen, was richtige Entscheidungen für Dich sind. Gestalte Dein Leben nach Deinen Vorstellungen, auch wenn Du in Krisenzeiten die Folgen nicht im Blick haben kannst.

 

Mehr zum Thema „Persönliche Werte beachten“ in: Landschof, Andrea. (2018). Das bin ich!? Verborgene Talente entdecken und Veränderungen gestalten. Paderborn: Junfermann; S. 47.


Andrea Landschof, Lehrende Transaktionsanalytikerin, Autorin, Dipl.- Pädagogin, Coach für berufliche (Neu-) Orientierung, Inhaberin vom Beraterwerk Hamburg begleitet seit mehr als 25 Jahren Menschen und Organisationen sicher durch Zeiten von Umbruch und Veränderung.

Berufliche (Neu-)Orientierung in Krisenzeiten – Teil 4: Latente Talente entdecken und entwickeln

Von Andrea Landschof

Manch einer mag sich in diesen Tagen fragen, ob seine Talente jemals wieder gebraucht werden. Nicht wenige haben ihren Job verloren oder versuchen ihre Arbeitsstelle unter veränderten Bedingungen zu halten. Sicherlich gibt es auch Branchen und Menschen in der Pandemie, die ihre Talente und Stärken einsetzen können und gewinnbringend und gestärkt durch die Krise kommen. Das Gros der Menschen zweifelt in diesen Zeiten jedoch an den eigenen Kompetenzen. Vieles wird aktuell nicht mehr gebraucht, ist nicht mehr gefragt und verschwindet in der Versenkung. So schildern es mir Klient*innen in den Coachingsitzungen. Menschen in beruflichen Orientierungsprozessen und Schwebezuständen wissen oftmals nicht oder nicht mehr, was ihre Stärken und besonderen Talente sind. – Ein guter Grund, zunächst die bekannten Kompetenzen und Fähigkeiten in das Sichtfeld zurückzuholen. Im zweiten Schritt geht es um das Aufspüren der latenten Talente.

„Ein Talent zeigt sich durch eine frühe und spezifische Ansprechbarkeit, für ein bestimmtes Material, eine bestimmte Aufgabe, eine bestimmte Sache, die wir mit Freude und Leichtigkeit machen“. (Josephine Baker)

Latente Talente sind vorhandene Potenziale, die in uns angelegt sind und im Verborgenen schlummern (latent: unbemerkt, unterschwellig, verdeckt, verhüllt, verschleiert). Sie bestehen aus einer Mischung von genetischen Komponenten, spezifischer Förderung und der Möglichkeit des Einsatzes der Begabung. Talent meint nicht nur außergewöhnliche Leistungen oder Hochbegabungen, sondern sowohl ganz praktische Fertigkeiten als auch die Fähigkeiten des Denkens, Fühlens und Verhaltens. Die Latenz wird aufgehoben, indem sich jemand seiner oder ihrer Potenziale bewusst wird, sie einsetzt und sichtbar werden lässt.

 

Übertragbare Fähigkeiten

Wie häufig haben Menschen den gut gemeinten Ratschlag erhalten, doch einfach den eigenen Stärken und Talenten zu folgen und sie einzusetzen, dann würden sie schon im richtigen Job landen. Doch genau dieses Wissen der eigenen Talente fehlt Vielen. Sie sind verunsichert und wissen nicht oder nicht mehr, was ihre Stärken und besonderen Talente sind. Sie sind verlorengegangen durch erfahrene Verletzungen im Job; oder aufgrund von jahrelang durchgeführten und als Selbstverständlichkeit, erlebten Tätigkeiten, die keine Anerkennung fanden. Möglicherweise haben sie auch in der Kindheit keine Rolle gespielt, und der jetzige Beruf wurde aus finanziellen Gründen oder aus Loyalität mit dem Elternhaus ausgewählt. Mit der folgenden Anregung kommen wir unseren verborgenen Talenten auf die Spur.

 

 Talentscouting – Anregung zur Selbstreflexion

Eine Besinnung auf das, was Du früher gut konntest und gerne gemacht hast, als auch der Blick auf das, was Du heute gut kannst und gerne machst, ist bei der Spurensuche hilfreich.

Erkunde zunächst frühe Bedeutungsphasen in Deinem Leben und entdecke bisher Ausgeschlossenes neu. Wähle eine Lebenserinnerung rund um Dein 10. Lebensjahr aus, die Dir gerade jetzt in diesem Moment wichtig erscheint und beantworte folgende Fragen:

  • Mit wem oder was hast Du Dich als Kind beschäftigt?
  • Was fiel Dir leicht in dieser Zeit?
  • Woran hattest Du Freude?
  • Was hast Du zu dieser Zeit oft gemacht/gespielt?
  • Was hast Du zu dieser Zeit gerne gemacht/gespielt?
  • Was hast Du zu dieser Zeit besonders gut und gerne gemacht?
  • Für was hättest Du gelobt werden können?

Welche Fähigkeiten waren in Deinen Lebenserinnerungen in diesem Alter besonders gefragt? Aktiviere die positiven Anlagen aus Deiner Kindheit und übertrage sie in Dein jetziges Leben. Wichtig ist dabei die Differenzierung zwischen gut und gerne. Ob damals oder heute. Was Du gut kannst, aber nicht gerne machst, solltest Du lassen. Was Du gerne machst, aber noch nicht gut kannst, ist Dein Potenzial und benötigt noch Übung und Praxis. Und was Du gut und gerne machst, kannst Du als Deine Stärke und Talent bezeichnen.

Eine Klientin erzählte mir beispielsweise im Coaching, dass sie gut organisieren konnte, dies aber nicht gerne machte. Als sie von ihrer Kreativität und Lust bei der Gestaltung von Marketingprozessen sprach, war ihre Freude hörbar und bei ihr körperlich sichtbar. Ihr Potenzial in diesem Bereich war also angelegt, und sie hatte bereits Ideen, wie sie ihre Kompetenzen ausbauen und festigen konnte. Was ihr richtig gut gelingt und womit sie bisher gerne ihre Zeit verbringt, ist das Schreiben von Fachartikeln für ihre Firma.

 

Hast Du aktuell Gelegenheit, Dinge zu tun, die Du besonders gerne und gut machst?

Schau abschließend auf Dein aktuelles berufliches Thema. Gibt es eine Verbindung zwischen den Erinnerungen aus der Kindheit und Deiner aktuellen Situation? Beim Talentscouting kommt es darauf an zwischen den Zeilen zu lesen, Fähigkeiten zu übertragen und einen Transfer herzustellen, der für Dich eine Bedeutung hat. Welche Talente und Stärken von damals kannst Du mit Deinen Jobvorstellungen und Wünschen in Verbindung setzen? Wo werden Deine Talente aktuell gebraucht?

Der letzte Teil der Blogbeitrags-Reihe „Berufliche (Neu-)Orientierung in Krisenzeiten“ erscheint am 18. Juni.

 

Mehr zum Thema „Latente Talente entdecken“ in: Landschof, Andrea. (2018). Das bin ich!? Verborgene Talente entdecken und Veränderungen gestalten. Paderborn: Junfermann; S. 65-73.


Andrea Landschof, Lehrende Transaktionsanalytikerin, Autorin, Dipl.- Pädagogin, Coach für berufliche (Neu-) Orientierung, Inhaberin vom Beraterwerk Hamburg begleitet seit mehr als 25 Jahren Menschen und Organisationen sicher durch Zeiten von Umbruch und Veränderung.

Podcast »Apropos Psychologie!«

Podcast-Folge 16: Apropos … Verhaltenssüchte!

Wenn die Lust zur Sucht wird

Dr. Julia Arnhold

Wer regelmäßig zu viel trinkt, kann alkoholabhängig werden, auch Tabak macht bekanntermaßen süchtig, ebenso wie der zu häufige schnelle Griff zu Medikamenten. Aber wie steht es mit Sport, Shoppen oder dem Handy und Internet?

Wer gern Sport treibt, kennt das tolle Gefühl danach: erschöpft, aber glücklich und manchmal so voller Energie, als könnte man die Welt aus den Angeln heben. Und ja, auch ein neues T-Shirt oder zwei, und an langweiligen Tagen mit prall gefüllten Einkaufstaschen nach Hause zu kommen, fühlt sich richtig gut an.

Was aber passiert, wenn wir diesem Vergnügen nicht nachgehen können? Geht das überhaupt noch? Oder haben wir uns längst daran gewöhnt, dass sich eigentlich unser ganzes Leben nach dem Trainingsplan im Sportstudio richtet? Dass wir nicht mehr wissen, wie viele schwarze T-Shirts im Schrank liegen, und trotzdem jeden Tag wieder losziehen in die Fußgängerzone?

Über den schmalen Grat zwischen „viel“ und „zu viel“ spricht Marion Heier mit Dr. Julia Arnhold in der neuen Folge von „Apropos Psychologie!“. Dabei geht es unter anderem darum, welche Ursachen die übermäßige Ausübung einer Handlung haben kann und warum eine solche Verhaltenssucht eigentlich etwas anderes – kurzfristig – kompensiert.

Dr. Julia Arnholds Ratgeber „Ausstieg aus Verhaltenssüchten“ sowie das schematherapeutische Fachbuch „Verhaltenssüchte erfolgreich behandeln“, welche sie mit Hannah Hoppe zusammen geschrieben hat, sind im Webshop des Junfermann Verlags und in jeder gut sortierten Buchhandlung erhältlich. Weitere Infos zu Julia Arnhold finden sich auf ihrer Website https://www.psyberlin.com/

 

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Berufliche (Neu-)Orientierung in Krisenzeiten – Teil 3: Saboteure stoppen und Erinnerungen nutzen

Von Andrea Landschof

Pendelbewegung – Ein Blick zurück stärkt den Blick nach vorn!

Für die berufliche Neuorientierung ist entscheidend, welche Überzeugungen jemand über sich selbst und die Welt hat. In beruflichen Umbruch- und Veränderungsprozessen, in denen wir unsicher sind, greifen wir auf bewährte Selbstbilder zurück. So lässt sich Unklares und Unvorhersehbares besser aushalten und bewältigen. Innere und alte Programme wirken als einschränkende Identitätsüberzeugungen so stark, dass aktuelle Fakten, die von früheren Erfahrungen abweichen, ignoriert werden. Konservierte destruktive Glaubenssätze (z. B. „Schaffe es nicht!“, „Sei nicht erfolgreich!“) behindern ganz oder teilweise, unsere Entscheidungsfähigkeit. So bewegen wir uns mit angezogener Handbremse durchs Leben. In uns schlummernde, latente Talente liegen brach. Der Lockdown und die allgemeine Verunsicherung verstärken diesen Effekt. Nicht wenige glauben ohnmächtig, jeder Wahlmöglichkeit beraubt zu sein. Der innere Kompass ist verloren gegangen.

 

Erinnerungen überprüfen

Die folgende Übung bietet sich in beruflichen Veränderungsprozessen an, wenn es um die Spurensuche nach Potenzialen geht. Es gilt, die Handlungsfähigkeit in einer Lebenssituation zurückzugewinnen, in der nichts klar zu sein scheint. In einer Art Pendelbewegung, richtet sich die Aufmerksamkeit zur Ermittlung der eigenen Ressourcen zurück in die Vergangenheit und wieder hin zur aktuellen Lebenssituation. So gelingt es, die eigenen Saboteure von Potenzialen aufzudecken und einen neuen Blick auf die beruflichen Möglichkeiten zu kommen.

 

Anregung zur Selbstreflexion

  • Vervollständige bitte den Satzanfang „Ich bin ein Mensch, der …“? Beschreibe Dich mit vier bis fünf Satzanfängen so, wie es für Dich im Augenblick stimmig ist. Zum Beispiel: „Ich bin ein Mensch, der andere mitreißen und motivieren kann“ oder „Ich bin ein Mensch, der zögerlich ist.“
  • Im zweiten Schritt tauche tiefer in die Beschreibungen ein und wähle zwei Beschreibungen aus, die Du positiv bewertest. Stell Dir vor, ich könnte Dich in den Situationen beobachten. Beispielsweise solchen, in denen Du andere motiviert hast. Was genau sehe ich? Welche Risiken? Welche Grenzen und welche Stärken zeigen sich?

Berufliche Neuorientierung bedeutet eine innere Wandlung vorzunehmen

Betrachte die Sätze nochmals und finde passende, länger zurückliegende Erinnerungen zu den Beschreibungen. Vielleicht aus der Zeit deiner Kindheit? Wann warst Du mitreißend und hast andere Menschen motiviert? Welche Ereignisse aus Deinem Leben fallen Dir zu jeder Beschreibung ein? Wie passen diese zu deiner aktuellen beruflichen Lebenssituation?  Sind sie stimmig? Oder handelt es sich bei den Erinnerungen und Bildern um überholte Relikte aus der Vergangenheit, die es zu korrigieren gilt?

 

Den inneren Kompass finden

Eine Klientin von mir entschied sich nach dem Blick zurück im Hier und Jetzt für den Ausstieg aus einem Wirtschaftsunternehmen und den Einstieg in ihre Selbstständigkeit. In der Darstellung ihrer beruflichen Lebensgeschichte kamen unbewusst und selbst entwickelte Stolpersteine, mit denen sie immer wieder in den falschen Job geraten war, zum Vorschein. Mit den Glaubenssätzen: „Ich bin ein ängstlicher Mensch“ und „Ich darf nicht gesund sein“ folgte die Klientin ihrem unbewussten Lebensplan. Mit Hilfe der Erinnerungen gelang es ihr, ihren Vater als Quelle zu identifizieren. Mit einschränkenden „Vorsichtsmaßnahmen“ hatte er unbewusst Mut und Tatendrang in der Familie verhindert. Die Klientin hatte früh die verbalen und nonverbalen Botschaften des Elternhauses verinnerlicht, in dem keine Experimente erlaubt waren, wie es die Klientin ausdrückte. In einem längeren Prozess gelang es ihr, ihre derzeitige und auch zukünftige Identität neu zu bestimmen. Sie vertraute ihrem inneren Kompass, der sie nun wagemutig ausgestattet mit Erfahrung, Intuition und Gespür, auch in frühere „Gefahrenzonen“ gehen lässt.

Teil 4 der Blogbeitrags-Reihe „Berufliche (Neu-)Orientierung in Krisenzeiten“ erscheint am 11. Juni.

 

Mehr zum Thema „Saboteure und Blockaden“ in: Landschof, Andrea. (2018). Das bin ich!? Verborgene Talente entdecken und Veränderungen gestalten. Paderborn: Junfermann; S. 54-84.


Andrea Landschof, Lehrende Transaktionsanalytikerin, Autorin, Dipl.- Pädagogin, Coach für berufliche (Neu-) Orientierung, Inhaberin vom Beraterwerk Hamburg begleitet seit mehr als 25 Jahren Menschen und Organisationen sicher durch Zeiten von Umbruch und Veränderung.