Was bedeutet – für Sie persönlich – ein gelungenes Leben?

Raum für Neues

Alle Menschen wünschen sich ein Leben, das ihrer Persönlichkeit, ihren Bedürfnissen und Interessen entspricht. Ein gelungenes Leben also. Was „gelungen“ aber genau bedeutet, entscheidet jeder selbst. Und da beginnt die Herausforderung. Unsere Freiheit beglückt und verunsichert uns zugleich. Immer mehr Menschen haben das Gefühl, in einer Sackgasse zu stecken. Unzufriedenheit erfüllt sie, obwohl sie doch scheinbar alles haben, um glücklich zu sein.

Das neue Buch von Andrea Landschof Das bin ich!? richtet sich an Menschen, die Lust auf Veränderung haben und ihre verborgenen Talente entdecken möchten. Es hilft dabei, Lebensgeschichten (und -lügen) zu überprüfen und den Blick zu weiten auf noch nicht genutzte Chancen und Potenziale. Mit Methoden der Transaktionsanalyse gelingt es, unsere Persönlichkeit und unsere Beziehungen zu uns selbst und anderen zu reflektieren, zu verstehen sowie Veränderungen zu initiieren.

 

Lust auf einen ersten (Lese-)Eindruck? Na, dann los …

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Einleitung

Liebe Leserinnen und Leser,

gehören auch Sie zu den Menschen, die ihren persönlichen und/oder beruflichen Weg aus den Augen verloren haben? Haben Sie das Gefühl, in einer Sackgasse zu stecken? Vielleicht sind Sie unzufrieden und drehen sich im Kreis; wissen nicht, ob Sie gehen oder bleiben sollen und ob die Entscheidung, zu der Sie tendieren, tatsächlich die richtige ist. Sie empfinden Leidensdruck aufgrund der aktuellen Situation und haben dennoch Angst vor einer Veränderung? Sie können nicht genau sagen, was Ihnen fehlt oder woher Ihre Unzufriedenheit rührt? Sie sind unsicher und wissen nicht, was Sie wollen – oder gar können – und wie Sie eine Veränderung initiieren sollen? – Dann begeben Sie sich mithilfe dieses Buches auf eine ganz persönliche Zeitreise und lassen Sie sich überraschen, was in Ihnen steckt!

Den meisten Menschen ist gar nicht bewusst, über welche Möglichkeiten sie verfügen. Unsere frühen Prägungen haben oftmals unsere Potenziale untergraben. Sie wurden verdrängt oder abgespalten, weil sie nicht gefragt, nicht erlaubt oder nicht erwünscht waren. „Kinder mit einem Willen kriegen was auf die Brillen!“, „Ein Indianer kennt keinen Schmerz!“ oder „Sei sittsam und bescheiden, das ist die schönste Zier, dann kann dich jeder leiden, und dieses wünsch ich dir“ sind möglicherweise früh übernommene Glaubenssätze, die uns noch heute beeinflussen und boykottieren können. Wir wissen nicht mehr, was wir wollen, weil wir den Kontakt zu den eigenen Bedürfnissen und Impulsen verloren haben. Wir zeigen keine Gefühle, weil diese uns selbst fremd geworden sind, und verhalten uns anspruchslos und angepasst. So bewegen wir uns jedoch mit angezogener Handbremse durchs Leben. Unsere in uns schlummernden Talente liegen brach. Dabei geht es im Leben doch darum, Veränderungen kraftvoll und selbstbestimmt zu gestalten, gute Entscheidungen zu treffen und neue Pfade zu gehen, zu sich zu stehen, mit Rückschlägen konstruktiv umzugehen, mit unliebsamen Gewohnheiten zu brechen oder gesetzte Ziele zu verfolgen.

Es muss also etwas anders werden, damit sich die Unzufriedenheit in Zufriedenheit und innere Ruhe verwandelt.

Seit über drei Jahrzehnten beschäftige ich mich mit persönlicher und beruflicher Entwicklung. In meiner Arbeit als Beraterin und Ausbilderin begegnen mir viele Menschen, die in Sackgassen feststecken und wieder Vertrauen in ihre eigene Selbstwirksamkeit gewinnen möchten, die sich fragen: „Wer bin ich eigentlich?“ und „Wohin möchte ich mich verändern?“. Sie wünschen sich Gewissheit, all ihre Potenziale und Talente im Leben auszuschöpfen.

Talent meint im Volksmund in der Regel eine besondere Begabung mit hervorstechenden Merkmalen, die nicht selten geldwerte Vorteile bringt. Es herrscht dabei heute noch der Mythos eines begnadeten Genies vor, dem alles ohne Mühen zufliegt. Wenn ich in diesem Buch von Talenten spreche, verbinde ich damit allerdings keine außerordentliche Begabung oder besondere Leistungsvoraussetzung einer Person auf einem bestimmten Gebiet. Es geht nicht um Talente, die sich mit genetischer und sozialisationsbedingter Unterstützung als überdurchschnittliche Fähigkeiten zeigen, die dann durch Übung weiter gefördert werden. So möchte ich Talente an dieser Stelle nicht verstanden wissen, sondern vielmehr als generelle Anlage und die Befähigung eines Menschen, sein Leben mit all seinen Herausforderungen zu meistern und dabei seine Fähigkeit zu denken, zu fühlen und zu handeln zu nutzen, um stimmige Lösungen zu kreieren.

Ich gehe davon aus, dass in jedem von uns von Geburt an ein unverwechselbares Wesensmuster angelegt ist. Wir reifen heran zu dem, was den Kern unserer Identität ausmacht, sofern uns die Gelegenheiten dazu gegeben sind und wir die Chancen nutzen, die uns das Leben bietet. Wir sind nicht nur ein von außen determiniertes Wesen, und wir sind nicht nur abhängig von Genetik und soziokulturellen Faktoren. Wir haben die Wahl, den Spuren unseres Wesens und unserer Talente zu folgen. Dabei muss unsere Talententwicklung nicht zu etwas Spektakulärem führen, wie etwa zu bahnbrechenden physikalischen Erkenntnissen im Ausmaß der Relativitätstheorie oder zu grandiosen Kompositionen wie die von Mozart. Talente auszuleben und sich zu etwas berufen zu fühlen kann auch bedeuten, dass Sie Ihren kreativen oder mathematischen Begabungen nachgeben, dass Sie verantwortungsvoll für Ihre Großmutter sorgen oder eine Familie gründen. Vielleicht entspricht es Ihrem Wesensmuster, eine bestimmte Lebensart zu pflegen oder einem bestimmten Hobby nachzugehen. Um seelisch und körperlich gesund zu bleiben, gilt es, unser Wesen zu respektieren und mit uns in Einklang zu bringen. Manche Prägungen drängen uns jedoch von diesem Kurs ab. Und damit geraten auch unsere Talente aus dem Fokus. Und werden zu sogenannten latenten Talenten. Unter latenten Talenten verstehe ich verdeckte, verhüllte, schlummernde, unbewusste, ungenutzte und im Verborgenen liegende Befähigungen, Anlagen und Potenziale des Denkens, Fühlens und Handelns. Um unsere Authentizität zu wahren, gilt es, unsere in uns schlummernden Talente zu entdecken, zu entwickeln und auszuschöpfen.

Die meisten Menschen tragen eine Sehnsucht in sich, ihr Leben so zu verändern, dass sie das Gefühl haben, „heil“ zu sein, wie es einmal eine Klientin ausdrückte. Dieses Buch ist ein Leitfaden und Arbeitsbuch für Menschen, die ihre eingefahrenen Sackgassen überprüfen und die ihre Blicke auf (nicht genutzte) Chancen und (nicht gelebte) Potenziale richten möchten; Menschen, die Lust auf Veränderung haben; die ihr Leben wieder in Passung mit ihrem Wesenskern bringen und es in Verbindung mit ihren äußeren Umständen gestalten wollen.

Sie werden zu einer persönlichen Zeitreise eingeladen, Ihr Leben im Heute zu reflektieren, mit Erfahrungen von gestern umzugehen und Visionen für morgen zu entwickeln. Und dabei soll die Wahrnehmung des bereits Gelungenen nicht außer Acht gelassen werden. Entdecken Sie Ihre verborgenen Talente, um mit deren Hilfe gute Entscheidungen zu treffen, Ihre persönlichen und beruflichen Herausforderungen zu meistern und stimmige und aktuelle Lösungen für unterschiedliche Problemlagen zu kreieren. Dazu spüren Sie aktuelle Störfaktoren auf und prüfen, was für Sie und Ihre Veränderungsprozesse jeglicher Art hilfreich sein könnte: die Komfortzone verlassen, sich von alten Sehnsüchten verabschieden und unsere Potenziale in den Erinnerungen entdecken. Sie entdecken den roten Faden in Ihrem Leben, der sich als Grundmuster Ihrer Persönlichkeit durch Ihre Biografie zieht und der nicht mehr passende und einschränkende Glaubenssätze zum Vorschein bringt. Sie entlarven Ihre Selbstsabotageaktionen. Das heißt, Sie werfen einen Blick auf Ihre unbewusst und selbst entwickelten „Stolpersteine“, mit denen Sie sich bisher in unterschiedlichen Lebenslagen ein Bein gestellt haben, zum Beispiel, indem Sie immer wieder an den „falschen“ Partner oder in den „falschen“ Job geraten sind. Und Sie erhalten Ideen zur Auflösung dieser Glaubenssätze. Mithilfe dieses Buches finden Sie heraus, warum Sie in bestimmten Situationen immer gleich reagieren, obwohl Sie es eigentlich anders wollen, und welche psychologischen Spiele Sie dabei immer wieder unbewusst spielen. Sie entkräften die Antreiber, die Sie im Alltag stressen, und lernen, was Sie brauchen, um stimmige persönliche und berufliche Entscheidungen treffen zu können. Zum Abschluss erfahren Sie, wie Sie sicher durch Zeiten des Umbruchs und der Veränderung kommen. Für die Übergangsphase werde ich Ihnen zur Unterstützung sechs konkrete Handlungsschritte zur inneren und äußeren Neuentscheidung zur Verfügung stellen, die Sie individuell für Ihren Prozess gestalten können.

Sie werden in diesem Buch immer wieder Ausführungen zur Transaktionsanalyse (TA) finden:

Die TA wurde von dem US-amerikanischen Psychiater und Psychotherapeuten Eric Berne (1919–1970) auf der Basis tiefenpsychologischer und verhaltenstheoretischer Ansätze entwickelt. Die TA fördert die Wahrnehmung des eigenen Erlebens, Denkens und der Emotionen und lädt zur Realitätsüberprüfung ein: Stammt mein Fühlen, Denken und Handeln aus dem Gestern oder ist es stimmig mit mir als Person und mit meiner heutigen Lebenswelt? In einfachen Worten umschrieben, bietet die TA Erklärungen für komplexe Sachverhalte in Ihrem Leben. Sie schärft den Blick für das Wesentliche.

Wenn Transaktionsanalytiker auf soziale Interaktionen oder einzelne Personen schauen, leitet sie die Überzeugung, dass Menschen von ihrem Wesen her in Ordnung sind und jeder die Fähigkeit hat zu denken. Transaktionsanalytiker gehen davon aus, dass es jedem Menschen möglich ist, durch das Nutzen seiner ihm innewohnenden Ressourcen autonome Entscheidungen für sich und andere zu fällen und die Verantwortung für diese Entscheidungen zu tragen. Damit verbunden, leitet sich die Lern- und Veränderungsfähigkeit eines jeden Menschen ab. Die Transaktionsanalyse hat das Ziel, Menschen darin zu unterstützen, ein selbst gestaltetes, selbst verantwortetes und autonomes Leben in Verbundenheit mit anderen Menschen und der Welt zu führen. Dazu benutzen wir unsere Fähigkeit zur Bewusstmachung der momentanen Gegebenheiten und unsere Fähigkeit, aus einer Bandbreite verschiedener energetischer Zustände auszuwählen. Diese als Spontaneität bezeichnete Fähigkeit beinhaltet eine Flexibilität, mit der wir in der Lage sind, Alternativen im Fühlen, Denken und Verhalten zu kreieren und im Hier und Jetzt zu handeln. Wir können frei auswählen und entsprechende unterschiedliche Reaktionsmuster einsetzen, ohne auf festgefahrene Erlebens- und Verhaltensmuster zurückzugreifen. Dabei sind wir bereit, uns auf einen echten emotionalen Kontakt mit anderen Menschen einzulassen. Diese Form von Intimität erlaubt es uns, Beziehungen und Begegnungen mit anderen zu gestalten, die frei von Spielen und Manipulationen sind. Wir können Nähe und Zuwendung geben und annehmen. Autonomie wird als „bezogene Autonomie“, die den Menschen in seiner Verantwortung als Teil der Welt darstellt, angesehen. Die TA bietet Instrumente zur Analyse und stellt Strategien zur Veränderung von inneren und äußeren Prozessen zur Verfügung.

Im Folgenden werden Sie die grundlegenden Konzepte der TA kennenlernen sowie Fallbeispiele, Erfolgsgeschichten, Tests und Anregungen zur Selbstreflexion erhalten, mit deren Hilfe Sie Ihre Verhaltensmuster untersuchen, verstehen und verändern können.

Ebenso kann dieses Buch auch von Beratern und Coaches in der Beratungspraxis eingesetzt und zum Thema persönliche und berufliche (Neu-)Orientierung und Entwicklung genutzt werden.

Je nachdem, an welchem Punkt Sie sich gerade befinden, können Sie das Buch chronologisch oder auch abschnittsweise lesen.

Aus Gründen der Lesefreundlichkeit verwende ich die männliche Form, wenn männliche wie weibliche Personen gemeint sind.

Zum persönlichen Schutz der Klienten sind alle Namen von Personen und Daten, die in diesem Buch als Anwendungsbeispiele verwendet werden, von mir geändert worden.

 

1. Alter Trott oder neue Wege? Wie Veränderung gelingt

 

1.1 Die Komfortzone verlassen

Denken Sie gerade intensiv über Ihre aktuelle private und berufliche Lebenssituation nach? Haben Sie Lust, die Ziele, die Sie verfolgen, zu überprüfen? Glauben Sie, dass in Ihnen noch verdeckt liegende Potenziale schlummern, und möchten Sie Ihren latenten Talenten auf die Spur kommen? Dann sind Sie in guter Gesellschaft! Das Bedürfnis nach Sinnerfüllung in Beruf und Privatleben entspricht inzwischen dem Zeitgeist. Das an sich ist völlig legitim und nachvollziehbar. Im Zeitalter des „Anything goes“ haben wir jedoch fast unendlich viele Wahlmöglichkeiten und stehen vor ganz individuellen Entscheidungen, wie wir unser privates und berufliches Leben gestalten wollen. In unserer mobilen Gesellschaft sind die unterschiedlichsten Lebens- und Arbeitsformen erlaubt. Lebensläufe sind nicht mehr vorgegeben, und entscheidende Veränderungen sind in jedem Lebensalter möglich. Identitäten können frei gewählt werden und laden Menschen zu stetigen Anpassungsleistungen ein. Was ein gelungenes Leben bedeutet, steht jedem frei, selbst zu entscheiden.

In meiner Arbeit erlebe ich die Freude vieler Frauen und Männer über ihre unterschiedlichen Entwicklungsmöglichkeiten und gleichzeitig ihre damit verbundene Verunsicherung. Die große Auswahl an Lebensentwürfen bietet uns eine bisweilen verwirrende Vielfalt. Viele scheinen erschöpft zu sein ob des stetigen Entscheidungsdrucks und des empfundenen Zwangs, dauerhaft ihr Wohlgefühl zu maximieren.

Um der Dynamik um uns herum gewachsen zu sein und ihr standzuhalten, ist es hilfreich, sich mit der eigenen Identität auseinanderzusetzen und das Leben so zu gestalten, dass wir im Einklang mit uns selbst und der Umwelt leben. Trotz oder gerade wegen der rasanten Veränderungen im Außen ist es wichtig, eine innere Stabilität zu wahren. Sonst werden wir zum Spielball der äußeren Verhältnisse. Psychische Widerstandsfähigkeit, die sogenannte Resilienz, erlangen wir unter anderem, indem wir uns mit der eigenen Biografie aussöhnen und unsere Potenziale ausschöpfen.

(…)

Das klingt zunächst recht simpel. Wie oft haben Sie schon gehört, dass Sie „einfach nur“ Sie selbst sein sollen und auf sich hören müssen, um ein authentisches Leben führen zu können? Aber so einfach ist es für viele Menschen eben nicht, da ihnen das Entscheidende fehlt: Die Erkenntnis, wer sie sind. Sie kennen ihre Potenziale nicht, und auch ihre inneren Motive sind ihnen fremd.

Um das subjektiv „Beste“ in uns zu entdecken, lohnt es sich, unsere Komfortzonen zu verlassen. Und es lohnt sich, unsere Persönlichkeit infrage zu stellen und lieb gewonnene Gewohnheiten abzulegen. Um Platz machen zu können für das Neue in uns.

Wir können auch als Erwachsene unsere Resilienzfaktoren fördern, wenn wir sie als Kind nicht erworben haben. Beispielsweise können Sie in diesem Buch herausfinden, wie die Muster, mit denen Sie die Welt erfassen, Ihre Reaktionen auf Stress- und Entscheidungssituationen prägen. Ganz im Sinne von Aaron Antonovsky (1997), einem israelisch-amerikanische Medizinsoziologen, geht es darum, Ihr Kohärenzgefühl zu stärken. Das Kohärenzgefühl ist eine Orientierung, die ausdrückt, in welchem Ausmaß Sie ein Gefühl des Vertrauens darauf haben, dass Ereignisse und Dinge, die sich im Lauf Ihres Lebens aus der inneren und äußeren Umgebung ergeben, strukturiert, vorhersehbar und erklärbar sind (Verstehbarkeit), Ihnen Ressourcen zur Verfügung stehen, um den Anforderungen dieser Ereignisse und Dinge zu begegnen (Bewältigbarkeit), und dass diese Anforderungen allesamt Herausforderungen sind, die Ihre Anstrengung und Ihr Engagement wert sind (Sinnhaftigkeit).

Im Zusammenhang mit Persönlichkeits- und Potenzialentwicklung ist auch die Frage interessant, ob unsere Persönlichkeit eigentlich festgelegt ist – oder in welchen Bereichen und in welchem Ausmaß wir uns oder unsere Charaktereigenschaften verändern können. Damit verbunden sehe ich auch die Frage, auf welche Weise wir Menschen an unsere Potenziale herankommen. Können wir überhaupt etwas entwickeln, das nicht da ist? Und wenn es vorhanden ist – als im Verborgenen liegende Ressource angelegt –, wie kommen wir dann an die Potenziale heran und können sie „ent-wickeln“?

Unterschiedliche Erklärungsansätze gehen heutzutage davon aus, dass unsere Persönlichkeit teilweise genetisch verwurzelt und teilweise durch Sozialisation geprägt ist. Ruhen Sie sich bitte nicht darauf aus, dass Sie dieses oder jenes vererbt bekommen haben oder dass Sie unwiderruflich durch Ihre Familie geprägt wurden. Diese Sichtweise würde uns jeglicher Freiheit berauben und uns zu Sklaven unserer Gene und Sozialisation machen. Unsere Persönlichkeit und damit auch unsere Lebensweise wären in diesem Fall durch innere (genetische) und äußere (sozialisierte) Vorgaben (vor-)bestimmt und eingeschränkt. Manche Persönlichkeitsanteile werden sicherlich immer unverändert bleiben. Sie werden als leiser Mensch nicht von heute auf morgen zu einem lauten Menschen werden. Aus einem extravertierten Menschen wird kein introvertierter Mensch. Wir haben aber die Gabe, bestimmte Persönlichkeitseigenschaften flexibel und zeitlich begrenzt einzusetzen, auch wenn sie unserer Natur wiedersprechen. So mussten Sie vielleicht auch schon einmal vor einer größeren Ansammlung von Menschen eine Rede halten, obwohl Sie solche Auftritte nicht sonderlich mögen. Mir geht es jedoch nicht um solche strategisch konstruierten und zeitlich begrenzten Aktionen, die wider unsere Natur sind. Es geht darum, dass Sie sich Ihren bisherigen Prägungen entgegenstellen und diese hinterfragen. Es ist möglich, über die beiden Einflussfaktoren Gene und Umwelt hinaus unsere individuellen Denk-, Fühl- und Verhaltensmuster zu verändern und die darin liegenden Potenziale ans Tageslicht zu bringen.

Lassen Sie uns mit einer Übung zur Potenzialentwicklung beginnen, und spüren Sie nach, ob Ihre Komfortzone dadurch berührt wird.

Bei der folgenden und allen anderen praktischen Übungen in diesem Buch sind Sie eingeladen, in Ihrem eigenen Tempo zu arbeiten und diesem entsprechend Pausen einzulegen, bevor Sie weiterlesen. Manche Fragestellungen und Anregungen benötigen vielleicht ein wenig mehr Zeit, damit das Gelesene und von Ihnen Geschriebene „sacken“ kann. Unterbrechen Sie dann gern die Aufgaben, gehen Sie spazieren oder unterhalten Sie sich mit einem lieben Menschen über Ihre Gedanken. Die Antworten auf die Fragen zur Selbstreflexion und zum Selbstanalysebogen werden Sie zu einer sehr persönlichen Zeitreise einladen. Sie identifizieren Ihre Schwachstellen und neuralgischen Punkte als auch Ihre Stärken und Ressourcen. Gehen Sie bitte nachsichtig und milde mit sich um. Alles, was Sie bisher entwickelt haben, hatte seinen Sinn und Zweck und seine Berechtigung zu seiner Zeit. Ich finde, es verdient eine Würdigung, dass Sie Ihr Leben auf Ihre eigene Art und Weise bis hierhin und heute gestaltet haben.

Die erste Anregung zur Selbstreflexion finde ich sehr wirksam, wenn es darum geht, unsere persönlichen Komfortzonen zu verlassen. Hinterfragen Sie Dinge, von denen Sie glauben, sie nicht zu können, oder von denen Sie glauben, sie tun zu müssen.

 

Anregung zur Selbstreflexion 1:  „Ich kann nicht“ und „Ich muss“

Schauen Sie auf Ihre derzeitige Lebenssituation und auf all das, was Sie meinen, nicht zu können. Typische Antworten wären zum Beispiel: „Ich kann diese Ungerechtigkeiten von X nicht mehr ertragen“ oder „Ich kann nicht Klavier spielen“. Lassen Sie sich Zeit und schreiben Sie so viele Sätze, wie Sie mögen, zu diesem Satzanfang auf.

Ich kann nicht …

Denken Sie nun an Dinge, von denen Sie glauben, dass Sie sie tun müssen. Zum Beispiel: „Ich muss jeden Morgen um sechs Uhr aufstehen und zur Arbeit gehen“ oder „Ich muss nachgiebiger werden“. Schreiben Sie einfach alles das auf, was Ihnen spontan aus Ihrem privaten und beruflichen Bereich einfällt:

Ich muss …

 

„Ich will nicht“

Wiederholen Sie nun bitte Ihre Ich-kann-nicht-Sätze und ändern Sie sie um in Ich-will-nicht-Sätze (z. B. „Ich will diese Ungerechtigkeiten von X nicht mehr ertragen“).

„Ich entscheide mich“

Wiederholen Sie nun Ihre Ich-muss-Sätze und ändern Sie sie um in Ich-entscheide-mich-Sätze (z. B. „Ich endscheide mich, jeden Morgen um sechs Uhr aufzustehen“).

Welche Auswirkungen hat das Ersetzen der Formulierung „Ich muss …“ durch „Ich entscheide mich …“ für Sie? Was verändert sich dadurch für Sie? Warum ergeben die Änderungen für Sie einen Sinn und warum nicht?

Haben Sie gemerkt, welchen Unterscheid der Austausch von „Ich kann nicht“ durch „Ich will nicht“ macht?

Einige Sätze bleiben natürlich in ihrer Wirkung bestehen und lassen sich durch die neuen Satzanfänge kaum umwandeln (zum Beispiel: „Wir müssen alle sterben“). In meinen Seminaren kommt daher zu Recht immer wieder die Frage auf, ob es nicht auch Muss-Sätze gibt, die bleiben, weil wir keine Wahl haben. Es gibt tatsächlich einige Sätze, bei denen ein „Ich entscheide mich“ infrage zu stellen wäre. So wie in dem angegebenen Beispiel. Doch wir haben trotz aller Bedingtheit immer die Wahl. Auch in größter Eingeschränktheit können wir bis zuletzt entscheiden, wie wir den jeweiligen Situationen begegnen. Beim Thema Sterben wäre es interessant, darüber nachzudenken, wie viel leichter wir „gehen“ könnten, wenn wir uns bewusst dazu entscheiden würden.

Als ich die obige Übung vor vielen Jahren in einem Seminar das erste Mal anbot, formulierte eine Teilnehmerin, die selbst als Trainerin arbeitete, den Satz: „Ich kann nicht vor großen Menschenmengen reden.“ Daraus wurde dann: „Ich will nicht vor großen Menschenmengen reden.“ Ihr fiel ein Stein vom Herzen, weil sie damit eine bewusste Willensäußerung machte, dann eine Entscheidung traf und es somit nicht mehr um ein Defizit ging: Ich will nicht und ich entscheide mich, nicht vor großen Massen von Menschen zu reden, weil es nicht meinem Wesen entspricht. (Eine alternative Formulierung könnte lauten: Ich entscheide mich, wann, wie häufig und wo ich es tue, weil es zu meinem Beruf gehört.)

Ende der 90er-Jahre begannen viele Trainerinnen eine Ausbildung zum „Speaker“ und stürmten auf die großen Bühnen. Dadurch entstand bei vielen Kolleginnen und Kollegen ein großer Erfolgsdruck, es ihnen gleichzutun. So auch bei meiner Teilnehmerin. Wie eine innere Erlaubnis, es auf ihre eigene Art zu tun oder zu lassen, wurde daher die Aussage „Ich will nicht“ empfunden. Sie macht selbstbestimmter. Dieses selbstbestimmte „Ich will nicht“ lag zuvor im Verborgenen und war ein latentes Talent, bevor es zum Vorschein und zum Einsatz kam und dadurch sichtbar wurde. Eine Fähigkeit also, die bis dahin nicht genutzt wurde.

Durch die vorausgegangene Übung wird unsere Komfortzone „irritiert“, und wir werden auf die Macht der Worte aufmerksam gemacht. Durch den Austausch von nur einem Verb können Sie Haltung und Gefühl zu einer Situation oder einer Begebenheit verändern! Und damit auch Ihr Verhalten. Sie bringen sich in Kontakt mit Ihren Potenzialen. In den Sätzen, die mit „Ich will nicht“ und „Ich entscheide mich“ beginnen, zeigt sich Ihre Fähigkeit, bewusst und selbstbestimmt durchs Leben zu gehen. Etwas nicht zu wollen entspringt einer anderen Haltung, als etwas nicht zu können. Etwas tun zu müssen beinhaltet eine andere Haltung, als sich für etwas zu entscheiden. Haben Sie bemerkt, dass die Verantwortung und die Entscheidung dafür bei Ihnen liegen? Natürlich ziehen Entscheidungen immer Folgen und Konsequenzen nach sich. Damit dürfen wir umgehen und daraus lernen. Und darum geht es!

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Das Buch ist ab dem 21. September im Handel erhältlich.

 

Über die Autorin

Andrea Landschof ist Transaktionsanalytikerin, Lehrsupervisorin und Lehrcoach. Als Inhaberin des Beraterwerkes Hamburg, einem Institut für Fort- und Weiterbildung von Berater*innen und Transaktionsanalytiker*innen, begleitet sie seit über 25 Jahren Menschen bei der beruflichen Orientierung.

Herz und Verstand. Zum Tod von Steve Andreas

„My feelings for Steve have always been love, appreciation, respect and gratitude. He positively touched the lives of many people in this world, including mine.” – Robert Dilts

 

Steve Andreas ist am 7. September 2018 im Alter von 82 Jahren gestorben. Als wichtiger Wegbereiter des NLP hat er, meistens zusammen mit seiner Frau Connirae Andreas, zahlreiche Bücher verfasst, von denen die meisten in deutscher Übersetzung bei Junfermann erschienen sind. Doch er war nicht nur Autor, sondern auch Verleger. 1967 gründete er den Verlag „Real People Press“, weil er ein Buch seiner Mutter Barry Stevens herausbringen wollte, das diese gemeinsam mit Carl Rogers geschrieben hatte: „Von Mensch zu Mensch“.

Steve Andreas hatte ursprünglich Chemie studiert und auch als Chemiker gearbeitet. Danach absolvierte er ein Psychologiestudium und war als Dozent an einem College tätig. Er lernte Fritz Perls kennen, widmete sich der Gestalttherapie und brachte Bücher von Perls heraus.

In den 1970er-Jahren beschäftige er sich zunehmend mit NLP und gründete mit seiner Frau Connirae „NLP Comprehensive“, eines der ganz wichtigen Weiterbildungsinstitute auf diesem Gebiet. Auch verlegerisch förderte er seither das NLP. Bei Real People Press erschienen Bücher von Bandler und Grinder, aber auch eigene Werke. Mit Charles Faulkner gab er in den 1990er-Jahren den Band „NLP – The New Technology of Achievement“ heraus, deutsch: „Praxiskurs NLP“.

Neben Richard Bandler, John Grinder und Robert Dilts kann man Steve Andreas mit Recht zu den „Großen“ im NLP rechnen. Sein langjähriger Freund und Weggefährte Robert Dilts schrieb, sie seien sich auf fachlicher Ebene nicht immer einig gewesen, aber aufgrund ihrer tiefen Freundschaft hätten sie immer offen damit umgehen können.

 

You are here!

Kunsttherapie, treuer Begleiter, Humor und Malbuch in einem

Die bekannte US-amerikanische Bloggerin Jenny Lawson hat ein einzigartiges Buch geschrieben: YOU ARE HERE ist ein Kompendium des empathischen Umgangs mit sich selbst, das Kreativität und Meditation fördert. Die Idee für dieses Buch kam ihr auf einer Lesereise. Mithilfe der Zeichnungen und Texte konnte sich Jenny Lawson, die selbst unter Ängsten und Depressionen leidet, über Momente der Verzweiflung hinweghelfen. Das Ergebnis – zunächst publik gemacht über ihren Blog – stieß in kürzester Zeit auf ungeheure Resonanz. Ihre Leser*innen fühlten sich abgeholt, getröstet, verstanden. YOU ARE HERE bündelt nun all diese motivierenden Bilder und Zeilen auf perforierten Seiten, die nach Lust und Laune ausgemalt, übermalt, herausgerissen, aufgehängt oder verschenkt werden können. So nimmt das Buch die Leser mit auf eine Reise, die bei ihnen selbst beginnt. Egal ob es um Angstzustände, Depression oder ganz einfach das Gefühl geht, in bestimmten Situationen fehl am Platz zu sein – in den kurzen, mal einfühlsamen, mal witzigen, mal zornigen, stets aber authentischen Texten und den sie begleitenden Zeichnungen findet jeder ein Ventil für die dunklen, verzweifelten Momente im Leben.

In unserem Interview spricht Jenny Lawson über die besondere Gestaltung des Buches, seine Botschaft – und über ihre Vorliebe für deutsches Essen …

 

  Über die Autorin

Jenny Lawson ist Autorin und Kolumnistin und vor allem für ihren offenen, humorvollen Umgang mit ihrer psychischen Erkrankung bekannt. Ihre beiden autobiografischen Bücher schafften es auf Platz 1 der New York Times-Bestsellerliste, ihr Blog wird von Hunderttausenden Leserinnen und Lesern monatlich besucht. Lawson lebt mit Mann und Tochter in Texas.

www.thebloggess.com

Ihr Buch YOU ARE HERE erscheint am 19. September bei Junfermann.

 

„Wir tragen heute immer noch die Steinzeit-Betriebsversion des Gehirns 1.0 unter der Schädeldecke!“

„Immer mit der Ruhe! Wie Sie Ihr Gehirn zur Gelassenheit erziehen“ von Doris Iding und Nanni Glück ist ein Ratgeber und Rettungsanker in stürmischen Zeiten. Für Menschen, die spüren, dass sie sich in all dem Multitasking und To-do-Listen-Abhaken selbst verlieren; die Entschleunigung suchen und sich nach innerer Ausgeglichenheit sehnen.

Wir sprachen mit den Autorinnen über unsere „gestresste Gesellschaft“, Achtsamkeit und Selbstmitgefühl – und über das Glück …

   Interview Teil II – mit Autorin Nanni Glück

 

Liebe Frau Glück, „Immer mit der Ruhe! Wie Sie Ihr Gehirn zur Gelassenheit erziehen“ lautet der Titel Ihres aktuellen Buches. Die Formulierung lässt den Eindruck entstehen, dass Stress zuallererst im Kopf entsteht. Denken gestresste Menschen also nur „falsch“?

Nanni Glück: „Falsch“ würde ich jetzt nicht unbedingt sagen, denn das würde ja implizieren, dass etwas Fehlerhaftes und Selbstverschuldetes vorliegt. In der Tat ist es jedoch so, dass gestresste Menschen mit unheilsamen Reaktionsmustern auf die Anforderungen des Alltags reagieren. Dies führt dazu, dass sie bestimmte Situationen im Alltag als für sie bedrohlich klassifizieren. Allerdings können wir Menschen nicht wirklich etwas dafür – Schuld an diesen unheilsamen, leider auch automatisch ablaufenden Reaktionsmustern hat unser immer noch steinzeitliches Gehirn, das einfach nicht zum Glücklich- oder Gelassensein optimiert wurde. Unser Gehirn wurde vielmehr dafür ausgerichtet, unser Überleben in einer sehr gefährlichen Umwelt zu sichern. Und dafür hat sich Mutter Natur einiges einfallen lassen. Doch obwohl sich unsere Umwelt mittlerweile stark verändert hat, tragen wir heute immer noch die Steinzeit-Betriebsversion des Gehirns 1.0 unter der Schädeldecke. Die dazugehörigen „Support-Komponenten“ machen uns heute das Leben jedoch ganz schön schwer, denn unsere automatisch aktivierten Reaktionsmuster passen nicht mehr zu unseren gegenwärtigen Stressoren: Statt Säbelzahntiger bedrohen heutzutage Termin- und Leistungsdruck unseren Seelenfrieden.

 

Einerseits leben wir in einer Leistungsgesellschaft, die einen gewissen Stresspegel mit sich bringt. Andererseits steht uns heutzutage jeglicher Komfort zur Verfügung und die verschiedensten Möglichkeiten zum Entspannen sind greifbar. Warum gelingt es uns trotzdem nicht mehr, zu entspannen?

Nanni Glück: Da haben Sie recht! Das Angebot an Möglichkeiten zum Entspannen scheint täglich zu wachsen. Doch die bloße Infrastruktur reicht leider nicht aus, um wirklich mal abzuschalten und die Akkus aufzuladen. Wer kennt das nicht: Da gönnt man sich ein Wellness-Wochenende, möchte sich wohlig den kundigen Händen des Entspannungsmasseurs anvertrauen, doch die Gedanken an die Arbeit lassen sich einfach nicht abschalten! Wir können nicht entspannen, weil wir schlichtweg verlernt haben, wie das geht. Schauen Sie, wir bewegen uns mit Vollgas durchs Leben. Wir wollen etwas erreichen, in jeder Rolle, die wir spielen, erstklassig performen. Vor allem Frauen sind hier gefährdet: Supermami, erfolgreiche Geschäftsfrau, aufregende Geliebte, verständnisvolle Freundin – ich frage Sie, wie kann man in 24 Stunden das alles unter einen Hut bringen? Um das zu schaffen, powern wir uns durch den Tag. Dabei wird das sympathische Nervensystem aktiviert und wir laufen auf Hochtouren. Der Hormoncocktail, der dabei produziert wird, pusht uns noch mehr. Wir entfernen uns von Stunde zu Stunde mehr von dem natürlichen Gleichgewicht aus Anspannung (Sympathikus) und Entspannung (Parasympathikus). Haben wir zudem noch verspannte Muskeln, so kann sich ein regelrechter Teufelskreis entwickeln: Die angespannten Muskeln signalisieren dem Gehirn Gefahr. Und unser besorgtes Steinzeitgehirn reagiert sofort. Keine Chance mehr, einfach so wirkungsvolle Entspannung zu finden.

 

Der Mediziner Prof. Dr. Hans Selye, einer der Pioniere der Stressforschung, hat mal gesagt: „Stress ist Leben“. Wir können ihm nicht entgehen, und nicht jeder Stress macht krank. Wir brauchen sogar positiven Stress. Wann wird Stress gefährlich, und woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass in unserer Gesellschaft gerade die negativen Auswirkungen von Stress so ausufern?

Nanni Glück: Stress ist und war noch nie das Problem! Alle Lebewesen, so auch wir, haben bereits fest installierte Programme, um mit Stress – sprich: mit bedrohlichen Situationen – umzugehen und diese Situationen mehr oder weniger unbeschadet überstehen zu können.

Das Problem ist vielmehr die Dauer der als stressbehaftet empfundenen Situation und die Art unserer Stressoren. Während unsere automatischen Stressreaktionen perfekt dafür ausgelegt sind, akute Gefahren für Leib und Leben abzuhalten, indem sie uns in einen Zustand höchster körperlicher Aktionsbereitschaft versetzen, schaden sie unserer Gesundheit, wenn wir Stress zum Dauerbrenner werden lassen. Was ursprünglich dafür gedacht war, unser Leben zu retten, wird dann potenziell lebensbedrohlich. Nehmen wir als Beispiel das Stresshormon Cortisol, das in den Nebennieren produziert wird. Es unterdrückt unsere Immunreaktion, lässt den Blutdruck ansteigen und hilft, Zucker freizusetzen. Durchaus sinnvoll, wenn es sich um eine akute Bedrohung handelt, denn es macht uns leistungsfähiger und fokussiert unsere körperliche Aktivität auf das für diesen Moment Wesentliche: zu kämpfen oder zu fliehen. Durch körperliche Anstrengung werden die Stresshormone wieder abgebaut und der Körper befindet sich in einem regulierten Zustand.

Unsere modernen Stressoren lassen sich jedoch nicht mit körperlicher Aktivität bewältigen, und die Dauer der als stressbehaftet empfundenen Situation kann sich in manchen Fällen sogar über Monate hinziehen. Dann können Krankheiten wie chronische Entzündungen, Bluthochdruck oder Diabetes entstehen. Ganz zu schweigen von den Auswirkungen auf unsere Psyche: Cortisol macht uns ängstlicher und raubt uns nach und nach die Zuversicht. „Oh nein – wie soll ich das denn auch noch schaffen?!“ ist ein typischer Gedanke eines stressgeplagten Gehirns.

 

Inwieweit haben die Medien Einfluss auf das Entstehen von Stress und unser „Stressmanagement“?

Nanni Glück: Unser steinzeitliches Gehirn wurde mit einem hypersensiblen Alarmsystem ausgestattet, das nicht mal den Standby-Modus kennt und schnell auf äußere Reize anspringt. Diesen Zustand bezeichnet man auch als den sogenannten Savannen-Modus: Unsere Vorfahren lebten in savannenähnlichen Landschaften und spazierten immer leicht angespannt-besorgt durch die Welt, um ja nicht aus Sorglosigkeit vom Säbelzahntiger gefressen zu werden oder auf sonst eine Art und Weise ihr Leben zu lassen. Die modernen Medien begünstigen in gewisser Weise diesen in unserem Gehirn installierten Betriebsmodus. Indem wir auf jedes „Pling“ unserer vielzähligen digitalen Kommunikationsmedien sofort reagieren, rutschen wir automatisch immer tiefer in diesen reaktiven Zustand und lassen uns viel leichter unter Stress setzen. Situationen, die wir in entspannter Gemütslage als nicht stressbehaftet einschätzen würden, erscheinen uns auf einmal schwer zu bewältigen und setzen uns unter Druck.

Doch nicht nur die Art und Weise, wie wir mit den modernen Medien umgehen, lassen unser Stressempfinden zunehmen, vor allem auch die Inhalte schüren unbegründete Ängste in uns. Schlagen Sie doch mal die Zeitung auf, machen das Radio oder den Fernseher an oder schauen ins Web: Wie oft verkünden die Medienhäuser gute Nachrichten? Im Verhältnis überwiegen Bad News gegenüber Good News doch enorm. Natürlich weil sich damit Geld verdienen lässt. Das Phänomen der Angstlust beschert den Machern Auflage, Reichweite, Quote und Clicks. Den Konsumenten jedoch auf Dauer eine niedrigere Stresstoleranz und schrumpfende Resilienz!

 

Wie kamen Sie auf die Idee, ein Buch zu diesem Thema zu schreiben – auch angesichts der Fülle bereits vorhandener Literatur?

Nanni Glück: Die Literatur zu diesem Thema, die bislang auf dem Markt zu finden ist, kann sich entweder eines gewissen esoterischen Touches nicht erwähren oder ist sehr wissenschaftlich gehalten. Es war mir eine Herzensangelegenheit, ein Buch zu schreiben, welches wissenschaftlich fundiert und doch mit leichter, unterhaltsamer Sprache einen Überblick über den aktuellen Stand zur Stressbewältigung mit Mediation und Achtsamkeit bietet. Kurzweilig sollte es sein und Spaß machen – ich komme ja aus der Werbung. Gemeinsam mit meiner Studienfreundin Doris, die mit mir damals in Japan war und schon einige Bücher zum Thema Achtsamkeit veröffentlicht hat, ist uns dies – so glaube ich wenigstens – ganz gut gelungen!

Die Idee zum Buch kam natürlich auch durch meine persönliche Geschichte. Zum ersten Mal kam ich mit dem Thema Meditation und Achtsamkeit (im weitesten Sinne) vor gut 25 Jahren in Japan in Kontakt. Neben Psychologie und Volkswirtschaft habe ich in München auch Japanologie studiert. Wir hatten damals eine buddhistisch ausgerichtete Partneruniversität in Tokyo, und meine „Gasteltern“ waren ein buddhistischer Priester und seine Familie. Im Rahmen des Aufenthaltes besuchte ich auch ein Waldkloster, lernte die Mediationstechnik kennen, Ikebana, die Tee-Zeremonie und die Feuer-Zeremonie. Ich war zutiefst begeistert, so, wie man sich mit Anfang 20 eben nun mal begeistern lässt. Als ich vor einigen Jahren privat einer erheblichen Herausforderung gegenüberstand und drohte, mich daran aufzureiben, kamen mir meine Erfahrungen aus Japan wieder in den Sinn. Genauer gesagt, das durchweg heitere Lächeln meiner Gasteltern, egal, was gerade passierte. Ich begann, regelmäßig zu meditieren und mich in Achtsamkeit zu schulen. Was soll ich sagen: Meine Probleme wurden zwar nicht weniger, aber meine Einstellung änderte sich radikal. Ich konnte wieder lösungsorientiert handeln, statt mich selbst zu zerfleischen und – das Allerwichtigste – meine Zuversicht in mich, meine Fähigkeiten und das Leben an sich nahm wieder zu. Beeindruckt von den Erfolgen machte ich mich daran, die aktuellsten wissenschaftlichen Untersuchungen zum Einfluss von Achtsamkeit/Meditation auf die Wirkungsweisen unseres Gehirns zu studieren. Hier konnte man in den letzten Jahren wirklich Bahnbrechendes zutage fördern. Woran viele schon seit über 2000 Jahren glauben, kann nun wissenschaftlich dank modernster bildgebender Verfahren belegt werden. Die Mediations- und Achtsamkeitspraxis kann sich damit aus der häufig belächelten und als unglaubwürdig klassifizierten Esoterikecke befreien, denn der Nutzen auf unsere geistige Gesundheit ist evident.

 

In Ihrem Buch gehen Sie auch stark auf evolutionäre und neurologische Grundlagen von Stress ein. Worin sehen Sie den Nutzen für die Leserinnen und Leser, sich mehr mit den Hintergründen der Stressentstehung auseinanderzusetzen?

Nanni Glück: Sehen wir uns mit den Herausforderungen des Lebens konfrontiert, so spricht man in der Achtsamkeitspraxis von den berühmten zwei Pfeilen: Den ersten Pfeil schießt das Leben auf uns ab, daran können wir nichts ändern. Das passiert einfach – gemäß dem Motto „Shit happens!“. Krankheit, Alter und Tod werden früher oder später jeden Menschen ereilen, ohne dass irgendjemand etwas dafürkann.

Den zweiten Pfeil schießen wir jedoch selbst auf uns, und zwar mit unseren mehr oder minder automatischen negativen Mustern, wie wir auf den Schmerz, den der erste Pfeil verursacht, reagieren. Diese unheilsamen Reaktionen vergrößern den Schmerz und lassen aus ihm erst echtes Leid entstehen. Ich gehe jetzt sogar so weit und füge noch einen dritten Pfeil hinzu, und den schießen ebenfalls wir auf uns ab. Das ist unsere Reaktion auf unsere unheilsame Schmerzreaktion. Wenn ich in einer schmerzhaften Situation ganz trotzig mit „nicht wahrhaben wollen“ reagiere, weiß ich ja, dass meine Reaktion nichts an der Sache ändert, und rege mich (Pfeil 3) womöglich noch über mich selbst und mein unheilsames Verhalten auf. Sind wir uns jedoch unserer evolutionär bedingten neurologischen Grundlagen bewusst, dann wissen wir, dass unsere negative automatische Reaktion auf Schmerz ganz normal ist und wir selbst erst mal gar nicht anders können. Wir sind in diesem Fall, überspitzt formuliert, Sklave unserer steinzeitlichen Hirnversion 1.0. Auf der anderen Seite ist es aber auch unwahrscheinlich ermutigend zu erfahren, dass wir eben nicht auf immer und ewig dieser Sklave sein müssen. Wir haben alle Fähigkeiten und Anlagen in uns, gelassener auf Stress zu reagieren. Um zu wissen, wie ich am besten mit meinem Geist bzw. meiner Aufmerksamkeit arbeiten kann, um genau diese Gelassenheit zu erlernen, ist es meiner Ansicht nach unabdingbar zu verstehen, warum und wie es zu solchen unheilsamen Reaktionsmustern kommt, die die Ursache für Stress sind.

 

Sie haben Positive Psychologie (PP) an der Universität Zürich studiert. Finden sich Ansätze der PP in diesem Buch, und inwieweit kann die PP bei einem gesunden Umgang mit Stress hilfreich sein?

Nanni Glück: Die Positive Psychologie wird ja gemeinhin als die „Wissenschaft vom gelungenen Leben“ definiert. Damit grenzt sich diese junge Disziplin ganz klar von der landläufigen Psychologie ab, die sich fast ausschließlich der pathologischen Seite zuwendet. Statt die Defekte zu thematisieren, wendet sich die Positive Psychologie den menschlichen Charakterstärken zu. Dieser ressourcenorientierte Ansatz findet sich auch in unserem Buch. Wir zeigen auf, wie wichtig es ist, Stärken wie Dankbarkeit, Mitgefühl, Freude und Präsenz zu kultivieren und sie sich zur Gewohnheit werden zu lassen. Eine der Grundfesten in der Positiven Psychologie ist die Annahme, dass Glück erlernbar sei – dies geht absolut konform mit meinem Motto: „Für ein glückliches Leben ist es nie zu spät!“ Wir können uns, einem Architekten gleich, aufschwingen und unser Gehirn auf Glück und Gelassenheit programmieren. Wir müssen es nur tun und konsequent daran arbeiten.

Wenn wir uns bewusst für „das Gute“ entscheiden, dann kann unsere Reise in Richtung Zufriedenheit und Glück beginnen. Wir haben immer die Wahl, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten: Wollen wir uns über unsere Schwächen ärgern oder uns über unsere Stärken freuen? Wollen wir bemängeln, was uns alles noch fehlt, oder mit dem zufrieden sein, was schon da ist? Hier spielt natürlich wieder unser Steinzeithirn 1.0 eine wichtige Rolle, denn dies ist mit den Support-Komponenten Negativitätstendenz und Mangelblick ausgestattet. Nur wenn wir uns bewusst entscheiden, uns dem Positiven zuzuwenden, kann ein glückliches Leben entstehen. Hier hilft die Positive Psychologie weiter, indem sie Wege aufzeigt, wie dies gelingen kann. So können wir unserem Gehirn quasi ein manuelles Update verpassen.

 

Was tun Sie selbst, um in akuten Stresszeiten zur Ruhe zu kommen? Haben Sie einen Erste-Hilfe-Plan?

Nanni Glück: Allerdings, den habe ich! Eine sehr effektive und hilfreiche Ressource zur Stressbewältigung ist Humor. Er hilft, uns und das Leben nicht immer so ernst zu nehmen, und eröffnet uns dadurch einen wichtigen Perspektivwechsel. Des Weiteren führt uns der Humor auf direktem Weg zu unserer mächtigsten Ressource – unserer Lebenskraft! Das Schöne ist: Humor ist lernbar. Je häufiger wir uns darin üben, desto wahrscheinlich wird er uns zu einer Gewohnheit (wie übrigens alle Ressourcen).

Sehe ich mich einer herausfordernden Situation gegenüber, bei der ich Stress in mir verspüre, so versuche ich als erstes, mich über den Atem in den gegenwärtigen Moment zurückzuholen (meist galoppiert man in Gedanken ja schon davon). Dann nehme ich mir vor, etwas Kurioses, Absurdes oder Komisches an der Situation zu entdecken. Wenn mir das nicht gelingt, steh ich auf und geh vor den Spiegel. Da ich auch Lachyoga-Trainerin bin, beginne ich, mit mir selbst zu lachen. Das klappt eigentlich immer. Nachdem ich dann ausgiebig gelacht habe, ist die stressbehaftete Situation zwar immer noch da, sie wirkt aber bei Weitem nicht mehr so bedrohlich. Da herzliches Lachen unseren Verstand kurz abschaltet, ähnlich wie ein Reset beim Computer, kann ich mich mit frischem Geist und einer gehörigen Portion Kreativität der Situation stellen. Lachen hilft – probieren Sie es aus!

 

Erlauben Sie mir noch eine persönliche Frage: Heißen Sie wirklich Glück mit Nachnamen? (Oder ist das ein Künstlername?) Inwieweit hat Sie der Name geprägt?

Nanni Glück (lacht): Sie sind nicht die Erste, die mich das fragt. Das ist tatsächlich mein echter Name. Mein Exmann hat sogar bei unserer Hochzeit meinen Nachnamen angenommen und ihn nach der Scheidung behalten. Wir haben uns im Guten getrennt und immer noch ein freundschaftliches Verhältnis. Ich kann sagen, dass auch ihm der Name im wahrsten Sinne des Wortes Glück gebracht hat! Wie mir! So ein Name verpflichtet: Man kann nicht miesepetrig, unzufrieden und schlecht gelaunt sein, wenn man Glück heißt. Aber Scherz beiseite, ich denke schon, dass mich der Name geprägt hat. Es ist immer ein positiver Einstieg, wenn man neue Menschen kennenlernt und sich mit diesem Namen vorstellt. Irgendwie begegnen mir die Menschen dadurch offener, neugieriger und vielleicht auch einen Schuss freundlicher. Das habe ich schon mein Leben lang gespürt und bin dafür sehr dankbar. Und ja, irgendwie fühle ich mich meinem Namen doch verpflichtet, selbst glücklich zu sein und andere darin zu unterstützen, ihren Weg ins Glück zu finden!

 

Haben Sie vielen Dank für das nette Gespräch, Frau Glück!

 Über die Autorin

Nanni Glück hat Markt- und Werbepsychologie studiert und ist Inhaberin der Werbeagentur „ars agendi“ in Stuttgart. In den 20 Jahren Berufserfahrung hat sie die Auswirkungen der modernen Kommunikationsmedien (nicht nur) auf die Arbeitswelt hautnah begleitet. Und als passionierte Golfspielerin und Hundebesitzerin weiß sie um die Wirkung von Achtsamkeit.

Ihr Buch Immer mit der Ruhe! Wie Sie Ihr Gehirn zur Gelassenheit erziehen, welches sie zusammen mit Doris Iding verfasst hat, erschien im Mai 2018 im Junfermann Verlag.

Weitere Informationen zur Autorin und ihrem Angebot erhalten Sie unter https://www.arsagendi.de/ueber-uns/inhaberin oder https://www.glueckslachen.de/

 

 

„Es braucht häufig mehr als drei tiefe OMs oder ein paar positive Gedanken, um glücklich zu werden!“

„Immer mit der Ruhe! Wie Sie Ihr Gehirn zur Gelassenheit erziehen“ von Doris Iding und Nanni Glück ist ein Ratgeber und Rettungsanker in stürmischen Zeiten. Für Menschen, die spüren, dass sie sich in all dem Multitasking und To-do-Listen-Abhaken selbst verlieren; die Entschleunigung suchen und sich nach innerer Ausgeglichenheit sehnen.

Wir sprachen mit den Autorinnen über unsere „gestresste Gesellschaft“, Achtsamkeit und Selbstmitgefühl – und über das Glück …

   Interview Teil I – mit Autorin Doris Iding

Liebe Frau Iding, Sie bieten regelmäßig Yoga- und Achtsamkeitsretreats an. Die Teilnehmenden möchten lernen, wieder zur Ruhe zu kommen, und wünschen sich, Hektik und Stress einmal ganz hinter sich zu lassen. Welchen Eindruck haben Sie: Wie gestresst ist unsere Gesellschaft?

Doris Iding: Ich habe das Gefühl, dass die Menschen immer rast- und ruheloser werden. Stress gehört zum Lebensgefühl dazu. Sie fühlen sich von den steigenden Anforderungen im Privat- und Arbeitsleben häufig überfordert und sind dabei, auszubrennen, oder haben häufig auch schon ein Burn-out hinter sich.

 

In Ihrem aktuellen Buch „Immer mit der Ruhe!“ nennen Sie Achtsamkeit als den ersten Schlüssel zur Gelassenheit. Was genau verstehen Sie unter Achtsamkeit, und wie kann sie helfen, im Alltag besser mit Stress und Druck umzugehen?

Doris Iding: Achtsamkeit ist im herkömmlichen Sinne (basierend auf Buddha) eine Meditationspraxis, die uns darin unterstützt, unseren Geist zu erforschen und uns nicht mehr von den darin entstehenden Gedanken beherrschen zu lassen. So richtig salonfähig wurde Achtsamkeit aber erst durch Dr. Jon Kabat-Zinn, der die Achtsamkeit durch MBSR in Stresskliniken brachte und in den letzten zehn Jahren auch in die Gesellschaft. Durch die Achtsamkeit im Kontext von MBSR lernt man, die Gedanken, Gefühle und Körperempfindungen kennenzulernen und sich nicht mehr mit ihnen zu identifizieren.

Achtsamkeit ist aber auch gleichzeitig eine Lebensweise. Sie soll uns darin unterstützen, dass wir erkennen, dass es keine äußeren Stressoren gibt, sondern dass wir es selbst sind, die uns den Stress machen.

Achtsamkeit ist auch ein Mittel, das uns darin unterstützt, den Autopiloten auszustellen, um das Leben wieder mit all unseren Sinnen zu erleben und zu genießen. Und zwar von Moment zu Moment.

 

Seit Ihrem 15. Lebensjahr beschäftigen Sie sich schon mit Meditation und Yoga und seit vielen Jahren leiten Sie entsprechende Seminare im Bereich Achtsamkeit und Entspannungstechniken. Wie viel Übung braucht jemand, der bisher noch keine Berührung damit hatte, um diese Techniken für sich nutzbar zu machen?

Doris Iding: Das ist schwer zu sagen, weil jeder Mensch ganz einzigartig ist und ich hier keine falschen Erwartungen wecken möchte. Es gibt Menschen, die lernen die Meditation kennen und genießen es bereits von Anfang an, 30 Minuten zu meditieren. Andere Menschen sind schon mit drei Minuten überfordert. Ich versuche, die Menschen dort abzuholen, wo sie sind, und ihnen auch die Zeit und den Raum zu geben, den sie brauchen. Durch die permanente Nutzung von Handys sind die meisten Nervensysteme allerdings heute immer weniger in der Lage, lange in der Stille zu verweilen. Gleichzeitig aber wächst das Bedürfnis nach Stille immer mehr.

Jeder, der anfängt zu praktizieren, sollte sich zuerst einmal überlegen, wie viel er realistisch in seinen Alltag integrieren kann, ohne sich noch zusätzlichen Stress zu machen.

 

Interessant ist, dass Sie Selbstmitgefühl als eine weitere Komponente zur Stressreduktion thematisieren. Was genau meinen Sie damit?

Doris Iding: Es ist mittlerweile erwiesen, dass es keine äußeren Stressoren gibt, sondern dass wir selbst es sind, die sich den Stress machen. Für den inneren Stress ist in erster Linie der „innere Antreiber“ verantwortlich, der auch gerne als „innerer Kritiker“ bezeichnet wird. Dieser Anteil ist nie zufrieden. Ich arbeite in meinen Kursen mit so vielen wundervollen Menschen zusammen und 99,9 Prozent haben einen solchen inneren Kritiker, der ihnen das Leben zur Hölle machen. Entwickeln wir aber Selbstmitgefühl mit uns und schließen wir Freundschaft mit diesem inneren Kritiker, dann wird das Leben leichter. Selbstmitgefühl bedeutet, dass wir mit einem offenen Herzen auf uns selbst schauen und das wertschätzen, was wir alles leisten. Und das ist bei uns allen mehr als genug. Es bedeutet, dass wir mehr auf die eigenen Bedürfnisse eingehen und uns selbst mit genauso viel Liebe und Geduld begegnen wie den Menschen, die wir lieben – oder aber mit denen wir arbeiten.

Erfahrungsgemäß ist aber das Selbstmitgefühl das, was uns allen am schwersten fällt. Ich bin in meinem Leben schon so vielen spirituellen Lehrern, Meistern und Therapeuten begegnet. Sie alle hatten ein offenes Herz für ihre Patienten und Klienten. Aber sich selbst gegenüber waren die meisten sehr fordernd und sehr anspruchsvoll.

Prof. Dr. Luise Reddemann hat einmal gesagt, dass der innere Kritiker unkündbar ist und dass wir gut daran tun, uns mit ihm anzufreunden. Diese Aussage kann ich auch nur unterstreichen.

 

Das Besondere am Buch ist auch sein ganzheitlicher Ansatz. Es wird auf neurologische Grundlagen ebenso eingegangen wie auf spirituelle Wege. Für wie wichtig erachten Sie Spiritualität für ein gesundes Leben? Und wie kann sie helfen, besser mit den Höhen und Tiefen des Lebens zurechtzukommen?

Doris Iding: Spiritualität ist für mich die Basis eines gesunden Lebens. Nur dann, wenn wir uns mit unserem innersten Wesen verbinden, können wir ein vollkommen selbstbestimmtes Leben führen. Der Benediktinermönch Willigis Jäger hat einmal gesagt, dass es darum gehe, ganz Mensch zu werden. Dieser Aussage kann ich ebenfalls zustimmen. Spiritualität bedeutet für mich übrigens u. a., dass wir uns der Verbundenheit mit allem und der Vergänglichkeit von allem bewusstwerden. Wenn wir dies tun, dann müssen wir nicht mehr so gegen das Leben selbst ankämpfen. Dann wird vieles leichter. Spiritualität bedeutet für mich aber auch, dass wir uns mit etwas verbinden, das größer ist als wir selbst. Das heißt, dass wir uns nicht immer für den Mittelpunkt der Welt halten, sondern ein Teil davon sind. Das kann manchmal sehr erleichternd sein. Und gleichzeitig bedeutet es auch, dass wir uns mit dem Göttlichen (als dem, was Größer ist als wir selbst) verbinden UND gleichzeitig unsere Kontonummer nicht vergessen. Der vietnamesische Mönch Thich Nhat Hanh sagt dazu: Es geht (bei der Spiritualität) nicht darum, auf dem Wasser zu wandeln, sondern darum, Schritt für Schritt auf der Erde zu gehen. Diese Aussage unterstreiche ich gerne.

 

Angenommen, die Mitarbeiterin eines großen Unternehmens, deren Wochen voll durchgetaktet sind, oder eine dreifache Mutter, die „das erfolgreiche Familienunternehmen“ führt, bittet Sie um Tipps zur Stressreduktion. Was antworten Sie denen?

Doris Iding: Innehalten. Bewusst einatmen. Bewusst ausatmen. Und dann eins nach dem anderen erledigen. Es ist eben diese so einfache (!!) Kombination aus innehalten UND atmen, die uns maßgeblich dabei helfen kann, raus aus dem Kopf – dem Gedankenkarussell – und rein in den Körper zu kommen.

 

Sie litten selbst einmal an einer Angststörung. Was glauben Sie: Wie sehr haben Stress und (Leistungs-)Druck in Ihrem Leben dabei eine Rolle gespielt?

Doris Iding: Die Ursache für die Angsterkrankung lag in einer generalisierten Angsterkrankung, die wiederum ihre Wurzeln in meiner Kindheit hatte. Ich habe meine Angsterkrankung – und einen Umgang damit – in meinem Buch Die Angst, der Buddha und ich beschrieben. Darin habe ich postuliert, dass man meditieren kann UND psychisch erkranken kann, dass man Yoga machen kann UND unter Ängsten leiden kann. Noch heute bekomme ich Leserbriefe als Reaktion auf dieses Buch und viele Menschen sind froh, dass ich mit diesem Buch ein Tabu in der spirituellen Szene gebrochen habe. Leider wird hier nämlich der Irrglaube verbreitet, dass man sich glücklich denken und dehnen kann. Das ist allerdings nicht der Fall. Wir sind so multidimensional und komplex, dass es häufig mehr braucht als drei tiefe OMs oder nur ein paar positive Gedanken, um glücklich zu werden.

 

Finden Leser*innen in Ihrem Buch auch konkrete Präventionsmaßnahmen, um sich vor der Entstehung von Ängsten und Depressionen zu schützen? Inwiefern?

Doris Iding: Leider ist es häufig so, dass wir erst wach werden, wenn wir bereits unter Ängsten leiden oder Depressionen uns das Leben schwermachen. In dem Buch gibt es aber viele Übungen, die einen Menschen darin unterstützen, besser mit Ängsten und mit Depressionen umzugehen. Es sind wundervolle und sehr wirksame Übungen. Sie haben allerdings nur einen Haken: Man muss sie regelmäßig machen. Der Neuropsychologe Rick Hanson sagt: Wir können unser Gehirn und unseren Geist ändern. Aber nur wir selbst können dies tun. Dieser Aussage stimme ich zu. Wir können noch so viele Seminare besuchen und noch so viele kluge Bücher lesen. Wenn wir nicht wirklich regelmäßig üben, wird sich langfristig nicht viel ändern. Nehmen wir uns hingegen täglich die Zeit für eine Meditation, dann können wir inneren Frieden erlangen.

 

Welche Botschaft möchten Sie Menschen, die an einer Angststörung erkrankt sind, mit auf den Weg geben? Gibt es etwas, das Hoffnung macht, wenn man den Mut verloren hat?

Doris Iding: Wenn wir unseren Ängsten ins Gesicht schauen, ihnen einen Namen geben und sie liebevoll und mitfühlend in den Arm nehmen, dann können wir sie überwinden. Das weiß ich. Alles, was es braucht, ist etwas Geduld. Der Buddha hat gesagt: ‚Egal, wie schwer das gestern war, wir können heute neu anfangen.‘ Und eine weitere Aussage von ihm lauter: ‚JEDER Mensch kann inneren Frieden erfahren.‘ Für mich wurde besonders die zweite Aussage von Buddha zu einem Mantra, das ich mir während meiner eigenen Angsterkrankung täglich gesagt habe. Ich habe mir gesagt: Wenn Buddha also tatsächlich meint, dass JEDER es kann, dann kann ich es auch! Das war gut. Auch diese Aussagen kann ich unterstreichen und bestätigen. Aber auch hier gilt: Wir können unsere Ängste überwinden. Aber nur wir selbst können es!

 

Was tun Sie selbst, um in akuten Stresszeiten zur Ruhe zu kommen? Haben Sie einen Erste-Hilfe-Plan?

Doris Iding: Ich habe keinen ersten Hilfe-Plan, sondern einen Erste-Hilfe-Koffer. Je nach Gelegenheit nehme ich mir das passende Werkzeug. Meine Lieblingsmethode: Da ich für mein Leben gerne esse, praktiziere ich in solchen Momenten die Essmeditation. Ich verwöhne mich mit einem guten Essen und nutze es, um wirklich mit allen Sinnen bei der Sache zu sein. Ansonsten hilft es mir immer und überall, mich über die Atmung wieder zu erden. Ich atme ganz bewusst in die Füße langsam aus. Und wenn es ganz arg ist, dann lege ich noch eine Hand auf das Dekolleté und eine Hand auf den Bauchraum. Indem ich langsam ausatme, wird der Parasympathikus aktiviert, und wenn ich mich selbst berühre, wird Oxytocin ausgeschüttet. Das ist ein Hormon, dass uns Vertrauen vermittelt. Und dann gibt es natürlich noch viele andere kleine Übungen in dem Buch.

 

Haben Sie vielen Dank für das nette Gespräch, Frau Iding!

 

Über die Autorin

Doris Iding ist Meditations-, MBRS-, Achtsamkeits- und Yogalehrerin. Sie arbeitet als Seminarleiterin und gibt Achtsamkeitsseminare in Firmen und mit Privatpersonen. Sie ist auch Buchautorin sowie Redakteurin der Zeitschrift Yoga aktuell. Darüber hinaus bildet sie seit vielen Jahren angehende Yogalehrer im Bereich Achtsamkeit und Yoga-Philosophie aus. 18 ihrer Bücher wurden in andere Sprachen übersetzt.

Ihr Buch „Immer mit der Ruhe! Wie Sie Ihr Gehirn zur Gelassenheit erziehen“, das sie mit Mitautorin Nanni Glück zusammen verfasst hat, erschien im Mai 2018 im Junfermann Verlag.

Weitere Informationen über die Autorin und ihre Angebote finden Sie unter www.glueckundachtsamkeit.de/ und www.vomglueckderkleinendinge.blogspot.de/

 

Der Kraftraum mit der Doppelnull

Wortmann-LetzteZuflucht_Cover.inddLetzte Zuflucht Firmenklo – unter diesem Titel bot uns Konstanze Wortmann vor einiger Zeit ein neues Manuskript an. „Das ist nicht Ihr Ernst! So einen Titel kann man dem Buch doch nicht geben!“ entfuhr es mir. Was zunächst so kurios daherkam, erwies sich aber bei näherer Betrachtung als ein ganz ernsthaftes Thema. Viele Menschen arbeiten in Großraumbüros, in Industriehallen oder an anderen Orten, an denen es turbulent zugeht und wo auch immer viele andere Menschen sind.

Doch genau in diesem menschlichen Getümmel kann es leicht mal krachen und es kann einem alles zu viel werden. Wo ist dann die nächste Tür, die man hinter sich zuziehen kann, um einmal ganz alleine zu sein und sich wieder „einzukriegen“?

 

Wo ist die nächste Tür, die man hinter sich zuziehen kann?
Vielleicht gibt es eine Kantine? Aber da ist man meistens nicht allein. Vielleicht kann man kurz mal rausgehen, auf den Parkplatz oder eine andere Stelle auf dem Betriebsgelände? Doch die Wahrscheinlichkeit, hier niemanden anzutreffen, ist auch eher gering. Außerdem könnten andere aus dem Fenster schauen und sich fragen: „Was macht der da?“ Oder: „Warum arbeitet sie nicht?“

Es gibt keine Krisenräume. Also wohin dann? Ein Ort hat tatsächlich eine Tür, die man hinter sich abschließen kann: das Firmenklo. Und genau dahin, so Konstanze Wortmann, flüchten sich viele Beschäftigte. In ihrem Buch finden sich zahlreiche Übungen, die helfen, die Balance zurückzugewinnen. Und sie funktionieren teilweise sehr diskret und benötigen nicht viel Raum. Zur Not könnte man sie also auch im „Kraftraum mit der Doppelnull‘“ ausführen – auf der Firmentoilette.

Schreiben Sie uns Ihre Geschichten!
Sie habe von Seminarteilnehmern absolut positive Rückmeldungen erhalten, berichtete mir Konstanze Wortmann. Und ganz spontan hätten Menschen ihre Firmenklo-Geschichten erzählt. Nun ist sicher nicht alles für die Öffentlichkeit bestimmt, was auf einer als Krisenrückzugsort genutzten Toilette passiert. Aber es wird sicher ganz witzige, erzählenswerte und auch Mut machende Geschichten geben. Und wir würden uns freuen, wenn Sie diese mit uns teilen möchten.

Es gibt auch etwas zu gewinnen: Am 16. Juli verlosen wir unter allen, die mitgemacht haben, insgesamt drei Junfermann-Bücher. Den Titel dürfen sich die Gewinnerinnen und Gewinner aussuchen. Vielleicht fällt Ihre Wahl ja auf Letzte Zuflucht Firmenklo?

Produktivitätscheck im Homeoffice

Wo bleibt die Arbeitszeit?

Von Rositta Beck

Für mich ist es ein Privileg, auch im Homeoffice arbeiten zu können. Durch dieses Arbeitszeitmodell kann ich Privates und Geschäftliches besser miteinander vereinbaren und die jeweiligen Pflichten, die es zu erledigen gilt, leichter erfüllen. Auch meine Produktivität erhöhe ich auf diese Weise, da es weniger Unterbrechungen von außen gibt. Doch wie viel Zeit im Büro verbringe ich tatsächlich mit Geschäftlichem? Wie viel meiner Bürozeit schmilzt durch „schnell mal Spülmaschine einräumen, Waschmaschine anstellen …“ – also Privates? Das wollte ich genau wissen und nahm das Homeoffice-Modell einmal genauer unter die Lupe. Mein Fazit: Es gibt gute Gründe, warum es trotz technischer Möglichkeiten nicht zu einem Massenphänomen wird. Ein Grund ist: Es braucht ein gehöriges Maß an Selbstdisziplin und Selbstführung. Wenn Sie Homeoffice betreiben oder mit dem Gedanken spielen, es zukünftig für sich zu nutzen, finden Sie hier einige Tipps, damit das Arbeiten von zu Hause ein Erfolg wird:

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Die Vorbereitung

  1. Tipp: Planen und arbeiten Sie in „Blöcken“.

Das Bündeln von gleichartigen Aufgaben zählt zu den Methoden effizienter Arbeitsorganisation. Rüstzeiten fallen weg, da Programme bereits gestartet sind und auch der Kopf „gerüstet“ ist. Zu meinen Aufgabenpaketen im Homeoffice zählen

  • Angebote/Konzeptionen von Veranstaltungen,
  • Vorbereitungen von Beratungen, Coachings und Seminaren,
  • Marketingaktivitäten,
  • Produktentwicklung,
  • E-Mailmanagement sowie
  • Literatur, eigene Weiterbildung und Planung.
  1. Tipp: Nutzen Sie Farben für mehr Übersicht in Ihrer Aufgabenliste und im Kalender.

Vergeben Sie für jede Tätigkeit eine Farbe. Über Outlook heißt diese Funktion „Kategorien“. Neben der Farbe wird auch der Name der Tätigkeit angezeigt. Dieselbe Farbe kann mehrfach vergeben werden, beispielsweise Gelb für alle Aktivitäten rund um das Marketing (Blogbeitrag, Newsletter, Homepage-Texte …). Das erleichtert die Planung, da die farbigen Blöcke leicht zu finden und damit zu kombinieren sind.

  1. Tipp: Legen Sie am Vortag fest, was Sie am nächsten Arbeitstag erledigen.

Notieren Sie alle Aufgaben und priorisieren Sie Ihre Liste. Schätzen Sie zu jeder Aufgabe, wie viel Zeit Sie einsetzen werden. Mit der Frage „Wie viel ist die Aufgabe zeitlich wert?“ prüfe ich Aufwand und Nutzen. Nach Michael Gerber (2002) unterscheide ich zusätzlich Fachkraft-, Management- und Unternehmer-Aufgaben. Bei Letzteren geht es um die Arbeit am statt im Unternehmen. Diese Aufgaben haben einen besonders hohen Wert/Nutzen für mich. Legen Sie auch fest, wie viel Zeit Sie für Privates einplanen möchten.

 

Die Durchführung

  1. Tipp: Tracken Sie Ihre Aktivitäten.

Um eine Tagesauswertung zu erhalten, hatte ich mir zunächst einige Apps auf das Smartphone geladen. Keine so richtig gute Idee, denn da tauchen auch gerne Ablenkungen wie WhatsApp oder SMS auf. Ein Programm für die Erfassung unterschiedlicher Aktivitäten über den PC vergaß ich oft, da das entsprechende Fenster hinter der Anwendung lag.

Meine Lösung fand ich im ZEI Timeluar. Er sieht aus wie ein Würfel und hat acht beschreibbare Flächen. Es gibt auch vorbereitete Aufkleber mit Piktogrammen. Über Bluetooth ist der ZEI mit dem PC verbunden. Sobald ich die entsprechende Fläche nach oben lege, führt er Buch über meine Aufgabenart und -dauer.

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Wie einfach man den ZEI Timeluar anwendet, ist in diesem Video erklärt. Es gibt auch eine App für Android und IOS Smartphones. So ist auch das Tracken abseits des Schreibtisches möglich.

 

Die Auswertung

  1. Tipp: Werten Sie Ihren Arbeitstag aus.

Unliebsamen Aufgaben weichen Menschen ja gerne aus. Der ZEI Timeluar hat mir das Tracking meiner Arbeitszeit sehr leicht gemacht. Gut ablesbar war mein Ausweichmanöver vor der Tageskröte Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO). „Spontan“ lockte mich das Schreiben eines Artikels weg von ihr. Meine eigene Entschuldigung: Ein Artikel ist für das Marketing wichtig und den einen habe ich ja schnell aufgesetzt! Dachte ich! Am Ende des Tages blieb die DSGVO-Aufgabe unerledigt übrig. Machen Sie sich also nichts vor: Die Tageskröte wird Sie so lange verfolgen, bis Sie sie in Angriff nehmen – oder sinnvoll delegieren! (In meinem Fall freute sich eine externe Beraterin. Das war ich mir wert!)

Kommen auch Sie sich auf die Schliche. Stellen Sie sich diese Fragen und leiten Sie daraus Lösungen ab:

  • Wann und durch was bin ich vom Tagesplan abgewichen?
  • Wann habe ich eine Aufgabe angefangen?
  • Durch was wurde die aktuell begonnene Aufgabe unterbrochen?
  • Um welche Uhrzeit kamen die meisten Telefonate herein?
  • Welche Aufgabe habe ich spontan vorgezogen?
  • Mit was habe ich mich länger befasst als geplant?
  • Wie ist das Verhältnis zwischen Fachkraft-, Management- und Unternehmer-Aufgaben?
  • Wie viel Zeit nutzte ich für private Aktivitäten wirklich?
  1. Tipp: Feiern Sie sich für das Erreichte des Tages

Ein Blick auf meinen ZEI und ich kenne mein Zeit-Guthaben beispielsweise für Privates. Ich weiß jetzt, wie viel Zeit mich ein Artikel wirklich kostet und wie viele Stunden ich geschäftlich gearbeitet und privat genutzt habe. Guten Gewissens schließe ich meine Homeoffice-Bürotür, nachdem ich Tipp 3 umgesetzt habe. Yogamatte – ich komme!

Über die Autorin:

Coach Büroorganisation Coaching Arbeitsorganisation Prozesse

Coach Büroorganisation Coaching Arbeitsorganisation Prozesse

Rositta Beck spezialisiert sich mit ihrem Beratungs- und Weiterbildungsunternehmen auf Erfolgsstrukturen in der Büro- und Arbeitsorganisation. Seit 1999 zählen neben Büro-Check-Up und Vor-Ort-Beratung auch Seminare, Arbeitsplatz-Coachings, Webinare und Vorträge zum Angebot. Alles gewürzt mit einer Prise Humor. Mehr über Rositta Beck auf www.denkvorgang.com und www.arbeitsplatz-coaching.de.

2017 erschien ihr Buch Büro-Effizienz in zweiter Auflage im Junfermann-Verlag.

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Literatur

Gerber, Michael (2002): Das Geheimnis erfolgreicher Firmen. Warum die meisten kleinen und mittleren Unternehmen nicht funktionieren und was Sie dagegen tun können. ACCORD Unternehmensentwicklungsgesellschaft.

 

Eindrücke vom 2. Junfermann-Autorentag

Am 21. April luden wir zum zweiten Mal zum Autorentag nach Paderborn ein. Was wir 2016 erfolgreich begonnen haben, soll einmal eine Verlagstradition werden – so unser Plan. Gut 30 deutschsprachige Junfermann-Autorinnen und -Autoren hatten sich angemeldet, und das „Junfermann-Familientreffen“ konnte beginnen. Die Wiedersehensfreude war groß, denn bereits vor zwei Jahren hatten sich aus dem Autorentag freundschaftliche Kontakte entwickelt.

Verlagsleiter Dr. Stephan Dietrich hob in seiner Begrüßung die familiäre und herzliche Atmosphäre zwischen Autoren und Verlag hervor, und dankte den Anwesenden, dass sie sich trotz des strahlenden Sonnenscheins (der auch zu anderen Freizeitaktivitäten eingeladen hätte) auf den Weg nach Ostwestfalen gemacht hatten. Der gemeinsame Austausch sollte im Zeichen des Marketings stehen und den Autoren Tipps und Ideen mitgeben, wie sie ihr Buch in der Öffentlichkeit bekannt machen können.

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Unser erster Referent war Dirk Eilert, Autor von Mimikresonanz und als „Gesichterleser“ bekannt durch seine Fernsehauftritte, Radiointerviews und Präsenz in den Printmedien. Er sprach offen über seinen Werdegang vom Beamten zum erfolgreichen Trainer und Mimikexperten – machte aber auch deutlich, dass man engagiert sein Ziel verfolgen und Kontakte knüpfen muss, wenn man in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden will. Von nichts kommt eben nichts – Dirk Eilert merkt man seine Erfüllung allerdings deutlich an, denn er verdient seinen Lebensunterhalt mit einem Thema, für das er jeden Morgen mit Begeisterung aufsteht. So konnte er nicht nur einige Anekdoten aus seinem Autorenleben erzählen, sondern auch ganz konkrete Tipps geben, wie man sich zum Experten für ein Thema entwickelt.

Nach diesem Vortrag war Zeit für den Austausch zwischen Autoren und den Verlagsmitarbeitern aus Lektorat, Marketing und Vertrieb vorgesehen. Bei Kaffee und Kuchen wurden Pläne geschmiedet, Ideen ausgetauscht und neue Kontakte geknüpft.

Der nächste Programmpunkt war der Vortrag von Daniel Melle, der mit den „Sieben Ringen der Kraft“ einen Einstieg ins professionelle Online-Marketing präsentierte. Viele Autorinnen und Autoren konnten hier etwas lernen, was dann auch direkt umgesetzt werden konnte, denn die Schritte waren nachvollziehbar erklärt und erfordern keine riesigen technischen Veränderungen oder Investitionen. Manchmal kann es z. B. nützlich sein, einfach das eigene Facebook-Profil so anzupassen, dass man im Internet besser gefunden wird und seine Zielgruppe punktgenau erreicht. Daniel Melle hat uns übrigens mit seiner spontanen Zusage eine Sorge genommen: Die ursprünglich vorgesehene Referentin Regine Rachow war erkrankt und am Dienstag (ja, genau, dem Dienstag vor dem Samstag … ) sagte Daniel Melle dann: „Da hab‘ ich Bock drauf – ich komme!“ Ein absolut würdiger Ersatz mit einem spannenden Thema – danke nochmal!

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Zu guter Letzt hatten wir dann noch einen kleineren Themenblock zu Video- und Audioproduktionen vorgesehen: Jörg Küster von Dipol Media referierte über das Thema Buchtrailer und zeigte den hochprofessionell und trotzdem mit einem Augenzwinkern produzierten Trailer zum Buch Einfach visualisieren von Jörg Schmidt. Olaf Hemker vom Tonstudio klang:art berichtete über die Hörbuchproduktion und Hörbuchsprecher Thomas Krause erzählte aus seinem Sprecherleben (keine Lederjacke – die raschelt!) und lieferte eine fast comedyreife Performance, mit der wir alle nicht gerechnet hatten – die den arbeitsreichen Teil des Tages aber perfekt abschloss.

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So konnten wir gemeinsam den Tag fröhlich mit einem Essen im Restaurant Bobberts beschließen – mit vielen tollen Ideen und Kontakten, mit privaten Gesprächen, mit Herzlichkeit und Lachen – und am Ende hatten wir uns alle wieder ein Stück besser kennengelernt und angefreundet. Auch die neuen Autorinnen, die zum ersten Mal dabei waren, waren begeistert. So wächst die „Junfermann-Familie“ zusammen!

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Jetzt sind wir alle zurück in unserer täglichen Arbeit und setzen erste Ideen um.

Unser Fazit: Autorentag macht Spaß! Und falls das hier ein Verleger oder Verlagsmitarbeiter liest – wir empfehlen den Autorentag ganz dringend zur Nachahmung :-)!

 

 

 

 

 

Zu Besuch im Tonstudio klang:art

Am Puls der Tontechnik

Von Antje Abram

Was erwartet einen eigentlich, wenn man zum ersten Mal ein Tonstudio betritt?

Riesige Technikpulte? Hermetisch abgeriegelte Räume in dunklen Kellern? Eine Glasscheibe, durch die der „Technikmensch“ die Akteure beobachtet? Rauchige Luft von der letzten Musikband? Oder eine sterile Atmosphäre, damit auch ja nichts die Tonaufnahme stört?

Mitte März machte ich mich auf den Weg von Köln nach Castrop-Rauxel (wobei ich erst einmal das Internet befragen musste, wo das denn genau liegt), um aus meinem Buch Imaginationen ein Hörbuch zu machen. Den „normalen Text“ übernimmt später der professionelle Sprecher Thomas Krause, und ich durfte die Imaginationen einlesen, gut 90 Seiten – quasi als Profi für Imaginationen und Hypnotherapie. Zuvor hatte ich eine „Hörprobe“ geschickt, damit geprüft werden konnte, ob ich auch „geeignet“ wäre, den Text einzulesen. (Später wurde mir klar, warum das Abstimmen im Vorfeld so wichtig ist!)

Gelandet bin ich, vom Verlag vermittelt, beim Tonstudio „klang:art“ von Medienpädagoge und Tonmeister (VDT) Olaf Hemker.

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In einem schönen großen Haus führte mich Herr Hemker (für mich sehr bald schon: Olaf) ins Dachgeschoss. (Die Fantasie vom „dunklen Keller“ flog schon mal raus aus meinem Kopf.) Einer der Räume war tatsächlich mit beeindruckend viel Technik ausgestattet: ein riesiges Mischpult, viele Knöpfchen und Hebel und Computermonitore.

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Mein eigener Arbeitsplatz befand sich dann direkt nebenan: ein schallisolierter Raum, gemütlich mit Vorhängen abgehangen, irgendwie heimelig. Ein Klavier, Gitarren und allerlei Musikgerätschaften lagen herum – also doch ein Flair von Musikbands. Für mich stand ein schlichtes Pult bereit, ein Stuhl, ein Kopfhörer, ein Mikro. Eigentlich ganz einfach: Blatt mit dem Text auf das Pult legen, Kopfhörer auf, richtige Entfernung zum Mikro – und es geht los mit dem Lesen. Nur: Es bedarf wirklich größter Konzentration, um einen Text fehlerfrei, mit klarer Stimme und guter Betonung hinzukriegen. Das Blatt soll natürlich auch nicht rascheln, und sogar die „Speichelgeräusche“ hört Olaf Hemker genau. Ich lernte, dass Apfelsaft hilfreich ist, um den Mund auszutrocknen und die Speichelgeräusche zu reduzieren. Vor lauter „Bloß keine Nebengeräusche fabrizieren!“ war mein Körper ganz schön angespannt, was mir aber erst später wirklich auffiel.

Glücklicherweise haben es Imaginationsübungen so an sich, dass es immer mal wieder Pausen im Text gibt. – Gut für mich, so habe ich mich nicht allzu oft verhaspelt.

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Am ersten Tag haben Olaf Hemker und ich gut sieben Stunden gearbeitet, unterbrochen von einer Mittagspause beim Italiener. (Aber Vorsicht: Nichts essen oder trinken, von dem man aufstoßen müsste oder der Magen laut rumpeln könnte!)

Nach diesen sieben Stunden war es endgültig vorbei mit meiner Konzentration – und vor allem mit meinem Körper, der sich unbedingt mal wieder bewegen wollte. Ein Spaziergang, viel Yoga und anschließend Mengen an Essbarem haben da überaus gut weitergeholfen!

Übernachtet habe ich im Hotel Residenz, einem alten Jugendstilhaus mit hohen Decken und schönem Ambiente.

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Die herrlich knarrende Holztreppe erinnerte mich an meine Kindheit, an die Besuche bei meiner Oma. Glücklicherweise war die geräuschvolle Treppe durch eine Tür von den Zimmern getrennt – vielleicht war ich aber auch einfach nur total sensibilisiert von „Nebengeräuschen, die nicht sein sollen“, wer weiß?!

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Praktisch auch, wenn nach einem anstrengenden Arbeitstag die köstlichen Produkte vom Konditormeister in unmittelbarer Nähe im Erdgeschoss des Hauses auf einen warten! Mein Tipp: Mousse-au-Chocolat-Torte!

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Am zweiten Tag las es sich irgendwie fließend, wahrscheinlich auch mit dem Wissen, dass wir den größten Batzen schon am Vortag geschafft hatten. Und so waren wir tatsächlich mittags schon fertig.

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Ich habe mich bei Olaf Hemker mit seiner unerschütterlichen Ruhe und Geduld sehr gut aufgehoben gefühlt – vielen Dank dafür!

Eine professionelle Sprecherin möchte ich aber nicht werden. – Da gibt es einfach zu wenig körperliche Action! 🙂

Übrigens: Das Ergebnis meiner Bemühungen können Sie schon bald selbst hören. Dann wird mein Hörbuch die Junfermann-Audiodownloads ergänzen.

 

abram_2_2008 Über die Autorin

Antje Abram ist Gestalttherapeutin, Heilpraktikerin Psychotherapie, Systemische Familientherapeutin und Dipl.-Sportlehrerin für Behindertensport und Rehabilitation. Seit 1998 arbeitet sie in eigener Praxis in Köln.

Im Junfermann Verlag sind von ihr in der Reihe Therapeutische Skills kompakt die Bücher Imaginationen (2017) und Gestalttherapie (2013) erschienen sowie der Titel Fühlen erwünscht (2007) mit Co-Autorin Daniela Hirzel.

Weitere Informationen zur Autorin und ihrem Angebot erhalten Sie hier.

Hochstapler oder hochbegabt?

Glaubenssätze: Begleiter mit blockierender Kraft

Von Annette Bauer

Glaubenssätze, diese „inneren Wahrheiten“, beeinflussen unser Verhalten und unsere täglichen Handlungen. Sie bilden eine Art Rahmen, der im wahrsten Sinne des Wortes die Grenzen des Möglichen absteckt.

Wie wirken diese Glaubenssätze eigentlich genau? Und was macht sie in negativer Weise so kraftvoll, dass sie uns zuweilen blockieren?

Glaubenssätze

Robert Dilts spricht von Kongruenz mit dem, was wir glauben. Und Glaube ist in diesem Kontext = Wahrheit. Die empfundene Wahrheit des Individuums. Sie ist ein persönlich geprägtes, ureigenes Konstrukt des Einzelnen. Meine Wahrheit bilde ich aus meinen Erlebnissen, Erfahrungen und dem, was ich gelernt habe. Und damit ist nicht das erlernte Schulwissen gemeint, sondern das, was die „Schule des Lebens“ lehrt. Es handelt sich – und das ist ausschlaggebend – um ein geprägtes Bild dessen, was für mich wirklich ist, ohne der Realität zu entsprechen.

Auch wenn nicht jeder seine Glaubenssätze kennt, sind sie doch bei jedem vorhanden. Solange sie keine Blockaden auslösen und das Leben schwer machen, schlummern sie mitunter unbemerkt. Zwicken hier und da, aber man kommt klar.

Für Vielbegabte und sogenannte Scannerpersönlichkeiten, also Menschen, die über große Begeisterungsfähigkeit, Neugierde und Kreativität verfügen, gehen Glaubenssätze auch mit dem sogenannten Hochstaplersyndrom einher (engl. Impostor phenomenon, nach Clance & Imes, 1978, einzusehen unter http://psycnet.apa.org/record/1979-26502-001). Und das kann ein schmerzvoller Begleiter sein. Menschen, die darunter leiden, sprechen sich selbst ihr Können und ihre (nachgewiesenen) Erfolge ab. Und sie werden begleitet von typischen Glaubenssätzen wie „Ich bin nicht gut genug“, „Dieser Erfolg war ein Zufall/reines Glück“ … Bei Vielbegabten, die über Begabungen in mehreren Bereichen verfügen, variieren die Sätze: „Ich bin in nichts richtig gut“, „Ich bin in nichts ein Experte“ oder auch „Mich erkennt man nicht an, weil ich nichts richtig kann“.

Wenn ich auf mich selbst schaue, so kann ich sagen, dass ich die lähmende Kraft der Hochstapler-Glaubenssätze zur Genüge kenne. In der Zeit meines Lebens, als ich noch nicht wusste, dass ich vielbegabt und eine Scannerin bin, hatten mich diese Sätze immer wieder in ihren Klauen. Heute, vertraut mit meiner Begabung und nach einer persönlichen Spurensuche, nach inneren Auseinandersetzungen mit meinen persönlichen „Wahrheiten“ und Glaubenssätzen, hat sich etwas verändert. Ich erkenne die innere Stimme, die mir das Können und den Erfolg in jeglicher Form abspricht, und kann mit ihr umgehen.

Als Vielbegabte hatte ich schon immer meine Nase in allem. Es gab kaum etwas, dem ich gar nichts abgewinnen konnte. Immer fand ich etwas, was interessant schien, und langweilig wurde mir nie. – Na ja, solange ich Kind war. Im Heranwachsen lernte ich gähnende Langeweile sehr wohl kennen und sie wurde mir sehr vertraut. Immer wieder stürzte ich mich auf Neues und immer wieder wurde es langweilig. Immer häufiger wurde erwartet, dass ich an etwas dran bleibe. Heute weiß ich, dass sich für Scanner Themen erschöpfen können. Sind sie erfasst und erforscht, verlieren sie ihre Faszination und man legt sie zur Seite. Dazu zählen meist Hobbys und private Interessen. Mitunter ist aber auch der berufliche Kontext betroffen.

Jeder Scanner hat in irgendeiner Form im Laufe seines Lebens den Appell „Mach doch mal was zu Ende!“ gehört – und sich gefragt: „Wie jetzt? Es ist doch zu Ende!“ Aber nicht für Menschen, die nicht so denken und fühlen wie Scanner. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum sich das Hochstaplersyndrom sehr bequem bei Vielbegabten einnisten kann. Und hat es sich erst sein Nest gebaut und sich niedergelassen, entwickelt es sich zu einem festen Bestandteil des Selbstbildes und schmälert das Selbstvertrauen und behindert zuletzt die Fähigkeit zur Umsetzung von Vorhaben.

Neben der Vielbegabung, die langsam im Bewusstsein der Gesellschaft ihren Platz einnimmt, findet das Hochstaplersyndrom vor allem im Kontext klassisch definierter Hochbegabung Anerkennung.

Bei vielbegabten Scannern führt es dazu, dass die eigene Stärke, die in der Fülle und im sich immer wandelnden Interesse liegt, und die vielen Erfolge auf ganz unterschiedlichen Gebieten nicht erkannt und nicht anerkannt werden können. Der Grund dafür sind die Hochstapler-Glaubenssätze.

Und darum ist Glaubenssatzarbeit so wichtig. So, wie man lebensverändernde Umstände, Erlebnisse, Verluste usw. be- und somit verarbeiten kann, um sie ins Leben zu integrieren, ist es auch mit der eigenen besonderen Begabung. Das alleinige Wissen darum ist immer der erste Schritt. Für jeden Vielbegabten (oder in anderer Form Begabten) ist es wichtig, den Rahmen des eigenen Handelns und Denkens zu verstehen und die dahinter liegenden Glaubenssätze zu erkennen, sie zu be- und verarbeiten.

Und dann? Verschwinden sie, diese lästigen Sätze der inneren Stimme? Nein, das tun sie nicht. Glaubenssätze werden nicht „aufgelöst“, wie gemeinhin im Coaching gesagt wird. Aber sie werden entkräftet und integriert, wie die Erlebnisse und Erfahrungen, die im Coaching oder im therapeutischen Kontext bearbeitet werden. Während sie den Einzelnen (oder sollten sie sich übertragen, mitunter auch ganze Systeme) blockieren können, wenn sie unbearbeitet bleiben, werden sie durch Bearbeitung zu einem von vielen Bausteinen für den eigenen Lebensentwurf, die aber keine überdimensionale Kraft mehr entwickeln.

Als ich mein Buch zur Vielbegabung schrieb, klopften sie immer wieder an. Aber: Ich kannte sie, ihre Geschichte und ihre Ursprünge. Und so konnte ich den inneren Stimmen etwas entgegensetzen. Auch dann, wenn sie ihre Aussagen geschickt „verpackten“. So wurde aus „Ich bin nicht gut genug“ die Variante „Bestimmt taugt der Verlag nichts, wenn er jemanden wie mich ein Buch schreiben lässt“. Glaubenssätze können wie eine Zimmerpflanze Ableger hervorbringen. Wenn man den ursprünglichen Glaubenssatz bearbeitet hat, erkennt man die Ableger und kann ihnen sofort entgegenwirken. Und auch wenn mich das Hochstaplersyndrom nie ganz verlassen wird, kann ich ihm heute in den meisten Situationen freundlich zulächeln und fragen: „Ach, du bist das! Was willst du denn hier?“

Übrigens: Da Glaubenssätze alle Menschen begleiten und blockierende Kraft entwickeln können – völlig gleich, ob Viel-, Hoch- oder Normalbegabt –, hat jeder Mensch die Möglichkeit, sie sich anzuschauen und ihnen ihre lähmende Kraft zu nehmen.

Zum Abschluss möchte ich Ihnen hier eine kleine Selbst-Coaching-Übung zum Auffinden von blockierenden Glaubenssätzen mit auf den Weg geben:

  1. Führe dir Situationen vor Augen, die dich belasten und dich in negative Stimmungslagen führen. Gibt es Situationen, die sich ähneln?
  2. Welche Gefühle stellen sich in diesen Situationen ein? Gibt es auch hier einen roten Faden? Niedergeschlagenheit? Selbstzweifel? Traurigkeit oder Wut? Mutlosigkeit?
  3. Welche Sätze fallen dir jetzt ein, wenn du an diese Situationen und deine Befindlichkeiten in diesen Situationen denkst?
  • Ich habe es nicht verdient (erfolgreich zu sein).
  • Ich habe schon alles versucht./Das wird eh nichts.
  • Das kann ich nicht./Ich bin zu dumm dafür.
  • Dafür fehlt mir die Zeit/Begabung/Möglichkeit.
  • Geld verdirbt den Charakter.
  1. Welche Sätze könnten dich stattdessen begleiten? Wie könntest du diese negativen Glaubenssätze positiv formulieren?
  • Ich darf erfolgreich sein./Ich bin es wert!
  • Du schaffst das, wenn du es willst.
  • Ich werde XY auf meine Art erreichen.
  • Jeder Mensch hat Begabungen und ich setzte meine ein.
  • Geld eröffnet mir viele Möglichkeiten./Geld ermöglicht mir Großzügigkeit.
  1. Welche Situationen möchtest du in der nächsten Zeit mit anderen Vorzeichen erleben? Schreibe dir die dazugehörigen positiven Formulierungen auf und visualisiere sie. Mit einem Klebezettel auf dem Spiegel, Kühlschrank oder dem Armaturenbrett im Auto. Als Bildschirmschoner auf Handy oder Rechner. Mit einem Zettel im Portemonnaie.
  2. Ermögliche dir damit einen veränderten Umgang mit blockierenden Sätzen im Alltag.

Sehr hartnäckige Sätze, die dich wirklich massiv im Alltag behindern, lassen sich in einem Coaching mit verschiedenen Methoden bearbeiten.

 

3515 Über die Autorin

Annette Bauer, systemischer Coach, Strukturaufstellerin und Wingwave-Coach, ist seit fast 20 Jahren in der Begleitung und Beratung von Menschen in der Seelsorge tätig. Sie beschäftigt sich seit einigen Jahren intensiv mit der Lehre der Achtsamkeit und arbeitet als Coach mit Vielbegabten.

2017 erschien ihr Buch Vielbegabt, Tausendsassa, Multitalent? Achtsame Selbstfürsorge für Scannerpersönlichkeiten im Junfermann Verlag.

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