Damit Meetings nicht zum Zeitdieb werden

Mehr Zielorientierung und Motivation in Besprechungen

Von Stefanie Hecker

Endlosdiskussionen, die zu keinem Ergebnis führen, Entscheidungen, die wieder und wieder vertagt werden, Kollegen, die sich am liebsten selber reden hören … – Diese Aufzählung können Sie wahrscheinlich um eigene frustrierende Meeting-Erfahrungen ergänzen, oder?

Ich selbst habe am Anfang meines Berufslebens als Referentin Protokolle über diese Art von Sitzungen schreiben müssen. Als Berufsanfängerin der totale Horror. Und schon damals fragte ich mich, ob es nicht zielgerichteter zugehen könnte.

Eine Studie aus dem Jahr 2016 (nach Groll 2016) belegt, dass Mitarbeiter im Durchschnitt pro Woche (!) mindestens einen halben Tag in unproduktiven Meetings verbringen, Führungskräfte sogar einen ganzen Tag.

Nachdem mich Teilnehmende in meinen Zeitmanagement-Seminaren immer wieder auf genau dieses Problem ansprachen und um Lösungen baten, fasste ich den Entschluss, dem „Meeting-Problem“ systematisch auf die Schliche zu kommen, zu klären, warum Meetings eigentlich so unbeliebt geworden sind, und was man dagegen tun kann. Herausgekommen ist mein Buch Meetings und Besprechungen lebendig gestalten.

Eine meiner ernüchterndsten Erkenntnisse, die ich aufgrund meiner Recherchen für dieses Buch erwarb, war, dass sich in Meetings noch immer die Beteiligten durchsetzen, die die dominanteste Körpersprache haben, und nicht die mit den besten Argumenten. Kein Unternehmen, keine Institution kann so jemals besser werden!

 

 

 

 

 

Um es kurz zu machen: Es gibt Wege aus der Besprechungsfalle! Folgende vier Faktoren bilden den Kern einer lebendigen und effektiven Meetingkultur:

  1. Beteiligung,
  2. Ergebnisse,
  3. Dramaturgie und
  4. Abschluss.

Sie sind der Schlüssel zu fruchtbarem – das heißt: zielorientiertem – Austausch.

Die „Hauptrolle“ kommt dabei dem Faktor Beteiligung zu. Denn damit geht die Misere oft schon los: Wer sollte überhaupt anwesend sein? Braucht ein Meeting Zuhörer? Ich meine: Nein! Es sollten nur MitarbeiterInnen eingeladen werden, die auch einen Beitrag zum Thema und der Zielerreichung leisten können. Teilnehmende müssen sich aktiv am Geschehen beteiligen können. Wer nur stillschweigend dabeisitzt, weil sein oder ihr Fachgebiet nur gestreift wird, kann seine Zeit wirklich besser nutzen! Ein Protokoll im Anschluss der Sitzung reicht dann allemal.

Aber wie holt man die introvertierten KollegInnen geschickt ab, die aus dem Ring steigen, sobald die „Alphas“ ihren Auftritt haben? Für die Stillen unter uns gibt es nichts Schlimmeres, als unvorbereitet mit der Frage „Herr Müller, was sagen Sie denn dazu?“ überrumpelt zu werden.

Verschiedene Moderationstechniken wie etwa die Blitzlichtfrage können da Abhilfe schaffen: Es handelt sich beim Blitzlicht um eine allgemeine (offene) Frage, die die Besprechungsleitung zu Beginn, im Verlauf oder zum Ende eines Meetings allen Teilnehmenden stellt. Beispiele für solche Fragen sind etwa:

  • „Das heutige Meeting möchte ich mit einer Frage an Sie beginnen: Wie schätzen Sie die aktuelle Lage bezüglich XY ein?“
  • „Welche Themen beschäftigen Sie im Moment?“
  • „Wie ist Ihre Meinung zum Thema XY?“

Gewartet wird, bis alle geantwortet haben. So werden auch die introvertierten MitarbeiterInnen einbezogen, und zwar ganz ohne „Vorführeffekt“. Und nebenbei werden die Wortführer in ihrer Raum einnehmenden Präsenz in Zaum gehalten.

Gerade darüber habe ich mir viele Gedanken gemacht: Wie geht man eigentlich mit Alpha-Tieren im Meeting um? Es wäre unklug, sie vor versammelter Mannschaft in ihre Schranken zu weisen. Aber sie beständig wieder einzufangen, das ist – aus meiner Erfahrung – eine weitere notwendige Aufgabe der Besprechungsleitung. Manchmal hilft auch ein wertschätzendes, aber deutliches Vier-Augen-Gespräch, in dem ihre Energie kanalisiert wird. Glauben Sie mir: Ihre MeetingteilnehmerInnen werden es Ihnen danken!

Die primäre Aufgabe der Besprechungsleitung ist es also, dafür zu sorgen, dass alle Beteiligten ihre Expertise einbringen können, Ergebnisse erarbeiten und an einer gemeinsamen Zielerreichung mitwirken können und wollen. Denn im Kontext einer komplexer werdenden Arbeitswelt wird das Zulassen vielschichtiger Meinungen unverzichtbar und kann zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil werden. Auch steigt so die Motivation zur Beteiligung an einer Besprechung mühelos.

Doch nicht immer hat man das Geschehen in einer Besprechung selbst in der Hand, werden Sie einwenden. Als Eingeladener ist man manchmal ja der Besprechungsleitung ausgeliefert. Ist das wirklich so? Ich kann Ihnen versichern, es gibt immer eine Möglichkeit, aktiv mitzugestalten. In meinem Buch habe ich am Ende jedes Kapitels die wichtigsten Tipps und Vorgehensweisen aus beiden Perspektiven zusammengestellt:

  1. Was kann ich in der Rolle der Besprechungsleitung tun?
  2. Wie kann ich als betroffener Teilnehmer/betroffene Teilnehmerin eine ziellose Sitzung aktiv lenken?

Wenn Sie, hoffentlich inspiriert von den Tipps und Tricks aus dem Buch, Ihre Besprechungen auf den Prüfstand stellen, werden Sie feststellen, dass gut strukturierte Meetings, in denen alle TeilnehmerInnen eingebunden sind, schneller zu fundierten Resultaten führen. Der höhere Aufwand für die Vorbereitung zahlt sich doppelt aus: Langfristig werden Sie weniger Meetings haben, zu denen die Teilnehmenden motivierter erscheinen. Die vier von mir vorgestellten Erfolgsfaktoren dienen also einem höheren Zweck: Bessere Resultate – weniger Meetings! Mehr Zeit für die (noch) schöneren Dinge im Leben!

 

 

Über die Autorin:

Stefanie Hecker ist Diplom-Geographin und Personalentwicklerin. Zunächst war sie als Referentin in der internationalen Wirtschaftsförderung tätig, später erfolgte die akademische Weiterbildung zur Personalentwicklerin. Seit 2000 arbeitet sie als Trainerin für Kommunikation, Konfliktmanagement und Moderation von Besprechungen. Ihr Spezialgebiet sind Zeitmanagement und Selbstorganisation. Weitere Informationen erhalten Sie hier.

 

Quelle:

Groll, T. (2016): „Meetings: Überflüssige Arbeitstreffen kosten einen halben Arbeitstag pro Woche“. Zeit online vom 21.12. Einzusehen unter https://www.zeit.de/karriere/2016-12/meetings-arbeitszeit-verlust-studie

„Mach mal Achtsamkeit!“

Achtsamkeit und Meditation sind in aller Munde. Was einst belächelt und eher in die Esoterik- oder Hippie-Ecke geschoben wurde, ist inzwischen fester Bestandteil zahlreicher psychologischer Ansätze. Und die Wissenschaft bestätigt die günstigen Auswirkungen auf das menschliche Gehirn. Mittels Hirn-Scans wurde nachgewiesen, dass Meditation sogar bestimmte Bereiche im Gehirn wachsen lässt.

Auf dem Meditationskongress, der am 19. Oktober an der Frankfurter Universität abgehalten wurde, konnten weitere vielversprechende Studien vorgestellt werden. Doch zu Recht, wie wir meinen, wurde dort auch die Frage laut, ob und wie die positiven Vorerwartungen der Forschenden berücksichtigt worden seien.

Wir wollten selbst Feldforschung betreiben und drückten einer „Testperson“ unseren Titel Mindfulness – Gelebte Achtsamkeit von Edel Maex in die Hand mit den Worten: „Mach mal!“

Was dabei herausgekommen ist? Lest selbst:

 

Für die Oasen-Momente

Von Lena Drexler

Als meine Bekannte aus dem Junfermann Verlag an mich herantrat und mich bat, das Buch von Edel Maex einmal „praktisch auszuprobieren“, ging mir spontan eine Menge durch den Kopf. Meine Reaktionen reichten von Skepsis („Wieso ausgerechnet ich? Ist das ein Wink mit dem Zaunpfahl nach dem Motto: Komm mal runter!“?) über Freude („Hey, ich bekomme ein Buch geschenkt!“), Neugier („Achtsamkeit? Hmm…“) und auch ein wenig Frust („Ich hab gar keine Zeit dafür!“). Der Verlag meinte, ich gehöre eben zur Zielgruppe und wäre daher wunderbar geeignet. Außerdem könne mir das ja nicht schaden, ich sei ohnehin öfter mal gestresst und „ein wenig verpeilt“ von Zeit zu Zeit. (Unter Freunden darf man sich so etwas sagen. Trotzdem: Über diesen Punkt sprechen wir noch mal!) Da wäre Achtsamkeit doch genau das Richtige.

Lange Rede, kurzer Sinn: Von meinen Anfangsreaktionen siegte die Neugier. Schließlich ist Achtsamkeit schon lange überall im Gespräch und Meditieren ist irgendwie „in“ zurzeit. Also, warum nicht mal selbst testen?!

„Betrachten Sie es als ein Experiment, das Sie mit sich selbst durchführen“ heißt es im Buch. Auf dem Plan stand also – grob zusammengefasst: Acht Wochen lang jeden Tag 25 Minuten meditieren. (Okay, laut Edel Maex sollen es 45 Minuten täglich sein, aber man muss ja nicht gleich übertreiben.)

 

Es ist nicht gelogen und ich möchte mich beim Verlag auch nicht anbiedern, wenn ich schreibe, dass der erste Tag super war. Zumindest die ersten zehn Minuten. Ich war stolz auf mich, dass ich nicht wie sonst den Bürostuhl gleich gegen das heimische Sofa tauschte und mich den Rest des Abends vom Fernseher berieseln ließ. Ich tat etwas für mich! Und wenn man den Studien Glauben schenkt, passieren ganz viele tolle Dinge im Gehirn, wenn man regelmäßig dabeibleibt. (Welche Dinge das genau sind, kann ich nicht im Einzelnen wiedergeben. Ich bin ja keine Neurologin. Jedenfalls klingen die Ergebnisse der Studien immer toll.)

Nach den ersten zehn Minuten machte sich dann so langsam eine immer fieser werdende Unruhe in mir breit. Ich rutschte auf meinem Meditationskissen hin und her, in meinem Rücken piekste es und meine Knie wollten vom harten Boden, auf dem ich sie gebettet hatte, weg. Kurz: Ich wurde unleidlich. Und ich war froh, als die 25 Minuten vorbei waren.

Die Erfahrungen, die ich an den Folgetagen machte, kann ich kurz zusammenfassen: Es war eine Katastrophe! Ich versuchte mich derart verkrampft auf das Atmen zu konzentrieren, dass das Ein- und Ausströmen der Luft bald unnatürlich gedehnt oder – wahrscheinlich als Folge davon – gekürzt geschah. Am dritten Tag fühlte ich mich nach der Übung wie ein aufgeblasener Luftballon.

Zudem war es mir unmöglich, meine Gedanken – oder besser: meine Geistesblitze – zu kontrollieren. Mir war gar nicht klar gewesen, wie durcheinander es in meinem Kopf zuging …

Ich rief im Verlag an und erkundigte mich nach Risiken und Nebenwirkungen des Meditierens. Im Buch steht darüber nichts, aber vielleicht gibt es ja Typen, für die ist das Meditieren kontraproduktiv oder gar gefährlich? Man sagte mir, das gehöre zum Prozess. Ich sei auf einem guten Weg und solle einfach weitermachen.

Seltsamerweise fühlte ich mich – trotz der anfänglichen Schwierigkeiten – nach den Meditationen nicht schlecht. Wenn mir mein Handy nach 25 Minuten durch ein Signal zu verstehen gab, dass die Übung vorbei war, und ich mich wieder anderen Dingen zuwandte, hatte ich den Eindruck, mich diesen mit größerer Ruhe und Konzentration widmen zu können. Und in meinem Kopf, der sich während des Meditierens wie eine außer Kontrolle geratene Kreativitätsmaschine (gibt es so was?) gebärdete, fühlte es sich irgendwie „stiller“ und „weiter“ an. Anders kann ich es nicht ausdrücken. Ich weiß, es klingt ein wenig spooky. Tat aber gut.

Nach etwa einer Woche merkte ich kleine Veränderungen in meinem Alltag. Da ich mich gedanklich – und natürlich auch rein praktisch – so sehr mit dem „Projekt Mindfulness“ beschäftigte, übertrugen sich Prinzipien davon auf mein Tun im Allgemeinen. Bei einem unschönen Aufeinandertreffen mit meinem Nachbarn, der meinte, mich über das korrekte Mülltrennen belehren zu müssen, fiel mir dieser Effekt zum ersten Mal auf. (Nebenbei bemerkt: Mein Nachbar war von der Sache her im Recht. Aber da ich es nicht ausstehen kann, wenn man mich auf diese Weise maßregelt und blöd dastehen lässt, war ich in wenigen Millisekunden auf 180.) Die Sache, also das korrekte Mülltrennen, war mir egal. Ich wollte mich nicht so behandeln lassen und hatte große Lust, zum Angriff überzugehen. Zum verbalen Angriff, versteht sich. Dann, während mein Nachbar noch dabei war, mir anhand des Inhalts der Mülltonnen das Recyclen zu erklären, erinnerte ich mich plötzlich an den Kern der Achtsamkeitspraxis: wahrnehmen, nur wahrnehmen. Und das tat ich dann auch. Ich nahm meine innere Wut wahr, meine Empörung, aber auch ein wenig Scham wegen meines Mülltrennungsverhaltens (schließlich liegt mir selbst auch viel an der Umwelt). Ich verstand, dass ein verbaler Gegenangriff zu nichts führen würde – außer dazu, dass beim nächsten Nachbarschaftsfest einer von uns beiden nicht anwesend sein würde. Und ich fragte mich, welchen Ausgang ich mir selbst eigentlich wünschte. Dann atmete ich einmal tief durch und – gab dem Nachbarn recht. (Der war noch überraschter als ich über meine Reaktion und konnte erst einmal gar nichts mehr sagen.) Ich erklärte ihm, dass es nun mal einmal hatte schnell gehen müssen, dass ich aber grundsätzlich seine Einstellung zur Mülltrennung teile, ihn nur bitten würde, seinen Tonfall zu überdenken. Man könne ja vernünftig über alles reden. Mein Nachbar entschuldigte sich bei mir. Wir gingen friedlich auseinander. Ich war begeistert.

Ein anderes Beispiel: Joggen. Bei einer meiner letzten Joggingrunden, ich konzentrierte mich auf meinen Atem, um keine Seitenstiche zu bekommen, was offenbar ein Trigger für Achtsamkeit geworden war, spürte ich automatisch in mich hinein. Ich nahm wahr, was für ein perfektes Team da am Werk war: der Rumpf, der mir Stabilität gab, die Beine, die mich mit Muskelkraft vorwärtstrugen, die Lungen, die die Luft aufnahmen. Ich spürte den kalten Wind auf meinen Wangen und auf der Zunge und bemerkte, wie meine Hände durch die Anstrengung besser durchblutet und wärmer wurden. Ich war – zufrieden.

(…)

Um nun zu einem Fazit zu kommen: Die Hälfte der Zeit, die mir für mein Achtsamkeitsexperiment zur Verfügung gestellt wurde, ist vorbei. Ich habe bisher jeden Tag meditiert. An manchen Tagen, wenn die Zeit es zuließ, habe ich mich sogar zweimal 25 Minuten auf mein Kissen gesetzt. (Diesmal aber mit einer Decke als Unterlage, damit meine Knie nicht wieder protestierten.) Es gab Momente sehr angenehmer Ruhe und Momente, die einfach nicht enden wollten. (Wie lange habe ich schon nicht mehr gedacht: Die Zeit wird mir zu lang? Dass es das in unserer hektischen Gegenwart überhaupt noch gibt, ist ja auch schon bemerkenswert.)

Durch Achtsamkeit und Meditation werde ich vermutlich nicht zu einem anderen oder besseren Menschen. Ich glaube auch nicht, dass ich nach den acht Wochen erleuchtet bin oder mein Gehirn Salto schlagen kann (- aber das bleibt natürlich noch abzuwarten). Und Seitenstiche bekomme ich beim Joggen manchmal immer noch.

Aber ich bin aufrichtig dankbar für die kleinen Oasen-Momente, wie ich sie nenne, wo alles klar, ruhig und hell ist. Diese werden durch das Programm von Edel Maex zahlreicher, ich nehme sie bewusster wahr, initiiere sie vielleicht sogar selbst. Und ich bin dankbar für die winzigen Veränderungen in mir, meinem Verhalten, meinem Denken und Fühlen (siehe Beispiel Nachbar). Diese kleinen Veränderungen haben eine erstaunlich große Wirkung.

„Die achte Woche dauert den Rest Ihres Lebens“, behauptet Edel Maex in seinem Buch. Ich könnte mich damit anfreunden.

Auf dem nächsten Nachbarschaftsfest werde ich meinem recycelnden Nachbarn das Du anbieten. Und wenn er wieder einmal das Bedürfnis hat, mich oder andere Nachbarn lautstark über korrekte Mülltrennung zu belehren, dann schenke ich ihm einfach das Buch „Mindfulness – Gelebte Achtsamkeit“. So als Wink mit dem Zaunpfahl.

***

Welche Erfahrungen habt ihr mit Achtsamkeit und Meditation gemacht? Sendet uns eure Geschichten und gewinnt eins von fünf Exemplaren Mindfulness – Gelebte Achtsamkeit von Edel Maex.

 

Job-Coaching – aus der Praxis für die Praxis

Sich coachen zu lassen ist meist teuer. Schnell können dafür ein paar hundert Euro anfallen. Wer arbeitslos oder von Arbeitslosigkeit bedroht ist, kann bei seiner Arbeitsagentur einen Gutschein für ein berufliches Coaching bekommen. Job-Coaching soll helfen, Arbeitslose in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren. Das klingt erst einmal gut und vernünftig. Doch im Unterschied zum klassischen Karriere-Coaching treffen Coachs in den geförderten Maßnahmen oft auf ungeahnte Hindernisse. Sie begegnen Klienten, die unter Umständen mehr oder weniger unfreiwillig vor ihnen sitzen. Oft fühlen sie sich „geschickt“ und sind mitunter wenig motiviert, frustriert und hoffnungslos. Das Job-Coaching birgt viele besondere Herausforderungen. Und denen fühlen sich viele Job-Coachs nicht gewachsen, denn momentan arbeiten sie häufig nach der Devise „learning by doing“, zumal viele Job-Coachs Quereinsteiger sind und über keine einschlägige Qualifizierung in diesem Bereich verfügen.

Job-CoachingDas Buch Job-Coaching: Arbeitssuchende für den Arbeitsmarkt fit machen von Karin Kiesele und Andrea Schlösser will hier Abhilfe schaffen, indem es einen strukturierten Leitfaden bietet, angefangen von der Auftragsgestaltung über Besonderheiten und Hürden dieses Coaching-Settings bis hin zu einer Vielzahl praxiserprobter Methoden.

  

 

 

 

 

 

 

Leinen los für das Job-Coaching

Von Karin Kiesele und Andrea Schlösser

Die Arbeit als Job-Coach muss besonderen Anforderungen gerecht werden. Ob Business oder Life-Coaching – Die persönlichen Anlässe, ein Coaching in Anspruch zu nehmen, sind vielfältig. Bezahlt das Job-Center oder die Arbeitsagentur das Coaching, steht das Ziel bereits fest: Job-Coaching als geförderte Maßnahme soll Arbeitslose im Idealfall wieder auf den ersten Arbeitsmarkt eingliedern – die Aufnahme einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung ist gewünscht.

Das bringt für den Job-Coach einige Herausforderungen mit sich: Nicht nur die „unfreiwillige Freiwilligkeit“ beeinflusst den Beziehungsaufbau zum Klienten. Suchtprobleme, belastende Lebensumstände, schwierige Lebensbiografien oder traumatische Ereignisse haben in der Regel großen Einfluss auf die aktuelle Situation der Klienten. In klassischen Coaching-Ausbildungen wird auf die Zielgruppe „Arbeitslose“ und die geförderten Maßnahmen nicht eingegangen.

Zum Berufsbild des Job-Coachs gehören zum einen Haltung und Methoden des klassischen Coachings, zum anderen werden auch Fachkenntnisse über den aktuellen Arbeitsmarkt sowie Erfahrungen im Bewerbermanagement gefordert. Das Wissen über Ausbildungs-, Weiterbildungs- und Qualifizierungsmöglichkeiten ist in diesem Beruf ebenfalls von Vorteil. Im Bereich Job-Coaching arbeiten viele Quereinsteiger, wie zum Beispiel Sachbearbeiter, Verwaltungsfachangestellte, Betriebswirte, Arbeitspsychologen, Schauspieler, Lehrer und Journalisten. Jede dieser Berufsgruppen bringt spezielle Fachkenntnisse mit, die sich zusätzlich zu eine fundierten Qualifizierung im Bereich Coaching gut einbringen lassen. Wer jedoch ohne eine Coaching-Ausbildung als „Job-Coach“ arbeitet, hat vermutlich keinen einschlägigen Methodenkoffer im Gepäck. Er arbeitet als Coach und ist wahrscheinlich mit den wichtigsten Coaching-Grundsätzen nicht vertraut. Und oft genug stehen sie im Arbeitsalltag ohne große Unterstützung da.

Wir arbeiten beide im Bereich Job-Coaching als Ausbilderinnen und blicken auf rund 4000 Stunden Coaching-Erfahrung in diesem Bereich zurück. Von angehenden Job-Coachs wurden wir immer nach Literaturempfehlungen zum Thema gefragt. Trotz langer Recherchen sind wir nicht fündig geworden. Das war für uns der Impuls, all unsere Erfahrungen, Hilfreiches und Herausforderndes für andere Job-Coachs zusammenzutragen und aufzuschreiben. Es war und ist unser Ziel, Job-Coaches einen Leitfaden an die Hand zu geben, mit dem sie arbeiten können.

Dieses Buch bietet konkrete Hilfestellungen. Die einzelnen Etappen werden Schritt für Schritt beschrieben und wir gehen auf Besonderheiten und Herausforderungen ein. Wir geben Antworten auf die Fragen:

  •  Wie gehe ich damit um, wenn der Klient sich geschickt fühlt?
  • Wie kann ich dem Klienten gegenüber Vertraulichkeit zusichern, wenn ich Gegenüber dem Arbeitsamt oder Job-Center Bericht erstatten soll?
  • Wie spreche ich heikle Situationen an?
  • Wie wahre ich einen professionellen Abstand?
  • Wie schreibe ich eine gute Bewerbung mit meinem Klienten?

 

6 Gründe für dieses Buch:

  1. Theorie und Praxis vereint: Zum einen beinhaltet das Buch einen theoretischen Teil mit vielen Denk- und Arbeitsmodellen, zum anderen einen Methodenteil mit zahlreichen praxiserprobten Tools.
  2. Konzentriertes Know-how: Wir haben uns auf Wesentliches beschränkt, um das Buch als Nachschlagewerk attraktiv zu machen.
  3. Klare Umsetzungsanleitungen: Alle vorgestellten Methoden sind Schritt für Schritt erklärt.
  4. Sofort anwendbar: Die meisten Methoden brauchen keine besonderen Hilfsmittel. Mit der Umsetzung im Job-Coaching kann also gleich begonnen werden.
  5. Kostenlose Downloads: Ausgewählte Arbeitsmaterialien, wie beispielsweise die Werteliste oder der VAKOG-Test, befinden sich auf der Junfermann-Webseite zum kostenfreien Download – ganz ohne Anmeldung.
  6. Das Seminar zum Buch: Unser dreitägiges Seminar „Job-Coaching kompakt“ bietet neben der Vertiefung einzelner Inhalte ebenfalls die Möglichkeit für Fragen und den kollegialen Austausch.

 

Über die Autorinnen

Karin Kiesele ist als zertifizierter Personal- und Businesscoach (Coach QRC) und Kommunikationstrainerin im gesamten Bundesgebiet freiberuflich aktiv.

Nach ihrem Studium der Kommunikationswissenschaften und Hispanistik an der Freien Universität Berlin arbeitete sie über 25 Jahre als Fernsehjournalistin. Rund 15 Jahre war sie als Führungskraft bei nationalen und internationalen Liveshows für den Inhalt der Sendungen verantwortlich. Als Senior Producerin gestaltete sie den Aufbau und die inhaltlichen Abläufe der Produktionen und war eine zentrale Schnittstelle für nationale Künstler, internationale Stars, redaktionelle Gäste sowie interne Ansprechpartnerin für die Mitarbeiter der Sendungen.

Weitere Informationen über die Autorin und ihr Angebot erhalten Sie hier.

 

Andrea Schlösser ist als geborene Hauptstädterin in Berlin verwurzelt. Nach ihrer Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau, war sie zehn Jahre als Führungskraft mit Personalverantwortung bei der mobilcom debitel AG beschäftigt. Gleichzeitig absolvierte sie ein Fernstudium zur Handelfachswirtin sowie eine NLP- und Trainerausbildung. Im Anschluss folgte eine Mediations- und Coachingausbildung, dann die NLP Masterausbildung. Zuletzt ließ sie sich umfassend zur zertifizierten Supervisorin DGSv ausbilden. Seit 2011 ist Andrea Schlösser selbständig und arbeitet als freiberufliche Trainerin, Coach und Mediatorin für Firmen, Bildungseinrichtungen und Privatpersonen.

Weitere Informationen über die Autorin und ihr Angebot finden Sie hier.

 

Beide Autorinnen bieten gemeinsam Seminare, Workshops und Weiterbildungen in den Bereichen Coaching und Mediation an. Das Seminar „Job-Coaching kompakt“ ist passgenau auf die Bedürfnisse und Anforderungen für Job-Coachs zugeschnitten. Weitere Informationen zu den Angeboten finden Sie hier.

 

Malwand und Toilettenspiegel: Die Frankfurter Buchmesse 2018

„Wo ist denn das Buch vom Firmenklo?“ So oder so ähnlich wurden wir in diesem Jahr auf der Frankfurter Buchmesse immer wieder angesprochen. Die Fragenden gaben auf diese Weise eines preis: Sie waren gerade auf einer der Toiletten in Halle 3.1 gewesen und hatten beim Händewaschen dieses Bild vorgefunden:

Uns zeigt das: Werbung kann sehr wirksam sein, vor allem dann, wenn die Platzierung so stimmig ist. Konstanze Wortmanns Buch „Letzte Zuflucht Firmenklo?“ fand auf diesem Weg jedenfalls große Aufmerksamkeit. BuchMarkt-Kolumnist Matthias Mayer berichtete im „Messe-Mayer“ darüber, in den sozialen Medien fanden sich Selfies vorm Toilettenspiegel und die Neue Westfälische titelte: „Paderborn auf dem Klo“.

Eine andere Besonderheit fand sich am Messestand selbst. Passend zu unserer Neuerscheinung „You Are Here“ von Jenny Lawson hatten wir eine große Malwand anbringen lassen, mit einem Motiv aus dem Buch und viel Freiraum zum Selbstmalen. Kreide lag bereit und nach und nach füllte sich die Fläche, mit Zeichnungen und Kommentaren, wie: „Immer wieder schön hier.“ – Wenn das so ist, dann müssen wir wohl im nächsten Jahr wiederkommen!

Austausch und was Süßes: Wir besuchen den Kamphausen-Verlag

Alles begann bei einem Regionaltreffen des Börsenvereins, das im Juni in unseren Räumen in Paderborn stattfand. Zu den Gästen gehörten auch Mitarbeiter/innen des Bielefelder Kamphausen-Verlages. Und im Laufe des Abends entstand der Eindruck: Junfermann und Kamphausen haben doch einiges gemeinsam. Vielleicht sollte man diesen Kontakt vertiefen und zu einem längeren Austausch zusammenkommen?

Gesagt, getan. Irgendwann fand sich tatsächlich ein Termin, und so begab es sich dann, dass das Junfermann-Team sich am 25. September auf den Weg von Paderborn nach Bielefeld machte: „Coching fürs Leben“ (Junfermann) trifft „Bücher zum Sein“ (Kamphausen). In einer schönen Stadtvilla hat Kamphausen Media seine Räume, durch die wir als erstes geführt wurden. Zum eigentlichen Austausch fanden wir uns dann im Besprechungsraum, einem Wintergarten zusammen.

Beide Verlage würden schon in demselben Themenspektrum arbeiten, wobei Kamphausen etwas spiritueller ausgerichtet sei als Junfermann, so Verleger Joachim Kamphausen. Aber auch in der Verlagsgeschichte zeigen sich Unterschiede. So ist Junfermann, 1659 gegründet, einer der ältesten Verlage Deutschlands. Seit 2011 befindet er sich unter dem Dach der Klett-Gruppe. Die Ursprünge von Kamphausen Media gehen auf die 1980er-Jahre zurück, als Joachim Kamphausen mit zwei Freunden einen Verlag gründete. Zu den ersten Produkten gehörten Reflexzonen-Karten in Scheckkartengröße; sie sind bis heute im Programm. Mit den Jahren wuchs der Verlag, u.a. auch durch Übernahmen anderer Verlage aus dem spirituellen Bereich, wie Aurum, Lüchow oder Theseus. Diese Imprints haben eigene Themen und Zugänge, aber im Lauf der Zeit ändert sich hier auch mal was. So finden sich beispielsweise im eigentlich klar buddhistisch ausgerichteten Theseus-Programm jetzt auch Yoga-Bücher.

Nach vielen Informationen (Kopfnahrung) gab es einen Imbiss (Bauchnahrung), der gekrönt wurde von schön anzusehenden und köstlichen Kuchenteilchen.

Unser Fazit: Das Treffen war geprägt von großer Offenheit. Wir sehen uns nicht so sehr als Konkurrenten, sondern schauen eher, was wir voneinander lernen können. Der Austausch soll weitergehen.

Was bedeutet – für Sie persönlich – ein gelungenes Leben?

Raum für Neues

Alle Menschen wünschen sich ein Leben, das ihrer Persönlichkeit, ihren Bedürfnissen und Interessen entspricht. Ein gelungenes Leben also. Was „gelungen“ aber genau bedeutet, entscheidet jeder selbst. Und da beginnt die Herausforderung. Unsere Freiheit beglückt und verunsichert uns zugleich. Immer mehr Menschen haben das Gefühl, in einer Sackgasse zu stecken. Unzufriedenheit erfüllt sie, obwohl sie doch scheinbar alles haben, um glücklich zu sein.

Das neue Buch von Andrea Landschof Das bin ich!? richtet sich an Menschen, die Lust auf Veränderung haben und ihre verborgenen Talente entdecken möchten. Es hilft dabei, Lebensgeschichten (und -lügen) zu überprüfen und den Blick zu weiten auf noch nicht genutzte Chancen und Potenziale. Mit Methoden der Transaktionsanalyse gelingt es, unsere Persönlichkeit und unsere Beziehungen zu uns selbst und anderen zu reflektieren, zu verstehen sowie Veränderungen zu initiieren.

 

Lust auf einen ersten (Lese-)Eindruck? Na, dann los …

***

Einleitung

Liebe Leserinnen und Leser,

gehören auch Sie zu den Menschen, die ihren persönlichen und/oder beruflichen Weg aus den Augen verloren haben? Haben Sie das Gefühl, in einer Sackgasse zu stecken? Vielleicht sind Sie unzufrieden und drehen sich im Kreis; wissen nicht, ob Sie gehen oder bleiben sollen und ob die Entscheidung, zu der Sie tendieren, tatsächlich die richtige ist. Sie empfinden Leidensdruck aufgrund der aktuellen Situation und haben dennoch Angst vor einer Veränderung? Sie können nicht genau sagen, was Ihnen fehlt oder woher Ihre Unzufriedenheit rührt? Sie sind unsicher und wissen nicht, was Sie wollen – oder gar können – und wie Sie eine Veränderung initiieren sollen? – Dann begeben Sie sich mithilfe dieses Buches auf eine ganz persönliche Zeitreise und lassen Sie sich überraschen, was in Ihnen steckt!

Den meisten Menschen ist gar nicht bewusst, über welche Möglichkeiten sie verfügen. Unsere frühen Prägungen haben oftmals unsere Potenziale untergraben. Sie wurden verdrängt oder abgespalten, weil sie nicht gefragt, nicht erlaubt oder nicht erwünscht waren. „Kinder mit einem Willen kriegen was auf die Brillen!“, „Ein Indianer kennt keinen Schmerz!“ oder „Sei sittsam und bescheiden, das ist die schönste Zier, dann kann dich jeder leiden, und dieses wünsch ich dir“ sind möglicherweise früh übernommene Glaubenssätze, die uns noch heute beeinflussen und boykottieren können. Wir wissen nicht mehr, was wir wollen, weil wir den Kontakt zu den eigenen Bedürfnissen und Impulsen verloren haben. Wir zeigen keine Gefühle, weil diese uns selbst fremd geworden sind, und verhalten uns anspruchslos und angepasst. So bewegen wir uns jedoch mit angezogener Handbremse durchs Leben. Unsere in uns schlummernden Talente liegen brach. Dabei geht es im Leben doch darum, Veränderungen kraftvoll und selbstbestimmt zu gestalten, gute Entscheidungen zu treffen und neue Pfade zu gehen, zu sich zu stehen, mit Rückschlägen konstruktiv umzugehen, mit unliebsamen Gewohnheiten zu brechen oder gesetzte Ziele zu verfolgen.

Es muss also etwas anders werden, damit sich die Unzufriedenheit in Zufriedenheit und innere Ruhe verwandelt.

Seit über drei Jahrzehnten beschäftige ich mich mit persönlicher und beruflicher Entwicklung. In meiner Arbeit als Beraterin und Ausbilderin begegnen mir viele Menschen, die in Sackgassen feststecken und wieder Vertrauen in ihre eigene Selbstwirksamkeit gewinnen möchten, die sich fragen: „Wer bin ich eigentlich?“ und „Wohin möchte ich mich verändern?“. Sie wünschen sich Gewissheit, all ihre Potenziale und Talente im Leben auszuschöpfen.

Talent meint im Volksmund in der Regel eine besondere Begabung mit hervorstechenden Merkmalen, die nicht selten geldwerte Vorteile bringt. Es herrscht dabei heute noch der Mythos eines begnadeten Genies vor, dem alles ohne Mühen zufliegt. Wenn ich in diesem Buch von Talenten spreche, verbinde ich damit allerdings keine außerordentliche Begabung oder besondere Leistungsvoraussetzung einer Person auf einem bestimmten Gebiet. Es geht nicht um Talente, die sich mit genetischer und sozialisationsbedingter Unterstützung als überdurchschnittliche Fähigkeiten zeigen, die dann durch Übung weiter gefördert werden. So möchte ich Talente an dieser Stelle nicht verstanden wissen, sondern vielmehr als generelle Anlage und die Befähigung eines Menschen, sein Leben mit all seinen Herausforderungen zu meistern und dabei seine Fähigkeit zu denken, zu fühlen und zu handeln zu nutzen, um stimmige Lösungen zu kreieren.

Ich gehe davon aus, dass in jedem von uns von Geburt an ein unverwechselbares Wesensmuster angelegt ist. Wir reifen heran zu dem, was den Kern unserer Identität ausmacht, sofern uns die Gelegenheiten dazu gegeben sind und wir die Chancen nutzen, die uns das Leben bietet. Wir sind nicht nur ein von außen determiniertes Wesen, und wir sind nicht nur abhängig von Genetik und soziokulturellen Faktoren. Wir haben die Wahl, den Spuren unseres Wesens und unserer Talente zu folgen. Dabei muss unsere Talententwicklung nicht zu etwas Spektakulärem führen, wie etwa zu bahnbrechenden physikalischen Erkenntnissen im Ausmaß der Relativitätstheorie oder zu grandiosen Kompositionen wie die von Mozart. Talente auszuleben und sich zu etwas berufen zu fühlen kann auch bedeuten, dass Sie Ihren kreativen oder mathematischen Begabungen nachgeben, dass Sie verantwortungsvoll für Ihre Großmutter sorgen oder eine Familie gründen. Vielleicht entspricht es Ihrem Wesensmuster, eine bestimmte Lebensart zu pflegen oder einem bestimmten Hobby nachzugehen. Um seelisch und körperlich gesund zu bleiben, gilt es, unser Wesen zu respektieren und mit uns in Einklang zu bringen. Manche Prägungen drängen uns jedoch von diesem Kurs ab. Und damit geraten auch unsere Talente aus dem Fokus. Und werden zu sogenannten latenten Talenten. Unter latenten Talenten verstehe ich verdeckte, verhüllte, schlummernde, unbewusste, ungenutzte und im Verborgenen liegende Befähigungen, Anlagen und Potenziale des Denkens, Fühlens und Handelns. Um unsere Authentizität zu wahren, gilt es, unsere in uns schlummernden Talente zu entdecken, zu entwickeln und auszuschöpfen.

Die meisten Menschen tragen eine Sehnsucht in sich, ihr Leben so zu verändern, dass sie das Gefühl haben, „heil“ zu sein, wie es einmal eine Klientin ausdrückte. Dieses Buch ist ein Leitfaden und Arbeitsbuch für Menschen, die ihre eingefahrenen Sackgassen überprüfen und die ihre Blicke auf (nicht genutzte) Chancen und (nicht gelebte) Potenziale richten möchten; Menschen, die Lust auf Veränderung haben; die ihr Leben wieder in Passung mit ihrem Wesenskern bringen und es in Verbindung mit ihren äußeren Umständen gestalten wollen.

Sie werden zu einer persönlichen Zeitreise eingeladen, Ihr Leben im Heute zu reflektieren, mit Erfahrungen von gestern umzugehen und Visionen für morgen zu entwickeln. Und dabei soll die Wahrnehmung des bereits Gelungenen nicht außer Acht gelassen werden. Entdecken Sie Ihre verborgenen Talente, um mit deren Hilfe gute Entscheidungen zu treffen, Ihre persönlichen und beruflichen Herausforderungen zu meistern und stimmige und aktuelle Lösungen für unterschiedliche Problemlagen zu kreieren. Dazu spüren Sie aktuelle Störfaktoren auf und prüfen, was für Sie und Ihre Veränderungsprozesse jeglicher Art hilfreich sein könnte: die Komfortzone verlassen, sich von alten Sehnsüchten verabschieden und unsere Potenziale in den Erinnerungen entdecken. Sie entdecken den roten Faden in Ihrem Leben, der sich als Grundmuster Ihrer Persönlichkeit durch Ihre Biografie zieht und der nicht mehr passende und einschränkende Glaubenssätze zum Vorschein bringt. Sie entlarven Ihre Selbstsabotageaktionen. Das heißt, Sie werfen einen Blick auf Ihre unbewusst und selbst entwickelten „Stolpersteine“, mit denen Sie sich bisher in unterschiedlichen Lebenslagen ein Bein gestellt haben, zum Beispiel, indem Sie immer wieder an den „falschen“ Partner oder in den „falschen“ Job geraten sind. Und Sie erhalten Ideen zur Auflösung dieser Glaubenssätze. Mithilfe dieses Buches finden Sie heraus, warum Sie in bestimmten Situationen immer gleich reagieren, obwohl Sie es eigentlich anders wollen, und welche psychologischen Spiele Sie dabei immer wieder unbewusst spielen. Sie entkräften die Antreiber, die Sie im Alltag stressen, und lernen, was Sie brauchen, um stimmige persönliche und berufliche Entscheidungen treffen zu können. Zum Abschluss erfahren Sie, wie Sie sicher durch Zeiten des Umbruchs und der Veränderung kommen. Für die Übergangsphase werde ich Ihnen zur Unterstützung sechs konkrete Handlungsschritte zur inneren und äußeren Neuentscheidung zur Verfügung stellen, die Sie individuell für Ihren Prozess gestalten können.

Sie werden in diesem Buch immer wieder Ausführungen zur Transaktionsanalyse (TA) finden:

Die TA wurde von dem US-amerikanischen Psychiater und Psychotherapeuten Eric Berne (1919–1970) auf der Basis tiefenpsychologischer und verhaltenstheoretischer Ansätze entwickelt. Die TA fördert die Wahrnehmung des eigenen Erlebens, Denkens und der Emotionen und lädt zur Realitätsüberprüfung ein: Stammt mein Fühlen, Denken und Handeln aus dem Gestern oder ist es stimmig mit mir als Person und mit meiner heutigen Lebenswelt? In einfachen Worten umschrieben, bietet die TA Erklärungen für komplexe Sachverhalte in Ihrem Leben. Sie schärft den Blick für das Wesentliche.

Wenn Transaktionsanalytiker auf soziale Interaktionen oder einzelne Personen schauen, leitet sie die Überzeugung, dass Menschen von ihrem Wesen her in Ordnung sind und jeder die Fähigkeit hat zu denken. Transaktionsanalytiker gehen davon aus, dass es jedem Menschen möglich ist, durch das Nutzen seiner ihm innewohnenden Ressourcen autonome Entscheidungen für sich und andere zu fällen und die Verantwortung für diese Entscheidungen zu tragen. Damit verbunden, leitet sich die Lern- und Veränderungsfähigkeit eines jeden Menschen ab. Die Transaktionsanalyse hat das Ziel, Menschen darin zu unterstützen, ein selbst gestaltetes, selbst verantwortetes und autonomes Leben in Verbundenheit mit anderen Menschen und der Welt zu führen. Dazu benutzen wir unsere Fähigkeit zur Bewusstmachung der momentanen Gegebenheiten und unsere Fähigkeit, aus einer Bandbreite verschiedener energetischer Zustände auszuwählen. Diese als Spontaneität bezeichnete Fähigkeit beinhaltet eine Flexibilität, mit der wir in der Lage sind, Alternativen im Fühlen, Denken und Verhalten zu kreieren und im Hier und Jetzt zu handeln. Wir können frei auswählen und entsprechende unterschiedliche Reaktionsmuster einsetzen, ohne auf festgefahrene Erlebens- und Verhaltensmuster zurückzugreifen. Dabei sind wir bereit, uns auf einen echten emotionalen Kontakt mit anderen Menschen einzulassen. Diese Form von Intimität erlaubt es uns, Beziehungen und Begegnungen mit anderen zu gestalten, die frei von Spielen und Manipulationen sind. Wir können Nähe und Zuwendung geben und annehmen. Autonomie wird als „bezogene Autonomie“, die den Menschen in seiner Verantwortung als Teil der Welt darstellt, angesehen. Die TA bietet Instrumente zur Analyse und stellt Strategien zur Veränderung von inneren und äußeren Prozessen zur Verfügung.

Im Folgenden werden Sie die grundlegenden Konzepte der TA kennenlernen sowie Fallbeispiele, Erfolgsgeschichten, Tests und Anregungen zur Selbstreflexion erhalten, mit deren Hilfe Sie Ihre Verhaltensmuster untersuchen, verstehen und verändern können.

Ebenso kann dieses Buch auch von Beratern und Coaches in der Beratungspraxis eingesetzt und zum Thema persönliche und berufliche (Neu-)Orientierung und Entwicklung genutzt werden.

Je nachdem, an welchem Punkt Sie sich gerade befinden, können Sie das Buch chronologisch oder auch abschnittsweise lesen.

Aus Gründen der Lesefreundlichkeit verwende ich die männliche Form, wenn männliche wie weibliche Personen gemeint sind.

Zum persönlichen Schutz der Klienten sind alle Namen von Personen und Daten, die in diesem Buch als Anwendungsbeispiele verwendet werden, von mir geändert worden.

 

1. Alter Trott oder neue Wege? Wie Veränderung gelingt

 

1.1 Die Komfortzone verlassen

Denken Sie gerade intensiv über Ihre aktuelle private und berufliche Lebenssituation nach? Haben Sie Lust, die Ziele, die Sie verfolgen, zu überprüfen? Glauben Sie, dass in Ihnen noch verdeckt liegende Potenziale schlummern, und möchten Sie Ihren latenten Talenten auf die Spur kommen? Dann sind Sie in guter Gesellschaft! Das Bedürfnis nach Sinnerfüllung in Beruf und Privatleben entspricht inzwischen dem Zeitgeist. Das an sich ist völlig legitim und nachvollziehbar. Im Zeitalter des „Anything goes“ haben wir jedoch fast unendlich viele Wahlmöglichkeiten und stehen vor ganz individuellen Entscheidungen, wie wir unser privates und berufliches Leben gestalten wollen. In unserer mobilen Gesellschaft sind die unterschiedlichsten Lebens- und Arbeitsformen erlaubt. Lebensläufe sind nicht mehr vorgegeben, und entscheidende Veränderungen sind in jedem Lebensalter möglich. Identitäten können frei gewählt werden und laden Menschen zu stetigen Anpassungsleistungen ein. Was ein gelungenes Leben bedeutet, steht jedem frei, selbst zu entscheiden.

In meiner Arbeit erlebe ich die Freude vieler Frauen und Männer über ihre unterschiedlichen Entwicklungsmöglichkeiten und gleichzeitig ihre damit verbundene Verunsicherung. Die große Auswahl an Lebensentwürfen bietet uns eine bisweilen verwirrende Vielfalt. Viele scheinen erschöpft zu sein ob des stetigen Entscheidungsdrucks und des empfundenen Zwangs, dauerhaft ihr Wohlgefühl zu maximieren.

Um der Dynamik um uns herum gewachsen zu sein und ihr standzuhalten, ist es hilfreich, sich mit der eigenen Identität auseinanderzusetzen und das Leben so zu gestalten, dass wir im Einklang mit uns selbst und der Umwelt leben. Trotz oder gerade wegen der rasanten Veränderungen im Außen ist es wichtig, eine innere Stabilität zu wahren. Sonst werden wir zum Spielball der äußeren Verhältnisse. Psychische Widerstandsfähigkeit, die sogenannte Resilienz, erlangen wir unter anderem, indem wir uns mit der eigenen Biografie aussöhnen und unsere Potenziale ausschöpfen.

(…)

Das klingt zunächst recht simpel. Wie oft haben Sie schon gehört, dass Sie „einfach nur“ Sie selbst sein sollen und auf sich hören müssen, um ein authentisches Leben führen zu können? Aber so einfach ist es für viele Menschen eben nicht, da ihnen das Entscheidende fehlt: Die Erkenntnis, wer sie sind. Sie kennen ihre Potenziale nicht, und auch ihre inneren Motive sind ihnen fremd.

Um das subjektiv „Beste“ in uns zu entdecken, lohnt es sich, unsere Komfortzonen zu verlassen. Und es lohnt sich, unsere Persönlichkeit infrage zu stellen und lieb gewonnene Gewohnheiten abzulegen. Um Platz machen zu können für das Neue in uns.

Wir können auch als Erwachsene unsere Resilienzfaktoren fördern, wenn wir sie als Kind nicht erworben haben. Beispielsweise können Sie in diesem Buch herausfinden, wie die Muster, mit denen Sie die Welt erfassen, Ihre Reaktionen auf Stress- und Entscheidungssituationen prägen. Ganz im Sinne von Aaron Antonovsky (1997), einem israelisch-amerikanische Medizinsoziologen, geht es darum, Ihr Kohärenzgefühl zu stärken. Das Kohärenzgefühl ist eine Orientierung, die ausdrückt, in welchem Ausmaß Sie ein Gefühl des Vertrauens darauf haben, dass Ereignisse und Dinge, die sich im Lauf Ihres Lebens aus der inneren und äußeren Umgebung ergeben, strukturiert, vorhersehbar und erklärbar sind (Verstehbarkeit), Ihnen Ressourcen zur Verfügung stehen, um den Anforderungen dieser Ereignisse und Dinge zu begegnen (Bewältigbarkeit), und dass diese Anforderungen allesamt Herausforderungen sind, die Ihre Anstrengung und Ihr Engagement wert sind (Sinnhaftigkeit).

Im Zusammenhang mit Persönlichkeits- und Potenzialentwicklung ist auch die Frage interessant, ob unsere Persönlichkeit eigentlich festgelegt ist – oder in welchen Bereichen und in welchem Ausmaß wir uns oder unsere Charaktereigenschaften verändern können. Damit verbunden sehe ich auch die Frage, auf welche Weise wir Menschen an unsere Potenziale herankommen. Können wir überhaupt etwas entwickeln, das nicht da ist? Und wenn es vorhanden ist – als im Verborgenen liegende Ressource angelegt –, wie kommen wir dann an die Potenziale heran und können sie „ent-wickeln“?

Unterschiedliche Erklärungsansätze gehen heutzutage davon aus, dass unsere Persönlichkeit teilweise genetisch verwurzelt und teilweise durch Sozialisation geprägt ist. Ruhen Sie sich bitte nicht darauf aus, dass Sie dieses oder jenes vererbt bekommen haben oder dass Sie unwiderruflich durch Ihre Familie geprägt wurden. Diese Sichtweise würde uns jeglicher Freiheit berauben und uns zu Sklaven unserer Gene und Sozialisation machen. Unsere Persönlichkeit und damit auch unsere Lebensweise wären in diesem Fall durch innere (genetische) und äußere (sozialisierte) Vorgaben (vor-)bestimmt und eingeschränkt. Manche Persönlichkeitsanteile werden sicherlich immer unverändert bleiben. Sie werden als leiser Mensch nicht von heute auf morgen zu einem lauten Menschen werden. Aus einem extravertierten Menschen wird kein introvertierter Mensch. Wir haben aber die Gabe, bestimmte Persönlichkeitseigenschaften flexibel und zeitlich begrenzt einzusetzen, auch wenn sie unserer Natur wiedersprechen. So mussten Sie vielleicht auch schon einmal vor einer größeren Ansammlung von Menschen eine Rede halten, obwohl Sie solche Auftritte nicht sonderlich mögen. Mir geht es jedoch nicht um solche strategisch konstruierten und zeitlich begrenzten Aktionen, die wider unsere Natur sind. Es geht darum, dass Sie sich Ihren bisherigen Prägungen entgegenstellen und diese hinterfragen. Es ist möglich, über die beiden Einflussfaktoren Gene und Umwelt hinaus unsere individuellen Denk-, Fühl- und Verhaltensmuster zu verändern und die darin liegenden Potenziale ans Tageslicht zu bringen.

Lassen Sie uns mit einer Übung zur Potenzialentwicklung beginnen, und spüren Sie nach, ob Ihre Komfortzone dadurch berührt wird.

Bei der folgenden und allen anderen praktischen Übungen in diesem Buch sind Sie eingeladen, in Ihrem eigenen Tempo zu arbeiten und diesem entsprechend Pausen einzulegen, bevor Sie weiterlesen. Manche Fragestellungen und Anregungen benötigen vielleicht ein wenig mehr Zeit, damit das Gelesene und von Ihnen Geschriebene „sacken“ kann. Unterbrechen Sie dann gern die Aufgaben, gehen Sie spazieren oder unterhalten Sie sich mit einem lieben Menschen über Ihre Gedanken. Die Antworten auf die Fragen zur Selbstreflexion und zum Selbstanalysebogen werden Sie zu einer sehr persönlichen Zeitreise einladen. Sie identifizieren Ihre Schwachstellen und neuralgischen Punkte als auch Ihre Stärken und Ressourcen. Gehen Sie bitte nachsichtig und milde mit sich um. Alles, was Sie bisher entwickelt haben, hatte seinen Sinn und Zweck und seine Berechtigung zu seiner Zeit. Ich finde, es verdient eine Würdigung, dass Sie Ihr Leben auf Ihre eigene Art und Weise bis hierhin und heute gestaltet haben.

Die erste Anregung zur Selbstreflexion finde ich sehr wirksam, wenn es darum geht, unsere persönlichen Komfortzonen zu verlassen. Hinterfragen Sie Dinge, von denen Sie glauben, sie nicht zu können, oder von denen Sie glauben, sie tun zu müssen.

 

Anregung zur Selbstreflexion 1:  „Ich kann nicht“ und „Ich muss“

Schauen Sie auf Ihre derzeitige Lebenssituation und auf all das, was Sie meinen, nicht zu können. Typische Antworten wären zum Beispiel: „Ich kann diese Ungerechtigkeiten von X nicht mehr ertragen“ oder „Ich kann nicht Klavier spielen“. Lassen Sie sich Zeit und schreiben Sie so viele Sätze, wie Sie mögen, zu diesem Satzanfang auf.

Ich kann nicht …

Denken Sie nun an Dinge, von denen Sie glauben, dass Sie sie tun müssen. Zum Beispiel: „Ich muss jeden Morgen um sechs Uhr aufstehen und zur Arbeit gehen“ oder „Ich muss nachgiebiger werden“. Schreiben Sie einfach alles das auf, was Ihnen spontan aus Ihrem privaten und beruflichen Bereich einfällt:

Ich muss …

 

„Ich will nicht“

Wiederholen Sie nun bitte Ihre Ich-kann-nicht-Sätze und ändern Sie sie um in Ich-will-nicht-Sätze (z. B. „Ich will diese Ungerechtigkeiten von X nicht mehr ertragen“).

„Ich entscheide mich“

Wiederholen Sie nun Ihre Ich-muss-Sätze und ändern Sie sie um in Ich-entscheide-mich-Sätze (z. B. „Ich endscheide mich, jeden Morgen um sechs Uhr aufzustehen“).

Welche Auswirkungen hat das Ersetzen der Formulierung „Ich muss …“ durch „Ich entscheide mich …“ für Sie? Was verändert sich dadurch für Sie? Warum ergeben die Änderungen für Sie einen Sinn und warum nicht?

Haben Sie gemerkt, welchen Unterscheid der Austausch von „Ich kann nicht“ durch „Ich will nicht“ macht?

Einige Sätze bleiben natürlich in ihrer Wirkung bestehen und lassen sich durch die neuen Satzanfänge kaum umwandeln (zum Beispiel: „Wir müssen alle sterben“). In meinen Seminaren kommt daher zu Recht immer wieder die Frage auf, ob es nicht auch Muss-Sätze gibt, die bleiben, weil wir keine Wahl haben. Es gibt tatsächlich einige Sätze, bei denen ein „Ich entscheide mich“ infrage zu stellen wäre. So wie in dem angegebenen Beispiel. Doch wir haben trotz aller Bedingtheit immer die Wahl. Auch in größter Eingeschränktheit können wir bis zuletzt entscheiden, wie wir den jeweiligen Situationen begegnen. Beim Thema Sterben wäre es interessant, darüber nachzudenken, wie viel leichter wir „gehen“ könnten, wenn wir uns bewusst dazu entscheiden würden.

Als ich die obige Übung vor vielen Jahren in einem Seminar das erste Mal anbot, formulierte eine Teilnehmerin, die selbst als Trainerin arbeitete, den Satz: „Ich kann nicht vor großen Menschenmengen reden.“ Daraus wurde dann: „Ich will nicht vor großen Menschenmengen reden.“ Ihr fiel ein Stein vom Herzen, weil sie damit eine bewusste Willensäußerung machte, dann eine Entscheidung traf und es somit nicht mehr um ein Defizit ging: Ich will nicht und ich entscheide mich, nicht vor großen Massen von Menschen zu reden, weil es nicht meinem Wesen entspricht. (Eine alternative Formulierung könnte lauten: Ich entscheide mich, wann, wie häufig und wo ich es tue, weil es zu meinem Beruf gehört.)

Ende der 90er-Jahre begannen viele Trainerinnen eine Ausbildung zum „Speaker“ und stürmten auf die großen Bühnen. Dadurch entstand bei vielen Kolleginnen und Kollegen ein großer Erfolgsdruck, es ihnen gleichzutun. So auch bei meiner Teilnehmerin. Wie eine innere Erlaubnis, es auf ihre eigene Art zu tun oder zu lassen, wurde daher die Aussage „Ich will nicht“ empfunden. Sie macht selbstbestimmter. Dieses selbstbestimmte „Ich will nicht“ lag zuvor im Verborgenen und war ein latentes Talent, bevor es zum Vorschein und zum Einsatz kam und dadurch sichtbar wurde. Eine Fähigkeit also, die bis dahin nicht genutzt wurde.

Durch die vorausgegangene Übung wird unsere Komfortzone „irritiert“, und wir werden auf die Macht der Worte aufmerksam gemacht. Durch den Austausch von nur einem Verb können Sie Haltung und Gefühl zu einer Situation oder einer Begebenheit verändern! Und damit auch Ihr Verhalten. Sie bringen sich in Kontakt mit Ihren Potenzialen. In den Sätzen, die mit „Ich will nicht“ und „Ich entscheide mich“ beginnen, zeigt sich Ihre Fähigkeit, bewusst und selbstbestimmt durchs Leben zu gehen. Etwas nicht zu wollen entspringt einer anderen Haltung, als etwas nicht zu können. Etwas tun zu müssen beinhaltet eine andere Haltung, als sich für etwas zu entscheiden. Haben Sie bemerkt, dass die Verantwortung und die Entscheidung dafür bei Ihnen liegen? Natürlich ziehen Entscheidungen immer Folgen und Konsequenzen nach sich. Damit dürfen wir umgehen und daraus lernen. Und darum geht es!

(…)

***

Das Buch ist ab dem 21. September im Handel erhältlich.

 

Über die Autorin

Andrea Landschof ist Transaktionsanalytikerin, Lehrsupervisorin und Lehrcoach. Als Inhaberin des Beraterwerkes Hamburg, einem Institut für Fort- und Weiterbildung von Berater*innen und Transaktionsanalytiker*innen, begleitet sie seit über 25 Jahren Menschen bei der beruflichen Orientierung.

Herz und Verstand. Zum Tod von Steve Andreas

„My feelings for Steve have always been love, appreciation, respect and gratitude. He positively touched the lives of many people in this world, including mine.” – Robert Dilts

 

Steve Andreas ist am 7. September 2018 im Alter von 82 Jahren gestorben. Als wichtiger Wegbereiter des NLP hat er, meistens zusammen mit seiner Frau Connirae Andreas, zahlreiche Bücher verfasst, von denen die meisten in deutscher Übersetzung bei Junfermann erschienen sind. Doch er war nicht nur Autor, sondern auch Verleger. 1967 gründete er den Verlag „Real People Press“, weil er ein Buch seiner Mutter Barry Stevens herausbringen wollte, das diese gemeinsam mit Carl Rogers geschrieben hatte: „Von Mensch zu Mensch“.

Steve Andreas hatte ursprünglich Chemie studiert und auch als Chemiker gearbeitet. Danach absolvierte er ein Psychologiestudium und war als Dozent an einem College tätig. Er lernte Fritz Perls kennen, widmete sich der Gestalttherapie und brachte Bücher von Perls heraus.

In den 1970er-Jahren beschäftige er sich zunehmend mit NLP und gründete mit seiner Frau Connirae „NLP Comprehensive“, eines der ganz wichtigen Weiterbildungsinstitute auf diesem Gebiet. Auch verlegerisch förderte er seither das NLP. Bei Real People Press erschienen Bücher von Bandler und Grinder, aber auch eigene Werke. Mit Charles Faulkner gab er in den 1990er-Jahren den Band „NLP – The New Technology of Achievement“ heraus, deutsch: „Praxiskurs NLP“.

Neben Richard Bandler, John Grinder und Robert Dilts kann man Steve Andreas mit Recht zu den „Großen“ im NLP rechnen. Sein langjähriger Freund und Weggefährte Robert Dilts schrieb, sie seien sich auf fachlicher Ebene nicht immer einig gewesen, aber aufgrund ihrer tiefen Freundschaft hätten sie immer offen damit umgehen können.

 

You are here!

Kunsttherapie, treuer Begleiter, Humor und Malbuch in einem

Die bekannte US-amerikanische Bloggerin Jenny Lawson hat ein einzigartiges Buch geschrieben: YOU ARE HERE ist ein Kompendium des empathischen Umgangs mit sich selbst, das Kreativität und Meditation fördert. Die Idee für dieses Buch kam ihr auf einer Lesereise. Mithilfe der Zeichnungen und Texte konnte sich Jenny Lawson, die selbst unter Ängsten und Depressionen leidet, über Momente der Verzweiflung hinweghelfen. Das Ergebnis – zunächst publik gemacht über ihren Blog – stieß in kürzester Zeit auf ungeheure Resonanz. Ihre Leser*innen fühlten sich abgeholt, getröstet, verstanden. YOU ARE HERE bündelt nun all diese motivierenden Bilder und Zeilen auf perforierten Seiten, die nach Lust und Laune ausgemalt, übermalt, herausgerissen, aufgehängt oder verschenkt werden können. So nimmt das Buch die Leser mit auf eine Reise, die bei ihnen selbst beginnt. Egal ob es um Angstzustände, Depression oder ganz einfach das Gefühl geht, in bestimmten Situationen fehl am Platz zu sein – in den kurzen, mal einfühlsamen, mal witzigen, mal zornigen, stets aber authentischen Texten und den sie begleitenden Zeichnungen findet jeder ein Ventil für die dunklen, verzweifelten Momente im Leben.

In unserem Interview spricht Jenny Lawson über die besondere Gestaltung des Buches, seine Botschaft – und über ihre Vorliebe für deutsches Essen …

 

  Über die Autorin

Jenny Lawson ist Autorin und Kolumnistin und vor allem für ihren offenen, humorvollen Umgang mit ihrer psychischen Erkrankung bekannt. Ihre beiden autobiografischen Bücher schafften es auf Platz 1 der New York Times-Bestsellerliste, ihr Blog wird von Hunderttausenden Leserinnen und Lesern monatlich besucht. Lawson lebt mit Mann und Tochter in Texas.

www.thebloggess.com

Ihr Buch YOU ARE HERE erscheint am 19. September bei Junfermann.

 

„Wir tragen heute immer noch die Steinzeit-Betriebsversion des Gehirns 1.0 unter der Schädeldecke!“

„Immer mit der Ruhe! Wie Sie Ihr Gehirn zur Gelassenheit erziehen“ von Doris Iding und Nanni Glück ist ein Ratgeber und Rettungsanker in stürmischen Zeiten. Für Menschen, die spüren, dass sie sich in all dem Multitasking und To-do-Listen-Abhaken selbst verlieren; die Entschleunigung suchen und sich nach innerer Ausgeglichenheit sehnen.

Wir sprachen mit den Autorinnen über unsere „gestresste Gesellschaft“, Achtsamkeit und Selbstmitgefühl – und über das Glück …

   Interview Teil II – mit Autorin Nanni Glück

 

Liebe Frau Glück, „Immer mit der Ruhe! Wie Sie Ihr Gehirn zur Gelassenheit erziehen“ lautet der Titel Ihres aktuellen Buches. Die Formulierung lässt den Eindruck entstehen, dass Stress zuallererst im Kopf entsteht. Denken gestresste Menschen also nur „falsch“?

Nanni Glück: „Falsch“ würde ich jetzt nicht unbedingt sagen, denn das würde ja implizieren, dass etwas Fehlerhaftes und Selbstverschuldetes vorliegt. In der Tat ist es jedoch so, dass gestresste Menschen mit unheilsamen Reaktionsmustern auf die Anforderungen des Alltags reagieren. Dies führt dazu, dass sie bestimmte Situationen im Alltag als für sie bedrohlich klassifizieren. Allerdings können wir Menschen nicht wirklich etwas dafür – Schuld an diesen unheilsamen, leider auch automatisch ablaufenden Reaktionsmustern hat unser immer noch steinzeitliches Gehirn, das einfach nicht zum Glücklich- oder Gelassensein optimiert wurde. Unser Gehirn wurde vielmehr dafür ausgerichtet, unser Überleben in einer sehr gefährlichen Umwelt zu sichern. Und dafür hat sich Mutter Natur einiges einfallen lassen. Doch obwohl sich unsere Umwelt mittlerweile stark verändert hat, tragen wir heute immer noch die Steinzeit-Betriebsversion des Gehirns 1.0 unter der Schädeldecke. Die dazugehörigen „Support-Komponenten“ machen uns heute das Leben jedoch ganz schön schwer, denn unsere automatisch aktivierten Reaktionsmuster passen nicht mehr zu unseren gegenwärtigen Stressoren: Statt Säbelzahntiger bedrohen heutzutage Termin- und Leistungsdruck unseren Seelenfrieden.

 

Einerseits leben wir in einer Leistungsgesellschaft, die einen gewissen Stresspegel mit sich bringt. Andererseits steht uns heutzutage jeglicher Komfort zur Verfügung und die verschiedensten Möglichkeiten zum Entspannen sind greifbar. Warum gelingt es uns trotzdem nicht mehr, zu entspannen?

Nanni Glück: Da haben Sie recht! Das Angebot an Möglichkeiten zum Entspannen scheint täglich zu wachsen. Doch die bloße Infrastruktur reicht leider nicht aus, um wirklich mal abzuschalten und die Akkus aufzuladen. Wer kennt das nicht: Da gönnt man sich ein Wellness-Wochenende, möchte sich wohlig den kundigen Händen des Entspannungsmasseurs anvertrauen, doch die Gedanken an die Arbeit lassen sich einfach nicht abschalten! Wir können nicht entspannen, weil wir schlichtweg verlernt haben, wie das geht. Schauen Sie, wir bewegen uns mit Vollgas durchs Leben. Wir wollen etwas erreichen, in jeder Rolle, die wir spielen, erstklassig performen. Vor allem Frauen sind hier gefährdet: Supermami, erfolgreiche Geschäftsfrau, aufregende Geliebte, verständnisvolle Freundin – ich frage Sie, wie kann man in 24 Stunden das alles unter einen Hut bringen? Um das zu schaffen, powern wir uns durch den Tag. Dabei wird das sympathische Nervensystem aktiviert und wir laufen auf Hochtouren. Der Hormoncocktail, der dabei produziert wird, pusht uns noch mehr. Wir entfernen uns von Stunde zu Stunde mehr von dem natürlichen Gleichgewicht aus Anspannung (Sympathikus) und Entspannung (Parasympathikus). Haben wir zudem noch verspannte Muskeln, so kann sich ein regelrechter Teufelskreis entwickeln: Die angespannten Muskeln signalisieren dem Gehirn Gefahr. Und unser besorgtes Steinzeitgehirn reagiert sofort. Keine Chance mehr, einfach so wirkungsvolle Entspannung zu finden.

 

Der Mediziner Prof. Dr. Hans Selye, einer der Pioniere der Stressforschung, hat mal gesagt: „Stress ist Leben“. Wir können ihm nicht entgehen, und nicht jeder Stress macht krank. Wir brauchen sogar positiven Stress. Wann wird Stress gefährlich, und woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass in unserer Gesellschaft gerade die negativen Auswirkungen von Stress so ausufern?

Nanni Glück: Stress ist und war noch nie das Problem! Alle Lebewesen, so auch wir, haben bereits fest installierte Programme, um mit Stress – sprich: mit bedrohlichen Situationen – umzugehen und diese Situationen mehr oder weniger unbeschadet überstehen zu können.

Das Problem ist vielmehr die Dauer der als stressbehaftet empfundenen Situation und die Art unserer Stressoren. Während unsere automatischen Stressreaktionen perfekt dafür ausgelegt sind, akute Gefahren für Leib und Leben abzuhalten, indem sie uns in einen Zustand höchster körperlicher Aktionsbereitschaft versetzen, schaden sie unserer Gesundheit, wenn wir Stress zum Dauerbrenner werden lassen. Was ursprünglich dafür gedacht war, unser Leben zu retten, wird dann potenziell lebensbedrohlich. Nehmen wir als Beispiel das Stresshormon Cortisol, das in den Nebennieren produziert wird. Es unterdrückt unsere Immunreaktion, lässt den Blutdruck ansteigen und hilft, Zucker freizusetzen. Durchaus sinnvoll, wenn es sich um eine akute Bedrohung handelt, denn es macht uns leistungsfähiger und fokussiert unsere körperliche Aktivität auf das für diesen Moment Wesentliche: zu kämpfen oder zu fliehen. Durch körperliche Anstrengung werden die Stresshormone wieder abgebaut und der Körper befindet sich in einem regulierten Zustand.

Unsere modernen Stressoren lassen sich jedoch nicht mit körperlicher Aktivität bewältigen, und die Dauer der als stressbehaftet empfundenen Situation kann sich in manchen Fällen sogar über Monate hinziehen. Dann können Krankheiten wie chronische Entzündungen, Bluthochdruck oder Diabetes entstehen. Ganz zu schweigen von den Auswirkungen auf unsere Psyche: Cortisol macht uns ängstlicher und raubt uns nach und nach die Zuversicht. „Oh nein – wie soll ich das denn auch noch schaffen?!“ ist ein typischer Gedanke eines stressgeplagten Gehirns.

 

Inwieweit haben die Medien Einfluss auf das Entstehen von Stress und unser „Stressmanagement“?

Nanni Glück: Unser steinzeitliches Gehirn wurde mit einem hypersensiblen Alarmsystem ausgestattet, das nicht mal den Standby-Modus kennt und schnell auf äußere Reize anspringt. Diesen Zustand bezeichnet man auch als den sogenannten Savannen-Modus: Unsere Vorfahren lebten in savannenähnlichen Landschaften und spazierten immer leicht angespannt-besorgt durch die Welt, um ja nicht aus Sorglosigkeit vom Säbelzahntiger gefressen zu werden oder auf sonst eine Art und Weise ihr Leben zu lassen. Die modernen Medien begünstigen in gewisser Weise diesen in unserem Gehirn installierten Betriebsmodus. Indem wir auf jedes „Pling“ unserer vielzähligen digitalen Kommunikationsmedien sofort reagieren, rutschen wir automatisch immer tiefer in diesen reaktiven Zustand und lassen uns viel leichter unter Stress setzen. Situationen, die wir in entspannter Gemütslage als nicht stressbehaftet einschätzen würden, erscheinen uns auf einmal schwer zu bewältigen und setzen uns unter Druck.

Doch nicht nur die Art und Weise, wie wir mit den modernen Medien umgehen, lassen unser Stressempfinden zunehmen, vor allem auch die Inhalte schüren unbegründete Ängste in uns. Schlagen Sie doch mal die Zeitung auf, machen das Radio oder den Fernseher an oder schauen ins Web: Wie oft verkünden die Medienhäuser gute Nachrichten? Im Verhältnis überwiegen Bad News gegenüber Good News doch enorm. Natürlich weil sich damit Geld verdienen lässt. Das Phänomen der Angstlust beschert den Machern Auflage, Reichweite, Quote und Clicks. Den Konsumenten jedoch auf Dauer eine niedrigere Stresstoleranz und schrumpfende Resilienz!

 

Wie kamen Sie auf die Idee, ein Buch zu diesem Thema zu schreiben – auch angesichts der Fülle bereits vorhandener Literatur?

Nanni Glück: Die Literatur zu diesem Thema, die bislang auf dem Markt zu finden ist, kann sich entweder eines gewissen esoterischen Touches nicht erwähren oder ist sehr wissenschaftlich gehalten. Es war mir eine Herzensangelegenheit, ein Buch zu schreiben, welches wissenschaftlich fundiert und doch mit leichter, unterhaltsamer Sprache einen Überblick über den aktuellen Stand zur Stressbewältigung mit Mediation und Achtsamkeit bietet. Kurzweilig sollte es sein und Spaß machen – ich komme ja aus der Werbung. Gemeinsam mit meiner Studienfreundin Doris, die mit mir damals in Japan war und schon einige Bücher zum Thema Achtsamkeit veröffentlicht hat, ist uns dies – so glaube ich wenigstens – ganz gut gelungen!

Die Idee zum Buch kam natürlich auch durch meine persönliche Geschichte. Zum ersten Mal kam ich mit dem Thema Meditation und Achtsamkeit (im weitesten Sinne) vor gut 25 Jahren in Japan in Kontakt. Neben Psychologie und Volkswirtschaft habe ich in München auch Japanologie studiert. Wir hatten damals eine buddhistisch ausgerichtete Partneruniversität in Tokyo, und meine „Gasteltern“ waren ein buddhistischer Priester und seine Familie. Im Rahmen des Aufenthaltes besuchte ich auch ein Waldkloster, lernte die Mediationstechnik kennen, Ikebana, die Tee-Zeremonie und die Feuer-Zeremonie. Ich war zutiefst begeistert, so, wie man sich mit Anfang 20 eben nun mal begeistern lässt. Als ich vor einigen Jahren privat einer erheblichen Herausforderung gegenüberstand und drohte, mich daran aufzureiben, kamen mir meine Erfahrungen aus Japan wieder in den Sinn. Genauer gesagt, das durchweg heitere Lächeln meiner Gasteltern, egal, was gerade passierte. Ich begann, regelmäßig zu meditieren und mich in Achtsamkeit zu schulen. Was soll ich sagen: Meine Probleme wurden zwar nicht weniger, aber meine Einstellung änderte sich radikal. Ich konnte wieder lösungsorientiert handeln, statt mich selbst zu zerfleischen und – das Allerwichtigste – meine Zuversicht in mich, meine Fähigkeiten und das Leben an sich nahm wieder zu. Beeindruckt von den Erfolgen machte ich mich daran, die aktuellsten wissenschaftlichen Untersuchungen zum Einfluss von Achtsamkeit/Meditation auf die Wirkungsweisen unseres Gehirns zu studieren. Hier konnte man in den letzten Jahren wirklich Bahnbrechendes zutage fördern. Woran viele schon seit über 2000 Jahren glauben, kann nun wissenschaftlich dank modernster bildgebender Verfahren belegt werden. Die Mediations- und Achtsamkeitspraxis kann sich damit aus der häufig belächelten und als unglaubwürdig klassifizierten Esoterikecke befreien, denn der Nutzen auf unsere geistige Gesundheit ist evident.

 

In Ihrem Buch gehen Sie auch stark auf evolutionäre und neurologische Grundlagen von Stress ein. Worin sehen Sie den Nutzen für die Leserinnen und Leser, sich mehr mit den Hintergründen der Stressentstehung auseinanderzusetzen?

Nanni Glück: Sehen wir uns mit den Herausforderungen des Lebens konfrontiert, so spricht man in der Achtsamkeitspraxis von den berühmten zwei Pfeilen: Den ersten Pfeil schießt das Leben auf uns ab, daran können wir nichts ändern. Das passiert einfach – gemäß dem Motto „Shit happens!“. Krankheit, Alter und Tod werden früher oder später jeden Menschen ereilen, ohne dass irgendjemand etwas dafürkann.

Den zweiten Pfeil schießen wir jedoch selbst auf uns, und zwar mit unseren mehr oder minder automatischen negativen Mustern, wie wir auf den Schmerz, den der erste Pfeil verursacht, reagieren. Diese unheilsamen Reaktionen vergrößern den Schmerz und lassen aus ihm erst echtes Leid entstehen. Ich gehe jetzt sogar so weit und füge noch einen dritten Pfeil hinzu, und den schießen ebenfalls wir auf uns ab. Das ist unsere Reaktion auf unsere unheilsame Schmerzreaktion. Wenn ich in einer schmerzhaften Situation ganz trotzig mit „nicht wahrhaben wollen“ reagiere, weiß ich ja, dass meine Reaktion nichts an der Sache ändert, und rege mich (Pfeil 3) womöglich noch über mich selbst und mein unheilsames Verhalten auf. Sind wir uns jedoch unserer evolutionär bedingten neurologischen Grundlagen bewusst, dann wissen wir, dass unsere negative automatische Reaktion auf Schmerz ganz normal ist und wir selbst erst mal gar nicht anders können. Wir sind in diesem Fall, überspitzt formuliert, Sklave unserer steinzeitlichen Hirnversion 1.0. Auf der anderen Seite ist es aber auch unwahrscheinlich ermutigend zu erfahren, dass wir eben nicht auf immer und ewig dieser Sklave sein müssen. Wir haben alle Fähigkeiten und Anlagen in uns, gelassener auf Stress zu reagieren. Um zu wissen, wie ich am besten mit meinem Geist bzw. meiner Aufmerksamkeit arbeiten kann, um genau diese Gelassenheit zu erlernen, ist es meiner Ansicht nach unabdingbar zu verstehen, warum und wie es zu solchen unheilsamen Reaktionsmustern kommt, die die Ursache für Stress sind.

 

Sie haben Positive Psychologie (PP) an der Universität Zürich studiert. Finden sich Ansätze der PP in diesem Buch, und inwieweit kann die PP bei einem gesunden Umgang mit Stress hilfreich sein?

Nanni Glück: Die Positive Psychologie wird ja gemeinhin als die „Wissenschaft vom gelungenen Leben“ definiert. Damit grenzt sich diese junge Disziplin ganz klar von der landläufigen Psychologie ab, die sich fast ausschließlich der pathologischen Seite zuwendet. Statt die Defekte zu thematisieren, wendet sich die Positive Psychologie den menschlichen Charakterstärken zu. Dieser ressourcenorientierte Ansatz findet sich auch in unserem Buch. Wir zeigen auf, wie wichtig es ist, Stärken wie Dankbarkeit, Mitgefühl, Freude und Präsenz zu kultivieren und sie sich zur Gewohnheit werden zu lassen. Eine der Grundfesten in der Positiven Psychologie ist die Annahme, dass Glück erlernbar sei – dies geht absolut konform mit meinem Motto: „Für ein glückliches Leben ist es nie zu spät!“ Wir können uns, einem Architekten gleich, aufschwingen und unser Gehirn auf Glück und Gelassenheit programmieren. Wir müssen es nur tun und konsequent daran arbeiten.

Wenn wir uns bewusst für „das Gute“ entscheiden, dann kann unsere Reise in Richtung Zufriedenheit und Glück beginnen. Wir haben immer die Wahl, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten: Wollen wir uns über unsere Schwächen ärgern oder uns über unsere Stärken freuen? Wollen wir bemängeln, was uns alles noch fehlt, oder mit dem zufrieden sein, was schon da ist? Hier spielt natürlich wieder unser Steinzeithirn 1.0 eine wichtige Rolle, denn dies ist mit den Support-Komponenten Negativitätstendenz und Mangelblick ausgestattet. Nur wenn wir uns bewusst entscheiden, uns dem Positiven zuzuwenden, kann ein glückliches Leben entstehen. Hier hilft die Positive Psychologie weiter, indem sie Wege aufzeigt, wie dies gelingen kann. So können wir unserem Gehirn quasi ein manuelles Update verpassen.

 

Was tun Sie selbst, um in akuten Stresszeiten zur Ruhe zu kommen? Haben Sie einen Erste-Hilfe-Plan?

Nanni Glück: Allerdings, den habe ich! Eine sehr effektive und hilfreiche Ressource zur Stressbewältigung ist Humor. Er hilft, uns und das Leben nicht immer so ernst zu nehmen, und eröffnet uns dadurch einen wichtigen Perspektivwechsel. Des Weiteren führt uns der Humor auf direktem Weg zu unserer mächtigsten Ressource – unserer Lebenskraft! Das Schöne ist: Humor ist lernbar. Je häufiger wir uns darin üben, desto wahrscheinlich wird er uns zu einer Gewohnheit (wie übrigens alle Ressourcen).

Sehe ich mich einer herausfordernden Situation gegenüber, bei der ich Stress in mir verspüre, so versuche ich als erstes, mich über den Atem in den gegenwärtigen Moment zurückzuholen (meist galoppiert man in Gedanken ja schon davon). Dann nehme ich mir vor, etwas Kurioses, Absurdes oder Komisches an der Situation zu entdecken. Wenn mir das nicht gelingt, steh ich auf und geh vor den Spiegel. Da ich auch Lachyoga-Trainerin bin, beginne ich, mit mir selbst zu lachen. Das klappt eigentlich immer. Nachdem ich dann ausgiebig gelacht habe, ist die stressbehaftete Situation zwar immer noch da, sie wirkt aber bei Weitem nicht mehr so bedrohlich. Da herzliches Lachen unseren Verstand kurz abschaltet, ähnlich wie ein Reset beim Computer, kann ich mich mit frischem Geist und einer gehörigen Portion Kreativität der Situation stellen. Lachen hilft – probieren Sie es aus!

 

Erlauben Sie mir noch eine persönliche Frage: Heißen Sie wirklich Glück mit Nachnamen? (Oder ist das ein Künstlername?) Inwieweit hat Sie der Name geprägt?

Nanni Glück (lacht): Sie sind nicht die Erste, die mich das fragt. Das ist tatsächlich mein echter Name. Mein Exmann hat sogar bei unserer Hochzeit meinen Nachnamen angenommen und ihn nach der Scheidung behalten. Wir haben uns im Guten getrennt und immer noch ein freundschaftliches Verhältnis. Ich kann sagen, dass auch ihm der Name im wahrsten Sinne des Wortes Glück gebracht hat! Wie mir! So ein Name verpflichtet: Man kann nicht miesepetrig, unzufrieden und schlecht gelaunt sein, wenn man Glück heißt. Aber Scherz beiseite, ich denke schon, dass mich der Name geprägt hat. Es ist immer ein positiver Einstieg, wenn man neue Menschen kennenlernt und sich mit diesem Namen vorstellt. Irgendwie begegnen mir die Menschen dadurch offener, neugieriger und vielleicht auch einen Schuss freundlicher. Das habe ich schon mein Leben lang gespürt und bin dafür sehr dankbar. Und ja, irgendwie fühle ich mich meinem Namen doch verpflichtet, selbst glücklich zu sein und andere darin zu unterstützen, ihren Weg ins Glück zu finden!

 

Haben Sie vielen Dank für das nette Gespräch, Frau Glück!

 Über die Autorin

Nanni Glück hat Markt- und Werbepsychologie studiert und ist Inhaberin der Werbeagentur „ars agendi“ in Stuttgart. In den 20 Jahren Berufserfahrung hat sie die Auswirkungen der modernen Kommunikationsmedien (nicht nur) auf die Arbeitswelt hautnah begleitet. Und als passionierte Golfspielerin und Hundebesitzerin weiß sie um die Wirkung von Achtsamkeit.

Ihr Buch Immer mit der Ruhe! Wie Sie Ihr Gehirn zur Gelassenheit erziehen, welches sie zusammen mit Doris Iding verfasst hat, erschien im Mai 2018 im Junfermann Verlag.

Weitere Informationen zur Autorin und ihrem Angebot erhalten Sie unter https://www.arsagendi.de/ueber-uns/inhaberin oder https://www.glueckslachen.de/

 

 

„Es braucht häufig mehr als drei tiefe OMs oder ein paar positive Gedanken, um glücklich zu werden!“

„Immer mit der Ruhe! Wie Sie Ihr Gehirn zur Gelassenheit erziehen“ von Doris Iding und Nanni Glück ist ein Ratgeber und Rettungsanker in stürmischen Zeiten. Für Menschen, die spüren, dass sie sich in all dem Multitasking und To-do-Listen-Abhaken selbst verlieren; die Entschleunigung suchen und sich nach innerer Ausgeglichenheit sehnen.

Wir sprachen mit den Autorinnen über unsere „gestresste Gesellschaft“, Achtsamkeit und Selbstmitgefühl – und über das Glück …

   Interview Teil I – mit Autorin Doris Iding

Liebe Frau Iding, Sie bieten regelmäßig Yoga- und Achtsamkeitsretreats an. Die Teilnehmenden möchten lernen, wieder zur Ruhe zu kommen, und wünschen sich, Hektik und Stress einmal ganz hinter sich zu lassen. Welchen Eindruck haben Sie: Wie gestresst ist unsere Gesellschaft?

Doris Iding: Ich habe das Gefühl, dass die Menschen immer rast- und ruheloser werden. Stress gehört zum Lebensgefühl dazu. Sie fühlen sich von den steigenden Anforderungen im Privat- und Arbeitsleben häufig überfordert und sind dabei, auszubrennen, oder haben häufig auch schon ein Burn-out hinter sich.

 

In Ihrem aktuellen Buch „Immer mit der Ruhe!“ nennen Sie Achtsamkeit als den ersten Schlüssel zur Gelassenheit. Was genau verstehen Sie unter Achtsamkeit, und wie kann sie helfen, im Alltag besser mit Stress und Druck umzugehen?

Doris Iding: Achtsamkeit ist im herkömmlichen Sinne (basierend auf Buddha) eine Meditationspraxis, die uns darin unterstützt, unseren Geist zu erforschen und uns nicht mehr von den darin entstehenden Gedanken beherrschen zu lassen. So richtig salonfähig wurde Achtsamkeit aber erst durch Dr. Jon Kabat-Zinn, der die Achtsamkeit durch MBSR in Stresskliniken brachte und in den letzten zehn Jahren auch in die Gesellschaft. Durch die Achtsamkeit im Kontext von MBSR lernt man, die Gedanken, Gefühle und Körperempfindungen kennenzulernen und sich nicht mehr mit ihnen zu identifizieren.

Achtsamkeit ist aber auch gleichzeitig eine Lebensweise. Sie soll uns darin unterstützen, dass wir erkennen, dass es keine äußeren Stressoren gibt, sondern dass wir es selbst sind, die uns den Stress machen.

Achtsamkeit ist auch ein Mittel, das uns darin unterstützt, den Autopiloten auszustellen, um das Leben wieder mit all unseren Sinnen zu erleben und zu genießen. Und zwar von Moment zu Moment.

 

Seit Ihrem 15. Lebensjahr beschäftigen Sie sich schon mit Meditation und Yoga und seit vielen Jahren leiten Sie entsprechende Seminare im Bereich Achtsamkeit und Entspannungstechniken. Wie viel Übung braucht jemand, der bisher noch keine Berührung damit hatte, um diese Techniken für sich nutzbar zu machen?

Doris Iding: Das ist schwer zu sagen, weil jeder Mensch ganz einzigartig ist und ich hier keine falschen Erwartungen wecken möchte. Es gibt Menschen, die lernen die Meditation kennen und genießen es bereits von Anfang an, 30 Minuten zu meditieren. Andere Menschen sind schon mit drei Minuten überfordert. Ich versuche, die Menschen dort abzuholen, wo sie sind, und ihnen auch die Zeit und den Raum zu geben, den sie brauchen. Durch die permanente Nutzung von Handys sind die meisten Nervensysteme allerdings heute immer weniger in der Lage, lange in der Stille zu verweilen. Gleichzeitig aber wächst das Bedürfnis nach Stille immer mehr.

Jeder, der anfängt zu praktizieren, sollte sich zuerst einmal überlegen, wie viel er realistisch in seinen Alltag integrieren kann, ohne sich noch zusätzlichen Stress zu machen.

 

Interessant ist, dass Sie Selbstmitgefühl als eine weitere Komponente zur Stressreduktion thematisieren. Was genau meinen Sie damit?

Doris Iding: Es ist mittlerweile erwiesen, dass es keine äußeren Stressoren gibt, sondern dass wir selbst es sind, die sich den Stress machen. Für den inneren Stress ist in erster Linie der „innere Antreiber“ verantwortlich, der auch gerne als „innerer Kritiker“ bezeichnet wird. Dieser Anteil ist nie zufrieden. Ich arbeite in meinen Kursen mit so vielen wundervollen Menschen zusammen und 99,9 Prozent haben einen solchen inneren Kritiker, der ihnen das Leben zur Hölle machen. Entwickeln wir aber Selbstmitgefühl mit uns und schließen wir Freundschaft mit diesem inneren Kritiker, dann wird das Leben leichter. Selbstmitgefühl bedeutet, dass wir mit einem offenen Herzen auf uns selbst schauen und das wertschätzen, was wir alles leisten. Und das ist bei uns allen mehr als genug. Es bedeutet, dass wir mehr auf die eigenen Bedürfnisse eingehen und uns selbst mit genauso viel Liebe und Geduld begegnen wie den Menschen, die wir lieben – oder aber mit denen wir arbeiten.

Erfahrungsgemäß ist aber das Selbstmitgefühl das, was uns allen am schwersten fällt. Ich bin in meinem Leben schon so vielen spirituellen Lehrern, Meistern und Therapeuten begegnet. Sie alle hatten ein offenes Herz für ihre Patienten und Klienten. Aber sich selbst gegenüber waren die meisten sehr fordernd und sehr anspruchsvoll.

Prof. Dr. Luise Reddemann hat einmal gesagt, dass der innere Kritiker unkündbar ist und dass wir gut daran tun, uns mit ihm anzufreunden. Diese Aussage kann ich auch nur unterstreichen.

 

Das Besondere am Buch ist auch sein ganzheitlicher Ansatz. Es wird auf neurologische Grundlagen ebenso eingegangen wie auf spirituelle Wege. Für wie wichtig erachten Sie Spiritualität für ein gesundes Leben? Und wie kann sie helfen, besser mit den Höhen und Tiefen des Lebens zurechtzukommen?

Doris Iding: Spiritualität ist für mich die Basis eines gesunden Lebens. Nur dann, wenn wir uns mit unserem innersten Wesen verbinden, können wir ein vollkommen selbstbestimmtes Leben führen. Der Benediktinermönch Willigis Jäger hat einmal gesagt, dass es darum gehe, ganz Mensch zu werden. Dieser Aussage kann ich ebenfalls zustimmen. Spiritualität bedeutet für mich übrigens u. a., dass wir uns der Verbundenheit mit allem und der Vergänglichkeit von allem bewusstwerden. Wenn wir dies tun, dann müssen wir nicht mehr so gegen das Leben selbst ankämpfen. Dann wird vieles leichter. Spiritualität bedeutet für mich aber auch, dass wir uns mit etwas verbinden, das größer ist als wir selbst. Das heißt, dass wir uns nicht immer für den Mittelpunkt der Welt halten, sondern ein Teil davon sind. Das kann manchmal sehr erleichternd sein. Und gleichzeitig bedeutet es auch, dass wir uns mit dem Göttlichen (als dem, was Größer ist als wir selbst) verbinden UND gleichzeitig unsere Kontonummer nicht vergessen. Der vietnamesische Mönch Thich Nhat Hanh sagt dazu: Es geht (bei der Spiritualität) nicht darum, auf dem Wasser zu wandeln, sondern darum, Schritt für Schritt auf der Erde zu gehen. Diese Aussage unterstreiche ich gerne.

 

Angenommen, die Mitarbeiterin eines großen Unternehmens, deren Wochen voll durchgetaktet sind, oder eine dreifache Mutter, die „das erfolgreiche Familienunternehmen“ führt, bittet Sie um Tipps zur Stressreduktion. Was antworten Sie denen?

Doris Iding: Innehalten. Bewusst einatmen. Bewusst ausatmen. Und dann eins nach dem anderen erledigen. Es ist eben diese so einfache (!!) Kombination aus innehalten UND atmen, die uns maßgeblich dabei helfen kann, raus aus dem Kopf – dem Gedankenkarussell – und rein in den Körper zu kommen.

 

Sie litten selbst einmal an einer Angststörung. Was glauben Sie: Wie sehr haben Stress und (Leistungs-)Druck in Ihrem Leben dabei eine Rolle gespielt?

Doris Iding: Die Ursache für die Angsterkrankung lag in einer generalisierten Angsterkrankung, die wiederum ihre Wurzeln in meiner Kindheit hatte. Ich habe meine Angsterkrankung – und einen Umgang damit – in meinem Buch Die Angst, der Buddha und ich beschrieben. Darin habe ich postuliert, dass man meditieren kann UND psychisch erkranken kann, dass man Yoga machen kann UND unter Ängsten leiden kann. Noch heute bekomme ich Leserbriefe als Reaktion auf dieses Buch und viele Menschen sind froh, dass ich mit diesem Buch ein Tabu in der spirituellen Szene gebrochen habe. Leider wird hier nämlich der Irrglaube verbreitet, dass man sich glücklich denken und dehnen kann. Das ist allerdings nicht der Fall. Wir sind so multidimensional und komplex, dass es häufig mehr braucht als drei tiefe OMs oder nur ein paar positive Gedanken, um glücklich zu werden.

 

Finden Leser*innen in Ihrem Buch auch konkrete Präventionsmaßnahmen, um sich vor der Entstehung von Ängsten und Depressionen zu schützen? Inwiefern?

Doris Iding: Leider ist es häufig so, dass wir erst wach werden, wenn wir bereits unter Ängsten leiden oder Depressionen uns das Leben schwermachen. In dem Buch gibt es aber viele Übungen, die einen Menschen darin unterstützen, besser mit Ängsten und mit Depressionen umzugehen. Es sind wundervolle und sehr wirksame Übungen. Sie haben allerdings nur einen Haken: Man muss sie regelmäßig machen. Der Neuropsychologe Rick Hanson sagt: Wir können unser Gehirn und unseren Geist ändern. Aber nur wir selbst können dies tun. Dieser Aussage stimme ich zu. Wir können noch so viele Seminare besuchen und noch so viele kluge Bücher lesen. Wenn wir nicht wirklich regelmäßig üben, wird sich langfristig nicht viel ändern. Nehmen wir uns hingegen täglich die Zeit für eine Meditation, dann können wir inneren Frieden erlangen.

 

Welche Botschaft möchten Sie Menschen, die an einer Angststörung erkrankt sind, mit auf den Weg geben? Gibt es etwas, das Hoffnung macht, wenn man den Mut verloren hat?

Doris Iding: Wenn wir unseren Ängsten ins Gesicht schauen, ihnen einen Namen geben und sie liebevoll und mitfühlend in den Arm nehmen, dann können wir sie überwinden. Das weiß ich. Alles, was es braucht, ist etwas Geduld. Der Buddha hat gesagt: ‚Egal, wie schwer das gestern war, wir können heute neu anfangen.‘ Und eine weitere Aussage von ihm lauter: ‚JEDER Mensch kann inneren Frieden erfahren.‘ Für mich wurde besonders die zweite Aussage von Buddha zu einem Mantra, das ich mir während meiner eigenen Angsterkrankung täglich gesagt habe. Ich habe mir gesagt: Wenn Buddha also tatsächlich meint, dass JEDER es kann, dann kann ich es auch! Das war gut. Auch diese Aussagen kann ich unterstreichen und bestätigen. Aber auch hier gilt: Wir können unsere Ängste überwinden. Aber nur wir selbst können es!

 

Was tun Sie selbst, um in akuten Stresszeiten zur Ruhe zu kommen? Haben Sie einen Erste-Hilfe-Plan?

Doris Iding: Ich habe keinen ersten Hilfe-Plan, sondern einen Erste-Hilfe-Koffer. Je nach Gelegenheit nehme ich mir das passende Werkzeug. Meine Lieblingsmethode: Da ich für mein Leben gerne esse, praktiziere ich in solchen Momenten die Essmeditation. Ich verwöhne mich mit einem guten Essen und nutze es, um wirklich mit allen Sinnen bei der Sache zu sein. Ansonsten hilft es mir immer und überall, mich über die Atmung wieder zu erden. Ich atme ganz bewusst in die Füße langsam aus. Und wenn es ganz arg ist, dann lege ich noch eine Hand auf das Dekolleté und eine Hand auf den Bauchraum. Indem ich langsam ausatme, wird der Parasympathikus aktiviert, und wenn ich mich selbst berühre, wird Oxytocin ausgeschüttet. Das ist ein Hormon, dass uns Vertrauen vermittelt. Und dann gibt es natürlich noch viele andere kleine Übungen in dem Buch.

 

Haben Sie vielen Dank für das nette Gespräch, Frau Iding!

 

Über die Autorin

Doris Iding ist Meditations-, MBRS-, Achtsamkeits- und Yogalehrerin. Sie arbeitet als Seminarleiterin und gibt Achtsamkeitsseminare in Firmen und mit Privatpersonen. Sie ist auch Buchautorin sowie Redakteurin der Zeitschrift Yoga aktuell. Darüber hinaus bildet sie seit vielen Jahren angehende Yogalehrer im Bereich Achtsamkeit und Yoga-Philosophie aus. 18 ihrer Bücher wurden in andere Sprachen übersetzt.

Ihr Buch „Immer mit der Ruhe! Wie Sie Ihr Gehirn zur Gelassenheit erziehen“, das sie mit Mitautorin Nanni Glück zusammen verfasst hat, erschien im Mai 2018 im Junfermann Verlag.

Weitere Informationen über die Autorin und ihre Angebote finden Sie unter www.glueckundachtsamkeit.de/ und www.vomglueckderkleinendinge.blogspot.de/