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Wie heilt ein traumatisiertes Gehirn?

Es ist keine Schande, traumatisiert zu sein. Jeder Mensch kann von einer Erfahrung überflutet werden – und jeder Mensch kann lernen, diese Erfahrungen zu bewältigen, um seinen Weg unbelastet fortzusetzen.

Dr. Glenn R. Schiraldi, Experte für Stressbewältigung, Resilienz und Trauma, schult und berät weltweit Kliniker:innen und Laien mit dem Ziel, psychische Gesundheit zu fördern und stressbedingten Erkrankungen vorzubeugen. In seinem Buch Belastende Kindheitserlebnisse hinter sich lassen vermittelt er traumatisierten Menschen sein Wissen. Dabei geht er auch auf neuropsychologische Aspekte ein.

 

Belastende Kindheitserfahrungen überschatten das gesamte Leben

„Ich bin im Stress!“ – Aussagen wie diese klingen in unserem geschäftigen Alltag geradezu normal. Jeder Mensch erlebt Stress. Im Idealfall befähigt uns der Stress sogar zu Höchstleistungen.

Dabei können jedoch drei Arten von Stress unterschieden werden:

  • positiver,
  • erträglicher und
  • toxischer.

 

Während wir positiven und erträglichen Stress in der Regel gut verkraften und schnell hinter uns lassen, sobald die stressreiche Situation gemeistert ist, wirkt toxischer Stress überwältigend. Er ist so stark und anhaltend, dass er uns völlig aus der Bahn werfen kann und uns dauerhaft belastet.

Erlebt ein Kind diese Art von Stress – vielleicht sogar wiederholt aufgrund von Misshandlung oder Vernachlässigung –, beeinträchtigt dies noch im Erwachsenenalter seine Gesundheit, seine Arbeitsleistung, Beziehungen, das Urteilsvermögen, die Impulskontrolle, die Spiritualität und das Selbstwertgefühl. Die schädlichen Auswirkungen von toxischem Stress können sogar von einer Generation an die nächste weitergegeben werden.

 

1998 veröffentlichten die beiden Mediziner Vincent Felitti und Robert Anda eine Studie über belastende Kindheitserfahrungen. Heute ist sie bekannt als ACE-Studie (ACE steht für Adverse Childhood Experiences = belastende Kindheitserfahrungen). Sie analysierten die medizinischen Daten von mehr als 17.000 Klinikpatient:innen und fanden heraus, dass es vor allem zehn negative Kindheitserfahrungen waren, die oft genannt wurden und ein sehr breites Spektrum von psychologischen, medizinischen und funktionellen Problemen vorhersagten:

 

Drei Arten von Missbrauch

  • sexueller
  • körperlicher (Misshandlungen)
  • emotionaler

 

Zwei Arten von Vernachlässigung

  • emotionale
  • körperliche

 

Fünf Arten von häuslichen Problemen

  • geschiedene oder getrennte Eltern
  • Gewalt gegen die Mutter oder Stiefmutter im Beisein des Kindes
  • Alkohol- oder Drogensucht eines Haushaltsmitglieds
  • ein selbstmordgefährdetes oder psychisch krankes Haushaltsmitglied
  • ein Haushaltsmitglied im Gefängnis

 

Ob Missbrauch, Vernachlässigung oder zerrüttete häusliche Verhältnisse, der toxische Stress belastender Kindheitserfahrungen (adverse childhood experiences, kurz ACEs) verändert unser Gehirn, unsere Körperbiologie und unser Selbsterleben derart, dass unser Wohlbefinden lebenslang und sogar generationenübergreifend beeinträchtigt werden kann.

 

Die Auswirkungen dieser Erfahrungen sind bis ins Erwachsenenalter hinein verheerend für Körper und Psyche. So werden zum Beispiel sogenannte implizite Erinnerungen an das Erlebte gespeichert. Diese Erinnerungen sind nonverbal und liegen unterhalb der bewussten Wahrnehmungsebene. Sie sind vor allem emotional geprägt und haben eine „gespürte Bedeutung“ (Felt Sense): Vielleicht nehmen betroffene Personen ein durchdringendes Gefühl wahr wie eine namenlose Angst, das Gefühl, nicht gut genug zu sein, eine vage Ahnung, dass etwas ganz und gar nicht stimmt, eine innere Unruhe oder Selbsthass – ohne es zu verstehen oder erklären zu können. Die Erinnerung daran, schlecht behandelt worden zu sein, kann sich mit allen ursprünglichen Emotionen, Körperempfindungen, Sinneseindrücken, Bildern und instinktiven Gefühlen in der Person „festsetzen“.

Belastende Kindheitserfahrungen können zudem die Entwicklung gesunder Beziehungen stören. Das führt oft zu einer unsicheren Bindung, dem beängstigenden Gefühl, nicht geliebt zu werden.

Durch die inneren Wunden finden also zwei Veränderungen statt:

  • Das Gehirn wird darauf programmiert, in höchster Alarmbereitschaft zu bleiben, und
  • das gesunde Selbstgefühl wird beschädigt.

 

Wer sein eigenes Bewusstsein für belastende Kindheitserfahrungen schärfen möchte, findet in der Mediathek zum Buch von Glenn Schiraldi Arbeitsbögen, um ggf. eigene ACEs aufzudecken.

 

Beschließen Sie, eine glücklichere Kindheit zu schaffen!

Wie wir uns selbst erleben, hat einen tiefgreifenden Einfluss auf unsere allgemeine psychische Gesundheit. In der Regel scheitern Versuche, dieses Selbsterleben durch die ausschließliche Konzentration auf bisherige Denkmuster zu verändern. Es braucht einen neuen Ansatz – einen, der verborgene Wunden aus der Vergangenheit auf einer tieferen Ebene direkt angeht.

Jeder Mensch kann von toxischem Stress überwältigt oder verwundet werden, besonders in der frühen Kindheit, bevor das Gehirn voll entwickelt ist und Bewältigungskompetenzen erlernt werden. Doch die gute Nachricht lautet: Jedes von toxischem Stress verursachte Leid lässt sich erheblich lindern, selbst Jahrzehnte später noch. Das Gehirn ist plastisch, das heißt, es kann neu vernetzt werden und verborgene Wunden können heilen. Dazu braucht es Mut, Verständnis, (Selbst-)Mitgefühl – und Know-how!

 

Doch was genau ist es, was das traumatisierte Gehirn heilt?

Für Tompkins ist das Leitprinzip klar: Nicht die Zeit heilt Wunden, sondern reife Liebe! Wem es in den Entwicklungsjahren an Liebe gefehlt hat, der kann lernen, diesen Mangel im späteren Leben auszugleichen.

Ein weiteres wichtiges Ziel ist, dem Körper zu helfen, sich sicher zu fühlen und sich zu beruhigen. Hier kommen Techniken zur Stressregulation ins Spiel. Wirksame Übungen und Skills werden vorgestellt, die dabei helfen, den Stresslevel zu regulieren. Zusammen mit der Erfahrung von reifer Liebe erzeugt die Erfahrung von Sicherheit und Ruhe den Zustand, in dem traumatische Erinnerungen neu vernetzt und bewältigt werden können.

 

Ein konstruktiver Wandel ist sehr viel wahrscheinlicher, wenn wir Dinge mit dem Herzen verstehen.

 

Und zuletzt spielt die Wahrnehmung ebenfalls eine wichtige Rolle. Wer Leid als eine schreckliche Erfahrung betrachtet, die unheilbare Wunden hinterlässt, tut sich schwerer als jemand, der Leid als eine schwierige Erfahrung ansieht, die uns dazu herausfordert, neue innere Stärken und Bewältigungskompetenzen zu entwickeln. Traumatische Erfahrungen können uns dazu anspornen, stärker zu werden und uns neue Fertigkeiten anzueignen, die uns damals fehlten.

Traumabasiswissen und Skills für die Selbstfürsorge – auf beides fokussiert das Buch – bieten wirksame alltagstaugliche Bewältigungstechniken, die schnell und einfach anzuwenden sind.

Gehen Sie Ihr Trauma an! Es ist nie zu spät dafür!

 

 

Buch des Monats

Buch des Monats – März 2022: „Trauma bewältigen“ von Dr. Alice Romanus-Ludewig

Wir werden im Leben mit unterschiedlichsten Herausforderungen konfrontiert. Viele Erlebnisse stecken wir gut weg. Aber es gibt Erfahrungen, die tiefe Wunden hinterlassen und nicht einfach so abgeschüttelt werden können. Sie verfolgen uns, machen uns Angst und rauben uns die Lebensfreude. In solchen Fällen brauchen wir einen „Krisenbegleiter“, der uns Halt gibt und sicher durch die schwierige Zeit lotst. Weiterlesen

Podcast »Apropos Psychologie!«

Podcast-Folge 36: Apropos … Yoga & Trauma!

Dass Yoga guttut und gesund ist für Leib und Seele, ist lange bekannt. Wissenschaftlich nachgewiesen werden konnte eine positive Wirkung auf alle psychischen Störungen außer Schizophrenie. Yoga kann sogar dabei helfen, ein Trauma zu bewältigen: Das traditionelle, therapeutische Yoga ist eine intensive Innenschau, ein Zurückgehen in die Präsenz. Denn erst die Rückschau oder aber der Blick in die Zukunft verursachen das Leid, so Dietmar Mitzinger und Dr. Maria Wolke, die beide Yoga leben und lehren.

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Podcast »Apropos Psychologie!«

Podcast-Folge 30: Apropos … Yoga für die Seele!

Stress, Zeitdruck und überhöhte Erwartungen führen dazu, dass sich immer mehr Menschen überfordert fühlen. Symptome der chronischen Erschöpfung, innere Anspannungszustände bis hin zu depressiven Verstimmungen, Ängsten oder Burnout können die Folge sein. Wie Yoga helfen kann, darum geht es in der neuesten Folge von „Apropos Psychologie!“ mit unserem Gast Dr. Maria Wolke. Weiterlesen

Podcast »Apropos Psychologie!«

Podcast-Folge 10: Apropos … Unerträgliches überwinden!

Wie unsichtbare Wunden heilen können

Michaela Huber

Es gibt Wunden, die man nicht sehen kann. Sie tun höllisch weh, ohne dass wir laut aufschreien. Glauben wir gerade, sie sind verheilt, können sie unvermittelt neu aufbrechen. Solche Wunden, die selbst kaum zu sehen sind, machen uns blind für alles Schöne und Leichte im Leben. Ein ständiger Schmerz packt alles in dicken Nebel. Und wir wissen manchmal nicht mal, dass es so ist.

So könnte man ein Trauma beschreiben, eine »Psycho-Wunde«. Um sie zu erkennen, muss man schon sehr genau hinsehen, sagt die Psychotherapeutin Michaela Huber. Sie ist eine von Deutschlands führenden Trauma-Expert*innen. Sie erklärt: Erlebt ein Mensch eine unerträgliche Situation, reagiert das Gehirn mit einem Notprogramm: das Bewusstsein fährt runter, das Gedächtnis wird abgekoppelt. Vier bis sechs Wochen lang versucht das Gehirn jetzt, diese extreme Belastung allein durchzuarbeiten. Tauchen die Symptome Übererregung, extreme Vermeidung und Wiedererregung aber danach weiter auf, spricht man von Trauma.

Wie wichtig gute Freunde, ein schönes Zuhause und liebevolle Mitmenschen dann werden, warum das so ist und was wir selbst in unser »Erste-Hilfe-Schatzkästchen« tun können, das erzählt Michaela Huber in Folge 10 von »Apropos Psychologie!«.⁠ Jetzt reinhören – überall dort, wo es Podcasts gibt oder direkt hier auf unserem Blog.

Mehr über Michael Huber: https://michaela-huber.com

Weitere Infomationen zu Michaela Hubers Büchern finden Sie hier, und mehr über die Bundesarbeitsgemeinschaft für bedarfsgerechte Nothilfe erhalten Sie hier.

 

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Wie Kinder traumatische Erlebnisse überwinden können

Im Junfermann-Programm finden sich zahlreiche Bücher zum  den Themen Traumatherapie und Traumabewältigung.  Aber keins davon ist als Lektüre für traumatisierte Kinder gedacht. Wir veröffentlichen halt keine Kinderbücher. Aber es gibt einen kleinen Verlag, der genau in dieser Nische aktiv ist: schwierge Themen kindgerecht aufzubereiten. Das ist der Monterosa Verlag, der 2020 sein zehnjähriges Jubiläum feierte. Die Verlegerin und Autorin Claudia Gliemann hat sich mit einem Buch quasi selbst beschenkt, mit „Rotkäppchen, wie geht es dir?“ Mir hat das Jubiläumsbuch so gut gefallen, dass ich es hier kurz vorstellen möchte:

Wissen Sie noch, wie das Grimm’sche Märchen vom Rotkäppchen endet? Nicht mehr so ganz genau? Dann lesen Sie doch einmal nach:

„Wie er ein paar Schnitte getan hatte, da sah er das rote Käppchen leuchten, und noch ein paar Schnitte, da sprang das Mädchen heraus und rief: ‚Ach, wie war ich erschrocken, wie war’s so dunkel in dem Wolf seinem Leib!‘ Und dann kam die alte Großmutter auch noch lebendig heraus und konnte kaum atmen. Rotkäppchen aber holte geschwind große Steine, damit füllten sie dem Wolf den Leib, und wie er aufwachte, wollte er fortspringen, aber die Steine waren so schwer, dass er gleich niedersank und sich totfiel.
Da waren alle drei vergnügt. Der Jäger zog dem Wolf den Pelz ab und ging damit heim, die Großmutter aß den Kuchen und trank den Wein, den Rotkäppchen gebracht hatte, und erholte sich wieder; Rotkäppchen aber dachte: Du willst dein Lebtag nicht wieder allein vom Wege ab in den Wald laufen, wenn dir’s die Mutter verboten hat.“

Ende gut – und wirklich alles gut? Wie ist es Rotkäppchen tatsächlich ergangen nach dem großen Schrecken, vom Wolf mit Haut und Haaren verschlungen worden zu sein? Wie ergeht es Kindern, wenn sie etwas Schreckliches erlebt haben? Wie können sie weiterleben? Wie finden sie Heilung? Und wie kann man mit ihnen darüber sprechen?

In ihrem Buch „Rotkäppchen, wie geht es dir?“ erzählt Claudia Gliemann eine mögliche Fortsetzung der Geschichte. Rotkäppchen macht eine weitere schlimme Erfahrung, mit ihrem vermeintlich besten Freund. Am absoluten Tiefpunkt gibt es glücklicherweise den Bären – sehr einfühlsam und vor allem sehr geduldig. Er baut Rotkäppchen eine Hütte, versorgt sie mit dem Notwendigsten, drängt sich ihr aber nicht auf. Monatelang wartet er draußen auf der Bank, bis Rotkäppchen bereit ist, sich wieder zu zeigen. Er begleitet sie weiter, bis sie stark genug scheint, sich dem alten Schrecken, dem Wolf zu stellen. Rotkäppchen lernt ihre Selbstheilungskräfte kennen und erfährt, dass sie nicht allein ist. Andere Märchenfiguren kommen vorbei und erzählen von ihren schrecklichen Erlebnissen.

Wie kann man traumatische Erfahrungen überwinden? Wie kann man einerseits Grenzen setzen, ohne andererseits Mauern um sich herum zu errichten? Wie lernt man, (wieder) zu vertrauen und den eigenen Weg zu gehen? Davon handelt diese einfühlsam erzählte Geschichte. Sie macht Kindern, denen Schlimmes passiert ist, Mut. Sie zeigt auch Erwachsenen, die ein Kind auf einem solchen Weg begleiten, was das Kind wirklich braucht und was ihm helfen kann.

Parallel zu der mit Worten erzählten Geschichte gibt es die wunderbaren Bilder von Regina Lukk-Toompere. Auf dem Titelbild ist ein Rotkäppchen zu sehen, auf einem Hügel stehend, unter den Füßen angedeutetes Wurzelwerk, das sie hält. Auf ihrem Rücken hat sie zarte, aber große und Schmetterlingsflügel, die sie tragen würden. Wurzeln sind wichtig, aber: Wenn man lernt, seiner eigenen Kraft wieder zu trauen, wachsen einem auch Flügel.

Claudia Gliemann & Regina Lukk-Toompere: Rotkäppchen, wie geht es dir? Monterosa 2020

Zur Begleitung von Krisenpaaren

Das Traum(a)-Haus-Konzept

Von Katharina Klees

Seit meinem 23. Lebensjahr leite ich Gruppen für Paare. Mein Schwerpunkt liegt dabei auf der Heilung von Beziehungswunden: Viele Menschen, die in der Kindheit traumatisiert wurden, bringen ihre Verletzungen – oftmals unbewusst – mit in ihre Beziehung zum aktuellen Partner. Wie könnte es auch anders sein? Haben die Traumata von damals doch Narben hinterlassen und Wunden, die längst noch nicht verheilt sind bzw. durch einen unachtsamen Schritt wieder aufbrechen können.

Um die Wirkung meiner Paartherapie für Klient*innen greifbarer zu machen, nutze ich eine Haus-Metapher. Sie ist inzwischen sogar zur Grundlage meiner Paararbeit geworden. Die Paare verstehen durch dieses Sinnbild ihre Problem-Dynamik sehr viel besser:

Das Traum(a)-Haus in unserem Kopf

Traum(a)-Haus

Das sogenannte Traum(a)-Haus hat fünf Etagen, in denen die unterschiedlichen Hirnregionen abgebildet sind, die zugleich das Beziehungsbewusstsein verdeutlichen.

Der Keller steht für den Überlebensmodus des Reptiliengehirns. Zu Beginn einer leidenschaftlichen Romanze halten die Verliebten emotionale „Keller-Empfindungen“ für gänzlich ausgeschlossen, im späteren Verlauf der Beziehung lernt jeder unfreiwillig diese dunklen Gefilde kennen. Trauma-Paare fühlen sich häufig im Horror der Kellergewölbe gefangen und angekettet.

Im Erdgeschoss befindet sich der Eingang zum Traum(a)-Haus. Direkt hinter der Tür führen die Wege getrennt durch die jeweiligen Kinderstuben mit den entsprechenden Kindheitserfahrungen. Diese Etage versinnbildlicht das limbische System mit den gespeicherten Triggern (den neuronalen Verschaltungen traumatischer Ereignisse).

Im Obergeschoss gelangt jeder zuerst in den eigenen Entscheidungsflur, der die Chance zur Abwägung abbildet. Dort bietet vor allem das eigene Bindungsschema Orientierung. Der Neo-Cortex macht uns durch unsere Vernunftbegabung zu bewusstseinsfähigen Menschen. Sehr häufig wird die Chance auf kluge Alternativen ignoriert und Hals über Kopf der Beziehungsraum – ausstaffiert mit einem Himmelbett – gestürmt. So, wie hier die Ich- und Beziehungsideale Grund der Überstürzung sind, wird ebenso beliebig der Notausgang mit der Fluchttreppe genutzt, sobald die ersten Schwierigkeiten auftauchen.

Die destruktive Beziehungsdynamik

Auch wenn die Zeiten im Beziehungsraum zur Routine werden, wabern die verbannten Energien der eingeschleusten Keller-Monster wie giftige Schimmeldämpfe durch die Ritzen der Harmonieversprechen.

Unterhalb des Beziehungsraumes – Ort der Drama-Bühne – führt eine Art Röhre direkt in den Keller. Den Unterdruck erzeugen die Qualen der traumatisierten Kinder in den Kinderzimmern. Die unerkannte Not entwickelt einen unglaublichen Sog Richtung Keller. Der Sog verursacht Unbehagen und dieses wird dem Partner/der Partnerin angedichtet und schließlich vorgehalten. Da eine Lösung des ersten schlimmen Streits nicht möglich ist, verstaut das Paar die Krise in einem Müllbeutel mit der Aufschrift „Unbrauchbare Randerscheinung“.

Die Konflikte in den Abfallsäcken werden nicht entsorgt, sondern gehortet zwecks späterer Beweisführung gegen den Partner. Der stetig anwachsende unerledigte Kram belastet und drängt das Paar der saugenden Kellerröhre entgegen. Viele Liebende wählen irgendwann die Fluchttreppe, die unmittelbar hinter dem Notausgang des Entscheidungsflures mit Erleichterung lockt. Der Haushalt, die Arbeit, die neue Liebe, das aufwendige Hobby, eine liebgewonnene Sucht, die bekannten Symptome einer psychischen Störung bieten einen willkommenen Ausweg aus den immer heftiger werdenden Dramen.

Der Besinnungs- und der Liebesraum

Die vierte Ebene im Traum(a)-Haus ist den wenigsten Paaren überhaupt bekannt und muss erst im Verlauf der Beratung in das Haus der eigenen Beziehung eingefügt werden. Dort befindet sich der Besinnungsraum oder auch der Seelenhygiene-Raum. Mann und Frau (dies gilt natürlich auch für homosexuelle Paare) werden im Verlauf der traumasensiblen Paartherapie ermutigt, sich ihren jeweiligen Besinnungsraum einzurichten, um dort zu innerer Ruhe durch stille Einkehr zu finden. Hiermit wird der Bewusstseinszustand der Verinnerlichung angedeutet, der die Emotionen zur Ruhe bringt, das Gedankenkarussell anhält und den Kopf wieder frei macht. Diesen Zustand brauchen wir für eine ganze Reihe wirksamer Traumatherapie-Methoden, zum Anheben der Bewusstseinsstufe und zur Etablierung neuer Beziehungswerte.

Die ersehnte und zugleich verklärteste fünfte Etage befindet sich im Dachgeschoß des Traum(a)-Haus: der Liebesraum. Dort findet echte Begegnung und Heilung nur in friedlicher Hingabe und Absichtslosigkeit statt. Der Liebesraum ist im Konzept des Traum(a)-Hauses allein durch die Anhebung der Energie in der neuen Besinnungsraum-Etage erreichbar.

Während Kellergefühle nahezu jedem Paar bekannt sind, Streit im Beziehungsraum Anlass für die Paartherapie bietet und auch die Nutzung der Fluchttreppe verschämt eingestanden wird, werden zögerlich der Entscheidungsflur, der Besinnungsraum oder auch das Kinderzimmer des Traum(a)-Hauses zur Kenntnis genommen. Die Sehnsucht nach Frieden und Glück, verdeutlicht im Liebesraum, erfüllt so manches Krisenpaar mit großer Hoffnung.

Die fünf Stufen mit den entsprechenden Ansichten, Kompetenzen oder Idealvorstellungen geben eine gute Orientierung, wo ein Paar steht, welche Entwicklung anzustreben und was noch zu erarbeiten ist. Zugleich sieht das Paar, wo der Weg hingeht, da aus dem Trauma-Haus schließlich ein Traum-Haus werden soll.

Im folgenden Video wird Ihnen eine der wirkungsvollsten Methoden, die mithilfe des Beziehungshauses durchgeführt werden können, vorgestellt.

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Nachdem dieser Film erstellt worden war, wusste ich, dass ich ein Buch zum Thema schreiben will. Das Ergebnis können Sie ab dem 29. März im Handel finden.

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Die Inhalte des Buches werden in Webinaren vertieft und eine „Zertifizierte Weiterbildung zur Begleitung von Krisenpaaren“ ist bereits in ein Curriculum gegossen. Es finden außerdem Einführungskurse statt.

Hier finden sich die wesentlichen Informationen.

Klees_Katharina Über die Autorin

Dr. Katharina Klees ist Paar-, Sexual & Traumatherapie mit eigener Praxis in Dannstadt. Weitere Informationen zur Autorin finden Sie hier.

Fällt es Ihnen schwer zu entspannen? Manchmal steckt mehr dahinter als äußerer Stress …

Wie Ihr Unterbewusstsein Sie vom Entspannen abhält

Von Tanja Klein

Was haben dramatische Kindheitserlebnisse mit der Unfähigkeit zu entspannen zu tun? Welche Rolle spielen das Familienumfeld und die Spiegelneurone beim Thema Entspannung? In weniger als fünf Minuten werden Sie es wissen. Und warum genießen Sie diesen Artikel nicht passenderweise direkt in einer bequemen Sitzhaltung – vielleicht mit einem Getränk Ihrer Wahl neben sich, die Füße entspannt hochgelegt – und freuen sich über die nächsten Minuten voller Ruhe und neuer Impulse. Sie nehmen wahr, wie die Atmung tiefer wird und ihr Herz angenehm langsam schlägt … Wie? Das fällt Ihnen schwer? Dann könnte es vielleicht an einem der drei folgenden Gründe liegen:

1. Sie haben in Ihrer frühesten Kindheit eine furchtbare Erfahrung gemacht, die Ihnen eine entspannte Entspannung (noch) nicht erlaubt. Und mit frühester Kindheit meine ich sehr früh, also die Zeit, als Sie noch im Bauch Ihrer Mutter waren. Und das vielleicht nicht alleine …

Der Gynäkologe Jean-Guy Sartenaer berichtete in einem Interview für das Fachbuch Das Drama im Mutterleib (2013), dass er bei acht bis zehn Prozent aller Schwangerschaften mehrere Embryonen in der Gebärmutter im Ultraschall erkennen kann. Jedoch sehen wir im Straßenbild nur sehr selten Mütter, die angestrengt versuchen, mit ihren Zwillingskinderwagen in den Bus einzusteigen. Die Quote für erfolgreiche Zwillingsschwangerschaften, bei denen beide Kinder lebend geboren werden, liegt bei nur einem Prozent. Das heißt, dass rund jede zehnte Schwangerschaft „zu zweit“ beginnt und mit dem Schicksal „verlorener Zwilling“ endet.

Wie hängt die pränatale Erfahrung mit der Unfähigkeit zu entspannen im Erwachsenenalter zusammen?

Stellen Sie sich kurz vor, Sie wären ein Embryo im Bauch Ihrer Mutter und direkt neben Ihnen wäre noch ihr Geschwisterchen. Je nach Schwangerschaftswoche hören Sie bereits den Herzschlag des anderen und spüren die Bewegungen neben sich. Mit der Zeit wird der Herzschlag „nebenan“ immer langsamer und langsamer, die Atmung immer ruhiger und die Bewegungen immer weniger … Bis es plötzlich neben Ihnen ganz ruhig wird. Da ist nichts – mehr. Absolute Ruhe. Der Mensch, der Ihnen am engsten vertraut war, ist verschwunden. Wohin auch immer.

(Ich erspare Ihnen die Beschreibung der nächsten Monate, die Sie neben dem toten Körper verbringen. Wer mehr darüber erfahren möchte, kann das erwähnte Buch lesen oder eine Fortbildung in Pränataler Psychologie z. B. bei Gerda Ehrlich besuchen.)

Vor diesem Hintergrund jedenfalls bekommt die Aussage „Ruhe fühlt sich für mich an wie der Tod“ eine ganz neue Bedeutung, und als Coach und/oder Therapeut macht es Sinn, an dieser Stelle hellhörig zu werden. Vielleicht hat der Klient, der diese Aussage getroffen hat, als eine der ersten prägenden Erfahrungen gelernt: Wenn jemand anfängt, richtig ruhig zu werden, ist er bald tot. Würden Sie mit dieser unbewussten, vorgeburtlichen Erfahrung ruhig auf dem Sofa liegen können? Es ist völlig verständlich, dass man lieber nicht zur Ruhe kommen möchte. Jemandem mit dieser Erfahrung Yoga oder Meditation zu empfehlen, könnte kontraindiziert sein. Vorher wäre es wichtig und notwendig, den ursprünglichen Stress aufzulösen.

Viele Menschen können sich nur schwer vorstellen, dass man in vorgeburtlicher Zeit etwas bewusst mitbekommt und zudem noch ins Erwachsenenleben überträgt. Fachbücher zur Pränatalen Psychologie und meine eigenen Coachingerfahrungen bestätigen jedoch genau das.

Natürlich kann man sich nicht daran erinnern, wie das Geschwisterchen ausgesehen hat oder was man angesichts seines Todes empfunden hat. Dennoch ist davon auszugehen, dass das überlebende Kind „etwas“ mitbekommen hat, denn dieses Erlebnis kann beispielsweise durch den veränderten Geschmack des Fruchtwassers „geschmeckt“ werden, und es gibt eine unbewusste Erinnerung an die Gefühle aus dieser Zeit. Die Folgen sind bei manchen Menschen durchaus auch im Erwachsenenalter noch spürbar.

Aber ich möchte Ihnen heute noch zwei weitere Gründe aus meiner Praxis vorstellen, die Entspannung erschweren:

2. Die Unfähigkeit zu entspannen kann mit der Geburtserfahrung zusammenhängen. Bei einer jungen Klientin von mir entpuppte sich unter anderem dieses Phänomen als die Ursache für ihr Problem, in der Schule stillzusitzen. In Gesprächen stellte sich heraus, dass sie eine ganz furchtbare Geburt gehabt hatte und es in den ersten Minuten danach sehr unsicher gewesen war, ob sie überleben würde. Eine Geburt kann viele kritische Momente haben, und sie alle gehen nicht spurlos am Kind und seinen Eltern vorbei.

Ohne böse Absicht wurden meiner Klientin von den Eltern immer wieder die Einzelheiten des „Geburtstraumas“ berichtet. Das Mädchen litt an einer starken, vormals unbewussten Angst zu sterben, die eindeutig aus der Zeit der Geburt stammte. Die Unfähigkeit, ruhig zu sitzen, entsprang der guten Absicht, sich selbst zu versichern, noch am Leben zu sein. Ganz nach dem Motto: „So lange ich rumhüpfe, kann ich nicht tot sein“. Angesichts der Vorgeschichte des Mädchens eine verständliche Reaktion.

Der Mensch ist jedoch ein komplexes Wesen und es gibt oft mehr als einen Grund für ein bestimmtes Verhalten. Bei meiner Klientin kam nun noch Grund Nummer 3 hinzu:

3. Spiegelneurotischer Stress des Umfeldes. Der Vater meiner Klientin hatte bei ihrer Geburt natürlich ebenfalls starke Angst, dass sein Mädchen sterben könnte. Der Ursprung dieser Angst konnte mit dem Myostatiktest eindeutig zugeordnet werden. Diese Angst hörte auch nach den gut gemeisterten ersten Lebensmonaten und sogar -jahren nicht auf. Sie wirkte unterbewusst noch immer auf ihn – und leider über die Spiegelneurone auch auf sein Kind.

Wirkungsweise der Spiegelneurone

Jeder Mensch kann sich mit emotionalem Stress von nahestehenden Menschen „anstecken“ lassen. Dies geschieht über eine ganz spezielle Sorte von Nervenzellen: den Spiegelneuronen. Im menschlichen Gehirn bewirken sie, dass beim bloßen Betrachten einer Handlung sich das gleiche Aktivitätsmuster zeigt wie beim aktiven Ausführen dieser Handlung. Aus Sicht der Evolution sind die Spiegelneurone eine tolle Sache, da sie uns oft schützen oder leichter neue Handlungsweisen lernen lassen. Manchmal lernen wir jedoch auch undienliche Muster. So kann es sein, dass meine Klientin als Kind immer wieder über die Spiegelneurone mit der Angst des Vaters in Resonanz ging. Deshalb konnten wir das Thema „Stillsitzen“ nur im Rahmen einer systemischen Arbeit mit beiden Beteiligten auflösen.

Erfahrungsgemäß sind in einer Familie nicht immer alle Mitglieder für solch einen Prozess offen oder erreichbar, manchmal sind wichtige Personen auch bereits verstorben. Entsprechende Muster können jedoch von Generation zu Generation weitervererbt werden: Es gibt viele Erwachsene, die ihre Mutter nie „zur Ruhe gekommen“ erlebt haben. Dann werden Haltungen wie „Was denken die Leute, wenn ich mich am helllichten Tag einfach hinlege?“ von Generation zu Generation weitergegeben und wirken sich so negativ auf den eignen Entspannungswunsch aus. Als guter Coach kann man diese unbewussten Muster aus den Gehirntiefen der Amygdala gut auflösen. Aber vorher muss man diese erst einmal erkennen.

Wege zur Auflösung

Es wäre falsch zu vermuten, dass jeder Mensch, der sich schwertut, einen Gang runterzufahren, ein dramatisches Geburts- oder Vorgeburtsereignis erlebt hat. Wichtig ist mir nur, eine Sensibilität dafür zu schaffen, dass die geschilderten „Dramen“ öfter ursächlich sind, als man gemeinhin denkt. Falls Sie als Coach oder Therapeut auf einen Klienten treffen, der Entspannung als extrem bedrohlich empfindet, dann könnte es also sein, dass einer der genannten Gründe vorliegt.

Jeder Coach und Therapeut hat seine ganz eigenen Methoden, wie er solche Hintergründe bei seinen Klienten herausfindet und sie anschließend bearbeitet. Ich empfehle, als qualifizierter Therapeut bzw. Heilpraktiker für Psychotherapie (HP Psych) zuerst dem Klienten dabei zu helfen, die meist traumatischen Erlebnisse aufzuarbeiten, bevor man versucht, ihm den Weg zur Entspannung näherzubringen. Gute Aussicht auf Erfolg bei der schnellen Auflösung dieser Entspannungshindernisse hat meiner Erfahrung nach die Coachingmethode wingwave. Aber sicherlich kann jeder gut ausgebildete Therapeut oder Coach mit Zusatzqualifikation als HP Psych auch mit seinen Lieblingsmethoden Unterstützung bieten.

Beim Schreiben dieser Zeilen, konnte ich ganz entspannt auf meinem Sofa sitzen und die völlige Ruhe bei der Arbeit genießen. Ich frage mich, ob auch Sie heute schon die Chance hatten, ein paar Minuten zu entspannen. Vielleicht sogar gerade jetzt? Wie erleben Sie Entspannung? Schreiben Sie gerne einen Kommentar oder teilen Sie es mir per Mail mit: mail@kleincoaching.de

Ich freue mich auf Ihre Rückmeldung und wünsche Ihnen einen entspannten Tag.

image1  Über die Autorin

Tanja Klein arbeitet als systemischer Coach (DCV) in Bonn. Sich selbst klassifiziert die IHK-geprüfte Fachkauffrau Marketing als „Marketing-Rampensau“. Im Junfermann Verlag hat sie zusammen mit Ruth Urban die Bücher Coach, your Marketing und Erfolgreich durch Positionierung veröffentlicht.

An der Grenze der Belastbarkeit

Hilfe zur Selbsthilfe – auch für Flüchtlingshelfer

Von Ludger Brenner

Es war eine spontane Idee, die Daniel Paasch Anfang des Jahres ereilte. Inspiriert von der nahezu grenzenlosen Hilfsbereitschaft, die Menschen in ganz Deutschland zeigten, um den Flüchtlingen ein herzliches Willkommen zu bereiten, wollten er und sein Team den Helfern selbst zu mehr Rückenwind verhelfen. Aus eigener Erfahrung wusste der Lehrtrainer, dass bewegte und bewegende menschliche Schicksale Spuren bei denjenigen hinterlassen können, die sich für andere einsetzen. Somit entwickelte er das kostenfreie Kurzzeitseminar zum Integrationscoach, was vor allem eines leisten sollte: Hilfe zur Selbsthilfe.

Schon 2014 besuchte der Gründer der Akademie für Potenzialentfaltung in Münster die türkisch-syrische Grenze auf Einladung einer Hilfsorganisation. Paasch schulte dort Betreuer, die sich um 25000 jugendliche Flüchtlinge kümmern mussten. „Sie können sich denken, dass die Erlebnisse der jungen Menschen, die ihre Heimat und sogar ihre Familien verlassen mussten, sehr bewegend sind. Wenn auf einmal so viel Leid auf dich hereinbricht, hinterlässt das Spuren. Nicht jedem Helfer gelingt es, dann nach Hause zu gehen und das Erlebte einfach auszublenden. Auch brauchte es Methoden für die Flüchtlinge selbst, die in relativ kurzer Zeit eine spürbare Veränderung zum Positiven bringen sollten. Und da verfügen wir als Kinder- und Jugendcoaches über ein reichhaltiges Portfolio, das sowohl dafür geeignet ist, seinen eigenen State of Mind zu verbessern als auch anderen Menschen wirkungsvolle Unterstützung zu bieten“, berichtet Daniel Paasch.

Es lag also nahe, für diejenigen, die nun in Deutschland eine vergleichbare Situation erleben, ein Angebot zu schaffen. Auch wenn die Emigranten bei uns in Sicherheit sind, können kleinste Auslöser dafür sorgen, dass sich die Erlebnisse aus der Heimat plötzlich einen Weg nach außen bahnen. Die damit verbundenen Emotionen drängen ans Licht. So kann es beispielsweise sein, dass ein Flüchtling, überwältigt von seinen Gefühlen, sein Zimmer zerlegt, und die Außenstehenden haben keine Erklärung, wie es dazu kommen konnte.

Paasch_6764a  „Alles, was wir erfahren oder erleben, unterliegt einer emotionalen Bewertung durch unser Gehirn“, erklärt der Lehrtrainer. „So wie die eigentliche Informationsaufnahme über unsere Sinneskanäle verläuft, so wird auch die Erinnerung mit sinnesspezifischen Parametern verknüpft. Wir haben es also mit Erinnerungsfragmenten zu tun, die sich zum Beispiel aus auditiven, visuellen oder olfaktorischen (= der Geruchssinn) Einzelteilen zusammensetzen. Treffen wir während des Alltags auf einen Reiz, der einen oder mehrere dieser Erinnerungsfragmente anspricht, kann es sein, dass auch das zugehörige Gefühl abgerufen wird. Meine Großmutter fühlte sich beispielsweise bei dem Anblick von den sich bewegenden Flutlichtern, die man heute häufig, um Aufmerksamkeit zu wecken, vor Diskotheken oder Sportarenen aufstellt, an die Flagabwehr des letzten Krieges erinnert. Aus diesem Grund ist sie nie gerne in die Stadt gefahren“, veranschaulicht er.

Wir alle haben wahrscheinlich schon mal die Erfahrung gemacht, dass sich Emotionen auf unterschiedlichste Art und Weise äußern können. Daher ist es zunächst auch für Außenstehende nachvollziehbar, wenn zum Beispiel das Geräusch des Kickerspiels in der Flüchtlingsunterkunft an das Gewehrfeuer erinnern kann, dem ein Neuankömmling vielleicht nur um Haaresbreite entronnen ist. Da sich Erinnerungen aber auf eine sehr gefühlsbetonte oder affektive Weise entladen können – wie der Effekt des harmlosen Kickerspiels zeigt –, stehen Helfer dem zunächst meist machtlos gegenüber: Sie haben ja keine Ahnung von dem, was sich gerade im Kopf des Anderen abspielt, und können es auch nicht wirklich nachvollziehen.

Viele Helfer nehmen das Erlebte mit nach Hause und sehen sich dann oft selbst der Herausforderung gegenüber, ihre Eindrücke verarbeiten zu müssen. Das ist nicht immer leicht. Auch die kulturellen Unterschiede machen es nicht einfacher. All das ist kräftezehrend und bringt Menschen an die Grenzen ihrer Belastbarkeit.

Seit dem Start des dreitägigen Kurzzeitseminars im Februar 2016 haben über 700 Teilnehmer das Angebot genutzt. Die Zahl spricht für sich und zeigt, dass Daniel Paasch damit einem wichtigen Bedürfnis nachgekommen ist.

Damit noch mehr Menschen hiervon profitieren können, werden auch weiterhin Seminare zum IPE-Integrationscoach angeboten. So kann man sich gegenwärtig noch Plätze in den Städten Köln, Hannover, Hamburg, Stuttgart, Nürnberg und München sichern. Dabei stehen die Türen jedem offen, der mit Flüchtlingen arbeitet oder sich hauptberuflich mit dem Thema Integration beschäftigt.

Weitere Informationen und die Möglichkeit zur Anmeldung findet man auf der dafür eigens erstellten Webseite www.integrationscoach.org. Fragen zur Ausbildung werden gerne direkt durch das Büro in Münster beantwortet (Tel.: 0251 39729756).

 

Brenner Ludger Brenner ist Leiter des Bereichs Öffentlichkeitsarbeit, Presse und Kommunikation am Institut für Potenzialentfaltung. Er arbeitet eng zusammen mit Daniel Paasch, dem Gründer des Instituts und Autor des Buches Potenziale enfalten – Begabungen fördern (2016).

 

 

Hilfe für traumatisierte Flüchtlinge: ein engagiertes Online-Angebot

Ende letzten Jahres bekam ich einen Anruf aus Solingen. Am anderen Ende der Leitung war Dr. Birgit Kracke, Fachärztin für Psychiatrie / Psychotherapie. Zu der Zeit kamen noch Tag für Tag Flüchtlinge in großer Zahl über die Grenzen. Viele von ihnen hatten Schlimmes erlebt, in Kriegen und Konflikten in ihren Heimatländern, aber auch auf den gefährlichen Fluchtwegen. Es sei ihr als Traumatherapeutin ein Anliegen, ein möglichst breit zu nutzendes Hilfsangebot auf die Beine zu stellen, erklärte mir Birgit Kracke. So viele Geflüchtete litten unter akuten oder langfristigen massiven Traumafolgestörungen. Dass für sie alle die eigentlich benötigten Therapieplätze einigermaßen zeitnah bereit stehen würden, sei illusorisch.

Was war also zu tun? Und was konnten wir als Verlag tun? Eine Website befand sich gerade im Aufbau: http://www.refugee-trauma.help/. Dort sollten viele Materialien zur Selbsthilfe bereitgestellt werden, in möglichst vielen Sprachen. Die Materialien sollten dazu beitragen, seelische Reaktionen auf die schweren Belastungen besser zu verstehen; im Sinne einer praktischen Soforthilfe könnten sie helfen, die Wartezeit auf eine professionelle Therapie zu überbrücken.

Aber auch zur Unterstützung von Helferinnen und Helfern sollten Informationen und Angebote bereitgestellt werden, z.B. zur Selbstfürsorge, zum Umgang mit Kindern oder traumatisierten Menschen.

Das konkrete Anliegen an uns als Verlag war, einige Übungen aus Michaela Hubers Buch „Der innere Garten“ für diese Zwecke zur Verfügung zu stellen – was wir in Absprache mit der Autorin gerne taten.Huber-InnereGarten-Cover-GRUEN-NA2010:Cover

Jetzt sei der Boden bereitet, um den Baum einzugraben, wie mir Birgit Kracke heute berichtete. Noch seien nicht alle Texte in alle gewünschten Sprachen übersetzt, denn gerade bei Übersetzerinnen und Übersetzern gibt es derzeit Engpässe. Nach wie vor kommen geflüchtete Menschen in unser Land, wenn vielleicht auch nicht mehr ganz so viele. Und nach wie vor gilt es, diejenigen, die bereits da sind, mit dem Notwendigen zu versorgen. Und dafür braucht es auch Übersetzerkapazitäten.

Wie kann man das Projekt unterstützen und dazu beitragen, dass der gepflanzte Baum Äste entwickeln und Früchte tragen kann? Fast noch wichtiger als Geldspenden seien „Sachspenden“ – und hier konkret Angebote von Übersetzer/inne/n.

Auch weitere Materialien seien willkommen, besonders auch solche, die kulturelle, geografische bzw. geologische Hintergründe aus den Herkunftsländern berücksichtigen. Ein konkretes Beispiel hierfür ist eine Erfahrung mit der Übung „Der innere Garten“ von Michaela Huber. Jemand hatte sie sich angehört und dann gesagt: „Dort, wo ich herkomme, ist Wüste. Ich kann mit dem Bild des Gartens gar nicht so viel anfangen.“

Zur Unterstützung und zum weiteren Ausbau des Angebotes übernehmen wir hier den Aufruf zur Mitarbeit von http://www.refugee-trauma.help/:

 

Möglichkeiten der Mitarbeit

Wenn Sie Muttersprachler/In in einer noch nicht übersetzten Sprache sind, wäre es sehr nützlich, wenn Sie Ihre Hilfe bei der Übersetzung der vorliegenden Texte in Ihre Herkunftssprache anbieten.

Sofern Sie eigene psychoedukative oder Selbsthilfematerialen zur Verfügung stellen könnten, wären diese sicherlich ebenfalls für die Geflüchteten hilfreich.

Kontakt:

Dr. Birgit Kracke, Fachärztin für Psychiatrie/Psychotherapie, Solingen
www.pz-solingen.de
Mail: praxis@dr-birgit-kracke.de