Wertschätzung Mangelware, Empathie Fehlanzeige?

Über (Selbst‐)Erkenntnis, Effizienz und Einfühlung im Gesundheitswesen

Ein Interview mit Birgit Brand-Hörsting, Inhaberin des Bildungsinstituts für Pflegeberufe und des WdH – Wertschöpfung durch Worte in Karlsruhe und Autorin von Wertschätzende Kommunikation für Pflegefachkräfte und Ärzte

 

Frau Brand-Hörsting, was macht die Kommunikation zwischen Ärzt*in und Patient*in eigentlich so schwer?

Im Gesundheitswesen herrscht in allen Bereichen eine extrem hohe Arbeitsdichte. Einer der entscheidenden Negativfaktoren ist sicherlich der Zeitdruck. Gleichzeitig ist die Kommunikation mit Patienten bisher in der Ausbildung von Ärzt*innen nicht verbindlich, im Studium kommt sie nicht als „Lernfach“ vor. Dabei ist Kommunikation in der Behandlung eines Patienten die Schlüsselqualifikation. Ohne Kommunikation ist weder Diagnostik noch Therapie möglich. Es erschwert die Situation, dass der Arzt die Diagnose oder Therapie zum x-ten Mal erklärt, während sie für den Patienten neu ist. Und weil sie ihn selbst betrifft, ist sie natürlich auch mit starken Gefühlen verbunden. Der Routine des einen stehen Angst oder ein Gefühl von Hilflosigkeit beim anderen gegenüber. Gerade hier wäre ein besonderes Einfühlungsvermögen und eine wertschätzende Kommunikation nötig.

 

Wie sieht gelungene Kommunikation zwischen Pflegenden, Patienten und Angehörigen aus?

Gelungene Kommunikation findet auf Augenhöhe statt. Sie nimmt die Bedürfnisse der Patienten wahr, respektiert sie und anerkennt vor allem ihre Selbstbestimmtheit. Zuhören, Gefühle wahrnehmen und verbalisieren. Das bedeutet Empathie und ist hochgradig wirksam.

 

„Mit der Kleidung legen viele Patienten

einen Teil ihrer Selbstbestimmung ab.“

 

In Ihrem neuen Buch schreiben Sie: „Ich bin sehr glücklich, dass die Wertschätzende Kommunikation mich gefunden hat.“ Wann und wie wird man gefunden?

Man kann in jeder Lebensphase „gefunden“ werden. Aber ich kann auch aktiv danach suchen, wenn ich merke, dass mir ein verbindender Kontakt mit den Menschen am Herzen liegt.

 

Der Weg der Wertschätzenden Kommunikation führt über Selbstempathie, aufrichtiges Mitteilen und Fremdempathie. Steht Selbstempathie am Anfang?

Definitiv. Selbstempathie ist die Basis. Ich muss mich fragen: Was löst eine bestimmte Äußerung oder Handlung in mir aus? Welche Gefühle nehme ich in mir wahr und auf welche Bedürfnisse weisen diese hin? Dann bin ich in der Lage, gut hinzuhören und den anderen mit seinen Bedürfnissen wahrzunehmen. Und ich kann mich auch entscheiden, mich dem anderen aufrichtig mitzuteilen. Ich muss mich geklärt haben, um empathisch mit anderen sein zu können.

 

Jahrelang wurde mir beigebracht, die eigenen Bedürfnisse hintanzustellen und nur an meine Patienten zu denken. Wenn ich mich jetzt in Selbstempathie übe, ist das nicht ganz schön egoistisch?

Grundsätzlich braucht jeder Mensch einen guten Egoismus, nämlich im Sinne von Selbstfürsorge. Das ist nicht egoistisch, sondern klug.  Die Belastungen und daraus resultierende Beanspruchungen im medizinischen oder pflegerischen Berufsalltag sind groß und vielfältig. Wer da keine Selbstfürsorge betreibt, kann nicht für andere sorgen, sondern opfert sich auf. Nicht selten sind Coolout oder Burnout die Folgen. Die empathische Selbstreflexion ist wichtig, weil ich erst nach dem Erkenntnisgewinn ins Handeln kommen kann. Pflegende und Ärzte können sehr genau abwägen, wann es die Situation erfordert, eigene Bedürfnisse zum Wohle des Patienten zurückzustellen. Aber eben nicht permanent.

 

„Wer das Bedürfnis erkannt hat,

kann Strategien entwickeln.“

 

Womit soll ich anfangen, wenn ich mich trotz akuten Zeitmangels in Wertschätzender Kommunikation üben will? 

Im pflegerischen Bereich ist Kommunikation häufig gekoppelt an pflegerische Interventionen. Diese kann ich nutzen, mich dem Patienten wertschätzend zuzuwenden. Wertschätzende Kommunikation ist ja viel mehr als eine Kommunikationstechnik. Sie ist eine Haltung. Wenn ich aus dieser Haltung heraus agiere, kann ich die Bedürfnisse des anderen wahrnehmen. In meinem Buch zeige ich anhand von praxisnahen Übungen, wie wir diese Haltung einüben können für ein empathisches Miteinander in der Pflege, in der Logo- und Ergotherapie und im ärztlichen Kontakt mit den Patient*innen.

 

Stehen die patriarchalen Strukturen z.B. in Krankenhäusern einer Wertschätzenden Kommunikation nicht entgegen? 

Sicherlich wären andere organisatorische Strukturen hilfreich. Der Fusionsdruck ist groß im Klinikbereich, Erfolg wird an wirtschaftlicher Effizienz gemessen. Gleichzeitig „funktioniert“ Wertschätzende Kommunikation aber auch in jedem Kontext. Würde das Konzept und die damit verbundene Haltung stärker gelebt, hätte dies positive Wirkungen auf die Arbeitssituation. Damit einher gingen eine höhere Attraktivität und mehr Zufriedenheit bei allen Beteiligten.

 

Während Kommunikation schon heute fester Bestandteil der Pflegefachkräfteausbildung ist, wird die Arzt-Patienten-Kommunikation erst ab 2020 verbindlicher im Medizinstudium. Welche Erwartungen verbinden Sie damit?

Bereits jetzt gibt es vereinzelt Skill Labs an Universitäten, wo angehende Mediziner*innen mit Schauspielern schwierige Gesprächssituationen proben. Aus Gesprächen mit Studierenden weiß ich aber, dass dieses Angebot leider nur wenig angenommen wird. Sehr verbreitet scheint die Überzeugung unter jungen Ärzt*innen zu sein: „Das kann ich eh schon.“ Dabei würde ihnen die Wertschätzende Kommunikation auch helfen, mit der eigenen psychischen Belastung besser umgehen zu können. In vielen Kliniken ist heute aber eine vermehrte Akzeptanz zu spüren, sich in puncto Kommunikation bewusst zu verändern.

 

„Die Einstellung, dass ein Patient ein ‚Leidender‘,

‚Sich‐Geduldender‘ ist,

muss aus den Köpfen verschwinden.“

 

Wenn Wertschätzende Kommunikation gelingt, beschleunigt und verbessert sie die Genesung der Patient*innen. Selbst wenn eine vollständige Gesundung ausgeschlossen ist, hilft sie Patient*innen und Angehörigen, die Krankheit anzunehmen und mit der Situation besser umzugehen. Die positiven Auswirkungen gelungener Kommunikation können zum guten Ruf der Klink oder Praxis beitragen.

Vielen Dank für das Interview, Frau Brand-Hörsting!

 

  Über die Autorin:

Birgit Brand-Hörsting ist Inhaberin des Bildungsinstituts für Pflegeberufe und des WdW – Wertschöpfung durch Worte in Karlsruhe. Als GFK-Trainerin, Mediatorin und IHK Business Coach begleitet sie seit mehr als 25 Jahren Menschen in ihrer beruflichen und persönlichen Entwicklung.

Selbstbewusst Nein sagen

Am 25. Oktober 2019 erscheint bei uns das Buch Selbstbewusst Nein sagen von Gisela und Herbert Ruffer.

Gisela und Herbert Ruffer

Dass andere Menschen unsere Grenzen nicht respektieren – diese Erfahrung machen wir vermutlich alle ab und zu. Und sicher fällt es uns auch nicht immer ganz leicht, anderen Grenzen zu setzen. Warum das so ist und wie man mit solchen Situationen umgehen kann, können Sie recht bald nachlesen. Doch bevor es soweit ist, können Sie hören, wie die Autorin und der Autor ihr Buch vorstellen:

in.sight – ein täglicher Achtsamkeitsbegleiter und Planer

 „Achtsamkeit ist immer auch Selbsterfahrung. Wer sich mehr Zufriedenheit in seinem Leben wünscht und ein freundlicheres Miteinander gestalten möchte, muss bei sich anfangen.“

Katja Bartlakowski

Die Haltung des achtsamen Gewahrseins setzt einen Kontrapunkt zu unserem Stresserleben in einer zunehmend komplexer werdenden Welt, aber auch zur üblichen Art, wie wir Beziehung zu anderen gestalten, meint Katja Bartlakowski. Im Interview stellt sie sich unseren Fragen und erklärt, welches Potenzial in der Ausbildung einer wachen Selbstführung liegt.

 

Soeben ist in.sight, Ihr Businessplaner und Achtsamkeitsbegleiter erschienen. Nun gibt es ja bereits zahlreiche Selbstcoaching-Kalender. Was hat Sie auf die Idee gebracht, einen weiteren Planer zu entwickeln?

Es gibt tatsächlich einige gute Produkte. Und das Angebot wächst. Ich selbst plane und organisiere meinen beruflichen Alltag seit Jahren konsequent analog und habe daher bereits mit einigen sogenannten Selbstcoaching-Kalendern gearbeitet. Ich bin davon überzeugt, dass diese Produkte grundsätzlich funktionieren. Nur mich sprach keiner so wirklich an. Am Anfang habe ich mich gerne auf die Übungen eingelassen, aber dann wurden sie mehr und mehr zum Job. Es hat sich häufig wie eine Selbstoptimierungs-Aufgabe angefühlt. Ich dachte: „Jetzt musst du auch noch die Monatsreflexionen machen und dir neue Ziele setzen.“ Ich habe da diesen Erledigungsdruck verspürt und dann war mir klar, dass das nicht mein Ansatz ist. Ich wollte einen Planer entwickeln, der dabei unterstützt, Stress im Arbeitsalltag zu minimieren und ihn nicht noch erhöht. So ist die Idee für in.sight entstanden.

Hat der Name in.sight eine Bedeutung? Wofür steht er?  

Der Name bedeutet so viel wie „Innensicht“ oder „Einsicht“. Dem Grunde nach geht es darum, sich und sein inneres Erleben kennenzulernen. Also sozusagen einen Blick nach innen auf sich selbst wagen … Was passiert da in mir? Was nehme ich wahr? Es geht um die Praxis des achtsamen Gewahrseins, eben um wache Selbstführung. Gerade, wenn wir Stress erleben, kann das sehr spannend sein.

Und wie genau funktioniert in.sight?

Wir sind ein Leben lang in der Nutzung von Wissen und Verstand trainiert worden. In unseren Köpfen hat sich ein System zur Bewältigung von Lebensfragen installiert, das sich im Gehirn mehr oder weniger selbst organisiert. Unser präfrontaler Cortex ist hervorragend ausgebildet. Im Nachdenken sind wir spitze. Und genau hier setzen viele Selbstcoaching-Kalender an. Sie bedienen in uns das, was unser Geist gewohnt ist: denken, erforschen, reflektieren, bewerten. Aber genau das ist es auch, was in uns Stresserleben und Unzufriedenheit begünstigen kann. Meistens ist es gar nicht die Situation selbst, die in uns stresst. Es sind unser Umgang mit ihr und die Geschichten, die wir uns in vermeintlich stressigen Situationen erzählen. Unsere Gedanken beherrschen dann das Feld. Sie rotieren unermüdlich und suchen wie ein wild gewordenes Tier den Ausweg. Gefühle der Angst und Verunsicherung entstehen und diese wiederum sorgen dafür, dass unser Denken noch konfuser wird. Die meisten von uns versuchen Probleme intellektuell zu lösen und haben keinen wirklichen Zugang zu Gefühlen und Körperempfindungen. Wir sind regelrecht auf unseren Kopf reduziert, glauben, was wir denken und nehmen den Rest des Körpers kaum wahr.

Die Übermacht unseres Verstandes ist eine unglückliche Angewohnheit. Und dem wollte ich mit in.sight ein wenig entgegenwirken: Lerne behutsam und freundlich dein inneres Erleben kennen, beobachte deine Gedanken, deine Gefühle, deine Körperempfindungen, ignoriere nichts, bewerte nichts. Nimm es an, wie es ist und erlaube es dir, aus dem alltäglichen Stressdrama auszusteigen. Lerne, dich selbst wachsam zu führen, stärke deine Einfühlung. Lass die Stille in dir zu und spüre, wie sich vieles löst und dein Blick auf dich, deine Beziehungen, Werte und Ziele klarer wird. Für mich ist es ein Geschenk, aber auch ein Lernprozess …

Auf welche Weise unterstützt in.sight diesen Lernprozess?

Lernen, Entwicklung, das Meistern von Herausforderungen gelingt nur dann, wenn wir uns – und damit meine ich unser Gehirn – in einem kohärenten, harmonischen Zustand befinden. Unter Stress befindet sich das Gehirnwellenmuster im Chaos. Studien, die bildgebende Verfahren einsetzten, zeigen: In einem solchen Zustand können die vier Hirnlappen nicht mehr synchron arbeiten. Und dann dauert es nicht einmal eine Sekunde, bis eine Irritation, die wir im Außen erleben, emotionale Stressreaktionen in uns auslösen kann. In Sekundenbruchteilen ist unser Gehirn regelrecht vernebelt. Das passiert so schnell und es passiert mehrfach pro Tag. Klar denken ist dann nicht mehr möglich, weil unser präfrontaler Cortex nicht mehr mit Blut und Sauerstoff versorgt wird. Aber in diesem Zustand treffen viele Menschen ihre Entscheidungen, gehen in den Dialog, greifen zum Telefonhörer oder beantworten Mails und wundern sich, dass ihr Leben nicht so läuft, wie sie es sich wünschen. Inkohärenz im Inneren erzeugt Inkohärenz im Außen.

Wiederherstellung der Kohärenz, der inneren Harmonie – darum geht es. Und in einem kohärenten Seinszustand stellen sich Freude, Präsenz, Kreativität und Inspiration fast wie von selbst ein. Es lohnt sich also, wach mit dem Phänomen Stress umzugehen und unserem inneren Erleben ein wenig Aufmerksamkeit zu schenken. in.sight hilft, die bewusste Aufmerksamkeitslenkung zu trainieren und bedient sich dabei der traditionellen Achtsamkeitspraxis, aber auch einigen anderen Ansätzen wie z.B. Focusing oder HeartMath. Hinspüren lernen und sich selbst in die Ruhe zu führen: das ist die Essenz von in.sight. Und in.sight begleitet dich als Planer und Kalender den ganzen Tag, ist also immer dabei.

Es gibt sicherlich Menschen, die sich noch nicht so intensiv mit Themen wie Achtsamkeit oder wache Selbstführung beschäftigt haben. Sie können daher vielleicht nicht einschätzen, ob in.sight auch bei ihnen funktioniert. Was sagen Sie ihnen?

in.sight ist für jeden gemacht, ganz gleich, ob jung oder alt; für jeden, der den Wunsch in sich trägt, aus seinem Stressmuster auszusteigen und bewusster mit sich, aber auch mit anderen Menschen im Kontakt zu sein. Wachheit oder Achtsamkeit ist grundsätzlich erlernbar, und das dank Neuroplastizität in jedem Lebensalter …, wenn man bereit ist, drei bis fünf Minuten am Tag zu investieren. Denn unser Gehirn lernt bei allem, was es tut. Und das entspannte daran ist: Man kann einfach aufhören und an jedem beliebigen Tag im Jahr wieder anfangen. Jeder kleine Schritt zählt. Was anfänglich nur ein Trampelpfad ist, entwickelt sich im Laufe der Zeit zu einer neuronalen Autobahn. Und die Wirkung ist verblüffend. Ausprobieren lohnt sich also.

 

 

 

 

Der Kraftraum mit der Doppelnull

Wortmann-LetzteZuflucht_Cover.inddLetzte Zuflucht Firmenklo – unter diesem Titel bot uns Konstanze Wortmann vor einiger Zeit ein neues Manuskript an. „Das ist nicht Ihr Ernst! So einen Titel kann man dem Buch doch nicht geben!“ entfuhr es mir. Was zunächst so kurios daherkam, erwies sich aber bei näherer Betrachtung als ein ganz ernsthaftes Thema. Viele Menschen arbeiten in Großraumbüros, in Industriehallen oder an anderen Orten, an denen es turbulent zugeht und wo auch immer viele andere Menschen sind.

Doch genau in diesem menschlichen Getümmel kann es leicht mal krachen und es kann einem alles zu viel werden. Wo ist dann die nächste Tür, die man hinter sich zuziehen kann, um einmal ganz alleine zu sein und sich wieder „einzukriegen“?

 

Wo ist die nächste Tür, die man hinter sich zuziehen kann?
Vielleicht gibt es eine Kantine? Aber da ist man meistens nicht allein. Vielleicht kann man kurz mal rausgehen, auf den Parkplatz oder eine andere Stelle auf dem Betriebsgelände? Doch die Wahrscheinlichkeit, hier niemanden anzutreffen, ist auch eher gering. Außerdem könnten andere aus dem Fenster schauen und sich fragen: „Was macht der da?“ Oder: „Warum arbeitet sie nicht?“

Es gibt keine Krisenräume. Also wohin dann? Ein Ort hat tatsächlich eine Tür, die man hinter sich abschließen kann: das Firmenklo. Und genau dahin, so Konstanze Wortmann, flüchten sich viele Beschäftigte. In ihrem Buch finden sich zahlreiche Übungen, die helfen, die Balance zurückzugewinnen. Und sie funktionieren teilweise sehr diskret und benötigen nicht viel Raum. Zur Not könnte man sie also auch im „Kraftraum mit der Doppelnull‘“ ausführen – auf der Firmentoilette.

Schreiben Sie uns Ihre Geschichten!
Sie habe von Seminarteilnehmern absolut positive Rückmeldungen erhalten, berichtete mir Konstanze Wortmann. Und ganz spontan hätten Menschen ihre Firmenklo-Geschichten erzählt. Nun ist sicher nicht alles für die Öffentlichkeit bestimmt, was auf einer als Krisenrückzugsort genutzten Toilette passiert. Aber es wird sicher ganz witzige, erzählenswerte und auch Mut machende Geschichten geben. Und wir würden uns freuen, wenn Sie diese mit uns teilen möchten.

Es gibt auch etwas zu gewinnen: Am 16. Juli verlosen wir unter allen, die mitgemacht haben, insgesamt drei Junfermann-Bücher. Den Titel dürfen sich die Gewinnerinnen und Gewinner aussuchen. Vielleicht fällt Ihre Wahl ja auf Letzte Zuflucht Firmenklo?

Gewaltfreie Kommunikation und Macht – ein Interview mit Petra Quast

Rosenberg_Macht_X.inddMacht – lange schon war dieses Thema nicht mehr so aktuell wie heute. Da gibt es einmal diejenigen, die sich ohnmächtig fühlen, resigniert haben und sich zurückziehen, denn gegen die Macht von „denen da“ kommt man einfach nicht an. Oder es gibt diejenigen, die als „Wutbürger“ endlich einmal zeigen wollen, dass sie durchaus über Macht verfügen. Auch erleben wir immer wieder, dass Politiker scheinbar gar nicht die Mächtigen im Land sind, denn überall versuchen Lobbyisten die Interessen von Unternehmen oder anderen einflussreichen Organisationen nach vorne zu bringen.

Wir erleben Macht aber auch in Gestalt von Politkern, die sich dominant zeigen, die Konflikte anheizen und teilweise über Waffenarsenale gebieten. Aus Machtdemonstrationen könnten nur allzu leicht heiße Kriege werden, mit verheerenden Folgen für die ganze Menschheit. Für manche sind diese Politiker der Typ starker Mann, der endlich mit „dem Saustall“ aufräumt und ihnen zu ihrem Recht verhilft, zu mehr Macht und mehr Einfluss. Und dann wieder erleben wir eine schwindende Wahlbeteiligung. „Alle macht geht vom Volke aus“ (Artikel 20 des Grundgesetztes der Bundesrepublik Deutschland). Aber sein Kreuzchen auf dem Zettel zu machen scheint nicht die Form von Macht zu sein, die ganz viele Menschen heute ausüben möchten.

Das sind die Dinge, die mir zum Thema Macht spontan durch den Kopf gehen, eine Auflistung, die sich endlos fortsetzen ließe. Es gibt zahllose Vorstellungen darüber, was Macht eigentlich ist – und würde man zehn Menschen fragen, bekäme man wohl zehn verschiedene Antworten. Auch Marshall Rosenberg, der Begründer der Gewaltfreien Kommunikation, hat sich mit dem Thema Macht beschäftigt. Und wie passend: Vor mir liegt sein Buch „Gewaltfreie Kommunikation und Macht“. In der italienischen Originalausgabe kam es bereits 2004 auf den Markt. Es ist also nicht wirklich ein ganz neues Buch, aber eines, das wohl immer aktuell sein wird und momentan gerade sehr stark den Nerv der Zeit trifft.

Das Buch würde es in deutscher Übersetzung nicht geben, hätte sich nicht Petra Quast dafür engagiert. Sie lebt seit vielen Jahren in Italien und ist dort eine von drei zertifizierten Trainer/inne/n für Gewaltfreie Kommunikation. Sie hat uns nicht nur auf das Buch aufmerksam gemacht, sondern es auch aus dem Italienischen ins Deutsche übersetzt. Mit ihr möchte ich mich darüber unterhalten, was für sie das Besondere an diesem Buch ist und was sie selbst zum Thema Macht zu sagen hat. Sie erwähnte einmal, die inzwischen verstorbene GFK-Trainerin Vilma Costetti habe sie einst auf ein Buch von Carl Rogers aufmerksam gemacht, dessen Titel ins Deutsche übersetzt „Persönliche Macht“ lauten würde. Die erste Ebene der Macht, so Petra Quast, sei die persönliche Macht; das habe sie besonders aus diesem Buch gelernt.

 

HC: Sie arbeiten als GFK-Trainerin in Italien und deshalb auch schon lange mit der italienischen Ausgabe von „Gewaltfreie Kommunikation und Macht“. Was schätzen Sie besonders an diesem Buch?

PQ: Zusammen mit dem Basisbuch begleitet es mich, seit ich die GFK kenne und hat mir besonders dabei geholfen, einige Schlüsselkonzepte der Gewaltfreien Kommunikation besser zu durchdringen, wie zum Beispiel das Thema Feindbilder oder bedingungslose Liebe. Außerdem gefällt mir die sehr direkte und lebendige Form. Jedes Mal, wenn ich einen Blick hinein werfe, inspiriert mich was ich lese stets aufs Neue, auch noch nach zwölf Jahren GFK. Ich mag das Zusammenspiel der verschiedenen Ebenen, vom Persönlichen bis zum Politischen, die in den Kapiteln angesprochen werden.

HC: Immer mal wieder machen Sie die Erfahrung mit Kollegen oder Teilnehmern in Seminaren, dass es da noch ein Rosenberg-Buch gibt, das diese nicht kennen. Mögen Sie dazu etwas erzählen?

PQ: Ich beschäftige mich seit 2005 mit der GFK und habe sie in Italien kennengelernt. Erst 2013 habe ich zum ersten Mal an einem Seminar in einem anderen Land teilgenommen und zwar in Deutschland. Und erst da habe ich gemerkt: es gibt italienisches Material, das nicht in deutscher Übersetzung verfügbar ist. Das fand ich wirklich sehr schade. Mehrere Teilnehmer haben mich nach der englischen oder wenigstens spanischen Ausgabe gefragt, aber auch die gab und gibt es nicht.

HC: Vor gut einem Jahr hatten wir den ersten Kontakt. Was genau hat Sie bewogen, gerade dann das Projekt anzugehen? Das Buch gibt es ja schon länger … Lag es vielleicht daran, dass das Thema Macht gerade so aktuell ist wie schon länger nicht mehr?

PQ: Nein, nicht direkt. Den Plan hatte ich schon spätestens seit 2013, nach der Teilnahme an dem Seminar in Deutschland. Aber dann kamen viele andere Dinge dazwischen und vor einem Jahr war für mich eben genau der richtige Zeitpunkt gekommen. Ich hatte Lust und Energie und den Mut, den ersten Schritt zu machen. Ich komme aus einem ziemlich politischen Elternhaus und glaube, das Thema Macht ist immer und überall aktuell.

HC: Wenn man das Wort Macht hört, denkt man – gerade heutzutage – immer an Politik. Aber die GFK verengt den Blick anscheinend nicht auf das eine Thema …

PQ: Das war auch für mich ein Lernprozess und am Anfang überraschend, denn auch für mich war Macht ein vor allem politisches Thema. Mir meiner persönlichen Macht bewusst zu werden, dabei haben mir die GFK, dieses Buch und natürlich der Austausch mit Vilma Costetti sehr geholfen. Ich würde daher heute sagen: Macht spielt in jedem Bereich eine wichtige Rolle. Egal ob in der Familie, am Arbeitsplatz oder in der Politik, die Frage ist für mich immer: Wie können wir aufeinander Einfluss nehmen und uns gleichzeitig gegenseitig respektieren?

HC: Im Buch gibt es überraschenderweise auch ein Kapitel über Gesundheit. Was hat denn Macht mit Gesundheit zu tun?

PQ: Mehr als man glaubt. Wir haben in jedem Augenblick die Macht und die Möglichkeit, etwas für unser Wohlbefinden und unsere Gesundheit zu tun; es reicht beispielsweise schon, dass wir uns selbst und anderen auf eine bestimmte Weise zuhören. Gehört zu werden tut einfach gut, nicht nur auf der emotionalen und psychischen Ebene, auch auf der körperlichen.

HC: Wie ich schon sagte, ist politische Macht gerade jetzt ein sehr aktuelles Thema. Überall tauchen Politiker auf, die sich sehr machthungrig zeigen und sich dominant geben. Hat die GFK z.B. eine Antwort auf / eine Haltung zu Donald Trump oder Kim Jong Un?

PQ: Diese Frage führt mich zum Thema Feindbilder. Wenn ich denke, jemand sei machthungrig oder gäbe sich dominant, spreche ich von mir und nicht vom anderen. Mir sind dann wahrscheinlich gerade Teilnahme und Respekt wichtig. Spüren Sie den Unterschied? Auf diese Weise bin ich in Kontakt mit meiner persönlichen Macht und kann von dort aus auf den anderen zugehen. Wenn ich allerdings Urteile über ihn oder sie im Kopf habe, selbst wenn ich sie nicht ausspreche, verliere ich an Macht und es kommt höchstwahrscheinlich zu einem Streit oder Schlagabtausch oder ich resigniere innerlich, weil ich glaube eh nichts tun zu können. Was aktuell in der Weltpolitik geschieht, ist meiner Meinung nach das Ergebnis eines seit Jahrtausenden währenden Abgeschnitten-Seins von den eigenen Bedürfnissen und einem Denken in Kategorien von richtig oder falsch, gut oder böse, schwarz oder weiß – und zwar auf allen Ebenen. Wir können oft nicht anders, weil wir es so gelernt haben. Die GFK hat mir und vielen anderen Menschen geholfen, sich der eigenen Wahlmöglichkeiten bewusst zu werden und von dort aus zu handeln. Und das ist auch in der Politik möglich.

HC: Zum Abschluss vielleicht noch etwas zur Historie dieses Buches bzw. zur GFK in Italien …

PQ: Das Buch ist nach einem Seminar mit Marshall Rosenberg entstanden, das 2002/2003 in Italien stattgefunden hat. Es gab einen Tonmitschnitt, aus dem Vilma Costetti eine Buchform schuf. Eine erste Ausgabe wurde 2004 veröffentlicht und dann 2010 überarbeitet. Vilma Costetti hat Marshall Rosenberg bei all seinen italienischen Seminaren und Konferenzen begleitet und bis zu ihrem Tod im Jahre 2013 selbst Seminare und Workshops in ganz Italien abgehalten, auch zum Thema Macht. Und sie hat mit ihrer Verlagsarbeit einen wertvollen und zeitlosen Beitrag für die Verbreitung der GFK geleistet, der auch mich in meiner heutigen Arbeit als eine von drei CNVC zertifizierten GFK-Trainern in Italien und Teil eines wachsenden Netzwerks weiterhin sehr unterstützt.

Stille-Post-Transaktionen: Buchpräsentation auf der World Conference for Transactional Analysis

JechtKauka-Spielerisch_FINAL.inddVom 27. bis zum 29. Juli 2017 kamen in der TU Berlin 900 Transaktionsanalytiker*innen aus aller Welt zusammen. In Vorträgen und Workshops wurde das sehr aktuelle Tagungsthema „Boundaries – a place … to meet … to develop … to define identity” behandelt.

Rechtzeitig zu diesem Kongress war unser Buch „Spielerisch arbeiten“ von Gudrun Jecht und Elke Kauka fertig geworden, und so lag es nahe, diesen Band den zahlreich in Berlin versammelten Fachkolleg*innen vorzustellen.

Am Freitag, dem 28.7. – nach einem langen Kongresstag und vor einem weiter entfernt stattfindenden Festabend – fand sich eine erfreulich große Gruppe in dem uns zugewiesenen Hörsaal ein. Die an dem Buch Beteiligten mussten sofort erste Exemplare signieren und sich zu Gruppenfotos zusammenfinden. Neben Elke Kauka und Gudrun Jecht waren von den deutschen Autorinnen noch Eva Bräuning und Ulrike Thiersch-Jung anwesend, von der italienischen Autorenschaft war Stefano Morena gekommen – und er hatte eine ganze italienische TA-Delegation

Von links nach rechts: Stefano Morena, Elke Kauka, Eva Bräuning, Gudrun Jecht, Ulrike Thiersch-Jung

Von links nach rechts: Stefano Morena, Elke Kauka, Eva Bräuning, Gudrun Jecht, Ulrike Thiersch-Jung

mitgebracht.

Und dann begann die eigentliche Buchpräsentation, in der erstmals öffentlich in TA-Kreisen die neu entdeckte Stille-Post-Transaktion demonstriert wurde. Und das ging so:

Elke Kauka berichtete humorvoll, wie die Idee zu dem Buch entstanden war und wie dieses Buch-Baby auf die Welt gebracht wurde. Nach wenigen Sätzen hielt sie inne, der Blick ging zu Gudrun Jecht und diese übersetzte das vorher Gesagte ins Englische. Neben Gudrun Jecht stand der Dolmetscher der italienischen Delegation, der aus dem Englischen ins Italienische übersetzte.

Elke Kauka berichtete über ihr Zusammentreffen mit italienischen Kolleginnen und Kollegen und wie daraus die Idee dieser länderübergreifenden Kooperation entstanden sei. – Pause – Pause – Pause – und ein Blick zu Gudrun Jecht, die anscheinend ganz vertieft in das Berichtete ihren Übersetzungseinsatz verpasst hatte. Doch es gelang ihr, den Faden

Die Stille-Post-Transaktion: Vom Deutschen ins Englische ins Italienische (von rechts nach links)

Die Stille-Post-Transaktion: vom Deutschen ins Englische ins Italienische (von rechts nach links)

aufzunehmen und ihrem italienischen Nebenmann eine englische Vorlage zu liefern.

So verging die Zeit wie im Flug und am Ende wurden noch mehr Bücher signiert und weitere Fotos gemacht. Unbeantwortet blieb allerdings die Frage, ob am (italienischen) Ende tatsächlich das rauskam, was am (deutschen) Anfang in die Transaktionskette hineingegeben worden war. Die Stille-Post-Transaktion könnte also für den einen oder die andere zu einem interessanten Forschungsgebiet werden …

Für Nina

von Fabienne Berg

Demnächst erscheint Fabienne Bergs neues Buch Nahrung für Körper und Seele. Magersucht überwinden bei Junfermann. Die Autorin hat hierfür einige von Magersucht betroffene Menschen Berg-Nahrung_FINAL.inddbefragt und ihre Geschichten in ihr Buch aufgenommen. Dazu gehörte auch Nina, mit der es nach Abschluss der Arbeiten an dem Buch zu einer berührenden Begegnung kam.

Aaah, es ist März! Die kalte und dunkle Jahreszeit ist endlich vorüber. Die Tage werden länger und es wird vorsichtig wärmer. Die Menschen halten sich zunehmend im Freien auf und sehnen sich danach, bald wieder schöne dünne Kleidung tragen zu können: luftige T-Shirts, die kurze Hose, das bunte Kleid – und mit Perspektive auf den Sommer den schicken Bikini vom letzen Jahr. Doch Moment! Ob der nach den üppigen Weihnachtsfeiertagen und nach diesem langen Winter überhaupt noch passt? Falls nicht, hilft da nur Folgendes: sich entspannen, sich darüber freuen, dass man es sich im Winter hat gut gehen lassen – und im Sommer bei Bedarf einen neuen kaufen! Vielleicht fragen Sie sich jetzt, ob ich noch alle Tassen im Schrank habe, Ihnen das zu empfehlen, raten doch sämtliche Frauenzeitschriften im Moment ganz anderes. Die Überschriften sind eindeutig: „20 Pfund weniger bis Ostern“, „Blitz-Diät“, „Ananas-Diät“, „Schlank mit Trennkost“ und und und … Zwar sind wir gerade in der Fastenzeit, aber diese Überschriften haben meiner Ansicht nach wenig mit religiösem Fasten oder Heilfasten zu tun.

Die große Mehrheit der Frauen in Deutschland und zunehmend auch der jungen Mädchen kennt sich mit Diäten aus; das ist keine ganz neue Erkenntnis. Doch wozu dient ihnen dieses Wissen eigentlich? Natürlich, um abzunehmen, ist doch klar! Wirklich? Die meisten dieser diätfreudigen Frauen und Mädchen haben keinerlei gewichtsbedingte Krankheiten, die aus medizinischer Sicht eine Diät erforderlich machen würden. Warum also dann überhaupt abnehmen? Glauben sie etwa, sie seien nicht schön, so wie sie sind? Geht es um den Sieg über die Figur und den blöden Bikini vom letzten Jahr? Oder doch um etwas ganz anderes? Eine Diät bindet – vom Geld ganz zu schweigen – viel Zeit und Energie. Für die eigentlichen Themen im Leben bliebe dann nicht mehr viel und so könnte man sich mit einer Diät wunderbar davon ablenken kann …

Unter gewissen Umständen kann eine Diät sogar gefährlich werden. Bei nicht wenigen an Magersucht erkrankten Frauen und Mädchen standen nämlich solche Abnehmbemühungen am Beginn ihrer Krankheit. In diesem Zusammenhang möchte ich eine Begebenheit mit Ihnen teilen, die mich sehr berührt und bewegt hat.

Vor ein paar Wochen bekam ich folgende SMS: „Hallo liebe Fabienne, wie geht es dir? Ich bin demnächst bei dir in der Nähe. Hast du vielleicht Zeit und Lust auf ein Treffen? LG Nina“

Nina. Ich hatte lange nichts mehr von ihr gehört. Kennengelernt hatten wir uns im Herbst 2014. Sie war zu der Zeit stationär in Behandlung, denn Nina war akut an Magersucht erkrankt. Die Krankheit hatte kaum etwas von ihr übrig gelassen. Sie war noch ein Schatten ihrer selbst, ein Häufchen Elend, nur Haut und Knochen. Verzweifelt, mutlos, traurig. Wir haben viel miteinander gesprochen. Über ihr Leben, ihre Eltern, den tragischen Tod ihrer Mutter, ihren hartherzigen Vater, dem sie nie irgendetwas hatte recht machen können und über ihren Beruf, der sie unglücklich gemacht und emotional ausgehöhlt hatte.

Ich schrieb ihr zurück: „Liebe Nina, schön von dir zu hören! Klar, können wir uns treffen. Wann und wo würde es dir denn passen? LG Fabienne“

Als Nina einige Tage später in das Café trat, in dem wir uns verabredet hatten, hätte ich sie fast nicht wiedererkannt, so unbeschreiblich war ihre Veränderung. Aus dem kaum 40 kg ‚schweren’ Häufchen Elend war wieder eine wunderschöne Frau mit ganz normaler Figur geworden. Das Haar voll und lockig, mit glänzenden grünen Augen und einer warmen und festen Umarmung. Im ersten Moment war ich so sprachlos, dass wir beide lachen mussten.

Und wieder gab es sehr viel zu erzählen. Ninas Vater, ihr Gewicht und der Job bei der Bank waren allerdings kein Thema mehr. Stattdessen berichtete Nina freudestrahlend, dass sie eine private Umschulung zur Fotografin gemacht habe und demnächst eine Fotoreise nach Kanada machen würde. Die einzigartigen Momente des Lebens zu erkennen und festzuhalten, mache ihr unglaubliche Freude. Zwar verdiene sie nicht annähernd so viel wie damals bei der Bank, aber es funktioniere und sie sei damit tausendmal glücklicher.

Nach ihrer stationären Therapie war Nina noch eine ganze Zeit ambulant in Behandlung gewesen. In dieser Zeit war ihr sehr viel klar geworden.

„Ich verstand, wie ich jahrelang an mir selbst vorbei gelebt habe. Und auch wie hart ich zu mir selbst gewesen bin. Ich habe alles entbehrt, wonach ich mich im Grunde mein ganzes Leben sehnte: Liebe, Zuwendung, Freude, sich angenommen fühlen. Und dann hörte ich auch noch auf zu essen. Ich gab mir nichts mehr. Ich war mir nichts wert. Doch damit ist nun zum Glück Schluss! Ich habe wieder angefangen zu essen und die Dinge zu tun, die mich mit Freude und Wärme erfüllen. Und das fühlt sich so unglaublich richtig und gut an. Es ist, als hätte ich endlich angefangen zu leben.“

Das von ihr zu hören, und vor allem Nina so gesund und fröhlich zu erleben, hat mich tief berührt und riesig für sie gefreut. Als ‚Wiedersehensgeschenk’ hatte sie mir ein Fotobuch mitgebracht mit einer Auswahl ihrer Lieblingsaufnahmen.

„Und wann erscheint dein neues Buch?“, fragte mich Nina.

Eine berechtigte Frage. Immerhin hatte ich Nina für das Buch interviewen dürfen.

„Jetzt bald im Frühling. Passend zu unserem Wiedersehen. Denn den Frühling hast du ja mitgebracht“, war meine Antwort.

Sich selbst mit dem zu nähren, was uns als Mensch langfristig gesund und glücklich macht, scheint mir wichtiger zu sein, als die Frage, ob die Kleidung vom letzten Sommer noch passt. Und was die eigene Attraktivität anbelangt, um die sich anscheinend so viele Frauen sorgen, so darf ich Ihnen verraten: Nicht die Bikinigröße ist ausschlaggebend. Ich weiß nicht, ob es ihr selbst wirklich aufgefallen war, mir aber schon: Als Nina mit ihrer neuen lebensbejahenden Ausstrahlung das Café betrat, drehte nicht nur ich mich um.

 

Berlin im November 2016: DGPPN-Kongress und eine Buchpremiere mit Liv Larsson

Teil 1: DGPPN-Kongress

Ende November ist seit ein paar Jahren für uns DGPPN-Zeit. Als Verlag gehören wir zu den Ausstellern p1010754auf „Europas größtem Fachkongress auf dem Gebiet der psychischen Gesundheit“. Laut Veranstalter (DGPPN steht für „Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde“) kamen in der Zeit vom 23.-26. November 2016 mehr als 9000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer in den Citycube Berlin und nahmen an mehr als 600 Veranstaltungen teil.

Einen kleinen Ausschnitt des wissenschaftlichen Programms kann ich wieder in diesem Jahr erleben. Themen wie „Schuld, Psyche und Gehirn“, „Transgenerationale Effekte von mütterlichen Belastungen“ und „Behandlungskontinuität – auf die Beziehung kommt es an“ stehen auf meiner Liste. Außerdem besuche ich ein Symposium zum Thema „Lifestyle, Körperkult, Superfoods“, in dem u.a. die Auswirkungen der Sendung „Germanys next Topmodel“ auf die meist jugendlichen Zuschauerinnen untersucht werden. Die Mager-Models haben Einfluss auf junge Frauen mit Magersucht – das zumindest ergab eines Untersuchung, die Referentin Maya Götz präsentiert.

 

Teil 2: Buchpremiere „Dankbarkeit, Wertschätzung und Glück“

Am Freitagnachmittag lasse ich dann den Kongresstrubel hinter mir, wünsche den Kolleginnen am Larsson-Dankbarkeit_Cover.qxp_CoverVerlagsstand weiterhin gute Verkäufe und mache mich auf den Weg zu meinem ersten persönlichen Treffen mit unserer Autorin Liv Larsson. In Zusammenarbeit mit der deutschen GFK-Trainerin Annett Zupke führt sie schon seit einigen Jahren Workshops in Berlin durch. Kürzlich ist bei Junfermann ihr neues Buch erschienen: „Dankbarkeit, Wertschätzung und Glück“. Liv hatte sich diesmal eine Buchpremiere gewünscht, vorzugsweise in Berlin. Diesem Wunsch kamen wir gerne nach, haben wir doch mit Britta Gansebohm (Salonkultur) inzwischen eine Partnerin in Berlin, mit der wir solche Veranstaltungen gut realisieren können.

Bereits im Vorfeld der Buchpremiere zeichnete sich ab: Der Laden wird voll, der Name Liv Larsson scheint in Berlin zu ziehen. Und so bildet sich recht schnell eine Schlange von Menschen, die Einlass in den Veranstaltungsraum der Z-Bar begehren. Währenddessen laufen noch allerletzte Absprachen zwischen Autorin und Übersetzerin Julia Föll. Liv Larsson möchte nicht nur aus ihrem neuen Buch vorlesen und etwas über Dankbarkeit erzählen; sie möchte auch, dass sich das Publikum beteiligt, in Form von kleinen Übungen. Ob das aber angesichts der räumlichen Enge überhaupt möglich sein wird? Und: Wird sich ein Berliner Publikum zum Mitmachen motivieren lassen? – Fragen über Fragen.

Doch dann haben alle ihre Plätze eingenommen und nach der Begrüßung durch Britta Gansebohm erhält Liv das Wort. Sie spricht Englisch und Julia Föll sorgt dafür, dass diejenigen, die nicht ganz so heimisch in dieser Sprache sind, auch folgen können. Später berichtet sie, sie habe zum ersten Mal vor Publikum übersetzt. Eine wirklich geglückte Premiere, muss ich sagen, die viel zum Gelingen des Abends beigetragen hat.

Julia Föll und Liv Larsson

Julia Föll und Liv Larsson

Passt es überhaupt, angesichts der Lage auf dem Planeten, angesichts zunehmender Bedrohung und sich zuspitzender politischer Verhältnisse, sich mit einem Thema wie Dankbarkeit zu beschäftigen? Sollte man nicht vielmehr die Welt verändern? So leitet Liv Larsson ihr Thema ein. „Frag dich nicht, was die Welt braucht. Frag, was dich lebendig macht, und dann tu es. Denn die Welt braucht Menschen, die zum Leben erwacht sind.“ In diesem Zitat von Howard Thurman kommt sehr schön zum Ausdruck, dass es überhaupt kein Gegensatz sein muss: Beschäftigung mit sich selbst – Beschäftigung mit „äußeren Angelegenheiten.

Weiter geht es mit der Lesung von Abschnitten aus dem Buch („Wollt ihr noch mehr hören?“ Publikum: „Ja!“) und auch Erfahrungsberichten rund um die Themen Dankbarkeit und Wertschätzung. Und immer wieder ermuntert Liv zu Fragen, denn sie ist neugierig, möchte wissen, welche Erfahrungen andere mit dem Thema machen, welche Gedanken sie umtreiben. Und das Publikum lässt sich nicht lange bitten. Viele Fragen, die gestellt werden, sind ziemlich komplex und verraten eine bereits tiefere Beschäftigung mit dem Thema. Schnell vergeht so die Zeit, doch auch nach Abschluss des „offiziellen“ Teils des Abends gibt es noch Möglichkeiten zum Gespräch. Außerdem signiert Liv Bücher.

Bleibt zum Abschluss noch die Frage: Hat das Publikum mitgemacht? Als Liv dazu auffordert, wir p1010763mögen uns doch bitte unserem Nachbarn, unserer Nachbarin zuwenden und uns über etwas austauschen, über das wir froh sind, dass wir es getan haben, füllt bald ein Stimmengewirr den Raum. Ganz offensichtlich lässt sich also auch ein Berliner Lesungspublikum sich zum Mitmachen animieren.

Wie wir unsere Bücher aus der Psychiatrie holten …

„Für dich ist ein Paket in der LWL-Klinik abgegeben worden. Man sagte mir, es sei recht schwer.“ Mit dieser Nachricht überraschte mich heute meine Kollegin.

In der Psychiatrie also, die vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe betrieben wird (dafür steht „LWL“), ist eine Lieferung für uns gelandet? Etwa eingeliefert worden? Der Paketdienstfahrer habe sich vertan, sagt meine Kollegin. Und statt ihn zurückzuschicken, hat man in der Klinik das Paket angenommen und uns benachrichtigt.

Zum Glück liegt die Klinik gleich um die Ecke und so nehmen wir die willkommene Gelegenheit für einen kleinen Spaziergang wahr. Weil das Paket schwer sein soll, nehmen wir lieber eine Sackkarre mit. Wir finden das Gebäude, in dem die Lieferung auf uns wartet und jemand, der wie ein Hausmeister aussieht, weist uns den Weg. Auf dem Korridor finden sich diverse Pakete, darunter eins mit einem Zettel versehen: „Wird abgeholt.“ Es ist tatsächlich unser Paket. „Das ist doch gar nicht so schwer“, meint meine Kollegin. Aber auf Dauer könnten die Arme doch etwas länger werden und so packen wir es auf die Sackkarre.

Der Absender ist eine der Druckereien, mit denen wir arbeiten – und so habe ich schon eine Vermutung, was drin sein könnte. Im Verlag angekommen packe ich sofort aus – und finde meine Vermutung bestätigt. Es sind unsere Novembernovitäten, und zwar die Belegexemplare für den Verlag! Wie gut, dass die Klinik gleich um die Ecke liegt, denke ich mir. Was hätte den Büchern nicht alles in der Psychiatrie passieren können, hätten sie länger dort bleiben müssen. Schon eine ziemlich verrückte Geschichte!

 

Und diese beiden Bücher haben wir aus der Psychiatrie „befreit“:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Neurolinguistisches Coaching“ und „Kluge Köpfe, krumme Wege?“

Ab dem 20. November sind sie überall im Handel erhältlich.

Sommerzeit – Winterzeit: Wie wirkt sich die Zeitumstellung auf unseren Schlaf aus? Ein Interview mit Konstanze Wortmann

Über den Sinn der alljährlichen Zeitumstellung – im Frühjahr eine Stunde vor, im Herbst eine Stunde zurück – wird viel gestritten. Ursprünglich zum Zweck der Energieeinsparung eingeführt, mehren sich die Stimmen, die negative gesundheitliche Auswirkungen dieser Maßnahme befürchten.
Im Folgenden kurzen Interview nimmt die Schlafexpertin Konstanze Wortmann Stellung zum Thema Sommerzeit – Winterzeit.

 

In der Nacht von Samstag auf Sonntag konnten wir unsere Uhren eine Stunde zurückstellen. Eine Stunde mehr Schlaf also in dieser Nacht. Was sagen Sie als Schlafexpertin dazu?

Erst einmal habe ich Mitgefühl mit den Menschen, die in dieser Nacht arbeiten und dadurch in der Regel eine Stunde länger ihren Dienst tun. Menschen in den Krankenhäusern, Zugbegleiter, Polizistinnen und Polizisten, Menschen in der Fertigung.
Von Samstag auf Sonntag eine Stunde mehr Schlaf hört sich sehr komfortabel an. Dies verstärkt jedoch eigentlich nur den Sonntag-Montag-Jetlag. Generell wird die Nacht von Sonntag auf Montag hinsichtlich ihrer Schlafqualität als schlechter bewertet. Man ist noch relativ gut ausgeschlafen vom Wochenende, geht früh ins Bett um am Montag wieder fit zu sein. Doch während des Einschlafens türmt sich die Arbeitswoche vor dem geistigen Auge auf – und der Schlaf will nicht kommen. Von dieser schlechten Nacht gerädert, beginnt man montags seinen Arbeitsalltag.
Deshalb wird m.E. die Zeitumstellung zusätzlich als belastend wahrgenommen.

 

Die eine Stunde im Frühjahr, die uns bei der Umstellung auf die Sommerzeit „geklaut“ wird, empfinden viele Menschen als schlimm. Dabei ist es doch nur eine Stunde. Welche Auswirkungen hat das auf unseren Organismus?

Unsere „innere Uhr“ folgt immer den gleichen natürlichen Gesetzen. Organisch soll diese innere Uhr im suprachiasmatischen Nucleus verortet sein. Das ist ein kleines Bündel von Zellen im Gehirn, in der Nähe der Sehnervenkreuzung. Neue Erkenntnisse sprechen dafür, dass die innere Uhr in jeder Körperzelle „informiert“ ist. Zudem wird sie beeinflusst durch das Licht, soziale Gewohnheiten und unsere Mahlzeiten.
Unser Organismus ist recht flexibel und anpassungsfähig. Die Zeitumstellung irritiert ihn kurz in seiner natürlichen Rhythmik, dann aber setzen sich die natürlichen Vorgänge wieder durch – solange es bei dieser einen Stunde bleibt. Problematisch ist daran, dass der Alltag uns häufig nicht die Möglichkeit gibt diesen Anpassungsprozess zu unterstützen. Und das ist es, was dann eigentlich als schlimm empfunden wird.
Und grundsätzlich git: Ein Leben gegen unsere innere Uhr, bzw. die Ignoranz dieses inneren Taktgebers, macht auf die Dauer krank.

Merken Sie die Zeitumstellung auch in Ihrer Arbeit in der Schlafschule?

Nein, die Zeitumstellung ist für unsere Schlafschüler nicht das Problem. Sie leiden vorwiegend unter den Grübeleien während der Wachliegezeiten in der Nacht. Deshalb werden sie auch darin ermuntert, das Bett sofort zu verlassen, falls sie wachliegen und grübeln. Damit soll der Organismus das Grübeln in der Horizontalen wieder verlernen.

 

Gibt es überhaupt irgendeinen guten Grund für die Zeitumstellung?
Da fällt mir persönlich nur das gemütliche Zusammensein mit Freunden im Sommer zu später Stunde auf der Terrasse ein, wenn es noch lange hell ist.

Konstanze Wortmann

Konstanze Wortmann, fachliche Leitung der Schlafschule-Unna, Diplom-Psychologin, Psychologische Psychotherapeutin, Kinesiologin, Hypnotherapeutin, niedergelassen in eigener Praxis, Sounder Sleep System-Senior Teacher, Dozentin in der kollegialen Fortbildung und Erwachsenenbildung im Gesundheitsbereich sowie in der betrieblichen Gesundheitsförderung.
Im September 2015 erschien bei Junfermann ihr Buch Wege in den erholsamen Schlaf.