Stimulation, Anerkennung und Struktur? Corona schränkt die Möglichkeiten unserer Bedürfnisbefriedigung erheblich ein

Passen Sie auf sich auf!

Von Andrea Landschof

Selbstfürsorge ist in Zeiten des Coronavirus wichtiger denn je. Prinzipiell geht es jetzt darum, sich auf das zu konzentrieren, was man selbst in der Hand hat, statt auf das, was man nicht beeinflussen kann. In diesem Zusammenhang spielen unsere individuellen Bedürfnisse eine große Rolle. Neben den existenziellen Grundbedürfnissen wie zum Beispiel Nahrung und Schlaf benötigen wir Menschen die Befriedigung weitreichenderer Bedürfnisse, um ein gesundes Leben führen zu können. Die Transaktionsanalyse geht von angeborenen psychologischen Grundbedürfnissen aus, die entwicklungsfördernde und sozial regulierende Funktionen erfüllen. Sie werden auch als „Hunger“ des Menschen nach Stimulation, nach Anerkennung und nach Zeitstrukturierung bezeichnet. Wir fühlen uns in der Regel erst dann wohl, wenn dieser Hunger genügend Beachtung findet und gestillt ist.

In Zeiten von Corona werden die Möglichkeiten, unsere existenziellen Grundbedürfnisse zu befriedigen, jedoch stark eingeschränkt. Direkte Zuwendung über Kontakt und Beziehung ist nur noch zum Teil möglich. Wir sind aufgefordert, uns im privaten und beruflichen Leben neue Ordnungssysteme und Strukturen zu schaffen. Beispielsweise im Homeoffice oder bei der Betreuung der Kinder, die derzeit nicht mehr in Schule oder Kindergarten gehen und auch die Großeltern nicht besuchen dürfen.

Alte und bewährte Formen von (sinnlicher) Anregung brechen weg und fordern uns heraus, neue Wege der sensorischen Anregung zu finden.

Das Grundbedürfnis nach sinnlicher Anregung

Wir Menschen benötigen für unser Überleben die Anregung unserer Sinne. Im heutigen Zeitalter der Reizüberflutung gibt es meist ein Zuviel, eine Überstimulation unserer Sinne, die zu Stress führen kann. Mit dem plötzlichen Wegfall von Arbeits- und Vereinsleben und weiteren Freizeitaktivitäten wie Kino und sommerlichen Grillabenden mit Freunden etc. konzentriert sich das soziale Leben noch mehr als sonst auf die digitale Welt. Das schafft weitere Herausforderungen. Wir sind aufgefordert, ein für uns und unser Leben passendes Maß zu finden – auch oder gerade jetzt während der Corona-Situation.

Fühlen Sie sich eingeladen, einmal darüber nachzudenken, wie viel und welche Art von Stimulation Sie wirklich benötigen. Was ist möglich – trotz Corona?

Wie stillen Sie aktuell Ihr Grundbedürfnis nach sinnlicher Anregung? Wie steht es um Ihr Bedürfnis nach Ruhe und Ausgleich? Möglicherweise tut es Ihnen in dieser Zeit gut, nicht mehr so viele Termine und reale Kontakte zu haben. In der Stille, beispielsweise in Form eines langen Spaziergangs in der Natur, finden Sie die Art von sinnlicher Anregung, die Sie brauchen. Kramen Sie auch gerne in Ihrer „Kindheitstruhe“. Was haben Sie damals gern getan, und wie haben Sie es sich gut gehen lassen? Haben Sie gemalt, musiziert oder gewerkelt? Was benötigen Sie, um sich lebendig zu fühlen? Vielleicht gehören Sie zu den Menschen, die lieber mit anderen in Kontakt stehen und sich durch gemeinsame Gespräche oder Unternehmungen zu zweit geistig anregen lassen?

Das Grundbedürfnis nach Anerkennung

Als soziale Wesen haben wir ein angeborenes Bedürfnis nach Zugehörigkeit und streben danach, von anderen Menschen wahrgenommen zu werden.

Der Transaktionsanalytiker Eric Berne spricht von „Strokes“ und bezeichnet damit eine sogenannte Anerkennungseinheit: Wir zeigen anderen (verbal oder nonverbal), dass wir deren Gegenwart beachten. Stroken beinhaltet nicht, dass wir unser Gegenüber körperlich berühren oder streicheln (obwohl auch das in manchen Fällen sehr wohltuend sein könnte, nur momentan eben nicht immer möglich ist), sondern beinhaltet auch andere Formen der „Zuwendung“, die wir einander schenken, etwa ein freundliches „Guten Morgen“ zur Begrüßung.

Gehen Sie bewusst mit Zuwendung um:

  1. Geben Sie Zuwendung, wenn Sie gern möchten! Rufen Sie einen Freund/eine Freundin an oder gehen Sie gemeinsamen (unter Einhaltung des notwendigen Abstands) spazieren und teilen Sie der Person mit, was Sie an ihr schätzen. Wer benötigt in Zeiten von Corona Ihre Hilfe und ermutigende Worte oder Taten?
  2. Geben Sie sich selbst Zuwendung! Was gelingt Ihnen gut trotz der Herausforderungen dieser Zeit? Wie meistern Sie die Ausnahmesituation? Worauf können Sie stolz sein? Sind Sie nicht täglich der Held/die Heldin Ihres Alltags?
  3. Nehmen Sie Zuwendung an, wenn Sie welche möchten! Wir sind als beziehungsorientierte Wesen aufeinander angewiesen. In diesen Zeiten mehr als je zuvor. Nehmen Sie die Hilfe an, wenn Sie sie brauchen. Von Ihrem Nachbarn, der für Sie einkaufen geht. Von der Freundin, der Sie Ihr Leid wegen der erkrankten Mutter klagen dürfen. Oder von dem Ihnen unbekannten Menschen auf der Straße, der Ihnen ein Lächeln schenkt …
  4. Bitten Sie um Zuwendung, wenn Sie welche benötigen! Wir alle haben unsere Ängste. Vor einer ungewissen Zukunft. Vor Krankheit. Vor dem Alleinsein oder der sozialen Isolation. Welche Form von Zuwendung täte Ihnen jetzt gut? Von wem können Sie diese erfahren?
  5. Lehnen Sie Zuwendung ab, wenn Sie sie nicht wollen! Nicht von jedem und nicht in allen Situationen benötigen Sie im Augenblick Unterstützung. Vieles bewegen Sie tatkräftig auch allein. Welche Hilfsangebote wollen Sie ablehnen, weil sie unpassend oder unangemessen sind?

Es geht nicht darum, dass Sie eine bestimmte Menge an Zuwendungen bekommen oder geben müssen, um gut zu leben. „Viel“ ist nicht gleichbedeutend mit „gut“. Manch einer kommt mit weniger Zuwendung aus, kann diese jedoch ausgiebig genießen. Nehmen Sie sich Zeit und überlegen Sie sich, wie es für Sie stimmig ist.

Das Grundbedürfnis nach Struktur

Jeder Mensch trägt das Bedürfnis nach innerer und äußerer Ordnung in sich.

Dieses Bedürfnis zeigt sich uns besonders dann, wenn uns, wie aktuell in diesen Corona-Zeiten, Struktur fehlt. Altbewährte Muster, Routinen und Rituale brechen weg. Obwohl viele eine Sehnsucht nach Veränderung in sich tragen, scheuen sie gleichzeitig die damit verbundenen Unsicherheiten, denn ihre Angst vor dem Unbekannten ist groß. Der „Hunger nach Struktur“ und das Bedürfnis nach Ordnung sind je nach Persönlichkeit und abhängig von Lebensabschnitten, in denen wir uns befinden, unterschiedlich stark ausgeprägt.

Ein Zuviel an Strukturvorgaben kann ebenso destruktiv für Menschen und Organisationen sein wie ein Zuwenig. Überreglementierung und Starrsinn sind die Gegenspieler, die durch die Überbetonung von Strukturen eintreten.

Menschen tragen eine natürliche Motivation in sich, auch ihre Zeit strukturieren und sinnvoll gestalten zu wollen. Es gibt nach Berne sechs unterschiedliche Arten, wie Menschen ihre Zeit und ihr Miteinander verbringen:

  • durch Rückzug
  • durch Rituale
  • durch Zeitvertreib
  • durch Aktivitäten
  • durch psychologische Spiele
  • durch offene Begegnungen

Die Art und Weise, wie wir unsere Zeit gestalten, beschreibt also, wie wir unser Sozialverhalten und unsere innere und äußere Welt organisieren.

  • Rückzug. Gemeint ist ein psychisches oder physisches Sichzurücknehmen, an dem andere Menschen keinen Anteil haben. Wir schaffen uns Freiräume, die uns zur Regeneration dienen, beispielsweise vor uns hin träumen, etwas lesen, schlafen oder spazieren gehen. Anregung zur Selbstreflexion: Gönnen Sie sich ausreichend Auszeiten? Wie sehen Ihre Freiräume in Zeiten von Corona aus?
  • Rituale. Rituale sind sinnstiftend und geben Sicherheit. In Zeiten von persönlichen und beruflichen Veränderungen sorgen Rituale für Beruhigung und Stabilität.

Anregung zur Selbstreflexion: Wie passen Ihre Rituale zu Ihrer aktuellen Lebenssituation? Welche Rituale schätzen Sie und wollen Sie in Zeiten der Veränderung beibehalten, damit Sie sich wohlfühlen? Welche davon missfallen Ihnen und sollten deshalb verändert werden?

  • Zeitvertreib. Unter dem Begriff Zeitvertreib subsumiert man alle Tätigkeiten, die man zur eigenen Unterhaltung ausführt. Zeitvertreib gestaltet sich unbefangen und zweckfrei. Es müssen keine „schwerwiegenden“ Themen gehoben werden. Eine „Seinsart“, die vielen Menschen inzwischen verloren gegangen zu sein scheint: einfach in der Zeit verweilen. Anregung zur Selbstreflexion: Welchen Impulsen folgen Sie gerne? Welchen Impulsen folgen Sie, wenn Sie Langeweile haben? Kennen Sie noch zweckfreie Zeiten und können Sie sich in diesen bewegen oder etwas mit der Zeit und sich anfangen? Welchem wohltuenden Zeitvertreib können Sie gerade wegen der Corona-Beschränkungen nachgehen?
  • Aktivitäten. Wir gestalten unsere Zeit mit Aktivitäten, die produktiv und gewinnbringend für uns und andere sein können. Wir erhalten durch Aktivitäten Anerkennung und Informationen. Wir gehen einer Arbeit oder einem Hobby nach, treiben Sport oder interessieren uns für Kultur oder Politik. Wir engagieren uns in Ehrenämtern und reisen durch die Welt. Vieles davon ist momentan nicht mehr möglich.

Anregung zur Selbstreflexion: Mit welchen Aktivitäten verbrachten Sie bisher Ihre Zeit, und mit welchen jetzt? Was wiederholen Sie wie häufig und zu welchen Zeiten? Was ist noch möglich?

  • Psychologische Spiele. Kommunikationsweisen, durch die wir uns und andere in typische (meist dysfunktionale) Gesprächs- und Beziehungsmuster „hineinmanipulieren“, nennt die Transaktionsanalyse „psychologische Spiele“. Sie sind ineffektive Formen der Zeitgestaltung, in der die Beteiligten von verborgenen Motiven beherrscht werden. Psychologische Spiele ähneln einem kindlichen Spiel in dem Sinne, als dass sie einem immer gleichen Ablauf folgen. Der Unterschied liegt darin, dass ein kindliches Spiel immer positiv ausgerichtet ist.

Wenn wir beispielsweise mit einer bestimmten Person immer wieder in Streit geraten oder Konflikte ausfechten, kann das ein Zeichen dafür sein, dass wir uns gerade in einem solchen „Spiel“ befinden.

Anregung zur Selbstreflexion: Welche „Spiele spielen“ Sie unbewusst immer wieder? Zu welchen Spielen werden Sie in dieser beispielslosen Zeit immer wieder „eingeladen“? Und zu welchen Spielen laden Sie ein?

  • Intimität. Sie ist eine echte menschliche Begegnung, die frei von Spielen ist. Wir stehen in einem authentischen Kontakt mit unseren Mitmenschen und in einer offenen Atmosphäre, die es erlaubt, wir selbst zu sein. Wir tauschen Gefühle, Gedanken und Erfahrungen aus, ohne verletzt oder manipuliert zu werden.

Anregung zur Selbstreflexion: Mit welchen Menschen teilen Sie diese Form von Intimität? Wie gestalten Sie diese? Wie können Sie in Zeiten von Corona auch über eine Entfernung hinweg Intimität mit ausgewählten Menschen herstellen?

Nutzen Sie Ihre Ressourcen und kommen Sie gut durch diese herausfordernde und auch Chancen bietende Zeit!

Herzlichst

 

 

Über die Autorin:

Andrea Landschof ist Transaktionsanalytikerin, Lehrsupervisorin und Lehrcoach. Als Inhaberin des Beraterwerkes Hamburg, einem Institut für Fort- und Weiterbildung von Berater*innen und Transaktionsanalytiker*innen, begleitet sie seit über 25 Jahren Menschen bei der beruflichen Orientierung.

Weitere Impulse zur Erfüllung unserer psychologischen Bedürfnisse sowie zu (noch) nicht genutzten Chancen und Potenzialen finden Sie in ihrem Buch Das bin ich!? Verborgene Talente entdecken und Veränderungen gestalten.

„Bleiben Sie zu Hause! Gehen Sie spazieren!“

In der Corona-Zeit erlebt das Spazierengehen einen wahren Boom. Wie heilsam und kreativitätssteigernd das „Frische-Luft-Schnappen“ sein kann, darüber hat die Schweizer Autorin Sabine Claus ein Buch geschrieben. 

Ende 2019 erschien bei Junfermann der Titel Auf dem Weg. 20 Spaziergänge für das seelische Wohlbefinden. Das Thema wirkte noch vor wenigen Wochen etwas aus der Zeit gefallen. Doch das hat sich mit Corona schlagartig geändert. Heute zum virusüberschatteten Frühlingsbeginn erlebt Spazierengehen eine ungeahnte Renaissance. Die erblühende Natur weckt die Sehnsucht, draußen zu sein. Neben Joggern sieht man dieser Tage ungewöhnlich viele Menschen, die spazierend dem häuslichen Exil und dem Homeoffice entfliehen. Bewegungsfreiheit ist zum wertvollen Gut geworden. Ein Blick ins Buch von Sabine Claus verrät, warum ein einfacher Spaziergang unmittelbar belebend wirkt.

Spazieren als Notwendigkeit in Zeiten der Krise

Spazieren geht man aus Freude am Gehen ohne räumliches Ziel. Die leichte rhythmische Bewegung unter freiem Himmel wirkt ganzheitlich: Ein Spaziergang kurbelt das Immunsystem an und wirkt heilsam auf die Psyche. Ein Spaziergang regt an, ohne zu überfordern. Ein Spaziergang gibt mehr Energie, als er kostet. Spazieren ist ein Gang in die Welt und zugleich ein Gang nach Innen. Wie die Perlen einer Kette reiht sich Eindruck um Eindruck aneinander. Einsichten, Aussichten oder Begegnungen machen jeden Spaziergang einmalig. Man fühlt sich bereichert, wieder in Verbindung mit der Natur und mit sich selbst. Der Soziologe Hartmut Rosa nennt dies „Resonanz“.

„Ich wollte verstehen, warum sich das Wohlbefinden durch einen Spaziergang innerhalb kurzer Zeit deutlich verbessert“, begründet die Autorin ihr Buchprojekt. Sie geht seit Jahren regelmäßig mit seelisch belasteten Menschen spazieren. In Streifzügen durch Psychologie und Medizin, Literatur und Geschichte erkunden die Leserinnen und Leser den Zusammenhang zwischen Gehen, Denken und Fühlen. So lässt sich erfahren, warum wir beim Spazieren Stress und Anspannung reduzieren, uns rasch entspannen, kreativer werden, einfacher Probleme lösen können, achtsamer sind und Sinn erleben. Selbst im professionellen Bereich wird nun spaziert: Meetings in Kleinstgruppen finden draußen statt, ebenso Paar- und Gruppentherapie.

Ideen für 20 Spaziergänge – jeder einzelne ein Unikat

Die Autorin bietet in ihrem Buch 20 Spaziergänge mit unterschiedlichem Fokus. Der Mensch, sein Innenleben und die Außenwelt finden Schritt für Schritt zusammen. Die Autorin entschied sich bei der Auswahl der Spaziergänge für drei Bereiche, die Kopf und Körper guttun:

  1. Achtsame Spaziergänge, z.B. nachts, barfuß oder „ganz Ohr“
  2. Spaziergänge zum Umgang mit Gefühlen, z.B. problemlösend, beruhigend oder heilend
  3. Spaziergänge für die aktive Lebensgestaltung, z.B. für die Beziehung, für die Kreativität, für den Neubeginn

Sicherheit beim Spazieren in der Corona-Zeit

Darf ich überhaupt noch raus? Ja, man darf – und sollte sogar, sofern man die Regeln beachtet: Selbstverständlich gilt auch für einen Spaziergang, sowohl beim Laufen als auch beim Verweilen, den Mindestabstand von zwei Metern zu anderen Personen einzuhalten. Am besten spaziert es sich derzeit allein oder mit maximal vier Personen aus demselben Haushalt. Generationen sollten sich nicht mischen, das bedeutet: Der Spaziergang mit den Großeltern und Enkelkindern wird verschoben. Zum Schutz anderer sind die Verhaltens- und Hygieneregeln des Bundesamtes für Gesundheit einzuhalten.

Die Umfrage beweist es: Spazieren hilft!

Warum, wann, wo und wie gehen wir spazieren? Die Ergebnisse der privat initiierten Spaziergangsumfrage mit Unterstützung der Universität Basel sind ebenfalls im Buch nachzulesen. Das wichtigste Fazit: Spazieren hilft jedem bei (fast) allem! Interessierte können weiterhin an der Umfrage teilnehmen.

 

Über die Autorin:

Sabine Claus lebt im Kanton Zürich und ist Master of Advanced Studies in Coaching & Organisationsberatung und Betriebswirtschaftlerin. Seit dem Jahr 2000 unterstützt sie Unternehmen, Teams und Einzelpersonen in Veränderungsprozessen und bei ihrer beruflichen Weiterentwicklung. Daneben arbeitet sie in der Privatklinik Hohenegg für Psychiatrie und Psychotherapie als Team- und Projektleiterin sowie als Initianten des Angebotes „Naturnahe Achtsamkeit“. Ihr erstes Buch Mein allerbestes Jahr. Ziele erreichen – dem Leben Richtung geben ist 2015 im Junfermann Verlag erschienen.

Weiterführende Links:

www.sabineclaus.ch

www.aufdemweg.ch

Link zur Umfrage: https://sec.psycho.unibas.ch/kppt/index.php/238551?lang=de

Corona-Tagebuch, Teil 6: Was wir gerade aus der Krise lernen

Von Simone Scheinert

Es war ein komisches Gefühl, am Abend des 17. März den Verlag zu verlassen. Ich hatte schon einen Home-Office-Arbeitsplatz, da ich jeden Freitag von zuhause aus arbeite. Aber zu wissen, dass man auf unbestimmte Zeit nicht in den Verlag kommt, die Kolleg*innen so schnell nicht persönlich wiedersieht und dass gar nicht klar ist, wie das alles ausgeht – das war unheimlich und hatte nichts von dem erhebenden Gefühl, mit dem man sonst in den Urlaub geht, im Gegenteil. Ganz schnell hab ich als Botschaft, für alle, die weiter in den Verlag kommen, abends noch aufs Whiteboard geschrieben: Bitte gießt gelegentlich meine Blümchen! Und kam mir dabei vor, als ginge ich mindestens in Rente und nicht ins Home-Office.

Nach gut zwei Wochen Arbeit zuhause kann ich eine erste, vorsichtige Bilanz ziehen. Das Arbeiten von zuhause aus hat bislang besser funktioniert, als wir alle dachten. Denn, ganz ehrlich, so richtig vorbereitet waren wir nicht. Es gab insgesamt nur drei Heim-Arbeitsplätze mit Serverzugriff – einer davon ist meiner. Also habe ich mich zunächst mal hauptsächlich um die Bearbeitung unserer Webshop-Bestellungen gekümmert und Rechnungen geschrieben, was ich im Verlag nur als Urlaubsvertretung oder bei unserer Sparbuch-Aktion aushilfsweise getan habe.

Andere Dinge, die wir normalerweise im Team besprechen und entscheiden, konnten wir über eine Dropbox besser als erwartet lösen. Wir telefonieren, haben eine Verlags-Whatsapp-Gruppe, wir zoomen, wir skypen (und bekommen dabei interessante Einblicke in die Wohnungen der Kollegen 😊) … es läuft, und es läuft diszipliniert und gut.

Im meinem Hauptbereich Marketing ist derzeit alles anders. Ich weiß nicht, ob die Zeitschriften, in denen wir normalerweise Anzeigen schalten, am Ende des Jahres noch da sind. Ich weiß nicht, ob die Geschäftspartner, die Coaches, die Trainer, die Therapeuten mit denen wir zu tun haben, diese Krise gut überstehen. Ich hoffe es von Herzen.

Alle, nicht nur die Verlage, müssen jetzt stärker aufs Budget achten. Anzeigenbuchungen werden storniert, Veranstaltungen sind abgesagt, es wird keine Büchertische geben. Eingetretene Pfade sind plötzlich nicht mehr begehbar. Wir müssen kreative Wege finden und uns gegenseitig helfen und unterstützen. Das Denken ändert gerade die Richtung – wie gut, dass der Kopf rund ist!

Und dann ist da ja noch unsere Zeitschrift „Praxis Kommunikation“. Gerade entsteht Ausgabe 2, die Ende April erscheinen soll. Praxis Kommunikation bekommt gerade eine ganz neue Bedeutung – denn alle Absprachen, die ich mit meinem Kollegen aus der Grafik sonst direkt treffe, machen wir jetzt telefonisch. Die Layouts können wir diesmal nicht direkt gemeinsam am Monitor begutachten. Also müssen wir mailen, telefonieren, pdfs hin- und herschicken, pragmatische Lösungen finden und nochmal telefonieren. Uns immer wieder verständigen. Das Beste daran: Es funktioniert! Auch ohne Präsenz und mit Social Distancing. Es wird ein schönes Heft werden, und das freut mich gerade noch viel mehr als sonst.

Ich lerne etwas, trotz all dem Elend, das die Corona-Krise über die Welt bringt: Wir Menschen sind flexibel. Wir finden Lösungen und verlassen unsere gewohnten Muster, wenn es drauf ankommt. Wir sind, trotz aller Unterschiede, ein Team mit dem gleichen Ziel. Die kleine Perfektionistin in mir lernt gerade übrigens: Manchmal ist „gut genug“ auch wirklich gut, mehr braucht es nicht.

Jetzt kratzt unser Kater an der Terrassentür und will ins Haus – wenigstens das ist noch wie immer!

Corona-Tagebuch, Teil 5: Was macht eigentlich der Vertrieb in Zeiten von Corona?

Von Stefanie Linden

 

Man könnte meinen: Alles hat geschlossen, also kann der Vertrieb die Beine hochlegen. Weit gefehlt, denn als Bindeglied zwischen Verlag und Buchhandel, Zwischenhandel sowie Onlinehandel laufen bei mir die Fäden zusammen und wollen auch so manches Mal entwirrt werden. Es gibt viele telefonische Kontakte zu meinen Buchhändlern, die in dieser Situation manchmal nur den persönlichen Austausch suchen – ich nenne es inzwischen „virtuelles Kuscheln“. Manchmal müssen auch Probleme besprochen werden, die mir sehr nahe gehen, und wieder ein anderes Mal werden Bücher bestellt oder es wird eine Online-Aktion geplant, für die diverse Informationen und Coverabbildungen benötigt werden. Bisher konnten wir aber für jedes Problem eine Lösung finden, mit der sich alle Beteiligten wohlfühlen können.

 

Und dann wäre da auch die Vorschau mit den Herbstnovitäten 2020.

Nachdem wir alle im Verlag richtig „rangeklotzt“ haben, um die Vorschau „Herbst 2020“ auch unter Homeoffice-Bedingungen zu einem guten Ende zu bringen, fängt bei mir die Arbeit richtig an. Titel müssen in unserem Verlagssystem angelegt, an die Zwischenbuchhändler gemeldet und an die verschiedenen Systeme gemailt und dann bearbeitet werden.

Und die fertige Vorschau wird erstmals nicht in gedruckter Form vorliegen, sondern als PDF-Datei, die ich an meine Buchhändler per Mail verschicke. Dafür brauche ich aber einen aktuellen und vollständigen Mail-Verteiler, um den ich mich jetzt kümmern muss. In Buchhandlungen wechseln gelegentlich Ansprechpartner, weshalb Verteilerpflege eigentlich eine permanente Aufgabe ist, für die ich unter normalen Bedingen aber nicht immer die notwendige Zeit habe. Doch jetzt ist die Zeit dafür da – und ein aktueller Verteiler ist wichtiger denn je.

Doch es gibt nicht nur Wechsel und Veränderung. Viele Buchhändler und Buchhändlerinnen kenne ich schon 18 Jahre. Deshalb verschicke ich nicht einfach eine Datei (die Vorschau-PDF), sondern füge auch ein Anschreiben bei, denn mir ist die persönliche Ansprache sehr wichtig. Es sind in den Jahren Freundschaften entstanden und die Sorgen, die wir im Verlag und meine Buchhändler im Handel haben, sind geteilt vielleicht nur noch halb so schwer.

Nach dem Versand werde ich dann mit meinen Buchhändlern telefonieren, um Telefontermine für die Vorschaubesprechung zu vereinbaren. Ich hatte bereits mit großem Vorlauf einige Besuchstermine vereinbart. Die müssen nun leider in Telefontermine umgewandelt werden. Außerdem müssen Flüge und Hotels storniert oder umgebucht werden. Eine Buchhandelsreise in diesem Jahr wird wohl nicht möglich sein. So freue ich mich aber umso mehr auf 2021.

Und zu guter Letzt: Es liegen noch ganz viele administrative Dinge auf meinem Homeoffice-Tisch (der eigentlich unser Esstisch ist), die so überhaupt nicht spannend sind. Aber auch sie wollen erledigt sein und erfordern häufig viel Konzentration – und Zeit. Aber Zeit ist ja genau das, was wir gerade am meisten haben.

Passen Sie auf sich auf und bleiben Sie gesund!

Corona-Tagebuch, Teil 4: Positive Entwicklungen

Wir haben in unseren letzten Beiträgen ja viel über das geschrieben, was uns nachdenklich stimmt und Sorgen bereitet. Es waren ernste Beiträge. Gibt es denn gar nichts Leichtes und Freundliches, das uns fröhlich stimmen könnte?

Wenn ich gut drauf sein möchte, telefoniere ich am besten mit einem unserer Druckdienstleister. Für uns ist er schon viele Jahre tätig, hat kleinste und auch sehr große Aufträge abgewickelt. In den letzten Jahren ist er selbst in schweres Fahrwasser gekommen und hat sich beharrlich und erfolgreich wieder rausgearbeitet. Das hat wohl auf sein Resilienz-Konto eingezahlt, und wenn ich heute mit ihm spreche, sprüht er nur so vor Optimismus, dass „das“ schon alles wieder gut werden wird.

Dieser Drucker nun hat gerade ein Produkt „in der Mache“, dessen Fertigstellung – wären wir jetzt alle hier – uns zu wahren Begeisterungsstürmen hinreißen müsste. Spontan hätte vielleicht jemand eine Flasche Sekt aufgemacht; mindestens eine.

Heute nun stand der Drucker mit strahlendem Gesicht in der Tür und hatte die ersten Muster für mich dabei. Das war wirklich ein erfreulicher Moment, den ich gleich mit dem Autor teilen musste. Es hätte nicht viel gefehlt, und er wäre quer durchs Land direkt zu uns gefahren, um seine Belege selbst abzuholen …

 

Um was für ein Produkt handelt es sich aber nun? Das ist das Rätsel, das ich heute aufgeben möchte. Und dazu ein paar Hinweise:

  • Die Fertigstellung hat sehr lange gedauert, länger als drei Jahre – von der Idee bis heute.
  • Der Autor ist schon seit längerer Zeit erfolgreich in bestimmten Bereichen des Themas unterwegs. Er hat es sich (nicht nur) für das Produkt sehr umfassend erarbeitet und Berge von Fachliteratur und aktueller Forschung durchgeackert.
  • Dieses Produkt ist natürlich größere geworden als ursprünglich geplant.
  • Es ist der einzige Titel, den wir – aufgrund der langen Verzögerungen – in zwei Vorschauen angekündigt haben: 2018 und 2020.

 

So, hat jemand eine Idee, wovon ich hier rede?

Corona-Tagebuch, Teil 3: Social Distancing

Social Distancing, die Wahrung sozialen Abstands – das ist der Begriff für die Verhaltensmaßregel der Stunde. Und so sinnvoll, ja geradezu lebenswichtig die Sache an sich ist, so unglücklich erscheint die Wortwahl. Denn wenn diese Tage in Home-Offices und auf dem heimischen Sofa, mit drohendem Lagerkoller und zunehmend katastrophalen Nachrichten uns eines lehren, dann doch dies: dass nächst unserer Gesundheit eben nicht Klopapier das Wichtigste für unser Wohlergehen ist, sondern soziale Nähe und Austausch. Und so gilt es, trotz und parallel zur Wahrung körperlichen Abstands eine Social Closeness zu praktizieren, deren Wert wir gerade jetzt völlig neu einzuschätzen lernen. Beides schließt sich nicht aus – gegen das Gespräch mit dem Nachbarn, der Nachbarin aus sicherer physischer Distanz spricht ebenso wenig wie gegen den Einsatz aller technischen Errungenschaften, die uns in den letzten Jahren das Kommunizieren vereinfacht haben: all die Messenger-Dienste, Videotelefonie-Apps, Gruppenchats und Sprachmemos stehen uns zur Verfügung, ebenso das gute alte Telefon. Wir müssen sie nur nutzen, was zuweilen ein wenig Überwindung fordert, aber lohnenswert ist. Wenn Sie ein paar virtuelle Schritte auf lang vernachlässigte Freunde, Verwandte oder Bekannte zugehen, werden Sie feststellen, wie gut das tun kann. Bleiben Sie in Kontakt.

Für die Momente, in denen wir dann doch wieder auf uns selbst zurückgeworfen sind, sollte man meinen, dass jene Kulturtechnik, die uns am effektivsten beibringt, wie man gut allein sein kann, eine Renaissance erleben würde: das Lesen. Doch dem ist allem Anschein nach nicht so. Zwar titelte DIE ZEIT letzte Woche noch hoffnungsfroh „Das Lesen geht weiter“, doch diese Hoffnung hielt nur ein paar Tage (wie so vieles im Moment). Nun bleiben die Buchhandlungen geschlossen, die Büchereien ebenfalls und die Onlinehändler verschicken nurmehr eines – Klopapier! Aber das ist kein Grund zum Verzicht auf neuen Lesestoff. Auch hier gilt: Es kostet ein wenig Überwindung, lohnt aber den Versuch! Die Lieferketten sind zwar eingeschränkt, aber noch ist unsere Branche nicht zusammengebrochen. Gerade weil der große Online-Versender im Moment mit Sanitärartikeln glänzen zu können meint, gibt es für uns vielleicht neue Erfahrungen zu machen. Wie etwa, dass unsere Buchhandlung vor Ort eine eigene Website mit einem Shop hat; dass wir die Kolleg*innen dort sogar telefonisch oder per E-Mail erreichen können, obwohl das Ladengeschäft geschlossen bleiben muss. Und aus ganz vielen Städten hören wir, dass bestellte Bücher nicht nur nach Hause versandt werden, sondern von engagierten Buchändler*innen per Fahrrad in die Briefkästen der Kunden gebracht werden. Probieren Sie’s aus und lassen Sie sich etwas zu lesen bringen. Vielleicht entsteht auf diesem Wege ja sogar eine soziale Nähe zu Ihrer Buchhandlung vor Ort, die den Corona-Ausnahmezustand überdauert.

Corona-Tagebuch, Teil 2: Trübe Aussichten?

Der Blick aus dem Fenster bietet heute einen bedeckten Himmel, kein Sonnenstrahl weit und breit. Immerhin fällt es uns dann leichter, nicht rauszugehen, höre ich im Radio auf dem Weg zur Arbeit. Noch dürfen wir rausgehen, auch wenn wir es nicht mehr sollen. Und es ist schon so viel gekommen, das vor wenigen Tagen völlig unvorstellbar schien. Deshalb kann man wohl davon ausgehen, dass eine Ausganssperre nicht mehr lange auf sich warten lässt. Schöne Aussichten, nicht wahr?

Legt man eine weite Strecke mit dem Flugzeug zurück, dann heißt es ja: Der Körper ist angekommen, die Seele braucht ein paar Tage. Das gilt wohl nicht nur für Reisen. Wenn sich unser Leben binnen kürzester Zeit so grundlegend ändert, dann haben wir die Tatsachen auf der einen Seite. Auf der anderen Seite ist da aber unsere Seele, die die Maßnahmen von vor drei Tagen noch gar nicht verarbeitet hat und jetzt ständig mit neuen Gegebenheiten konfrontiert wird. Sie kommt einfach nicht nach. Wir kommen einfach nicht nach.

Das wurde mir gestern im Gespräch mit einer befreundeten Buchhändlerin sehr deutlich. Ich rief sie an, um zu fragen, ob der Laden denn jetzt dicht sei. Die Buchhandlung muss bis auf Weiteres geschlossen bleiben. Sie bietet ihren Kundinnen und Kunden jetzt an, dass sie online Bücher bei ihr bestellen können und sie liefert sie ihnen mit dem Fahrrad nach Hause. Aber was wird aus diesem Plan B, wenn sie sich nicht mehr draußen bewegen darf? Sie wird Kurzarbeit für ihre Mitarbeiterinnen beantragen und ist entschlossen, eine Weile durchzuhalten. Aber wie lange dauert diese Weile?

Immerhin: Ein großer Online-Händler hat verkündet, dass ihm der Versand von Gebrauchsgütern momentan wichtiger ist als der Versand von Büchern. Wenn dort gilt: Toilettenpapier statt Bücher – dann haben vielleicht die stationären Buchhandlungen hier kurzfristig eine ganz gute Lücke …

Doch es gibt auch Erfreuliches zu berichten: Die Autobahnen sind so leer wie lange schon nicht mehr, der Weg zur Arbeit ist deutlich entspannter. Wir bekommen haufenweise aufmunternde und unterstützende Mails – und die tun wirklich gut. Unsere Autorin Fabienne Berg zum Beispiel hat angekündigt, dass sie uns besuchen will, wenn „das alles hier“ vorbei ist. Und dann bringt sie Kuchen mit. Das sind doch wirklich erfreuliche Aussichten!

Corona-Tagebuch, Teil 1: Wie geht’s?

Wie geht es Ihnen gerade? Haben Sie schulpflichtige Kinder und wissen nicht, wie Sie das mit der Betreuung regeln sollen, wo Sie doch eigentlich arbeiten müssen? Oder würden Sie gerne arbeiten, können es aber nicht, weil die aktuellen Entwicklungen Ihnen soeben die Grundlage für Ihre Existenz entzogen haben? Oder arbeiten Sie bis zur Erschöpfung (und darüber hinaus), weil Sie einen Beruf haben, der für die Versorgung und Aufrechterhaltung der Ordnung nicht wegzudenken ist? Was auch immer wir tun und in welcher konkreten Situation wir jetzt sind: Niemand bleibt von den derzeitigen Entwicklungen verschont, niemand von uns hat wohl je etwas Vergleichbares erlebt.

Auch als Verlag existieren wir nicht in einem Elfenbeinturm oder in einer von allem losgelösten Blase. Auch für uns ändert sich die Situation mit zunehmender Dynamik. Und deshalb wollen wir hier versuchen, ein wenig von dem zu berichten, was uns gerade so umtreibt. Was wir erleben ist einerseits (leider) nichts Besonderes; andererseits gehen aber gerade das Miteinander und der Austausch so ziemlich vor die Hunde. Und deshalb soll das auch ein Versuch sein, etwas besser durch diese Zeit zu kommen und ein wenig in Verbindung zu bleiben – mit Ihnen „da draußen“.

Wie geht es uns im Verlag? Wir haben versucht, Ruhe zu bewahren. Das versuchen wir nach wie vor. Wir haben versucht, einfach weiterzumachen wie bisher. Was denn auch sonst? Natürlich geht Home-Office. Einige von uns nutzen diese Möglichkeit bereits seit längerem. Von daher bestehen Strukturen und technische Voraussetzungen. Es könnten also auch andere mehr oder überhaupt ganz von zu Hause arbeiten.

Doch ist damit alles geklärt? Leider nein. Wir stehen relativ weit am Anfang einer Verwertungskette, die sich zunehmend verletzlich zeigt, Glieder verliert, unterbrochen wird. Wir akquirieren und bearbeiten Manuskripte, die erst gesetzt und dann gedruckt werden müssen. Wie wird es denn mit den Druckereien aussehen? Wird dort der Betrieb (vorerst zumindest) normal weiterlaufen? Oder scheitern wir schon an dieser Stufe? Doch selbst wenn es dort weitergeht: Wer verkauft unsere Bücher? Buchhandlungen, auch wenn der Börsenverein des Deutschen Buchhandels gerade sehr darum kämpft, werden wohl nicht als Geschäfte gelten, die für die Grundversorgung notwendig sind. – Wer also verkauft unsere Bücher und bringt sie unter die Menschen?

Trainer, Coaches und Seminaranbieter gehören seit Jahren zu den Abnehmern unserer Bücher. Doch es wird so schnell keine Trainings und keine Tagungen mehr geben. Und auch wenn die vielen Absagen uns momentan nicht direkt betreffen: Wir hängen doch mit drin.

Wir planen derzeit unser Herbstprogramm 2020. Hebst, mein Gott! Was wird im Herbst sein, wo man doch überhaupt nicht wissen kann, was im weiteren Verlauf des Frühjahrs und was im Sommer sein wird. Bleiben wir alle gesund? Wie werden wir weitermachen, wenn „das hier“ alles vorbei sein wird? Wann wird das hier alles vorbei sein?

Zum Tod von Heinrich Hagehülsmann (1941–2020)

Heinrich Hagehülsmann

1984, also vor 36 Jahren, erschien die erste Ausgabe der Zeitschrift für Transaktionsanalyse. Der Herausgeber damals: Heinrich Hagehülsmann. Auf eine solch langjährige Zusammenarbeit blicken wir also zurück. Und sie ist nun wirklich beendet, denn im Februar ist Heinrich Hagehülsmann im Alter von 78 Jahren verstorben.

Der DGTA-Kongress in Nürnberg (1994) zählt zu meinen ganz frühen Dienstreisen für den Verlag. Wir waren mit einem Büchertisch vertreten, und ich lernte viele wichtige Menschen aus der deutschsprachigen TA-Community kennen, u.a. auch Heinrich und Ute Hagehülsmann. Beide suchten das Gespräch mit unserem damaligen Verlagsleiter Gottfried Probst. Man kannte sich und es gab viel Wertschätzung auf beiden Seiten. Zahlreiche TA-Titel waren durch die Vermittlung der beiden Hagehülsmanns zu Junfermann gekommen, z.B. Transaktionsanalyse der Intuition von Eric Berne oder Kopfbewohner von Mary Goulding. Es gab auch eigene Publikationen – und natürlich zahlreiche Artikel in der Zeitschrift.

Es gab mal ruhigere Phasen im Miteinander von Autoren und Verlag, und es gab sehr intensive Zeiten, etwa wenn ein neues Buchprojekt realisiert werden sollte. Es gab immer unglaublich viele Ideen, von denen längst nicht alle umgesetzt wurden, denn für niemanden hat der Tag mehr als 24 Stunden.

Ich erinnere mich an viele nette Telefonate. „Bei euch geht das immer so fix und schön unkompliziert“ hörte ich nicht selten.

Wenn tatsächlich in diesem Jahr der DGTA-Kongress in Osnabrück stattfindet, dann heißt das nicht nur, dass unser vom Virus lahmgelegtes Land wieder in Bewegung kommt. Es heißt auch, dass ich Heinrich Hagehülsmann dort nicht treffen werde. Jedenfalls nicht persönlich. Und doch wird er irgendwie präsent sein. Anders kann ich es mir jedenfalls nicht vorstellen.

 

Heft 2/2020 der Zeitschrift für Transaktionsanalyse ist in Vorbereitung. Hier wird ein Nachruf von Heidrun Peters und Ulrike Müller erscheinen, den wir auch hier veröffentlichen dürfen.

 

Milder Gelehrter und barocker Genussmensch

Von Heidrun Peters und Ulrike Müller

 

Heinrich Hagehülsmann war Mitbegründer unserer Zeitschrift für Transaktionsanalyse.

Zusammen mit Fritz Wandel und Gudrun Jecht (Hennig) hob er noch in den 1980er-Jahren unsere Fachzeitschrift aus der Taufe und begleitete ihren Werdegang und ihre zunehmende Professionalisierung mit wohlwollender Aufmerksamkeit und steuerte auch immer wieder eigene Beiträge bei.

Nun ist Heinrich Ende Februar gestorben. Er wurde 78 Jahre alt.

Am 5. März nahm eine riesige Trauergemeinde Abschied mit einem sehr bewegenden Trauergottesdienst in der Kapelle des Waldfriedhofs Oldenburg. In Gedenken an Heinrich sprachen Prof. Dr. Peter Gottwald, Heinrichs Weggefährte an der Universität Oldenburg, Peter Rudolph, ehemaliger Ausbildungskandidat und heute EATA-Präsident, und seine Tochter Christina Hagehülsmann, von Kindesbeinen an Teilnehmerin an TA-Kongressen und heute selbst Lehrende und aktiv im Weiterbildungsausschuss.

Schon des Längeren hatte Heinrich sich aus dem „Betrieb“ herausgenommen und sich ganz auf eigenes Schreiben konzentriert. Wie immer im engen Austausch mit seiner Frau Ute. Wir dürfen gespannt sein, was davon als Buch oder Aufsatz veröffentlicht wird.

Heinrich war aber nicht nur der Denker in seiner Klause, er liebte durchaus auch die gesellige Runde – am meisten, wenn sich Sangesfreudige zusammenfanden; dann wurden vorzugsweise Volkslieder gesungen, deren Texte Heinrich fast alle Strophe um Strophe kannte. An solche Abende bei Lehrendentreffen erinnere ich mich besonders gern.

Und er war Genussmensch! Aus Freiburg nahm er gerne ein Kalbsbries mit in den hohen Norden.

Das war aber nur die eine, die lebensfrohe Seite. Die andere war seine Bindung an das spirituelle Erleben.

Ursprünglich sollte er nach dem Wunsch seiner Mutter Priester werden. Er entschied sich jedoch anders, studierte Psychologie, Philosophie und Psychopathologie und schlug nach der Promotion zunächst die akademische Laufbahn ein.

Dann kam die junge Studentin Ute in seine Vorlesungen und warb erfolgreich um ihn. Zusammen bauten sie das Institut „Werkstatt Psychologie“ in der Nähe von Oldenburg auf. Die DGTA durfte über viele Jahrzehnte von dieser „Neuentscheidung“ profitieren!

Immer wieder beschäftigte sich Heinrich auf seiner philosophischen und spirituellen Gründung mit dem Menschenbild und dem Begriff Autonomie. Seine Studien und Veröffentlichungen zum Menschenbild der Transaktionsanalyse gaben der aus den USA importierten Therapierichtung Tiefe und verankerten sie in der europäischen Geistesgeschichte.

Sein Autonomiebegriff ist nicht unbedingt deckungsgleich mit dem des Agnostikers Eric Berne. Gerade diese Spannung macht die Auseinandersetzung mit beiden Denkern so aufregend. Nachzulesen in immer neuen Artikeln in der ZTA.

Ehemalige Weiterbildungskandidat*innen haben Heinrich als den eher erlaubnisorientierten Lehrer erlebt, an der Seite der mehr fordernden Ute. So hat sich das Paar auch in ihren Weiterbildungsgruppen wunderbar ergänzt.

Überhaupt war der eine ohne die andere kaum denkbar, auch wenn ihre beruflichen Wege sie durchaus immer wieder weit auseinanderführten.

Der immerwährende theoretische und intellektuelle Austausch des Paares führte zu einer ganzen Reihe von Veröffentlichungen: Von einem Buch über die Liebe bis zu ganz pragmatischen Büchern zu Organisationsentwicklung und Beratung.

Das Schlusswort gehört Heinrich selbst.

In seiner Selbstbeschreibung auf der DGTA-Website bringt er auf den Punkt, was ihn als Mensch ausmachte, und was von ihm bleibt – und was wir mit ihm verloren haben.

  • Überzeugt von den positiven Möglichkeiten fester Partnerschaft.
  • Begeisterter Vater von zwei erwachsenen Töchtern.
  • Unterwegs auf dem Weg als Ziel.
  • Wissend, dass Komplexität und Geschwindigkeit mit Tiefe verbunden werden müssen, um wirksam zu sein.
  • Ahnend, dass Spiritualität alle Religionen verbindet.

20 Jahre Beratung Aktuell – Zeitschrift für Theorie und Praxis der Beratung

von Dr. Rudolf Sanders

Dr. Rudolf Sanders

Als ich in den 1980er-Jahren meine Eheberater-Ausbildung absolvierte, wurden weitestgehend psychoanalytische Ideen auf die Arbeit mit Paaren übertragen. Konkret bedeutete das: Die Partner wurden im Setting voneinander getrennt und mit jedem Einzelnen wurde an einer Verbesserung des Miteinanders gearbeitet. Es gab damals jedoch kaum wissenschaftlich fundierte Antworten auf die Frage, was Paare eigentlich brauchen, damit ihre Beziehung gelingt und, damit verbunden, auch kaum Antworten auf die Frage, was Beziehungen scheitern lässt.


Wie sich für mich das Thema entwickelte

Der Wissenschaftliche Beirat für Familienfragen beim Bundesministerium für Familie und Senioren brachte das Defizit 1993 auf den Punkt, indem er feststellte, dass kaum evaluative Forschung über die Wirksamkeit von Beratung für den deutschsprachigen Raum vorhanden sei, und seine Empfehlung lautete: „Angesichts der großen Bedeutung, die dem Beratungswesen familienpolitisch zukommt, empfiehlt der Beirat gründliche Bestandsaufnahmen dieses Arbeitsbereichs, damit Grunddaten und Vergleichsgrößen für den Ausbau des Beratungswesens in öffentlicher und freier Trägerschaft vorliegen.“

Aus meiner Sicht gelten die Aussagen aus dem Jahr 1993 für den Beratungsbereich heute noch immer. So fragte Notker Klann im Jahr 2013 kritisch, ob Paare wirklich das in der Ehe-, Familien- und Lebensberatung bekommen, was sie suchen. Eine ähnliche Position teilt Katharina Klees, wenn sie Standards für eine gute Paartherapie fordert. Sie hat hierzu eine Google-Recherche durchgeführt, um herauszufinden, wo überhaupt eine gute Paartherapie stattfindet. Sie schaute sich die ersten 100 Google-Treffer zu Praxen an, die Paartherapie anbieten, und kam zu folgendem Ergebnis: In 58 dieser Praxen wurde eine Paartherapie von Personen ohne Fachstudium durchgeführt, bei 91 Praxen war nicht erkennbar, nach welchem Ansatz gearbeitet wird. Bei 76 Praxen gab es keinerlei Angaben zu der Qualifizierung der Therapeuten für die Begleitung von Paaren, ein konkretes Therapie- bzw. Beratungskonzept gab es lediglich bei fünf der von ihr recherchierten Praxen.

Als ich 1990 die Leitung der Katholischen Ehe- und Familienberatungsstelle Hagen & Iserlohn übernahm, stand für mich die Beantwortung der Frage: Was brauchen Paare, damit ihre Beziehung gelingt? ganz weit oben. Hilfreich war hier eine Ausbildung zum Integrativen Paartherapeuten (FPI/EAG). Diese basierte auf einem bio-psycho-sozialen Paradigma, mit welchem Hilarion Petzold (1993) die Arbeit mit Menschen für deren Entwicklung als Leib-Geistwesen in der Verbundenheit einer Gemeinschaft beschrieb. Meine Umsetzung in der Paarberatung fand 1997 Eingang in meine Dissertation. Belohnt wurde die Mühe, eine mögliche Antwort auf die o.g. Frage zu finden, mit einem „summa cum laude“ der Uni Münster.

Doch trotz aller Wirksamkeitsnachweise fand mein Weg in der Paarberatung kein Wohlwollen bei dem verantwortlichen Vorgesetzten in der kirchlichen Behörde. Wie also, und vor allem wo, könnte ich von meinen Forschungsergebnissen erzählen? Wie könnte ich dafür eine Öffentlichkeit schaffen? Das waren Fragen, die mich bewegten. Die Möglichkeit der Veröffentlichung in einer überkonfessionellen und parteipolitisch unabhängigen Zeitschrift fehlte. So war auf einmal die Idee da, selbst so eine Zeitschrift herauszugeben.

 

Beratung Aktuell – eine Zeitschrift wird aus der Taufe gehoben

Mit dieser Idee trat ich, zunächst noch mit einem Kooperationspartner, an den Junfermann Verlag heran. Das Ziel der geplanten Zeitschrift: die Beratungsarbeit stärker wissenschaftlich fundieren. Als der mögliche Partner dann ausstieg, fragte mich der Verlag, ob ich dieses Projekt nicht alleine realisieren wolle. Nach einem Tag Bedenkzeit und der expliziten Unterstützung einiger Kolleg*innen aus Wissenschaft und Praxis sagte ich Ja zu dieser Herausforderung.

Ich bin dankbar, dass die Verantwortlichen in Paderborn dafür offene Ohren hatten und bis heute mit großem Engagement die Herausgabe von Beratung Aktuell unterstützen. Im Jahr 1999 wurde ein „Probelauf“ mit vier Ausgaben im Internet umgesetzt. Aufgrund des großen Interesses von Kolleg*innen entstand dann im Jahr 2000 die erste Printausgabe. Seit 2009 wird Beratung Aktuell durch die immer größer werdende Bedeutung des Internets ausschließlich als kostenfreie Open-Access-Zeitschrift online zur Verfügung gestellt.

In einem guten, erfrischenden und mich persönlich bereichernden Miteinander hat Notker Klann seit den ersten Überlegungen meine Idee unterstützt und war von 2006 bis 2017 Mitherausgeber der Zeitschrift. Dankbar bin ich, dass sich dieses konstruktive Miteinander seit 2018 mit Christine Kröger fortsetzt.

Über die Rückmeldung von Frank Nestmann, der in den letzten Jahrzehnten die Beratungswissenschaft und -praxis maßgeblich geprägt und profiliert hat, habe ich mich besonders gefreut. Er schreibt: „Dazu, dass Beratung Aktuell nun schon 20 Jahre existiert, möchte ich Ihnen – auch in guter Erinnerung an unsere Anfangsüberlegungen zur Etablierung des ersten und einzigen wirklich auf BERATUNG fokussierten Fachjournals in Deutschland – herzlich gratulieren. Das ist einfach toll und Ihr Riesenverdienst, für das Ihnen die Beratungswissenschaft, -praxis und -politik großen Dank schuldet.“

Seit dem offiziellen Startschuss im Jahr 2000 ist Beratung Aktuell immer viermal im Jahr erschienen. Neben den Beiträgen finden sich in den Buchbesprechungen Hinweise auf aktuelle Veröffentlichungen, die die Arbeit mit den Menschen, die Beratung aufsuchen, unterstützen können. Als Abschluss des Jubiläumsjahr gibt es eine Sonderausgabe mit vier richtungsweisenden Aufsätzen aus der Anfangszeit, die sich in besonderer Weise mit der Identität und dem Profil von Beratung auseinandersetzen. Die ausgewählten Beiträge sind nicht nur aus historischer Perspektive interessant, sondern in ihren Kernaussagen auch heute höchst relevant.

Alle Ausgaben seit 2009 können Sie hier kostenfrei herunterladen. Und auch auf die vorher in den Printausgaben veröffentlichten Beiträge müssen Sie nicht gänzlich verzichten. Immer wieder werden wir einzelne Schätze aus den Jahren 2000 bis 2008 heben und nachveröffentlichen.

Mir als Herausgeber macht es große Freude, die Entwicklungen in der Beratungswissenschaft durch die Herausgabe dieser Zeitung zu begleiten. Besonders durch die zahlreichen Buchbesprechungen bin und bleibe ich immer auf der Höhe der Zeit. Und noch etwas ist mir sehr wichtig: Das ganze Projekt, sowohl in der Herausgabe als auch in der Autorenschaft, ist ehrenamtlich. Das schafft eine große Freiheit, auch kritische Beiträge veröffentlichen zu können.