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Podcast »Apropos Psychologie!«

Podcast-Folge 19: Apropos … Nein sagen!

Wie wir lernen, Grenzen zu setzen

Gisela Ruffer

Gisela Ruffer

Die Nachbarin überträgt mir schon wieder das Blumengießen und geht ins lange Wochenende, der Chef legt noch zwei weitere Ordner auf den Stapel – „Sie machen das schon!“ – und meine Mutter bringt mich mit einem klagenden „Wir sehen uns ja auch kaum noch“ dazu, statt zum Sport zu gehen, mit ihr Kaffee zu trinken. Warum sag‘ ich nicht einfach: NEIN!?

Gerade Frauen scheint es schwer zu fallen, ihre Interessen zu vertreten und Grenzen zu setzen. Zu schnell fühlen sie sich angesprochen für alle und alles zu sorgen. Dabei werden eigene Bedürfnisse manchmal so lange nicht beachtet, bis sie gar nicht mehr wahrgenommen werden. Dass das auf Dauer die Seele belastet, muss man nicht lang erklären.

Wie aber gelingt es, die nötige innere oder äußere Distanz zu schaffen, um Zeit für eine angemessene Grenzziehung zu bekommen, also ohne weder sofort Ja zu sagen noch in die Konfrontation zugehen? Und: Wie können wir lernen, ohne schlechtes Gewisse Nein zu sagen für ein harmonisches Miteinander? Darüber spricht Marion Heier mit Gisela Ruffer, Heilpraktikerin für Psychotherapie und Autorin des Buchs „Selbstbewusst NEIN sagen“.

 

Gisela Ruffer ist Heilpraktikerin für Psychotherapie. Gemeinsam mit ihrem Mann Herbert Ruffer hat sie das Buch „Selbstbewusst NEIN sagen“ veröffentlicht, auf dessen Grundlage ein Online-Kurs zum Thema „Grenzen setzen“ bei Sinnsucher.de www.sinnsucher.de erschienen ist.

Mehr über Gisela Ruffer : https://praxis-ruffer.de/

 

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Gisela Ruffer in ihrem Online-Kurs „Nein sagen“

Wo hör ich auf, wo fängst Du an: Grenzenlos glücklich?

Im Herbst 2019 ist das Buch „Selbstbewusst NEIN sagen. Grenzen setzen – Grenzen achten“ von Gisela und Herbert Ruffer, Heilpraktiker für Psychotherapie in Landshut, erschienen, und zwei Monate später das zugehörige Hörbuch. Im März 2021 wurde in Kooperation mit Sinnsucher.de der Online-Kurs dazu – „Nein sagen – Wie Du lernst, selbstbewusst Deine Grenzen zu setzen“ – veröffentlicht. Innerhalb weniger Wochen avancierte er zu einem der beliebtesten Junfermann-Kurse auf der Plattform.

Ich sprach mit Gisela Ruffer darüber, wie wir ohne schlechtes Gewissen Nein zu sagen lernen – für ein harmonisches Miteinander. Denn, wie die Autorin Paul Tillich zitiert: „Der wahre Ort der Begegnung ist die Grenze.

 

Gisela Ruffer in ihrem Online-Kurs „Nein sagen“

Gisela Ruffer in ihrem Online-Kurs „Nein sagen“

Was hat Sie darauf gebracht, sich mit dem Thema „Grenzen setzen“ zu befassen?

Gisela Ruffer: Vermutlich einerseits mein Spezialgebiet: eigene Grenzen zu testen und möglichst zu überschreiten. Das heißt, ich bin u. a. schon früh von Zuhause ausgezogen. Ich habe im Studium versucht, möglichst wenig zu schlafen, damit ich Zeit zum Lernen habe. Bücher lese ich möglichst in einem durch, Sport habe ich gerne bis zur Erschöpfung gemacht und wenn ich nur ein Zimmer streichen müsste, renoviere ich gleich das ganze Haus.

Früher hielt ich meine Art für normal und war irritiert, wenn andere das anders machten, und ich musste lernen, mir zum Selbstschutz, immer wieder eigene Grenzen zu setzen, damit ich so alt werden konnte wie ich jetzt bin. 🙂

Andererseits traf ich auf meinem Lebensweg aber auch Menschen, die ich heute als ‚böse‘ bezeichnen würde. Ich weiß wie es ist, wenn andere meine Grenzen überschreiten und mir damit seelisches und körperliches Leid antun. Das heißt, ich habe Erfahrung damit, meine niedergerissenen Grenzen wieder aufzubauen und innerlich heil zu werden.

Die Gesamtsumme meiner Erfahrungen hat wohl dazu geführt, dass ich mich über viele Jahre um junge Menschen in ausweglosen Situationen gekümmert habe und ich durch die Begegnungen in meiner Praxis für HP-Psychotherapie zusätzlich den Ansporn und die Gedanken entwickelt habe, ein Buch bzw. Online-Seminar dazu zu schreiben.

 

Gibt es Grenzüberschreitungen, die typisch weiblich oder typisch männlich sind? Ist Grenzen zu setzen typisch Mann?

Ich bin nicht so der Fan von solchen Aussagen. Was ich entdeckt habe ist, dass viele Frauen gerne mit anderen auf einer Ebene kommunizieren, um unserem Gegenüber ein gutes Gefühl zu geben. Wir arbeiten in Netzwerken in der horizontalen Ebene. Das heißt, wir reden mit anderen gerne über unsere Emotionen, Probleme und Erlebnisse und haben dabei das Gefühl, zu teilen.

Bei Männern sehe ich das auch … aber anders. Sie holen sich einen Rat, fachsimpeln oder dozieren. Heißt, schon in der Kommunikation finde ich Unterschiede, nennen wir es Abgrenzungen. Beste Freunde ja, aber auch gute Seilschaften nach oben. Also weniger den Blick zur Seite – in die Horizontale (wie die Frau) – als nach oben bzw. unten – in die Vertikale. Diese oft andere Ausrichtung kann den Anschein erwecken, ganz sicher.

 

Machen Frauen zu viele Worte, wenn sie NEIN meinen?

Ja, auf jeden Fall! Wir Frauen sagen nicht nur NEIN, wir versuchen das dann auch noch in allen Farben und Emotionen, schlüssigen Begründungen und Herleitungen zu erklären.

Das klingt in den Ohren von Männern wie Rechtfertigung. Und wir selbst meinen, dass das klug ist. Für andere wirkt es eher inkompetent. Mein Rat: Wenn wir – als Frauen – von einer Grenze überzeugt sind, dann genügt ein einfaches NEIN.

Funktioniert übrigens bei Kindern genauso. Ich muss meinem Kleinkind nicht lange erklären, warum ich meine was ich sage.

 

***

 

Welche Grenzüberschreitungen kommen Ihrer Erfahrung nach am häufigsten vor?

Vermutlich neigen wir alle dazu, am ehesten das Wohlwollen eines anderen auszunutzen und wissen dabei oft nicht, welches Leid wir damit verursachen

 

Sie unterscheiden 9 Typen von Grenzüberschreiter*innen. Welchem ist am schwersten „Paroli zu bieten“?

Welchem Typen ich am ehesten ausgeliefert bin, hängt natürlich von meiner eigenen Persönlichkeit und dem vorhandenen Grenzverhalten ab … und nicht selten auch von meiner Tagesform.

Aber generell würde ich sagen, dass wir uns auf den ersten Blick mit den lauten und aggressiven Typen am schwersten tun. Doch bei genauerer Betrachtung erleben wir doch vielfach die Grenzüberschreitungen durch die leiseren Töne wie Erwartungen, die an uns herangetragen werden, und die wir dann nicht enttäuschen wollen.

 

Und wenn ich mich selbst in einer der Typenbeschreibungen wiedererkannt habe?

Wenn ich mich selbst in einem dieser Typen erkannt habe, dann ist diese Selbsterkenntnis immer noch der erste Weg zur Besserung. Auch dazu gebe ich im Buch und im Online-Seminar einige Tipps. Meist hilft schon das Verstehen, wie ich selbst womöglich mit meinem Umfeld interagiere und warum es mitunter zu komplizierten Beziehungen oder gar Beziehungsabbrüchen gekommen ist.

 

***

 

Kann es eine Hilfe sein, meinen Partner oder eine gute Freundin zu bitten, mir seine/ihre Wahrnehmung von mir mitzuteilen? Oder komme ich dann „in Teufels Küche“?

Zu diesem Thema müsste ich wahrscheinlich etwas weiter ausholen. Aber in der Kürze gesagt: Wir kennen ja alle den Spruch: Wie ist denn der oder die drauf? Hat der keine Freunde? Damit implizieren wir, dass gute Freunde – und das sollte vor allem auch der Partner sein – uns auf unsere blinden Flecken liebevoll aufmerksam machen.

Leider ist auch da die Scheu vor Auseinandersetzungen oft sehr hoch, was dann leider das Ertragen des anderen bewirkt … bis es nicht mehr geht.

Aber generell kann ich nur dazu ermutigen, sich Feedback einzuholen und auch immer damit zu rechnen, dass es ehrlich ist und mich somit vor eine Herausforderung stellt. Denn Wahrheit fängt mit einem großen W(eh) an! 🙂

 

Sollte ich jemand anderen darauf hinweisen, wenn ich den Eindruck habe, dass er alles mit sich machen lässt? Oder musss das jeder selbst an sich merken?

Wenn ich denke, dass ich jemanden auf etwas hinweisen sollte, dann überlege ich zunächst, ob ich das mir auch wünschen würde. Im nächsten Schritt bedenke ich, ob es dem anderen wirklich hilft und wie ich es formulieren sollte, damit es als Hilfe und nicht als Kritik ankommt. Und schließlich frage ich die Person, ob sie meine Beobachtung überhaupt hören will. Dann kann es zu einem wirklich guten Gespräch werden.

Wir alle schauen ja aus uns heraus und haben die anderen besser im Blick als uns selbst. Daher passiert es auch, dass wir für unser eigenes Verhalten oft blind sind, es nicht selbst merken können und daher froh sein dürfen, wenn uns andere in die Spur helfen.

 

Was kann ich tun, wenn mir etwas zu weit geht? Haben Sie einen Sofort-Hilfe-Tipp?

Ich muss innere oder äußere Distanz schaffen um Zeit für eine angemessene Grenzziehung zu bekommen. Also nicht gleich „ja“ sagen oder in die Konfrontation gehen. Meist benötigen wir einen Moment um festzustellen, was das in mir gerade bewirkt und was ich eigentlich will.
Und durch die Distanz kann ich mich für eine Strategie entscheiden.

Es gibt zum Beispiel auch Bereiche, in denen ich mich schon im Vorfeld für eine Reaktion von mir entschieden habe. Ich selbst habe im Straßenverkehr und im täglichen Miteinander beim Einkauf oder im Job nicht das Menschenbild von „edel sei der Mensch, hilfreich und gut“. Daher habe ich für mich entdeckt, dass mich nur mein Humor retten kann.

Drängelt sich also jemand an der Kasse vor, klaut mir den Parkplatz oder ist am Telefon mies gelaunt, dann lache ich und nehme es auf keinen Fall persönlich. Denn manche Menschen sind einfach so.

 

***

 

Der Online-Kurs bei Sinnsucher.de basiert auf Ihrem Buch „Selbstbewusst NEIN sagen“. Gab es beim Dreh etwas, zu dem Sie selbst Nein gesagt haben?

🙂 Ja, das gab es tatsächlich. Als ich das Studio betrat, führte man mich zu dem etablierten Rednerpult. Das hilft den meisten Menschen, um die Kameraeinstellung nicht zu verlassen und ihr Skript griffbereit zu haben. Für mich ist das allerdings absolut untauglich. Was ich nicht im Kopf habe, finde ich im richtigen Moment dann auch nicht auf dem Skript und zum Sprechen muss ich frei stehen können. Kurzum: das Ding musste weg. Und danach konnte es losgehen.

An dieser Stelle vielleicht ein großes Kompliment an den Regisseur, Herrn Dominik Rößler, der mich mit seiner unnachahmlichen Persönlichkeit und seinem absoluten Know-How durch diese Aufnahmezeit begleitet hat.

 

 

Was war bei der Umsetzung des Buchs in Videoclips die größte Herausforderung für Sie?

Mich überhaupt erst mal vor die Kamera zu trauen. Das war für mich eine Mutprobe und Grenzerfahrung bzw. Grenzerweiterung.
Dann die richtige Auswahl der Themen zu treffen. Und schließlich die Frage: Wie verpacke ich es in nicht nur nachvollziehbare Gedankengänge, sondern kann es auch noch anschaulich darstellen.

Ich hoffe, es ist so einigermaßen gelungen.

Anm. der Redaktion: Hier können Sie nachlesen, was Kurs-Teilnehmer sagen auf Sinnsucher.de

 

Wenn es zum Online-Kurs Outtakes gäbe von dem, was schief gegangen ist: In welcher Szene würde wir Sie am meisten lachen sehen?

Letzter Tag … es sollten nur noch die Aufnahmen für die Werbung gemacht werden … Kurze Takes mit feststehenden Aussagen. Eigentlich vollkommen undramatisch.

Doch dann begann für mich der absolute Albtraum: Ich war einfach nicht in der Lage, mir die einfachsten Sachen zu merken. Ich glaube, der Regisseur dachte anfangs, dass ich Scherze mache, lachte noch mit mir und meinte noch albern: „Nicht denken, einfach nur reden!“

Als dann mein Lachen aber immer verzweifelter wurde, stellten wir fest: Nahrung könnte helfen! Und so war es dann auch. Natürlich verursachte das eine enorme Zeitverzögerung. Schließlich kam die Anweisung: „Wir haben noch 13 Minuten. Jetzt bitte noch schnell das YouTube-Video ‚3 Tipps für leichtes NEIN Sagen‘. Sie haben 10 Minuten.“ Dafür gab es kein Konzept und nur diese Gelegenheit. Also legte ich los.

Danach war ich so durch den Wind, dass ich noch schnell alle meine Unterlagen und Klamotten zusammensuchte, mich mit zwei Koffern und Handgepäck durchs Haus zum Aufzug kämpfte, den falschen Knopf drückte, um dann irrtümlich im untersten Bereich der Tiefgarage zu landen. Durch die Sicherheitsmaßnahmen konnte ich nicht wieder zurück und zuckelte somit mit all meinen Habseligkeiten durchs Parkhaus ganz nach oben zu meinem Auto. Während ich da so lief, stellte ich mir amüsiert vor, wie der Parkhauswächter vor seinem Bildschirm sitzt und diese arme Irre, mit wirrem Blick und viel zu viel Klamotten durchs Parkhaus laufen sieht …

 

Das Interview führte Saskia Thiele, ließ sie mehrfach innerlich „JA!“ sagen – und oft schmunzeln.

 

Gisela Ruffer

Gisela Ruffer

Gisela Ruffer ist Heilpraktikerin für Psychotherapie mit eigener Praxis für Psycho-und Paartherapie in Landshut. Ihre Spezialgebiete sind lösungsfokussierte Gesprächsführung und Beziehungscoaching. Siehe auch: https://praxis-ruffer.de/

Selbstbewusst Nein sagen

Am 25. Oktober 2019 erscheint bei uns das Buch Selbstbewusst Nein sagen von Gisela und Herbert Ruffer.

Gisela und Herbert Ruffer

Dass andere Menschen unsere Grenzen nicht respektieren – diese Erfahrung machen wir vermutlich alle ab und zu. Und sicher fällt es uns auch nicht immer ganz leicht, anderen Grenzen zu setzen. Warum das so ist und wie man mit solchen Situationen umgehen kann, können Sie recht bald nachlesen. Doch bevor es soweit ist, können Sie hören, wie die Autorin und der Autor ihr Buch vorstellen:

Ein Nein aus tiefster Überzeugung…

Abgrenzung – ein „Ja“ zu sich selbst

von Ulrike Hensel

Die Frage „Wie kann ich mich besser abgrenzen?“ ist regelmäßig ganz vorne mit dabei, wenn in den Workshops, die ich für hochsensible Menschen (abgekürzt HSP) gebe, Themen gesammelt werden und wenn Coachees ihre Anliegen formulieren.

Diejenigen, für die Grenzen-Setzen ein Thema ist – und das sind beileibe nicht nur HSP –, möchten mehr als bisher für sich persönliche Freiräume schaffen, eigenen Wertvorstellungen und Prinzipien treu bleiben, ihre Integrität wahren. Sie möchten selbstverständlicher und selbstsicherer die eigenen Interessen vertreten, ihren eigenen Weg gehen. Nicht länger Nett-Sein vor Echt-Sein stellen, nicht länger den Erwartungen anderer Vorrang geben vor eigenen Bestrebungen.

Wie ich es sehe, geht es für sie darum, bewusst mehr Selbstfürsorge walten zu lassen und Strategien für selbstbestimmtes Handeln zu entwickeln – ohne dabei anderen jegliches Entgegenkommen zu verwehren und ohne den Gemeinschaftssinn zu verlieren.

Für andere da zu sein, ist ein wichtiges Bedürfnis

Wenn mir jemand sagt, dass er eigene Bedürfnisse ignorieren würde und nur für andere da sei, dann weise ich gerne darauf hin, dass schließlich auch das Für-andere-da-Sein ein wesentliches Bedürfnis ist, und werbe für Nachsicht und Verständnis sich selbst gegenüber. Laut Marshall Rosenberg, dem Begründer der „Gewaltfreien Kommunikation“, ist das Bedürfnis, zum Wohlergehen anderer beizutragen, ein zutiefst menschliches, also wahrlich nichts, wofür man sich kritisieren müsste. Wie so oft, geht es lediglich um das rechte Maß und die Ausgewogenheit, denn es gibt ja noch andere Bedürfnisse und Wünsche, die nicht ins Hintertreffen geraten dürfen.

Ich plädiere sicher nicht für rüde, unsoziale Rücksichtslosigkeit, die die Mitmenschen außer Acht lässt, sondern für einen „gesunden Egoismus“, der eine angemessene Rücksicht auf andere einschließt. Thomas Gordon hat es in seinem Beziehungscredo, das ich in seinem Buch Gute Beziehungen gefunden habe, wie folgt formuliert:

„Wenn wir Konflikte haben, wollen wir versuchen, alle beizulegen, ohne dass einer versucht, sie auf Kosten des anderen zu lösen. Das Recht auf die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse gestehe ich dir ebenso zu wie mir. Deshalb wollen wir immer nach Lösungen suchen, die für uns beide akzeptabel sind. Keiner wird verlieren, sondern beide werden wir gewinnen.“ (32014, S. 153)

Abgrenzung – pro und contra

Was für Abgrenzung spricht: Wollen wir unsere persönlichen Projekte voranbringen und unsere ureigenen Ziele verfolgen, ist es nötig, unsere Aufmerksamkeit und unsere Energien einigermaßen darauf zu fokussieren. Erst recht als HSP, weil man da noch begrenzter belastbar ist als andere. Hier hilft der Gedanke, dass das Nein anderen gegenüber ein Ja zu sich selbst ist. Wenn wir wissen, wozu genau wir Ja sagen, stärkt das unsere Entschiedenheit.

Ein weiteres zugkräftiges Argument für die Abgrenzung: Ein rechtzeitiges offenes Vertreten des eigenen Standpunkts beugt einem inneren Groll vor, der sich sonst irgendwann in einem destruktiven Gefühlsausbruch entladen könnte oder im Untergrund beziehungszersetzend wirken würde. Menschen, die sich scheuen, offen und klar Grenzen zu setzen, schützen sich unbewusst auf andere Weise, indem sie innerlich auf Distanz gehen, sich verschließen, unterschwellig aggressiv sind.

„Ein Nein aus tiefster Überzeugung ist besser und größer als ein Ja, das nur gesagt wird, um zu gefallen oder um Schwierigkeiten zu vermeiden.“ (Mahatma Gandhi)

Was gegen (zu viel) Abgrenzung spricht: Menschen sind soziale Wesen, Zugehörigkeit ist ihr Lebenselixier. Dementsprechend bedeutet es ihnen sehr viel, gute Beziehungen zu den Menschen in ihrem Umfeld zu haben. Und dafür sind sie verständlicherweise bereit, einiges zu tun. Des Weiteren: Die Stimmungen anderer beeinflussen die eigene Stimmung (besonders bei HSP!). Es ist schön, wenn die Zufriedenheit des Gegenübers auf einen zurückwirkt. Schon deshalb das Bemühen, zu dessen Wohlsein beizutragen. Und: Hilfsbereitschaft ist für viele ein wichtiger Wert, der entsprechend im Handeln seinen Niederschlag finden soll. In den Zusammenhang passt folgendes Goethe-Zitat: „Wer nichts für andere tut, tut nichts für sich.“

Abgrenzung gepaart mit Hilfsbereitschaft

Wie können nun die beiden Qualitäten Abgrenzung und Hilfsbereitschaft in eine gute Verbindung gebracht werden? Einen sehr praxistauglichen Ansatz finde ich in dem Modell des Werte- und Entwicklungsquadrats von Friedemann Schulz von Thun. Der wesentliche Gedanke dabei ist, dass jede „Tugend“ in der Übertreibung und ohne die ausgleichende Wirkung einer sogenannten „Schwestertugend“ leicht in eine „Untugend“ abrutschen kann; das wäre dann sozusagen „des Guten zu viel“. Schulz von Thun sagt im Buch Kommunikation als Lebenskunst: „Jede Tugend, jedes Ideal, jede menschliche Qualität, eben jeder Wert kann nur dann für das Leben konstruktiv werden, wenn er sich in einer Balance zu einer komplementären ‚Schwestertugend‘ befindet“ (2014, S. 118).

 

Abbildung: Wertequadrat zu Abgrenzung und Hilfsbereitschaft (nach Friedemann Schulz von Thun)

 

Abgrenzung und Hilfsbereitschaft können somit als Schwestertugenden gesehen werden. In der Übertreibung würde selbstfürsorgliche Abgrenzung zur hartherzigen Ignoranz, einem egoistischen Verhalten, die andere außen vor lässt und über kurz oder lang sozial isoliert. Auf der anderen Seite würde zu viel der einfühlsamen Hilfsbereitschaft zur selbstschädigenden Aufopferung, zur Selbstaufgabe. Die Qualität „selbstfürsorgliche Abgrenzung“ erfährt also einen günstigen Ausgleich durch die Qualität „einfühlsame Hilfsbereitschaft“. In der Integration der beiden Qualitäten finden das Ich und das Du Beachtung, was ein beziehungsförderliches Wir ermöglicht. Das Ideal ist das flexible Gleichgewicht zwischen den beiden positiven Qualitäten im Sinne eines Sowohl-als-auch.

Jede Verhaltensänderung ist mit Unsicherheit verbunden

Häufig fehlt einfach die Erfahrung mit Verhaltensweisen, die Grenzen aufzeigen und andere nötigenfalls in ihre Schranken verweisen. Wer als Heranwachsender Grenzverletzungen erfahren hat und dagegen nichts auszurichten vermochte, muss als Erwachsener erst ein Gefühl dafür entwickeln, dass er ein Recht auf Grenzen hat. Den persönlichen Raum auszufüllen und zu behaupten, muss erst erlernt werden, allen Befürchtungen, die womöglich damit einhergehen, zum Trotz: Befürchtungen, andere zu kränken, zu verletzen oder zu enttäuschen; Angst, selbst abgelehnt und zurückgewiesen zu werden, in unangenehme Konflikte mit anderen zu geraten; Angst, die Anerkennung zu verlieren, Freunde zu verlieren, allein dazustehen.

Es braucht daher eine gehörige Portion Entschlossenheit, Mut und Experimentierfreude, um trotz Ängsten und Zweifeln Verhaltensänderungen anzugehen. Der Antrieb erwächst aus der zuversichtlichen Annahme, dass mit dem neuen Verhalten letztlich eine deutliche Verbesserung im Leben zu erreichen ist. In einem Zitat von Ambrose Redmoon ist es treffend ausgedrückt: „Mut ist nicht die Abwesenheit von Angst, sondern die Einschätzung, dass etwas anderes wichtiger ist als die Angst.“ Erste positive Erfahrungen können in der Folge die Motivation liefern, dran zu bleiben und neue Gewohnheiten zu etablieren. Manch einer wird erstaunt sein, wie problemlos eine überzeugte und überzeugende Abgrenzung aufgenommen wird und wie dadurch das eigene Ansehen sogar steigt.

Ein klares Nein, wenn man Nein meint

Es geht nicht darum, bei beliebigen Gelegenheiten häufiger Nein zu sagen, sondern vielmehr immer eigenverantwortlicher und konsequenter Nein statt Ja zu sagen, wenn man ein Nein empfindet. Es geht um Ehrlichkeit, Authentizität und Echtheit. Doch bevor diese Werte zum Tragen kommen, müssen wir uns erst einmal darüber klar werden, was genau für uns stimmig ist, was wir wirklich wollen und was nicht. Wir können nur die Grenzen aufzeigen und gegebenenfalls verteidigen, von deren Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit wir selbst überzeugt sind. Dazu Schulz von Thun: „Selbstklärung ist die Grundlage für eine klare, kraftvolle Kommunikation“ (S. 98).

Haben wir uns entschieden, einer Erwartung nicht zu entsprechen bzw. ein Ansinnen abzulehnen, tun wir das am besten klar und deutlich und geben dafür eine knappe Begründung, ohne uns allzu wortreich zu erklären und zu rechtfertigen (wozu viele HSP neigen), ohne uns zu entschuldigen oder gar Ausreden zu erfinden. Ein schlichtes „Nein, das passt für mich nicht“ oder „Nein, das will ich nicht“ wird meist am besten akzeptiert, selbst dann, wenn es dem anderen nicht gefällt.

Eine Körpersprache, die nicht mit der verbalen Aussage übereinstimmt, entlarvt ein wackliges Nein. Eine leise Stimme, ein entschuldigendes Lächeln, ein ausweichender Blick schwächen das Nein ab und machen es unglaubwürdig. Ein Kopfschütteln, eine feste Stimme, ein ernster Gesichtsausdruck, ein direkter Blickkontakt hingegen unterstreichen das Nein.

Gefragt ist Kommunikationskompetenz

Vielleicht passt ja auch ein eingeschränktes Nein: „Nein, nicht jetzt/heute/dieses Mal“ oder „Nein, nicht so“ mit anschließenden Gegenvorschlägen, was man anbieten kann – dies allerdings wirklich nur, wenn man dahintersteht und sie aus freien Stücken macht.

Schroff und unfreundlich geäußert oder gekoppelt mit einem Vorwurf „Wie kannst du das nur von mir erwarten?“ wird das Nein eine verärgerte und abweisende Reaktion hervorrufen. Ruhig und vorwurfsfrei vorgetragen, als Ich-Botschaft formuliert, stehen die Chancen für eine moderate und verständnisvolle Reaktion gut. Garantiert ist sie jedoch nicht. Unter Umständen sind wir gefordert, die Enttäuschung unseres Gegenübers da sein zu lassen und die (vorübergehend) entstehende Distanz auszuhalten. Keinesfalls sollte man dem anderen seine Gefühle absprechen.

Zum Abschluss noch ein Gedanke: Eine umfassende Auseinandersetzung mit Abgrenzung hat zwei Seiten. Die Grenzen, die man selbst setzt, und die Grenzen, die einem gesetzt werden. Hand aufs Herz: Wie gut können wir die Grenzen anderer akzeptieren und wahren? Respektieren wir vorbehaltlos den Gestaltungsraum anderer? Verzichten wir darauf, uns über die Wünsche Ihrer Mitmenschen einfach hinwegzusetzen? Das respektvolle Achten der Grenzen anderer ist in meinen Augen eine viel zu wenig beachtete Voraussetzung dafür, dass die eigenen Grenzen respektiert und geachtet werden.

Wenn Sie dieses Thema interessiert, werfen Sie doch mal einen Blick in folgende Bücher:

  • Mein Buch-Tipp Nr. 1: „Sei nicht nett, sei echt“ von Kelly Bryson
  • Mein Buchtipp Nr. 2: „Gewaltfreie Kommunikation – eine Sprache des Lebens“ von Marshall B. Rosenberg
  • Mein Buch-Tipp Nr. 3: „Gute Beziehungen: Wie sie entstehen und stärker werden“ von Thomas Gordon
  • Mein Buchtipp Nr. 4: „Kommunikation als Lebenskunst: Philosophie und Praxis des Miteinander-Redens“ von Bernhard Pörksen und Friedemann Schulz von Thun

Kennen Sie das Problem, sich nicht ausreichend abgrenzen zu können? Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem Thema? Schreiben Sie uns! Wir freuen uns über Ihre Fragen, Kommentare und Anregungen.

 


  Über die Autorin

Ulrike Hensel ist Coach für hochsensible Menschen, Autorin von „Mit viel Feingefühl – Hochsensibilität verstehen und wertschätzen“ (Junfermann, 2013) und „Hochsensible Menschen im Coaching – Was sie ausmacht, was sie brauchen und was sie bewegt“ (Junfermann, Oktober 2015).

Weitere Informationen zur Autorin und ihrem Coaching erhalten Sie hier.