Wenn die Leistungsansprüche der Eltern den Kindern schaden – und was wirklich dahintersteckt …

„Sei ein braves Kind und lass mich gut aussehen!“

Von Bianca Olesen

In der Regel formulieren Eltern das Beziehungsangebot an ihre Kinder nicht auf diese Weise, und doch gestalten manche es genau so. Das ist dann der Fall, wenn die Kinder gebraucht werden, um den brüchigen Selbstwert ihrer Eltern (oder anderer Bezugspersonen) zu stabilisieren: narzisstisches Delegieren oder auch narzisstischer Missbrauch wird dieses Phänomen in der Fachliteratur genannt.

Lassen Sie mich diese Facette narzisstischer Beziehungsgestaltung an einem aktuellen Beispiel aus meiner Praxis verdeutlichen:

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Erst neulich berichtete mir eine Mutter von der „Not“ mit ihren vier Kindern: Da sie großen Wert auf vollständige, richtige und ordentliche Hausaufgaben lege, hätte sie jeden Tag (inklusive der Wochenenden) Konflikte mit ihren Kindern auszutragen. Bis in den späten Abend hinein gäbe es Streit, Wiederstand der Kinder, Tränen und Bestrafungen, und dennoch seien die Hausaufgaben schließlich nicht zu ihrer Zufriedenheit erledigt.

Die Paarbeziehung leide mittlerweile deutlich darunter, nicht nur wegen der fehlenden Paar-Zeit, sondern vor allem, weil ihr Ehemann sie bei der Durchsetzung ihres Anspruchs nicht unterstütze. Als fast schon rebellisch empfinde sie seine Einstellung, die Kinder ihre eigenen Erfahrungen mit den Rückmeldungen der Lehrer zu den Hausaufgaben machen zu lassen und vor allem seinen Hinweis auf den – durch die Reihe guten – Notendurchschnitt der tendenziell hochbegabten Kinder.

Als ich sie nach den Rückmeldungen der Lehrer fragte, lächelte sie wieder: Alle Lehrer hätten sie dafür gelobt, was für eine gute Mutter sie sei. Kein anderes Kind hätte stets so ordentliche Hausaufgaben wie ihre.

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Wie die Begebenheit zeigt, stehen hier weder die schulischen Leistungen der Kinder im Vordergrund – alle vier zeigen gute bis hervorragende Leistungen – noch ein berechtigtes Misstrauen an der Zuverlässigkeit der Kinder. Tatsächlich geht es um den Ruf der Klientin als „gute Mutter“, den sie über die formalen Leistungen ihrer Kinder herstellen und aufrechterhalten will. Und darum, dass ihr selbst das nicht bewusst ist und auch nicht bewusst wird, nicht einmal in der Auseinandersetzung mit dem Partner, dessen Meinung sie ansonsten für die gemeinsame Entscheidungsfindung wertschätzt, sei es bei der Erziehung oder bei anderen Paar- oder Familienthemen.

Stattdessen zielt das gesamte Verhalten der vierfachen Mutter (unbewusst) darauf ab, Anerkennung zu bekommen, es dient also der Stabilisierung ihres Selbstwertes auf einer leistungsbezogenen Ebene.

Warum nenne ich diese Ebene eine leistungsbezogene Ebene? Weil es darum geht, durch die Leistungen der Kinder (die Hausaufgeben stets vollständig, richtig und ordentlich zu erledigen) die Leistung der Mutter (dafür „gut“ gesorgt zu haben, zu diesem Zweck „gut“ auf die Kinder eingewirkt zu haben) zu garantieren.

Im Gegensatz dazu stünde die Anerkennung der Mutter um ihrer selbst willen, die sie z.B. an der Zuneigung und dem Vertrauen der Kinder ablesen könnte, an deren Bindung an die Mutter, an deren Bedürfnis nach Körperkontakt, Trost, Schutz und Geborgenheit und vielem anderen mehr. Eine Anerkennung, Liebe letztlich, die die höchste Form zwischenmenschlicher Anerkennung darstellt: „Ich an-erkenne dich.“

Übersetzt heißt das:

Ich erkenne dich: Ich sehe, wie du gemeint bist, was du fühlst, brauchst, willst und tust.

Und das erkenne ich an: Ich lasse dich genau so gelten, bedingungsfrei und ohne dich infrage zu stellen. Ich liebe dich, weil du bist, wer du bist.

Eine Form der Anerkennung, die diese Mutter aber nicht kennen und wahrzunehmen gelernt hat. So muss sie die Wertschätzung der eigenen Person und damit ihren Selbstwert an Leistung messen und diesen Maßstab zudem an die Kinder weitergeben:

„Dass ihr mich um meiner selbst willen liebt (anerkennt), gilt für mich nichts. Für mich gilt Leistung – also leistet für mich!“

Abhängigkeit: Um die Bindung zu sichern, werden eigene Bedürfnisse negiert

Warum nun sprechen wir hier von narzisstischem Delegieren oder gar von narzisstischem Missbrauch?

Das Kind – oder auch der erwachsene Mensch im Umfeld eines narzisstisch reagierenden Gegenübers – begegnet einem anderen mit seinen Gefühlen und Bedürfnissen und „braucht“ es, dass diese erkannt, ernst genommen und gelten gelassen werden. Im Gegensatz aber zum Erwachsenen, der sich ab- und einem anderen zuwenden könnte, sobald er sich nicht ausreichend bestätigt fühlt, ist ein Kind von seinen Bezugspersonen abhängig – ohne die Bezugspersonen kann es nicht überleben. Es ist also einerseits ein Metabedürfnis[1] von Kindern, dass sie von ihren Bezugspersonen in ihrer Individualität angenommen werden, damit sie lernen, gesund und autonom in die Welt zu gehen und auch anderen ihre gesunde Autonomie zuzugestehen. Andererseits muss dieses Bedürfnis in unserem Kontext aber zugunsten einer fortbestehenden Bindung aufgegeben werden.

Narzisstische Eltern delegieren die Befriedigung ihrer selbstwertstärkenden Bedürfnisse wie im o. g. Beispiel an ihre Kinder und übergehen so deren Bedürfnisse. Von Seiten der Bezugspersonen betrachtet sprechen wir daher von narzisstischem Delegieren.

Das abhängige Kind muss dies geschehen lassen und seine ureigenen emotionalen Reaktionen und Bedürfnisse unterdrücken, für die es doch eigentlich Unterstützung, sprich Anerkennung bräuchte. Unausgesprochen erlebt es die Forderung: „Höre auf, zu fühlen, was du fühlst (im o. g. Beispiel: Widerstand, Trotz, Traurigkeit), und fühle und verhalte dich so, wie ich es brauche (z. B. gehorsam, dankbar)!“ Daher sprechen wir von Seiten des Kindes (oder eines sich in die Abhängigkeit vom narzisstischen Gegenüber begebenden Erwachsenen) von emotionalem Missbrauch.

Ich bin ich und du bist du.

„Ich bin nicht auf dieser Welt, um nach deinen Erwartungen zu leben, und du bist nicht auf dieser Welt, um nach meinen Erwartungen zu leben.“ (Fritz Perls)

Kein Mensch – ob jung oder alt – hat es verdient, dass ihm seine Gefühle und Bedürfnisse abgesprochen werden, damit er dem anderen zu Ansehen verhilft; dass er aufhören muss, er selbst zu sein, damit ein anderer fühlen kann: Ich bin wert.

Denn was anderes könnte ein Mensch daraus für spätere Beziehungen lernen, als dass er sich genauso verhalten müsse? Dass er andere ebenso verletzen müsse, wie er einst selbst verletzt wurde? Und nicht aus böser Absicht, sondern schlicht aus einem Unvermögen heraus, das als Folge eines narzisstischen Erziehungsstils gesehen werden muss.

Beziehungen in Gleichwertigkeit

Diese Klientin war mit einem ganz anderen Anliegen zu mir gekommen und schilderte das oben beschriebene Dilemma eher en passant als eine Facette ihrer aktuellen Situation. Fokus des Coachings war ihr Stresslevel, und ihr Ziel für das Coaching war ganz klassisch für narzisstische Persönlichkeiten: „Wie schaffe ich noch mehr?“ (statt: „Wovon lasse ich los?“) Meine Aufgabe als Coach sah ich deshalb zunächst darin, mit ihr die Ursprünge ihres Stressniveaus zu erkunden und ihr die Erkenntnis zu ermöglichen, dass nicht die Kinder (und die anderen im Allgemeinen) Schuld an ihrem Stress sind, sondern ihr überhöhtes Bedürfnis nach Anerkennung, das sie über die Leistungen der Kinder zu erfüllen versuchte.

Da ich selbst Mutter bin, kenne ich diese narzisstische Falle gut. Als meine Kinder noch sehr jung waren, war ich von den Widersprüchen zwischen der Erziehung, die ich selbst erlebt hatte, dem Wunsch, es einmal anders zu machen, und den unzähligen Außenmeinungen so stark verunsichert, dass ich mich auf ähnliche Weise wie die Klientin bemühte, alles „richtig“ zu machen. Ich bewegte mich damit auf vertrautem Grund und wurde gleichzeitig als Mutter immer unglücklicher. Glücklicherweise begegneten mir auf verschiedenen Wegen immer wieder Menschen mit einem bedürfnisorientierten und wertschätzenden Menschenbild und einer Haltung der Gleichwertigkeit, und ich begab mich auf den Weg, diese Sicht auf die Menschen sowohl privat als auch beruflich zu integrieren. Wer weiß – wahrscheinlich würde ich meinen Kindern sonst heute noch wesentlich häufiger mit meinem narzisstischen Anteil begegnen.

Als Kind habe ich genau solche narzisstischen Beziehungsmuster erlebt. Leistung stand stark im Fokus, und auf mich als autonomes Wesen mit Bedürfnissen, Wünschen, Träumen und Plänen habe ich wenig Resonanz erlebt. Ich erinnere mich daran, dass mich die ersten Begegnungen in Gleichwertigkeit als Erwachsene stark verunsicherten und dass ich zunächst nichts anfangen konnte mit diesem für mich fremden Beziehungsangebot: „Du bist mir wichtig, so, wie du bist. Und ich bin interessiert daran, wie du bist.“ Wie gekränkt ich teils war, weil meine Leistungen plötzlich nicht mehr in gewohnter Weise relevant waren. In liebevoller Begleitung ging ich auf Spurensuche nach der verunsicherten Bianca hinter den Leistungen und nach einem vollständigeren Selbstbild. Ob ich schon angekommen bin? Ich denke, ich werde noch vieles an mir neu entdecken im Laufe der Jahre. Aber ich fühle mich mir nah und zufrieden. Und ich kann heute gleichwertige, nährende und tragende Beziehungen gestalten. Nicht nur, aber besonders zu meinen Kindern.

Und eben diese wertvolle Erfahrung wünsche ich jedem Menschen und kann nur dazu ermutigen, sich dafür einzusetzen – egal, in welcher Funktion: als Eltern, als Coach oder als in einer narzisstischen Beziehung gefangener Mensch.

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[1] Ich nenne die Bedürfnisse nach Zugehörigkeit und Autonomie Metabedürfnisse, weil diese beiden Bedürfnisse nach den Erkenntnissen der Gehirnforschung auf einer höheren Stufe als alle anderen Bedürfnisse liegen und allem Verhalten eines Menschen steuernd zugrunde liegen.

 

Über die Autorin

Bianca Olesen, Heilpraktikerin für Psychotherapie und Gestalttherapeutin, Trainerin und Coach mit den Schwerpunkten Stress & Entspannung, Persönlichkeitsentwicklung, emotionale Kompetenz und gehirngerechtes Lehren und Lernen. 2015 erschien von ihr das Buch Der Mensch hinter der Maske.

Was bedeutet Scheitern?

Mit Misserfolgen und Rückschlägen leben lernen

Von Prof. Dr. Jutta Heller

Niemand scheitert gern – ohne Scheitern kommt aber keiner durchs Leben. Ist es nicht an der Zeit zu lernen, wie wir besser damit umgehen können?

Prof. Dr. Jutta Heller in einem Vortrag zu Scheitern und Resilienz: „Zusammengehörigkeit im Scheitern”

Sportjournalisten verwenden das Wort „scheitern” scheinbar routiniert in ihren Artikeln: Im Jahr 2015 ist beispielsweise nicht nur der FC Bayern München an Barcelona „gescheitert“ (www.focus.de vom 13.05.15), sondern auch Schalke 04 an sich selbst (www.derwesten.de vom 12.04.15). Hamburg scheiterte mit seiner Bewerbung für die Ruder-WM 2019, und die Hamburger Olympia-Befürworter sowieso. Im Sport braucht es also nicht viel, um gleich als „gescheitert“ zu gelten. Ganz so schnell wird das Label in der Wirtschaft oder im Privaten nicht verpasst, aber dennoch: Wenn Sie mal ganz ehrlich mit sich sind – haben Sie selbst auch solche Projekte? Die für Sie ein Scheitern darstellen, weil sie einfach nicht mehr „auf einen grünen Zweig“ zu bringen sind, und die Sie noch nicht als „Erfahrung“ abhaken können? Denn das ist ja ein ganz wichtiger Punkt am Scheitern: Sobald wir es akzeptiert und verarbeitet haben, empfinden wir es nicht mehr als solches.

Wirtschaftliches und persönliches Scheitern ist noch immer ein Tabuthema. Zwar ist es in letzter Zeit etwas „gesellschaftsfähiger“ geworden – nicht zuletzt durch erfolgreiche Bücher wie Gescheiter scheitern (Burmeister und Steinhilper, 2011), Berichte in diversen Zeitschriften zu gemeisterten Krisen oder das Durchführen sogenannter „Fail Nights“ (siehe unten). Es wird aber noch immer, im Gegensatz zum Erfolg, „für sich“ behalten. Dabei ist es ein so wichtiges und zentrales Thema, das uns alle betrifft. Manche früher, manche später, manche öfter und manche seltener, aber ganz ohne die Erfahrung, auch einmal gescheitert zu sein, kommt niemand durchs (Berufs-)Leben.

Das Scheitern feiern?

In den Fail Nights erzählen Menschen in einem kathartisch wirkenden Auftritt vor einem großen Publikum von ihrem Scheitern und werden dafür gefeiert. Dabei fällt oft der Name Max Levchin. Ich wünschte mir, dass Scheitern immer so ablaufen würde wie bei ihm. Max Levchin, Mitgründer von PayPal, erzählt von seinen Misserfolgen so: „Das erste Unternehmen, das ich gegründet habe, ist mit einem großen Knall gescheitert. Das zweite Unternehmen ist ein bisschen weniger schlimm gescheitert, das dritte ist auch anständig gescheitert, aber das war irgendwie okay. Ich habe mich rasch erholt, und das vierte Unternehmen überlebte bereits. Nummer fünf war dann PayPal“ (Quelle: brandeins 11/2014).

Für Levchin ist sein Scheitern inzwischen nicht viel mehr als eine Anekdote auf dem Weg zum Gründer eines der erfolgreichsten Internet-Unternehmen.

Verantwortung übernehmen

Aber es geht nicht darum, Scheitern so umzudeuten, dass es in die eigene Erfolgsgeschichte passt. Es geht darum, die Verantwortung für das Scheitern zu übernehmen, den eigenen Anteil am gescheiterten Projekt anzuerkennen und den der anderen – und an dem Gefühl, gescheitert zu sein, nicht zu zerbrechen. Gerade im Berufsleben definieren wir uns oft über das Ergebnis anstatt über unseren Einsatz, und leider werden wir auch von außen oft daran gemessen. Da kann es einen schon aus der Bahn werfen, wenn ein wichtiges Projekt misslingt – gerade wenn das auch noch öffentlich, vor dem eigenen Team, Kolleg(inn)en oder Kund(inn)en passiert.

Der Wirtschaftspsychologe Jörg Bauer von der Hochschule Fresenius hat in einer Studie die Reaktionen auf eine extreme Erfahrung des Scheiterns untersucht, nämlich wie Topmanager reagieren, wenn sie gekündigt werden. Er konnte vier Phasen der psychischen Verarbeitung unterscheiden. Die erste Phase ist der „Blitz und Absturz“: Der Manager ahnt bereits, dass ihm das Ende seines Arbeitsverhältnisses bevorsteht, will dies aber noch nicht wahrhaben. In der zweiten Phase „Ruhe vor dem Sturm“ sind die Verbitterung über die erfahrene Ungerechtigkeit und die Überzeugung, bald alles wieder im Griff zu haben, vorherrschend. Erst in der dritten Phase, „Der lange Regen“, kommt für die ehemaligen Topmanager die harte Erkenntnis, dass sich die Jobsuche trotz vorheriger herausragender Leistungen und guter geschäftlicher Beziehungen schwierig gestalten wird. Phase vier – „Die Wolken brechen auf“ – beschreibt den Weg aus der Krise, wenn eine Neuorientierung und eine Versöhnung mit dem eigenen Scheitern stattfinden.

Eine heftige Reaktion auf das Scheitern ist normal und wohl unvermeidlich. Wie können wir aber mit unserem Scheitern umgehen, um nicht persönlichen Schaden daran zu nehmen? Wenn wir es schaffen, uns selbst zu verzeihen, uns nach der negativen Erfahrung noch zu schätzen und zu vertrauen, dann kann so ein Misserfolg unsere Selbstwirksamkeit enorm stärken. Dann können wir nämlich potentiellen zukünftigen Situationen, in denen etwas missrät, gelassener entgegenblicken, weil wir sicher wissen: Ich kriege es hin, danach wieder aufzustehen und weiterzumachen. Dann haben wir für die Zukunft eine wertvolle Ressource mehr: eine gestärkte Resilienz (lesen Sie hier mehr zum Konzept der Resilienz).

Verantwortung heißt auch Eigenverantwortung

Misserfolge sind extreme Lebenserfahrungen. Und gerade im Angesicht eines scheinbar übergroßen, unlösbaren Problems oder eines gescheiterten Projekts wird es Zeit, Verantwortung zu übernehmen. Nun haben gerade reflektierte, erfolgreiche Menschen, Führungskräfte und andere, die wichtige Entscheidungen treffen müssen, meist nicht das Problem, dass sie die Verantwortung für alle Fehlentscheidungen zu leicht von sich weisen. Ganz im Gegenteil: Der selbst gemachte Druck, für alles alleine verantwortlich zu sein, trägt sogar noch erheblich zum Gefühl des Gescheitertseins bei. Was wir dabei leicht ignorieren: Wir haben auch eine Verantwortung uns selbst gegenüber! Eigen-Verantwortung ist ein wichtiger Schlüssel zur Resilienz und bedeutet, dass wir erst einmal dafür sorgen müssen, funktionsfähig zu bleiben oder wieder zu werden – im Beruf, aber auch im Privatleben. (Im Übrigen: Lässt sich das überhaupt so genau trennen? Wenn es uns schlechtgeht, wird meist beides zum anstrengenden Kampfschauplatz.)

Misserfolge und große Krisen können uns so weit blockieren, dass wir selbst unsere elementaren Bedürfnisse vernachlässigen: essen, trinken, schlafen, Bewegung, soziale Bindung. Solche Erfahrungen werfen uns aus der Bahn, wir werden (zunächst) handlungsunfähig. In ihrem emotionalen Verlauf sind heftige Rückschläge mit traumatischen Erlebnissen vergleichbar, wenn natürlich auch in einer anderen Größenordnung. Deswegen begegnen wir solchen Situationen am besten mit einem der Traumatherapie entliehenen „Erste-Hilfe-Paket“: Zuerst müssen wir uns stabilisieren, bevor wir die Erfahrung bearbeiten und letztendlich integrieren können. Stabilisieren kann im Moment einer schweren Krise bedeuten, sich Routinen zu schaffen, die Sicherheit und Halt geben. Jeden Tag zur selben Zeit aufstehen, jeden Tag zur Arbeit gehen, jeden Abend einen heißen Tee mit Honig trinken – das gibt einen äußeren Rahmen, an dem wir uns orientieren können, und nimmt uns die Last zusätzlicher Entscheidungen. Menschen sind verschieden, manche brauchen in dieser Zeit der Stabilisierung viel Kontakt zu anderen, um die Erfahrung in Gesprächen zu reflektieren oder sich einfach abzulenken. Andere igeln sich ein, brauchen vor allem Ruhe und Geborgenheit in einem vertrauten Zuhause. Gönnen Sie es sich, Ihren Bedürfnissen in dieser Situation nachzugeben! Wichtig dabei ist, sich bewusst zu sein, dass diese Phase nicht Resignation oder „Aufgeben“ bedeutet, sondern den ersten Schritt auf dem Weg zur Verarbeitung Ihres Scheiterns markiert. Erst mit etwas Abstand kann dann das erste Nachdenken, das Überprüfen der gemachten Erfahrung gelingen. Im Nachhinein betrachten viele Menschen die Erfahrungen ihres Scheiterns als wichtig und wertvoll, weil sie etwas daraus gelernt haben oder weil es eine entscheidende Weichenstellung für eine positive Entwicklung war – siehe Max Levchin mit PayPal. Und so manches Mal zeigt uns ein Scheitern sogar auf, dass wir stärker sind als gedacht, und führt dazu, dass wir beim nächsten Mal mutiger und gelassener agieren. Wir können nämlich nicht immer beeinflussen, was uns geschieht, aber es liegt in unserer eigenen Verantwortung, wie wir das Geschehen wahrnehmen, bewerten und darauf reagieren.

„Es ist niemals die Umgebung; es sind niemals die Ereignisse in unserem Leben, sondern die Bedeutung, die wir damit verknüpfen – wie wir sie interpretieren – das entscheidet darüber, wer wir heute sind und wer wir morgen sein werden.“

(Tony Robbins)

 

  Über die Autorin:

Prof. Dr. Jutta Heller steht für „Resilienz“, dem Fachbegriff für innere Stärke. Die Dinge akzeptieren, wie sie sind, Eigenverantwortung übernehmen, seelische Widerstandskraft entwickeln: Das sind die Kernelemente ihres überzeugenden Konzepts, mit dem sie seit über 25 Jahren Menschen aus den unterschiedlichsten Kontexten zu ihren mentalen Ressourcen führt. Neben ihrer selbständigen Beratungstätigkeit ist sie Professorin für Training & Business Coaching in der wirtschaftspsychologischen Fakultät an der Hochschule für angewandtes Management Erding. Prof. Dr. Heller ist auch Organisatorin des jährlichen Coaching-Kongresses in Erding.

Seit 2015 gibt Prof. Heller ihre Expertise in einer Zertifikatsausbildung weiter. Die Ausbildung umfasst u.a. Grundlagen zu Resilienz, Tests und Resilienzmodelle, individuelle Resilienz (zu diesem Bereich gehört die in diesem Beitrag behandelte Eigenverantwortung), organisationale Resilienz und Konzepte für Coaching, Training und Gesundheitsmanagement.

Mehr Informationen erhalten Sie unter www.juttaheller.de

 

Mein allerbestes Jahr – Ziele erreichen, dem Leben Richtung geben

„Unsere wahren, wesentlichen Wünsche“ – Impressionen von der Buchvernissage am 30. Oktober 2015 in Zürich

Wer Kinder hat, der weiß, mit welcher Freude und Inbrunst vor Weihnachten der Wunschzettel geschrieben und gestaltet wird. Die Kleinen fiebern geradezu darauf hin, möglichst viele der ersehnten Geschenke zu bekommen.

Erwachsene schreiben in der Regel keine Wunschzettel mehr. Doch hört man nach der Kindheit auf mit dem Wünschen? Sicher nicht! Nur die Art der Wünsche ändert sich, denn man lernt: Die wertvollsten Geschenke sind nicht in Papier verpackt, das wirklich Wesentliche liegt nicht unter dem Weihnachtsbaum.

In meinem Buch Mein allerbestes Jahr geht es genau um diese wahren, wesentlichen Wünsche. Denn ich behaupte: Wenn wir uns mehr Zeit für unsere tiefen, in uns angelegten Wünsche nehmen und versuchen würden, uns selbst diese Wünsche zu erfüllen, wären wir gesünder und glücklicher.

Meine Intention – in Theorie und Praxis

Ich habe dieses Buch in der Hoffnung geschrieben, Leserinnen und Leser zu inspirieren. Wenn wir klar vor Augen haben, was wir uns zutiefst wünschen, können wir uns im Leben besser ausrichten. Wir können versuchen, uns selbst unsere Wünsche zu erfüllen, aus eigener Kraft. Das Buch soll eine Ermutigung sein, sich seine ureigenen Wünsche zu erfüllen. Und es bietet Vorschläge und Ideen an, wie die Wunscherfüllung gelingen kann.

So weit die Intention. Der Praxistest für mein Buch erfolgte am 30. Oktober in Zürich. Für die Buchvernissage hätte es wohl keinen passenderen Ort geben können: Das Kulturhaus Helferei, mitten im Herzen von Zürich, das zum Grossmünster gehört. Rund 100 Gäste fanden sich ein, um das Buch kennenzulernen, miteinander zu sprechen und schließlich zu feiern. Den Auftakt können Sie in diesem Video mitverfolgen:

 

 

Nach meiner Vorstellung des Buches „rezensierte“ Dr. Gunther Schmidt meinen Erstling:

 

 

In der anschließenden Fragerunde wurde es dann sehr persönlich, denn einzelne Gäste enthüllten ihre Herzenswünsche mit großer Offenheit. Einen Eindruck davon erhalten Sie hier:

 

 

Keine Zeit mehr, unser Leben zu gestalten?

Mein allerbestes Jahr wurde als Weihnachts- oder Geburtstagsgeschenk für Freunde und Verwandte gekauft oder war einfach als Geschenk für sich selbst gedacht. In jedem Fall soll das Buch Spaß machen, aber ich möchte auch – in aller Bescheidenheit – den gesellschaftlichen Wert betonen, den ich versucht habe zu verfolgen.

Wir werden täglich mit schlechten Nachrichten überschwemmt; viele Probleme auf unserer Erde scheinen unlösbar.

Wir leben in einer Zeit noch nie dagewesener Beschleunigung – der Leistungsdruck steigt unentwegt.

Vielen von uns geht es dennoch so gut, dass die Gefahr von Übersättigung, Gewöhnung und Überdruss besteht. Die Folge: Müdigkeit und Resignation. Wir werden zu Getriebenen – und nehmen uns keine Zeit mehr, unser Leben zu gestalten. Viele Menschen spüren das durch eine latente Unzufriedenheit und Gereiztheit, aber es fehlt ihnen der Ausweg.

Hier möchte mein Buch ansetzen:

  • Es möchte anregen, sich zu fragen, was „für mich persönlich, in meiner kleinen Mikro-Welt“ Sinn macht.
  • Es möchte anregen, für sich ganz persönlich hilfreiche innere Haltungen einzuüben, z. B. Dankbarkeit, Achtsamkeit, Akzeptanz oder Humor.
  • Es möchte ermutigen, sich mit kleinen oder großen Wunscherfüllungsprojekten zu fokussieren: etwas auf die Beine stellen, Beziehungen leben und entwickeln oder Spiritualität erfahren.

So viele gute Bücher von vielen engagierten Autorinnen und Autoren liegen zu diesen Themenfeldern vor. Was mir persönlich aber oft bei der Lektüre gefehlt hat, war der praktische Bezug. Eine Antwort auf die Frage: Wie setze ich diesen Inhalt nun ganz konkret für mein Leben um? Deshalb habe ich dieses Buch geschrieben: Es soll eine echte und unmittelbar anwendbare Hilfestellung sein. Ich habe versucht, es so zu schreiben, dass bereits beim Lesen etwas Neues und etwas Gutes entsteht. Meine Erstleserinnen und Erstleser bestätigen das: „Es entsteht Wärme beim Lesen. Im Leben und in meiner Wahrnehmung der Dinge verändert sich etwas.“

Meine Wünsche für Sie

Ich hoffe, dass sich Ihnen das Wesentliche im neuen Jahr möglichst häufig zeigt und dass daraus vielleicht ein Wunsch entsteht, den Sie aus eigener Kraft realisieren können. Somit hätte 2016 das Potenzial, eines von hoffentlich vielen allerbesten Jahren für Sie zu werden. Ich wünsche Ihnen, Ihrer Familie und Ihren Freunden erfüllende und frohe Weihnachten und einen guten Start ins neue Jahr.

  Herzlich grüßt Sie

Sabine Claus

www.meinallerbestesjahr.ch

 

 

Wünsche an eine Begabtenforschung und -förderung für alle Altersgruppen

Stell dir vor, du bist hochbegabt – und merkst es nicht …

Von Andrea Schwiebert

Hochbegabte Erwachsene? Das ist in Deutschland kaum ein Thema. Während es inzwischen reichlich Literatur, Fortbildungen und Beratungen rund um hochbegabte Kinder gibt, sickert es erst langsam ins allgemeine Bewusstsein, dass Hochbegabung kein Kindheitsphänomen ist. Heute längst erwachsene Hochbegabte, zu deren Schulzeit Begabtenförderung kaum existierte, wissen oft nichts von ihrer besonderen Begabung. Da stellt sich die Frage: Sollten sie denn davon wissen? Was würde das ändern – für die Betreffenden und für uns alle als Gesellschaft?

Was heißt eigentlich hochbegabt?

Kurz gefasst bedeutet Hochbegabung: „Mehr denken, mehr fühlen, mehr wahrnehmen“ (Brackmann, 2012, S. 19). Demzufolge sind Hochbegabte nicht einfach besonders intelligent, sondern sie machen sich Gedanken über Dinge, die andere Menschen übergehen, ecken oft an, richten kaum zu erfüllende perfektionistische Ansprüche an sich selbst und an andere – und stehen sich deshalb nicht selten selbst im Weg. Das soll nicht heißen, dass es sich um lauter gescheiterte Existenzen handelt! Die meisten mir bekannten Hochbegabten sind berufstätig, haben Familie und erfüllen nach außen hin problemlos die Kriterien für ein gesellschaftlich als „erfolgreich“ anerkanntes Leben. Und doch sind viele von ihnen (nicht alle!) innerlich unglücklich: Sie fühlen sich unverstanden, einsam inmitten anderer Menschen, haben das Gefühl, nicht wirklich ihren Platz zu finden in dieser Welt – das erfahre ich tagtäglich im Coaching. Statt auf die Idee zu kommen, dass ihr Abweichen von der Norm mit einem besonderen Potenzial zusammenhängen könnte, kreiden unwissentlich Hochbegabte sich dieses Anderssein oft als Defizit an. Die späte Erkenntnis der eigenen Hochbegabung kann hier eine ganze Kettenreaktion von Aha-Erlebnissen auslösen und lädt dazu ein, sich selbst neu kennenzulernen und anzunehmen und sich die Erlaubnis zu geben, neue Wege einzuschlagen. Eine Klientin berichtete mir von diesem Erkenntnisprozess: „In den letzten Tagen habe ich viel zu Hochbegabung gelesen. Dabei musste ich abwechselnd weinen und lachen – so sehr fügt sich für mich nun alles zu einem neuen Bild zusammen. Ich verstehe jetzt, warum mich andere oft zu kompliziert fanden oder weshalb irgendwie keiner nachvollziehen konnte, wonach ich mich sehne und wovon ich träume. Jetzt ist mir klar: Ich ticke anders als die Mehrheit. Und ich bin aber trotzdem nicht falsch, so wie ich bin. Ich darf anders sein und bin trotzdem o.k.!“

Angebote für Erwachsene?!

Wenn es also auch für Erwachsene wichtig sein kann, die eigene Hochbegabung zu entdecken und auf Angebote zurückgreifen zu können, die sie bei ihrer Potenzialentfaltung und in ihrem persönlichen Wachstumsprozess unterstützen, dann stellt sich die Frage: Was bieten denn Hochbegabungsforschung und -förderung hierzulande für erwachsene Hochbegabte?

Aus meiner Sicht muss ich sagen: Noch lange nicht genug!

Die Hochbegabungsforschung und spezielle Förderprogramme beziehen sich fast ausschließlich auf Kinder und Jugendliche, höchstens noch auf Studierende. Änderungen vollziehen sich nur langsam: In den letzten zehn Jahren gab es erfreulicherweise erste Veröffentlichungen zum Thema „Hochbegabte Erwachsene“, und in einigen Städten finden sich inzwischen Coachingangebote für diese Zielgruppe. Das Internationale Centrum für Begabungsforschung (ICBF) in Münster richtete 2012 einen Kongress „Giftedness accross the lifespan – Begabungsförderung von der frühen Kindheit bis ins Alter“ aus, was als ein positives Zeichen gewertet werden kann. Allerdings fanden sich bezeichnenderweise offenbar wenig Referenten, die tatsächlich über hochbegabte Erwachsene berichten konnten, sodass die meisten Beiträge sich doch wieder um Kinder und Jugendliche drehten. Desweiteren gibt es z. B. den Hochbegabtenverein „Mensa“, der aber offenbar nur eine kleinere Gruppe der Hochbegabten anzieht. Vereinzelt finden sich Internetforen für hochbegabte Erwachsene – aber meiner Erfahrung nach ersetzen diese nicht die persönliche Begegnung im echten Leben.

Warum hinken Angebote für Erwachsene denen für Kinder hinterher?

Meine These ist, dass dies mit dem in der Begabtenförderung dominanten Fokus auf das Hervorbringen exzellenter Leistungen zusammenhängt. Die Begabtenförderung ist bisher stark leistungsorientiert, rechtfertigt sie doch ihr Engagement als Investition in die Standortsicherung eines ansonsten rohstoffarmen Landes. Erst in jüngster Zeit setzt eine fachliche Diskussion darüber ein, inwieweit hohe Begabung eigentlich zu hohen Leistungen führen müsse (vgl. Hackl et al., 2012, S. 6). Hochbegabte Erwachsene wurden, so vermute ich, bislang auch deshalb kaum beachtet, weil bei erst spät erkannten und in ihrer Potenzialentfaltung wenig unterstützten Hochbegabten kaum zu erwarten ist, dass sie noch konkurrenzlose, nobelpreisverdächtige Leistungen erbringen.

Meiner Überzeugung nach sollte Begabtenförderung jedoch weder in Bezug auf Kinder noch in Bezug auf Erwachsene einseitig leistungsorientiert sein. Auch außergewöhnlich kluge Menschen sind zuallererst Menschen und haben das Recht, nicht auf ihre Leistung reduziert zu werden: Sie sind viel mehr als ihr Intellekt oder ihre Begabung!

Mein Wunsch wäre deshalb eine ganzheitliche Begabungsforschung und -förderung. Spannende Forschungsfragen könnten z. B. sein:

  • Wie muss ein Arbeitsplatz für einen hoch intelligenten und hochsensiblen Menschen aussehen, damit dieser motiviert bei der Sache bleibt und sein Potenzial zum Nutzen der Allgemeinheit entfaltet?
  • Was lässt sich über die Zusammenhänge von Hochbegabung und Hochsensibilität herausfinden?
  • Was wäre zu berücksichtigen, um hochbegabte Mädchen und Frauen besser als bisher zu fördern?
  • Welche Modelle kann es geben, um eine leichtere Vereinbarkeit von Wissenschaftskarriere und Familie zu ermöglichen?
  • Wie kann sichergestellt werden, dass besondere Begabungen auch bei Menschen aus anderen Kulturkreisen zur Kenntnis genommen werden?

Die offenen Fragen sind so spannend wie zahlreich. Forschungsergebnisse zu diesen Fragen könnten wegweisend für den Aus- und Aufbau entsprechender Angebote der Begabtenförderung sein.

Zu einer ganzheitlichen Förderung hochbegabter Erwachsener sollten gehören:

  1.  Mehr Beratungsangebote und Mentoring für Erwachsene, insbesondere zu den Fragen: „Bin ich hochbegabt? Und wenn ich es bin, was erklärt das im Rückblick und welche Konsequenzen hat dies für die Gestaltung meines weiteren Lebens- und Berufsweges?“ Mentoring-Projekte, in denen lebenserfahrene Hochbegabte sich „frisch erkannten“ Hochbegabten für einen gewissen Zeitraum als Gesprächspartner zur Verfügung stellen, können klassische Beratungsangebote sinnvoll ergänzen.
  2. Der Aufbau regionaler Gesprächs- und Begleitgruppen für hochbegabte (und oft zugleich hochsensible) Erwachsene: Hier können Hochbegabte die Erfahrung machen, „normal“ zu sein und verstanden zu werden. Die Gruppen ermöglichen Austausch, Unterstützung, Ermutigung und die Stärkung eines neuen Selbstkonzepts: „Ich darf so sein, wie ich bin!“
  3. Die Fortbildung von Therapeutinnen, Coaches und Ärzten rund um Hochbegabung und Hochsensibilität: Dass sich heute immer mehr Lehrpersonal zu Hochbegabung weiterbildet, kommt für Erwachsene zu spät. Für sie wäre es aber hilfreich, wenn jene Menschen, an die sie sich mit ihren Veränderungs- und Entwicklungswünschen, ihrem seelischen oder körperlichen Leiden und ihrem Wunsch nach „Erkannt-Werden“ wenden, dem erweiterten Erfahrungs- und Denkhorizont Hochbegabter wissend und akzeptierend begegnen und manche Begleiterscheinungen einer Hochbegabung nicht als psychische „Störung“ missverstehen würden (was leider immer wieder geschieht).
  4. Kreative Denkräume und Offenheit für intrinsische Motivation am Arbeitsplatz: Hierarchien sollten möglichst flach gehalten werden, und Arbeitgeber sollten es begrüßen, wenn ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen eigene Herangehensweisen, Ideen und Visionen einbringen und umsetzen. Um vom Potenzial kluger und kreativer Köpfe zu profitieren, sollte außerdem der heute gängigen Arbeitsverdichtung entgegengewirkt werden: Für die Entwicklung von Visionen und kreativen Lösungsansätzen braucht es regelmäßige Zeitfenster bzw. „Denkräume“, in denen Menschen von ihren alltäglichen Arbeitspflichten befreit sind und sich in einen offenen Denk-Modus begeben können.
  5. Ganzheitliche Bildungsangebote: Weiterbildungsmöglichkeiten für Erwachsene, Bildungsurlaub, nebenberufliche Studien- und Ausbildungsoptionen, finanzielle Unterstützungspakete für Fortbildung, Umschulung und Existenzgründung etc. sollten weiter ausgebaut und auch in Zeiten knapper Kassen nicht reduziert werden. Gerade in einer alternden Gesellschaft sind Konzepte lebenslangen Lernens eine notwendige Voraussetzung für eine konstruktive Weiterentwicklung in allen Bereichen der Wirtschaft und des Zusammenlebens. Einzelne Bildungsangebote speziell für Hochbegabte können sinnvoll sein, prinzipiell sollten Bildungsmöglichkeiten aber allen interessierten Erwachsenen offen stehen. Inhaltlich sollten die Angebote nicht auf wirtschaftlichen Nutzen oder Leistungsoptimierung begrenzt sein, sondern in dem Sinne ganzheitlich sein, dass auch Fragen der Persönlichkeitsentwicklung und Gesundheit sowie des gesellschaftlichen Zusammenlebens Berücksichtigung finden.
  6. Abbau von Altersdiskriminierung: Neueinstellungen, Studiengänge und Ausbildungen, Weiterbildungen und Existenzgründungen sollten keiner festgelegten oder imaginären Altersgrenze unterliegen. Da Hochbegabte ihren Wissensdurst und ihre Lust an der persönlichen Weiterentwicklung im Laufe ihres Lebens in aller Regel nicht verlieren, sind sie durchaus in der Lage, sich auch jenseits der Lebensmitte noch neue Bereiche zu erschließen – und bringen dann gleichzeitig wertvolle Lebens- und Berufserfahrung mit.

Ich bin davon überzeugt, dass eine solche ganzheitliche Begabtenförderung für Erwachsene nicht nur den einzelnen Menschen helfen könnte, sondern auch unserer Gesellschaft dienlich ist. Hochbegabung bedeutet zwar nicht automatisch, „edel, hilfreich und gut“ zu sein. Aber es fällt mir doch immer wieder auf, dass viele meiner hochbegabten Klienten Visionen einer gerechteren, nachhaltiger wirtschaftenden Gesellschaft verfolgen. Manchmal erscheinen sie mir wie Seismographen, die besonders sensibel wahrnehmen, woran unsere heutige Welt insgesamt krankt. Sie sehnen sich nach weniger Leistungsdruck und mehr Raum für selbst motivierte Kreativität, nach weniger Konsum und mehr Sinn und Authentizität, nach weniger Defizitblick und mehr Mut zum jeweils eigenen, vielleicht von der Norm abweichenden Weg. Wenn sie sich ermutigt fühlen, ihre Träume zu verwirklichen und ihr Potenzial zu entfalten, bereichern sie unsere Gesellschaft auch unabhängig vom fragwürdigen Ziel möglichst „exzellenter“ Leistungen.

Ein in meinen Augen wünschenswerter gesellschaftlicher Umgang mit Hochbegabung wäre also, das Besondere an der Hochbegabung zu sehen und Hochbegabte zu eigenen, auch ungewöhnlichen Wegen zu ermutigen – und dabei zugleich zu realisieren, dass „Besonders-Sein“ normal ist und dass jeder Mensch, ganz unabhängig vom Ausmaß seiner Begabung, die Chance zur Entfaltung seines Potenzials verdient! Eine Utopie? Sicher! Aber auch eine erstrebenswerte und beflügelnde Vision.

Literatur

  • Brackmann, A. (2012): Ganz normal hochbegabt. Leben als hochbegabter Erwachsener (5. Auflage). Stuttgart: Klett-Cotta.
  • Hackl, A., Pauly, C., Steenbuck, O. & Weigand, G. (Hrsg.) (2012): Begabung und Leistung. Karg-Hefte: Beiträge zur Begabtenförderung und Begabungsforschung. Heft 4. Frankfurt am Main.

In ihrem Buch Kluge Köpfe, krumme Wege? Wie Hochbegabte den passenden Berufsweg finden, das ab dem 23.11.2015 im Handel erhältlich ist, erläutert Andrea Schwiebert auf Basis neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse und ergänzt durch Interviews mit begabten Klienten, woran sich eine Hochbegabung bei Erwachsenen zeigen kann und welche Stolpersteine mit dem hohen Potenzial verbunden sein können. Anschaulich und praxisnah gibt sie Tipps, wie sich diese Stolpersteine in Grundsteine für ein erfülltes (Berufs-)Leben verwandeln lassen.

  Über die Autorin

Andrea Schwiebert, Systemische Beraterin und Sozialtherapeutin, berät und coacht Menschen auf der Suche nach ihrer „Berufung“, darunter viele hochbegabte Erwachsene. Mit Vorträgen und Workshops inspiriert sie zu einem neuen Blick auf das eigene Potenzial und zu neuen Wegen.

Weitere Informationen über die Autorin und ihre Arbeit erhalten Sie unter www.die-berufungsberatung.de.

Mini-Training für eine ausgeglichene Psyche

Was können Sie für Ihr seelisches Gleichgewicht tun?

Ein Ergänzungsbeitrag zum Buch „Stark im Job“ von Dr. Anne Katrin Matyssek

Sie wünschen sich innere Ausgeglichenheit? Ihre Psyche soll in Balance bleiben? Dann ist es unverzichtbar, dass Sie sich regelmäßig genug Ich-Zeit gönnen. Ich-Zeiten sind Zeiträume, die Sie ganz nach eigenen Wünschen gestalten. Sie erfüllen keine Anforderungen, brauchen auf niemanden Rücksicht zu nehmen, Sie tun einfach das, wozu Sie Lust haben. Ich-Zeit will in der Regel hart erkämpft sein. Dieser Beitrag möchte Sie ermutigen, diesbezüglich besser für sich zu sorgen. Wie ein Mini-Seelen-Fitness-Training gibt er Tipps, wie Sie diese wertvolle Auszeit am besten nutzen – und er erklärt, warum wir sie überhaupt brauchen.

Ich-Zeit für inneres Gleichgewicht

Vor allem Frauen wissen es: Wer immer nur für andere da ist, wird auf Dauer krank. Wir brauchen ab und zu Zeit für uns selbst. Sonst werden wir unruhig und sind irgendwann nicht mehr wir selbst. Wir ruhen nicht mehr in uns, werden hibbelig und dünnhäutig. Man sagt: Wer zu selten in sich geht, gerät leichter außer sich. Er fährt aus der Haut und fühlt sich ständig angegriffen.

Kennen Sie das von sich? Dass Sie ohne genügend Ich-Zeit reizbar werden?

Es sorgt für seelische Stabilität, wenn wir Zeit mit uns selber verbringen, ohne die Anforderungen anderer Menschen zu erfüllen. So finden wir innere Ruhe, und echte Erholung wird möglich. Es ist also wichtig für Ihre Gesundheit, dass Sie sich immer wieder mal zurückziehen. Aus der Distanz heraus ordnen Sie Ihre Prioritäten. Sie wissen wieder, was Ihnen wichtig ist. Dieser Abstand stärkt Ihre Psyche. Und er sorgt dafür, dass Sie sich wieder stärker Ihrer selbst bewusst sind – also selbstbewusst im besten Sinne des Wortes.

Ich-Zeit als Grundrecht

Wer kleine Kinder hat, empfindet Ich-Zeit häufig als Luxus. So erzählte kürzlich eine junge Mutter, dass sie seit zwei Jahren nicht mehr allein auf dem WC gewesen sei – außer nachts, wenn ihre Kinder schliefen. Der Nachwuchs „verfolgt“ sie auf Schritt und Tritt. Für junge Eltern ist Ich-Zeit rar. Auch wenn man die Zeit mit seinem Kind noch so sehr genießt, für die innere Ausgeglichenheit ist es unverzichtbar, wenigstens ein paar Minuten pro Tag für sich zu haben.

Wie viel Zeit für sich brauchen Sie? Haben Sie das Gefühl, dass es genug ist?

Jeder Mensch hat das Recht, auch Zeit mit sich allein zu verbringen. Um wie viele Stunden pro Woche es sich hierbei handelt, variiert von Mensch zu Mensch. Außerdem ist es davon abhängig, in welcher Lebensphase man sich gerade befindet. Während Eltern häufig das Gefühl haben, ständig zu wenig Zeit zu haben, fühlen Rentner sich eher zeit-reich. Statt allgemeingültiger Regeln sollte das individuelle Empfinden als Maßstab angelegt werden.

Manchem reicht eine halbe Stunde pro Woche, bei anderen muss es mehr sein. Entscheidend dabei ist, dass die Zeit, die man mit sich selbst verbringt, als genussvoll empfunden wird.

Ich Zeit als Genuss-Zeit

Es geht bei der Ich-Zeit nicht einfach nur darum, keinen Anforderungen nachzukommen oder allein zu sein. Sondern wichtig ist, die freie Zeit auch tatsächlich als Luxus zu empfinden und zu erleben. Gönnen Sie sich in Ihrer Ich-Zeit, Dinge zu tun, die Ihnen guttun. Ob das eine Tasse Tee bei Kerzenlicht ist, ein heißes Bad oder sogar ein Massagetermin, ist quasi egal. Hauptsache, Sie verstehen diese bewusst geplanten Erlebnisse als Geschenk an sich selbst. Und Sie sind mit voller Aufmerksamkeit dabei. Dann ist Ihre Ich-Zeit das, was die Super-Nanny wohl als „Qualitätszeit“ bezeichnen würde.

Genießen Sie Ihre Ich-Zeit?

Natürlich könnten Sie in dieser Zeit auch fernsehen. Für manche Menschen ist das ein Genuss. Und auch Videospiele empfinden viele Männer als entspannendes Vergnügen – auch wenn Frauen das wohl nie nachvollziehen können … Aber auch beim Genuss gilt: Jede Jeck ist anders. Ob eine Tätigkeit tatsächlich erholsam war, erkennt man häufig daran, wie man sich danach fühlt. Hören Sie auf Ihre innere Stimme. Tun Sie einfach, was Ihnen guttut. Wann, wenn nicht jetzt?

Alleinsein wieder lernen

Manchen Menschen fällt es schwer, mit sich allein zu sein. Für sie ist die Herausforderung, sich mehr Ich-Zeit zu gönnen, fast schon eine Überforderung. Sie lenken sich lieber ab, zappen im Fernsehen von Kanal zu Kanal, gönnen sich keine Ruhe, sind quasi hektisch-agitiert. Bisweilen werden damit Probleme verdrängt und man nimmt sich die Chance, wieder in Kontakt zu kommen mit den eigentlichen inneren Bedürfnissen.

Was tun Sie in Ihrer Ich-Zeit? Reizüberflutung? Oder „nichts“?

Um überhaupt zu wissen, was einem im Leben fehlt und ob man zufrieden ist, braucht man ab und zu Rückzugszeiten ohne Reizüberflutung. Sprich: ohne Fernsehen, ohne Internet, ohne Smartphone. Erst aus diesem Abstand heraus, wird es möglich, innere Wünsche und eigene Ziele zu reflektieren. Auch Partnerschaften erfahren häufig eine neue Qualität, wenn es beiden Partnern gelingt, ab und zu mit sich allein zu sein. Aus der Distanz heraus wird der andere noch attraktiver.

Ich-Zeit aktiv erkämpfen

Wenn Sie sich in Zukunft Zeit für sich selbst gönnen, rechnen Sie am besten nicht mit Applaus! Wenn Ihre Umgebung es noch nicht gewohnt ist, dass Sie sich zurückziehen und alleine Zeit verbringen, wird sie zumindest verwundert reagieren. Es kann sogar sein, dass Sie mit Widerständen rechnen müssen, wenn Sie plötzlich Zeit für sich beanspruchen. Viele Familienmitglieder haben sich regelrecht daran gewöhnt, dass zum Beispiel die Mutter rund um die Uhr verfügbar ist. Es handelt sich also um einen Lernprozess für alle.

Wie reagiert Ihre Umwelt, wenn Sie sich Ihre Ich-Zeit gönnen?

Trotzdem sollten Sie daran arbeiten, Ihre Ich-Zeit zu erkämpfen. Auch wenn Sie belächelt oder gar angegriffen werden, sollten Sie es sich wert sein. Am besten machen Sie von Anfang an deutlich, dass sie in Zukunft vorhaben, sich öfter mal so eine kleine Auszeit zu gönnen. Bauen Sie darauf, dass sich Ihre Familienmitglieder im Laufe der Zeit daran gewöhnen werden 🙂

Ganz einfache Ich-Zeit-Tipps

Wenn Sie einmal ausprobieren möchten, wie es ist, wenn Sie sich für bestimmte Zeitintervalle einmal nicht ablenken lassen: Testen Sie doch mal, wie es sich anfühlt, auf der Heimfahrt von der Arbeit das Radio ausgeschaltet zu lassen. Ihre Gedanken werden also nicht abgelenkt. Sie können sie schweifen lassen. Und wer weiß, vielleicht tauchen ja Gedanken in ihrem Bewusstsein auf, mit denen Sie so nicht gerechnet hätten. Und falls diese Herausforderung noch zu groß für Sie sein sollte, dann schalten Sie das Radio einfach wenigstens bis zur nächsten Ampel aus.

Wollen Sie das mal ausprobieren?

In dieser Zeit können Sie zum Beispiel den vergangenen Arbeitstag noch einmal Revue passieren lassen. Das hilft nicht nur beim Abschalten und Hinter-sich-Lassen der Arbeit, sondern es bereitet Sie auch auf einen erholsamen entspannten Feierabend vor. Falls Ihnen wichtige Dinge einfallen sollten, die Sie nicht vergessen möchten, notieren Sie sie einfach mithilfe der Diktierfunktion Ihres Handys.

Ich-Zeit für Eltern – vorm Heimkommen

Falls daheim kleine Kinder auf Sie warten (klein geht mindestens bis 14), müssen Sie das gedankliche Abschiednehmen vom Arbeitstag schon beendet haben, wenn Sie die Schwelle übertreten. Denn sobald Sie die Tür hinter sich geschlossen haben, sind Sie ganz als Mutter oder Vater gefragt. Dann sind die Gedanken an die Arbeit vermutlich verschwunden, aber nur vorübergehend. Mit ziemlicher Sicherheit werden sie wiederkommen, sobald Sie endlich zur Ruhe kommen. Meistens erst, wenn die Kinder schon im Bett sind.

Ist das bei Ihnen auch so? Dann sollten Sie daran arbeiten.

Das heißt für Sie, dass Sie idealerweise schon vor dem Heimkommen eine Mini-Auszeit in Form einer Ich-Zeit nehmen sollten. Also ein kurzes Intervall, indem Sie den bisherigen Tag noch einmal in Gedanken durchgehen. Vielleicht fahren Sie kurz mit dem Auto an den Straßenrand schalten den Motor aus, essen einen Apfel und machen sich vielleicht Notizen über Dinge, die nicht verloren gehen dürfen. Vielleicht – falls Sie das nicht schon bei der Arbeit getan haben – erstellen Sie einen Plan für morgen.

Zusammenfassung anhand eines Übersichtsbildes

 

Ihre Ich-Zeit ist quasi der Stamm des Baumes, den Sie hier sehen.

  • Erst in der Ich-Zeit haben Sie den nötigen Abstand, um sich an Ihren bisherigen Erfolgen zu erfreuen. Wer im Stress ist, kommt gar nicht dazu, an Erfolgserlebnisse zu denken.
  • Und auch erst aus der Distanz heraus wird uns klar, wo in unserem Leben die Felsen liegen, die uns Stabilität verleihen.
  • In der Ich-Zeit fallen uns vielleicht auch Menschen ein, die uns unterstützen könnten, beispielsweise beim Ermöglichen von noch mehr Ich-Zeit.
  • Ich-Zeit macht es erforderlich, dass wir unserer Umgebung klare Grenzen setzen. Die Kraft dazu finden wir häufig erst, wenn wir uns kurz zurückziehen.
  • Der Blick aufs Positive ist im Stress oft verstellt. Aber wenn wir mit uns allein sind, fällt uns wieder ein, wo unsere Kraftquellen liegen.
  • Nicht zuletzt kommen wir leichter wieder zur Ruhe, wenn wir uns kurz zurückziehen. Wir atmen dann unwillkürlich tiefer ein und länger aus. Das beruhigt Körper und Seele.

 

 

 

   Über die Autorin:

Dr. Anne Katrin Matyssek

Die Diplom-Psychologin und approbierte Psychotherapeutin (Studium und Promotion an der Universität zu Köln) beschäftigt sich seit 1998 mit Betrieblichem Gesundheitsmanagement. Ihr Ziel: Förderung der seelischen Gesundheit durch mehr Wohlbefinden im Job. Ihr Buch „Stark im Job“ gibt Anregungen, um die seelische Gesundheit in der Arbeitswelt zu schützen.

Weitere Informationen erhalten Sie unter http://www.do-care.de

 

Sommerzeit – Winterzeit: Wie wirkt sich die Zeitumstellung auf unseren Schlaf aus? Ein Interview mit Konstanze Wortmann

Über den Sinn der alljährlichen Zeitumstellung – im Frühjahr eine Stunde vor, im Herbst eine Stunde zurück – wird viel gestritten. Ursprünglich zum Zweck der Energieeinsparung eingeführt, mehren sich die Stimmen, die negative gesundheitliche Auswirkungen dieser Maßnahme befürchten.
Im Folgenden kurzen Interview nimmt die Schlafexpertin Konstanze Wortmann Stellung zum Thema Sommerzeit – Winterzeit.

 

In der Nacht von Samstag auf Sonntag konnten wir unsere Uhren eine Stunde zurückstellen. Eine Stunde mehr Schlaf also in dieser Nacht. Was sagen Sie als Schlafexpertin dazu?

Erst einmal habe ich Mitgefühl mit den Menschen, die in dieser Nacht arbeiten und dadurch in der Regel eine Stunde länger ihren Dienst tun. Menschen in den Krankenhäusern, Zugbegleiter, Polizistinnen und Polizisten, Menschen in der Fertigung.
Von Samstag auf Sonntag eine Stunde mehr Schlaf hört sich sehr komfortabel an. Dies verstärkt jedoch eigentlich nur den Sonntag-Montag-Jetlag. Generell wird die Nacht von Sonntag auf Montag hinsichtlich ihrer Schlafqualität als schlechter bewertet. Man ist noch relativ gut ausgeschlafen vom Wochenende, geht früh ins Bett um am Montag wieder fit zu sein. Doch während des Einschlafens türmt sich die Arbeitswoche vor dem geistigen Auge auf – und der Schlaf will nicht kommen. Von dieser schlechten Nacht gerädert, beginnt man montags seinen Arbeitsalltag.
Deshalb wird m.E. die Zeitumstellung zusätzlich als belastend wahrgenommen.

 

Die eine Stunde im Frühjahr, die uns bei der Umstellung auf die Sommerzeit „geklaut“ wird, empfinden viele Menschen als schlimm. Dabei ist es doch nur eine Stunde. Welche Auswirkungen hat das auf unseren Organismus?

Unsere „innere Uhr“ folgt immer den gleichen natürlichen Gesetzen. Organisch soll diese innere Uhr im suprachiasmatischen Nucleus verortet sein. Das ist ein kleines Bündel von Zellen im Gehirn, in der Nähe der Sehnervenkreuzung. Neue Erkenntnisse sprechen dafür, dass die innere Uhr in jeder Körperzelle „informiert“ ist. Zudem wird sie beeinflusst durch das Licht, soziale Gewohnheiten und unsere Mahlzeiten.
Unser Organismus ist recht flexibel und anpassungsfähig. Die Zeitumstellung irritiert ihn kurz in seiner natürlichen Rhythmik, dann aber setzen sich die natürlichen Vorgänge wieder durch – solange es bei dieser einen Stunde bleibt. Problematisch ist daran, dass der Alltag uns häufig nicht die Möglichkeit gibt diesen Anpassungsprozess zu unterstützen. Und das ist es, was dann eigentlich als schlimm empfunden wird.
Und grundsätzlich git: Ein Leben gegen unsere innere Uhr, bzw. die Ignoranz dieses inneren Taktgebers, macht auf die Dauer krank.

Merken Sie die Zeitumstellung auch in Ihrer Arbeit in der Schlafschule?

Nein, die Zeitumstellung ist für unsere Schlafschüler nicht das Problem. Sie leiden vorwiegend unter den Grübeleien während der Wachliegezeiten in der Nacht. Deshalb werden sie auch darin ermuntert, das Bett sofort zu verlassen, falls sie wachliegen und grübeln. Damit soll der Organismus das Grübeln in der Horizontalen wieder verlernen.

 

Gibt es überhaupt irgendeinen guten Grund für die Zeitumstellung?
Da fällt mir persönlich nur das gemütliche Zusammensein mit Freunden im Sommer zu später Stunde auf der Terrasse ein, wenn es noch lange hell ist.

Konstanze Wortmann

Konstanze Wortmann, fachliche Leitung der Schlafschule-Unna, Diplom-Psychologin, Psychologische Psychotherapeutin, Kinesiologin, Hypnotherapeutin, niedergelassen in eigener Praxis, Sounder Sleep System-Senior Teacher, Dozentin in der kollegialen Fortbildung und Erwachsenenbildung im Gesundheitsbereich sowie in der betrieblichen Gesundheitsförderung.
Im September 2015 erschien bei Junfermann ihr Buch Wege in den erholsamen Schlaf.

Raus aus dem Tief

Wie wir in schwierigen Zeiten unser Leben wieder auf Kurs bringen können

Von Sabine Claus

„Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.“

(Max Frisch)

Ereignisse wie die Kündigung des Arbeitsplatzes, eine nicht bestandene Prüfung, eine Trennung, Krankheit oder der Tod eines geliebten Menschen können uns vollkommen aus der Bahn werfen. Nichts ist mehr so, wie es vor dem Ereignis war.

Vielleicht durchleben auch Sie gerade eine schwierige Zeit. Vielleicht gab es ein negatives Ereignis, das Ihre bisherigen Pläne, Ziele und Wünsche beeinflusst. Vielleicht fühlen Sie sich aber auch scheinbar ganz ohne Grund energie- und kraftlos.

Die Art und Weise, wie wir ein einschneidendes Ereignis verarbeiten, ist individuell höchst unterschiedlich. Viele Menschen erleben einen Zusammenbruch, von dem sie sich über Monate oder sogar Jahre nicht erholen können. Ihre Genesung scheint blockiert. Das Leben hat an Ausrichtung verloren. Die innere Verbindung zu dem, was man sich wünscht und einem guttun könnte, ist unterbrochen. Diese Verbindung gilt es wieder herzustellen, und die große Frage lautet natürlich: Wie kann dies gelingen?

Leichter gesagt als getan: liebevoll mit sich selbst umgehen

Menschen, die gerade eine Krise durchleben, haben nicht nur mit der Situation an sich zu kämpfen, sondern vor allem mit sich selbst. Zur Tragik der Situation addiert sich die Selbst-Verurteilung. Sätze wie „Ich bin nichts mehr wert“, „Ich kriege ja gar nichts auf die Reihe“ oder „Ich falle anderen zur Last“ bestimmen ihr Denken. Doch was bewirken solche Gedanken? Bei genauerer Betrachtung erkennen wir: Sie tun weder gut, noch ermöglichen sie eine Veränderung der Situation. Selbst-Verurteilung bewirkt nur Leid oder sogar die Verschlimmerung des Leidens.

Wie wohltuend wäre es hingegen, sich in Krisenzeiten selbst eine gute Freundin, ein guter Freund zu sein? Selbst wenn es nicht danach aussieht: Hier bestehen echte Wahlmöglichkeiten! Verurteile ich mich für mein Schwachsein? Oder stehe ich mir selbst verständnisvoll bei? Die achtsame Fürsorge für sich selbst ist eine Frage des Bewusstseins und lässt sich einüben. Ein solcher liebevoller Umgang mit seinem eigenen Selbst beinhaltet beispielsweise das behutsame Erspüren eigener Bedürfnisse und Wünsche, die durch seelisches Leid verschüttet sind.

Akzeptanz der Krisensituation: der erste Schritt hinaus aus dem Tief

Wie können wir den Zugang zu unseren Wünschen wieder herstellen, wenn durch Kummer, Sorge und Schmerz alles dumpf geworden ist? Auch wenn es in solchen Zeiten paradox anmutet, kann man es nicht oft genug wiederholen: Wir haben immer die Wahl. Bestrafe ich mich selbst mit Verurteilung und Selbstanklage? Verharre ich in Erstarrung und fühle mich als Opfer der Umstände? Oder bin ich sorgsam mit mir selbst und meinen Bedürfnissen?

Es kann (und darf) einige Zeit in Anspruch nehmen, um zu der Entscheidung zu gelangen, dass sich am jetzigen bodenlosen Zustand etwas ändern soll.

Der erste Schritt besteht im Akzeptieren der momentanen Situation. Im Allgemeinen fällt es uns schwer, das Beängstigende, das Traurige, das Mutlose oder was auch immer es ist, das uns am Boden hält, anzunehmen. Es ist uns fremd. Wir wollen es nicht haben. Es macht uns Angst. Es lähmt uns. Da wir in unserer auf Tempo und Erfolg getrimmten Gesellschaft vor allem gelernt haben, Schritt zu halten und „zu funktionieren“, steht uns in schwerer Zeit wenig Orientierung zur Verfügung. Viele Menschen haben verinnerlicht, dass Schwäche und ein Gefühl des Nicht-mehr-Weiterwissens nicht zu ihnen selbst gehören dürfen. Redewendungen und Floskeln wie „Das wird schon wieder!“ oder „Ein Indianer kennt keinen Schmerz!“ werden zwar von Mitmenschen in guter Absicht ausgesprochen, bewirken jedoch meist das Gegenteil: Sie verhindern, dass wir das Schwere annehmen, und führen dazu, dass wir wegsehen, ignorieren, nur noch eine Rolle spielen und nicht mehr wir selbst sind.

Wenn wir mit der Schwere in Kontakt treten, wird es leichter

Stellen wir uns das Schwere wie eine leibhaftige Person vor, die uns sehr nahe steht. Wie würde sich diese Person fühlen, wenn wir sie nicht ernst nehmen, ignorieren oder wegdrängen würden? Es würde ihr wohl noch schlechter gehen. Sie würde vielleicht weinen und uns in der Hoffnung auf Trost hinterherlaufen. Oder sie würde resignieren, sich von uns abwenden und in uns als ungutes Gefühl und schlechtes Gewissen weiterleben. Wann würde es der Person besser gehen? Wenn wir sie in ihrem Kummer ernst nehmen würden, sie liebevoll umarmen, ihr zuhören, sie ohne gute Ratschläge trösten, einfach für sie da sein würden. Deshalb sollten wir versuchen, so viel wie möglich über das Dunkel in uns zu erfahren. Und das gelingt uns nur, wenn wir es als einen Teil von uns selbst annehmen. Als einen Teil, der uns vielleicht unbekannt ist oder uns Angst macht. Denn nur, was angenommen ist, kann wieder losgelassen werden.

Zurück ins Leben durch Klagen und Trauern

Wie aber kann uns der Umgang mit dem Schweren gelingen? Wie kann Akzeptieren aussehen? Offen ausgelebte Trauer hat in unserer Gesellschaft leider kein gutes Image. Dennoch ist es wichtig, seinen Raum für das Trauern und Klagen zu finden, um anschließend wieder frei für das Leben zu werden. Zugleich müssen wir hier bewusst eine Unterscheidung treffen: Denn Klagen oder Trauern hat nichts zu tun mit lautem oder innerlichem Jammern. „Jammern als Dauerzustand, um nichts verändern zu müssen. Jammern, um meine Verwandlungsmöglichkeiten gar nie ausschöpfen zu wollen. Jammern, um mir und anderen zu bestätigen, dass es da nichts zu machen gibt“, wie es der Theologe Pierre Stutz in seinem Buch Alltagsrituale beschreibt (Stutz, 1998, S. 54). Und er weiß: „Eine lebensfördernde Haltung steckt dagegen im Klagen.“

Zwischen Jammern und Klagen besteht ein Unterschied. Das Klagen drückt vor allem Schmerz aus, während das Jammern bzw. das Sich-Beklagen ein Ausdruck von Unzufriedenheit ist. Klagen schließt nur gelegentlich eine Schuldzuweisung mit ein, während Jammern implizit oder explizit eine Beschuldigung enthält. Beim Jammern werden andere oder eine Sache für den eigenen Missstand verantwortlich gemacht. Im Unterschied zum Jammern verfolgt das Klagen ein Ziel: Es ist ausdrucksstark und ein bewährtes System, der Trauer oder Enttäuschung Luft zu machen, um anschließend einen Schritt weiter zu gehen. Das Prinzip des Klagens: „Ich erzähle dir von meinen Sorgen, löse sie aber allein.“ Beim Jammern hingegen kann es heißen: „Ich bin so arm dran, andere oder die Umstände sind daran schuld.“ Jammern kann der Selbstdarstellung dienen, während Klagen vor allem Erleichterung schaffen soll.

Wenn wir uns das Klagen dauernd verbieten, wird es sich durch den Hintereingang wieder anschleichen. Das Grübeln wird nicht aufhören, der Kopf wird nicht frei werden. Wer hingegen bewusst klagt, nimmt das Schwere in sich und damit sich selbst in seiner Ganzheit an. Das ist die Voraussetzung dafür, auch wieder loslassen zu können.

Inseln des Klagens begünstigen das Loslassen

Bitte probieren Sie die erleichternde Wirkung des Klagens selbst aus. Stellen Sie sich hierfür z. B. eine Ihnen wohlgesonnene Person vor oder richten Sie Ihre Klagen an Gott, an eine höhere Macht oder Mutter Erde. Sprechen Sie laut und so lange, bis Sie sich „ausgeklagt“ haben. Das kann eine Minute dauern oder eine halbe Stunde oder länger. Sie werden sich anschließend erleichtert und freier fühlen. Außerdem werden Sie auch besser diejenigen Dinge erkennen können, über die Sie sich freuen oder für die Sie dankbar sind. Ihre Empfindungen werden wieder lebendiger und konturenreicher werden.

Nachfolgend finden Sie einige weitere Inspirationen, die das Annehmen des Schweren erleichtern und damit den Prozess des Loslassens begünstigen:

  •  Planen Sie sich bewusst Zeiten des Trauerns und des Klagens am Tag ein und gehen sie dann auch wieder zu anderen Dingen über. Diese geplanten Trauerräume helfen, zum einen der Trauer wirklich Raum zu geben und zum anderen nicht in ihr zu versinken.
  • Richten Sie sich nach dem Tod eines geliebten Menschen einen Ort ein, wo ein Foto oder ein Symbol, das Sie verbindet, steht. Zünden Sie regelmäßig eine Kerze an oder stellen Sie eine Blume auf, um Ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen.
  • Schauen Sie sich gemeinsam mit anderen Fotos der vergangenen Zeit an, die Sie betrauern. Weinen Sie und lachen Sie gemeinsam.
  • Geben Sie bei einer Trennung oder Kündigung Gegenstände, die Sie an den Menschen oder die alte Stelle erinnern und die Sie nicht mehr bei sich haben möchten, bewusst zurück oder weg.
  • Falls Sie bemerken, dass Sie nicht richtig trauern können, ihnen die Tränen versagen, obwohl sie weinen möchten, können Sie sich einem Musikstück hingeben. Es kann sehr befreiend sein, über einen bestimmten Zeitraum hinweg seinen Emotionen freien Lauf zu lassen.

Wie lange die Zeit des Klagens und Trauerns ist, die wir benötigen, um loslassen zu können, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Beim Tod eines geliebten Menschen spricht man vom Trauerjahr. Auch Krankheit, eine (berufliche oder private) Niederlage, Trennungen oder Kündigungen benötigen Zeit, um sie zu begreifen und anzunehmen. Was gerade an der Zeit ist, können nur wir selbst erspüren.

Klagen in Wünsche verwandeln, um dem Leben wieder Richtung zu geben

Nur Sie allein wissen, wann der richtige Moment gekommen ist, um einen neuen Schritt zu gehen. Wenn wir merken, dass sich in schwerer Zeit etwas in uns regt, können wir über unser Klagen eine neue Verbindung zu unseren inneren Wünschen herstellen. Denn hinter jeder Klage liegt auch ein Wunsch verborgen.

Wenn wir eine schwere Krankheit beklagen, verbirgt sich dahinter vielleicht der Wunsch, einen tieferen Sinn darin zu erkennen. Wenn wir den Tod eines geliebten Menschen beklagen, entsteht vielleicht nach einer Phase des Trauerns der Wunsch, die gemeinsam verbrachte Zeit in dankbarer Erinnerung zu bewahren. Wenn wir eine Trennung beklagen, könnte es sein, das sich nach einer gewissen Zeit der Wunsch nach persönlicher Weiterentwicklung in uns regt. Wer den Verlust seines Arbeitsplatzes beklagt, der aufgrund einer Umstrukturierung wegrationalisiert wurde, wünscht sich neben der Sicherung seiner materiellen Existenz vielleicht auch mehr Einflussmöglichkeiten und eigene Gestaltungsspielräume.

Manchmal benötigt es auch (professionelle) Hilfe, um diese Verbindung zu den eigenen Wünschen wieder herstellen, um wieder in einen liebevollen Dialog mit sich selbst treten zu können. Suchen Sie sich diese Unterstützung, denn Sie tragen die Verantwortung für sich!

Die Chance in schwerer Zeit: mit uns selbst vertrauter werden

Die Zeit des Trauerns und Klagens trägt demnach die große Chance in sich, uns mit unseren tiefsten Wünschen noch vertrauter zu machen, uns selbst noch besser kennenzulernen und unser Leben neu ausrichten zu können.

Um die Wünsche hinter unserem Klagen zu erfassen, können wir zunächst unsere Klagen aussprechen und aufschreiben.

„Ich beklage, dass … Außerdem beklage ich, dass …“

Anschließend können wir vorsichtig und aufrichtig versuchen, unsere tiefen und wahren Wünsche zu ergründen, die hinter jeder Klage verborgen sind.

„Ich beklage, dass … und zugleich wünsche ich mir …“

Diese Arbeit kann sehr intensiv sein. Möglicherweise führt sie uns sehr nah zu uns selbst und auf den Grund unserer Seele.

Man könnte sich eine Liste mit den Wünschen, die sich hinter unseren Klagen verstecken, anlegen. Nach und nach sollten wir prüfen, welche dieser Wünsche wir loslassen möchten oder vielleicht sogar müssen. Alles, was unerfüllbar oder unwiederbringlich verloren ist, und alles, was uns noch daran bindet, dürfen wir loslassen. Um den Prozess des Loslassens zu erleichtern, bietet sich ein Ritual an, z. B. das Verbrennen der aufgeschriebenen unerfüllbaren Wünsche auf Papier oder auf Holz.

Ein belgisches Sprichwort kann beim erneuten Prüfen unserer Wunschliste hilfreich sein: „Die hilfreichste Hand hängt an deinem eigenen Arm.“ Welchen Wunsch können wir uns aus eigener Kraft erfüllen? Die Erfüllung welchen Wunsches wäre realistisch? Die Erfüllung welchen Wunsches würde das Leben erhellen und vielleicht sogar glücklich machen?

Nun geht es darum, den ersten Schritt zu tun. Sich selbst einen kleinen Wunsch zu erfüllen ist der erste Schritt raus aus dem Tief, zurück in ein selbstbestimmt und bewusst geführtes Leben.

 

Mehr zum Thema Wunscherfüllung können Sie in „Mein allerbestes Jahr – Ziele erreichen, dem Leben Richtung geben“ lesen, das ab dem 23. Oktober 2015 im Handel erhältlich ist.

Haben Sie direkt Fragen? Oder Anmerkungen, was Ihnen dabei geholfen hat, schwere Zeiten zu meistern? Dann schreiben Sie uns. Wir freuen uns auf einen Austausch.


 

  Über die Autorin

Sabine Claus ist Master of Advanced Studies in Coaching & Organisationsberatung und Dipl. Betriebswirtin (BA). Seit 1998 im Berufsleben stehend und seit 2001 als Beraterin tätig, hat sie mehr als 5000 Menschen in rund 100 Organisationen begleitet. Sie hilft Teams in Veränderungsprozessen und unterstützt Menschen in ihrer beruflichen und persönlichen Entwicklung. Weitere Informationen finden Sie unter www.sabineclaus.ch oder www.meinallerbestesjahr.ch.

Mein Abend beim Meister der Mimik – Dirk W. Eilerts Vortrag in der Fachbuchhandlung Lehmanns

Von Fabienne Berg

Montag, 5.Oktober, 19:00 Uhr. Der Abend ist mild. Ich stehe auf dem Bürgersteig und orientiere mich. Unter meinen Füßen vibriert plötzlich der Boden. Spürbar saust die U-Bahn durch die Tunnel unter der City. Dazu das rhythmische Ratatatam der Straßenbahn. Autoreifen quietschen, ein Hupkonzert folgt. Drei Meter weiter diskutiert eine kleine Gruppe Punks über die Flüchtlingspolitik. Mit wehender Krawatte eilt ein Geschäftsmann an ihnen vorbei – in der einen Hand das iPhone, in der anderen ein asiatisches Schnellgericht. Ein ausgespuckter Kaugummi stoppt ihn. Er flucht recht unfein und steht für einen Moment auf einem Bein. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite sitzen zwei junge Touristinnen auf ihren Rucksäcken und essen Pizza. Ich bin in Berlin. Mein Ziel: die Buchhandlung Lehmanns in der Friedrichstraße. Der Grund: Dirk W. Eilert, bekannter „Gesichterleser“ und Autor des Junfermann Verlags, hält dort seinen Vortrag: „Nie wieder Tomaten auf den Augen – Was Mimik über unsere Gefühle verrät“. Ich bin gespannt, lasse den Friedrichstadtpalast hinter mir und gehe über die Straße. Dort ist die Buchhandlung. Eine Eintrittskarte habe ich schon.

Gegen 19:30 Uhr sind alle Plätze belegt. Das Publikum ist gut durchmischt: Frauen und Männer zwischen 20 und 70 Jahren aus verschiedenen Berufsgruppen: im Verkauf Tätige, Sozialpädagogen, Therapeuten und Trainer. Aber auch viele Menschen, die einfach privat am Thema interessiert sind, um ihre Beziehungen zu verbessern; die Beziehung zur Partnerin oder zum Partner, zu Kollegen, zu ihren Kindern oder schlicht zu ihren Mitmenschen.

Dirk Eilert beginnt seinen Vortrag mit einer Anekdote aus dem Urlaub: Er sitzt im Restaurant und erwartet ein bestimmtes Gericht. Rinderfilet mit frischem Gemüse. Doch statt des Gemüses liegt ein undefinierbares grünes Etwas auf seinem Teller. Angewidert rümpft er die Nase, sagt aber nichts. Glücklicherweise ist das Personal aufmerksam, deutet das Naserümpfen richtig und spricht ihn höflich darauf an. Wenige Augenblicke später wird ihm eine wundervolle Gemüsekomposition serviert.

 

Unsere Mimik ist schneller als unser Verstand, zuverlässsiger als unsere Gesten und das, was wir sagen. Und sie ist international, im Gegensatz zu vielen anderen Elementen der Körpersprache. Anhand interessanter und unterhaltsamer Videoaufzeichnungen führt der Gesichterleser das Publikum durch den Dschungel der Mikroexpressionen. Dabei erklärt Dirk Eilert nicht nur, sondern bindet seine Zuhörer aktiv in den Vortrag mit ein. Das Publikum bekommt für Sekundenbruchteile Gesichtsausdrücke gezeigt und muss spontan entscheiden, welches Gefühl hinter welchem Ausdruck steckt. Ist es Angst, Ärger, Freude oder Ekel? Zeigt eine Person echtes Interesse oder lächelt sie nur aus sozialer Höflichkeit? Deutet der Gesichtsausdruck von Jürgen Klopp darauf hin, dass Dortmund gewonnen hat oder verloren? Ist die junge Frau im Video an einem Flirt mit ihrem Gegenüber interessiert oder geht da gar nichts? Da Publikum sieht, lacht und rätselt – nach ein paar Übungen sogar mit relativ hoher Erfolgsquote. Gesichterlesen scheint kein Hexenwerk zu sein, sondern im Gehirn des Menschen angelegt und zudem recht gut aktivierbar.

 

Gesichterlesen alleine reicht nicht

Nachdem uns vor lauter Bildern schon die Augen flimmern und wir die meisten Gesichtsausdrücke richtig erkannt haben, kommt die ganz wichtige Botschaft: Unsere Mimik zeigt nicht, warum wir ein bestimmtes Gefühl haben. Sie zeigt lediglich, dass wir es haben!

Gesichterlesen ist gut und schön, doch um den nächsten Schritt aufeinander zu zu machen, müssen wir miteinander reden.

So wie auch der Kellner Dirk Eilerts Naserümpfen hinterfragt hat. Erst durch das Gespräch konnte die Irritation über das grüne Ding auf dem Teller aus der Welt geschafft und der Wunsch nach frischem Gemüse erfüllt werden.

Im Kern geht es beim Gesichterlesen darum, dass wir uns mehr miteinander beschäftigen. Dass wir auf uns und aufeinander achten. Diese Form der Aufmerksamkeit zeugt von ehrlichem Interesse füreinander. Dahinter stehen immer die Fragen: Wie geht es dir? Was fühlst du wirklich? Und was brauchst du gerade? Wenn wir den Antworten dieser Fragen näherkommen, können wir besser aufeinander eingehen. Dirk Eilert hatte in einem Interview einmal gesagt, sein Ziel sei es, mehr Empathie in die Welt zu bringen. Auf die Gesichtsausdrücke des anderen zu achten kann für uns – so wie auch die Gewaltfreie Kommunikation – ein hilfreiches praktisches Handwerkszeug dabei sein.

 

„Achten Sie im Alltag etwas mehr auf das Gesicht des anderen“

Am Ende des Vortrages – alle sind Feuer und Flamme – wird noch an ein Gewinnspiel angekündigt. Hauptgewinn: das Online-Kurspaket „Mimikresonanz“ mit Dirk Eilert, außerdem gibt es Bücher zu gewinnen.

Tosender Applaus vom Publikum und ein Hinweis der Buchhändlerin, dass die Ladenkasse noch geöffnet ist. Dirk Eilert verabschiedet sich mit den Worten von Eckart von Hischhausen zum attraktivsten und gesundheitsfördernsten Gesichtsausdruck, den wir haben: dem Lächeln. Von Hirschhhausen sagte dazu: „Wussten Sie eigentlich schon, dass Kinder ca. 400 mal am Tag lächeln? Erwachsene übrigens 15 mal … Und Tote? Nun, die lächeln gar nicht. Darüber lohnt es einmal nachzudenken.“

Überhaupt scheinen Kinder ganz offenbar die allerbesten Gesichterleser zu sein. Die Fähigkeit dazu steckt in unseren Genen. Wir kommen als Mimikexperten zur Welt. Doch durch Erziehung, Spracherwerb und bestimmte äußere und innere Faktoren verlernen wir diese wichtige Kompetenz wieder. Und mit dem Verlust der Gefühlserkennungskompetenz verlieren wir gleichzeitig ein großes Stück an Empathiefähigkeit. Das gilt es zurückzuerobern. Dirk Eilerts Tipp: Achten Sie im Alltag etwas mehr auf das Gesicht des anderen. Es wird die Qualität Ihrer Beziehungen entscheidend verbessern.

Na, wenn das keine Motivation ist!

Ich stöbere noch ein Weilchen in den Regalen – und werde fündig: Lesefutter für meine Rückreise. Übermorgen fahre ich wieder. Und  nehme mir für die Bahnfahrt fest vor, nicht nur das neue Buch, sondern vielleicht sogar in dem einen oder anderen Gesicht zu lesen. So viele Menschen über mehrere Stunden in einem Zug: der perfekte Nährboden für verschiedenste Emotionen, oder? Noch ein letzter Blick durch den Raum, dann trete ich aus der Buchhandlung heraus und wieder hinein in das Getümmel der Großstadt.

„Alles steht Kopf“: ein Gespräch mit Dirk W. Eilert zum neuen Disney-Film

Seit dem 1. Oktober 2015 läuft ein neuer Film aus der Disney-Pixar-Welt in unseren Kinos. Erwartungsgemäß tummeln sich auf der Leinwand einige bunte Figuren, die man einfach gern haben muss. Es gibt aber eine Besonderheit: Die Hauptfiguren sind fünf menschliche Basisemotionen: Freude, Wut, Angst, Ekel und Kummer. Sie leben im Kopf eines elfjährigen Mädchens.

Unser Junfermann-Experte für Fragen rund um das Thema Emotionen ist Dirk W. Eilert. In seinem Buch Mimikresonanz. Gefühle sehen – Menschen verstehen beschreibt er ebenfalls menschliche Basisemotionen und wie wir sie in der Mimik erkennen können.

 

Dirk W. Eilert

Herr Eilert, was mussten Sie tun, damit Disney Ihr Thema aufgreift und in einen Film verpackt ;-)?

[Lacht] Für mich ist dieser Film ein Ausdruck dafür, dass die Zeit reif für das Thema ist. Emotionen kommen immer mehr ins Gespräch. In der psychologischen Forschung des 20. Jahrhunderts waren sie eher ein „Pfui-Thema“, weil Emotionen schwer greifbar waren. Diese Zeit ist allemal vorbei. Wie wir an „Alles steht Kopf“ sehen, beschäftigt sich heute nicht nur die Forschung sondern auch Hollywood mit Konzepten, wie Menschen ihre Emotionen verstehen können und wie sie lernen können, mit ihnen auf eine gesunde Weise umzugehen. Das 21. Jahrhundert ist das Zeitalter der emotionalen Intelligenz.

Sie haben den Film schon gesehen? Lohnt er sich?

Ich habe ihn sogar schon zweimal gesehen und gleich schaue ich ihn mir ein drittes Mal mit meinen Kindern an. Also, er lohnt sich auf alle Fälle. Jeder Film hat ja drei Ebenen: eine Handlungsebene, eine Informationsebene und eine Bedeutungsebene. Was die Handlungsebene betrifft: Der Film ist wirklich lustig, voller Gags. Wobei ich sagen muss: Ich habe mehr auf die Informations- und auf die Bedeutungsebene geachtet. Und hier ist der Film extrem lohnenswert. Die Informationsebene ist gespickt mit wissenschaftlichen Erkenntnissen über Emotionen. Hier vermittelt der Film Wissen, das nicht nur für Coaches und Trainer spannend ist, sondern für jeden, der lernen möchte mit Emotionen gesünder umzugehen.

Es kann ja anstrengend sein, wenn aus einer Idee großes Kino werden soll. Die Geschichte leidet oft, weil ein starres Konzept im Hintergrund steht. In diesem Fall nicht?

Nein, überhaupt nicht. Natürlich werden die wissenschaftlichen Erkenntnisse vereinfacht; schließlich ist es ein Unterhaltungsfilm. Und trotzdem ist alles extrem gut recherchiert und wurde lange vorbereitet. Pete Docter, der Regisseur, hat fünf Jahre an diesem Film gearbeitet. Und als Vorbild für Riley – das elfjährige Mädchen, das neben den fünf Emotionen die Hauptperson des Films ist – hat er seine eigene Tochter genommen.

Doch ich möchte nochmal auf die Bedeutungsebene kommen, auf die zentrale und sehr wertvolle Botschaft dieses Films. Die lautet nämlich: Jede Emotion hat eine wichtige und positive Funktion für unser Leben. Nur wenn wir all unsere Emotionen wertschätzen und einen Zugang zu ihnen haben, kann ein glückliches Leben gelingen. Darauf gehe ich auch in meinem Videoblog genauer ein.

Nicht nur die Freude hat also eine positive Funktion für unser Leben. Es ist sogar so, dass Menschen, die beruflich zum Lächeln gezwungen werden, depressiv werden können. Das hat man in einer Studie z.B. bei Servicekräften herausgefunden. Wenn man den ganzen Tag freundlich sein muss und deshalb ständig ein gezwungenes Lächeln aufsetzt, kann das verheerende Folgen für die emotionale und körperliche Gesundheit haben. Ein freiwilliges Lächeln hingegen wirkt positiv auf unsere Gefühlslage und den Körper. In der Kindererziehung hört man manchmal Sätze wie: „Ein fröhliches Kind ist ein gutes Kind.“ Fröhlichkeit wird erwartet und gewünscht, die anderen Emotionen eher nicht. Die Eltern tun dann alles, nur damit ihr Kind fröhlich ist. Natürlich tun sie das aus einer guten Absicht heraus, aber genau hier liegt das Paradoxon: Nur wenn wir jede Emotion wertschätzen – auch eine vermeintlich „negative“ wie Trauer –, können wir wahrhaft glücklich sein. Dies wird sehr schön in „Alles steht Kopf“ aufgegriffen.

Der Kernkonflikt im Film findet nämlich zwischen Freude und Kummer statt. Freude beansprucht viel Platz für sich, will den Platz von Kummer deutlich begrenzen. Dann stellt Freude aber nach und nach fest, dass Kummer durchaus eine wichtige Funktion und einen Wert hat. Als Riley z.B. in einem Eishockey-Spiel das entscheidende Tor nicht macht, sorgt Kummer dafür, dass sie Zuwendung erfährt und wieder aufgebaut wird.

Auf der Handlungsebene ist der Film übrigens eine lupenreine Heldenreise, die Freude durchlebt. Am Ende – und das finde ich sehr schön – haben dann alle fünf Emotionen ihren Platz am Steuerpult. Sie sind jetzt gleichberechtigt.

Paul Ekman und Dacher Keltner waren als wissenschaftliche Berater beteiligt. Merkt man das?

Das merkt man, denn es finden sich fünf der sieben von Ekman definierten Basisemotionen im Film. Aus Trauer (im Original „Sadness“) hat man in der deutschen Version leider Kummer gemacht. Kummer enthält aber auch Aspekte der Angst – und deshalb bin ich mit dieser Bezeichnung nicht ganz so glücklich. Die Filmfigur „Ekel“ trägt auch Züge der Grundemotion Verachtung, hat also quasi eine Doppelrolle. Einzig Überraschung fehlt auf der Besetzungsliste, was aber verständlich ist. Überraschung ist erstens neutral und tritt zweitens immer nur ganz kurzzeitig auf, als Zwischenstation zu einer anderen Emotion, z.B. Freude oder Angst.

Dann zum Abschluss noch die Frage: Die Emotionen, auch die gemeinhin als unangenehm geltenden, werden zu mehr oder weniger knuddeligen bunten Figuren. Mir hat es die Wut angetan, meine Kollegin mag den Kummer. Meinen Sie, dass der Film dazu beitragen kann, dass Menschen allgemein besser mit ihren „schwierigen“ Gefühlen umgehen können?

Die Personifizierung von Emotionen in Form von Animationsfiguren hilft Menschen eindeutig, ihre Gefühle besser zu verstehen und wertzuschätzen. So werden sie greifbar und man kann anders über sie sprechen. In meinen Vorträgen arbeite ich deshalb jetzt auch viel mit diesen Figuren.

Der Film schreit übrigens geradezu nach einer Fortsetzung. Bislang spielten ja Freude und Kummer die Hauptrollen, doch auch die anderen Emotionen kommen garantiert noch zum Zug. Auf dem Steuerpult taucht am Ende des Films z.B. plötzlich ein neuer Knopf auf, der „Pubertät“ heißt. „Pubertät? Was ist das denn?“, fragt Ekel. Und die anderen Emotionen antworten im Chor: „Keine Ahnung. Der ist nicht wichtig.“

Dann haben wir ja etwas, auf das wir uns freuen können. Das ganze Junfermann-Team wird sich den Film übrigens am Montag anschauen. Und ich bin gespannt, wie Ihre Kinder ihn so fanden. Sie werden bestimmt nicht erster Linie auf die Informations- und Bedeutungsebene schauen, sondern eher auf die Handlungsebene.

Vertrauen Sie Ihrem Bauchgefühl!

Was genau ist an der Psychotherapie eigentlich therapeutisch?

Von Guido Plata

Die Antwort auf die Frage in der Überschrift scheint naheliegend: „Natürlich die vom Therapeuten eingesetzten Techniken, die führen schließlich die gewünschte Veränderung herbei.“ Diese oder ähnliche Antworten kommen vielen Menschen spontan in den Sinn, aber denken Sie einmal über Folgendes nach: Könnte man ein und denselben Klienten theoretisch zu zehn verschiedenen Therapeuten schicken, und das Ergebnis der Behandlung wäre in allen Fällen dasselbe?

Nein, sicher nicht, meint man nun, da müsste es doch Unterschiede geben – aber warum sieht man dies so? Weshalb geht man davon aus, dass sich die Ergebnisse unterscheiden würden?

Jeder Mensch weiß aus Erfahrung, dass alle Vorgänge im Leben durch viele Faktoren beeinflusst werden können. Eine Psychotherapie ist keine Ausnahme von dieser Regel; der Verlauf und das Ergebnis einer Therapie sind unzähligen Einflüssen unterworfen.

Betrachten wir einmal genauer, welche Einflüsse möglich sind: Sicher gibt es oft berufliche oder private Veränderungen im Leben des Klienten, die nicht wegen der Therapie aufgetreten sind, sich aber dennoch auf die Therapie auswirken. Auch kommen einzelne Klienten und Therapeuten unterschiedlich gut miteinander aus, vielleicht beherrschen manche Therapeuten ihr Handwerk besser als andere, der besondere Stil eines bestimmten Therapeuten passt besser zu einem individuellen Klienten, oder man versteht sich besser oder schlechter. Aber ist die Beziehung zwischen Therapeut und Klient wirklich entscheidend?

Die Antwort auf diese Frage hängt davon ab, wie man eine Psychotherapie sieht. Versteht man sie als eine Art Reparatur, wie bei einem Auto in der Werkstatt? In diesem Fall wäre das Therapieergebnis nur vom Können des Therapeuten beim Einsatz der therapeutischen Techniken abhängig. Oder sieht man Psychotherapie eher als Prozess, an dem der Klient aktiv teilnimmt und ein gutes Verhältnis zwischen Therapeut und Klient entscheidend für den Ausgang ist? Dann hätte der zwischenmenschliche Faktor erhebliches Gewicht. Und hier kommt die therapeutische Beziehung ins Spiel.

Seit den 1940er Jahren befasst man sich in der Psychotherapieforschung mit der therapeutischen Beziehung, die als intensiver Wirkfaktor angesehen wird. Eine der am Häufigsten zitierten Schätzungen ihres Einflusses stammt von dem US-amerikanischen Psychologen Michael J. Lambert (1992), der vier grundsätzliche Faktoren mit Relevanz für den Therapieerfolg unterschied:

  • Außertherapeutische Faktoren. Dies sind Faktoren im Leben des Klienten, die nicht infolge der Behandlung eintreten, sich aber darauf auswirken. Hierzu zählen die bereits erwähnten Veränderungen im Leben des Klienten (positive, wie eine Beförderung, oder negative, wie ein Trauerfall), die Voraussetzungen in der Persönlichkeit des Klienten (wie seine Ich-Stärke) und auch das Maß an sozialer Unterstützung, das er von Freunden oder Familie erhält. All diese Faktoren kann der Therapeut nicht beeinflussen, aber sie tragen entscheidend zum Erfolg der Therapie bei.
  • Erwartungen. Die Erwartungen auf Seiten eines Klienten können zum Placeboeffekt führen – dem Eintreten einer positiven Veränderung, weil man glaubt, dass etwas passiert wäre, was eine positive Veränderung herbeiführen wird.
  • Techniken. Die therapeutischen Techniken in der Schule, der der Therapeut angehört – wie Exposition in der Verhaltenstherapie oder kognitive Umstrukturierung in der Kognitiven Verhaltenstherapie.
  • Gemeinsame Faktoren. Dies sind Faktoren, die die Beziehung zwischen Therapeut und Klient unabhängig von der theoretischen Ausrichtung des Therapeuten charakterisieren – beispielsweise Wärme, Einfühlungsvermögen, Akzeptanz, Ermutigung zum Eingehen von Risiken und andere Dinge.

Entscheidend ist nun, in welchem Ausmaß all diese Faktoren zum Therapieerfolg beitragen. Lambert (1992) schätzt die Anteile wie folgt:

  • Außertherapeutische Faktoren – 40%
  • Erwartungen – 15%
  • Techniken – 15%
  • Gemeinsame Faktoren – 30%

Bedenken Sie bei dieser Schätzung, dass genaue Angaben in Zahlen naturgemäß immer schwierig sind. Außerdem muss man beim Lesen dieser Auflistung berücksichtigen, dass alle Faktoren positiv oder auch negativ wirken können – positive Lebensereignisse fördern die Genesung, negative Lebensereignisse behindern sie. Eine gute therapeutische Beziehung ist dem Therapieerfolg zuträglich, eine schlechte therapeutische Beziehung ist ihm abträglich (und führt in vielen Fällen sogar dazu, dass die Therapie vorzeitig abgebrochen wird). Man darf die Liste also nicht so lesen, dass eine Psychotherapie insgesamt überflüssig wäre, weil ja schließlich 40 Prozent des Therapieergebnisses die Folge außertherapeutischer Faktoren seien. Vielmehr lautet die zentrale Aussage, dass das Zusammenspiel eines normalen Maßes an außertherapeutischen Faktoren mit gemeinsamen Faktoren (also einer guten therapeutischen Beziehung) und sachkundig eingesetzten Techniken zum Behandlungserfolg führt.

Die Techniken müssen dabei natürlich zu den Symptomen passen, wegen denen die Behandlung begonnen wurde – bei einer spezifischen Phobie, etwa vor Schlangen oder Spinnen, ist die Verhaltenstherapie die Methode der Wahl, bei einer chronischen Depression hingegen wären andere Therapieformen wie CBASP angebracht. Aber insgesamt gesehen macht die Art der eingesetzten Techniken an sich nur wenig vom Therapieerfolg aus. Außerdem verfolgen viele Therapeuten heutzutage einen eklektischen Ansatz, bei dem sie bei Bedarf auch Techniken aus anderen therapeutischen Schulen übernehmen, wenn sie sich als hilfreich erwiesen haben.

Insgesamt gesehen ist der heutige Stand der Therapieforschung, dass die Qualität der therapeutischen Beziehung ein entscheidender Faktor für den Therapieerfolg ist.

Was sind die Merkmale einer guten therapeutischen Beziehung? In der Literatur finden sich dazu viele Auflistungen entsprechender Eigenschaften, aber insgesamt gesehen kann man sie als freundschaftliche zwischenmenschliche Beziehung beschreiben. Sie hat Merkmale wie Wärme, Aufrichtigkeit, Einfühlungsvermögen des Therapeuten, seine Wertschätzung des Klienten und diverse andere Dinge. All dies führt dazu, dass die Beziehung auch als angenehm erlebt wird.

Die entscheidende Frage ist: Fühlt der Klient sich wohl dabei, Zeit mit dem Therapeuten in der Therapie zu verbringen? Ist es ihm angenehm, dem Therapeuten persönliche Dinge anzuvertrauen? Fühlt er sich ernstgenommen und geschätzt? Und auch wenn die Therapie unangenehme Dinge beinhaltet, wie die Konfrontation mit negativen Gedanken oder Verhaltensweisen, oder den Kontakt mit gefürchteten Objekten, fühlt er sich vom Therapeuten angemessen unterstützt?

Wie bereits erwähnt, natürlich ist eine gute therapeutische Beziehung zwar notwendig, aber für sich allein nicht hinreichend für positive Veränderungen – ebenso wenig wie der hohe Anteil außertherapeutischer Faktoren bedeutet, dass eine Psychotherapie insgesamt überflüssig wäre. Aber dennoch stellt die therapeutische Beziehung einen der Eckpfeiler des Behandlungserfolges dar, und insofern ist die Fähigkeit des Therapeuten, eine gute therapeutische Beziehung herzustellen und aufrechtzuerhalten, äußerst wichtig.

Diese letztgenannte Fähigkeit bezeichnet man in der neueren Literatur auch als therapeutische Metakompetenz, und sie hat in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen. Für Therapeuten bedeutet dies, mehr Gewicht auf „Softskills“ zu legen, und weniger auf die Anwendung bestimmter Techniken ihrer jeweiligen Schule. Auch die Haltung gegenüber dem Klienten ändert sich mit steigender Metakompetenz hin zu mehr Akzeptanz und Einfühlungsvermögen, und ebenso hin zu mehr Respekt für den kulturellen und persönlichen Hintergrund des Klienten. Gute therapeutische Metakompetenz führt dazu, dass die Behandlung beim Aufbau der therapeutischen Beziehung an den Klienten angepasst wird – der Klient ist ein gleichberechtigter Partner beim Aufbau der Beziehung, die als Vehikel für das Herbeiführen von Veränderungen dient und den entsprechenden Kontext liefert. Ebenso wird die Meinung des Klienten über seine Symptome und den therapeutischen Prozess honoriert. Der Klient selbst hat eine (wenn auch nicht wissenschaftlich formulierte) Theorie über seine Beschwerden, ihre Ursache und den eigentlichen Therapieprozess. Diese muss ernstgenommen werden, denn damit die angebotenen Techniken unabhängig von der Therapieschule funktionieren, muss der Klient bereit sein, sich darauf einzulassen. Dies wiederum setzt voraus, dass er sie nicht nur auf der abstrakten Ebene versteht und für brauchbar hält, was ja das Ziel der Psychoedukation ist. Sollte der Klient den Therapieprozess aber als herabwürdigend oder unangemessen erleben, ist ein Behandlungserfolg praktisch ausgeschlossen.

Zusammenfassend kann man also sagen: Es ist entscheidend, dem Klienten mit Achtung, Wärme und Einfühlungsvermögen zu begegnen, um bei ihm wiederum eine Haltung hervorzurufen, die eine gute therapeutische Beziehung ermöglicht. Für Therapeuten bedeutet dies, sich stärker mit der Weiterentwicklung ihrer therapeutischen Metakompetenz zu befassen, und für Klienten bedeutet es, bei der Auswahl eines Therapeuten auch einfach mal auf ihr „Bauchgefühl“ zu hören!


Über den Autor

Guido Plata ist Diplom-Psychologe und seit vielen Jahren als Fachübersetzer für psychologische Texte tätig.