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Wie heilt ein traumatisiertes Gehirn?

Es ist keine Schande, traumatisiert zu sein. Jeder Mensch kann von einer Erfahrung überflutet werden – und jeder Mensch kann lernen, diese Erfahrungen zu bewältigen, um seinen Weg unbelastet fortzusetzen.

Dr. Glenn R. Schiraldi, Experte für Stressbewältigung, Resilienz und Trauma, schult und berät weltweit Kliniker:innen und Laien mit dem Ziel, psychische Gesundheit zu fördern und stressbedingten Erkrankungen vorzubeugen. In seinem Buch Belastende Kindheitserlebnisse hinter sich lassen vermittelt er traumatisierten Menschen sein Wissen. Dabei geht er auch auf neuropsychologische Aspekte ein.

 

Belastende Kindheitserfahrungen überschatten das gesamte Leben

„Ich bin im Stress!“ – Aussagen wie diese klingen in unserem geschäftigen Alltag geradezu normal. Jeder Mensch erlebt Stress. Im Idealfall befähigt uns der Stress sogar zu Höchstleistungen.

Dabei können jedoch drei Arten von Stress unterschieden werden:

  • positiver,
  • erträglicher und
  • toxischer.

 

Während wir positiven und erträglichen Stress in der Regel gut verkraften und schnell hinter uns lassen, sobald die stressreiche Situation gemeistert ist, wirkt toxischer Stress überwältigend. Er ist so stark und anhaltend, dass er uns völlig aus der Bahn werfen kann und uns dauerhaft belastet.

Erlebt ein Kind diese Art von Stress – vielleicht sogar wiederholt aufgrund von Misshandlung oder Vernachlässigung –, beeinträchtigt dies noch im Erwachsenenalter seine Gesundheit, seine Arbeitsleistung, Beziehungen, das Urteilsvermögen, die Impulskontrolle, die Spiritualität und das Selbstwertgefühl. Die schädlichen Auswirkungen von toxischem Stress können sogar von einer Generation an die nächste weitergegeben werden.

 

1998 veröffentlichten die beiden Mediziner Vincent Felitti und Robert Anda eine Studie über belastende Kindheitserfahrungen. Heute ist sie bekannt als ACE-Studie (ACE steht für Adverse Childhood Experiences = belastende Kindheitserfahrungen). Sie analysierten die medizinischen Daten von mehr als 17.000 Klinikpatient:innen und fanden heraus, dass es vor allem zehn negative Kindheitserfahrungen waren, die oft genannt wurden und ein sehr breites Spektrum von psychologischen, medizinischen und funktionellen Problemen vorhersagten:

 

Drei Arten von Missbrauch

  • sexueller
  • körperlicher (Misshandlungen)
  • emotionaler

 

Zwei Arten von Vernachlässigung

  • emotionale
  • körperliche

 

Fünf Arten von häuslichen Problemen

  • geschiedene oder getrennte Eltern
  • Gewalt gegen die Mutter oder Stiefmutter im Beisein des Kindes
  • Alkohol- oder Drogensucht eines Haushaltsmitglieds
  • ein selbstmordgefährdetes oder psychisch krankes Haushaltsmitglied
  • ein Haushaltsmitglied im Gefängnis

 

Ob Missbrauch, Vernachlässigung oder zerrüttete häusliche Verhältnisse, der toxische Stress belastender Kindheitserfahrungen (adverse childhood experiences, kurz ACEs) verändert unser Gehirn, unsere Körperbiologie und unser Selbsterleben derart, dass unser Wohlbefinden lebenslang und sogar generationenübergreifend beeinträchtigt werden kann.

 

Die Auswirkungen dieser Erfahrungen sind bis ins Erwachsenenalter hinein verheerend für Körper und Psyche. So werden zum Beispiel sogenannte implizite Erinnerungen an das Erlebte gespeichert. Diese Erinnerungen sind nonverbal und liegen unterhalb der bewussten Wahrnehmungsebene. Sie sind vor allem emotional geprägt und haben eine „gespürte Bedeutung“ (Felt Sense): Vielleicht nehmen betroffene Personen ein durchdringendes Gefühl wahr wie eine namenlose Angst, das Gefühl, nicht gut genug zu sein, eine vage Ahnung, dass etwas ganz und gar nicht stimmt, eine innere Unruhe oder Selbsthass – ohne es zu verstehen oder erklären zu können. Die Erinnerung daran, schlecht behandelt worden zu sein, kann sich mit allen ursprünglichen Emotionen, Körperempfindungen, Sinneseindrücken, Bildern und instinktiven Gefühlen in der Person „festsetzen“.

Belastende Kindheitserfahrungen können zudem die Entwicklung gesunder Beziehungen stören. Das führt oft zu einer unsicheren Bindung, dem beängstigenden Gefühl, nicht geliebt zu werden.

Durch die inneren Wunden finden also zwei Veränderungen statt:

  • Das Gehirn wird darauf programmiert, in höchster Alarmbereitschaft zu bleiben, und
  • das gesunde Selbstgefühl wird beschädigt.

 

Wer sein eigenes Bewusstsein für belastende Kindheitserfahrungen schärfen möchte, findet in der Mediathek zum Buch von Glenn Schiraldi Arbeitsbögen, um ggf. eigene ACEs aufzudecken.

 

Beschließen Sie, eine glücklichere Kindheit zu schaffen!

Wie wir uns selbst erleben, hat einen tiefgreifenden Einfluss auf unsere allgemeine psychische Gesundheit. In der Regel scheitern Versuche, dieses Selbsterleben durch die ausschließliche Konzentration auf bisherige Denkmuster zu verändern. Es braucht einen neuen Ansatz – einen, der verborgene Wunden aus der Vergangenheit auf einer tieferen Ebene direkt angeht.

Jeder Mensch kann von toxischem Stress überwältigt oder verwundet werden, besonders in der frühen Kindheit, bevor das Gehirn voll entwickelt ist und Bewältigungskompetenzen erlernt werden. Doch die gute Nachricht lautet: Jedes von toxischem Stress verursachte Leid lässt sich erheblich lindern, selbst Jahrzehnte später noch. Das Gehirn ist plastisch, das heißt, es kann neu vernetzt werden und verborgene Wunden können heilen. Dazu braucht es Mut, Verständnis, (Selbst-)Mitgefühl – und Know-how!

 

Doch was genau ist es, was das traumatisierte Gehirn heilt?

Für Tompkins ist das Leitprinzip klar: Nicht die Zeit heilt Wunden, sondern reife Liebe! Wem es in den Entwicklungsjahren an Liebe gefehlt hat, der kann lernen, diesen Mangel im späteren Leben auszugleichen.

Ein weiteres wichtiges Ziel ist, dem Körper zu helfen, sich sicher zu fühlen und sich zu beruhigen. Hier kommen Techniken zur Stressregulation ins Spiel. Wirksame Übungen und Skills werden vorgestellt, die dabei helfen, den Stresslevel zu regulieren. Zusammen mit der Erfahrung von reifer Liebe erzeugt die Erfahrung von Sicherheit und Ruhe den Zustand, in dem traumatische Erinnerungen neu vernetzt und bewältigt werden können.

 

Ein konstruktiver Wandel ist sehr viel wahrscheinlicher, wenn wir Dinge mit dem Herzen verstehen.

 

Und zuletzt spielt die Wahrnehmung ebenfalls eine wichtige Rolle. Wer Leid als eine schreckliche Erfahrung betrachtet, die unheilbare Wunden hinterlässt, tut sich schwerer als jemand, der Leid als eine schwierige Erfahrung ansieht, die uns dazu herausfordert, neue innere Stärken und Bewältigungskompetenzen zu entwickeln. Traumatische Erfahrungen können uns dazu anspornen, stärker zu werden und uns neue Fertigkeiten anzueignen, die uns damals fehlten.

Traumabasiswissen und Skills für die Selbstfürsorge – auf beides fokussiert das Buch – bieten wirksame alltagstaugliche Bewältigungstechniken, die schnell und einfach anzuwenden sind.

Gehen Sie Ihr Trauma an! Es ist nie zu spät dafür!

 

 

Podcast »Apropos Psychologie!«

Podcast-Folge 30: Apropos … Yoga für die Seele!

Stress, Zeitdruck und überhöhte Erwartungen führen dazu, dass sich immer mehr Menschen überfordert fühlen. Symptome der chronischen Erschöpfung, innere Anspannungszustände bis hin zu depressiven Verstimmungen, Ängsten oder Burnout können die Folge sein. Wie Yoga helfen kann, darum geht es in der neuesten Folge von „Apropos Psychologie!“ mit unserem Gast Dr. Maria Wolke. Weiterlesen