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Nur „Aufschieberitis“ oder prokrastinierst du schon?

In ihren Coachings begegnen Annette Bauer immer wieder Menschen, hinter deren Aufschiebeverhalten alte Geschichten steckten. Damit verbunden sind auch Emotionen, die mit etwas zusammenhängen, das sie einmal erlebt haben. Den Betroffenen selbst ist das manchmal gar nicht bewusst, nie wären sie daraufgekommen, das verhasste Aufschiebeverhalten mit dieser alten Geschichte in Verbindung zu bringen. Als Coach, die mit emotionsbezogenen Methoden arbeitet, wundert sich Annette Bauer jedoch weitaus weniger …

Welche Gefühle spielen eine Rolle, wenn Sie aufschieben?

Ertappen auch Sie sich manchmal dabei, dass Sie Dinge lange vor sich herschieben? Oder haben Sie sogar schon negative Konsequenzen erfahren, weil Sie immer wieder – teils sehr wichtige – Erledigungen und Aufgaben verschieben? Wagen Sie einen ersten Blick auf die Hintergründe.

Wenn Sie auf Ihr Aufschiebeverhalten schauen, welche Art von Gefühlen regen sich dann eher bei Ihnen?

Die folgende kleine Tabelle kann ihnen helfen, Ihre eigenen Gefühle leichter in Worte zu fassen. Mehrfachnennungen sind möglich (und auch wahrscheinlich).

 

„Wenn ich jetzt an mein Aufschieben denke, empfinde ich …“

Angst Gelassenheit
Unruhe Innere Ruhe
Wut Angenehmen Nervenkitzel
Lebens- oder Existenzangst Amüsiertheit
Zögerlichkeit Inneres Kribbeln
Zweifel Zufriedenheit
Unzufriedenheit Erleichterung
Verzweiflung Zuversicht
Sorgen Entspannung
Ärger Selbstsicherheit
Selbstzweifel Vorfreude
Erleichterung

 

Finden Sie sich eher in den Gefühlen und Aussagen auf der linken Seite wieder? Diese passen eher zu Aufschieber*innen mit Problempotenzial, zu Menschen, die mit akademischem Aufschieben zu tun haben, oder gar zu pathologischen Aufschiebenden. Negative Emotionen sind eher ein Indikator für Stress, der mit dem Aufschiebeverhalten verbunden ist. Ihr Aufschieben geht nicht spurlos an Ihnen vorüber.

Finden Sie sich eher in den Gefühlen und Aussagen auf der rechten Seite wieder? Dann atmen Sie tief durch. Ihre positiven Gefühle stehen eher für einen entspannten Grundzustand und dafür, dass Sie sich im normalen Spektrum des Aufschiebeverhaltens bewegen.

Auch wenn Sie hier negative Emotionen und Aussagen bei sich entdecken, können Sie etwas tun!

Die gute Nachricht ist: Veränderung kann immer gelingen. Ganz gleich, in welchem Kontext. Wollen Sie mit dem Rauchen aufhören? Das geht, wenn Sie den richtigen Weg für sich finden. Sie möchten Ihr Ernährungsverhalten verändern? Auch das ist möglich, mit guter Beratung und Übung und einem für Sie passenden Zugang, der ohne Dogmen daherkommt. Sie möchten Tanzen lernen? Ein Tanzkurs sollte helfen, und ja, die eine wird zur fröhlich-leichten Tänzerin in allen Lebenslagen, der andere bleibt etwas knöchern bei den Grundschritten, kommt aber für „den normalen Hausgebrauch“ ganz gut zurecht.

Veränderung kann auch in Bezug auf Aufschiebeverhalten gelingen. Wenn Sie den mutigen Blick darauf wagen, wie Ihr persönliches Aufschieben gelagert ist.

Ist es eher einer Arbeitsstörung ähnlich oder sind es die kleinen Dinge des Alltags? Schieben Sie zwar Dinge auf die lange Bank, aber eigentlich spielt es nicht wirklich eine Rolle, weil das Leben damit gut funktioniert? Oder leiden Sie unter aufgeschobenen Dingen, auch wenn sie nicht von Bedeutung sind? Gibt es da vielleicht ganz andere Probleme und Beschwerden, zu denen das Aufschieben noch hinzukommt?

Diesen Blick kann Ihnen niemand abnehmen. Aber: Wenn Sie den Blick wagen, können Sie am richtigen Punkt nach der passenden Unterstützung schauen und in den Veränderungsprozess einsteigen. Und der kann dann auch gelingen.

(Quelle: Auszug aus dem Buch Auf die lange Bank: Wenn Aufschieben zum Problem wird von Annette Bauer, erschienen im September 2019)

 

Über die Autorin

Annette Bauer ist systemischer Coach sowie Strukturaufstellerin und seit fast 20 Jahren in der Begleitung und Beratung von Menschen in der Seelsorge tätig. Sie beschäftigt sich seit einigen Jahren intensiv mit der Lehre der Achtsamkeit und arbeitet als Coach mit Vielbegabten.

„Wir sind aufeinander angewiesen, bedürfen immer wieder der Hilfe anderer“

Traumatherapie-Basics anhand des RebiT-Ansatzes

Der Wunsch nach Unterstützung und Orientierung sowohl bei angehenden als auch bei fortgeschrittenen Traumatherapeuten ist groß. Die spezifischen Bedürfnisse der Klienten und die besonderen Erfordernisse im Therapieprozess machen die Traumatherapie zu einer anspruchsvollen Aufgabe. Dr. Alice Romanus-Ludewig, Ärztliche Psychotherapeutin aus Hannover, vermittelt in ihren Fachseminaren alles Wesentliche über Trauma, Traumatisierungsfolgen und Grundlagen von traumatherapeutischer Behandlung nach dem sogenannten RebiT-Ansatz. Jetzt hat sie diese Inhalte in einem Buch zusammengefasst.

Liebe Frau Romanus-Ludewig, worum geht es in Ihrem Buch?

In meinem Buch geht es um die resilienz- und bindungsorientierte Traumatherapie, kurz: RebiT. Dieser Therapieansatz zeichnet sich dadurch aus, dass er – auf der Grundlage der allgemein anerkannten Richtlinien für Traumatherapie – besonders praxistauglich gestaltet ist. Er bietet eine klare Struktur, wie man als Therapeut konkret vorgeht. Natürlich bleibt Raum für die Individualität des Praktizierenden und des Klienten. Hat man ein festes Grundgerüst wird es aber leichter, alles Weitere variabel zu halten, ohne den Überblick zu verlieren. Das ist auch für den Klienten wichtig.

Entstanden ist dieser Ansatz aus dem Wunsch und der Notwendigkeit heraus, an der Schnittstelle zwischen Theorie und Praxis Umsetzungshilfen zur Verfügung zu stellen. Das Buch bietet also Antworten auf die Fragen, welche Übungen unverzichtbar und essentiell sind. Was sind die „Basics“ (ich nenne sie die „Big Five“) und wozu dienen sie? Und noch detaillierter: Wenn ich eine bestimmte Übung durchführe – wie gehe ich da Schritt für Schritt vor? Besonders bei der Traumadurcharbeitung ist es sehr hilfreich, anhand eines Beispiels mit Erläuterungen einmal den genauen Ablauf zu verinnerlichen. Dabei wird deutlich, worauf es ankommt, was der Kern des Prozesses ist, und auch, welche „Fallstricke“ es zu meiden gilt.

 

Für wen wird dieses Buch interessant sein?

Für alle Therapeuten – ob angehende, fortgeschrittene oder erfahrene –, die sich für Traumatherapie interessieren. Insbesondere für diejenigen, die schon einmal eine Traumatherapie-Weiterbildung gemacht haben oder diese anvisieren. Sie alle finden in diesem Buch einen guten Überblick über die Traumatherapie-Basics anhand des RebiT-Ansatzes.

Aus meiner Arbeit mit Klienten weiß ich, dass auch viele Traumbetroffene händeringend nach Informationen über Trauma, Traumatisierung und Hilfsmöglichkeiten suchen. Gerade weil nicht ausreichend viele Therapieplätze vorhanden sind, suchen viele Wege, sich selbst zu helfen. So werden sicher auch viele Klienten dieses Buch lesen, und ich glaube, dass für sie ebenfalls viele wertvolle Informationen zu finden sind. Sie gewinnen einen Eindruck davon, wie Traumatherapie aussehen kann und was sie erwartet.

Sowohl Therapeuten als auch Betroffenen bietet dieses Buch den Vorteil, dass es „gespickt“ ist mit Beispielen von Klienten und Klientinnen. Dabei habe ich natürlich solche Beispiele ausgewählt, die möglichst nicht „triggern“, aber trotzdem das Entscheidende deutlich machen.

 

Was enthält das Werk?

Sollte ich auf diese Frage so knapp wie möglich antworten, würde ich sagen: Das Buch enthält einen recht komprimierten Abriss der Theorie zu Trauma, Traumafolgstörungen und Traumaphysiologie sowie die Beschreibung der drei Traumatherapiephasen (Stabilisierungsphase, Phase der Traumakonfrontation und Phase der Trauer und Neuorientierung). Bei der Beschreibung der Traumatherapiephasen geht das Buch darauf ein, wie diese Phasen auf der Grundlage des RebiT-Ansatzes aufgebaut sind, welche Grundelemente sie enthalten und wie sie in der Praxis konkret gestaltet werden können. Außerdem enthält das Buch Abbildungen, Tabellen, Fallbeispiele und Übungen, um die Theorie so anschaulich wie möglich zu machen.

Zusätzlich wird sichtbar gemacht, dass einige Elemente aus der Traumatherapie auch für nichttraumafokussierte Therapien äußerst hilfreich sein können. Dies verwundert nicht, denn es gibt natürlich auch Überschneidungen zwischen dem Erleben von Traumabetroffenen und dem Erleben von Klienten mit anderen Diagnosen, wie z.B. Depressionen oder Burnout, oder mit Beziehungskonflikten.

 

Wie ist das Buch aufgebaut?

Das Buch beginnt, nachdem die Entstehung des RebiT-Ansatzes beleuchtet wurde, mit dem Theorieabriss. Darauf folgt der Praxisteil, der sich mit dem Aufbau und Ablauf der verschiedenen Traumatherapiephasen befasst. Hier steht das ganz konkrete Vorgehen im Mittelpunkt sowie viele Praxisbeispiele. Wer schon länger versucht, sein traumatherapeutisches Wissen in die Praxis umzusetzen, und dabei auf typische Schwierigkeiten stößt, erhält hier Hilfestellung.

In einem letzten Teil geht es noch über die Traumatherapie hinaus. Hier können Leser Ideen sammeln, wie sich einzelne traumatherapeutische Elemente auch sehr gewinnbringend für die allgemeine Psychotherapie anwenden lassen. Dies ist auch deshalb interessant, weil sich traumatherapeutische Prozesse oft aus „normalen“ Psychotherapien entwickeln oder nach Durchlaufen der traumatherapiespezifischen Phasen wieder einmünden in allgemeine psychotherapeutische Prozesse. Einige Gedanken und Modelle – z. B. das BEHAVE-Modell – sind ganz allgemein für Veränderungsprozesse anwendbar und hilfreich.

 

Können Sie das an einem Beispiel, etwa an dem BEHAVE-Modell, konkretisieren?

Veränderung macht lebendig und viele Krisen können nur durch die Bereitschaft zur Veränderung bewältigt werden. Eine Psychotherapie zu machen bedeutet, sich dieser Notwendigkeit zu stellen. Das kostet Energie, weil es in unserer menschlichen Natur liegt, am Gewohnten festzuhalten. Um diesen oft auch anstrengenden und herausfordernden Prozess der Veränderung zu bestehen, braucht es manchmal Unterstützung. Bei der Begleitung zahlreicher Veränderungsprozesse von Klienten habe ich festgestellt, dass es immer wieder ganz typische Phasen sind, die durchlaufen werden. Hilfreich kann daher zum Beispiel sein, für sich zu bestimmen, an welcher Stelle im Veränderungsprozess man steht.

Die unterschiedlichen Phasen habe ich im sogenannten BEHAVE-Modell beschrieben:

B – Benennen des Problems

E – Erkennen des Problems

H – Handlungsoptionen neu kreieren

A – Ausprobieren der Handlungsoptionen

V – Verinnerlichen durch Üben

E – Erfolg erkennen, würdigen und genießen, freiwerdende Energie für neue Ziele nutzen

Jede Phase hat ihre ganz besonderen Herausforderungen und es können phasentypische Blockaden auftreten. In der ersten Phase (Benennen des Problems) besteht die Herausforderung darin, möglichst präzise das Problem bzw. den Kern des Problems zu benennen. In der zweiten Phase (Erkennen des Problems) empfinden Klienten oft eine „Verschlimmerung“, weil sie plötzlich entdecken, dass das Problem möglicherweise in mehreren Lebensbereichen auftritt, und ihnen jetzt erst die Dimension und die unterschiedlichen „Gesichter“ des Problems deutlich werden.

Die dritte und vierte Phase des Veränderungsprozesses sind einerseits sehr kreativ, aber auch anstrengend, weil es darum geht, sich neue Verhaltensweisen innerlich vorzustellen, aber diese dann auch ganz konkret im Alltag auszuprobieren. Hier gilt das Prinzip Trial and Error (Versuch und Irrtum): ausprobieren und dann prüfen, ob die gewählte Strategie funktioniert oder nicht. Funktioniert sie, ist Phase fünf dran (Verinnerlichen durch Üben), funktioniert sie nicht, geht es zurück zu Phase drei und neue Handlungsoptionen müssen kreiert werden.

Phase drei und vier sind das Herzstück des Veränderungsprozesses. Die Gefahr ist, in dieser Phase aufzugeben, zum Beispiel weil die erste Veränderungsvariante nicht funktionierte. In einer Psychotherapie ist hier der Therapeut gefragt, Mut zu machen und zu stärken. Menschen, die zwar nicht in einer Therapie sind, aber an ihrer persönlichen Weiterentwicklung arbeiten, müssen sich hier selbst Mut machen.

Ist dann eine funktionierende Lösung gefunden worden, kann es weitergehen mit der fünften Phase, Verinnerlichen durch Üben. Diese Phase des Verinnerlichens kann sehr lange, teilweise Jahre dauern und endet damit, dass das neue Verhalten „in Fleisch und Blut übergegangen“ ist. Auch hier geben manche den Veränderungsprozess vorzeitig auf, weil sie irritiert sind davon, dass das neue Verhalten selbst nach einer ganzen Weile des Übens noch als anstrengend empfunden wird und nach wie vor ein Widerstand vorhanden ist. Dabei ist das gar nicht verwunderlich: Eingeschliffene Verhaltensweisen sind durch Nervenverschaltungen „im Gehirn eingegraben“. Daher braucht Veränderung ganz einfach Zeit, bis neue Verschaltungen aufgebaut sind.

Wenn der Energieaufwand weniger wird, das neue Verhalten also immer öfter „von alleine“ geschieht und irgendwann zumindest teilweise zur „zweiten Natur“ geworden ist, befindet man sich am Ende des Prozesses. Jetzt ist das Feiern des Erfolges ebenso wichtig wie die Anstrengung während des Prozesses. Nur wenn der Veränderungsprozess so bewusst wahrgenommen und gewürdigt wird, stellt er ein enormes Wachstumspotenzial dar. Ein Gelingen steigert das Selbstwertgefühl und setzt so viel Energie frei, dass oft der nächste Veränderungsprozess in Angriff genommen wird.

Worauf ist bei Ihrem Buch zu achten?

Wie schon erwähnt, soll das Buch bzw. der RebiT-Ansatz beides vermitteln: Die Essenzen, die die traumatherapeutische Grundhaltung ausmacht, also die Fokussierung auf Resilienz und Bindung, sowie die Struktur, das Grundgerüst einer Traumatherapie. Ich würde hier von einer Balance sprechen, die bedeutsam ist. Ohne die traumatherapeutische Grundhaltung, welche die Ressourcen des Klienten im Blick hat und eine vertrauensvolle Beziehung als Voraussetzung erkennt, kann keine Bewältigung des Traumas stattfinden. Da helfen weder Techniken noch Struktur!

Doch ohne sinnvolle Struktur und professionelles Vorgehen hilft auch keine noch so resilienz- und bindungsorientierte Grundhaltung. Beides lässt sich nicht gegeneinander ausspielen. Ich wäre sehr zufrieden, wenn das Buch zu dieser Einsicht beitragen könnte.

 

Wie lautet Ihre Botschaft?

„Habt Mut und macht euch daran, Traumatherapie zu lernen und zu üben, es lohnt sich!“ So ähnlich könnte meine Botschaft auf den Punkt gebracht werden. Das klingt banal, aber Tatsache ist, dass so viel traumatherapeutisches Wissen in den Köpfen von Psychotherapeuten ungenutzt bleibt. Das ist angesichts der zahlreichen, bisher nur unzureichend therapeutisch versorgten Traumabetroffenen sehr schade!

Hoffentlich klingt in dem Buch auch durch, dass Traumatherapie für beide Seiten sehr lohnend ist. Dass wir Fachleute durch das empathische Teilhaben an der Erfahrungswelt traumatisierter Menschen erheblichen Belastungen ausgesetzt sind, ist nicht zu leugnen. Doch die Last dieser Menschen ein Stück mitzutragen und zur Bewältigung beizutragen, empfinde ich als eine zutiefst sinnvolle Aufgabe. Sie erinnert mich in heilsamer Weise auch immer wieder an meine eigene Vulnerabilität und die von uns Menschen allgemein. Wir sind aufeinander angewiesen und bedürfen immer wieder der Hilfe anderer, wenn wir uns weiterentwickeln möchten. Ich bin allen Menschen dankbar, die ich bisher begleiten durfte, durch jeden Einzelnen habe auch ich sehr viel gelernt und mich weiterentwickelt.

 

  Über die Autorin

In ihrer Praxis für Psychotherapie, Traumatherapie und Weiterbildung in Hannover behandelt Alice Romanus-Ludewig Einzelpersonen nach dem tiefenpsychologisch fundiertem Therapieansatz. Im dreiteiligen Traumatherapieseminar werden zudem wesentliche Inhalte über Trauma, Traumatisierungsfolgen und Grundlagen von traumatherapeutischer Behandlung an Fachpersonen vermittelt. Das Seminar richtet sich an Therapeuten und Berater, die mit traumatisierten Menschen arbeiten. Grundlage des Seminars ist der RebiT-Ansatz.

Weitere Informationen erhalten Sie hier und unter https://www.winput-hannover.de/

Im Junfermann Verlag erscheint am 24. Mai Ihr Buch Resilienz- und bindungsorientierte Traumatherapie (RebiT). Ein Handbuch.

Individuelle Hemmnisse überwinden – fit sein für den Arbeitsmarkt

„Umso mehr sich die Werte des Klienten in seinem beruflichen Umfeld wiederspiegeln, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass er zufrieden ist“

Andrea Schlösser und Karin Kiesele wenden sich mit ihrem Buch Job-Coaching. Arbeitssuchende für den Arbeitsmarkt fit machen vor allem an Job-Coaches, die mit den Kunden der Arbeitsagentur und des Jobcenters arbeiten, denn in erster Linie dort wird Job-Coaching als Maßnahme angeboten. Das Angebot soll helfen, Arbeitslose in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren. Aufgrund der Zielgruppe unterscheidet sich die Arbeitsweise eines Job-Coachs mitunter erheblich von der eines Karriere-Coachs, denn die Klienten kommen nicht immer freiwillig …

Wir haben mit den Autorinnen über das Buch, den Arbeitsmarkt und die Praxis des Job-Coachings gesprochen:

 

Liebe Frau Schlösser, liebe Frau Kiesele, Sie haben ein Buch über Job-Coaching geschrieben. Nun werden ja sehr unterschiedliche Beratungsformen und -angebote als „Job-Coaching“ bezeichnet. Was genau versteht man denn nun genau darunter?

Andrea Schlösser: Der Bezeichnung „Job-Coaching“ wird vor allem im geförderten Bereich verwendet. Job-Coaching können Arbeitssuchende vom Jobcenter oder der Arbeitsagentur vom zuständigen Sachbearbeiter bewilligt bekommen. Die Idee dahinter ist, dass Kunden im Einzelcoaching für den Arbeitsmarkt fit gemacht werden sollen.

Durch die gestiegenen Anforderungen der modernen Arbeitswelt besteht Handlungsbedarf. Personen, die von Arbeitslosigkeit betroffenen sind, sollen möglichst dauerhaft wieder in den ersten Arbeitsmarkt integriert werden. Beim Job-Coaching geht es den Auftraggebern Jobcenter und Arbeitsagentur in erster Linie um eine professionelle Aufbereitung der Bewerbungsunterlagen, damit die Bewerber auf dem Arbeitsmarkt bessere Chancen haben, sich zu positionieren. Doch um sich „fit“ für den Arbeitsmarkt zu fühlen, ist es für die Kunden der Arbeitsagentur oder des Jobcenters oft ein weiter und steiniger Weg.

Karin Kiesele: In Job-Coaching-Prozessen geht es darum, ganz individuell zu gucken, wie die Kunden des Jobcenters und der Arbeitsagentur im Hinblick auf das eigene berufliche Fortkommen unterstützt werden können. Das ist für Job-Coaches eine spannende und herausfordernde Aufgabe, die weit mehr beinhaltet, als Lebensläufe und Anschreiben zu erstellen oder zu optimieren. Menschen lassen sich nicht in Schubladen packen. Das bedeutet, dass die Prozesse des Job-Coachings von Klient zu Klient sehr unterschiedlich sind. Denn von Arbeitslosigkeit betroffen sind Menschen aller Berufe und Schichten mit den unterschiedlichsten Biografien, Qualifikationen und Karriereverläufen. Ob Hilfskraft, Busfahrer, Altenpfleger, Architekt, Philosoph oder Studienabbrecher – im Job-Coaching geht es um die „individuellen Hemmnisse“, die es den Betroffenen schwermachen, sich aus der Arbeitslosigkeit (neu) auf dem Arbeitsmarkt zu orientieren.

 

Wer arbeitslos oder von Arbeitslosigkeit bedroht ist, kann bei seiner Arbeitsagentur einen Gutschein für ein berufliches Coaching bekommen, den sogenannten Aktivierungs- und Vermittlungsgutschein, kurz AVGS. Steht der jedem zu?

Karin Kiesele: Nein, ob ein Job-Coaching angeraten, empfohlen oder verwehrt wird, liegt im Ermessen des zuständigen Sachbearbeiters. Das ist sehr abhängig von den Personen, die da aufeinandertreffen, und auch von den finanziellen Mitteln, die zu dem Zeitpunkt gerade für Job-Coachings zur Verfügung stehen. Wer, wann, wieso und warum gerade jetzt ein Job-Coaching bekommt oder nicht, ist von außen oft nicht nachvollziehbar. Die Entscheidung über eine Bewilligung wird nicht nach einem transparenten Kriterienkatalog getroffen, sondern liegt in der Entscheidungskompetenz des zuständigen Ansprechpartners in der Behörde.

 

Job-Coachs müssen mit Frustration und Resignation aufseiten ihrer Klienten rechnen. Viele Menschen, die nicht auf dem ersten Arbeitsmarkt tätig sind, wollen zunächst in Ruhe gelassen werden. Nach dem Motto: „Besser den ‚Hartz-IV-Spatz‘ in der Hand als die ‚Einkommens-Taube‘ auf dem Dach. Wie geht der Job-Coach damit um? Wie findet er Zugang zu seinen Klienten?

Karin Kiesele: In vielen Coaching-Prozessen ist der Hartz-IV-Spatz tatsächlich eine halbwegs bequeme und „sichere Bank“. Die Miete wird bezahlt, die Krankenversicherung ist gewährleistet und das Existenzminimum gesichert. Frustration, mangelnder Selbstwert und das Gefühl, schon lange „draußen“ zu sein, nagen am Selbstbewusstsein und an dem Gefühl der eigenen Selbstwirksamkeit. Die Abwertung des scheinbar Unerreichbaren ist eine Möglichkeit für die Klienten, sich ein wenig besser zu fühlen. Äußerungen wie „Ich lass mich nicht mehr ausbeuten von den Haifischen, die da draußen rumschwimmen! Da mach ich nicht mehr mit“ machen deutlich, wie enttäuscht, frustriert und verunsichert viele Langzeitarbeitslose sind. Reagieren Job-Coachs darauf ebenfalls mit Abwertung und machen ihr Gegenüber klein, gerät der Prozess ins Schlingern.

Andrea Schlösser: Akzeptanz und Verständnis für das Verhalten der Klienten sind ein guter Schlüssel für den Job-Coach, um die Klienten für einen Coaching-Prozess zu erwärmen. Herausforderungen machen Angst – deshalb ist es wichtig, dass Job-Coachs vor allem in den Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung zu ihren Klienten investieren. Um sich aus der Komfortzone wagen zu können, brauchen die Klienten ein Bewusstsein dafür, welches Maß an Herausforderungen für sie möglich und umsetzbar ist, ohne in eine Überforderung zu geraten. Der Job-Coach kann hier ein guter Partner sein, mit dem zusammen dieses Maß definiert werden kann. So können Dinge in Bewegung kommen und Veränderung ermöglichen.

 

In Therapie und Coaching spielt ja in der Regel der Beziehungsaufbau zwischen dem Therapeuten/Coach und dem Klienten eine ganz zentrale Rolle. Wie sieht das im Job-Coaching aus?

Andrea Schlösser: Das ist im Job-Coaching ebenso wichtig wie in therapeutischen Prozessen. Ohne eine vertrauensvolle Beziehung entsteht keine tragfähige Arbeitsbasis. Klienten müssen die Sicherheit vermittelt bekommen, sich während des Job-Coachings in einem geschützten Raum zu befinden. Dort ist Platz für Ideen und Vorstellungen, aber auch für mögliche Ängste, Befürchtungen und Unsicherheiten. Ohne Vertrauen in den Job-Coach werden sich die Klienten nicht öffnen können.

 

Beim Lesen Ihres Buches hatte ich oft den Eindruck, dass Job-Coaching wesentlich mehr ist als das Vermitteln von Bewerbungs-Know-how oder eine allgemeine Kompetenzanalyse. Es geht um Glaubenssätze, ja sogar um Biografie-Arbeit. Job-Coaching scheint also ziemlich tief zu gehen …

Karin Kiesele: Ja, manchmal sind es sehr bewegende und intensive Prozesse – in jedem Fall sind Job-Coachings sehr vielschichtig und komplex. Sie verlangen vom durchführenden Job-Coach mittunter eine große Flexibilität und viel Feingefühl im Prozess. Oft touchieren die Themen der Klienten therapeutische Grenzbereiche. „Wie weit kann ich eigentlich gehen?“ oder „Ist hier die Grenze von Coaching erreicht und braucht es eine andere Form der Unterstützung?“ sind Fragen, die sich in Job-Coaching-Prozessen durchaus stellen. Hier sollte der Job-Coach sehr sensibel sein und klare Grenzen ziehen.

 

Frau Kiesele, in Ihrer Arbeit unterstützen Sie seit vielen Jahren auch als Business- und Karriere-Coach Menschen, die sich beruflich verändern, umorientieren oder weiter entwickeln möchten. Woran scheitert die Bewerbung Ihrer Meinung nach am häufigsten? Welche Fehler sollten Arbeitssuchende tunlichst vermeiden?

Karin Kiesele: In jedem Fall ist es sinnvoll, jede Bewerbung individuell auf die jeweilige Organisation oder das Unternehmen zuzuschneiden. Eine schablonenhafte Bewerbung, „eine für alle“, bringt in der Regel nicht den gewünschten Erfolg. Der Vergleich mit der Suche nach „Mrs. oder Mr. Right“ auf den Partnerschaftsportalen im Internet macht das anschaulich. Eine Nachricht wie „Liebe/r …, ich habe dein Profil gesehen. Wollen wir uns treffen?“ bleibt wahrscheinlich unbeantwortet. Wer fühlt sich schon angesprochen, wenn er sofort erkennt, dass er gar nicht „persönlich“ gemeint ist?

Im Bewerbungsprozess erfolgreich zu sein ist keine Hexerei, sondern oft das Ergebnis eigener Reflexions- und Erkenntnisprozesse. Nach einer persönlichen Justierungsphase eine motivierte, engagierte und passgenaue Bewerbung zu schreiben, gelingt meinen Klienten dann fast immer mühelos.

Um diesen Weg zu ebnen, biete ich meine professionelle Unterstützung an. Wir arbeiten im Coaching-Prozess daran, das eigene berufliche Profil und die eigene persönliche Zielsetzung klar herauszuarbeiten. In der Zusammenarbeit mit meinen Klienten gucken wir gemeinsam darauf, was bisher im Arbeitsleben geschehen ist und wie „wertvoll“ die gemachten Erfahrungen im Hinblick auf den Wunsch nach beruflicher Veränderung sind.

Ganz nach dem Motto: „Wenn ich weiß, was ich nicht (mehr) will, dann ist das schon eine wichtige und richtungsweisende Erkenntnis“. Wir entwickeln stimmige Antworten auf die Fragen „Was genau soll anders werden?“ und „Wie soll meine berufliche Zukunft aussehen?“. Sind die beruflichen Möglichkeiten, der Qualifizierungsbedarf, eventuelle Stolpersteine und die persönlichen Ziele klar umrissen, fällt es deutlich leichter, geeignete Stellen und Branchen für sich zu finden. Wer seinen eigenen Kompass aktiviert, kann im Bewerbungsprozess stimmig und klar auftreten – sowohl im schriftlichen Erstkontakt als auch im anschließenden Bewerbungsgespräch.

 

Sie schlagen unter anderem vor, mit Werten im Job-Coaching zu arbeiten …?

Andrea Schlösser: Werte sind ein zentrales Thema im Job-Coaching. Unsere Werte sind unsere inneren Steuerungsgrößen. Sie motivieren uns, etwas zu tun oder zu lassen. Was dem Klienten wirklich wichtig ist, wird im Job-Coaching-Prozess herausgearbeitet. Umso mehr sich später die Werte des Klienten in seinem beruflichen Umfeld wiederspiegeln, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass er zufrieden ist.

Karin Kiesele: Gerade im Anschreiben bewährt es sich, einen „wertebasierten Einstieg“ zu wählen. Mit der eigenen Wertewelt zu beginnen ist ein sehr individueller und ungewöhnlicher Einstieg und „sticht“ aus der Masse an Bewerbungen heraus.

 

Frau Schlösser, Sie bieten Einzelcoachings an für Menschen, die mit ihrer momentanen Situation unzufrieden sind und den Wunsch nach Veränderung haben, die Neues für sich entdecken wollen. Haben Sie eine Erklärung dafür, warum immer mehr Menschen das Gefühl haben, beruflich in einer Sackgasse zu stecken? Liegt es eher an den (gesellschaftlichen/beruflichen) Rahmenbedingungen oder sind unsere Ansprüche vielleicht gewachsen?

Andrea Schlösser: Ich glaube, dass sich das „Sackgassengefühl“ aus mehreren Aspekten ergeben kann. Zwei sehe ich hier momentan im Vordergrund. Zum einen haben sich die Anforderungen des Arbeitsmarktes verändert. Einige Arbeitnehmer haben das Gefühl nicht mithalten zu können (VUKA-Welt/Digitalisierung), andere dahingegen das Gefühl, nicht mithalten zu wollen. Manche fühlen sich dann überfordert, anderen fehlt das Wissen über Möglichkeiten, sich auf dem Markt anders (besser) zu positionieren oder das Bewusstsein über die eigenen beruflichen Qualitäten, die einen beruflichen Wechsel unterstützen würden.

Zum anderen beobachte ich bei meinen Klienten immer mehr, dass der Wunsch nach mehr Freizeit bzw. Familienzeit in den Mittelpunkt rückt. Nicht alle sind jedoch in der Lage, die meist damit einhergehende finanzielle Einbuße hinzunehmen. Sich zu verändert scheint dann zunächst unvereinbar mit den finanziellen Anforderungen. Dann gilt es im Coaching dieses zu bearbeiten und einen praktikablen und zufriedenstellenden Weg zu finden.

 

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Job-Coachs oftmals Quereinsteiger sind. Welche Voraussetzungen sollten sie trotz ihrer unterschiedlichen beruflichen Hintergründe prinzipiell mitbringen?

Karin Kiesele: Job-Coachs sollten unserer Ansicht nach vor allem Lust auf Menschen und deren Lebensgeschichten haben. Sie sollten empathisch sein und das Vermögen besitzen, nicht gleich alles zu bewerten und zu verurteilen, was nicht ins eigene Raster passt. Darüber hinaus halten wir eine Reflexionsfähigkeit sowie die Bereitschaft, sich fort- und weiterzuentwickeln, für wichtig. Wer bereits in Führungspositionen oder im Personalmanagement tätig war, hat den Vorteil, dass der Perspektivwechsel im Hinblick auf „Was ist dem Unternehmen/der Organisation wichtig?“ besser gelingt. Aber auch Schauspieler, Geisteswissenschaftler, Handwerker oder Arbeitsvermittler können in Job-Coachings wichtige und wertvolle Impulse geben.

 

Sie bieten zu Ihrem Buch auch das dreitätige Seminar „Job-Coaching kompakt“ an. Für wen ist dieses Seminar interessant und geeignet?

Karin Kiesele: Das Seminar unterstützt sowohl bereits praktizierende Job-Coaches als auch Branchen-Quereinsteiger, die ihr fachspezifisches Wissen im Bereich Job-Coaching erweitern und vertiefen möchten. Im Seminar behandeln wir unter anderem Themen wie den Umgang mit Hemmnissen und Widerständen, wir vermitteln hilfreiche Methoden und geben praxisnahe und leicht umsetzbare Tipps zur Erstellung von Bewerbungsschreiben. Die Teilnehmer haben auch Gelegenheit zum Erfahrungsaustausch und arbeiten an erlebten und fiktiven Fallbeispielen. Unser Handbuch „Job-Coaching“ ist im Preis des Seminars inbegriffen.

 

Haben Sie vielen Dank für das Gespräch!

 

Über die Autorinnen

Andrea Schlösser ist Handelsfachwirtin, Supervisorin DGSv, Coach QRC, zertifizierte Trainerin und Mediatorin BM®. Weitere Informationen erhalten Sie hier.

Karin Kiesele ist Kommunikationswissenschaftlerin (B.A.), Hotelkauffrau , Coach QRC, Intervisorin QRC und zertifizierte Trainerin. Weitere Informationen erhalten Sie hier.

Was bedeutet – für Sie persönlich – ein gelungenes Leben?

Raum für Neues

Alle Menschen wünschen sich ein Leben, das ihrer Persönlichkeit, ihren Bedürfnissen und Interessen entspricht. Ein gelungenes Leben also. Was „gelungen“ aber genau bedeutet, entscheidet jeder selbst. Und da beginnt die Herausforderung. Unsere Freiheit beglückt und verunsichert uns zugleich. Immer mehr Menschen haben das Gefühl, in einer Sackgasse zu stecken. Unzufriedenheit erfüllt sie, obwohl sie doch scheinbar alles haben, um glücklich zu sein.

Das neue Buch von Andrea Landschof Das bin ich!? richtet sich an Menschen, die Lust auf Veränderung haben und ihre verborgenen Talente entdecken möchten. Es hilft dabei, Lebensgeschichten (und -lügen) zu überprüfen und den Blick zu weiten auf noch nicht genutzte Chancen und Potenziale. Mit Methoden der Transaktionsanalyse gelingt es, unsere Persönlichkeit und unsere Beziehungen zu uns selbst und anderen zu reflektieren, zu verstehen sowie Veränderungen zu initiieren.

 

Lust auf einen ersten (Lese-)Eindruck? Na, dann los …

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Einleitung

Liebe Leserinnen und Leser,

gehören auch Sie zu den Menschen, die ihren persönlichen und/oder beruflichen Weg aus den Augen verloren haben? Haben Sie das Gefühl, in einer Sackgasse zu stecken? Vielleicht sind Sie unzufrieden und drehen sich im Kreis; wissen nicht, ob Sie gehen oder bleiben sollen und ob die Entscheidung, zu der Sie tendieren, tatsächlich die richtige ist. Sie empfinden Leidensdruck aufgrund der aktuellen Situation und haben dennoch Angst vor einer Veränderung? Sie können nicht genau sagen, was Ihnen fehlt oder woher Ihre Unzufriedenheit rührt? Sie sind unsicher und wissen nicht, was Sie wollen – oder gar können – und wie Sie eine Veränderung initiieren sollen? – Dann begeben Sie sich mithilfe dieses Buches auf eine ganz persönliche Zeitreise und lassen Sie sich überraschen, was in Ihnen steckt!

Den meisten Menschen ist gar nicht bewusst, über welche Möglichkeiten sie verfügen. Unsere frühen Prägungen haben oftmals unsere Potenziale untergraben. Sie wurden verdrängt oder abgespalten, weil sie nicht gefragt, nicht erlaubt oder nicht erwünscht waren. „Kinder mit einem Willen kriegen was auf die Brillen!“, „Ein Indianer kennt keinen Schmerz!“ oder „Sei sittsam und bescheiden, das ist die schönste Zier, dann kann dich jeder leiden, und dieses wünsch ich dir“ sind möglicherweise früh übernommene Glaubenssätze, die uns noch heute beeinflussen und boykottieren können. Wir wissen nicht mehr, was wir wollen, weil wir den Kontakt zu den eigenen Bedürfnissen und Impulsen verloren haben. Wir zeigen keine Gefühle, weil diese uns selbst fremd geworden sind, und verhalten uns anspruchslos und angepasst. So bewegen wir uns jedoch mit angezogener Handbremse durchs Leben. Unsere in uns schlummernden Talente liegen brach. Dabei geht es im Leben doch darum, Veränderungen kraftvoll und selbstbestimmt zu gestalten, gute Entscheidungen zu treffen und neue Pfade zu gehen, zu sich zu stehen, mit Rückschlägen konstruktiv umzugehen, mit unliebsamen Gewohnheiten zu brechen oder gesetzte Ziele zu verfolgen.

Es muss also etwas anders werden, damit sich die Unzufriedenheit in Zufriedenheit und innere Ruhe verwandelt.

Seit über drei Jahrzehnten beschäftige ich mich mit persönlicher und beruflicher Entwicklung. In meiner Arbeit als Beraterin und Ausbilderin begegnen mir viele Menschen, die in Sackgassen feststecken und wieder Vertrauen in ihre eigene Selbstwirksamkeit gewinnen möchten, die sich fragen: „Wer bin ich eigentlich?“ und „Wohin möchte ich mich verändern?“. Sie wünschen sich Gewissheit, all ihre Potenziale und Talente im Leben auszuschöpfen.

Talent meint im Volksmund in der Regel eine besondere Begabung mit hervorstechenden Merkmalen, die nicht selten geldwerte Vorteile bringt. Es herrscht dabei heute noch der Mythos eines begnadeten Genies vor, dem alles ohne Mühen zufliegt. Wenn ich in diesem Buch von Talenten spreche, verbinde ich damit allerdings keine außerordentliche Begabung oder besondere Leistungsvoraussetzung einer Person auf einem bestimmten Gebiet. Es geht nicht um Talente, die sich mit genetischer und sozialisationsbedingter Unterstützung als überdurchschnittliche Fähigkeiten zeigen, die dann durch Übung weiter gefördert werden. So möchte ich Talente an dieser Stelle nicht verstanden wissen, sondern vielmehr als generelle Anlage und die Befähigung eines Menschen, sein Leben mit all seinen Herausforderungen zu meistern und dabei seine Fähigkeit zu denken, zu fühlen und zu handeln zu nutzen, um stimmige Lösungen zu kreieren.

Ich gehe davon aus, dass in jedem von uns von Geburt an ein unverwechselbares Wesensmuster angelegt ist. Wir reifen heran zu dem, was den Kern unserer Identität ausmacht, sofern uns die Gelegenheiten dazu gegeben sind und wir die Chancen nutzen, die uns das Leben bietet. Wir sind nicht nur ein von außen determiniertes Wesen, und wir sind nicht nur abhängig von Genetik und soziokulturellen Faktoren. Wir haben die Wahl, den Spuren unseres Wesens und unserer Talente zu folgen. Dabei muss unsere Talententwicklung nicht zu etwas Spektakulärem führen, wie etwa zu bahnbrechenden physikalischen Erkenntnissen im Ausmaß der Relativitätstheorie oder zu grandiosen Kompositionen wie die von Mozart. Talente auszuleben und sich zu etwas berufen zu fühlen kann auch bedeuten, dass Sie Ihren kreativen oder mathematischen Begabungen nachgeben, dass Sie verantwortungsvoll für Ihre Großmutter sorgen oder eine Familie gründen. Vielleicht entspricht es Ihrem Wesensmuster, eine bestimmte Lebensart zu pflegen oder einem bestimmten Hobby nachzugehen. Um seelisch und körperlich gesund zu bleiben, gilt es, unser Wesen zu respektieren und mit uns in Einklang zu bringen. Manche Prägungen drängen uns jedoch von diesem Kurs ab. Und damit geraten auch unsere Talente aus dem Fokus. Und werden zu sogenannten latenten Talenten. Unter latenten Talenten verstehe ich verdeckte, verhüllte, schlummernde, unbewusste, ungenutzte und im Verborgenen liegende Befähigungen, Anlagen und Potenziale des Denkens, Fühlens und Handelns. Um unsere Authentizität zu wahren, gilt es, unsere in uns schlummernden Talente zu entdecken, zu entwickeln und auszuschöpfen.

Die meisten Menschen tragen eine Sehnsucht in sich, ihr Leben so zu verändern, dass sie das Gefühl haben, „heil“ zu sein, wie es einmal eine Klientin ausdrückte. Dieses Buch ist ein Leitfaden und Arbeitsbuch für Menschen, die ihre eingefahrenen Sackgassen überprüfen und die ihre Blicke auf (nicht genutzte) Chancen und (nicht gelebte) Potenziale richten möchten; Menschen, die Lust auf Veränderung haben; die ihr Leben wieder in Passung mit ihrem Wesenskern bringen und es in Verbindung mit ihren äußeren Umständen gestalten wollen.

Sie werden zu einer persönlichen Zeitreise eingeladen, Ihr Leben im Heute zu reflektieren, mit Erfahrungen von gestern umzugehen und Visionen für morgen zu entwickeln. Und dabei soll die Wahrnehmung des bereits Gelungenen nicht außer Acht gelassen werden. Entdecken Sie Ihre verborgenen Talente, um mit deren Hilfe gute Entscheidungen zu treffen, Ihre persönlichen und beruflichen Herausforderungen zu meistern und stimmige und aktuelle Lösungen für unterschiedliche Problemlagen zu kreieren. Dazu spüren Sie aktuelle Störfaktoren auf und prüfen, was für Sie und Ihre Veränderungsprozesse jeglicher Art hilfreich sein könnte: die Komfortzone verlassen, sich von alten Sehnsüchten verabschieden und unsere Potenziale in den Erinnerungen entdecken. Sie entdecken den roten Faden in Ihrem Leben, der sich als Grundmuster Ihrer Persönlichkeit durch Ihre Biografie zieht und der nicht mehr passende und einschränkende Glaubenssätze zum Vorschein bringt. Sie entlarven Ihre Selbstsabotageaktionen. Das heißt, Sie werfen einen Blick auf Ihre unbewusst und selbst entwickelten „Stolpersteine“, mit denen Sie sich bisher in unterschiedlichen Lebenslagen ein Bein gestellt haben, zum Beispiel, indem Sie immer wieder an den „falschen“ Partner oder in den „falschen“ Job geraten sind. Und Sie erhalten Ideen zur Auflösung dieser Glaubenssätze. Mithilfe dieses Buches finden Sie heraus, warum Sie in bestimmten Situationen immer gleich reagieren, obwohl Sie es eigentlich anders wollen, und welche psychologischen Spiele Sie dabei immer wieder unbewusst spielen. Sie entkräften die Antreiber, die Sie im Alltag stressen, und lernen, was Sie brauchen, um stimmige persönliche und berufliche Entscheidungen treffen zu können. Zum Abschluss erfahren Sie, wie Sie sicher durch Zeiten des Umbruchs und der Veränderung kommen. Für die Übergangsphase werde ich Ihnen zur Unterstützung sechs konkrete Handlungsschritte zur inneren und äußeren Neuentscheidung zur Verfügung stellen, die Sie individuell für Ihren Prozess gestalten können.

Sie werden in diesem Buch immer wieder Ausführungen zur Transaktionsanalyse (TA) finden:

Die TA wurde von dem US-amerikanischen Psychiater und Psychotherapeuten Eric Berne (1919–1970) auf der Basis tiefenpsychologischer und verhaltenstheoretischer Ansätze entwickelt. Die TA fördert die Wahrnehmung des eigenen Erlebens, Denkens und der Emotionen und lädt zur Realitätsüberprüfung ein: Stammt mein Fühlen, Denken und Handeln aus dem Gestern oder ist es stimmig mit mir als Person und mit meiner heutigen Lebenswelt? In einfachen Worten umschrieben, bietet die TA Erklärungen für komplexe Sachverhalte in Ihrem Leben. Sie schärft den Blick für das Wesentliche.

Wenn Transaktionsanalytiker auf soziale Interaktionen oder einzelne Personen schauen, leitet sie die Überzeugung, dass Menschen von ihrem Wesen her in Ordnung sind und jeder die Fähigkeit hat zu denken. Transaktionsanalytiker gehen davon aus, dass es jedem Menschen möglich ist, durch das Nutzen seiner ihm innewohnenden Ressourcen autonome Entscheidungen für sich und andere zu fällen und die Verantwortung für diese Entscheidungen zu tragen. Damit verbunden, leitet sich die Lern- und Veränderungsfähigkeit eines jeden Menschen ab. Die Transaktionsanalyse hat das Ziel, Menschen darin zu unterstützen, ein selbst gestaltetes, selbst verantwortetes und autonomes Leben in Verbundenheit mit anderen Menschen und der Welt zu führen. Dazu benutzen wir unsere Fähigkeit zur Bewusstmachung der momentanen Gegebenheiten und unsere Fähigkeit, aus einer Bandbreite verschiedener energetischer Zustände auszuwählen. Diese als Spontaneität bezeichnete Fähigkeit beinhaltet eine Flexibilität, mit der wir in der Lage sind, Alternativen im Fühlen, Denken und Verhalten zu kreieren und im Hier und Jetzt zu handeln. Wir können frei auswählen und entsprechende unterschiedliche Reaktionsmuster einsetzen, ohne auf festgefahrene Erlebens- und Verhaltensmuster zurückzugreifen. Dabei sind wir bereit, uns auf einen echten emotionalen Kontakt mit anderen Menschen einzulassen. Diese Form von Intimität erlaubt es uns, Beziehungen und Begegnungen mit anderen zu gestalten, die frei von Spielen und Manipulationen sind. Wir können Nähe und Zuwendung geben und annehmen. Autonomie wird als „bezogene Autonomie“, die den Menschen in seiner Verantwortung als Teil der Welt darstellt, angesehen. Die TA bietet Instrumente zur Analyse und stellt Strategien zur Veränderung von inneren und äußeren Prozessen zur Verfügung.

Im Folgenden werden Sie die grundlegenden Konzepte der TA kennenlernen sowie Fallbeispiele, Erfolgsgeschichten, Tests und Anregungen zur Selbstreflexion erhalten, mit deren Hilfe Sie Ihre Verhaltensmuster untersuchen, verstehen und verändern können.

Ebenso kann dieses Buch auch von Beratern und Coaches in der Beratungspraxis eingesetzt und zum Thema persönliche und berufliche (Neu-)Orientierung und Entwicklung genutzt werden.

Je nachdem, an welchem Punkt Sie sich gerade befinden, können Sie das Buch chronologisch oder auch abschnittsweise lesen.

Aus Gründen der Lesefreundlichkeit verwende ich die männliche Form, wenn männliche wie weibliche Personen gemeint sind.

Zum persönlichen Schutz der Klienten sind alle Namen von Personen und Daten, die in diesem Buch als Anwendungsbeispiele verwendet werden, von mir geändert worden.

 

1. Alter Trott oder neue Wege? Wie Veränderung gelingt

 

1.1 Die Komfortzone verlassen

Denken Sie gerade intensiv über Ihre aktuelle private und berufliche Lebenssituation nach? Haben Sie Lust, die Ziele, die Sie verfolgen, zu überprüfen? Glauben Sie, dass in Ihnen noch verdeckt liegende Potenziale schlummern, und möchten Sie Ihren latenten Talenten auf die Spur kommen? Dann sind Sie in guter Gesellschaft! Das Bedürfnis nach Sinnerfüllung in Beruf und Privatleben entspricht inzwischen dem Zeitgeist. Das an sich ist völlig legitim und nachvollziehbar. Im Zeitalter des „Anything goes“ haben wir jedoch fast unendlich viele Wahlmöglichkeiten und stehen vor ganz individuellen Entscheidungen, wie wir unser privates und berufliches Leben gestalten wollen. In unserer mobilen Gesellschaft sind die unterschiedlichsten Lebens- und Arbeitsformen erlaubt. Lebensläufe sind nicht mehr vorgegeben, und entscheidende Veränderungen sind in jedem Lebensalter möglich. Identitäten können frei gewählt werden und laden Menschen zu stetigen Anpassungsleistungen ein. Was ein gelungenes Leben bedeutet, steht jedem frei, selbst zu entscheiden.

In meiner Arbeit erlebe ich die Freude vieler Frauen und Männer über ihre unterschiedlichen Entwicklungsmöglichkeiten und gleichzeitig ihre damit verbundene Verunsicherung. Die große Auswahl an Lebensentwürfen bietet uns eine bisweilen verwirrende Vielfalt. Viele scheinen erschöpft zu sein ob des stetigen Entscheidungsdrucks und des empfundenen Zwangs, dauerhaft ihr Wohlgefühl zu maximieren.

Um der Dynamik um uns herum gewachsen zu sein und ihr standzuhalten, ist es hilfreich, sich mit der eigenen Identität auseinanderzusetzen und das Leben so zu gestalten, dass wir im Einklang mit uns selbst und der Umwelt leben. Trotz oder gerade wegen der rasanten Veränderungen im Außen ist es wichtig, eine innere Stabilität zu wahren. Sonst werden wir zum Spielball der äußeren Verhältnisse. Psychische Widerstandsfähigkeit, die sogenannte Resilienz, erlangen wir unter anderem, indem wir uns mit der eigenen Biografie aussöhnen und unsere Potenziale ausschöpfen.

(…)

Das klingt zunächst recht simpel. Wie oft haben Sie schon gehört, dass Sie „einfach nur“ Sie selbst sein sollen und auf sich hören müssen, um ein authentisches Leben führen zu können? Aber so einfach ist es für viele Menschen eben nicht, da ihnen das Entscheidende fehlt: Die Erkenntnis, wer sie sind. Sie kennen ihre Potenziale nicht, und auch ihre inneren Motive sind ihnen fremd.

Um das subjektiv „Beste“ in uns zu entdecken, lohnt es sich, unsere Komfortzonen zu verlassen. Und es lohnt sich, unsere Persönlichkeit infrage zu stellen und lieb gewonnene Gewohnheiten abzulegen. Um Platz machen zu können für das Neue in uns.

Wir können auch als Erwachsene unsere Resilienzfaktoren fördern, wenn wir sie als Kind nicht erworben haben. Beispielsweise können Sie in diesem Buch herausfinden, wie die Muster, mit denen Sie die Welt erfassen, Ihre Reaktionen auf Stress- und Entscheidungssituationen prägen. Ganz im Sinne von Aaron Antonovsky (1997), einem israelisch-amerikanische Medizinsoziologen, geht es darum, Ihr Kohärenzgefühl zu stärken. Das Kohärenzgefühl ist eine Orientierung, die ausdrückt, in welchem Ausmaß Sie ein Gefühl des Vertrauens darauf haben, dass Ereignisse und Dinge, die sich im Lauf Ihres Lebens aus der inneren und äußeren Umgebung ergeben, strukturiert, vorhersehbar und erklärbar sind (Verstehbarkeit), Ihnen Ressourcen zur Verfügung stehen, um den Anforderungen dieser Ereignisse und Dinge zu begegnen (Bewältigbarkeit), und dass diese Anforderungen allesamt Herausforderungen sind, die Ihre Anstrengung und Ihr Engagement wert sind (Sinnhaftigkeit).

Im Zusammenhang mit Persönlichkeits- und Potenzialentwicklung ist auch die Frage interessant, ob unsere Persönlichkeit eigentlich festgelegt ist – oder in welchen Bereichen und in welchem Ausmaß wir uns oder unsere Charaktereigenschaften verändern können. Damit verbunden sehe ich auch die Frage, auf welche Weise wir Menschen an unsere Potenziale herankommen. Können wir überhaupt etwas entwickeln, das nicht da ist? Und wenn es vorhanden ist – als im Verborgenen liegende Ressource angelegt –, wie kommen wir dann an die Potenziale heran und können sie „ent-wickeln“?

Unterschiedliche Erklärungsansätze gehen heutzutage davon aus, dass unsere Persönlichkeit teilweise genetisch verwurzelt und teilweise durch Sozialisation geprägt ist. Ruhen Sie sich bitte nicht darauf aus, dass Sie dieses oder jenes vererbt bekommen haben oder dass Sie unwiderruflich durch Ihre Familie geprägt wurden. Diese Sichtweise würde uns jeglicher Freiheit berauben und uns zu Sklaven unserer Gene und Sozialisation machen. Unsere Persönlichkeit und damit auch unsere Lebensweise wären in diesem Fall durch innere (genetische) und äußere (sozialisierte) Vorgaben (vor-)bestimmt und eingeschränkt. Manche Persönlichkeitsanteile werden sicherlich immer unverändert bleiben. Sie werden als leiser Mensch nicht von heute auf morgen zu einem lauten Menschen werden. Aus einem extravertierten Menschen wird kein introvertierter Mensch. Wir haben aber die Gabe, bestimmte Persönlichkeitseigenschaften flexibel und zeitlich begrenzt einzusetzen, auch wenn sie unserer Natur wiedersprechen. So mussten Sie vielleicht auch schon einmal vor einer größeren Ansammlung von Menschen eine Rede halten, obwohl Sie solche Auftritte nicht sonderlich mögen. Mir geht es jedoch nicht um solche strategisch konstruierten und zeitlich begrenzten Aktionen, die wider unsere Natur sind. Es geht darum, dass Sie sich Ihren bisherigen Prägungen entgegenstellen und diese hinterfragen. Es ist möglich, über die beiden Einflussfaktoren Gene und Umwelt hinaus unsere individuellen Denk-, Fühl- und Verhaltensmuster zu verändern und die darin liegenden Potenziale ans Tageslicht zu bringen.

Lassen Sie uns mit einer Übung zur Potenzialentwicklung beginnen, und spüren Sie nach, ob Ihre Komfortzone dadurch berührt wird.

Bei der folgenden und allen anderen praktischen Übungen in diesem Buch sind Sie eingeladen, in Ihrem eigenen Tempo zu arbeiten und diesem entsprechend Pausen einzulegen, bevor Sie weiterlesen. Manche Fragestellungen und Anregungen benötigen vielleicht ein wenig mehr Zeit, damit das Gelesene und von Ihnen Geschriebene „sacken“ kann. Unterbrechen Sie dann gern die Aufgaben, gehen Sie spazieren oder unterhalten Sie sich mit einem lieben Menschen über Ihre Gedanken. Die Antworten auf die Fragen zur Selbstreflexion und zum Selbstanalysebogen werden Sie zu einer sehr persönlichen Zeitreise einladen. Sie identifizieren Ihre Schwachstellen und neuralgischen Punkte als auch Ihre Stärken und Ressourcen. Gehen Sie bitte nachsichtig und milde mit sich um. Alles, was Sie bisher entwickelt haben, hatte seinen Sinn und Zweck und seine Berechtigung zu seiner Zeit. Ich finde, es verdient eine Würdigung, dass Sie Ihr Leben auf Ihre eigene Art und Weise bis hierhin und heute gestaltet haben.

Die erste Anregung zur Selbstreflexion finde ich sehr wirksam, wenn es darum geht, unsere persönlichen Komfortzonen zu verlassen. Hinterfragen Sie Dinge, von denen Sie glauben, sie nicht zu können, oder von denen Sie glauben, sie tun zu müssen.

 

Anregung zur Selbstreflexion 1:  „Ich kann nicht“ und „Ich muss“

Schauen Sie auf Ihre derzeitige Lebenssituation und auf all das, was Sie meinen, nicht zu können. Typische Antworten wären zum Beispiel: „Ich kann diese Ungerechtigkeiten von X nicht mehr ertragen“ oder „Ich kann nicht Klavier spielen“. Lassen Sie sich Zeit und schreiben Sie so viele Sätze, wie Sie mögen, zu diesem Satzanfang auf.

Ich kann nicht …

Denken Sie nun an Dinge, von denen Sie glauben, dass Sie sie tun müssen. Zum Beispiel: „Ich muss jeden Morgen um sechs Uhr aufstehen und zur Arbeit gehen“ oder „Ich muss nachgiebiger werden“. Schreiben Sie einfach alles das auf, was Ihnen spontan aus Ihrem privaten und beruflichen Bereich einfällt:

Ich muss …

 

„Ich will nicht“

Wiederholen Sie nun bitte Ihre Ich-kann-nicht-Sätze und ändern Sie sie um in Ich-will-nicht-Sätze (z. B. „Ich will diese Ungerechtigkeiten von X nicht mehr ertragen“).

„Ich entscheide mich“

Wiederholen Sie nun Ihre Ich-muss-Sätze und ändern Sie sie um in Ich-entscheide-mich-Sätze (z. B. „Ich endscheide mich, jeden Morgen um sechs Uhr aufzustehen“).

Welche Auswirkungen hat das Ersetzen der Formulierung „Ich muss …“ durch „Ich entscheide mich …“ für Sie? Was verändert sich dadurch für Sie? Warum ergeben die Änderungen für Sie einen Sinn und warum nicht?

Haben Sie gemerkt, welchen Unterscheid der Austausch von „Ich kann nicht“ durch „Ich will nicht“ macht?

Einige Sätze bleiben natürlich in ihrer Wirkung bestehen und lassen sich durch die neuen Satzanfänge kaum umwandeln (zum Beispiel: „Wir müssen alle sterben“). In meinen Seminaren kommt daher zu Recht immer wieder die Frage auf, ob es nicht auch Muss-Sätze gibt, die bleiben, weil wir keine Wahl haben. Es gibt tatsächlich einige Sätze, bei denen ein „Ich entscheide mich“ infrage zu stellen wäre. So wie in dem angegebenen Beispiel. Doch wir haben trotz aller Bedingtheit immer die Wahl. Auch in größter Eingeschränktheit können wir bis zuletzt entscheiden, wie wir den jeweiligen Situationen begegnen. Beim Thema Sterben wäre es interessant, darüber nachzudenken, wie viel leichter wir „gehen“ könnten, wenn wir uns bewusst dazu entscheiden würden.

Als ich die obige Übung vor vielen Jahren in einem Seminar das erste Mal anbot, formulierte eine Teilnehmerin, die selbst als Trainerin arbeitete, den Satz: „Ich kann nicht vor großen Menschenmengen reden.“ Daraus wurde dann: „Ich will nicht vor großen Menschenmengen reden.“ Ihr fiel ein Stein vom Herzen, weil sie damit eine bewusste Willensäußerung machte, dann eine Entscheidung traf und es somit nicht mehr um ein Defizit ging: Ich will nicht und ich entscheide mich, nicht vor großen Massen von Menschen zu reden, weil es nicht meinem Wesen entspricht. (Eine alternative Formulierung könnte lauten: Ich entscheide mich, wann, wie häufig und wo ich es tue, weil es zu meinem Beruf gehört.)

Ende der 90er-Jahre begannen viele Trainerinnen eine Ausbildung zum „Speaker“ und stürmten auf die großen Bühnen. Dadurch entstand bei vielen Kolleginnen und Kollegen ein großer Erfolgsdruck, es ihnen gleichzutun. So auch bei meiner Teilnehmerin. Wie eine innere Erlaubnis, es auf ihre eigene Art zu tun oder zu lassen, wurde daher die Aussage „Ich will nicht“ empfunden. Sie macht selbstbestimmter. Dieses selbstbestimmte „Ich will nicht“ lag zuvor im Verborgenen und war ein latentes Talent, bevor es zum Vorschein und zum Einsatz kam und dadurch sichtbar wurde. Eine Fähigkeit also, die bis dahin nicht genutzt wurde.

Durch die vorausgegangene Übung wird unsere Komfortzone „irritiert“, und wir werden auf die Macht der Worte aufmerksam gemacht. Durch den Austausch von nur einem Verb können Sie Haltung und Gefühl zu einer Situation oder einer Begebenheit verändern! Und damit auch Ihr Verhalten. Sie bringen sich in Kontakt mit Ihren Potenzialen. In den Sätzen, die mit „Ich will nicht“ und „Ich entscheide mich“ beginnen, zeigt sich Ihre Fähigkeit, bewusst und selbstbestimmt durchs Leben zu gehen. Etwas nicht zu wollen entspringt einer anderen Haltung, als etwas nicht zu können. Etwas tun zu müssen beinhaltet eine andere Haltung, als sich für etwas zu entscheiden. Haben Sie bemerkt, dass die Verantwortung und die Entscheidung dafür bei Ihnen liegen? Natürlich ziehen Entscheidungen immer Folgen und Konsequenzen nach sich. Damit dürfen wir umgehen und daraus lernen. Und darum geht es!

(…)

***

Das Buch ist ab dem 21. September im Handel erhältlich.

 

Über die Autorin

Andrea Landschof ist Transaktionsanalytikerin, Lehrsupervisorin und Lehrcoach. Als Inhaberin des Beraterwerkes Hamburg, einem Institut für Fort- und Weiterbildung von Berater*innen und Transaktionsanalytiker*innen, begleitet sie seit über 25 Jahren Menschen bei der beruflichen Orientierung.

Danke, jetzt nicht!

Sei dein eigener Changeman

Von Horst Lempart

Sie sitzen an Ihrem Schreibtisch und ziehen Bilanz. Währenddessen scheint draußen das Leben an Ihnen vorbeizuziehen. Sie versuchen innezuhalten und sich auf den Augenblick zu besinnen. Gleichzeitig werden Sie mit unzähligen Ablenkungen konfrontiert: „Leben ist das, was an dir vorbeizieht, während du Pläne schmiedest“ habe ich neulich auf einem Plakat gelesen. Der Strom des Lebens steht nie still. Wer nicht mitschwimmt oder sich von ihm mitreißen lässt, der bleibt wie ein vertäutes Schiff am Ufer zurück. Ohne seine Bestimmung zu finden, blättert mit der Zeit der Lack ab.

„Change“ ist das Schlagwort unserer Zeit. Veränderung ist alles. Ohne Veränderung ist alles nichts. Wer nicht mit der Zeit geht, der geht mit der Zeit. Höher, weiter, schneller, unsere Leistung wird an Superlativen gemessen. Heute reicht es eben nicht mehr, ein Star oder Sternchen zu sein. Heute gehört nur Superstars die Zukunft.

Die Produktlebenszyklen werden immer kürzer. Auch kleinste Produktvariationen kommen in immer kürzeren Abständen auf den Markt. Manchmal frage ich mich, worin denn nun überhaupt die entscheidende Verbesserung liegt.

Veränderungsprozesse in Unternehmen sind die Regel, nicht mehr die Ausnahme. Mitarbeiter sind aufgefordert, durch Gesundheitsberatungen, Stress- und Resilienztrainings ihr psychisches Immunsystem zu stärken. Man könnte auch von einem betrieblichen Gesundheits-Changemanagement sprechen. So können Mitarbeiter den Veränderungsforderungen kraftvoller nachkommen.

Durch virtuelle Netzwerke rückt die Welt immer näher zusammen. Mit Internet und Mobilfunk sind wir heute im entlegensten Winkel der Welt erreichbar. Wer sich nicht auf die modernen Kommunikationsmedien einlässt, der scheint den Anschluss an die Gesellschaft zu verlieren.

Unter diesen Gesichtspunkten stelle ich mir die Frage: Wie frei sind wir überhaupt, um über unsere eigene Veränderung zu entscheiden? Neurowissenschaftler gehen einer ganz ähnlichen Frage nach: Wie frei ist unser Wille? Trifft unser Unterbewusstsein unsere Entscheidungen? Als systemischer Coach interessiere ich mich besonders für den Aspekt: Inwieweit ermöglicht uns unsere (System-)Umwelt überhaupt die Entscheidung? Und welche Rolle spiele ich als einzelne Person hierbei? Ich bewege mich hier im Feld der Sozial- und Persönlichkeitspsychologie.

Ein zentrales Bedürfnis des Menschen ist die Zugehörigkeit. Es mag heute nicht mehr überlebenswichtig sein, zu einer Gemeinschaft zu gehören. Aber die Sehnsucht, dabei zu sein, sich angenommen zu fühlen, sich mitzuteilen, Teil eines größeren Ganzen zu sein, ist nach wie vor in uns Menschen tief verwurzelt. Nie war das Angebot an „analogen“ und virtuellen Gruppen größer als heute. „Unter seinesgleichen“ zu sein scheint vielleicht dann umso verlockender, wenn man sich als eigene Persönlichkeit gar nicht mehr richtig erkennt oder wahrnimmt. Dann kann die Gemeinschaft ein Stück Identität zurückverleihen.

Das mag ketzerisch klingen. Soll es auch. Ich bin der Meinung, dass viele Anpassungsforderungen unter dem Deckmäntelchen des „Change“ daherkommen. „Change dich so, dass es für uns passt, dann passt das schon.“ Wir sollen passen: In die Organisation, in den Markt, in das politische System, in die Peergruppe. Selbst Familie und Partnerschaft scheinen in vielen Fällen heute die „Passung“ als übergeordnetes Ziel zu definieren. Verändern wir uns, um zu passen? Ist Change die ökonomische Form einer gesellschaftlich längst akzeptierten Gleichmacherei?

Ich möchte Sie dazu animieren, auch die Phasen des „Stillstandes“ als Wert zu entdecken. Ich meine damit ausdrücklich nicht die Erholungszeiten im Urlaub, das Besinnungswochenende im Kloster oder das autogene Training nach Feierabend. Ich meine auch nicht die Fünf-Minuten-to-go-Mediation. All diese Maßnahmen verfolgen in der Regel das gleiche Ziel: Uns ausreichend gut vorzubereiten für den nächsten Wandel. Als Phase des Nicht-Wandels meine ich die ganz bewusste Entscheidung, die Dinge zu lassen, wie sie sind. Sich auf das zu besinnen, was ist. Vielleicht ganz einfach zufrieden und dankbar dafür zu sein. „Nein“ sagen zu können und zu betonen: „Danke, jetzt nicht“ oder „Das passt nicht zu mir“.

In meinem Buch Das habe ich alles schon probiert gehe ich auf den großen Wert der Dauerhaftigkeit ein. Die Dauer scheint in unserer schnelllebigen, getriebenen Gesellschaft keine große Lobby mehr zu haben. Dabei kann es wichtig, manchmal sogar äußerst vorteilhaft sein, alles zu lassen, wie es ist. Sie kennen das, wenn die Zeit nicht reif ist. Oder wenn die Lösung schlimmer ist als das Problem. Oder wenn die Vorteile des Status quo bei genauerer Betrachtung doch größer sind als die Nachteile.

Es gibt eine ganze Anzahl von Gründen, warum sich Menschen mit Veränderungen schwertun. Sieben davon habe ich in meinem Buch vorgestellt. Diese „Ketten“, die zur Nicht-Veränderung zum „Un-Change“ führen, erfüllen wiederum einen Sinn. Und genau darum geht es im Kern: Veränderung muss für den einzelnen Menschen einen Sinn machen, er muss den Wandel als sinnvoll erleben. Change without sense is Nonsens.

Die große Psychoanalytikerin Ruth Cohn formulierte für ihre Themenzentrierte Interaktion (ein Arbeitsmodell für Gruppen mit dem Ziel der persönlichen Entwicklung) die Grundhaltung: Sei dein eigener Chairman. Damit ist die Aufforderung verbunden, sich selbst, andere und die Umwelt in den Möglichkeiten und Grenzen wahrzunehmen und jede Situation als ein Angebot für die eigene Entscheidung anzusehen.

Wie wäre es also mit: Sei dein eigener Changeman!

Wenn es für Sie griffiger ist: Werden Sie Ihr eigener Changemanager.

Es gehört manchmal eine größere Portion Mut dazu, „Mache ich nicht mit“ zu sagen, als sich gleich zu „changen“. Fragen Sie sich auch durchaus: Wer hat das größte Interesse an Ihrer Veränderung? Sie selber oder irgendjemand anderes?

Vielleicht ist Ihre Entscheidung, beim nächsten Change einfach mal „Nein“ zu sagen, eine ganz neue Erfahrung für Sie. Dann werden Sie merken, dass auch in dieser neuen Erfahrung der Zauber der Veränderung liegen kann, in Ihrer Veränderung.

 

P1010527  Über den Autor

Horst Lempart ist Coach, psychologischer Berater und NLP-Master. Sein Lieblingstitel ist aber „Persönlichkeitsstörer“. Er lebt und arbeitet in eigener Praxis in Koblenz. 2015 stieß sein Buch Ich habe es doch nur gut gemeint, in dem die narzisstische Kränkung in Coaching und Beratung thematisiert wird, auf großes Interesse. Am 22. Juli erscheint sein neues Buch: Das habe ich alles schon probiert. Warum wir uns mit Veränderung so schwertun. 7 Chains to Change.