Ich habe mich mehr auf zu Hause gefreut als das vorzeitige Aussteigen zu bedauern

Die einen sind mit religiösem Eifer dabei, die anderen reizt die sportliche Leistung oder die Herausforderung, mit dem Wenigsten auszukommen und einmal ganz mit sich allein zu sein. Keine Frage: Pilgern entwickelt sich zum Trend. Unser Autor Horst Lempart, ein passionierter Wanderer, hat das Pilgern ebenfalls für sich entdeckt. Das dachte er zumindest. Nach einigen hundert Kilometern stellte er dann aber fest: Einfach nur durchhalten wollen, einfach nur ankommen wollen – das kann es nicht sein! Die Erkenntnis wuchs: Wer A sagt, muss nicht unbedingt auch B sagen. Er kann stattdessen erkennen, dass A falsch war.

Manchmal braucht es eben einen langen (unbequemen) Weg, bis man versteht, was zu einem passt und was einem guttut. Eine kleine Rückschau:

 

Vom Jakobsweg auf den Holzweg und zurück

Warum ich Wandern dem Pilgern vorziehe

Von Horst Lempart

Ja, ich bin gepilgert. Und nein, ich bin nicht bis Santiago des Compostela gelaufen. Meine Erkenntnisse stellten sich schon früher ein, sodass ich nach etwa 300 Kilometern meinen Fußweg beendet habe.

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Von Bilbao bis kurz vor Gijon hat es gedauert, bis ich wusste: Pilgern ist nichts für mich. Vielleicht hätte ich mich leichter getan, ich hätte von Anfang an von Wandern gesprochen statt von Pilgern. Dann hätte es für mich möglicherweise eine andere emotionale Aufladung gegeben. So aber: Ich fühlte mich unbeteiligt, irgendwie nicht so richtig zu den anderen Pilgern dazugehörig. Über spirituelle Erfahrungen hätte ich mich gefreut, ich habe mir sie sogar gewünscht. Aber das Einzige, was meinen Geist wirklich regelmäßig beschäftigte, war die Frage nach dem Ankommen. Dabei soll auf dem Jakobsweg doch der Weg das Ziel sein.

 

Ich wandere gern und viel. Beim Wandern dosiere ich den Umfang allerdings so, dass das Ende der Wegstrecke rechtzeitig vor der Unlust erreicht ist. Das fiel mir beim Pilgern schwer. Wer in einem festgelegten Zeitrahmen 800 Kilometer zu Fuß schaffen und Santiago erreichen möchte, der geht auch weiter, wenn es keinen Spaß mehr macht. Aber ich hatte Urlaub, und meine Absicht war, Spaß zu haben!

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Ich hatte spannende Begegnungen mit tollen Menschen. Jeder hatte unterschiedliche Motive für seinen Pilgerweg, der mit viel Energie und teilweise auch Leid verbunden war: Ein Mädel hatte derart aufgescheuerte Hacken, dass sie die Fersen mit Kortison behandeln musste. Drei Tage Auszeit, nichts ging mehr. Andere Pilger freuten sich auf die Wettervorhersage: In zwei Tagen wird der Regen wärmer. Macht nichts, da muss man als Pilger eben durch.

Nein, sagte ich mir, ich will da nicht durch. Auch wenn ich wind- und wetterfeste Kleidung trage, ich finde Pilgern im strömenden Regen einfach scheiße. Außerdem will ich in meinem Urlaub einfach nicht „müssen“, sondern Dinge tun, die mir Spaß machen:

  • Gefühlte 200 Kilometer auf Asphalt laufen machte mir keinen Spaß.
  • In Mehrbett-Zimmern das Furzen und Schnarchen anderer miefender Pilger zu ertragen machte mir ebenfalls keinen Spaß.
  • Zwei Wochen aus dem Rucksack zu leben und dabei mit ganzen zwei Wandershirts, zwei Unterhosen und zwei Paar Socken auszukommen machte mir bald auch keinen Spaß mehr.
  • Morgens um sechs Uhr aufstehen zu müssen, damit man die Tagesetappe frühzeitig schafft, um einen Herbergsplatz zu ergattern, empfand ich auch nicht als die reine Erholung.

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Ich bin die Nordroute gegangen, den „Camino del Norte“ an der spanischen Atlantikküste entlang. Die Landschaft ist einfach klasse: Herrliche Strände, beeindruckende Steilküste, zarte Hügellandschaften und malerische Dörfer. Eine Reise dorthin, wo Spanien am grünsten ist, lohnt sich auf jeden Fall. Ich werde die Gegend in einem weiteren Anlauf aufs Neue für mich entdecken. Nicht in diesem Jahr, und auch nicht im nächsten. Denn ich bin auch Pinchos-satt. Kleine Appetit-Häppchen auf dem immer gleichen Weißbrot konnte ich nach acht Tagen nicht mehr sehen. Ich liebe die deutsche Brotvielfalt und einen reich gedeckten Frühstückstisch. In den Herbergen gab es morgens Toastbrot, Marmelade und Hartkekse.

 

Nach zehn Tagen des Unterwegsseins hatte ich für mich entschieden, die Rückreise anzutreten. Von dem Moment an habe ich mich mehr auf zu Hause gefreut als das vorzeitige Aussteigen zu bedauern. Rückblickend war es für mich auch kein Abbruch, sondern ein frühzeitiges Ankommen. Ich habe für mich selbst gut gesorgt, und das ist für mich eine der wesentlichen Fähigkeiten auf dem Weg der persönlichen Entfaltung.

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Über den Autor

Horst Lempart, Jahrgang 1968, ist Business-Coach in eigener Praxis in Koblenz. In der Rolle des „Persönlichkeitsstörers“ beunruhigt er Systeme und macht dadurch Entwicklung möglich. Im letzten Jahr erschien sein Buch „Ich habe es doch nur gut gemeint – Die narzisstische Kränkung“. In Kürze ist sein neues Buch Das habe ich alles schon probiert. Warum wir uns mit Veränderung so schwertun. 7 Chains to Change im Handel erhältlich.

 

Weitere Informationen zum Autor und seiner Tätigkeit erhalten Sie hier.

4 Kommentare
  1. Nadya
    Nadya sagte:

    Hey,
    mir ging es genauso. Ich habe mich von Anfang an schlecht gefühlt, weil ich die tolle Landschaft, die schöne Gegend und das gute Wetter nicht genossen habe, weil ich immer nur ans weiterkommen dachte. Pausen habe ich mir kaum gegönnt, man muss ja ankommen und die Zeit hätte nicht gereicht.
    Nach 5 Tagen hab ich mir irgendwas gezerrt, überlastet -was auch immer- und konnte nicht mehr weiter.
    Für mich kein Zeichen dafür, trotzdem weiter zu machen, sondern mal auf meine Körper zu hören und zu stoppen.
    War mein Leben lang gern unterwegs und auf Reisen und zum ersten Mal habe ich mich auf zu Hause richtig gefreut.
    Ich humpel immer noch und so gehe ich nun zu Hause langsamer als gewohnt und nehme ZU HAUSE meine Umgebung dadurch mal ganz anders wahr, habe heute auf dem Weg zum Supermarkt Dinge wahrgenommen, die ich nie vorher gesehen habe und das finde ich wirklich schön.
    Wenn ich eins gelernt habe, dann meine gewohnte Umgebung zu schätzen – mein eigenes Bett, meine frischgewaschene Kleidung und am Ende des Tages nirgendwo ankommen zu müssen.

    Antworten
    • Katharina Arnold
      Katharina Arnold sagte:

      Liebe Nadya,

      vielen Dank, dass Sie Ihre Erfahrungen mit uns geteilt haben.
      Auch wenn das Unterwegssein anders verlaufen ist, als Sie es vielleicht im Vorfeld erwartet hatten, ist das Resultat doch ganz prima: Sie sind in Ihrem alltäglichen Leben achtsamer und können das scheinar Selbstverständliche viel mehr wertschätzen und genießen. Das ist eine wunderbare Veränderung!

      Bewahren Sie sich den Blick für das kleine Glück. 🙂

      Weiterhin alles Gute wünscht Ihnen

      Ihr Junfermann-Team

      Antworten
  2. Frieda Kröger
    Frieda Kröger sagte:

    Danke fürs Deine ehrlichen Worte,
    auch ich habe die Nase voll vom Pilgern. Habe mir 2 Monate Zeit genommen, aber das Leben aus dem Rucksack, die stinkenden Klamotten, die Schmerzen in den Knien und mein leider auch schon 2. Durchfall innerhalb von 12 Tagen- es reicht. Ich möchte nur noch nach Hause. Das wird kaum jemand von meinen Daheimgebliebenen verstehen, aber soll ich mich deshalb weiter quälen?
    Nein, auf keinen Fall.
    Vieles war schön, Landschaft und Leute, aber ich kann nicht mehr. Danke fürs Lesen.
    Frieda

    Antworten
  3. Nicole
    Nicole sagte:

    Lieber Horst,

    ich weiß gar nicht, ob das hier die richtige Plattform zum antworten ist. Ich bin ein wenig irritiert, wenn ich mir jemanden beim Pilgern vorstellen konnte, dann Dich. Aber bis zu diesem Text war mir der Unterschied zwischen wandern und pilgern auch nicht wirklich bewusst.
    Deine Schilderung kann ich sehr gut nachvollziehen, und erkenne dich auch in jedem Satz wieder. Du bist dir selbst treu geblieben, dass ist ja eigentlich das Beste, was passieren kann! Oder?
    Die Bilder sind wie immer auch toll.
    Und ich bekomme diesmal auch noch ein paar mehr zu sehen?!!!!

    Antworten

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