Wir sind alle unterwegs …

Mein Weg zu mir selbst führte über die Alpen – und Ihrer?

Von Barbara Messer

„Keiner kommt von einer Reise so zurück, wie er weggefahren ist!“

– Graham Green (1904–1991)

„Es ist leicht, stark zu sein, gut anzukommen, Erfolge und Leistungen zu verbuchen. Positive Markierungen auf dem Lebensweg sind fein anzuschauen, gesetzte Ziele zu erreichen stimuliert positiv und motiviert. Weitaus schwerer ist es, zu scheitern, das Schwache in sich zuzulassen. Dabei erleben wir die Fallhöhe, den Sturz, das Schwinden, die Verzweiflung, Erschöpfung oder ähnliches, die mögliche Einsamkeit als Folge. Scheitern ist nicht wirklich en vogue, die Menschen gehen gerne darüber hinweg. Und ganz ehrlich, im trubeligen Alltag ist es leicht, darüber hinwegzugehen. Einfach Musik anmachen, chatten, shoppen, fernsehen, das nächste Projekt planen.

Lassen wir jedoch die Schwäche zu, ist das oft schmerzhaft, weil ungewohnt, weil auch negativ belegt oder zumindest negativ interpretiert.

Doch im Wahrnehmen der eigenen Fallhöhe, im Erkennen des wahren Ausmaßes der Schwäche können wir zugleich auch erkennen, wie groß der unbekannte Raum zwischen den beiden Aspekten ist, die uns bekannt sind. (Kennen Sie die U-Bahn in New York? Da heißt es „Mind the Gap“. Achten Sie auf den unbekannten Bereich zwischen U-Bahn und Bahnsteig). Wir sehen den Ausgangspunkt, und wir sehen den Endpunkt. Der Raum dazwischen wird durch das bewusste, aufmerksame Scheitern sichtbar. Dies sind in meinen Augen wichtige Parameter für die eigene Größe. Und wenn wir uns – gerade in diesen schwachen (oder auch einsamen und verzweifelten) Momenten – im Spiegel anschauen können, sehen wir uns wirklich. Ohne Maskerade und Kosmetik und wirklich wunderschön.“

Diese Zeilen stammen aus meinem Buch „Mein Weg über die Alpen: Eine Reise zu sich selbst und anderen“ (2016, S. 53 u. 54). Ich schrieb sie, nachdem ich auf der Glungezerhütte mit meiner Kraft am Ende war und den Weg erst einmal nicht fortsetzen konnte. Dies ist eines der Erlebnisse, die mich auf meiner dreiwöchigen Wanderung über die Alpen sehr stark geprägt haben. Fast gleichzeitig berichtete ich in meinem „Alpenblog“ darüber, sodass andere Menschen an meinen Eindrücken und Erkenntnissen teilhaben konnten.

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Seit 1999 bin ich als Trainerin, Rednerin, Coach und Autorin selbstständig. In all diesen Jahren ist viel passiert und nach meiner Wahrnehmung dreht sich unsere Welt schneller. Diese neue V.U.C.A.[i]-Welt fordert viel von uns Menschen, Flexibilität und ein gutes Selbstmanagement gleich voran. Nach meinem Verständnis braucht es konkrete Auszeiten, um im wahrsten Sinne die „Birne frei zu bekommen“, um wieder klar und aufgeräumt zu werden. Dies gelingt mir im Alltag mit kleinen Breaks, wie z. B. einer Sporteinheit, einer Meditation oder einem Spaziergang. Auch das kurze In-sich-Gehen oder Nachsinnen bei einer Tasse Tee hat für mich den Wert einer kleinen Auszeit, einer Besinnung auf den Moment und das eigene Ich.

Im Sommer 2016 bin ich „einfach“ losgegangen. Das Ziel: in drei Wochen die Alpen überqueren. Ich wollte diesmal mehr als eine kleine Auszeit. Ich wollte ein längeres Stück Zeit nur für mich, um innerlich aufzuräumen, auf die letzten Monate und Jahre zurückzublicken, die eine ganz besondere Zeit in meinem Leben waren. Deswegen nenne ich es In-Zeit und nicht Aus-Zeit.

Der andere Grund war die Lust auf Abenteuer, auf eine neue Herausforderung, darauf, etwas Neues zu erleben, ohne großartig etwas konsumieren oder eine weite Flugreise buchen zu müssen.

Schon früher habe ich mir solche Erlebnisse und Phasen gesucht. So bin ich mit 29 Jahren für acht Monate mit Fahrrad und Zelt in Neuseeland unterwegs gewesen, später habe ich ein Jahr als Business-Nomadin im Wohnmobil gelebt oder bin mit dem Rad über Alpenpässe geradelt und habe im Freien übernachtet.

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Auf solch einer längeren Tour durch die Natur kann man nicht an sich vorbeischauen – man ist sich ja selbst der engste Begleiter, mit dem ganzen Leben und vielen Fragen im Gepäck.

Die Natur ist eine Kraftquelle, die immer wieder zur eigenen Besinnung, Reflektion und Resilienzsteigerung, zur Fokussierung und einer innerlichen und äußerlichen Klarheit einlädt. Die Bergwelt erschloss sich mir bei dieser Wanderung im Jahr 2016 noch einmal neu, denn ich war den Wetterbedingungen ausgeliefert, erfuhr Freud und Leid des Wanderns und konnte damit die Begrenzung meiner Komfortzone ganz erheblich aufbrechen. Jeder Schritt wurde selber gegangen, das drosselt die Geschwindigkeit auf ein teils sehr meditatives Maß.

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Ich dachte während meiner Wanderung über vieles nach und konnte – ganz im Gegensatz zum trubeligen Alltag – sehr viel länger bei einer Fragstellung und deren Beantwortung verweilen.

Das waren Fragen wie:

  • Was braucht es, um glaubwürdig zu sein? Was sehen die Menschen in einem: die öffentliche Person, die man nach außen vorgibt zu sein und die man zeigen möchten? Oder sehen sie auch mal hinter die Fassade? Erkennen andere, was uns wirklich beschäftigt?
  • Wie viel Raum nimmt der derzeitige Selbstoptimierungswahn ein? Ist er angesichts einer Welt, in der Menschen vor Krieg und Hunger flüchten, angemessen?
  • Wie gelingt es uns, wichtige persönliche Beziehungen so zu gestalten, dass wir nichts (oder nicht allzu viel) bereuen, wenn dieser persönlich wichtige Mensch von uns geht – vielleicht sogar für immer. (Ich hatte in den letzten Monaten den Tod einiger Menschen zu betrauern gehabt).
  • Wie gestaltet sich die eigene Spiritualität und wie kann ich sie im Alltag leben?
  • Was braucht es, um glücklich zu sein? Wie können wir Glück und persönliche Zufriedenheit leben, wenn selbst innerhalb von Europa Terror und Krieg herrschen, wenn wir mit unserem Konsumwahn auf Kosten anderer leben?
  • Wie kann ich mich in meiner Arbeit als Trainerin, Coach und Rednerin weiterentwickeln? Was ist mein nächster Schritt? Welche Hemmschuhe, blinden Flecken und Stolpersteine habe ich anzugehen, sodass ich für andere ein kleiner Leuchtturm oder auch Mentor sein kann.
  • Welche meiner Alltagsroutinen – auch in meinen Trainings und Reden – sind überflüssig oder sollten überprüft werden? Wozu sind oder waren sie gut? Was genau könnte ich stattdessen machen?
  • Was wäre, wenn …

Nach diesen drei Wochen bin ich noch einmal mehr in meiner persönlichen Resilienz gereift, ich bin unglaublich zufrieden mit mir, dass mir diese Wanderung gelungen ist. Meine Dankbarkeit ist noch einmal mehr gewachsen, denn ich hatte nicht geahnt, wie schön und innerlich bewegend diese Bergwelt ist. Wie imposant mancher Gipfel, wie faszinierend manche Schlucht und wie schön manche Alm oder manches Tal sein kann. Die unmittelbare Natur hat mich in meiner Demut und Bescheidenheit weitergebracht, mein inneres Management ist mir vertrauter und bekannter geworden.

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Ich bin erfüllt, dass es diese Paradiese gibt und wir sie erreichen, wenn wir uns selber dort hinein bewegen. – Ähnlich wie im Training oder Coaching. Auch das lebt davon, wie wir diese Art von gemeinsamer Wanderung gestalten. Und es kann verblüffend sein, welche Ziele dabei erreicht werden können. Was haben wir im Gepäck? Wo wollen wir hin? Wie gehen wir mit den anderen Wanderern um und wie können wir uns in der Enge einer Berghütte bewegen und uns dennoch erholen, um am nächsten Tag wieder fit für die nächsten Höhenmeter zu sein?

Beziehe ich dies auf ein Training oder Coaching, stellen sich mir ganz ähnliche Fragen, denn wir sind ja alle irgendwie unterwegs – mit allem, was uns ausmacht.

Es wird sicher deutlich, dass meine Fragen und Erkenntnisse reichhaltig sind – das liegt nicht nur an mir, die ich mich selber immer wieder gerne neu erfinde, sondern an der Wanderung selbst.

Ich würde Ihnen diese Möglichkeit, neue Horizonte zu entdecken, gerne näherbringen und könnte hier noch einige Seiten weiterschwärmen von meinen Touren. Allemal besser wäre jedoch, Sie erlebten es selbst! Denn letztendlich macht jeder seine eigene Reise und stellt sich andere Fragen, die für sein Leben wichtig sind. Ich kann Sie nur ermutigen: Tun Sie es! Suchen Sie den Kontakt zur Natur, geben Sie sich den natürlichen Bewegungsabläufen hin und seien Sie ganz bei sich.

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PS.: Es müssen nicht gleich die ganzen Alpen sein! Und Sie müssen sich auch nicht ganz alleine auf den Weg machen. Vom 19. bis zum 26. August biete ich eine einwöchige Coaching-Wanderung von Bad Tölz nach Hall in Tirol an. Wenn Sie mehr darüber erfahren möchten, schauen Sie doch einmal unter www.messers-alpentour.de.

 

Barbara-Messer-Pressebild1  Über die Autorin

Barbara Messer ist Rednerin, Trainerin, Coach und Schriftstellerin. Sie ist eine Visionärin mit ausgeprägter Intuition, die oft verblüffende Lösungsansätze vermittelt und Vorträge und Trainings revolutionär anders gestaltet. Überflüssiges und Unnötiges lässt sie weg, sodass das Wesentliche sichtbar wird. Sie findet die richtigen Worte, auch Unbequemes zu benennen und Unwahres aufzuzeigen, damit eine besondere Glaubwürdigkeit sichtbar wird. Diese absolute Präsenz im Jetzt und die Wertschätzung des Moments machen es ihr möglich, Potentiale in Menschen und in Prozessen zu sehen, die anderen verborgen sind.

Web: www.barbara-messer.de

E-Mail: info@barbara-messer.de

 

[i] V.U.C.A. steht für Volatility (Volatilität), Uncertainty (Unsicherheit), Complexity (Komplexität) und Ambiguity (Ambivalenz).

Bei Giraffen zu Gast: mein Besuch in Reggio Emilia, im Centro Esserci

Rosenberg_Macht_X.inddVor gut einem Jahr erhielt ich einen Anruf aus Italien: Es gäbe ein Buch von Marshall Rosenberg zum Thema Gewaltfreie Kommunikation und Macht, das bislang nur auf Italienisch und Französisch verfügbar sei. Marshall Rosenberg habe zu diesem Thema Seminare in Italien gehalten und Vilma Costetti, die Gründerin des Centro und der Edizioni Esserci, habe 2004 aus diesen Inhalten ein Buch erstellt.

Natürlich waren wir interessiert und schlossen recht schnell einen Vertrag über die deutschsprachigen Rechte. Das Buch wurde inzwischen übersetzt, von Petra Quast, einer GFK-Trainerin, die in Italien lebt und arbeitet. Die deutschsprachige Ausgabe soll im Herbst 2017 bei Junfermann erscheinen. Soweit, so gut. Doch dann entschloss ich mich, in diesem Jahr Urlaub in der Emilia Romagna zu machen – und was lag näher als ein Abstecher nach Reggio Emilia? Gerne wollte ich das Centro Esserci besuchen, die Verlegerin Giulia Corsi kennenlernen und auch mit Petra Quast einmal persönlich sprechen. Wir einigten uns auf den 22. Mai als Besuchstermin.

Ich fuhr dann mit dem Zug von Bologna nach Reggio und wurde am

Petra Quast und Giulia Corsi

Petra Quast und Giulia Corsi

Bahnhof erwartet. Das Centro Esserci liegt ein wenig außerhalb und so hatten wir bereits unterwegs etwas Gelegenheit, uns „warm zu reden“. Und das lief schon mal ziemlich gut, trotz nicht vorhandener gemeinsamer Konversationssprache und dank der guten Übersetzung von Petra Quast. Im Centro selbst fiel mein Blick sofort auf die vielen, vielen Giraffen, die dort im wahrsten Sinne des Wortes in allen Ecken und P1020132Winkeln stecken. Aber natürlich auch auf die Bücher. Die gesamte Verlagsproduktion liegt auf Tischen, in einem Raum, der auch für Seminare genutzt wird. Mit etwas Wehmut entdeckte u.a. ich die kleinen Bilderbücher, die vor einiger Zeit bei uns in der Reihe „edition junferlino“ erschienen waren und inzwischen nicht mehr im Programm sind. Haben italienische und deutsche Leser den gleichen Buchgeschmack? Nicht so ganz. Im deutschsprachigen Raum kann man z.B. mit gut durchstrukturierten Büchern Punkten, mit Tabellen und Checklisten. Das kommt in Italien meist nicht ganz so gut an.

Aber an diesem Tag stand das Verbindende im Vordergrund. An welchen Stellen können Junfermann und Edizioni Esserci zusammenarbeiten? Außerdem gab es nach einem leckeren Mittagsessen noch eine Runde konkreter Textarbeit am Manuskript von „Gewaltfreie Kommunikation und Macht“.P1020128

Vor meiner Rückfahrt nach Bologna dreht Petra Quast noch eine Runde mit mir durch Reggio Emilia und zeigte mir die schönsten Plätze. Freunde von mir lieben diese nette kleine Stadt – und ich kann jetzt gut verstehen, warum. In den folgenden Tagen habe ich noch viel Schönes gesehen und erlebt, aber der Tag im Centro war schon etwas ganz Besonderes. Ich habe zwei tolle Frauen etwas besser kennengelernt und „dieser italienische GFK-Verlag“ ist für mich kein abstraktes Gebilde mehr, sondern sehr konkret geworden. Wenn ich jetzt nach meinem Urlaub am Manuskript der Übersetzung von „GFK und Macht“ weiterarbeite, ist diese Arbeit mit der Erinnerung an diesen schönen Tag verbunden.

Mentale Stolpersteine aufspüren und bearbeiten

Was das Unbewusste über uns verrät …

Von Gabriele Lönne

Ist Ihnen das auch schon passiert? Sie möchten irgendetwas – etwas Unverfängliches – sagen, doch es kommt etwas ganz anderes raus? Der berühmte Freud’sche Versprecher? Dann darf ich Ihnen gratulieren! In solchen Momenten machen Sie nämlich unmittelbar Bekanntschaft mit Ihrem Unterbewusstsein. Und wenn Sie jetzt meinen, dass sich dieses meist im falschen Moment meldet und offenbar auf emotionalen Stress programmiert ist, dann möchte ich Ihnen widersprechen: Ihr Unterbewusstsein passt auf Sie auf! Es meldet sich, wenn in irgendeiner Weise etwas für Sie Wichtiges in Ihrem Alltag erscheint. Freud’sche Versprecher beispielsweise sind nichts anderes als die Meinungsäußerung Ihres tiefsten Inneren. Und diese Versprecher können wir bearbeiten, indem wir nachforschen, was der Anlass und die Ursache dafür waren. Wenn sie bearbeitet sind, wird Ihnen dieser spezielle Versprecher nicht mehr passieren. Sie werden sich in entsprechenden Situationen „normal“ fühlen.

Auch unser eigenes Verhalten kann für uns manchmal befremdlich wirken. Irgendjemand oder irgendetwas zieht, von uns unbeabsichtigt, unsere Aufmerksamkeit auf sich, wir fühlen uns merkwürdig „angezogen“, vielleicht auch ausgeliefert, ohne es erklären zu können. Dann ist wiederum unser Unterbewusstsein im Spiel und führt uns ziemlich in die Irre.

Das folgende Coaching-Protokoll zeigt ein Beispiel für solch ein Verhalten. Die Wurzeln liegen in der Kindheit der Klientin. Einem Außenstehenden erscheint es zunächst absolut unerklärlich und absurd, aber es steckt durchaus eine Logik dahinter, die uns darüber staunen lässt, was das Unterbewusstsein alles mit uns anstellen kann …

***

Die Klientin kommt mir mit ausgebreiteten Armen freudestrahlend entgegen. Wir treffen uns auf der ostfriesischen Insel Norderney in einem Hotel, das direkt am Strand liegt und einen herrlichen Blick auf die stürmische Nordsee freigibt.

Wir ziehen uns in ihr Hotelzimmer zurück und richten uns auf gemütlichen Sesseln ein – wieder mit wunderbarem Blick auf die Nordsee.

Ich lasse der Klientin Zeit, sich zu sammeln. Wir schauen aus dem Fenster und schweigen.

Dann plötzlich beginnt sie zu reden.

Klientin (K): „Frau Lönne, jetzt sitze ich hier mit Ihnen und weiß nicht, wie ich anfangen soll!“

Gabriele Lönne (GL): „Wie wär’s, wenn Sie mir erzählen, wann und wie und in welcher Situation Ihnen der allererste Gedanke gekommen ist, mich anzurufen?“

K: „Das war vor ein paar Wochen. Irgendwann im Hochbetrieb. Ich hab’ mich plötzlich so schwach gefühlt! Als wenn mir alles aus den Händen gleiten würde …“

Die Stimme der Klientin ist leise geworden, fast brüchig.

GL: „Haben Sie noch in Erinnerung, wie die Situation genau war? Spielte sich vorher irgendetwas Besonderes ab? Kamen ganz bestimmte Gäste? Haben Sie Ärger mit dem Personal gehabt? Gab es etwas Außergewöhnliches?“

K (nachdenklich): „Eigentlich nicht. Es war halt Hochbetrieb in der Gaststätte, die ich betreibe. Dann sind alle immer auf 120! Hm.“

GL: „Ist Ihnen irgendetwas passiert? Das Zerbrechen von kostbarem Geschirr, die Reklamation eines Gastes, eine vergessene Tischreservierung?“

K (schüttelt den Kopf): „Nein. Nur, dass wir an dem Abend ein spezielles Menu hatten, von dem die Gäste ganz begeistert waren. (Die Klientin hält inne und überlegt laut:) Ja, da war ein Gast, der sich mit Komplimenten geradezu überschlagen hat. Er hätte nie gedacht, in einem derartigen Wirtshaus so ausgesucht köstlich essen zu können. Ich habe mich darüber ziemlich geärgert! Bei uns kann man immer gut essen! Arroganter Piefke!“

Die Augen der Klientin sprühen Funken. Sie sitzt auf einmal kerzengerade und wirkt angriffslustig.

GL: „Aha, eventuell haben wir gerade schon den ersten mentalen Stolperstein entdeckt. Wir können mit einem Test herausfinden, was Sie gestresst hat, und den Auslöser direkt bearbeiten.“

Es handelt sich hier um den sogenannten Myostatiktest. Er dient dem Auffinden von Stressoren, welche die mentale/emotionale Balance des Coachees stören/irritieren. Beim Myostatiktest bildet der Klient einen festen Muskelring zwischen Daumen und Zeigefinger, den er mit maximaler Kraft hält, während der Coach Behauptungen im Zusammenhang mit dem Coachingthema aufstellt und prüft, ob sich die Finger des Coachees voneinander lösen lassen. Öffnet sich der Ring, handelt es sich um eine Schwächereaktion, die auf Stress hinweist und die dann bearbeitet wird.

In unserem Beispiel liefert der Test ein spannendes Ergebnis. Der Trigger für den Stress am Tag des Hochbetriebs kam aus der Vergangenheit, als meine Klientin noch ein kleines Mädchen war. Es war die Mutter, die bei jeder Idee, jedem Vorhaben, jedem Plan der Kleinen immer wieder sagte: „Das klappt bestimmt nicht!“ Und wenn es dann doch erfolgreich war, kommentierte sie: „Das hätte ich bei dir aber nie gedacht!“

Wir bearbeiten die Emotionen Angst, Wut, Empörung, Trauer, Ausgeliefertsein.

Doch plötzlich wirkt die Klientin wie versteinert und gleichzeitig aufgewühlt. Sie beginnt zu weinen. Ich lasse ihr Zeit, bis sie sich langsam wieder beruhigt hat. Doch sie wirkt abwesend, irgendwie erschüttert.

GL: „Können Sie beschreiben, was Sie gerade so berührt hat?“

Die Klientin schüttelt den Kopf.

GL: „Wissen Sie was? Das können wir herausfinden! Darf ich Sie wieder testen?“

Die Klientin nickt.

Der Test bringt ein überraschendes Ergebnis. Der Stress kommt aus dem ersten Drittel der Schwangerschaft der Mutter mit der Klientin. Die Mutter hatte alles versucht, das Baby abzutreiben. Später redete sie ständig davon, dass sie auf keinen Fall ein Kind haben wollte.

Wir bearbeiten Überforderung, Schuld, Desinteresse, Nichtfühlen, emotionale Kälte und innere Leere.

Die Klientin ist erschöpft und wir beschließen, erst einmal eine Pause einzulegen und uns kurz von der Nordseeluft erfrischen zu lassen. Nach unserer Rückkehr setzen wir uns wieder zusammen. Ich frage die Klientin, ob ihr noch etwas in den Sinn gekommen sei, was wichtig zu bearbeiten wäre.

K: „Naja, da gibt es noch etwas, das mir immer unangenehmer wird, aber irgendwie kann ich es nicht stoppen …!

Es ist seltsam, aber ich habe eine Angestellte, Rosie, die mir immer mehr zusetzt, immer unheimlicher wird.“

GL: „Wodurch?“

K: „Naja, wenn im Betrieb wenig los ist, kommt sie zu mir, fängt an, irgendwelche unwichtigen Geschichten zu erzählen, und stellt mir dann auf einmal persönliche Fragen, die mein Privatleben betreffen. Ich kann mich einfach nicht dagegen wehren. Obwohl ich es nicht möchte, beantworte ich alles ganz ausführlich, gegen meinen entschiedenen Willen. Hinterher bin ich jedes Mal entsetzt, was ich ihr alles erzählt habe, und frage mich, wieso überhaupt!“

Die Klientin wirkt erregt, die Augen funkeln, ihr Gesicht ist rosa angelaufen.

GL: „Was ist Rosie für eine Angestellte? Was arbeitet sie in Ihrem Betrieb? Wie würden Sie sie beschreiben?“

K: „Also, sie ist die Empfangsdame unseres Hotels. Sie weiß eh schon mehr als erlaubt. Und sie ist die Klatschtante bei uns, bringt ständig Gerüchte in Umlauf und bringt die Leute mit ihren Geschichten ganz durcheinander! Als Mensch ist sie eher der mütterliche Typ, üppige Figur, warmherzig, freundlich, bei den Gästen sehr beliebt, so eine Art ‚Mutter der Kompanie‘. Ach, ich versteh’ einfach nicht, warum ich ihre Fragen überhaupt beantworte. Ich fühle mich dann immer wie gelähmt, ausgeliefert, ganz schwach … Himmel, ICH bin doch die Chefin! Das geht doch nicht!“

GL: „Okay dann stellen wir jetzt mal mit unserem Test fest, wo ‚der Hase im Pfeffer liegt‘!“

Wir testen „Rosie ärgert ständig“. Der Test hält! Das heißt, sie ärgert NICHT.

K (schockiert): „Ja, aber …!“

GL (legt der Klientin beruhigend die Hand auf den Arm): „Es gibt etwas, das Sie noch nicht kennen. Nicht nur ungünstige Gefühle wie Angst, Trauer, Hilflosigkeit usw. können uns aus der Bahn werfen. Gute Gefühle oder große Sehnsucht nach ihnen können uns ebenso verunsichern und quälen! Wenn es für Sie in Ordnung ist, können wir mit dem Test an der Hand die Emotionen ermitteln, die Rosie in Ihnen im Übermaß hervorruft, und sie bearbeiten. Wir können die guten – ungut wirkenden – Gefühle derart herunterfahren, dass sie Sie nicht mehr über die Maßen hinaus beeindrucken. Dann können Sie wahrscheinlich neutral und emotional unbefangen mit Ihrer Angestellten umgehen und sie in ihre Grenzen verweisen.“

Ich nehme die Hand der Klientin und teste „Rosie tut richtig gut!“. Der Test hält!

Wir neutralisieren die übermäßig guten Gefühle, sodass die Empfindungen gegenüber der Angestellten auf ein normales Maß zurückgeführt werden. Die starke Anziehungskraft  der Angestellten, hervorgerufen durch die Sehnsucht der Klientin nach einer liebevollen Mutter, wird aufgehoben und weicht einem neutralen Empfinden. Der unerklärliche Mitteilungsdrang ist bearbeitet. Die Klientin kann jetzt ein unbefangenes Verhältnis zu ihrer Angestellten aufbauen. Ihr Unterbewusstsein hat die gefühlskalte Mutter der Vergangenheit endlich verarbeitet.

***

Sie sind jetzt wahrscheinlich irritiert oder überrascht, vielleicht sogar schockiert? Es kommt häufiger vor, als wir meinen, dass unsere Wünsche, Träume, Verletzungen, dass Erlebnisse aus Kindheitstagen tief in uns vergraben sind – mental noch nicht verarbeitet und immer noch „aktiv“. Und es reicht nur ein kleiner Anlass, eine Begegnung oder ein Erlebnis, um daran zu rühren. So wie die Angestellte Rosie mit ihrer warmherzigen, mütterlichen Persönlichkeit die Sehnsucht aus der Kindheit ihrer Chefin wiederbelebt hat, der wiederum kein „vernünftiges“ Mittel zur Verfügung stand, um sich dagegen wehren zu können. Unterbewusstsein gegen Verstand! Das Unterbewusstsein produziert psychosomatische Symptome, gegen die der Verstand nichts auszurichten weiß.

Wenn Sie Situationen erleben, in denen Sie das Gefühl haben, etwas gegen Ihren Willen tun zu „müssen“, ohne selbst „vernünftige“ Gegenwehr leisten zu können, kann ich Ihnen nur empfehlen, mit einem guten Therapeuten oder Coach darüber zu reden. Das Phänomen lässt sich aufklären und bearbeiten. Werden Sie nicht zum Opfer Ihres Unterbewusstseins! Bleiben Sie der Chef!

 

Lönne  Über die Autorin

Gabriele Lönne, Heilpraktikerin (Psych), arbeitet als Business Coach (EANLP), Lehrtrainerin wingwave® und Unternehmensberaterin für den Mittelstand. Weitere Informationen erhalten Sie hier.

Die Gewissheit, dass das (Buch-)Baby gut zur Welt kommt

Viele Menschen träumen davon, ein Buch zu schreiben – und einen Verlag zu finden, der es auch veröffentlichen will. Unsere Autorin Evi Anderson-Krug ging ebenfalls schon länger schwanger mit der „Idee Buch“. Hier berichtet sie – in Kurzform – welche Etappen sie auf dem Weg zum eigenen Buch zurückgelegt hat und was angehende Autoren berücksichtigen sollten, um einen Fuß in die Verlagstür zu bekommen.

Nicht immer ist der Weg so zielgerade und gesäumt von glücklichen Zufällen, aber eine gute Vorbereitung kann schon im Vorfeld Hindernisse beseitigen und für einen guten ersten Eindruck sorgen.

Das Buch von Evi Anderson-Krug Einfach improvisiert – Improtheater-Tools in NLP-Ausbildungen und im Training ist übrigens ab sofort im Handel erhältlich.

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Das Exposé – mein Bewerbungsschreiben an den Verlag

Von Evi Anderson-Krug

Vielleicht kennt ihr das auch? Ihr habt eine Idee, einen Wunsch, und dieser Wunsch formiert sich zu einem Ziel. Und auch wenn ihr noch nicht genau wisst, wie ihr dieses Ziel erreichen werdet, seid ihr doch sicher, dass ihr es schafft. Genau diese Gewissheit hatte ich, als sich meine Ideen und Gedanken zu meinem Buchprojekt langsam in meinem Kopf sammelten. Das ist mein Buch-„Baby“ – und ich bringe es irgendwie, irgendwann zur Welt. Die einzelnen Schritte dahin waren mir noch längst nicht klar, doch ich hatte auch keine Eile. Es würde sich schon so entwickeln.

Die nächste Gelegenheit, das Thema voranzubringen, bot sich auf dem jährlichen Landsiedel-Sommerkongress in Schloss Zeilitzheim. In diesem Jahr, es war 2014, genehmigte ich mir nach einigen spannenden Vorträgen eine Pause, ich genoss die Kühle und Ruhe im Innenhof und stöberte durch die neuen Bücher des Junfermann Verlags. Der Verlag präsentierte in diesem Jahr zum ersten Mal einen Büchertisch auf dem Kongress. Ich kam schnell mit den beiden Mitarbeiterinnen, Monika Köster und Simone Scheinert, ins Gespräch und fragte, wie ich vorgehen solle, falls ich mal ein eigenes Buch veröffentlichen möchte. Die beiden waren sehr hilfsbereit. Sie gaben mir den Tipp, vielleicht auch erst mal einen Artikel für die Fachzeitschrift „Kommunikation und Seminar“ zu schreiben. Und erwähnten, dass auch Regine Rachow, die Chefredakteurin der Zeitschrift, anwesend sei und dass sie mich gern mit ihr bekannt machen wollten. Außerdem rieten sie mir, doch auch mal einen von mir verfassten Text einzureichen, damit der Verlag meine Art zu schreiben kennenlernen konnte.

In dem Moment fiel mir ein, dass in diesem Raum auch das Landsiedel-Kongressbuch 2011 lag, in dem ich schon einen Artikel veröffentlicht hatte. Frau Scheinert begann zu lesen und strahlte mich an: „Da will ich ja gar nicht mehr aufhören, das ist ja total klasse geschrieben!“ Was für ein Kompliment aus dem Mund einer Fachfrau! Ich war happy. Kurz danach machten sie mich mit Regine Rachow bekannt. Auch sie zeigte sich begeistert von meinem Text und wir zogen uns zu einem Gespräch in den Barock-Garten zurück. Das war ein Volltreffer. Regine entpuppte sich als amüsante, kluge und warmherzige Gesprächspartnerin, die mit ihrer Fachkenntnis sofort die richtigen Fragen zu meiner Arbeit stellte. Wir vereinbarten, dass ich nicht nur einen Beitrag, sondern fürs gesamte kommende Jahr eine komplette Artikelserie zum Thema „Impro in Seminaren“ schreiben würde. Was für eine tolle Chance! Der erste Schritt in die richtige Richtung.

Natürlich ist es nicht notwendig, erst Zeitschriftenartikel zu schreiben, um ein Buch zu publizieren. Für mich stellte es sich jedoch als wichtiger Meilenstein heraus. So platzierte ich alle zwei Monate einen neuen Artikel in der Zeitschrift, die inzwischen in „Praxis Kommunikation“ umbenannt worden war. Die Zusammenarbeit mit Regine, die meine Texte noch redigierte, war ein großer Gewinn für mich. Ihr Feedback und ihre kleinen Änderungen in meinen Texten waren immer sehr wohlwollend, wertschätzend und – was mich am meisten freute – unglaublich begeistert. Sie schätzte die Zusammenarbeit mit mir ebenso, wie ich ihre Unterstützung schätzte. Ich lernte schnell, welche Formulierungen und Ideen gut ankamen, und welche ich getrost weglassen konnte.

Eines Tages – ich hatte kurz vorher „Buchprojekt/Regine anrufen“ in meinem Terminplaner notiert – ploppte eine Nachricht von Regine in meinen Mail-Account. Sie stellte ihre neue Website für angehende Autoren vor, und sie hatte dort auch einige Fragen formuliert, die sich ein Autor stellen sollte, wenn er ein Buch veröffentlichen will. „Welchen Nutzen wird der Leser/die Leserin aus der Lektüre ziehen? – Wen möchten Sie mit dem Buch ansprechen“. Ebenso Fragen danach, was genau mich als Autorin dafür prädestiniert, dieses Buch zu schreiben. Und wie es sich von anderen Werken unterscheidet, die zum gleichen Thema schon auf dem Markt sind. Eine große Handvoll wohldurchdachter Fragen. Diese Fragen konnte ich aus dem Stegreif beantworten.

Im Prinzip war das schon die gründliche Vorbereitung auf das Buch und seine Vermarktung. Die Voraussetzung für ein Exposé.

Ich rief Regine an, erzählte ihr von meiner Idee und bat sie um ihre Unterstützung. Sie war sehr angetan davon, meinte auch, dass es nach den Fachartikeln auch Zeit für das Buch wurde. Ob ich denn schon eine Idee hätte, bei welchem Verlag ich publizieren wolle, fragte sie mich. Als ich Junfermann als Wunschverlag nannte, war sie begeistert. Ja, das könne sie sich auf jeden Fall vorstellen. Sie hätte zwar keinen Einfluss auf die Auswahl der Buchprojekte dort, könne mich jedoch beim Erstellen des Exposés unterstützen, sofern ich das wollte.

Ein Exposé ist ein erster Entwurf für den Verlag. Es ist gleichermaßen eine Werbung für das Projekt, beschreibt kurz und knapp, worum es geht, wer die Zielgruppe ist und welchen Nutzen der potenzielle Leser hat. Jeder Verlag hat da individuelle Vorgaben, und es macht Sinn, sich diese Vorgaben vom Verlag zu holen. So wird meist besonders ein Augenmerk auf die Kernaussagen und die Botschaft des Buches gelegt und natürlich darauf, ob und wie es ins Verlagsprogramm passt. Es fiel mir leicht, die einzelnen Punkte zu bearbeiten. Ich konnte es einfach so „herunterschreiben“, was für mich ein erneuter Beweis dafür war, wie lange ich mich schon gedanklich damit beschäftigt hatte. Eine Frage bereitete mir jedoch Kopfzerbrechen: Wie viele Seiten sollte das Buch ungefähr haben? Der Verlag wollte das konkret wissen. Ich hatte keine Ahnung. Das Buch war ja noch nicht geschrieben. Manche Autoren beschäftigen sich erst dann mit dem Publizieren, wenn das Manuskript schon fertig in der Schublade liegt und die Seitenzahl feststeht.

Also ging ich ganz pragmatisch vor. Ich zog mir einige Bücher aus dem Regal und schätzte anhand der Buchrücken ab, wie dick mein Werk sein sollte. Zwei Zentimeter schienen mir eindeutig zu viel, ein halber Zentimeter zu wenig. Ich entschied mich für irgendwas dazwischen, einen Finger breit. Eine reine Bauchentscheidung. Dann blätterte ich durch, wie viele Seiten dieses Buch hatte – 120. Klang doch gut, schien mir vernünftig, eine gute Größe. Also notierte ich in meinem Exposé unter „voraussichtliche Seitenzahl“: 100 – 120. Ich war zufrieden. Ab an den Verlag mit meinem Vorschlag.

Alle paar Wochen hatte der Verlag eine Teamsitzung, in der auch neu eingereichte Buchvorschläge besprochen und ausgewählt wurden. Mitte September, an einem Freitagnachmittag, erhielt ich die Nachricht, dass sich der Verlag entschieden hatte, mit mir das Buch zu publizieren. Ich machte Freudensprünge! Das war grandios. Ein paar Tage später flatterte dann auch der Vertrag ins Haus, ich hatte ein Jahr Zeit, das Buch zu schreiben. Die Veröffentlichung sollte dann einige Monate später, im Frühjahrsprogramm 2017 sein.

Es konnte losgehen.

 

Anderson-Krug-290x300  Über die Autorin

Evi Anderson-Krug ist Diplom-Sozialpädagogin (FH), Inhaberin von Flipchart on demand, Lehrtrainerin (DVNLP), NLP Master Trainer (IN), Master-Coach (DVNLP), Schauspiel/Improvisation/Masterclass.

Yoga – das Wundermittel gegen Stress?

Innehalten und durchatmen: Yoga gegen Stress

Von Maria Wolke

Das Telefon klingelt, die Arbeit ruft, das Baby schreit und das Haus muss auch noch geputzt werden … Ommmmm … Der Stress im Alltag und im Beruf lässt nie lange auf sich warten.

Noch vor zehn Jahren hätte ich in einer solchen Situation die „Fassung verloren“, hätte versucht, um jeden Preis die Ansprüche meiner Umwelt zu erfüllen, und mich dabei früher oder später vor lauter Stress selbst verloren.

Dann begegnete mir der Yoga.

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Heute atme ich in „taffen Zeiten“ einige Male tief ein und aus, senke meinen Oberkörper nach vorne (vgl. Bild oben) und schließe für einen kurzen Augenblick meine Augen. Ich „erde“ mich. Mittels einfacher Yoga-Techniken habe ich gelernt, wieder „bei mir“ anzukommen und zu spüren, „wenn das Fass überläuft“.

So, wie es mir noch vor zehn Jahren erging, geht es tagtäglich vielen Menschen. Sie werden Auf Schritt und Tritt mit Überlastung, Unzufriedenheit und Stress konfrontiert. Das Gefühl der Überforderung und der Eindruck, „das alles“ nicht mehr zu schaffen, sind keine seltenen Phänomene mehr. Genau da beginnt der Stress, uns krank zu machen.

Aber was ist eigentlich Stress?

Stress ist die Antwort unseres Organismus auf alle aufwühlenden Ereignisse aus der Umwelt. Dabei können sowohl positive Erlebnisse (wie die Begegnung mit der Person des Begehrens) als auch die überraschende Konfrontation mit Gefahr (wie die Begegnung mit einer Schlange) eine psychobiologische Stressreaktion auslösen. Die Symptome gleichen einander: Das Herz beginnt zu pochen, wir schwitzen, sind wie „versteinert“, wie auf der „Lauer“. Diese Symptome haben wir dem Sympathikus zu verdanken, dem Bereich des vegetativen Nervensystems (VNS), der uns gewissermaßen aufstachelt und der vor allem dann aktiv wird, wenn wir aufgeregt sind oder uns in Gefahr befinden. Langfristig überfordert diese starke körperliche Notfallreaktion den Organismus und wirkt destabilisierend. Der langandauernde Überschuss der Stresshormone im Blut stört das subtile Gleichgewicht der körperinternen Vorgänge und beeinflusst die Herzfrequenz, den Blutdruck und alle anderen wichtigen Körperfunktionen ungünstig. Gerät dieses subtile Gleichgewicht immer wieder durcheinander, werden wir krank.

Die Folgen von chronischem Stress

Viele Menschen sind täglich ungesunden Lebens- und Arbeitsverhältnissen ausgesetzt. Sie stehen „unter Strom“, hetzen von Termin zu Termin oder leiden still zu Hause vor sich hin, da sie es nicht schaffen, sich aus einer ungesunden familiären Konstellation zu lösen. Diese alltäglichen, oftmals als „normal“ akzeptierten Belastungen erzeugen Stress im Körper und haben langwierige, teilweise gravierende Folgen. Meist sind es zuerst leichte, fast unmerkliche Anzeichen wie ein veränderter flacher Atem, innere Angespanntheit, Nervosität und stärkeres Schwitzen, die uns aufhorchen lassen sollten. Der Körper schlägt Alarm und möchte uns darauf aufmerksam machen, dass es zu viel ist. Langfristig ignoriert kann die Stressbelastung, durch den Schaden, den sie im Körper und im Gehirn anrichtet, manifeste körperliche und psychische Erkrankungen verursachen:

körperlichen Langzeitfolgen von Stress Psychische Langzeitfolgen von Stress

unterschiedliche Herzkrankheiten

Arthritis

ein beschleunigter Alterungsprozess

Fettleibigkeit

diffuse körperliche Beschwerden wie Schlafstörungen, Rückenschmerzen, Kopfschmerzen, Bauchschmerzen

ständiges Grübeln

Entscheidungsschwäche

Konzentrationsschwierigkeiten

Gereiztheit und/oder Aggressivität

übermäßige, oft unbegründete Ängste

Depressionen

Missbrauch von Alkohol und anderen Drogen

ständige Müdigkeit

gestörtes Essverhalten

reduzierte sexuelle Lust

Die Forschung beweist: Yoga „entstresst“ und entschleunigt!

„Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg“ sagt das bekannte Sprichwort … Und ja – es ist tatsächlich möglich, sich mittels einfacher körpereinbeziehender Techniken aus dem Stress-Kreislauf zu befreien. So konnten auch zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen beweisen: Der Yoga lindert den Stress. Er gibt Kraft und Selbstvertrauen und macht langfristig zufriedener und gesünder.

Yoga ist nicht gleich Entspannung

Bis heute gehen viele Menschen davon aus, dass die positiven Effekte des Yoga vor allem auf seine entspannende Wirkung zurückzuführen sind. Yoga ist allerdings nicht gleich Entspannung. So konnten unter anderem australische Wissenschaftler zeigen, dass einfache Entspannungstechniken bei Stress nicht die gleiche Wirkung haben wie der 5000 Jahre alte Yoga. Das ist auch leicht nachvollziehbar, betrachtet man etwas ausführlicher die uralten philosophischen Grundlagen des antiken Yoga. Die körperliche Yogapraxis – die Yoga Asana – sollen den Praktizierenden körperlich und psychisch auf das lange Verweilen im Meditationssitz (Lotussitz) während der Meditation vorbereiten. Pranayama – die Atemübungen des Yoga – wirken zentrierend und disziplinieren den Körper und den Geist. Die Meditation (das Nach-innen-Wenden der Aufmerksamkeit) ist wohl die ursprünglichste Form des Yoga. Sie führt dazu, dass wir uns kennenlernen, und stärkt über die bewusste Ausrichtung der Aufmerksamkeit die Fähigkeit, die eigenen Emotionen und Handlungen zu kontrollieren. In der Meditation lernen wir, zum Beispiel durch die Beobachtung des eigenen Atems (siehe unten), uns auf den gegenwärtigen Moment zu konzentrieren. Wir lernen zu sein, ohne zu tun … – gar nicht so leicht vorstellbar, oder? Sind die meisten von uns doch eher ein gestresstes Rumrennen anstelle von Interozeption (wie es in der Fachsprache heißt) gewöhnt.

Meditation fördert einen konstruktiven Umgang mit Stress

Entgegengesetzt zu dem, was uns im Alltag begegnet (Schnelligkeit, Lautstärke, Druck, Hektik), wirkt die Meditation unter anderem durch die bewusste Konfrontation mit der Stille. Wir setzen uns dabei in Ruhe hin, sorgen dafür, dass uns weder die Kinder noch das Handy stören, und schließen für einen kurzen Augenblick unsere Augen. Ein Gedanke wird dem nächsten folgen. So ist nun mal die Natur des Geistes. Deswegen ist Meditation mit Mentaltraining vergleichbar. Erst bei wiederholter Übung werden wir immer und immer besser. Mit jedem wiederholten Meditationsversuch werden wir immer mehr begreifen, was unter Meditation „gefühlt“ verstanden werden kann.

Atemmeditation

Eine Möglichkeit, die Meditation zu erlernen, bietet das Beobachten des eigenen Atems. Indem wir spüren, wie sich mit jedem Einatmen die Bauchdecke hebt und mit jedem Ausatmen wieder senkt, konzentrieren wir unsere gesamte Aufmerksamkeit weg vom Stress – hin zu uns selbst und unserer Körpermitte. Langfristig eröffnet uns diese Übung einen Weg, über die Steuerung der Aufmerksamkeit einen anderen, neuen Umgang mit dem, was uns begegnet und belastet, zu erlernen. Kombinieren wir diese Atemtechnik mit dem Ujjayi Pranayama (vgl. unten), werden wir relativ schnell merken, wie der „Krieg im Kopf“ einer angenehmen inneren Ruhe weicht. Seit vielen Jahren atme ich in Situationen, die mich emotional berühren Ujjayi. Ganz unbemerkt für mich. Egal wo ich mich auch befinde, habe ich in dieser Atemtechnik ein Instrument gefunden, welches mich zuverlässig und immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückbringt und beruhigt.

Das Ujjayi Pranayama

Während wir Ujjayi atmen, verschließen wir aktiv den Kehlkopfbereich und kontrollieren so bewusst den Ein- und Ausatemvorgang. Ein vergleichbares Gefühl im Kehlkopfbereich kann zu Beginn der Praxis mechanisch, durch das Absenken des Kopfes (vgl. Bild 2 und 3) erzeugt werden. Das durch die Kopfsenkung verursache sachte „Rauschgeräusch“ (Haaaaa) ist einzigartig und lässt uns spüren, was unter „Ujjayi-Atmung“ zu verstehen ist. Eine weitere Möglichkeit, Ujjayi zu erlernen, bietet die Vorstellung, einen Spiegel bei geschlossenem Mund anzuhauchen, sodass dieser beschlägt … Haaaaa … Haben Sie es geschafft, das Rauschgeräusch zu erzeugen, verbleiben Sie für ca. 5 Minuten in diesem Pranayama.

Die Wirkung der Ujjayi-Atmung auf den Körper und den Geist ist auch der Wissenschaft nicht neu. Seit vielen Jahren empfehlen immer mehr Yoga-Kenner und -Erforscher die Ujjayi-Atmung zur Linderung von Depressionen und Stresssymptomen.

Bild 2   Bild 3 

(Bild 2 und 3)

Auch Yoga Asana lindern die körperliche Antwort auf Stress

Auch die körperlichen Stellungen des Yoga, die Yoga Asana, beeinflussen die neurophysiologischen Vorgänge im Gehirn und im Körper. Sie wirken genau dort, wo der Stress das innere Gleichgewicht bedroht, und beruhigen die auf Hochtouren laufenden Prozesse des Vegetativen Nervensystem (VNS). In akuten Stressphasen sollten deshalb vor allem die Asana praktiziert werden, die den Sympathikus hemmen und den Gegenspieler, also den Parasympathikus (den Bereich des VNS, der uns beruhigt), aktivieren können. Besonders geeignet dazu sind ausatmungsfördernde Asana wie zum Beispiel:

  1. Paschimottan asana (die sitzende Vorwärtsbeuge)

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Paschimopttanasana – Variation 1 + 2

  1. Adho Mukha Svanasana (der herabschauende Hund)

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Adho Mukha Svanasana – Variation 1 + 2

  1. Hasta Hada Asana (die Vorwärtsbeuge im Stehen)

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Hasta Pada Asana – Variation 1 – 3

Die genannten Asana entspannen den Körper und den Geist und bringen innerhalb von Minuten den gesamten Organismus zur Ruhe. Die deutlichsten Effekte können vor allem dann erreicht werden, wenn die dargestellten Asana bis zu 2 Minuten gehalten werden.

Während der Yoga-Asana-Praxis ist es wichtig, auf sich selbst und seinen Körper zu achten. Werden die körpereigenen Grenzen nicht respektiert, kann der Yoga schaden. So sollten die dargestellten Asana bei chronischen Beschwerden in der Lendenwirbelsäule und bei starkem Bluthochdruck nur unter der Aufsicht eines erfahrenen Lehrers praktiziert werden.

Yoga – das Wundermittel im Umgang mit Stress?

„Ich weiß nicht, ob es besser wird, wenn es anders wird. Aber es muss anders werden, wenn es besser werden soll.“

(Georg Christoph Lichtenberg)

Und das bestätigen auch all die großen philosophischen Schriften: Es kann anders und besser werden, wenn wir aktiv handeln! Gerade chronisch gestresste Menschen sollten, wann auch immer sie 60 Sekunden „Luft haben“, die Augen schließen und in Ruhe ein- und ausatmen. Diese einfache Übung macht Praktizierende langfristig stressresilienter (widerstandsfähiger). Ohne den eisernen Willen, sich besser fühlen zu wollen, und ohne die konsequente Bemühung, in die entsprechende Richtung zu handeln (zum Beispiel durch Yoga), wird sich im eigenen Leben nichts verändern. Auf alles andere haben wir keinen Einfluss.

MERKE: Wir können die Umwelt nicht verändern. Aber wir können lernen zu entscheiden, wie und ob wir auf die Ereignisse um uns herum reagieren wollen.

 

Wolke_Maria  Über die Autorin

Dr. Maria Wolke ist Mama, Autorin und Yogatherapeutin. Sie lebt und arbeitet in Deutschland und Spanien und vermittelt international die Wege des Yoga bei psychischen und körperlichen Leiden. In diesem Frühjahr erscheint bei Junfermann ihr Buch: „Yoga für die Seele – Psychische Erkrankungen umfassend behandeln“.

Selbsthypnose als Instrument zur Selbstoptimierung

Selbsthypnose ist nicht nur ein faszinierendes Phänomen, das jeder von uns schon einmal im Alltag erlebt hat. Systematisch und gezielt eingesetzt ist sie vor allem äußerst effektiv. Sie kann zur Stärkung bei ernsthaften Krankheiten ebenso verwendet werden wie im Umgang mit kleineren „Zipperlein“. Leider wissen noch zu wenige Menschen, wie sie diese Methode für sich nutzen können.

In ihrem neuen Buch „Wie eine leichte Brise – Lebenshilfe durch Selbsthypnose“ bietet Sigrun Kurz die ideale Einführung in diese Technik. Wir haben sie zu ihren Erfahrungen mit Hypnose und Selbsthypnose befragt.

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Liebe Frau Kurz, soeben ist Ihr zweites Buch „Wie eine leichte Brise – Lebenshilfe durch Selbsthypnose“ erschienen. Was war bisher das bemerkenswerteste Ereignis oder das verblüffendste Ergebnis, das Sie im Kontext Hypnose/Selbsthypnose erlebt haben?

Da gibt es viele bemerkenswerte Erfahrungen. Besonders beeindruckend ist immer wieder die Minderung von Schmerzerleben oder die Beschleunigung von Wundheilungen. Aber auch, wenn es um die Veränderung von Verhaltensweisen geht, bin ich immer noch und immer wieder begeistert, was mit Hypnose und Selbsthypnose möglich ist. Besonders berührt hat mich erst kürzlich eine deutliche Verbesserung der Haut bei einer jungen Frau mit einem schweren Juckreiz. Sie hatte schon diverse Cremes ausprobiert und nichts hatte ihr geholfen. Bereits nach zwei Hypnosebehandlungen war das Hautbild wie ausgewechselt. Und sie war natürlich sehr glücklich.

Was macht die Selbsthypnose Ihrer Ansicht nach zu einem so wirkungsvollen Instrument im Alltag?

Wir alle begleiten den ganzen Tag über unser eigenes Handeln im Rahmen der sogenannten Selbstkommunikation fortwährend mit Vorstellungen und internen Kommentaren wie etwa „Das schaffst du!“, „Das krieg ich gebacken!“ oder „Na, das wird doch wieder nichts“. Damit geben wir uns immerzu grundlegende und richtungweisende Selbstsuggestionen, und die wirken natürlich. Es ist also naheliegend, hier gezielt und geplant Einfluss zu nehmen. Und genau da setzt die Selbsthypnose an. Wir lernen damit, auf unsere Suggestionen zu achten und vor allem sie systematisch und in positiver bzw. gewünschter Richtung zu verwenden. Selbsthypnose ist sozusagen ein Instrument zur Selbstoptimierung. Und damit ist es eine hervorragende Möglichkeit, das persönliche Wohlbefinden zu vergrößern. Warum sollten wir darauf verzichten?

Braucht es bestimmte Voraussetzungen oder persönliche „Talente“, damit die Selbsthypnose gelingt?

Im Prinzip kann jeder Mensch Hypnose anwenden bzw. Selbsthypnose praktizieren. Wir tun das sogar alle gelegentlich unbemerkt und nebenbei, beispielsweise wenn wir beim Blättern im Reisekatalog ins Träumen geraten – dann sind wir in einer angenehmen kleinen Wohlfühl-Trance. Manchen Menschen fällt das besonders leicht, das sind die Fantasievollen. Voraussetzung für das Hineinbegeben in eine gezielte Hypnose ist natürlich der persönliche Wunsch und Wille, genau dies zu tun. Wenn ich das nicht will, wird es auch nicht geschehen.

Was erwartet die Leser Ihres Buches? Und welche Erwartungen, die in Bezug auf die Selbsthypnose an Sie herangetragen werden, können nicht erfüllt werden?

In meinem neuen Buch gebe ich zuerst eine kurze allgemeine Einführung in die Methode. Aber der Schwerpunkt sind die praktischen Anleitungen. Ich zeige sieben verschiedene Wege, um in Trance hineinzugelangen. Und dann folgen Hypnoseanleitungen für alle möglichen Anlässe. Dieses Buch zielt nicht auf die Hilfe bei Erkrankungen, sondern es handelt sich um Hilfestellungen für ganz gewöhnliche Gelegenheiten und alltägliche Alltagssituationen, angefangen mit Trance zum Wohlfühlen und Entspannen, über Ermutigung, Trost, Stärkung der Kreativität bis hin zu bevorstehenden Zahnarztbesuchen, Muskelverspannungen oder als Einschlafhilfe. Auf einer beiliegenden CD gibt es einige gesprochene Beispiele, um noch besser in die Methode hineinzufinden.

Mit diesem Buch hat man eine gute Grundlage, um Selbsthypnose zu erlernen bzw. praktizieren zu können. Manches gelingt dabei ganz leicht, manches muss man vielleicht ein bisschen üben. Denn auch bei der Selbsthypnose ist es so: Übung macht den Meister. Und natürlich ist Selbsthypnose kein Zaubermittel. Das Loch im Zahn werde ich –leider – weiterhin beim Zahnarzt versorgen lassen müssen, und das Lernen für eine Prüfung wird mir auch nicht erspart. Aber die Hypnose kann mir helfen, dass all das leichter gelingt und erfolgreich zum Einsatz kommt.

Gibt es ein allgemeines Rezept, wie lange oder wie oft man Selbsthypnose anwenden sollte, um den größtmöglichen Nutzen zu erzielen?

Nein, da gibt es keine allgemeingültigen Rezepte. Jeder Mensch ist anders und jede Lebenssituation hat ebenfalls ihre Besonderheiten. Manchmal braucht man die Selbsthypnose immer wieder, beispielsweise zum Einschlafen, und manchmal werden nur wenige oder nur eine einzige Anwendung gebraucht, vielleicht bei einer Verletzung, um die Heilung zu unterstützen. Und natürlich können Hypnose und Trance immer wieder benutzt werden, um sich zu entspannen und sich wohlzufühlen.

Welche Problembereiche sind besonders geeignet, um sich mit der Methode Selbsthypnose Erleichterung zu verschaffen? Welche gar nicht?

Besonders geeignet sind Anlässe, bei denen es um die inneren Vorstellungen oder auch die Funktionen unseres Körpers geht, also um sich zu beruhigen und zu stärken, wenn wir angespannt oder ängstlich sind. Das wirkt sich oft auch auf die körperliche Ebene aus. So kann die Selbsthypnose zum Beispiel auch mithelfen, den Blutdruck zu senken.

Natürlich hat auch die Hypnose ihre Grenzen. Bei akuten Erkrankungen brauchen wir selbstverständlich unbedingt ärztliche Hilfe. Und auch Schmerzen verlangen durchaus nach einer medizinischen Abklärung. Da wäre es verkehrt, auf Trance zu setzen, allenfalls zur Überbrückung bis zur Untersuchung.

Selbstverständlich kann Hypnose auch nicht das Üben oder Trainieren ersetzen. Sie kann uns aber dabei helfen, dass das Konzentrieren und Lernen leichter geht, und dass wir in einer Leistungssituation all unsere Kräfte und Ressourcen bestmöglich zum Einsatz bringen.

Die (Selbst-)Hypnose-Texte aus Ihren Büchern und viele von denen, die Sie in Ihrer Praxis einsetzen, stammen aus der eigenen Feder. Was inspiriert Sie beim Verfassen neuer Anleitungen?

Ja, da brauche ich schon meine Phantasie. Oft schöpfe ich aus Erlebnissen, die ich selbst gemacht habe, und übersetze diese dann für die Erfordernisse meines Gegenübers. Inspirationen finde ich auch in Geschichten und Märchen. Und manchmal bringen auch Patienten selbst wertvolle Anregungen aus ihrer eigenen Lebenserfahrung bereits mit.

Selbsthypnose wird von vielen Menschen noch immer sehr kritisch betrachtet, obwohl die wohltuende, durchaus auch heilsame Wirkung inzwischen bewiesen ist. Vermutlich tragen „schwarze Schafe“, die beispielsweise Show-Hypnose als die klassische Hypnose „verkaufen“, zu den Zweifeln bei. Woran erkennt ein Laie denn seriöse Angebote?

Zuerst kann man sich am Grundberuf eines Anbieters orientieren. Hypnose für heilkundliche Zwecke dürfen nur Ärzte, Psychotherapeuten und Heilpraktiker anbieten. Dann ist als zweites die Frage erlaubt, wo die Hypnose gelernt wurde. Skeptisch sollte man vor allem immer dann werden, wenn man sich zu etwas gedrängt fühlt und wenn allzu großartige Versprechungen gemacht werden. Hypnose zu Zwecken der Unterhaltung oder als Show ist in vielen Ländern bereits verboten, bei uns in Deutschland leider noch nicht.

Wann raten Sie zu professioneller Unterstützung? Wann wäre Selbsthilfe durch Selbsthypnose also überfordernd für den Einzelnen oder sogar gefährlich?

Das merkt man meistens selbst ganz schnell. Wenn die Thematik und die Probleme sehr umfassend sind, kann ich mich alleine nicht genug auf die Methodik der Hypnose konzentrieren. Dann brauche ich professionelle Hilfe. Das gilt auch bei besonderen psychiatrischen Erkrankungen.

Gibt es eine kleine Übung/eine Suggestion, die Sie hier kurz vorstellen könnten, um sie den Interviewlesern mit auf den Weg zu geben?

So eine kleine Übung erlaubt allenfalls ein Hineinschnuppern. Das ist aber nur ein erster Schritt zum Nutzen der Vorstellungskraft. Denn um Selbsthypnose wirklich kennenzulernen, wird schon etwas ausführlichere Anleitung benötigt – sonst hätte ich ja auch das Buch nicht zu schreiben brauchen. Aber eine kleine Vorstufe dazu, um positive Suggestionen zu stärken, kann ich anbieten:

„Wenn Sie sich stärken möchten, legen Sie sich auf Ihr Sofa und schließen Sie die Augen. Atmen Sie einige Male gut durch, langsam und ruhig. Entspannen Sie sich ein bisschen. Und dann suchen Sie sich in Ihrer Vorstellungskraft einen Ort aus Ihrem Leben, an dem Sie sich richtig gut gefühlt haben. Das dauert vielleicht einen Augenblick, bis Sie den gefunden haben und sich dort hineinvertiefen können. Nehmen Sie sich etwas Zeit, um sich zu erinnern: Wie sieht es dort aus? Was kann man da hören? Was können Sie spüren? Wie riecht es? Welcher Geschmack gehört dazu? Und dann konzentrieren Sie sich auf den Satz: „Mir geht es gut, ja, mir geht es gut.“ Dabei verweilen Sie ein bisschen. Und dann beenden Sie die kleine Übung, indem Sie sich recken und strecken und die Augen öffnen und sich wieder dem Alltag zuwenden.“

Vielen Dank für das Interview, Frau Kurz.

 

Kurz_Sigrun  Über die Autorin

Dr. Sigrun Kurz ist Psychologische Psychotherapeutin und arbeitet in eigener Praxis in Bremen. Ihr Arbeitsschwerpunkt ist die psychotherapeutische Behandlung von Menschen mit schweren körperlichen oder chronischen Erkrankungen, psychosomatischen Störungen und Unfallfolgen.

Öffentliches Zuhören: verstehen statt urteilen

„Wir hören zu!“

Von Marion Miketta

Der Schock saß tief, als ich kurz nach dem Brexit-Votum mit Kollegen in England sprach. Nie hätten sie erwartet, dass die Mehrheit der Briten tatsächlich für den Austritt aus der EU stimmen würde. Sie waren erschüttert über das Ergebnis, sehr verunsichert angesichts der neuen Lage und besorgt darüber, was dies wohl für die Zukunft bedeuten würde.

Kurze Zeit später folgte das nächste ungute Erwachen: Der Ausgang der Präsidentenwahl in den USA. Wieso kam auch dieses Votum so unerwartet? Eine Erklärung war, dass viele Menschen sich zwar offensichtlich abgehängt und nicht wahrgenommen fühlten, sich jedoch nicht getraut hatten, ihre Sichtweisen in Meinungsumfragen kundzutun. So ließ erst die Auszählung der Wahlzettel das eigentliche Ausmaß dieses weit verbreiteten Unmutes sichtbar werden.

In England wurde als Reaktion auf das Brexit-Votum ein sogenanntes Listening-Café gegründet, das Raum geben soll, eigene Perspektiven auszudrücken. Die Idee hinter dem Café ist, das starke Gefühl der Desillusionierung, das viele Menschen nun begleitet, aufzufangen und einen sicheren Rahmen für den gemeinsamen Austausch zu schaffen.

Inspiriert von diesem Projekt, entschieden eine Kollegin und ich uns dazu, in Berlin ein ähnliches Experiment zu wagen. Denn natürlich treibt auch uns in Deutschland die Frage um, wie wir auf die zunehmende gesellschaftliche Spaltung reagieren und welchen Beitrag wir leisten können, um eine stärkere Verbundenheit zu fördern. Statt uns in Facebook-Echokammern in einer virtuellen Realität zu bewegen, wollten wir die Kunst des Zuhörens auf die Straße bringen und jedem vorurteilsfrei ein offenes Ohr schenken. Wir wollten öffentlich aussprechen: „Wir hören zu!“ Ein Versuch erschien uns lohnenswert.

Bevor wir uns mit unseren Schildern in kleinen Gruppen auf verschiedenen Plätzen in Berlin verteilten, bereiteten wir uns gemeinsam vor. Praktische Übungen schulten uns im wertungsfreien Zuhören. Wie fühlt es sich an zuzuhören, ohne unmittelbar etwas erwidern, sondern stattdessen die Gedanken der anderen beflügeln zu wollen?

Auf einige wenige Leitlinien hatten wir uns verständigt. Als Grundlage diente uns dabei der Leitfaden der „urbanconfessionals“. Wir klärten zunächst unser gemeinsames Anliegen, um es auf Rückfrage auch klar kommunizieren zu können: Wir möchten uns als Zuhörende anbieten und unser Ohr den Menschen schenken, die gehört werden möchten. Nur durch Blicke und unsere Schilder möchten wir Menschen einladen, auf uns zuzukommen, sie werden nicht von uns angesprochen. In jedem Fall werden wir sie nicht unterbrechen und an keiner Stelle unsere eigenen Sichtweisen aufdrängen.

Wir besprachen, wie wir damit umgehen würden, wenn wir Dinge zu hören bekommen sollten, mit denen wir absolut nicht übereinstimmten. Wir wollten versuchen, eher die Person hinter dieser Meinung zu sehen, als zu sehr auf die Aussage selbst zu fokussieren. Und wir nahmen uns vor, nachzufragen, wie das Gegenüber zu dieser Ansicht gekommen war. „Versuchen, einander zu verstehen, statt zu urteilen“, das war unser Anliegen.

Auch andere Eventualitäten kamen zur Sprache: Wie möchten wir darauf reagieren, wenn wir um Geld gebeten werden oder wenn wir von dem Platz vertrieben werden, auf dem wir stehen? Für Notfälle hatten wir sogar die Nummer des Berliner Krisendienstes parat. Derart gewappnet, gespannt und vorfreudig mit einem etwas mulmigen Gefühl im Bauch machten wir uns auf.

So standen wir an einem sonnigen und kalten Wintertag auf dem Alexanderplatz. Wir hatten Pappschilder in der Hand, die zum Gespräch einladen sollten. Auf den Schildern stand: „Was bewegt Sie? Ich höre zu.“

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Wir waren eine Gruppe von insgesamt 13 Personen. Ein paar davon waren Coaches, Therapeuten oder brachten Erfahrungen im Bereich der Mediation mit. Im Grunde aber waren derlei Kenntnisse nur bedingt nötig. Ausschlaggebend war eher die Lust und die Bereitschaft, zuzuhören. Wirklich zuzuhören – empathisch und aufgeschlossen.

Kaum angekommen am Brunnen vor dem Kaufhof, rief uns eine Frau mit Blick auf unser Schild zu: „Is dit geil! Wenn ich damit anfange, dann höre ich gar nicht mehr auf!“ Allein die Vorstellung, dass ihr zugehört werden würde, bereitete ihr schon gute Laune. Beschwingt und erheitert ging sie ihres Weges. Andere blieben stehen und erzählten uns von gestiegenen Mietpreisen, ihrer Obdachlosigkeit, Diskriminierungserfahrungen als Roma oder auch von der Sorge vor Überfremdung. Ein Paar las die Frage: „Was bewegt sie?“, und wir konnten die beiden im Weitergehen hören, wie sie sich – angeregt durch das Schild – gegenseitig die Frage stellten: Was bewegt dich denn eigentlich gerade? Viele Menschen gingen an uns vorüber und lächelten oder fotografierten uns. Uns wurde allerorts Freundlichkeit entgegengebracht. Trotz der gelegentlichen Verwunderung, dem Staunen der Menschen, standen Wohlwollen und Neugier im Vordergrund. Der Wunsch, sich auszutauschen, sich zu begegnen und in Kontakt zu treten, war deutlich spürbar.

Bei fast allen: Der BVG-Sicherheitsbeamte, der uns später nach der Genehmigung für unser Pappschild fragte, als wir uns der Kälte wegen in die Bahnhofsvorhalle verzogen hatten, war überzeugt, dass wir mit Sicherheit nicht hören wollten, was ihn gerade so beschäftigte. Eigentlich schade. Wir hätten ein offenes Ohr gehabt.

Nach einigen Stunden trafen wir uns wieder und teilten die Erfahrungen miteinander, die wir in den verschiedenen Stadtteilen gesammelt hatten.

Das Ergebnis dieses Experimentes war verblüffend und sehr ermutigend für uns: Nicht erst durch die Gespräche selbst, schon alleine durch die einladende Präsenz und unserer Botschaft „Wir hören zu!“ veränderte sich die Atmosphäre auf dem jeweiligen Platz. Bisher hatte ich den Alexanderplatz eher nur immer schnell überquert, um von der S-Bahn zur Tram zu gelangen. Ich hatte ihn nicht als einen Ort wahrgenommen, an dem ich mich gerne aufhalten wollte. Jetzt hatte ich mich mit meinem Angebot dort „etabliert“ und alle Passanten – seien es Obdachlose, Kinder, Touristen, junge Leute mit Primark-Tüten bepackt oder arabisch sprechende Brunnenakrobaten – mit dem gleichen offenen Blick und Herzen angesehen. Allein das Sich-Hinstellen – ohne Handy in der Hand und mit der Bereitschaft und der expliziten Einladung zur Begegnung – führte schon zu einer Verbindung. Uns kam es so vor, als würden wir mit unserer Haltung den Raum gestalten und viel mehr als üblich an unserer Umwelt partizipieren. Als würden wir ein Gegengewicht bilden zu all dem „Senden“ von Werbebotschaften und Kaufangeboten: Wir standen für das „Empfangen“.

Eine Frau, die sich mit ihrem Pappschild auf einen Platz begeben hatte, der für eher raue Umgangsformen und Aggression steht, brachte es später so auf den Punkt: „Komisch, an diesem Tag sind alle Idioten zu Hause geblieben.“ Es wurde deutlich, wie sehr die Wahrnehmung des Umfeldes von der eigenen Einstellung und Bereitschaft, sich auf andere Perspektiven einzulassen, abhing. Diejenigen, denen man vorher vielleicht einfach aus dem Weg gegangen wäre, waren nicht mehr sichtbar, sondern einfach nur noch Menschen mit ihren Sorgen, mit Ängsten und dem Bedürfnis, sich mitzuteilen.

Unser „Pilotprojekt“ wird nun in Folge gehen. Wir werden uns weiterhin regelmäßig treffen, um öffentlich zuzuhören. Und: Jeder ist eingeladen mitzumachen – bei uns oder in selbst organisierten Gruppen. Die aktuellen Termine und weitere Informationen dazu erhalten Sie hier.

Wir freuen uns über eine rege Teilnahme!

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Wie wichtig sind Ihnen Menschen, die wirklich zuhören können? Haben Sie selbst schon einmal (positive, überraschende, erfreuliche …) Erfahrungen gemacht, indem Sie sich vorurteilsfrei einem Gegenüber geöffnet und empathisch zugehört haben? Oder konnten Sie vielleicht selbst schon einmal an ähnlichen Listening-Initiativen teilnehmen? Ihre Kommentare sind willkommen!

 

Miketta_Marion  Über die Autorin

Marion Miketta lebt in Berlin und arbeitet als Thinking Environment-Coach, -Facilitator und -Ausbilderin (www.timetothink.com).

Die Qualität des achtsamen Zuhörens hat sie durch den vietnamesischen Zen-Meister Thich Nhat Hanh erfahren.

Weitere Informationen zur Autorin erhalten Sie hier.

Great, big, fantastic: Wenn Narzissmus gefährlich wird …

„The Donald“ – Folgen des Narzissmus

Von Dr. Pablo Hagemeyer

Zurzeit versuchen viele Menschen „an der Oberfläche“ abzulesen, was dieses oder jenes Verhalten von „The Donald“ (Tenenbom 2016, Johnston 2016) wohl zu bedeuten habe. Und dabei kann man ein gewisses Anbiedern beobachten, denn Zuschreibungen wie „rasches Arbeitstempo“ (Horst Seehofer, SZ-Artikel vom 29.1.2017) oder „interessantes Experiment“ (Richard D. Precht bei „Jung & Naiv“) sind gefährliche Beschönigungen und verharmlosen das, was aus meiner Sicht als maligner (bösartiger) Narzissmus wissenschaftlich und faktisch definiert ist (nachzulesen bei dem berühmten Psychoanalytiker Otto Kernberg [2016], der 1928 geboren und somit einer der wenigen Überlebenden der Shoa ist). Noch zu vage ist da die Aussage von Journalist Elmar Theveßen (2017): „Psychologen glauben, bei Trump einen bösartigen Narzissmus zu erkennen.“ Psychiater und Psychologen messen und erfassen „Zahlen, Daten, Fakten“ aufgrund wissenschaftlicher Methoden und fundierter persönlicher Erfahrungen im Fachgebiet. Psychologen glauben also nicht, sie haben zuverlässige Werkzeuge zur Erhebung wichtiger Parameter (z. B. Fragebögen zu Psychopathie oder Kriterien nach DSM oder ICD). John Gartner, Psychotherapeut in New York und Baltimore, brach als einer der Ersten das Schweigen und beschrieb POTUS Donald Trump als einen malignen Narzissten. Er gründete eine Facebook-Gruppe sowie eine Petitionsgruppe: „Trump is mentaly ill and must be removed“ (2016).

Aber was bedeutet eigentlich Narzissmus? Was ist ein narzisstisch „gestörter“ Mensch? Ich möchte versuchen, 100 Jahre Narzissmus-Forschung in ein paar Zeilen zusammenzufassen. Dafür werde ich psychologische Sichtweisen zusammentragen, die Narzissmus beschreiben: Ursachen, Wirkung auf und Folgen für andere Menschen, die mit einem Narzissten zu tun haben, und wie mit einem Menschen mit narzisstischer Störung umzugehen sei. Und warum es schwer für Narzissten ist, die Wahrheit auszusprechen, und sie deshalb in Folge „verbrannte Erde“ zurücklassen. Denn bösartiger Narzissmus hat weitreichendere Auswirkungen als oftmals angenommen: Er zerstört Menschlichkeit, Empathie und soziale Strukturen.

Für den ausgeprägten Narzissten gibt es nur die eine Welt, nämlich die eigene. Es gilt nur seine Wahrnehmung, nur die eine Wahrheit: seine eigene. Narzissten haben kein Mitgefühl, weil sie kein Konzept des Andersdenkenden haben. Narzissten haben kein Selbstmitgefühl. Sie operieren nach einem neu erschaffenen Konzept (Pseudo-Selbst, Größen-Selbst, z. B. nach Kohut), seit Jahrzehnten erfolgreich in ihnen gefestigt. Orientiert an Idealen wie Größe, Perfektion, Erfolg, Liebe, Schönheit oder Glück und Reichtum, die aber in einem unrealistischen Maß eingefordert werden. Die Ausrichtung an diesen übersteigerten Idealen überdeckt die tief im Inneren liegenden Verletzungen und die Trauer, überdeckt das Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit und die Mangelzustände. Narzissmus ist wie eine seelische Geheimorganisation. Bedroht Kritik ihr Überleben, zeigt sie sich plötzlich – und schonungslos: Gerät eine narzisstische Seele unter großen Druck, reagiert sie mit zerstörerischer Wut.

Woher kommt diese Wut? Dieser tiefe Zorn ist der des Kindes, das der Narzisst einst war. Jeder Mensch durchläuft in seiner psychologischen Entwicklung sensible Phasen (Freud in Fromm 1984, Kohut 1976, Balint 1960). In diesen erkennt das heranwachsende Kind eigene Mängel. Das schmerzt. Es zerstört tief im Innersten ein erträumtes kindliches Paradies. Erschüttert den kindlichen Glauben an die eigene Allmacht und Sicherheitsfantasien. Jungs sind hier leichter verletzbar als Mädchen. Kränkung, Enttäuschung und Entwertung sind die heftigen Gefühle in der Seele des Kindes. Normalerweise gelingt es dem psychisch gesunden Kind, in einer normalen sozialen/familiären Umgebung diese Schwelle zu bewältigen. Wird die Verletzung des Kindes selbst erkannt, verortet es sich in der Normalität: Ich mag mich mit meinen Schwächen und mit meinen Stärken. Dann meistert es diese Selbstwert-Schwelle. Bekräftigt wird diese Botschaft an das Ich durch die positive Verstärkung der Bezugspersonen: Du bist okay! Wird das Kind wegen seiner Schwächen und Defizite nicht mehr geliebt, weniger gemocht, als doof ausgegrenzt oder in seinem Leiden als schwach ignoriert, durch Eltern, Freunde, Geschwister oder andere nahe Bezugspersonen, festigt sich folgende Überlebensstrategie in der jungen Seele: Nur wenn ich ständig nach Höchstleistung und nach großen Idealen strebe, bekomme ich die Anerkennung durch Zuwendung und Liebe von anderen Menschen und habe das Gefühl, wertvoll und geliebt zu sein. Ich werde bekämpfen, was diesen Masterplan bedroht, und ich werde strebsam das verfolgen, was mir Anerkennung verspricht. Denn ich glaube daran, dass es das Ideal gibt, ich will es erreichen und damit meine eigenen Schwächen bedecken und verkleinern. Ich will weder doof noch schwach sein. Nie mehr im Leben will ich entwertet, gedemütigt oder so verletzt werden wie zu jener Zeit, als ich ein kleiner Junge war.

Fortan, nach diesem starken Versprechen dem eigenen Selbst gegenüber, wächst in der Psyche dieses Menschen ein Programm heran, das die eigenen Schwächen verdeckt und ein umso größeres, strahlenderes und erfolgreicheres Selbst wachsen lässt. Dieses zweite Selbst wird eine vom schwachen Selbst neu konstruierte Realität (Kohut 1976, Altmeyer 2000). Dieses zweite größere Selbst, ein künstlich erschafftes Selbst, umgibt wie ein großer Mantel den einsamen, verkümmerten und trauernden, wütenden „Kern“.

Im Laufe der weiteren Entwicklungsjahre findet Wachstum statt. Der Mensch reift, wird im Beruf erfolgreicher, gründet eine fantastische Familie. Der narzisstische Mensch strebt fortan nach Anerkennung und Bestätigung für das größere Selbst, während ihn im Innersten der „alte“ Zweifel antreibt. Obwohl schon alles da ist, was für ein sehr gutes Leben nötig wäre. Denn da ist diese Gier. Und der Stolz. Immer mehr wird dieses Super-Ich zur gelebten Realität, und bald ist das innere kleine Ich vergessen. Unbewusst und unbemerkt festigt sich das Selbst in diesem großen Pseudo-Selbst.

Narzissten umgeben sich gern mit anderen Narzissten, um als Gruppe noch erfolgreicher zu sein. Sie finden sich in Gemeinschaften zusammen, die nach Erfolg und anderen Idealen streben, hungrig nach Anerkennung, durstig nach Bestätigung. Meist in solchen gesellschaftlichen Strukturen, die assoziiert sind mit Erfolg, Reichtum, Anerkennung und Bestätigung. Strukturen wie sie große Firmen bieten. Stark hierarchisierte Strukturen. Auch in der Medizin sind viele Narzissten anzutreffen, in Vorständen von Unternehmen, im Bankenwesen – in all jenen Strukturen also, in denen es um etwas geht, das letztendlich unerreichbar ist: um fragliche Ideale, die gnadenlos und gierig verfolgt werden.

An dieser Stelle lohnt es sich, zu differenzieren. Denn (gesunder) Narzissmus gilt als eine der stärksten Triebfedern, um auch im besten und guten Sinne erfolgreich zu sein (Fiedler 2000). Zum (gesunden) Narzissmus gehört der Ehrgeiz, Talente auszubilden und nach Verbesserung zu streben. Aber was lehren uns die Geschenke der Begabung und der Talente? Im Loslassen und Sichhingeben besteht der einzige Einstieg in wahre Größe. „Heldenhaftes“ Handeln wird erreicht, wenn sich der Mensch für Größeres hingibt, das über ihn hinausreicht (Campbell 1999). Dankbarkeit, Demut und Gnade sind die Tugenden, die zu wahrer Menschlichkeit gehören, ebenso wie Liebe, Mitgefühl und Schutz für die Schwächeren. In der Begegnung (Buber 2005). All diese Eigenschaften sind dem stark narzisstischen Menschen fremd. Denn dieser lebt ausschließlich im Selbstbezug. Aus sich heraus entwirft er einen Maßstab, der für die Welt gelten soll, entwirft er die ganze Welt. Statt sich dem Maßstab des Normalen anzupassen, dreht die narzisstische Person den Spieß um und überhöht sich, stellt sich über die Norm. Was andere als Norm wahrnehmen, existiert für den Narzissten nicht. Die Wahrnehmung der Realität ist durch das Strahlen und Glänzen des eigenen großen Selbst gestört. Das eigene Selbst strahlt wie eine große Sonne, in dessen Umfeld vor lauter Licht kein Schatten ist. Narzissmus ist die Störung, an der andere mehr leiden als der Narzisst selbst. Sie ist synton und daher ist der Narzisst blind für seine Störung.

Beobachtungen aus Großunternehmen zeigen, wie narzisstische Führungspersonen, die zunächst Großes versprechen, nach ihrem Ausscheiden zerstörte unternehmerische Strukturen zurücklassen (Beispiel Winterkorn und der VW-Abgasskandal). „Starke“ Persönlichkeiten wie die narzisstischen werden hofiert und gefördert. Nur selten kommen „Industrie-Patienten“ (Angestellte, auch in Leitungspositionen, die durch zu hohe Leistungserwartungen ihrer Unternehmen psychisch erkranken; Michael Seyfried 2016, persönliche Mitteilung) zu der Einsicht, dass Narzissmus zerstört und eben kein Garant für Wachstum ist. Denn im Umfeld strahlender Selbstbezogenheit gedeihen nur weitere narzisstische Menschen und ebensolche Verhaltensweisen: keine Empathie, keine (Selbst-)Reflexion, keine Fehlerkultur, keine Offenheit für das Anderssein. Alles, was nicht in diese eine Welt der Selbstbezogenheit passt, wird aufgegeben, verlassen und ausradiert. Auf der Strecke bleiben sensible, empathische, leidende Menschen. Menschen mit anderen Neigungen und Stärken werden im Licht der Selbstbezogenheit nicht mehr gesehen.

So weit, so „gut“. Narzissmus ist also ein starkes Überlebensprogramm (Fiedler 2000, Sulz 2003). Und tatsächlich werden selbstbewusste Menschen von anderen Menschen idealisiert. Viele Menschen, die schwach und ratlos sind, stellen den Narzissten auf ein Podest. Bewundern dessen Charakter, dessen Stärke, Robustheit, Größe, Erfolg, Reichtum. Es folgen Anerkennung und Würdigung dieser „Leistungen“. In geschlossenen Systemen, wie es Unternehmen sind, funktioniert das bisweilen.

Auch „The Donald“ wurde erfolgreich, auch er wird von seinen Anhängern bewundert, weil er Menschen einstellte und für sich zu nutzen wusste, die „klüger als er waren“ (Kiyosaki 2011), und so Reichtum anhäufen konnte. Und weil er mit dem Geld seiner Familie „im eigenen Sandkasten“ weiterspielen durfte. Dieses „Sandkastenspiel“ ist typisch für den Narzissten: Wehe, ein anderer Junge will mitspielen! Nur der darf mitspielen, der nach den Regeln des „Sandkastenclubs“ spielt. Spielt jemand gegen diese Regeln, fliegt er raus. Ganz gleich, ob es eine gute Zeit des Miteinanderspielens gab. Nur Mitspieler, die die Art des Narzissten zu spielen anerkennen und toll und super und großartig finden, sind eingeladen mitzuspielen: Eine Einladung zur Unterwerfung vor dem größeren Narzissten, um in seinem Glanz ebenfalls ein wenig zu glänzen und mitzuspielen (Wardetzki 2001).

Die Freude, dabei sein zu dürfen, ist zunächst groß und von Erfolg gekrönt (Musk & Vance 2015). Nur, was geschieht, wenn sich zu dieser Überlebensstrategie noch andere Narzissten gesellen, die andere Ideale verfolgen? Etwa Rassismus? Bliebe der Narzissmus in einer leichten bis mittleren Ausprägung, wäre damit gut umzugehen. Doch „übersteuert“ die narzisstische Selbstbezogenheit, wachsen narzisstische Sehnsucht und Streben nach Idealen, wird diese Kraft mehr und mehr zerstörerisch, weil inhuman. Die komplizierte, vielfältige menschliche Natur wird durch die Ausrichtung an einem einzigen idealisierten Maßstab, die dem Narzissten eigen ist, radikal vereinfacht. Die Ausrichtung auf einen einzigen idealisierten Glauben oder auf eine einzige idealisierte Rasse oder Wahrheit zerstört die wundervolle Vielschichtigkeit der menschlichen Natur. Nur liegt dem einseitigen Geist des Narzissten dies besonders. Die Welt im Sandkasten ist einfach. Und die simplifizierte Weltsicht eines Donald Trump offenbart das Defizit, nicht über den Zustand des spielenden Kindes im Sandkasten hinausgekommen zu sein. Statt das Leben als Geschenk zu sehen und es mit Liebe und Güte zu bewältigen, gerät der narzisstisch verwaiste Mensch bereits bei normalen Schwierigkeiten in einen Überlebenskampf.

Weil die Ideale des Narzissten einfach und wenig differenziert sind – great, big, fantastic –, ähneln sie naiven und wahnhaften Denkmustern. Es sind irrationale Annahmen, die durch nichts – nicht durch Fakten, nicht durch Vernunft – korrigiert werden. Brutale Ahnungslosigkeit. Postfaktisch und alternativfaktisch sind die rhetorischen Ausweichmanöver, um die narzisstische selbstbezogene Wahrheit nicht zu gefährden. Narzissmus erzeugt aus sich heraus Feindbilder. Jeder und alles ist Feind, der bzw. das diese eine, auf reine Selbstbezogenheit begründete Wahrheit infrage stellt. Was glauben Sie, warum der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, der mächtigste Mann der Welt, über die Zuschauerzahlen bei seiner präsidialen Inauguration diskutiert?

Kritik ist keine Zerstörung, wie der Narzisst meint. Kritik ist einfach nur Feedback. Doch ein Narzisst oder jemand mit narzisstischen Zügen wird sich bis aufs Äußerste verteidigen und rechtfertigen. Nicht einen Mikrometer an erobertem Land wird der Narziss im Diskurs abgeben. Seine Schwäche wird er hinter einem Zorneswall verbergen. Wehe dem, der sich dem Kern des Narzissten nähert! Das ist ein Sakrileg. Das schwache, verletze und hilflose ICH verbirgt sich tief im Inneren und scheut das Licht. Daher wird ein Angriff auf den Narzissmus mit einem heftigen Gegenangriff gekontert. Zerstörerisch. Total und absolut. Wie peinlich wäre es, wenn das kleine Ich wegen einer Banalität enttarnt werden würde?! Wenn dieses kleine Würmchen wieder ans Licht geholt und es erneut ausgelacht werden würde?!

Eine gute Chance, dieses narzisstische Modell aufzugeben, haben jene Narzissten, die sich selbst als solche erkennen. Diejenigen, die reflektieren. Solche, die ihre Lebenskraft für „das Gute“ einsetzen, ohne ständig mit ihrem Umfeld oder mit sich selbst zu hadern. Sie haben noch genügend Selbstliebe für sich und Liebe für die anderen Menschen, um ihr eigenes grenzüberschreitendes und einnehmendes Verhalten zu erkennen und gegenzusteuern. Denn sie können die Zeichen lesen, die ihnen andere Menschen geben. Ein „netter“ Narzisst, den vielleicht jeder etwas in sich hat, bemerkt sein Fehlverhalten, weil er hinhört, hinsieht und wahrnimmt. In solchen Fällen sind andere Menschen, die den „Betroffenen“ (behutsam und nicht verletzend) einen Spiegel vorhalten, wichtig, sie tun dem reflektierten Narzissten einen Gefallen. Dieser bekommt die Chance, sein Verhalten zu verändern, sich zu transformieren und sich für das Leben zu befreien (Campbell 1999). Die Heilung des Narzissten liegt darin begründet, die ständige Bewertung der Welt und der eigenen Person aufzugeben. Narzissmus ist die Selbstwertstörung schlechthin. Der kleine Junge steckt fest, schlafwandlerisch, in dem Bemühen, sich und andere nach einem Wert einzuteilen. Folglich gibt es Wertvolles und Wertloses. So zu denken wirkt nach innen und nach außen. Im Inneren kauert das als wertlos fixierte Ich, verborgen unter dem wertvollen, golden glänzenden Konus des Größenselbst. Außerhalb des Selbst, dort sind die Menschen, die das Selbst bewerten.

Wird das narzisstische Modell nicht aufgebrochen, etwa durch das Aufgeben ständiger Bewertung, setzt sich der Narzissmus wie oben beschrieben fort.

Ob unsere Kultur der Bewertung – wie sie nun mal einer Leistungsgesellschaft innewohnt – die Keimzelle des Narzissmus und die Nahrung des Narzissmus ist? Ich meine: Ja. Schaffen wir das ständige Bewerten ab! Tauschen wir es aus durch Menschlichkeit, durch echte Begegnung und Hilfestellung. Akzeptieren wir, nicht perfekt zu sein und noch nach archaischen Regeln zu funktionieren (Buss 2014). Fügen wir uns ein in den natürlichen Lauf der Dinge. Erforschen wir die menschliche Natur und das Leiden des Menschen. Zollen wir denen Respekt, die sich darum bemühen, das Leiden zu verringern. Und würdigen wir die Menschen unter uns, die am meisten leiden. Statt sie zu „entwerten“.

Dies würde auch bedeuten, mit einer solchen humanen Einstellung dem Narzissten gegenüberzutreten, das verletzte Kind in ihm zu sehen. Nicht zuletzt der Fall Donald Trump macht deutlich, wie schwer das werden kann. Wie ist also umzugehen mit den Narzissten, die sich nicht erkennen und folglich nicht „zum Sozialen“ ändern? Warten, bis sie im eigenen Spiegelbild ertrinken? Wie der mythologische Narziss, dessen schönes Antlitz sich auf der Wasseroberfläche spiegelte, als er am Ufer des Sees hockte. Und der nicht erkannte, dass dieser hübsche Jüngling im Wasser er selbst war. Und vor lauter Sehnsucht nach diesem Jüngling, vor lauter Liebe für dieses Abbild, in den See glitt und ertrank. Hierauf zu vertrauen, vor allem bei „The Donald“, wäre naiv und unverantwortlich. Was „The Donald“ in den ersten Tagen seiner Präsidentschaft bereits zerstört hat, ruft weltweit Protest hervor. Die Proteste der Verlierer dieser Wahl sind stark, potenziert durch die sozialen Medien. „The Donald“ ist gewählt und setzt an. Nach seinem Weltbild. Aber durchaus auch nach dem Weltbild von Millionen von Amerikanern, die ihn bewundern, die seinen Narzissmus mittragen. Gegen das Weltbild von Millionen anderer Amerikaner. Narzissmus polarisiert. Die Fantasie eines kleinen wütenden Jungen wird zur Wahrheit von Millionen. Es ist schwer, damit umzugehen.

Aus meiner klinischen Arbeit mit Narzissten weiß ich, dass die sogenannte paradoxe Intervention hilft: Lob den Narzissten! Nur dann ist er besänftigt und seine Wut flaut ab. Erst wenn der Narzisst beruhigt ist, vermag er mit dem Therapeuten zu arbeiten. Nur so bekommt man einen Fuß in seine Tür. Als Psychologe erkenne ich also, wer da zu mir spricht: Es ist der kleine, wütende, verletzte und traurige Junge, der ganz viel Liebe und Anerkennung braucht (Dieckmann 2011). Aber ist das im Falle Trump machbar? Ihn, diesen „Little Donald“, zu trösten und seine Aufmerksamkeit auf Selbstempathie und Selbstliebe umzulenken, ihn dazu zu bringen, das Werten und Bewerten aufzugeben, sich nicht mehr an unreifen Idealen zu orientieren, sondern alles loszulassen, was „great, greater und am greatesten“ ist, wäre eine therapeutische Strategie.

Leider bewirkt die narzisstische Struktur genau das Gegenteil in uns, die sich im Umfeld des Narzissten befinden. Damit kommen wir zum Drama und Schicksal des nichtkorrigierbaren Narzissmus. Er greift um sich, solange der Narzisst denkt, er tue der Welt da draußen etwas Gutes. Und er agiert so lange, bis er genau das zurückgemeldet bekommt. Talkshows und Nachrichtensender aufgepasst! Die Medien werden nicht mehr hinterherkommen, über Donald Trump zu berichten, so viel wird er produzieren. Und der Zweck besteht allein darin, den inneren kleinen Wurm zu trösten. Dem verhunzten Mini-Ich zu sagen: „Schau, fein gemacht!“ Das Mini-Ich ist gierig nach Anerkennung.

Hier wird übrigens auch der wichtige Aspekt der Manipulation überdeutlich. Durch Manipulation erreicht Trump sein mediales und juristisches Überleben: „Die Kombination dieser Strategien – Verzerren von Tatsachen und Ablenken bei Fragen nach der Vergangenheit – sorgt dafür, dass Trumps sorgfältig gepflegtes öffentliches Image keinen Kratzer erleidet“ (Johnston 2016). Seine Aussagen wirken oft zerfahren. Doch damit lenkt er geschickt den Fokus weg vom Vorwurf hin zu einem belanglosen, erfundenen oder vorgeschobenen Ausweichthema. „The Donald“ schaue intensiv Fernsehen, heißt es, und verfolge die Berichterstattung über sich. Gefalle die ihm nicht, dann werde er aktiv, um von unangenehmen und ihn persönlich bedrohenden Tatsachen öffentlich abzulenken: „Trump (…) manipulierte die Berichterstattung, indem er den Medien eine einfache, verwertbare Story lieferte und sich dabei zunutze machte, dass die meisten Journalisten einfach wiederholten, was ihnen gesagt wird, oft ohne irgendwelche Kenntnisse über die Rechtslage oder die Praxis der Behörden zu haben“ (Johnston 2016). Überfluten wird er die Medien mit logorrhoischen Ausscheidungen, analog zu Helmut Dietls Paradenarzisst in der TV-Serie Kir Royal aus dem Jahr 1986.

Umgeben von anderen unreflektierten Narzissten, die sich gegenseitig in größere und höhere Sphären katapultieren, wächst im Zentrum der US-amerikanischen Macht eine multiple-narzisstische Gestalt heran, dessen Ausmaß an Veränderung, das sie mit sich bringen wird, nicht abzusehen ist.

Nach meinen Praxiserfahrungen zu urteilen, ahne ich nichts Gutes. Ob die Katastrophe ein Reflex des Zorns sein wird, ein Impulsausbruch dieser vielen kleinen wütenden Jungs, die jetzt dort regieren, ich weiß es nicht. Ob es ein gnadenloses Durchsetzen der primitiven und ärmlichen Wahlversprechen geben wird, nur um die eigene Existenz zu untermauern? Ich fürchte ja. Auf Kosten menschlicher Moral, Mitgefühl und Empfindsamkeit. Die kommenden Jahre werden mit hoher Wahrscheinlichkeit ein chaotisches Desaster bringen, und wir werden noch Jahrzehnte daran zu laborieren haben, es wieder zu ordnen. „The Donald“ und sein Größenselbst sind darauf erpicht, interessant zu bleiben (Iglesias 2011). Das ist eine gute Story für ein Drehbuch, nicht für die Realität. Es bleibt mir momentan nur übrig, mit den Worten Bob Dylans zu schließen: „Kommt also, versammelt Euch Leute, wo auch immer ihr Euch rumtreibt, und gebt zu, dass das Wasser um Euch gestiegen ist.“

Times they are a-changin‘ – Zeiten ändern sich.

 

Hagemeyer_Pablo  Über den Autor

Dr. Pablo Hagemeyer ist Psychiater und Psychotherapeut in eigener Praxis in Weilheim. Er hat die Texte zur Hörfreund-CD-Reihe entworfen, die verschiedene hypnotherapeutische Fantasiereisen zur Entspannung umfasst, gelesen von Schauspieler Hans Sigl.

Im April erscheint sein Buch Fantasiereisen: Aufbau, Dramaturgie und effektiver Einsatz in der Psychotherapie im Junfermann Verlag.

 

 

Literatur

Altmeyer, Martin (2000): „Narzißmus, Intersubjektivität und Anerkennung“. Psyche. Zeitschrift für Psychoanalyse und ihre Anwendungen, 54/2000 (Heft 2).

Balint, Michael (1960): „Primary narcissism and primary love“. The Psychoanalysic Quarterly, Band 29, S. 6–43 (Dt. [1969]: „Primärer Narzissmus und primäre Liebe“, Jahrbuch der Psychoanalyse, Band 1, S. 3–34).

Buber, Martin (2005): Ich und Du. Gütersloher Verlagshaus.

Buss, David (2014): Evolutionary Psychology: The New Science of the Mind. Routledge.

Campbell, Joseph (1999): Der Heros in tausend Gestalten. Insel.

Coelho, Paulo (2008): Der Alchimist. Diogenes

Dieckmann, Eva (2011): Die Narzisstische Persönlichkeitsstörung mit Schematherapie behandeln. Klett-Cotta.

Fiedler, Peter (2000): Integrative Psychotherapie bei Persönlichkeitsstörungen. Hogrefe.

Fromm, Erich (1984): Sigmund Freuds Psychoanalyse. Größe und Grenzen (3. Auflage). Dtv, S. 48–58.

Gartner, John (2005): The Hypomanic Edge: The Link between (a Little) Craziness and (a Lot of) Success in America and In Search of Bill Clinton: A Psychological Biography. Simon & Schuster.

Iglesias, Karl (2011): Writing for Emotional Impact: Advanced Dramatic Techniques to Attract, Engage, and Fascinate the Reader from Beginning to End. Wing Span.

Johnston, David Cay (2016): Die Akte Trump. Ecowin.

Kernberg, Otto (2016): Hass, Wut, Gewalt und Narzissmus. Kohlhammer.

Kiyosaki, Robert T. (2011): Rich Dad, Poor Dad. Finanzbuchverlag.

Kohut, Heinz (1976): Narzissmus. Eine Theorie der psychoanalytischen Behandlung narzißtischer Persönlichkeitsstörungen. Suhrkamp.

Kohut, Heinz (1979): Die Heilung des Selbst. Suhrkamp.

Musk, Elon & Vance, Ashley (2015): Elon Musk – Wie Elon Musk die Welt verändert: Die Biographie. Finanzbuchverlag.

Perls, Frederick S., Goodman, Paul & Hefferline, Ralph F. (1979): Gestalttherapie: Grundlagen. Dtv.

Sulz, Serge (2003): Als Sisyphus seinen Stein losließ. CIP Medien.

Tenenbom, Tuvia (2016): Allein unter Amerikanern. Suhrkamp.

Wardetzki, Bärbel (2001): Weiblicher Narzissmus. Der Hunger nach Anerkennung. Kösel.

Zopf, Siegfried (1985): Narzissmus, Trieb und die Produktion von Subjektivität. Stationen auf der Suche nach dem verlorenen Paradies. Springer.

 

Onlinequellen

Cohen, Eliot A.: „Trump wird an Amerika scheitern“. Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 31.01.2017, einzusehen unter: http://www.faz.net/aktuell/politik/trumps-praesidentschaft/zeitenwende-im-weissen-haus-trump-wird-an-amerika-scheitern-14795524.html?GEPC=s5

Dietl, Helmut (1986): Kir Royal. Aus dem Leben eines Klatschreporters (Film). Drehbuch: Helmut Dietl und Patrick Süßkind; Regie: Helmut Dietl. Szene mit Mario Adorf: „Ich scheiß dich sowas von zu mit meinem Geld!“, einzusehen unter: https://www.youtube.com/watch?v=LdQyQLs2THM

Hank, Rainer & Meck, Georg: „Entehrt. VW-Abgasskandal“. Frankfurter Allgemeine vom 27.9.2015, einzusehen unter: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/vw-abgasskandal/vw-abgasskandal-entehrt-13825462.html

Teutsch, Katharina: „Streichle dich selbst! Ist Narzissmus eine Störung“. Frankfurter Allgemeine vom 14.7.2012, einzusehen unter: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/ist-narzissmus-eine-stoerung-streichle-dich-selbst-11820624.html

Der stellvertretende Chefredakteur des ZDF Elmar Theveßen kommentiert die aktuelle Politik von US-Präsident Trump (30.01.2017), einzusehen unter: https://www.zdf.de/nachrichten/heute-journal/kommentar-thevessen-100.html

Die von John Gartner mitbegründete Petitionsgruppe mit dem Titel: „A society dedicated to the proposition that Donald Trump is too seriously mentally ill to competently discharge his duties as president and must be removed according to the 25th Amendment“ kann eingesehen werden unter https://www.change.org/p/trump-is-mentally-ill-and-must-be-removed?recruiter=21702147&utm_source=share_petition&utm_medium=facebook&utm_campaign=share_for_starters_page&utm_term=des-xs-no_src-no_msg

Interview mit Richard David Precht bei „Jung & naiv“ mit Tilo Jung, einzusehen unter: https://www.youtube.com/watch?v=yHLK8sXITiM

SZ-Artikel: „Seehofer schwärmt von Trumps Arbeitstempo“, einzusehen unter: http://www.sueddeutsche.de/politik/csu-seehofer-schwaermt-von-trumps-arbeitstempo-1.3354784

 

 

Kinder brauchen Bindung

Hilfe für Alleinerziehende?

Von Bianca Olesen

In meiner Praxis für Psychotherapie arbeite ich mit Einzelklienten, Gruppen und immer wieder gerne auch mit Familien.

Ein häufiger Anlass, meine Praxis zu besuchen, ist Erschöpfung. Mancher nennt es Burnout, mancher erlebt vorwiegend den depressiven Anteil dieses Zustandes, die Angst oder die körperliche Komponente – oder auch die daraus resultierenden Beziehungsschwierigkeiten. Allen gemein ist aber die zugrunde liegende starke Überforderung und die Idee, mehr leisten zu müssen, sich noch mehr anzustrengen, und die in Folge auftretende tiefe Erschöpfung. Viele kommen also zu mir, um Wege aus der Überforderung zu finden. Eine Gruppe von Menschen, die davon häufig betroffen sind, sind Alleinerziehende.

Neulich habe ich Lisa kennengelernt. Lisa leidet wie viele ihrer Generation unter dem Schicksal, alleinerziehend zu sein. Lisa ist schwer erschöpft davon, sich allein zu fühlen, alles alleine bewältigen zu müssen, und hat deswegen zunehmend auch soziale Probleme: Sie schafft es nicht mehr, die Leistung zu erbringen, die man von ihr erwartet. Das setzt Lisa unter Druck, sie fühlt sich zunehmend minderwertig, zweifelt an sich und fragt sich immer häufiger, was mit ihr nicht stimmt. Dass etwas mit ihr nicht stimmt ist klar, so die anhaltende Resonanz ihres Umfeldes. Lisa fühlt sich falsch, und sie weiß nicht, wie sie es schaffen kann, richtig zu sein. Aus dieser Unsicherheit heraus fällt es ihr immer schwerer, sich sozial einzufügen, sich angemessen zu verhalten im Umgang mit anderen, egal ob groß oder klein. Denn Lisa ist eigentlich ständig traurig und gereizt. Das ganze Dilemma beschäftigt sie Tag und Nacht, sie schläft schlecht, sie träumt schlecht und leidet unter Kopf- und Bauschmerzen. Und auch damit fühlt sie sich: allein.

Ich erlebe Lisa ratlos. Und sie steckt bereits in einem Teufelskreis: Was sich ihr Umfeld von ihr wünscht, ist nicht nur, dass sie mehr leistet, sondern dass sie wieder präsenter ist und zugänglich. „Schwingungsfähig“ würden wir das fachsprachlich nennen, emotional ansprechbar. Gerade das kann Lisa aber nicht erreichen, wenn sie sich anstrengt, um den anderen wieder besser zu gefallen. Und vor lauter Anstrengung erschöpft sie sich immer mehr.

Lisa erlebt also den klassischen Werdegang überforderter Menschen: vegetative Übererregung und Gereiztheit, Unverständnis des Umfeldes und daher fehlende Unterstützung, Hilflosigkeit und schließlich sozialer Rückzug bis zur Isolation.

Ihr Umfeld beschreibt sie als schwierig und widerständig und beginnt, sich von ihr abzuwenden.

Als Alleinerziehende muss Lisa zudem schwierige Fragen des Alltags alleine beantworten und wichtige Entscheidungen alleine treffen. Je weniger nützliche Vorerfahrungen hierfür zur Verfügung stehen und je weniger Ressourcen, desto schwieriger fällt dies und desto überfordernder erlebt sie ihre Situation.

Eine überlebenswichtige Ressource für überforderte Menschen wie Lisa ist die emotionale, wohlwollende Unterstützung durch andere. Ohne Unterstützung ist es nicht unwahrscheinlich, dass Lisa irgendwann den letzten Ausweg wählt.

Was aber meint emotionale Unterstützung? Emotionale Unterstützung bedeutet nicht in erster Linie, etwas für den anderen zu tun, sondern vielmehr, mit ihm zu sein. Eine tragfähige Beziehung anzubieten im folgenden Sinne:

Als soziales Wesen mit dem Grundbedürfnis nach sicherer Bindung beschäftigt sich der Mensch „im Hintergrund“ seines Bewusstseins, seinem „sozialen Unbewussten“, ständig mit der Suche nach der Antwort auf drei überlebenswichtige Fragen:

  1. Bist du präsent?
    (Bist du aufmerksam für mich?)
  2. Bist du empathisch für mich?
    (Fühlst du dich in mich ein? Bekommst du mit, was in mir los ist, was mich beschäftigt?)
  3. Sagst du dazu „Ja“?
    (Nimmst du mich an, liebst du mich, wertschätzt du mich mit dem, in das du dich einfühlst?)

Ein Ja auf alle drei Fragen bewirkt das Erleben emotionaler Unterstützung und sicherer Bindung. In Beziehung lebend haben wir im besten Falle mindestens einen Menschen, der ein grundsätzliches Ja als Antwort auf die drei Fragen bietet, der also Ja zu uns sagt. Das entlastet und sichert uns und erleichtert uns den Umgang mit den Schwierigkeiten des Alltags.

Lisa fühlt sich nicht auf diese Weise zuverlässig gebunden. Sie findet nirgendwo zuverlässig ein klares Ja auf diese drei existenziellen Fragen. So fällt es ihr zunehmend schwerer, sich sicher und vertrauensvoll auf das Leben einzulassen zu können. Darunter leidet sie.

Folgerichtig müsste ich Lisa also zuerst dabei unterstützen, wieder in Beziehung zu gehen und in ihrem Umfeld Unterstützung zu finden. Eigentlich.

Lisa leidet wie viele ihrer Generation unter dem Schicksal, alleinerziehend zu sein. Obwohl sie inmitten einer Familie lebt.

Lisa ist acht Jahre alt und seit zwei Jahren Schlüsselkind. Wenn sie um 16 Uhr aus der Ganztagsbetreuung nach Hause kommt, wird es noch zwei Stunden dauern, bis ihre Mutter aus dem Büro kommt. Viel später, wenn Lisa sich schlafen legt, wird ihr Vater nach Hause kommen.

An den Wochenenden steht nach den Übungsaufgaben (Mama und Papa wollen schließlich sicherstellen, dass sich Lisas Leistungen weiter verbessern) vom Maislabyrinth bis zum Freizeitpark alles auf dem Programm, was geeignet ist, das schlechte Gewissen der Eltern zu beruhigen. Und Lisa freut sich brav mit ihren müden Augen. Gegessen wird im Restaurant, denn zum Kochen sind auch die Eltern zu erschöpft. Natürlich benimmt sie sich vorbildlich. Lisa macht sich in der Woche alleine etwas zu essen, sie erledigt ihre Hausaufgaben und bleibt mit ihren vielen Fragen allein. Sie bleibt brav in ihrem Bett, wenn ihre Albträume sie aus dem Schlaf gerissen haben. Und sie murrt nicht, sie fällt Mama und Papa nicht zur Last. Schließlich macht sie ihnen doch schon genug Kummer.

Lisa ist alleinerziehend. Sie muss sich selber erziehen und ist damit hoffnungslos überfordert[1].

Und ehrlich: Ich bin ratlos, wie ich ihr helfen kann.

Als Mutter berührt mich Lisas Situation so tief, dass ich die Einsamkeit und Verzweiflung fast nicht ertragen kann, die ich an ihr wahrnehme. Ich möchte die Eltern fragen: „Wieso entscheidet ihr euch für ein Kind und sagt dann nicht in aller Konsequenz Ja zu ihm?“ Als Mutter möchte ich Lisa in den Arm nehmen, sie halten und ihr die große Last der Überforderung für einen Moment von den Schultern nehmen. Ihr eine sichere Beziehung anbieten, in der sie sein darf, wer sie ist: ein bedürftiges Kind. Und ich bleibe ratlos, denn ich weiß, Lisa braucht diese Liebe und Zuwendung zuallererst von ihren Eltern.

Wähle ich die Rolle der Therapeutin, erkenne ich, dass Lisas schwierige Situation ein familiäres Problem ist, das nicht gelöst wird, indem Lisa „behandelt“ wird. Die Medizin für Lisas Schwierigkeiten heißt Elternliebe und beinhaltet die elterliche Präsenz, Empathie und bedingungslose Annahme.

Ich bin sicher, dass auch für Lisas Eltern Geld und Karriere keine Rechtfertigung dafür darstellen, ihre Tochter emotional zu vernachlässigen. Dass es ihnen also nicht bewusst ist, dass sie Nein zu ihr sagen und sie mit zu wenigen Ressourcen in ihr Leben schicken. Dass Lisa später, wenn sie der Kindheit entwachsen ist und fest im sozialen Gefüge mit all seinen Pflichten und Herausforderungen steckt, diese Basis der Unbeschwertheit und Verantwortungsfreiheit als entlastende Ressource nicht wird aktivieren können, dass Lisa wahrscheinlich nicht einmal eine Idee davon haben wird, wie es ist, ihre Last für einen Moment an eine liebevolle Autorität zu delegieren, um kurz nach Luft zu schnappen. Und dass sie damit die wichtigste Ressource überhaupt entbehrt: die Fähigkeit zur Bindung. Die Fähigkeit, zu fühlen, was zu fühlen ist, sich damit einem anderen Menschen anzuvertrauen, der dies für einen Moment mitzutragen bereit ist, und auf diese Weise nicht allein zu bleiben, sondern Kontakt zu erleben: Mit meiner Not bin ich allein, ja, ich muss sie schlussendlich allein bewältigen, aber ich bin nicht einsam! Und das ist der große Unterschied.

Als Therapeutin würde ich deshalb die Eltern in die Arbeit einbeziehen und die drei dabei unterstützen, ihre Verbundenheit wieder bewusst als überlebenswichtige Ressource zu erleben und als kostbares Gut zu erkennen.

Vielleicht würde ich sagen: „Nutzt die kurze Zeit, bis sie flügge wird. Das sind viel weniger Jahre, als ihr glaubt. Aber diese Jahre sind die einzige Zeit, in denen ihr Lisa das mitgeben könnt, was sie für ein glückliches und gesundes Leben braucht. Denn alle Menschen – aber ganz besonders Kinder brauchen Bindung!

 

[1] Nicht nur die Zahl psychisch „gestörter“, verhaltensauffälliger Kinder steigt in den vergangenen Jahren dramatisch, sondern auch die Zahl der Suizide bei Kindern und Jugendlichen!

Aktuell spricht die Stiftung für die psychische Gesundheit von Kindern von mindestens 20 Prozent psychisch kranker Kinder in Deutschland und erwartet eine Entwicklung auf 50 Prozent bis 2020.

Suizid ist heute die zweithäufigste Todesursache bei Kindern und Jugendlichen. Und auf jeden Suizid fallen noch 15–20 Suizidversuche.

Quellen:

  • http://www.achtung-kinderseele.org/html/themen/psychische%20stoerungen.html
  • https://www.frnd.de
  • http://www.tagesspiegel.de/berlin/vor-dem-suizid-beschuetzen-jedes-jahr-nehmen-sich-600-jugendliche-das-leben/8741862.html
  • https://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2013/11/21/dramatisch-in-deutschland-ist-bald-jedes-zweite-kind-seelisch-krank

(Zugriff jeweils am 18.1.2017)

 

Unterstützung finden Betroffene auch hier:

Die Telefonseelsorge 0800 1110111

Das Kinder- und Jugendtelefon 0800 1110333

 

Olesen_Bianca  Über die Autorin

Bianca Olesen ist Heilpraktikerin für Psychotherapie und Gestalttherapeutin, Trainerin und Coach mit den Schwerpunkten Stress & Entspannung, Persönlichkeitsentwicklung, emotionale Kompetenz und gehirngerechtes Lehren und Lernen.

Ihr Buch Der Mensch hinter der Maske. Vom Umgang mit narzisstischen Klienten in Coaching und Beratung erschien 2015 im Junfermann Verlag.

Fällt es Ihnen schwer zu entspannen? Manchmal steckt mehr dahinter als äußerer Stress …

Wie Ihr Unterbewusstsein Sie vom Entspannen abhält

Von Tanja Klein

Was haben dramatische Kindheitserlebnisse mit der Unfähigkeit zu entspannen zu tun? Welche Rolle spielen das Familienumfeld und die Spiegelneurone beim Thema Entspannung? In weniger als fünf Minuten werden Sie es wissen. Und warum genießen Sie diesen Artikel nicht passenderweise direkt in einer bequemen Sitzhaltung – vielleicht mit einem Getränk Ihrer Wahl neben sich, die Füße entspannt hochgelegt – und freuen sich über die nächsten Minuten voller Ruhe und neuer Impulse. Sie nehmen wahr, wie die Atmung tiefer wird und ihr Herz angenehm langsam schlägt … Wie? Das fällt Ihnen schwer? Dann könnte es vielleicht an einem der drei folgenden Gründe liegen:

1. Sie haben in Ihrer frühesten Kindheit eine furchtbare Erfahrung gemacht, die Ihnen eine entspannte Entspannung (noch) nicht erlaubt. Und mit frühester Kindheit meine ich sehr früh, also die Zeit, als Sie noch im Bauch Ihrer Mutter waren. Und das vielleicht nicht alleine …

Der Gynäkologe Jean-Guy Sartenaer berichtete in einem Interview für das Fachbuch Das Drama im Mutterleib (2013), dass er bei acht bis zehn Prozent aller Schwangerschaften mehrere Embryonen in der Gebärmutter im Ultraschall erkennen kann. Jedoch sehen wir im Straßenbild nur sehr selten Mütter, die angestrengt versuchen, mit ihren Zwillingskinderwagen in den Bus einzusteigen. Die Quote für erfolgreiche Zwillingsschwangerschaften, bei denen beide Kinder lebend geboren werden, liegt bei nur einem Prozent. Das heißt, dass rund jede zehnte Schwangerschaft „zu zweit“ beginnt und mit dem Schicksal „verlorener Zwilling“ endet.

Wie hängt die pränatale Erfahrung mit der Unfähigkeit zu entspannen im Erwachsenenalter zusammen?

Stellen Sie sich kurz vor, Sie wären ein Embryo im Bauch Ihrer Mutter und direkt neben Ihnen wäre noch ihr Geschwisterchen. Je nach Schwangerschaftswoche hören Sie bereits den Herzschlag des anderen und spüren die Bewegungen neben sich. Mit der Zeit wird der Herzschlag „nebenan“ immer langsamer und langsamer, die Atmung immer ruhiger und die Bewegungen immer weniger … Bis es plötzlich neben Ihnen ganz ruhig wird. Da ist nichts – mehr. Absolute Ruhe. Der Mensch, der Ihnen am engsten vertraut war, ist verschwunden. Wohin auch immer.

(Ich erspare Ihnen die Beschreibung der nächsten Monate, die Sie neben dem toten Körper verbringen. Wer mehr darüber erfahren möchte, kann das erwähnte Buch lesen oder eine Fortbildung in Pränataler Psychologie z. B. bei Gerda Ehrlich besuchen.)

Vor diesem Hintergrund jedenfalls bekommt die Aussage „Ruhe fühlt sich für mich an wie der Tod“ eine ganz neue Bedeutung, und als Coach und/oder Therapeut macht es Sinn, an dieser Stelle hellhörig zu werden. Vielleicht hat der Klient, der diese Aussage getroffen hat, als eine der ersten prägenden Erfahrungen gelernt: Wenn jemand anfängt, richtig ruhig zu werden, ist er bald tot. Würden Sie mit dieser unbewussten, vorgeburtlichen Erfahrung ruhig auf dem Sofa liegen können? Es ist völlig verständlich, dass man lieber nicht zur Ruhe kommen möchte. Jemandem mit dieser Erfahrung Yoga oder Meditation zu empfehlen, könnte kontraindiziert sein. Vorher wäre es wichtig und notwendig, den ursprünglichen Stress aufzulösen.

Viele Menschen können sich nur schwer vorstellen, dass man in vorgeburtlicher Zeit etwas bewusst mitbekommt und zudem noch ins Erwachsenenleben überträgt. Fachbücher zur Pränatalen Psychologie und meine eigenen Coachingerfahrungen bestätigen jedoch genau das.

Natürlich kann man sich nicht daran erinnern, wie das Geschwisterchen ausgesehen hat oder was man angesichts seines Todes empfunden hat. Dennoch ist davon auszugehen, dass das überlebende Kind „etwas“ mitbekommen hat, denn dieses Erlebnis kann beispielsweise durch den veränderten Geschmack des Fruchtwassers „geschmeckt“ werden, und es gibt eine unbewusste Erinnerung an die Gefühle aus dieser Zeit. Die Folgen sind bei manchen Menschen durchaus auch im Erwachsenenalter noch spürbar.

Aber ich möchte Ihnen heute noch zwei weitere Gründe aus meiner Praxis vorstellen, die Entspannung erschweren:

2. Die Unfähigkeit zu entspannen kann mit der Geburtserfahrung zusammenhängen. Bei einer jungen Klientin von mir entpuppte sich unter anderem dieses Phänomen als die Ursache für ihr Problem, in der Schule stillzusitzen. In Gesprächen stellte sich heraus, dass sie eine ganz furchtbare Geburt gehabt hatte und es in den ersten Minuten danach sehr unsicher gewesen war, ob sie überleben würde. Eine Geburt kann viele kritische Momente haben, und sie alle gehen nicht spurlos am Kind und seinen Eltern vorbei.

Ohne böse Absicht wurden meiner Klientin von den Eltern immer wieder die Einzelheiten des „Geburtstraumas“ berichtet. Das Mädchen litt an einer starken, vormals unbewussten Angst zu sterben, die eindeutig aus der Zeit der Geburt stammte. Die Unfähigkeit, ruhig zu sitzen, entsprang der guten Absicht, sich selbst zu versichern, noch am Leben zu sein. Ganz nach dem Motto: „So lange ich rumhüpfe, kann ich nicht tot sein“. Angesichts der Vorgeschichte des Mädchens eine verständliche Reaktion.

Der Mensch ist jedoch ein komplexes Wesen und es gibt oft mehr als einen Grund für ein bestimmtes Verhalten. Bei meiner Klientin kam nun noch Grund Nummer 3 hinzu:

3. Spiegelneurotischer Stress des Umfeldes. Der Vater meiner Klientin hatte bei ihrer Geburt natürlich ebenfalls starke Angst, dass sein Mädchen sterben könnte. Der Ursprung dieser Angst konnte mit dem Myostatiktest eindeutig zugeordnet werden. Diese Angst hörte auch nach den gut gemeisterten ersten Lebensmonaten und sogar -jahren nicht auf. Sie wirkte unterbewusst noch immer auf ihn – und leider über die Spiegelneurone auch auf sein Kind.

Wirkungsweise der Spiegelneurone

Jeder Mensch kann sich mit emotionalem Stress von nahestehenden Menschen „anstecken“ lassen. Dies geschieht über eine ganz spezielle Sorte von Nervenzellen: den Spiegelneuronen. Im menschlichen Gehirn bewirken sie, dass beim bloßen Betrachten einer Handlung sich das gleiche Aktivitätsmuster zeigt wie beim aktiven Ausführen dieser Handlung. Aus Sicht der Evolution sind die Spiegelneurone eine tolle Sache, da sie uns oft schützen oder leichter neue Handlungsweisen lernen lassen. Manchmal lernen wir jedoch auch undienliche Muster. So kann es sein, dass meine Klientin als Kind immer wieder über die Spiegelneurone mit der Angst des Vaters in Resonanz ging. Deshalb konnten wir das Thema „Stillsitzen“ nur im Rahmen einer systemischen Arbeit mit beiden Beteiligten auflösen.

Erfahrungsgemäß sind in einer Familie nicht immer alle Mitglieder für solch einen Prozess offen oder erreichbar, manchmal sind wichtige Personen auch bereits verstorben. Entsprechende Muster können jedoch von Generation zu Generation weitervererbt werden: Es gibt viele Erwachsene, die ihre Mutter nie „zur Ruhe gekommen“ erlebt haben. Dann werden Haltungen wie „Was denken die Leute, wenn ich mich am helllichten Tag einfach hinlege?“ von Generation zu Generation weitergegeben und wirken sich so negativ auf den eignen Entspannungswunsch aus. Als guter Coach kann man diese unbewussten Muster aus den Gehirntiefen der Amygdala gut auflösen. Aber vorher muss man diese erst einmal erkennen.

Wege zur Auflösung

Es wäre falsch zu vermuten, dass jeder Mensch, der sich schwertut, einen Gang runterzufahren, ein dramatisches Geburts- oder Vorgeburtsereignis erlebt hat. Wichtig ist mir nur, eine Sensibilität dafür zu schaffen, dass die geschilderten „Dramen“ öfter ursächlich sind, als man gemeinhin denkt. Falls Sie als Coach oder Therapeut auf einen Klienten treffen, der Entspannung als extrem bedrohlich empfindet, dann könnte es also sein, dass einer der genannten Gründe vorliegt.

Jeder Coach und Therapeut hat seine ganz eigenen Methoden, wie er solche Hintergründe bei seinen Klienten herausfindet und sie anschließend bearbeitet. Ich empfehle, als qualifizierter Therapeut bzw. Heilpraktiker für Psychotherapie (HP Psych) zuerst dem Klienten dabei zu helfen, die meist traumatischen Erlebnisse aufzuarbeiten, bevor man versucht, ihm den Weg zur Entspannung näherzubringen. Gute Aussicht auf Erfolg bei der schnellen Auflösung dieser Entspannungshindernisse hat meiner Erfahrung nach die Coachingmethode wingwave. Aber sicherlich kann jeder gut ausgebildete Therapeut oder Coach mit Zusatzqualifikation als HP Psych auch mit seinen Lieblingsmethoden Unterstützung bieten.

Beim Schreiben dieser Zeilen, konnte ich ganz entspannt auf meinem Sofa sitzen und die völlige Ruhe bei der Arbeit genießen. Ich frage mich, ob auch Sie heute schon die Chance hatten, ein paar Minuten zu entspannen. Vielleicht sogar gerade jetzt? Wie erleben Sie Entspannung? Schreiben Sie gerne einen Kommentar oder teilen Sie es mir per Mail mit: mail@kleincoaching.de

Ich freue mich auf Ihre Rückmeldung und wünsche Ihnen einen entspannten Tag.

image1  Über die Autorin

Tanja Klein arbeitet als systemischer Coach (DCV) in Bonn. Sich selbst klassifiziert die IHK-geprüfte Fachkauffrau Marketing als „Marketing-Rampensau“. Im Junfermann Verlag hat sie zusammen mit Ruth Urban die Bücher Coach, your Marketing und Erfolgreich durch Positionierung veröffentlicht.