Make today a day well lived!

 

  Die Top-5 NLP-Tipps für jeden Tag

Von Romina und Gary Schell

Das Neurolinguistische Programmieren (NLP) ist eine höchst effektive Coachingmethode, die man auch im Alltag wunderbar für sich alleine nutzen kann – ganz nach dem Motto: „Mache jeden Tag wertvoll“ oder „Mache heute zu einem gut gelebten Tag“ (Make today a day well lived). Sie müssen kein Profi sein, um NLP auszuprobieren und wirkungsvoll einzusetzen.

Damit die folgenden Tipps optimal umgesetzt werden können, brauchen wir nur gelegentlich einige Gedankengrundlagen des NLP. Sie finden diese in Kursivschrift beim jeweiligen Praxis-Tipp.

Top-5 – NLP-Tipps für jeden Tag

  1. Morgens die Weichen für den Tag stellen
  2. Beeinflussen Sie Ihren Zustand
  3. Einfluss nehmen durch positives Reframing
  4. Wann Sie „aber“ durch „und“ ersetzen sollten
  5. Am Abend seine Erfolge zählen

1) Morgens die Weichen für den Tag stellen

„NLP ist ziel- und lösungsorientiert. Die Energie folgt der Aufmerksamkeit.“

Viele von uns beginnen ihren Tag sehr früh und auch sehr hektisch. Die Nacht war wieder zu kurz, die Kinder müssen versorgt werden, der Körper verlangt nach Frühstück, und schon auf dem Weg zur Arbeit werden E-Mails auf dem Smartphone bearbeitet oder das anstehende Meeting vorbereitet. Dabei verfallen wir „planlos“ von einem Zustand in den nächsten. Hier gilt: Wenn wir keinen Fokus setzen, sind wir mehr oder weniger wie das sprichwörtliche Schiffchen auf hoher See – die Wellen schubsen uns willkürlich hin und her.

NLP-Übung für den Morgen

Stellen Sie selbst die Weichen! Stehen Sie eine Viertelstunde früher auf. Räkeln Sie sich ein wenig, nehmen Sie ein paar bewusste Atemzüge und finden Sie ein ruhiges Plätzchen.

Fragen Sie sich:

  • Wie möchte ich, dass mein Tag heute wird?
  • Worauf möchte ich mich heute konzentrieren?
  • Was ist die eine Sache, die mir persönlich wichtig ist, und von der ich heute Abend sagen können möchte, dass ich etwas dafür getan habe? Worin möchte ich einen Schritt weitergekommen sein?
  • Wann und wie werde ich mir heute etwas Gutes tun oder etwas Schönes erleben?
  • Wie wird es sein, wenn ich heute Abend ins Bett gehe und vollkommen zufrieden einschlafen kann? Was werde ich dann erreicht haben?

Diese mentale Auszeit direkt zu Beginn des Tages können Sie sich auch als mentales Stretching vorstellen. Probieren Sie es gleich morgen aus. Beantworten Sie die Fragen am besten schriftlich auf einem Blatt Papier oder legen Sie sich ein kleines Journal an.

Erfolgreiche Menschen führen diese Übung mit Selbstverständlichkeit aus. Sie haben erkannt, dass sie so mehr Ziele erreichen, als wenn sie sich nicht fokussieren. Wollen Sie sich ziellos hin- und herschaukeln lassen oder übernehmen Sie häufiger selbst das Steuer?

2) Beeinflussen Sie Ihren Zustand

„Körper und Geist sind eine Einheit und beeinflussen sich gegenseitig.“

Machen Sie doch gleich mal folgenden Test: Sinken Sie in Ihrem Sitz zusammen, lassen Sie Schultern und Kopf hängen, Ihre Mundwinkel ebenfalls, runzeln Sie die Stirn – wie fühlen Sie sich damit? Sagen Sie nun in dieser Haltung laut zu sich selbst: „Mir geht es richtig prima!“ Und zwar so, dass Sie es selbst glauben können! Das funktioniert nicht? Richtig! – Wenn Ihr Körper eine andere Botschaft über seine Haltung ausdrückt, dann können Sie keine gegenteilige Gefühlsaussage machen. Körper und Geist beeinflussen sich gegenseitig.

„Man kann nicht gleichzeitig zwei gegensätzliche Gefühle fühlen.“

Versuchen Sie mal gleichzeitig traurig und glücklich zu sein oder unsicher und selbstbewusst. Dies funktioniert kurz nacheinander im Wechsel, im selben Moment ist dies jedoch nicht möglich.

Übung:

Richten Sie sich auf, heben Sie Ihr Kinn ein wenig an, strecken Sie Ihr Brustbein nach vorne oben – schon zwei Millimeter werden einen Unterschied machen! Bleiben Sie in dieser Haltung für mindestens zwei Minuten und spüren Sie in sich hinein. Sie werden sich selbstbewusster und zufriedener fühlen. Wenn Sie alleine im Raum sind, können Sie auch Ihre Arme für zwei Minuten in der Siegerpose in die Luft strecken.

Allein diese einfache Übung bewirkt, dass Glückshormone ausgeschüttet und Stresshormone abgebaut werden. Nutzen Sie dieses Wissen!

Anwendung für mehr Selbstvertrauen

Probieren Sie es einmal aus. Vor Ihrem nächsten wichtigen Gespräch, bei dem Sie sich mehr Selbstbewusstsein wünschen, schließen Sie sich für zwei Minuten im Büro oder in der Toilette ein und halten Sie die Siegerpose für zwei Minuten. Vertrauen Sie Ihrem Körper – er wird Sie hormonell und emotional auf Ihr Gespräch vorbereiten. (Tipp: Sollte jemand zufällig in Ihr Büro kommen, während Sie die Arme in der Luft halten, wechseln Sie schnell in eine Räkel-Streck-Haltung und lassen Sie die Arme wieder sinken. Es muss ja niemand erfahren, was Sie da tun.)

Übung: Kleine Geste mit großer Wirkung

Verbesserungen Ihres emotionalen Zustandes können Sie auch durch kleinere Veränderungen einzelner Körperbereiche erzielen wie z. B. Ihrer Mundpartie. Lächeln Sie doch einfach mal ohne besonderen Grund! Viele Menschen warten darauf, dass etwas Schönes oder Lustiges in ihrem Leben passiert, das sie zum Lächeln bringt, wodurch wiederum ein Wohlgefühl in ihrem Körper ausgelöst wird. Machen Sie es auf NLP-Art: Lächeln Sie häufiger einfach so und schenken Sie sich selbst das Wohlgefühl. Entspannen Sie Ihre Stirn, lockern Sie Ihren Kiefer und heben Sie die Mundwinkel an. Warten Sie ein paar Sekunden – es wird Sie positiver stimmen! Wetten, dass Ihr Lächeln auch bei anderen gute Laune hervorrufen wird?

3) Einfluss nehmen durch positives Reframing

„Mehr Wahlmöglichkeiten sind besser als wenige.“

„Jedes Verhalten birgt eine positive Absicht.“

„Jeder Mensch wählt aus den ihm zur Verfügung stehenden Möglichkeiten immer die beste aus (um ein bestimmtes Ziel zu erreichen).“

Reframing bedeutet übersetzt „neu rahmen“. Im NLP nutzt man diese Technik des Umdeutens, um einem Verhalten oder Ereignis eine neue Bedeutung zu geben. Schon Shakespeare sagte: „Es gibt weder gut noch böse – erst unser Denken macht es dazu.“ Häufig kennen wir Reframing in negativer Form, wenn wir z. B. mit uns selbst zu hart ins Gericht gehen: „Ach, jetzt war ich wieder so vorschnell. Ich bin aber auch immer so ungeduldig!“ Vielleicht bedeutet „vorschnell sein“ auch, dass ein hohes Maß an Macher-Energie und Spontanität in Ihnen steckt. Es stimmt vielleicht, dass es in dieser bestimmten Situation bessere Wahlmöglichkeiten gegeben hätte, doch dies ist kein Grund, sich selbst als ganze Person herunterzuputzen.

Es geht beim Reframing nicht darum, sich einfach alles schön zu reden und nichts zu verändern. Erfolgreiche und zufriedene Menschen nutzen Reframing, um sich selbst in Zustände zu bringen, in denen Sie handlungsfähig bleiben. Manche Menschen glauben, sie müssen sich so richtig in ein Ärgergefühl hineinsteigern, damit sie sich daran erinnern, sich beim nächsten Mal anders zu verhalten. Das mag eine erfolgreiche Strategie für den einen oder anderen sein, doch es geht auch mit mehr Wohlbefinden.

Aus Fehlern lernen und das Gute entdecken

Lernen Sie aus Ihren „Fehlern“ und fragen Sie sich in jeder herausfordernden Situation:

  • Was habe ich hier gerade gelernt?
  • Was würde ich beim nächsten Mal wieder so machen?
  • Was würde ich gerne verändern?
  • Wenn es doch etwas Gute an der Situation/dem Gefühl/dem Verhalten gäbe – was wäre das?
  • Was wollte mein Verhalten ursprünglich sicherstellen?

Im NLP ist man immer zuerst darauf bedacht, sich die Wahlmöglichkeiten bewusst zu machen, anstatt sich selbst schlecht zu reden. Im zweiten Schritt geht es dann um mögliche Verbesserungen.

4) „Aber“ durch „und“ ersetzen

Dieser Tipp ist so bekannt wie einfach und doch setzen ihn so wenige Menschen um, wenn Sie mal genau hinhören. Die Wirkung ist dabei so groß, dass wir Ihnen ans Herz legen, wenigstens diesen NLP-Tipp für Ihren Alltag umzusetzen. Wenn Sie das nächste Mal anderer Meinung sind als Ihr Gesprächspartner, beginnen Sie Ihren Satz lieber mit einem „Und“.

Beispiel 1 – „Aber“ eher vermeiden

Kollege: „Wir sollten in Variante A investieren.“

Sie: „Aber ich denke Variante B ist viel lukrativer.“

Besser:

Kollege: „Wir sollten in Variante A investieren.“

Sie: „Und ich denke Variante B ist viel lukrativer.“

„Aber“ ist ein Wort, dass in der Wirkung jede vorgenannte Idee überdeckt, während „und“ alles Gesagte nebeneinander stellt. In Beispiel 1 hätten Sie Ihre Idee in ihrer Wertigkeit über die des Kollegen gestellt. Die Frage ist, ob Sie das beabsichtigt hätten oder ob Sie lediglich eine weitere Idee zur Diskussion stellen wollten. In letzterem Fall wählen Sie besser das „Und“.

Selbstverständlich ist das „Aber“ nicht verboten (siehe Beispiel 2) – Sie sollten sich nur der Wirkung Ihrer Kommunikation bewusst sein und ob Sie erzielen, was Sie erreichen wollten.

Beispiel 2 – „Aber“ erlaubt

Sie: Ich denke, Variante B ist viel lukrativer, aber ich verstehe Ihr Interesse an Variante A sehr gut. Lassen Sie uns beide Varianten noch einmal vergleichen.

5) Am Abend seine Erfolge zählen

Wenn Sie Ihren Tag beschließen, tun Sie es erfolgreich. Lassen Sie Ihren Tag Revue passieren und überlegen Sie, welche Dinge Sie gut gemacht haben. Vergleichen Sie Ihre Ergebnisse mit den Fragen vom Morgen.

Fragen Sie sich:

  • Habe ich meinen Fokus auf etwas von mir Ausgewähltes halten können?
  • Bin ich meinem Ziel ein Stückchen näher gekommen?
  • Habe ich umgesetzt, was ich mir vorgenommen habe?
  • Was habe ich gelernt, das ich wiederholen oder beim nächsten Mal etwas anders machen würde?
  • Was habe ich Schönes erlebt oder Gutes für mich getan?

Wir wünschen Ihnen viel Spaß beim Ausprobieren und Umsetzen des einen oder anderen NLP-Tipps. Überprüfen Sie für sich, was Ihnen guttut und nützlich erscheint. Verwerfen Sie, was nicht für Sie passt und setzen Sie überall NLP ein, wo es hilfreich ist. Wenn Sie darauf achten, dass möglichst alle Beteiligten einen Gewinn für sich erzielen, haben Sie erkannt, worum es im NLP geht.


Über die Autoren

  Romina Schell

Romina Schell (*1982) ist Lehrtrainerin DVNLP, Master Coach DVNLP, Gesundheitscoach (Health Practitioner, HCT) sowie zertifizierte Trainerin des Virgina Satir Global Network.

Seit 2006 führt Sie zusammen mit ihrem Mann Gary NLP-Ausbildungen und Coaching im eigenen Institut „diedenkweisen“ durch. Im Junfermann Verlag ist von ihr das Buch „Das Herz im NLP“ (2015) erschienen.

Mehr über die Autorin erfahren Sie hier.

  Gary Schell

Gary Schell (*1967) führt als NLP-Lehrtrainer und Lehrcoach (DVNLP) seit 2003 NLP-Ausbildungen im eigenen Institut durch. Als Diplom-Sportlehrer mit über 20 Jahren Erfahrung im Gesundheitsbereich liegt es ihm am Herzen, Menschen bei Ihren Veränderungswünschen zu unterstützen. Zusammen mit seiner Frau Romina gründete er 2006 das NLP-Institut „diedenkweisen“, in dem neben der gesamten NLP-Ausbildung auch Coaching, Hypnose und Businesstrainings einen Schwerpunkt bilden.

Mehr über den Autoren erfahren Sie hier.

Alle Termine zur NLP-Ausbildung bei Romina & Gary Schell finden Sie hier.

 

Spüren, was ist

Kriegen Sie sich mit?

Von Tilman Niemeyer

Oder anders gefragt: Wie kriegen Sie sich mit? Wie bekommen wir mit, welche Emotionen uns bewegen? Wie können wir daran etwas verändern – und falls wir das können: Warum sollten wir das tun?

Um Antworten auf diese Fragen soll es hier gehen, und ich knüpfe gerne an die letzte Frage an: Sich besser mitzubekommen und genauer mitzubekommen, was uns bewegt, hilft uns dabei, befriedigendere Beziehungen zu anderen Menschen zu leben.

Sich mitbekommen hilft, befriedigende Beziehungen zu leben

Spontan würde vielleicht mancher sagen: „Ja aber ich kriege doch mit, wenn ich eine Wut habe!? Und wenn mich der andere wütend macht, dann reagiere ich eben wütend …“ Und doch: genau an dieser Stelle kann es nützlich sein, zu verlangsamen, genauer hinzuschauen, denn: Jede Reaktion ist begründet. Aber nicht jede Reaktion ist auch angemessen.

Im Alltag sind wir gewissermaßen geleitet von Automatismen: Wir „laufen auf Automatik“ und reagieren, wie wir immer reagieren. Das hat seinen Grund darin, dass wir vor allem aufgrund unserer Erfahrung reagieren. Die gesamte Erfahrung unseres bisherigen Lebens ist „gespeichert“ in unserem impliziten Gedächtnis (auch: Körpergedächtnis). Auf diese Weise steht sie uns allzeit zur Verfügung; in jeder Situation, in der wir uns entscheiden müssen (z. B.: „Wie reagiere ich darauf?“) hilft uns unsere Erfahrung, eine für uns sinnvolle Entscheidung zu treffen.

Alles in allem ist das eine phantastische Art und Weise, Entscheidungen zu treffen, schließlich reagiert das Erfahrungswissen enorm schnell (schneller als es das Bewusstsein könnte) und präsentiert uns eine Emotion, die uns eine Hilfestellung gibt, uns zu entscheiden: Mag ich das oder mag ich das nicht? Reagiere ich mit Annäherung oder mit Abgrenzung?

Ein Detail am Rande: Dieses implizite Gedächtnis funktioniert vollkommen unabhängig von unserem biographischen Gedächtnis. Es kann also sein, dass wir aufgrund einer Erfahrung reagieren, die uns nicht bewusst ist und an die wir keine bewusste Erinnerung haben; das ist sogar meistens der Fall.

Die angemessene Reaktion bezieht sich auf das Hier und Jetzt

So weit so gut. Problematisch daran ist ja auch nur, dass wir nicht immer nur angenehme Erfahrungen gemacht haben, sondern auch unangenehme – manchmal sogar sehr unangenehme, „die kein Mensch braucht“. Aber auch, ja gerade in solchen Fällen präsentieren sich unsere Entscheidungshelfer, die Emotionen, so rasch, dass wir, ohne nachzudenken, ja ohne uns mitzubekommen, schnell aufgrund einer alten Erfahrung auf eine neue Situation reagiert haben.

Dann ist die Auseinandersetzung gewissermaßen vorprogrammiert, denn eine solche Reaktion ist selten „angemessen“. – Wie sollte sie das auch sein, bezieht sich die Reaktion doch auf eine in der Vergangenheit liegende Situation (oder: viele solcher Situationen), und nicht auf unser Gegenüber.

Sicher ist es wichtig, in einer wirklich gefährlichen Situation schnell Entscheidungen treffen zu können; und es ist ja auch sinnvoll, wenn wir uns angesichts einer unangenehmen Begegnung darauf beziehen, dass wir dieses „Unangenehme“ vielleicht schon einmal erlebt haben und nicht wieder erleben wollen.

Oft bietet dieser Automatismus aber eben auch Fallstricke, in denen wir uns verheddern können: Je enger die Bindung ist und je näher uns der andere steht, umso wahrscheinlicher ist es, dass wir in „alte Muster“ verfallen und dadurch dazu beitragen, eine Erfahrung zu kreieren, die wir doch schon kennen.

Wie also können wir daran etwas ändern? Wie können wir uns besser mitbekommen? Und wie können wir lernen, zu differenzieren und zu unterscheiden, ob es jetzt gerade tatsächlich angemessen ist, z. B. mit entschiedener Abgrenzung zu reagieren – oder ob es nicht vielleicht etwas Altes war, das diese Gefühle wachgerufen (getriggert) hat.

Verlangsamen, innehalten, wahrnehmen

Um nicht nur automatisch und „wie immer“ zu reagieren, ist es unumgänglich, zuerst einmal zu verlangsamen, innezuhalten und zu spüren, was ist. – Letztlich reden wir hier von Achtsamkeit. Wobei der Begriff unterschiedlich verwendet, und noch unterschiedlicher verstanden wird.

Häufig wird unter Achtsamkeit ein behutsames, vorsichtiges Vorgehen verstanden. Wenn man sie aber als Technik und vor dem Hintergrund ihrer buddhistischen Herkunft versteht, geht Achtsamkeit darüber weit hinaus. Achtsamkeit meint dann einen Bewusstseinszustand, in dem wir körperliche oder gedankliche Regungen an uns wahrnehmen, ohne darüber zu urteilen und ohne deswegen gleich eine Handlung auszuführen. Wir sind emotional beteiligt, aber mit den auftauchenden Gefühlen nicht identifiziert (Innerer Beobachter), wie es sich z. B. im Unterschied zwischen den Feststellungen „Ich bin wütend“ (identifiziert) und „Ich habe eine Wut“ (beobachtend) ausdrückt.

Aber bevor es uns gelingt, selbst in Stresssituationen „auf die Bremse zu gehen“ und innezuhalten, ist es womöglich zuerst einmal leichter, gezielt im Alltag den Raum zu finden, an dem eine fünf- oder zehnminütige Auszeit möglich ist.

Für den Anfang: Suchen Sie sich einen Platz, an dem Sie vorübergehend ungestört sind. Nehmen Sie eine aufrechte aber bequeme Körperhaltung ein … und lenken Sie Ihre Aufmerksamkeit auf den Atem. Nehmen Sie wahr, wie und in welchem Rhythmus Sie ganz von selbst ein- und ausatmen. Allein das, die auftauchenden Gedanken immer wieder sein lassen zu können und zum Atem zurückzukehren, fällt anfangs sicher nicht leicht und ist aber eine schöne Übung, die Aufmerksamkeit zu führen und die Wahrnehmung zu fokussieren.

Vielleicht tauchen ja Gedanken oder Körperempfindungen auf, die zwar vorher auch schon da gewesen sein mögen, die wir aber im Getriebe des Alltags allzu leicht überhören. Und womöglich mag der eine oder die andere die Aufmerksamkeit dann auch gezielt dorthin lenken – dann achten Sie lediglich weiterhin auf die innere Haltung, mit der Sie das tun: Nehmen Sie wahr, was ist; Sie brauchen keine Schlüsse daraus zu ziehen; vermeiden Sie, das, was sich zeigt, zu (ver-)urteilen (wie etwa: „Ich sollte solche Gedanken nicht haben“); versuchen Sie, sich mitzubekommen („Ah, eigentlich bin ich gar nicht … sondern wütend/traurig/ängstlich!?“), ohne aber sich in dem jeweiligen Gefühl (Wut/Trauer/Angst) zu verlieren.

Bewusstseinsarbeit ist eine fortdauernde Übung

Die eigenen Emotionen wahrzunehmen, ohne mit ihnen identifiziert zu sein, auch unangenehme Gefühle aushalten zu können und sie nicht „wegmachen“ zu müssen (z. B. weil sie mit der Angst einhergehen, von ihnen überwältig zu werden, oder weil wir „so nicht sein wollen“), das bietet uns die Chance, nicht automatisch sondern bewusst zu reagieren. Auf diese Weise (und vielleicht nur auf diese Weise) kann es gelingen, immer häufiger die Wahl zu haben und aus unterschiedlichen Möglichkeiten auszuwählen, wie wir in einer bestimmten Situation handeln wollen – und dadurch ja womöglich angemessener auf das zu reagieren, was uns jetzt gerade begegnet.

Sich besser mitzubekommen, ist nichts, was man einmal erreicht hat, es ist eine ständige Übung. Mit zunehmender Übung kann es aber leichter gelingen, aus der Automatik immer mal wieder auszusteigen, und gleichzeitig auch, die Wahrnehmung immer mehr zu verfeinern. Falls Sie sich auf den Weg machen wollen, mehr über sich selbst zu erfahren, wünsche ich Ihnen spannende Entdeckungen und: gutes Gelingen!


   Über den Autor

Tilman Niemeyer ist Heilpraktiker für Psychotherapie, Hakomi-Körperpsychotherapeut und lebt und arbeitet in der Nähe von Wien. Sein Buch „Kleiner Psychotherapieführer. Grundlagen und Methoden. Praktischer Wegweiser zur geeigneten Therapie“ ist 2014 bei Junfermann erschienen.

Mehr Informationen unter: www.niemeyer-psychotherapie.at

 

Ein Nein aus tiefster Überzeugung…

Abgrenzung – ein „Ja“ zu sich selbst

von Ulrike Hensel

Die Frage „Wie kann ich mich besser abgrenzen?“ ist regelmäßig ganz vorne mit dabei, wenn in den Workshops, die ich für hochsensible Menschen (abgekürzt HSP) gebe, Themen gesammelt werden und wenn Coachees ihre Anliegen formulieren.

Diejenigen, für die Grenzen-Setzen ein Thema ist – und das sind beileibe nicht nur HSP –, möchten mehr als bisher für sich persönliche Freiräume schaffen, eigenen Wertvorstellungen und Prinzipien treu bleiben, ihre Integrität wahren. Sie möchten selbstverständlicher und selbstsicherer die eigenen Interessen vertreten, ihren eigenen Weg gehen. Nicht länger Nett-Sein vor Echt-Sein stellen, nicht länger den Erwartungen anderer Vorrang geben vor eigenen Bestrebungen.

Wie ich es sehe, geht es für sie darum, bewusst mehr Selbstfürsorge walten zu lassen und Strategien für selbstbestimmtes Handeln zu entwickeln – ohne dabei anderen jegliches Entgegenkommen zu verwehren und ohne den Gemeinschaftssinn zu verlieren.

Für andere da zu sein, ist ein wichtiges Bedürfnis

Wenn mir jemand sagt, dass er eigene Bedürfnisse ignorieren würde und nur für andere da sei, dann weise ich gerne darauf hin, dass schließlich auch das Für-andere-da-Sein ein wesentliches Bedürfnis ist, und werbe für Nachsicht und Verständnis sich selbst gegenüber. Laut Marshall Rosenberg, dem Begründer der „Gewaltfreien Kommunikation“, ist das Bedürfnis, zum Wohlergehen anderer beizutragen, ein zutiefst menschliches, also wahrlich nichts, wofür man sich kritisieren müsste. Wie so oft, geht es lediglich um das rechte Maß und die Ausgewogenheit, denn es gibt ja noch andere Bedürfnisse und Wünsche, die nicht ins Hintertreffen geraten dürfen.

Ich plädiere sicher nicht für rüde, unsoziale Rücksichtslosigkeit, die die Mitmenschen außer Acht lässt, sondern für einen „gesunden Egoismus“, der eine angemessene Rücksicht auf andere einschließt. Thomas Gordon hat es in seinem Beziehungscredo, das ich in seinem Buch Gute Beziehungen gefunden habe, wie folgt formuliert:

„Wenn wir Konflikte haben, wollen wir versuchen, alle beizulegen, ohne dass einer versucht, sie auf Kosten des anderen zu lösen. Das Recht auf die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse gestehe ich dir ebenso zu wie mir. Deshalb wollen wir immer nach Lösungen suchen, die für uns beide akzeptabel sind. Keiner wird verlieren, sondern beide werden wir gewinnen.“ (32014, S. 153)

Abgrenzung – pro und contra

Was für Abgrenzung spricht: Wollen wir unsere persönlichen Projekte voranbringen und unsere ureigenen Ziele verfolgen, ist es nötig, unsere Aufmerksamkeit und unsere Energien einigermaßen darauf zu fokussieren. Erst recht als HSP, weil man da noch begrenzter belastbar ist als andere. Hier hilft der Gedanke, dass das Nein anderen gegenüber ein Ja zu sich selbst ist. Wenn wir wissen, wozu genau wir Ja sagen, stärkt das unsere Entschiedenheit.

Ein weiteres zugkräftiges Argument für die Abgrenzung: Ein rechtzeitiges offenes Vertreten des eigenen Standpunkts beugt einem inneren Groll vor, der sich sonst irgendwann in einem destruktiven Gefühlsausbruch entladen könnte oder im Untergrund beziehungszersetzend wirken würde. Menschen, die sich scheuen, offen und klar Grenzen zu setzen, schützen sich unbewusst auf andere Weise, indem sie innerlich auf Distanz gehen, sich verschließen, unterschwellig aggressiv sind.

„Ein Nein aus tiefster Überzeugung ist besser und größer als ein Ja, das nur gesagt wird, um zu gefallen oder um Schwierigkeiten zu vermeiden.“ (Mahatma Gandhi)

Was gegen (zu viel) Abgrenzung spricht: Menschen sind soziale Wesen, Zugehörigkeit ist ihr Lebenselixier. Dementsprechend bedeutet es ihnen sehr viel, gute Beziehungen zu den Menschen in ihrem Umfeld zu haben. Und dafür sind sie verständlicherweise bereit, einiges zu tun. Des Weiteren: Die Stimmungen anderer beeinflussen die eigene Stimmung (besonders bei HSP!). Es ist schön, wenn die Zufriedenheit des Gegenübers auf einen zurückwirkt. Schon deshalb das Bemühen, zu dessen Wohlsein beizutragen. Und: Hilfsbereitschaft ist für viele ein wichtiger Wert, der entsprechend im Handeln seinen Niederschlag finden soll. In den Zusammenhang passt folgendes Goethe-Zitat: „Wer nichts für andere tut, tut nichts für sich.“

Abgrenzung gepaart mit Hilfsbereitschaft

Wie können nun die beiden Qualitäten Abgrenzung und Hilfsbereitschaft in eine gute Verbindung gebracht werden? Einen sehr praxistauglichen Ansatz finde ich in dem Modell des Werte- und Entwicklungsquadrats von Friedemann Schulz von Thun. Der wesentliche Gedanke dabei ist, dass jede „Tugend“ in der Übertreibung und ohne die ausgleichende Wirkung einer sogenannten „Schwestertugend“ leicht in eine „Untugend“ abrutschen kann; das wäre dann sozusagen „des Guten zu viel“. Schulz von Thun sagt im Buch Kommunikation als Lebenskunst: „Jede Tugend, jedes Ideal, jede menschliche Qualität, eben jeder Wert kann nur dann für das Leben konstruktiv werden, wenn er sich in einer Balance zu einer komplementären ‚Schwestertugend‘ befindet“ (2014, S. 118).

 

Abbildung: Wertequadrat zu Abgrenzung und Hilfsbereitschaft (nach Friedemann Schulz von Thun)

 

Abgrenzung und Hilfsbereitschaft können somit als Schwestertugenden gesehen werden. In der Übertreibung würde selbstfürsorgliche Abgrenzung zur hartherzigen Ignoranz, einem egoistischen Verhalten, die andere außen vor lässt und über kurz oder lang sozial isoliert. Auf der anderen Seite würde zu viel der einfühlsamen Hilfsbereitschaft zur selbstschädigenden Aufopferung, zur Selbstaufgabe. Die Qualität „selbstfürsorgliche Abgrenzung“ erfährt also einen günstigen Ausgleich durch die Qualität „einfühlsame Hilfsbereitschaft“. In der Integration der beiden Qualitäten finden das Ich und das Du Beachtung, was ein beziehungsförderliches Wir ermöglicht. Das Ideal ist das flexible Gleichgewicht zwischen den beiden positiven Qualitäten im Sinne eines Sowohl-als-auch.

Jede Verhaltensänderung ist mit Unsicherheit verbunden

Häufig fehlt einfach die Erfahrung mit Verhaltensweisen, die Grenzen aufzeigen und andere nötigenfalls in ihre Schranken verweisen. Wer als Heranwachsender Grenzverletzungen erfahren hat und dagegen nichts auszurichten vermochte, muss als Erwachsener erst ein Gefühl dafür entwickeln, dass er ein Recht auf Grenzen hat. Den persönlichen Raum auszufüllen und zu behaupten, muss erst erlernt werden, allen Befürchtungen, die womöglich damit einhergehen, zum Trotz: Befürchtungen, andere zu kränken, zu verletzen oder zu enttäuschen; Angst, selbst abgelehnt und zurückgewiesen zu werden, in unangenehme Konflikte mit anderen zu geraten; Angst, die Anerkennung zu verlieren, Freunde zu verlieren, allein dazustehen.

Es braucht daher eine gehörige Portion Entschlossenheit, Mut und Experimentierfreude, um trotz Ängsten und Zweifeln Verhaltensänderungen anzugehen. Der Antrieb erwächst aus der zuversichtlichen Annahme, dass mit dem neuen Verhalten letztlich eine deutliche Verbesserung im Leben zu erreichen ist. In einem Zitat von Ambrose Redmoon ist es treffend ausgedrückt: „Mut ist nicht die Abwesenheit von Angst, sondern die Einschätzung, dass etwas anderes wichtiger ist als die Angst.“ Erste positive Erfahrungen können in der Folge die Motivation liefern, dran zu bleiben und neue Gewohnheiten zu etablieren. Manch einer wird erstaunt sein, wie problemlos eine überzeugte und überzeugende Abgrenzung aufgenommen wird und wie dadurch das eigene Ansehen sogar steigt.

Ein klares Nein, wenn man Nein meint

Es geht nicht darum, bei beliebigen Gelegenheiten häufiger Nein zu sagen, sondern vielmehr immer eigenverantwortlicher und konsequenter Nein statt Ja zu sagen, wenn man ein Nein empfindet. Es geht um Ehrlichkeit, Authentizität und Echtheit. Doch bevor diese Werte zum Tragen kommen, müssen wir uns erst einmal darüber klar werden, was genau für uns stimmig ist, was wir wirklich wollen und was nicht. Wir können nur die Grenzen aufzeigen und gegebenenfalls verteidigen, von deren Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit wir selbst überzeugt sind. Dazu Schulz von Thun: „Selbstklärung ist die Grundlage für eine klare, kraftvolle Kommunikation“ (S. 98).

Haben wir uns entschieden, einer Erwartung nicht zu entsprechen bzw. ein Ansinnen abzulehnen, tun wir das am besten klar und deutlich und geben dafür eine knappe Begründung, ohne uns allzu wortreich zu erklären und zu rechtfertigen (wozu viele HSP neigen), ohne uns zu entschuldigen oder gar Ausreden zu erfinden. Ein schlichtes „Nein, das passt für mich nicht“ oder „Nein, das will ich nicht“ wird meist am besten akzeptiert, selbst dann, wenn es dem anderen nicht gefällt.

Eine Körpersprache, die nicht mit der verbalen Aussage übereinstimmt, entlarvt ein wackliges Nein. Eine leise Stimme, ein entschuldigendes Lächeln, ein ausweichender Blick schwächen das Nein ab und machen es unglaubwürdig. Ein Kopfschütteln, eine feste Stimme, ein ernster Gesichtsausdruck, ein direkter Blickkontakt hingegen unterstreichen das Nein.

Gefragt ist Kommunikationskompetenz

Vielleicht passt ja auch ein eingeschränktes Nein: „Nein, nicht jetzt/heute/dieses Mal“ oder „Nein, nicht so“ mit anschließenden Gegenvorschlägen, was man anbieten kann – dies allerdings wirklich nur, wenn man dahintersteht und sie aus freien Stücken macht.

Schroff und unfreundlich geäußert oder gekoppelt mit einem Vorwurf „Wie kannst du das nur von mir erwarten?“ wird das Nein eine verärgerte und abweisende Reaktion hervorrufen. Ruhig und vorwurfsfrei vorgetragen, als Ich-Botschaft formuliert, stehen die Chancen für eine moderate und verständnisvolle Reaktion gut. Garantiert ist sie jedoch nicht. Unter Umständen sind wir gefordert, die Enttäuschung unseres Gegenübers da sein zu lassen und die (vorübergehend) entstehende Distanz auszuhalten. Keinesfalls sollte man dem anderen seine Gefühle absprechen.

Zum Abschluss noch ein Gedanke: Eine umfassende Auseinandersetzung mit Abgrenzung hat zwei Seiten. Die Grenzen, die man selbst setzt, und die Grenzen, die einem gesetzt werden. Hand aufs Herz: Wie gut können wir die Grenzen anderer akzeptieren und wahren? Respektieren wir vorbehaltlos den Gestaltungsraum anderer? Verzichten wir darauf, uns über die Wünsche Ihrer Mitmenschen einfach hinwegzusetzen? Das respektvolle Achten der Grenzen anderer ist in meinen Augen eine viel zu wenig beachtete Voraussetzung dafür, dass die eigenen Grenzen respektiert und geachtet werden.

Wenn Sie dieses Thema interessiert, werfen Sie doch mal einen Blick in folgende Bücher:

  • Mein Buch-Tipp Nr. 1: „Sei nicht nett, sei echt“ von Kelly Bryson
  • Mein Buchtipp Nr. 2: „Gewaltfreie Kommunikation – eine Sprache des Lebens“ von Marshall B. Rosenberg
  • Mein Buch-Tipp Nr. 3: „Gute Beziehungen: Wie sie entstehen und stärker werden“ von Thomas Gordon
  • Mein Buchtipp Nr. 4: „Kommunikation als Lebenskunst: Philosophie und Praxis des Miteinander-Redens“ von Bernhard Pörksen und Friedemann Schulz von Thun

Kennen Sie das Problem, sich nicht ausreichend abgrenzen zu können? Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem Thema? Schreiben Sie uns! Wir freuen uns über Ihre Fragen, Kommentare und Anregungen.

 


  Über die Autorin

Ulrike Hensel ist Coach für hochsensible Menschen, Autorin von „Mit viel Feingefühl – Hochsensibilität verstehen und wertschätzen“ (Junfermann, 2013) und „Hochsensible Menschen im Coaching – Was sie ausmacht, was sie brauchen und was sie bewegt“ (Junfermann, Oktober 2015).

Weitere Informationen zur Autorin und ihrem Coaching erhalten Sie hier.

 

 

Mit „gehirngerechten“ Zielen zum Erfolg

Die Macht der Gedanken

Von Cora Besser-Siegmund

Man hat herausgefunden, dass Menschen mit einer lebhaften Vorstellungskraft ihr Leben besonders zufriedenstellend und erfolgreich gestalten können. Das liegt an der faszinierenden Struktur der Gedanken, denn obwohl man sie nicht sehen oder greifen kann, bestehen sie durchaus nicht aus Luft. Ihre Entstehung geht mit messbaren Stoffwechselprozessen einher. Der Schriftsteller Rudyard Kipling – Autor des Weltklassikers „Dschungelbuch“ – sagte einmal: „Worte sind die mächtigste Droge, welche die Menschheit benutzt.“ Ein eindrucksvoller Beweis für diese These ist der bekannte Placebo-Effekt, der allein durch Sprache aktiviert werden kann. Man gibt einem von Kopfschmerz geplagten Menschen eine simple Zuckerpille und sagt dabei: „Hier bekommen Sie eine besonders wirkungsvolle Schmerztablette“ – und der Schmerz verschwindet. „Placebo“ ist Latein und heißt übersetzt: „Ich werde nützlich sein.“ Allein ein Satz mit nur wenigen – aber den richtigen – Worten bewirkt den positiven Effekt, weil die Person den Sprach-Reiz durch die Macht der Gedanken mit einer positiven Erwartungshaltung verknüpft, die dann ein wohltuendes Echo im Körpererleben auslöst: schmerzlindernde Endorphine setzen sich in den Nervenverbindungen frei, Muskeln lockern sich, die Gefäße reagieren mit einem ausbalancierten Volumen – und schon fließt der Schmerz davon. Wir sprechen vom „Neurolinguistischen Coaching“, wenn wir unseren Sprachschatz für die Verwirklichung unserer Ziele nutzen.

Es gibt viele eindrucksvolle Placebo-Experimente zu diesem Thema. So entwickelte auch die amerikanische Psychologin und Harvard-Dozentin Ellen Langer ein einfaches und wirkungsvolles Studien-Design, das sich mit der Arbeit von Raumpflegerinnen in Hotels beschäftigte. Ihr Forscherteam wandte sich an diese Raumpflegerinnen, die in zwei Gruppen aufgeteilt waren: eine Versuchsgruppe und eine Kontrollgruppe. Vor dem eigentlichen Experiment wurden alle Studienteilnehmerinnen medizinisch untersucht, beide Gruppen erzielten hier vergleichbare Werte. Beim eigentlichen Experiment wurden dann die Teilnehmerinnen der Versuchsgruppe darüber informiert, dass ihre Arbeit eigentlich einem idealen Fitnesstraining entsprechen würde und daher – medizinisch betrachtet – sehr gesund sei. Diese Information erhielt die Kontrollgruppe nicht. Hierzu berichtet der Arzt Johannes Koepchen im Online-Magazin Mentalmed:

„Die Ergebnisse nach 4 Wochen für die Studiengruppe:

  • deutlich mehr Raumpflegerinnen sahen ihre Arbeit als Training (Anstieg von 29 auf 45, in der Kontrolle nur 15 %)
  • das Gewicht sank in 4 Wochen im Schnitt um ca. 2 Pfund
  • das Körperfett reduzierte sich deutlich
  • der Taillenumfang nahm deutlich ab
  • der systolische Blutdruck verminderte sich um ca. 10 Punkte“

Dieser deutliche Unterschied im Vergleich zur Kontrollgruppe ergab sich bei den Teilnehmerinnen also allein durch die Begrifflichkeit „ideales Fitnesstraining“ – diese Worte änderten nicht nur die Einstellung zur geleisteten Tätigkeit, sondern wirkten sich konkret und messbar auf die körperlichen Gesundheitsdaten der beforschten Frauen aus. Ellen Langer hat noch eine Reihe weiterer Studien zu diesem Thema veröffentlicht – beispielsweise auch bei älteren Menschen –, die alle ähnlich konkret messbare Verbesserungen der körperlichen Gesundheit bei den Probanden aufweisen.

Die Placebo-Forschung zeigt, wie wichtig zielführende Gedanken für unsere körperliche Gesundheit und auch für Erfolge im Leben sind. Ungefähr 60.000 Gedanken gehen uns täglich durch den Kopf. Wenn wir sie nicht selbst positiv gestalten, führen sie einfach ein Eigenleben, denn das Gehirn arbeitet rund um die Uhr. Wollen wir unser Gehirn mit seinem Gedankenpotential bewusst für die Erreichung von Zielen nutzen, können wir uns schon im Hier und Jetzt mental in den Zielerfolg hineinversetzen. Die präzise Zieldefinition ist für das Gehirn das geeignete Kursinstrument auf dem Weg zur positiven Veränderung, und schon arbeiten die sechzigtausend Gedanken für uns. Dazu ist es wichtig, die Gehirnfunktionen der Wahrnehmungsverarbeitung für ein erfolgreiches Gedankenmanagement kennen und nutzen zu lernen.

Für die gedankliche oder ausgesprochene Zieldefinition ist es wichtig zu wissen, dass unser Gehirn spontan eine Negation wie ein „Nein“ oder ein „Nicht“ ganz anders als erwünscht bearbeitet. Machen Sie den Test: Denken Sie jetzt bitte nicht an ein Krokodil. Und spontan präsentiert Ihnen Ihr Gehirn diese grüne Riesenechse. Auf diese Art und Weise machen Sie Probleme zu Krokodilen, die mit ihrem großen Gebiss auf dem Erfolgsweg lauern und den Mut und das Durchhaltevermögen auf dem Weg zum Ziel gefährden. Überprüfen Sie im Alltag, wie oft Sie in Gedanken ein Ziel mit „Krokodilen“ beschreiben: „Ich möchte auf keinen Fall in der Prüfung nervös sein“ – anstatt zu denken: „Ich gehe ruhig und gelassen zum Prüfungstermin.“ Beim Neurolinguistischen Coaching nennen wir diese unterstrichenen Begriffe „Go-Wörter“: sie bewirken aufgrund ihrer Wortdynamik, dass wir unsere Potenziale aktiv ausleben und auf der Handlungsebene verwirklichen können. Ein Wort wie „nervös“ hingegen ist dann ein „Stop-Wort“: es irritiert und hemmt die Gedanken- und Handlungsmöglichkeiten.

Psychologen und Pädagogen weisen schon lange darauf hin, wie ungünstig es ist, zu einem Kind zu sagen: „Pass auf, du fällst gleich hin. Stolpere nicht!“ In dem Moment, in dem das Wort „Stolpern“ fällt, muss das Kind erst einmal begreifen, was Stolpern eigentlich ist. Das Gehirn aktiviert nun alles Wissen, das es zum Thema „Stolpern“ programmiert hat. „Aha, da muss man also die Füße so nachlässig über den Boden schleifen, damit sie an einem Stein hängenbleiben!“ Und da das Denken an eine Körperreaktion und deren tatsächliche Auslösung von denselben Gehirnarealen gesteuert wird – stolpert das Kind. Der Muskeltonus ist sofort als Reaktion auf den Gedanken erschlafft, und das Kind konnte den Fuß nicht mehr ausreichend anheben. Wir haben es bei diesem Beispiel nicht mit einem Phänomen der Magie zu tun, sondern mit einer schlichten Falschprogrammierung des Gehirns durch ungünstige Stop-Wörter oder Stop-Gedanken. Es tritt genau jene Panne ein, wovor das Kind geschützt werden sollte.

Unser Gehirn muss immer ein Ziel mit seinen 120 Milliarden Gehirnzellen zunächst gedanklich aktivieren, bevor es das Erreichen des Zieles organisieren kann. Man spricht hier auch vom „Zukunftssinn“ des Menschen: Wir können lebhaft in unserem inneren Erleben eine Geburtstagsparty planen, die erst in einem halben Jahr stattfinden wird. Diese mentale Programmierung entfaltet ihre größte Wirkung für die Realisierung der Ziele, wenn sie möglichst „gehirngerecht“ und genau ausfällt: Nicht nur Wörter, auch innere Bilder und deren Qualität beeinflussen den Erfolg: Farbe, Größe und Licht können positive Emotionen verstärken – und bewegte Bilder wirken dynamischer als Standbilder. Auch Bilder und Wörter reichen noch lange nicht aus – auch das Körpergefühl, das Hören, das Riechen und Schmecken unterstreichen Sätze und Formulierungen, die den Zielzustand positiv beschreiben und verstärken auf diese Weise die Macht der Gedanken.

IMAGINATIONSÜBUNG: Selbstmotivation durch Gedanken-Management

1. Denken Sie an ein „mittelwichtiges“ Alltagsziel, für das Sie eigentlich etwas tun müssten – es aber nicht machen: energievoll aufwachen, sich mehr bewegen, ein bestimmtes Buch lesen usw. Dabei sollten Sie das erwünschte Verhalten schon im Repertoire haben: Sie können sich bewegen, ins Bett gehen oder lesen – aber Sie tun es eben nicht oder zu wenig.

2. Was passiert, wenn Sie es weiterhin nicht tun?

3. Und wofür lohnt es sich, diese Sache zu tun/ diesen Zustand zu erreichen? Beschreiben Sie das Motiv in positiv formulierten „Go-Wörtern“ und „Go-Sätzen“

4. Begeben Sie sich in die Vorstellung, Sie hätten diesen Zielzustand erreicht. Reisen Sie mit allen fünf Sinnen auf diese Zukunft. Was genau nehmen Sie alles wahr, wenn Sie gedanklich schon am Ziel sind?

SEHEN

HÖREN

FÜHLEN

RIECHEN

SCHMECKEN

5. Welche dieser Sinneserlebnisse lösen (oder löst) die intensivste Vorfreude in Ihnen aus?

6. Was können Sie selbst in den nächsten fünf Tagen konkret tun, um dieser positiven Zielvorstellung näher zu kommen? Aktivieren Sie immer wieder die positiven Sinneserlebnisse und Ihre „Go-Worte“, während Sie über drei Möglichkeiten nachdenken. So vernetzen Sie die Ihre Handlungen gedanklich mit Vorfreude und steigern so die Chance zur Verwirklichung.

7. Besorgen Sie sich einen Erinnerungs-Anker, der Sie überall an dieses Zielerlebnis erinnern kann: ein Glasstein, ein Ring, ein Kugelschreiber, ein Parfum, ein bestimmtes Foto auf dem Handy usw. Und wann immer Sie sich einen Schritt in Richtung Ziel bewegt haben, geben Sie sich selbst in einem freundlichen Tonfall innerlich positives Feedback – denn das tut sprichwörtlich der „Stimmung“ gut.

Sie können Ihr Kreativitätspotenzial für diese Übung und für die Entwicklung zielführender Gedanken noch durch den Einsatz der speziell komponierten wingwave-Musik intensivieren. Selbstcoaching mit der wingwave-Musik reduziert Stress, steigert das Wohlgefühl und inspiriert zu kreativen Gedanken. Diese Musik wirkt über einen abwechselnden Links-rechts-Takt, der im Ruhe-Rhythmus des Herzens Ihren Gehör-Sinn und damit Ihr ganzes Nervensystem „berührt“. Die Wirkung entfaltet sich durch den Einsatz von Stereokopfhörern. Es gibt eine entsprechende wingwave-App, die für Ihr Selbstcoaching verschiedene Mental-Übungen in Verbindung mit der wingwave-Musik vorstellt. Die Basis-Version dieser App ist gratis. Alle Informationen und das Gratis-Musikstück „Feelwave“ gibt es zusätzlich auch im wingwave-online-shop.

Auch mit einer positiven inneren Stimmung können Sie Ihr Gedankenmanagement effektiv unterstützen – ganz konkret, indem Sie den Tonfall der inneren Ansprache motivierend klingen lassen. Wir reagieren zunächst immer emotional auf Wörter und Sätze – die Wortbedeutung „verblasst“, wenn wir uns mit einer strengen oder gar ungeduldigen Stimme fast schon befehlen: „Ich darf Erfolg haben!“ Wir haben zwei Hörzentren – genannt Hörcortex. Sie sind für verschiedenen Interpretationen von Hörreizen zuständig: Die linke Seite für die inhaltliche Bedeutung – „Was ist das?“ – und die rechte Seite für die Interpretation, wie die Botschaft gemeint ist – „Wie ist das?“ – wird ein schlichtes „Ja“ freundlich oder gelangweilt gesprochen? Probieren Sie aus, welcher positive Tonfall bei Ihnen die stärkste Motivationsenergie erzeugt: gelassen, fröhlich, liebevoll oder begeisternd.

Es könnte auch sein, dass einige mit dem Ziel verbundene Worte trotz allen positiven Denkens immer noch ein Unbehagen auslösen: Begriffe wie „Prüfung“, „Zahnbehandlung“, „Steuererklärung“, „Bügeln“ oder „Wirtschaftskrise“. Hier hilft ein ganz einfaches Selbstcoaching namens „Magic Words“ – auch diese Übung gibt es übrigens in der schon zuvor erwähnten wingwave-App. Sie schreiben diese zunächst noch unangenehm wirkenden Wörter in Gedanken in bunten Buchstaben, stellen sich die Begriffe klein geschrieben links unten in der Ecke vor, oder Sie lassen eine innere Micky-Maus-Stimme die Wörter piepsen. Und schon werden daraus erlaubende „Go-Worte“: Sie reagieren jetzt gelassen und kreativ auf diese Schlüsselwörter. Die Macht der motivierenden Gedanken basiert also immer auf einer gelungene Kombination aus zielführenden Worten, belebenden Sinneswahrnehmungen und positiven Emotionen.


  Über die Autorin

Die Diplom-Psychologin Cora Besser-Siegmund (*1957) ist approbierte Psychotherapeutin, NLP-Lehrtrainerin (DVNLP) und -Lehrcoach (ECA). Cora Besser-Siegmund ist außerdem Supervisorin für EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing).

Im Jahr 2001 begründete sie zusammen mit Ihrem Mann Dipl.-Psych. Harry Siegmund die wingwave®-Methode, die mittlerweile international von fast 5000 wingwave®-Coaches angewendet wird. Die Methode wurde bereits beforscht und Ihre Wirksamkeit wissenschaftlich belegt.

Seit über zwanzig Jahren leitet sie das Besser-Siegmund-Institut, das sich im Herzen Hamburgs befindet. Mit Ihrem Mann entwickelte sie eine Reihe von Verfahren für Therapien und Coachings, die sie einem breiten Publikum in einer Reihe von Sachbüchern bekannt gemacht haben. Zahlreiche Manager, Führungskräfte, Sportler, Künstler und Kreative nutzen die seit Jahren erfolgreichen Kurzzeitcoaching-Methoden Magic Words und wingwave®-Coaching.

Zu ihren Arbeitsschwerpunkten gehören:

•           Emotions- und Leistungscoaching

•           Standortbestimmung und Karriereplanung

•           Selbstmanagement/ -motivation

•           Präsentationssicherheit

•           Konfliktstabilität

•           Stressmanagement

Im Junfermann Verlag sind von ihr unter anderem die Bücher Magic Words – der minutenschnelle Abbau von Blockaden (2004) und Mentales Selbstcoaching (2006) erschienen. Im Herbst 2015 erscheint der Titel Neurolinguistisches Coaching.

 

Weitere verwendete Literatur

Langer, E. J. (2007 (18)). Mind Set Matters. Psychological Science , 165 – 171.

Wegner, D. (1995). Die Spirale im Kopf: von der Hartnäckigkeit unerwünschter Gedanken – die Psychologie der mentalen Kontrolle. Bergisch Gladbach: Bastei-Lübbe.

Wegner, D. e. (May 1998). The Putt and the Pendulum: Ironic Effects of mental Control of Action. Psychological Science Vol. 9 No 3 , S. 196 – 201.

Erleben Sie den Drive …

Drive – mit der Welt im Fluss sein

Von Stefan Hölscher

Wir alle kennen Situationen, in denen wir uns als kraftvoll gestaltend erleben, in denen wir das Gefühl haben, gut im Fluss zu sein, die Dinge zu bewegen, Schwierigkeiten zu meistern und Energie, Lust und Lebendigkeit bei alledem zu spüren. Erfahrungen dieser Art können mit unterschiedlichsten Tätigkeiten im Beruf oder im Privatleben verbunden sein; mit Tätigkeiten, die wir allein tun, oder mit Tätigkeiten, die wir mit anderen zusammen unternehmen. Oft handelt es sich um kreative, sportliche oder spielerische Aktivitäten, doch können es genauso auch Überlegungen, Problemlösungsprozesse, intensive Gespräche oder alltägliche Tätigkeiten und Interaktionen mit anderen sein. Geprägt wird solches Erleben durch eine eigentümliche Gleichzeitigkeit von Gestalten und Laufenlassen, von ernsthaftem Einsatz und spielerischer Leichtigkeit, von Leistungswillen und Lust. Situationen dieser Art sind Momente des Gelingens und des Glücks. Was wir dabei erleben, ist Drive – eine ganz besondere Art mit uns selbst und der Welt im Fluss zu sein.

Ein solches Im-Fluss-Sein lässt sich nicht erzwingen. Wir können allerdings Bedingungen fördern, unter denen es uns eher gelingt, dass es dazu kommt. Die entscheidenden Weichenstellungen dafür liegen in uns selbst. Wir selbst bestimmen mit unserem Denken und Handeln, mit der Art des Umgangs mit dem, was in uns und um uns herum passiert, maßgeblich, wie es uns geht und welche weitere Entwicklung die Dinge für uns nehmen. Die wirksamsten Weichenstellungen, um mehr und mehr in einen guten Fluss zu kommen und Drive im eigenen Leben zu entfalten, lassen sich dabei in vier Leitsätze fassen.

 

Schätze, was da ist

Der erste und wichtigste Leitsatz für Drive ist: Nimm an, was gerade da ist, was auch immer es ist, und geh davon aus, dass du etwas Sinnvolles daraus machen kannst. Dieses Prinzip gilt im Kleinen wie im Großen, im Inneren wie im Äußeren. Es gilt für das, was einen ereilt – sowohl das, worüber man sich spontan freut: positive Überraschungen, unerwartete Gelegenheiten, glückliche Momente; wie auch für das, was man so nicht haben wollte: Störungen, Probleme, Krankheiten, Krisen, Verluste. Es gilt für das, was andere tun und was ihnen eigen ist: ihre Worte, Handlungen, Handlungsmuster und deren Folgen; und es gilt für das, was man selbst tut und was einem selbst eigen ist: eigene Gedanken, Gefühle, Handlungen, Handlungsmuster, Eigenschaften, die eigene Biografie…

Anzunehmen, was ist, und davon auszugehen, dass sich etwas Sinnvolles daraus machen lässt, bedeutet zweierlei: Akzeptanz des Gegebenen und aktive Gestaltungskraft. In genau dieser Kombination liegt der Schlüssel für Drive. Zu nehmen, was ist, meint weder Passivität noch Fatalismus. Die Haltung, dass es ist, wie es ist, und man es sowieso nicht ändern kann, als zentrales Lebensprinzip wäre das Ende von Drive. Andererseits meint eine aktive Gestaltung aber auch nicht Aktionismus und Allmachtsgefühle: Die Überzeugung, dass man die Welt seinen Wünschen gemäß formen kann, wäre ebenso wenig vereinbar mit Drive.

Gemeint ist vielmehr: Ich nehme, was da ist (etwas anderes habe ich ohnehin nicht zur Verfügung), und mache etwas daraus. Und zu beidem sage ich „Ja“: zu dem, was vorhanden ist, und zu der Chance, dass ich das Vorhandene weiter gestalten kann. Diese innere Haltung bringt Drive. Sie bildet den ersten Leitsatz für ein Leben mit Drive; und in gewisser Hinsicht durchzieht sie auch die anderen drei: Wisse, was du brauchst; nutze, was du kannst; sieh, was du tust.

 

Wisse, was du brauchst – nutze, was du kannst – sieh, was du tust

Indem ich herausfinde, was ich brauche, kümmere ich mich um mein Wohlergehen. Ich nehme meine verschiedenen Bedürfnisse wahr und nehme sie ernst. Ich entwickle Klarheit im Hinblick darauf, was mir in den vier zentralen Bereichen meines Lebens Körper – Arbeit – Beziehungen – Selbstverwirklichung wirklich wichtig ist, und ich kümmere mich konsequent darum. Ich strebe nach kraftvollen Balancen zwischen den verschiedenen Bereichen, und ich nutze Konflikte, Schwierigkeiten oder negative Gefühle als wichtige Hinweisgeber dafür, was in mir vorgeht, was ich brauche und was ich in meinem Leben ändern sollte, damit es mir gut geht.

Indem ich nutze, was ich kann, mache ich vom Reichtum meiner Fähigkeiten Gebrauch. Ich erkenne in allem, was ich tue, immer auch Fähigkeiten von mir und verwende diese Fähigkeiten und insbesondere meine Kernkompetenzen, das heißt den spezifischen Mix meiner zentralen Fähigkeiten, um mein persönliches Potenzial zu entfalten, mir Ziele zu setzen und mich immer weiter zu entwickeln.

Indem ich sehe, was ich tue, betrachte ich mein Verhalten von außen. Ich nutze Reflexionsfragen, prüfe und hinterfrage besonders in schwierigen Situationen, welche Erklärungen und Bewertungen ich dem Geschehen gebe und ob andere Erklärungen und Bewertungen gegebenenfalls hilfreicher für mich wären; ich achte auf unterschiedliche Strebungen in mir – die Mitglieder meines inneren Teams – und nehme kritische Muster, in denen ich verhaftet bin, wahr, um mein Handeln und seine Folgen besser verstehen zu können. Ich nutze meine Reflexion, um in Situationen, die ich als schwierig und festgefahren erlebe, neue Blickwinkel und Handlungsalternativen zu entdecken.

Zwei Beispiele

Vollsperrung auf der Autobahn. Gerade jetzt. Und ich mittendrin. Wer weiß, wie lange. Natürlich könnte ich mich jetzt furchtbar aufregen und dem Stau auf der Straße noch einen Stau in meinen Blutgefäßen hinzufügen. Ich kann mich aber auch entscheiden, mich ganz der Musik hinzugeben, die ich mir gerade ausgesucht habe, vielleicht ein paar Entspannungsübungen zu machen oder einem interessanten Hörbuch zu lauschen…

Karrierebremse. Mein Chef teilt mir mit, dass ich in diesem Jahr noch nicht für die nächste Karrierestufe vorgesehen bin. Gemeinsamer Beschluss des Managements. Ich solle erst noch an einigen Verhaltensweisen von mir arbeiten. Nach meiner Auffassung war die Beförderung mehr als fällig. Natürlich könnte ich mich nun in den Schmollwinkel zurückziehen oder versuchen, möglichst schnell irgendwo anders eine neue Stelle zu bekommen. Ich kann mich aber auch entscheiden, die relevanten Hinweise ernst zu nehmen und die nächsten Monate nutzen, um mit Unterstützung meines Chefs an diesen Punkten systematisch zu arbeiten. Ich tue dies für meine persönliche Entwicklung, natürlich auch, um mich für die nächste Beförderungsrunde erfolgversprechender aufzustellen und, falls es dann immer noch nicht klappen sollte, um meine Chancen für eine gute Stelle andernorts zu erhöhen…

 

Drive stärkt Drive

Indem ich schätze, was da ist, indem ich weiß, was ich brauche, indem ich nutze, was ich kann, und sehe, was ich tue, entsteht Drive in meinem Leben. Ich sage „Ja“ zu dem, was da ist – in mir und in meinem Umfeld – und mache etwas Eigenes und Gutes daraus. Ich verbinde das, was geschieht, mit dem, worum es mir geht. Ich verfolge einen klaren Kurs und bin zugleich offen für das, was sich ergibt. Ich sorge für mich und mein Wohlergehen und achte auf wechselseitig befriedigende Beziehungen. Ich erlebe mich reich an Fähigkeiten. Ich weiß, dass ich mich auf meine bewusst-willkürlichen ebenso wie auf meine unbewusst-unwillkürlichen Fähigkeiten, auf mein ICH und mein ES verlassen kann, und dass das Zusammenwirken all dieser Fähigkeiten mir für mein Wohlergehen und das Erreichen meiner Ziele unschätzbare Dienste erweist. Ich reflektiere mein Handeln und vermag mich zwischen einem Ganz-im-Geschehen-Sein und einem Es-von-außen-Beobachten hin und her zu bewegen. Ich nutze schwierige Momente, Konflikte und Krisen, um besser zu verstehen, zu lernen und neue Ideen und Balancen zu finden. Ich setze die Möglichkeiten der Reflexion ein, um meine Perspektiven zu erweitern und neue Handlungsimpulse zu finden.

So ist mein Leben mehr und mehr durchdrungen von Drive. Ich erlebe Rhythmus, Bewegung und Fluss. Ich bin ein Teil davon. Das Geschehen prägt mich und ich präge es. Ich bin mit meinem Denken, Fühlen und Handeln ganz in dem, was geschieht, und zugleich schaue ich auf das Geschehen. Ich erlebe das Ganze und ich erlebe mich. Ich fühle Einheit und Unterschied. Ich spüre das Leben und ich spüre den Drive. Das Wunderbare dabei ist: Die Erfahrung von Drive hilft, Drive erneut zu erleben, denn das Erfahren von Drive stärkt die Zuversicht, dass Drive entstehen kann; und diese Zuversicht ist die beste Weichenstellung dafür, dass Drive immer wieder neu zustande kommt.

 

Geprägt von Kontrasten

Natürlich wird mein Leben niemals ausschließlich von Drive durchzogen sein. Als Mensch bin ich ein fehlbares und sterbliches Wesen, und zu meinem Leben gehören immer auch Schwäche, Verlust, Krankheit, Schmerz, Unglück, Abbau und Tod. All das wird immer wieder – zumindest vorübergehend – dazu führen, dass etwas anderes die Oberhand gewinnt.

Drive wird geprägt von Kontrasten – auch von dem Kontrast zwischen den Zuständen in meinem Leben, in denen Drive vorkommt, und denjenigen, in denen anderes dominiert. Ein realistisches Vorhaben kann daher nicht heißen: „Ich werde Drive immer und überall erleben“, denn das wird nie in Erfüllung gehen. Möglich ist aber, dass mein Leben immer häufiger, intensiver und nachhaltiger von Drive geprägt wird; dass Drive für mich immer leichter und natürlicher wird. Dies ist ein realistisches und ein sehr lohnendes Vorhaben zugleich.

Helfen werden mir dabei die vielen guten Momente und günstigen Bedingungen, die es zu entdecken gibt. Helfen werden mir dabei aber auch die schwierigen Momente und Bedingungen, die kleinen und die großen Krisen in meinem Leben. Je besser es mir nämlich gelingt, auch in solchen Situationen anzunehmen, was ist, und etwas Sinnvolles daraus zu machen, umso mehr werde ich mein Vertrauen darauf, dass Drive entsteht, und meine Fähigkeit, Drive aufrechtzuerhalten, stärken, und umso eher wird Drive wieder entstehen.

Die Erfahrung von Drive stärkt das Entstehen von Drive. Je häufiger und intensiver ich in guten wie in schwierigen Situationen nutze, was da ist, umso natürlicher wird ein Leben mit Drive für mich werden. Ich bin mit mir und der Welt im Fluss und schöpfe daraus Kreativität, Kraft, Leistung und Lust.


 

  Über den Autor

Stefan Hölscher, studierter Philosoph, Literaturwissenschaftler und Psychologe (Dr. phil., Dipl.-Psych., M. A.), hat eine berufliche Doppelexistenz: Er arbeitet als Managementberater, Trainer, Coach und ist Geschäftsführender Gesellschafter der Metrion Management Consulting, Frankfurt a. M. Gleichzeitig ist er als Autor, Lyriker und Sprecher tätig. Er ist Verfasser zahlreicher Bücher und Beiträge. Zusammen mit Michael Schneider, dem Solobassisten des Philharmonischen Orchesters der Stadt Heidelberg, macht Stefan Hölscher sprach-musikalische Lyrik-Kontra Bass Performances.

 

Publikationen (Auswahl):

  • Hölscher, S. (2015): Die neue Mitarbeiterführung. Führen als Coach. Beck Kompakt. C.H. Beck, München
  • Büngen, A. & Hölscher, S. [Hg.] (2015): Queerlyrik. Siegertexte und Platzierte des 1. Queerlyrik-Wettbewerbs. Geest Verlag, Vechta-Langförden
  • Hölscher, S. (2014): Schrille Gefilde. Gedichte. Geest Verlag, Vechta-Langförden
  • Hölscher, S. & Armbrüster, C. [Hg.] (2013): Gesundheit braucht Führung. Südwestbuch Verlag, Stuttgart.
  • Hölscher, S. (2011): Leben mit Drive. Die Entfaltung von Kreativität, Kraft, Leistung und Lust. Junfermann Verlag, Paderborn.

Zahlreiche weitere Bücher und active books bei Junfermann und Veröffentlichungen in Zeitschriften.

Schamanisches Retreat in Amerika oder „hüllenlos durch die Nacht“? – Auftrittsangst kann man auch einfacher überwinden…

Die fünf ungewöhnlichsten Techniken, wie Sie Ihre Auftrittsangst besiegen, und warum Sie sie auf keinen Fall ausprobieren sollten

Von Thomas Coucoulis

Wahrscheinlich gibt es kaum einen unter uns, der nicht schon mal öffentlich vor einem mehr oder weniger großen Publikum aufgetreten ist. Und wahrscheinlich gibt es auch kaum einen, dem in so einer Situation nicht schon mal „die Muffe ging“. Lampenfieber nennt man das unter Künstlern – wenn es gut läuft. Wenn es schlecht läuft, kann sich das Fieber verschlimmern und bis zu einer ausgewachsenen Auftrittsangst steigern. Doch wo kommt es her, dieses Biest? Warum haben selbst erfahrene Speaker, Trainer, Schauspieler, Musiker und sonstige Rampensäue zum Teil auch nach Jahrzehnten noch schweißnasse Hände, Schnappatmung und ein flaues, krampfendes Gefühl im Magen? Na, sind Sie schon in der Problemtrance?

Die Ur-Ursache ist schon ein Weilchen her, damals lebten wir noch in kleinen Gruppen in dorfartigen Gemeinschaften von in der Regel weniger als 100 Individuen. Unter den damaligen Lebensumständen war es überlebenswichtig, die Zugehörigkeit zur Gruppe nicht zu gefährden, denn das hätte den Ausschluss aus der Gruppe und damit den sicheren Tod bedeutet. Wer damals also dazugehören und sich reproduzieren wollte, trug nicht nur Bart, was momentan auch wieder zutrifft, sondern auch sein Herz nicht zu sehr auf der Zunge.

Heute können wir unser Mammut- respektive Kobe-Fleisch online bestellen, ebenso wie die Felle, die wir auf der Haut tragen. Letztere aus Gründen der Political Correctness natürlich nur aus Kunstpelz (Erdöl), was, wenn man es genau betrachtet, die eigentlich wahre Dekadenz ist. Doch das nur am Rande, uns geht es ja hier ums Auffallen, obwohl man das mit Pelz in der Regel auch tut. Die Verfügbarkeit lebenswichtiger Ressourcen ist also nicht der Grund, warum wir trotzdem erwiesenermaßen mehrmals am Tag lügen, was natürlich auch das Herunterschlucken der eigentlichen Antwort auf die unfreundliche Art des neudeutschen Zugbegleiters impliziert.

Wenn nicht der Arterhaltung wegen, warum dann? Die Zeiten, als man dafür verhaftet wurde, wenn man seine Meinung sagte, sind ja hierzulande glücklicherweise vorbei. Dennoch wurden unsere Eltern und Großeltern von solchen Umständen geprägt, diejenigen von uns, die in der ehemaligen DDR aufgewachsen sind, ja zum Teil noch selbst. Unser Schulsystem trägt auch nicht gerade dazu bei, dass wir uns die Offenheit und Ehrlichkeit unserer Kindheit bis ins Erwachsenenalter bewahren. Und die herrschende Klasse war auch noch nie so wirklich daran interessiert, dass wir kundtun, was uns nicht passt, also gibt es ein rund um die Uhr rundfunkendes Brot-und-Spiele-Programm als Opium für das Volk. Die, die dort auftreten, dürfen wir bewundern, aber bei der Bewunderung anderer soll es auch bleiben, wir selbst haben im Mittelpunkt nichts verloren. Kommt der Begriff Unterhaltung also von Untenhaltung?

So viel mal zu den Ursachen und den daraus resultierenden Glaubenssätzen. „Sprich nicht so laut, das macht man nicht!“ – „Sei immer schön brav und tu, was der Lehrer dir sagt!“ – „Zieh dich ordentlich an, so kannst du doch nicht auf die Straße gehen, was sollen denn die Leute denken!“ Und jetzt seien wir mal ehrlich, wer von uns kennt nicht mindestens einen dieser Sätze? Abgesehen von der Frage, ob die aus dieser (V)Erziehung resultierenden Glaubenssätze für uns heute noch Gültigkeit besitzen (Kleiner Tipp: Nein), steht ja auch im Raum, was wir ohne selbige wären. Auf jeden Fall entspannter, wenn es darum geht, öffentlich vor Publikum aufzutreten. Auf jeden Fall ehrlicher, wenn uns etwas nicht passt. Auf jeden Fall authentischer, wenn wir uns selbst darstellen.

Wie man Glaubenssätze verändert, haben die meisten unter uns ja gelernt, aber reicht das? Als Rampenpfau und jemand der sich die letzten knapp 20 Jahre damit beschäftigt hat, wie man so richtig schön auffällt, sage ich: Nö. Wenn wir das jetzt schon gemeinsam angehen, dann machen wir es richtig. Wenn Sie das auch wollen, lesen Sie jetzt weiter. Aber Achtung, die folgenden Techniken könnten dazu führen, dass Sie in Zukunft auffallen. Ja, auch unangenehm. Dafür ist Ihnen danach garantiert nichts mehr peinlich. Also überlegen Sie es sich gut.

1. Seien Sie einen Tag lang ehrlich. Wenn Sie einen Kollegen treffen, antworten Sie mit der Wahrheit auf sein „Na, wie geht’s?“. – „Du, nicht so toll, ich habe gestern Abend so einen Salat gegessen, und der hat sich irgendwie nicht mit dem Bier vertragen, dann hatte ich die halbe Nacht Blähungen und um drei auch noch Durchfall.“ Oder ihr Chef: „Machen Sie mir das doch bitte noch bis morgen fertig.“ – „Wissen Sie eigentlich, wie lange das dauert? Ich hab‘ auch noch andere Sachen zu tun, und um Punkt sechs mach‘ ich Feierabend, weil wir heute Champions League gucken und dazu einen saufen.“ Mit Ihrem Partner im Restaurant: „Und, wie war dein Tag?“ – „Wie immer, im Meeting habe ich dem jungen Kollegen die ganze Zeit auf den Arsch geglotzt. Der ist echt knackig, nicht so schlaff wie deiner …“ Ich denke Sie haben das Prinzip verstanden.

2. Schonungslose Ehrlichkeit macht sich auch immer besonders gut im Kreis der lieben Verwandten. Auf der nächsten Familienfeier betrinken Sie sich – und zwar richtig. Nach dem etwa fünften Bier oder vierten Glas Wein erklären Sie sich offiziell zur Partykönigin. Und die Königin will Gesang, also stimmt sie ein Liedchen an und animiert die anderen zum Mitmachen. Die Polonäse darf natürlich auch nicht fehlen. Zwischendurch trinken Sie mit Ihrem Schwager Brüderschaft und das ungefähr fünfmal in Folge. Danach tanzen Sie auf dem Tisch zu Bonnie Tyler und performen dabei ordentlich mit. (Ihr Schwager unterstützt Sie freundlicherweise dabei). Am Ende des Abends lassen Sie sich von Ihrem Mann nach Hause fahren und übergeben sich unterwegs so ungefähr zwei bis dreimal. Das gleiche Prinzip funktioniert übrigens auch auf Betriebsfeiern. Alles klar?

3. Machen Sie ein schamanisches Retreat in Südamerika. Zwei Wochen abseits der Zivilisation in der wilden Schönheit der Natur tun nach dem ganzen Alkohol (s. o.) auch mal ganz gut. Das Highlight dieser Reise ist das Reinigungsritual mit Ayahuasca. Das ist ein Pflanzensud, der zum Großteil aus der ausgekochten Ayahuasca-Liane besteht und psychotrope Wirkstoffe enthält. Das Ritual führt in der Regel zu heftigen Halluzinationen in Kombination mit starken körperlichen Schmerzen und Erbrechen. Üblicherweise wird es abends eingenommen, die Wirkung dauert dann die ganze Nacht an. Es wird von Menschen berichtet, die mit schweren Autoimmunkrankheiten an diesem Ritual teilgenommen haben und anschließend ihre Krankheiten besiegen konnten, weil durch die Schmerzen und die Übelkeit der Lebenswille wieder so stark wurde, dass die körpereigenen Selbstheilungskräfte einen Turboboost verpasst bekamen und den Rest erledigten. Wenn Sie das durchgestanden haben, wird Ihnen so einiges egal sein, unter anderem auch, irgendwo aufzufallen. Viel Spaß!

4. Nach so einer anstrengenden Reise haben Sie sich etwas Erholung verdient. Gehen Sie in die Sauna und suchen Sie sich dort Menschen, die Ihnen gefallen. Sprechen Sie sie an, und versuchen Sie, ein Date mit jemandem auszumachen. Ob Sie hingehen, können Sie ja später immer noch entscheiden. Wichtigster Punkt: Tun Sie es nackt! Hüllenlos durch die Nacht ist das Motto, und genau so stellen Sie sich vor diese Person und haben somit schon mal nicht den üblichen Schutzschild aus Jeans und Tweed, hinter dem Sie sich sonst immer verstecken. Kein graues Pinstripe-Business-Mimikri, kein hipper Freizeitlook aus London (online bestellt), nur Sie selbst. Eine ehrlichere Anmache kann es nicht geben.

5. Als krönenden Abschluss ihrer Befreiung von den hinderlichen Glaubenssätzen und Konventionen gehen Sie feiern. Jede Stadt bietet ja so eine Party-Location, wo man nicht nur schick und zickig rumsteht, sondern auch so richtig abtanzen kann. Da gehen Sie hin – und Sie werden feiern, und zwar härter, wilder und lauter als jeder andere in diesem Laden. Eine Freundin von mir nennt das „den Club abbrennen“. Das bedeutet, dass man so ausgelassen feiert, dass man am Ende entweder auf Händen getragen oder von selbigen rausgeworfen wird. Das Ergebnis, Partykönig oder Hausverbot, ist in diesem Fall völlig egal, Hauptsache es war enthemmt. Wie besagte Freundin ebenfalls zu sagen pflegt: „Es eskaliert eh.“

Wenn Sie jetzt denken „Woher weiß er, was ich in der letzten Zeit gemacht habe?“, dann erzähle ich Ihnen mit diesem Artikel natürlich nichts Neues. Sie haben mit großer Wahrscheinlichkeit auch keine Schwierigkeiten, entspannt öffentlich aufzutreten. Wenn Sie hingegen sagen: „Das ist doch komplett irre!“, danke ich Ihnen für das Kompliment. Und wenn Sie jetzt noch wissen wollen, warum Sie diese Techniken auf keinen Fall ausprobieren sollten – wegen der Folgen:

1. Verlust des Arbeitsplatzes

2. Enterbung und/oder Scheidung

3. Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz und überaus unangenehme Nebenwirkungen

4. Hausverbot und Anzeige wegen sexueller Belästigung

5. Blaue Flecken

Und wenn Sie sich jetzt noch fragen, ob ich das alles ernst meine, dann versichere ich Ihnen: Ja, natürlich! Machen Sie das auf jeden Fall genau so, und denken Sie auf keinen Fall darüber nach, was Sie stattdessen für sich tun könnten, um aus dem Gefängnis Ihrer eigenen Glaubenssätze auszubrechen. Also, verstehen Sie diesen Artikel auf gar keinen Fall als Satire und diesen Satz bloß nicht ironisch.

Aber jetzt mal im Ernst, glauben Sie wirklich, dass das nötig ist? Klar, Sie können die Rosskur der Desensibilisierung ruhig machen, funktionieren wird Sie. Vielleicht reicht es aber auch, erst mal die Füße ins Wasser zu stecken und nicht gleich mit dem Kopf voraus reinzuspringen. Insbesondere wenn Sie den Grund noch nicht sehen können. Wie wäre es zum Beispiel damit, einfach mal Ihrem Gefühl zu folgen? Wenn Ihnen etwas auf dem Herzen liegt, warum es statt auf die Goldwaage nicht einfach mal auf die Zunge legen und kommunizieren? Kann man ja auch ganz gewaltfrei, wertschätzend und nach NLP-Kriterien machen.

Ganz konkret könnte das bedeuten, dass Sie in einer Auftrittssituation ehrlich zu Ihrem Publikum sind. Wenn Sie nervös sind, versuchen Sie nicht, es zu überspielen, indem Sie das Publikum mundtot dominieren. Sagen Sie es ruhig, ihr Publikum merkt es so oder so, wenn auch nicht unbedingt bewusst. Sie werden damit ehrlicher und authentischer rüberkommen und gleichzeitig auch diesen inneren Druck Ihrer Nervosität ablassen. Und wenn Sie diesen Druck nicht mehr zu kontrollieren brauchen, können Sie Ihre Aufmerksamkeit auf das lenken, was in diesem Moment wirklich wichtig ist: Das, was Sie sagen möchten, und diejenigen, denen Sie es sagen möchten.

Und noch was: Begeben Sie sich ruhig auf eine gemeinsame, kooperative Basis mit Ihrem Publikum – auf Augenhöhe. Schulz von Thun würde es die Wahrheit der Situation nennen. Und kommen Sie mir nicht mit irgendwelchem rhetorisch-technischen Schnick-Schnack, das zu verstehen und umzusetzen bedeutet viel mehr, als nur ein paar kommunikationspsychologische Tricks anzuwenden. Es bedeutet Wertschätzung. Sie sitzen in diesem Moment alle im selben Boot und wollen alle das Beste aus der Situation rausholen. Die Zuhörer sind Ihr Publikum, und für dieses machen Sie Ihre Show, nicht zur (Selbst-) Befriedigung Ihres Egos. Also, nächstes Mal, wenn Ihnen jemand zuhört, seien Sie dankbar und machen Sie was draus! Alles Gute dabei!

 

  Über den Autor

Thomas Coucoulis betreibt als Rampenpfau das Institut für Selbstdarstellung in Hamburg, sein Spezialgebiet ist das Überwinden von Ängsten und Blockaden bei öffentlichem Auftreten und die Entwicklung authentischer Auftritts-Persönlichkeiten. Mehr Infos und einen Blog zum Thema finden Sie hier.

Nächster offener Coaching-Abend Meet’n’Peacock: 24. Juni 2015. Anmeldung hier!

Zielfindung und Motivation im Coaching

Wo wollen Sie hin?

Oft können wir sehr genau sagen, was wir nicht möchten, aber wir tun uns schwer damit, genau zu definieren, was wir denn stattdessen wollen. Im Coaching-Kontext kann das zu einer großen Herausforderung werden – für den Coach und den Klienten!

In folgendem Video erläutert Sabine Prohaska, wie wichtig die Festlegung des „richtigen“ Ziels im Coaching ist und wie erfolgreiche Zielarbeit sinnvoll strukturiert werden kann:



  Über die Autorin

Sabine Prohaska, Inhaberin von seminar consult, ist Trainerin, Coach und Buchautorin. Seit über 20 Jahren ist die Wirtschaftspsychologin erfolgreich für namhafte Unternehmen vielfältiger Branchen tätig. Sie gilt als führende Expertin für Beratungs- und Trainingskompetenz.

Sabine Prohaska ist Professional Speaker der German Speakers Association®,  Autorin der Bücher „Coaching in der Praxis“ (Junfermann, 2013) und „Erfolgreich im Training! – Praxishandbuch“ (BoD Verlags GmbH, 2009) sowie zahlreicher Fachartikel. Auch in verschiedenen Talk-Sendungen war sie bereits zu Gast.

Mehr über die Autorin erfahren Sie hier.

Und täglich grüßt der Narzisst?!

Menschenführung beginnt mit Selbstführung – Über narzisstische Führungskräfte und den Umgang mit ihnen

Von Horst Lempart

„Ich muss es halt wieder selber machen, die sind zu blöd für alles!“ – Entwertungen und die Idealisierung der eigenen Person sind zwei typische Verhaltensformen für narzisstisch geprägte Menschen. Ihr Ehrgeiz und ihre darstellerischen Fähigkeiten bringen sie oft bis in die höchsten Etagen von Management und Politik. Führungskräfte mit einem narzisstischen Persönlichkeitsstil formen einen entscheidenden Teil ihres Selbstbildes aus den Beziehungen zu ihren Mitarbeitern. Die Qualität dieser Beziehungen basiert dabei vor allem auf der Bewertung von Menschen und deren Leistungen. Und diese Bewertungen werden gespeist aus einem idealisierten Selbstbild der Führungskraft: Wie weit kann der Mitarbeiter mir gerecht werden? Wie gefährlich kann er mir werden? Wie gut erfüllt er meine Erwartungen? Die Fragen stellt er sich allerdings nicht nur im beruflichen Kontext. Bisweilen reichen sie weit in den Privatbereich, wie das folgende Beispiel zeigt:

Stefan M. ist 46 Jahre und Inhaber einer Bäckerei. Den Betrieb führt er zusammen mit seiner Frau Karin M., 51 Jahre. Die beiden haben sich die Aufgabenbereiche aufgeteilt: Während Karin für den Verkauf und das Marketing zuständig ist, kümmert sich Stefan um die Produktion und die Finanzen.

Der Erstkontakt für das Coaching kommt über seine Frau Karin M. zustande. Frau M. beobachtet, dass die Motivation der Mitarbeiter immer weiter nachlässt. Gerade bei den Mitarbeiterinnen im Verkauf werde das besonders deutlich: Unfreundlichkeit gegenüber Kunden, Nachlässigkeiten bei der Hygiene und steigende Krankheitsraten seien unverkennbare Zeichen mangelnder Einsatzbereitschaft. Im ersten Kennenlern-Gespräch berichtet Karin über unterschiedliche Führungsstile: Während sie sehr kooperativ auftritt, Konsens fördert und über die Beziehungsebene führt, leitet ihr Mann die Produktion mit der Überzeugung „Alles Idioten!“. Wenig Zutrauen in die Fähigkeiten der Mitarbeiter und ein daraus resultierender Hang zum Kontrollieren und Nachbessern prägen seinen Führungsalltag. Karin hebt hervor, dass die betrieblichen Differenzen zunehmend auch ihre Beziehung belasten. Stefan habe ihre Entscheidung unterstützt, sich Hilfe bei einem Coach zu holen. Vielleicht könne sie ja etwas dazulernen, um die Leute wieder „auf die Spur zu bringen“.

Das Spannungsfeld zwischen Bewunderung und Abgrenzung

Am Ende der Stunde bitte ich Karin M., zur nächsten Arbeitseinheit ihren Mann Stefan mitzubringen. Ich benötige ihn, um Expertenwissen über die „problematischen Mitarbeiter“ sowie den Führungsstil seiner Frau zu erhalten. Mit den bisherigen Anmerkungen von Karin entwerfe ich die Arbeitshypothese, dass Stefan narzisstische Tendenzen aufweist. Ich experimentiere nach dem Verfahren: Versuch und Irrtum. Vielleicht liege ich ja richtig. Mit der Einladung befriedige ich gleich zwei narzisstische Bedürfnisse: Das Bedürfnis nach Bewunderung („Ich benötige einen Experten“) und das Bedürfnis nach Abgrenzung („Das Problem haben die anderen“). Ich verspreche mir von dieser Strategie, dass Herr M. ebenfalls den Weg zu mir findet. Tatsächlich geht meine Rechnung auf. Bei der nächsten Begegnung sitzen wir zu dritt in der Praxis.

„Wie haben Sie das überhaupt geschafft, den Laden quasi im Alleingang so erfolgreich zu machen?“ Um seine Bereitschaft zu fördern, den Prozess aktiv mit zu gestalten, knüpfe ich an seinem Image an. Dahinter verbirgt sich sein idealisiertes Selbstbild, das er sich seit Jahrzehnten aufgebaut hat. Es bietet ihm Sicherheit in dem unkalkulierbaren Coaching-Prozess. Stefan erzählt von den schwierigen Aufgaben nach der Betriebsübernahme, seinen durchgearbeiteten Nächten und dem Neid der Wettbewerber. Karin verstärkt seine besonderen Leistungen. Sie betont seine außerordentliche Einsatzbereitschaft und die hohen Ansprüche an sich selbst.

Partnerschaften sind eine Form von Arbeitsverträgen

Was sich zwischen Stefan und Karin M. abbildet ist eine abhängige Bindung von narzisstisch geprägten Menschen und ihren Bewunderern, den sogenannten Co-Narzissten. Während Stefan sich im Haus seiner Grandiosität bewegt, steht Karin quasi unter seinem Vordach. Sie nutzt den Schein ihres Partners für ihr eigenes Ego, kommt aber nur bis zu seiner Fassade und erhält keinen wirklichen Einblick in sein Innenleben. Im Grunde begegnen sie sich nicht wirklich, sie bleibt draußen vor der Tür. In gleichberechtigten Partnerschaften werden die Anteile von Geben und Nehmen, Nähe und Distanz, Führen und Sich-führen-Lassen immer wieder neu definiert. Das ist ein dauerhaftes Ausbalancieren und gleicht einem partnerschaftlichen Arbeitsvertrag.

Was sich zwischen den beiden Partnern abspielt ist auch ein Thema in der Personalführung. Wer sich als bewundernder Mitarbeiter unter das Dach des narzisstischen Chefs begibt, der behält trockene Füße. Wer aber versucht, ein eigenes Haus zu bauen, und damit die Statik der Chef-Etagen gefährdet, der wird durch eine „passendere Säule“ ersetzt. In der Zwickmühle des „sich Anpassens“ und „sich Abgrenzens“ stecken sowohl narzisstische Vorgesetzte als auch co-narzisstische Mitarbeiter. Meistens sind es jedoch die Spiegelhalter, die irgendwann aus der Rolle des Co-Narzissten aussteigen wollen. Ihre Zurückhaltung entwickelt sich mit der Zeit von einer Anpassung zur Überanpassung, was Selbstwertzweifel, Interessenlosigkeit und Antriebsarmut zur Folge haben kann (in Abbildung 1 als Quadrat „depressiv“ gekennzeichnet). Nicht selten werden die Symptome pathologisch. Aus ökonomischer Sicht ist das ein Worst-Case für den Unternehmer. Narzisstisch strukturierte Führungskräfte halten das System eher stabil. Sie klagen zwar über die unselbständigen Mitarbeiter, was aber ihrem idealisierten Selbstbild eher zuträglich ist. Grundsätzlich haben jedoch alle Beteiligten die Chance, ihr Problem vertiefendes Verhalten zu erkennen und zu verändern. Wir sprechen daher auch von Persönlichkeitsentwicklung und nicht von Persönlichkeitsverwicklung.

Abbildung 1 Entwicklungsquadrat beim narzisstischen Persönlichkeitsstil

Im Coaching gibt es einen spannenden Ansatz, um dem Dilemma zwischen der Angst vor Nähe und der Angst vor Zurückweisung entgegenzuwirken. Mit dem Entwicklungsquadrat (siehe Abbildung 1) betritt man das Haus des Narzissten quasi durch die Hintertür. Es setzt der Grandiosität, die ein Narzisst nach außen hin vorgibt, die Minderwertigkeit gegenüber, die ebenfalls stark im narzisstischen Gefühlsrepertoire repräsentiert ist. Sie verkörpert dadurch die beiden Seiten der narzisstischen Medaille. Bestenfalls werden oberflächliche Verhaltensweisen sichtbar, die Fassade bekommt Risse. Auf jeden Fall aber werden Chancen und Risiken deutlich, die ein narzisstischer Persönlichkeits- und Führungsstil mit sich bringt. Außerdem ermöglicht es Co-Narzissten wie angepassten Mitarbeitern einen Blick über den Tellerrand. Beide stehen in einem Abhängigkeitsverhältnis, das nicht schicksalhaft verlaufen muss. Voraussetzung ist, dass alle Teilnehmer ihre Verantwortlichkeiten erkennen.

Die Unterscheidung nach männlicher und weiblicher Domäne ergibt sich aus geschlechtsspezifischen Verhaltensmustern. Während der männliche Narzissmus eher von Prestige, Macht, Abgrenzung und Selbstdarstellung geprägt ist, charakterisiert sich der weibliche Narzissmus aus Eigenschaften wir Anpassung, Selbstwertzweifel und emotionaler Instabilität. Diese Stereotypie gilt nicht grundsätzlich sondern beschreibt Tendenzen.

Zurück zum Fall:

Ich bitte die beiden, sich wortlos einander gegenüber zu setzen und sich nur gegenseitig wahrzunehmen. Dabei sollen sie in ihrer Aufmerksamkeit pendeln zwischen den Entdeckungen beim Gegenüber und ihren eigenen Gefühlen und Gedanken. Nach fünf Minuten richte ich mich zuerst an Stefan. Er soll seine Eindrücke wiedergeben. Folgende Aussagen halte ich dabei fest: „Ich möchte Dich in den Arm nehmen“, „Das ist doch alles nicht so schlimm, wir bekommen das schon hin“, „Komm, lass uns vertragen“. Seine Frau findet die folgenden Worte für Ihre Empfindungen: „Er berührt mich, um aus der Situation rauszukommen“, Ich muss ihn gehen lassen, er steht unter Druck, er ist hilflos“, „Ich fühle mich missbraucht und spüre Gefühlswallungen“.

Brauchen oder missbrauchen?

Die Energie dieser Übung und der Aussagen ist spürbar im Raum. Frau M. fühlt sich von der „Nähe“ extrem eingeengt und wenig berührt. Sie reagiert damit auf  zwei wesentliche charakteristische Eigenschaften narzisstisch strukturierter Menschen wie Stefan: Sie instrumentalisieren andere und sind an einer wirklichen Begegnung nicht interessiert. Auf der anderen Seite betont Stefan, dass er doch alles in seiner Machte stehende tut, um Karin ein angenehmes Leben zu bereiten: gemeinsame Reisen, ein neues Auto, eine herausfordernden Aufgabe in seinem Betrieb und sogar seine Bereitschaft, mit ins Coaching zu kommen. Er bringt damit typische Merkmale seiner Partnerin auf den Punkt: Anpassung und Sonnen in der Grandiosität des anderen.

Beide verbindet eine große Angst vor dem Verlust der Bindung einerseits und vor Nähe und Intimität andererseits. Karin hat die männliche Domäne eines gesunden Narzissmus nicht integriert, nämlich selbst zu strahlen und das Vordach zu verlassen. Wer aber im Licht steht wirft auch Schatten. Sie müsste sich dann mit den Persönlichkeitsanteilen an sich auseinandersetzen, die sie bisher in sich ablehnt.

Stefan fehlt die weibliche Domäne eines gesunden Narzissmus. Ihm fehlt der Zugang zu seiner empfindlichen Seite, die Bereitschaft sich in Abhängigkeiten zu begeben und sich einzulassen. Wer sich authentisch zeigt wird angreifbar und riskiert Zurückweisung. Solange beide die gegenüberliegende Domäne nicht integrieren und die Ergänzung nur im Partner suchen, können sie keine Partnerschaft auf Augenhöhe eingehen. Sie bleiben abhängig voneinander. Gegenüber den Mitarbeiten äußert sich das in teilweise extremen Standpunkten oder Verhaltensweisen, teilweise mit widersprüchlichen Signalen. Im betrieblichen Kontext stabilisieren sie damit das problematische System: Die Mitarbeiter bleiben unmündig, unzufrieden und flüchten schlimmstenfalls in die Krankheit.

Mit Hilfe des Entwicklungsquadrates arbeiten die Beiden in den nächsten Stunden daran, ihre Persönlichkeitsstrukturen besser zu verstehen. Das typische Entweder-oder-Denken ersetzen sie sukzessive durch ein Sowohl-als-Auch. Mithilfe verschiedener Coaching-Übungen gehen sie in Kontakt mit den positiven Gegenwerten im Entwicklungsquadrat:

Abbildung 2 Entwicklungsquadrat beim narzisstischen Persönlichkeitsstil – positive Gegenwerte erkunden

Karin entdeckt für sich, dass es neben Konsens und Kooperation gelegentlich notwendig ist, „unbeliebte“ Entscheidungen zu treffen – notfalls auch mit Belastung des Beziehungsguthabens. Je nach Kontext bleiben Anpassungsfähigkeit und Bescheidenheit wertvolle Ressourcen für sie.

Stefan fällt es sichtlich schwerer, sich auf die weibliche Domäne einzulassen. Während der Sitzung betont er immer wieder mit besonders „männlichen“ Worten seine Überlegenheit: „Arsch geleckt – ich lasse mir nicht auf der Nase rumtanzen!“ oder (mit gestrecktem Mittelfinger) „Fuck – da geht gar nix mehr!“. An den Reaktionen seiner Frau (peinlich berührt, körperlicher Rückzug) kann ich beobachten, dass Karin mehr und mehr auf Distanz geht und zwischenzeitlich ganz aus dem Kontakt zu Stefan aussteigt. So wiederholt sie in der Praxis das Verhalten der Mitarbeiter im Betrieb: Auch dort geht der Kontakt verloren, wenn Stefan oder sie zu sehr in ihren „typischen“ Domänen hängenbleiben.

Doppelbremse: Zu viel von guten Gewohnheiten

Der betriebliche Alltag bietet ausreichend Möglichkeiten, ein ausbalanciertes Eingehen auf die Mitarbeiter zu testen. Dabei lauern zwei Gefahren: Die übermächtige Kraft der Gewohnheiten blockieren adäquate Reaktionen (diese Gefahr sehe ich besonders bei Stefan). Oder der Wunsch nach Veränderung mündet in einem Zuviel des Guten. Dann wird übertrieben viel von dem getan, was bisher abgelehnt wurde. Karin könnte also von einem angepassten Führungsstil in einen Aktionismus verfallen. Ihr dringender Wunsch nach Veränderung birgt auf jeden Fall dieses Gefahrenpotenzial.

In einer späteren Stunde berichten mir die beiden von ihren bisherigen Erfahrungen mit den Mitarbeitern. Stefan hat den Eindruck, dass die Leute seine Anweisungen besser befolgen. Nachdem er ihnen klargemacht hat, dass Unzuverlässigkeiten und Krankfeiern Arbeitsplätze kosten können, hätten sich die meisten sehr gefangen und machten nun vorschriftsmäßig Dienst.

Karin beobachtet sowohl an den Mitarbeiterinnen im Verkauf als auch an sich Veränderungen. Die Verkäuferinnen würden in den letzten Wochen sehr viel selbständiger arbeiten, nachdem Karin klare Rollen und Aufgaben mit ihnen abgesprochen hatte. Gleichzeitig beobachtet sie aber, dass die Solidarisierung der Verkäuferinnen zu einer deutlichen Abgrenzung zum Betrieb führt. Die Damen klagen zunehmend über Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit mit der Produktion.

Karin M. hat für sich selbst die Frage aufgeworfen, ob sie Verkauf und Marketing dauerhaft überhaupt leiten möchte. Sie würde im Moment sehr daran zweifeln, ob sie für diesen anspruchsvollen Job die Richtige wäre. In einem Vier-Augen-Gespräch offenbart mir Karin außerdem, dass sie intensiv über die Beziehung zu Stefan nachdenkt. Sie fühlt sich zunehmend unwohl und hat das Gefühl, etwas von ihr würde extrem auf der Strecke bleiben.

Inzwischen sind mehrere Monate seit unserem Erstkontakt vergangen. Stefan M. ist nach der fünften Stunde aus dem Prozess ausgestiegen. Er könne den Betrieb im Moment nicht alleine lassen, weil „alles drunter und drüber geht“. Karin setzt die Arbeit an ihrem Führungsverhalten fort. Sie hat allerdings ihr Anliegen inzwischen modifiziert von „Personalführung“ auf „Selbstführung“. Sie ist quasi Mitarbeiterin im Unternehmen ICH.

Karin M. hat als Frau vom Chef einige Fragen auf den Punkt gebracht, die sich auch Mitarbeiter in narzisstisch geprägten Führungsbeziehungen stellen:

  • Kann und möchte ich den Erwartungen, die an mich und die Aufgabe gestellt sind, überhaupt gerecht werden?
  • Möchte ich mich dauerhaft auf diese zwischenmenschliche Beziehung einlassen?
  • Kann ich mich ausreichend gut in meiner Persönlichkeit entfalten?

Narzisstisch geprägte Partnerschaften, und darunter verstehe ich auch Arbeitsbeziehungen, leben mit einem erhöhten Risiko des Beziehungsabbruchs. Die Fähigkeit und die Bereitschaft der Selbstreflexion sind gering. Sie können aber zum Beispiel mit geeigneten Coaching-Instrumenten sowohl bei Mitarbeitern wie auch bei Führungskräften entwickelt werden. Gerade bei dominanten Persönlichkeitsstilen wie dem Narzissmus ist es wichtig zu erkennen, welchen Beitrag auch Co-Narzissten zum Problem leisten. Dadurch werden vereinfachende Täter-Opfer-Zuschreibungen durchbrochen. Der Mitarbeiter (wie auch die Chef-Gattin) wird wieder mit-verantwortlich, erhält neue Macht (im Sinne von „Ich kann was machen“) und erschließt sich bisher verdrängte Facetten der eigenen Persönlichkeit.


Ich lade Sie ein, mit mir über den Fall und Ihre eigenen Erfahrungen zu diskutieren. Haben Sie selbst schon mit narzisstischen Chefs zusammengearbeitet? Haben Sie als Coach schon mit narzisstisch geprägten Führungskräften oder auch Co-Narzissten zu tun gehabt? Wo sehen Sie Unterschiede und Parallelen in privaten wie beruflichen Beziehungen? Ich freue mich sehr über Ihre Kommentare.

Über den Autor:

Horst Lempart arbeitet als Personal Coach/psychologischer Berater in eigener Praxis in Koblenz.

Im Mai erscheint sein Buch „Ich habe es doch nur gut gemeint – Die narzisstische Kränkung in Coaching & Beratung“. Es liefert eine umfassende Einführung ins Thema, viele praktische Fälle und jede Menge Arbeitshilfen.

Weitere Informationen zum Autor erhalten Sie hier.

Resilienz – Licht in unserer Seele

Von Fabienne Berg

Stellen Sie sich vor, Sie stehen wochentags am Abend in der Küche und sind gerade dabei, Tomaten für eine Soße klein zu schneiden. Die Spagetti sind bereits im Topf und im Hintergrund verliest ein Radiosprecher die Katastrophen aus aller Welt.

Plötzlich geht über Ihnen die Deckenlampe aus. Der Nachrichtensprecher verstummt mitten im Satz und der Kühlschrank hört auf zu brummen. Stromausfall. Ausgerechnet jetzt! Aber kein Wunder – heute war schon den ganzen Tag der Wurm drin: Ärger bei der Arbeit, Stau auf der Autobahn, eine Nachzahlung im Briefkasten und jetzt scheint es noch nicht einmal mit dem Abendessen zu klappen.

Sie verharren einen Augenblick und lauschen in die Dunkelheit. Aber außer dem Pfeifen des Windes, der den Novemberregen gegen die Fensterscheiben treibt und Ihrem eigenen Herzschlag ist nichts zu hören. Dann denken Sie an das Naheliegende. Irgendwo hier in den Schubläden müssten Teelichter und ein Feuerzeug sein. Aha. Gefunden! Sie zünden ein Teelicht an und gehen zum Sicherungskasten. Doch da scheint alles in Ordnung zu sein. Vermutlich ist die ganze Straße, wenn nicht sogar das ganze Viertel betroffen. Sie beschließen, während Sie mit dem Teelicht in der Hand durch den Flur in Richtung Badezimmer tappen, das heutige Datum unter der Kategorie „Nicht mein Tag“ abzuhaken und ins Bett zu gehen. Doch kurz vor der Badezimmertür gibt die kleine Flamme ihren Geist auf und der Docht erlischt.

Na, toll. Sie machen vorsichtig wieder kehrt und tasten sich zurück in Richtung Küche. Küchentüre öffnen, Schublade finden und ein neues Teelicht anzünden. Besser zwei. Sicher ist sicher. Also drei. Das sieht schön aus! Vier. Das macht Spaß, ist fast wie Weihnachten. Apropos: Wo ist eigentlich die hübsche Kerze, die Sie letztes Jahr geschenkt bekommen haben? Sie machen sich im Wohnzimmer auf die Suche. Die Kerze finden Sie nicht. Dafür eine Postkarte aus Lissabon, die Ihnen eine alte Schulfreundin im Sommer geschickt hatte. Was die wohl macht? Sie legen die Karte auf den Wohnzimmertisch und suchen nach weiteren Kerzen. Eine viertel Stunde später leuchtet das ganze Wohnzimmer. Schön sieht das aus und der Raum fühlt sich irgendwie ganz warm an. Sie machen es sich auf der Couch bequem und nehmen die Postkarte in die Hand. Als Motiv hat der Fotograf das Castelo de Sao Jorge gewählt. In natura ist es steinfarben. Jetzt im Kerzenschein schimmert es golden.

Sie versuchen sich zu erinnern. Hatten Sie sich eigentlich für die Karte bedankt? Nein. Warum eigentlich nicht? Vermutlich war wie meistens zu viel los gewesen und die Karte ist irgendwie untergegangen. Ihr Handy liegt neben Ihnen auf dem Tisch. Ihre Freundin nimmt nach dem dritten Läuten ab und freut sich total über Ihren Anruf. Sie führen ein sehr nettes Gespräch. Später wählen Sie noch eine Nummer. Die vom Lieferservice eines portugiesischen Restaurants. Ihre Freundin hat Ihnen ein Gericht empfohlen und der Fisch schmeckt wirklich großartig.

Und noch etwas später kommt Ihnen die Idee, bei Ihrer Nachbarin nachzufragen, ob alles in Ordnung ist. Normalerweise haben Sie sich nicht so viel zu sagen. Und wenn ja, dann geht es meistens darum, dass Sie Ihr Auto aus der Einfahrt wegparken sollen oder die Nachbarin bemängelt, dass Sie gelegentlich vergessen die Haustür abends abzuschließen. Komisch, dass Sie gerade jetzt an sie denken müssen. Und noch merkwürdiger, dass die alte Dame ganz aus dem Häuschen ist, als Sie sich nach ihr erkundigen. Offenbar passiert ihr das nicht so häufig.

Möglicherweise kommen Ihnen noch ganz andere Ideen, wie Sie den Abend ohne Strom verbringen. Vielleicht nehmen Sie bei Kerzenschein ein duftendes Schaumbad oder laden jemanden zu sich ein. Oder etwas ganz anderes. Etwas später, kurz bevor Sie schlafen gehen wollen, geht auf einmal das Licht in der Küche und im Flur an. Der Kühlschrank fängt nach einem verschluckenden Geräusch wieder an zu brummen und im Radio spielen sie gerade einen alten Song, den Sie über alles lieben. Sie gehen noch einmal ins Wohnzimmer und blicken auf das flackernde Kerzenmeer. Auf dem Tisch liegen die Postkarte aus Lissabon, zwei leere Schachteln vom Portugiesen und daneben steht eine Flasche Pfälzer Wein. Den wollte Ihnen Ihre Nachbarin unbedingt mitgeben, weil sie sich so sehr über Ihren Besuch gefreut hat.

Dieser Abend wird Ihnen noch Jahre später in Erinnerung sein. Nicht so sehr als der Abend, an dem bei Ihnen der Strom ausfiel; vielmehr als jener besondere Abend, an dem Sie sich dafür entschieden haben, ein Licht anzuzünden.

Wenn es Zeiten in unserem Leben gibt, in denen wir das Gefühl haben, dass um uns herum alles dunkel ist, so kann ein noch so kleines Licht viel bewirken.

Wenn wir uns allein und traurig fühlen, kann uns ein einziger mitfühlender Satz wie ein Leuchten in der Dunkelheit sein.

Und wenn wir seelisch frieren, kann uns der Gedanke an ein Licht der Hoffnung innerlich wärmen und uns neuen Mut schenken.

Zwei Lichter oder besser drei oder vier besitzen die Kraft, die Dunkelheit zu vertreiben und unsere Situation in einem ganz neuen Licht zu betrachten.

Dieses neue Licht kann uns Handlungsspielräume und Möglichkeiten eröffnen, an die wir bislang vielleicht noch nie gedacht hatten.

Nichts anderes ist Resilienz.

Resilienz bedeutet, da ein Licht zu entzünden, wo es dunkel bei uns ist.

Resilienz bedeutet, darauf zu vertrauen, dass es Lösungen für unsere Schwierigkeiten gibt und diese Haltung kann uns dabei helfen, den Lösungen Schritt für Schritt näher zu kommen.

Resilienz ist die Verbindung aus positiver innerer Einstellung und praktischer Handlungskompetenz. Wir akzeptieren, was nicht geht; suchen nach Lösungen, statt zu klagen; lassen los, was uns schadet; schlagen neue Wege ein, wo alte versagen und gehen optimistisch unseren Weg, anstatt uns zu sehr auf das Negative zu konzentrieren und es dadurch über Gebühr mächtig werden zu lassen.

Nach einem Stromausfall geht gewöhnlich irgendwann das Licht auch wieder an. Nicht von allein, sondern weil die Stadtwerke den Fehler behoben haben. Auch das Leben geht irgendwie immer weiter. Doch dafür, wie es uns dabei geht, ist ganz entscheidend, wie wir unser Leben empfinden. Normalerweise wird nicht wie von Zauberhand das Licht wieder angeknipst, wenn wir das Leben als dunkel und kalt wahrnehmen. Damit wir das Leben als hell, warm und glücklich empfinden, braucht es ein Licht in uns selbst. Ein Licht, das unsere Seele wärmt; ein inneres Feuer, das uns Motor ist für unsere Träume und Wünsche und das uns immer weitermachen lässt.

In uns allen gibt es dieses Licht.

Es kann von innen entzündet und von außen inspiriert und berührt werden.

Das Leben ist voll von Ereignissen, die wir weder vorausahnen noch beeinflussen können. Schlimme Erlebnisse, die uns mit voller Wucht treffen, können und schmerzen, genauso wie die schönen Situationen und Augenblicke, die uns für immer im Gedächtnis bleiben.

Diese schönen Momente gilt es wahrzunehmen und sich von ihnen inspirieren und berühren zu lassen. Sie können uns dabei helfen, das Licht unserer Seele immer intensiver und wahrhaftiger zum Leuchten zu bringen.

Und wenn dann irgendwann mal wieder der Strom ausfällt, wird es nie wirklich dunkel sein.

Stadt, Land, Coaching…

„Ich bin hier einfach nicht am richtigen Ort …“

Von Ruth Urban und Tanja Klein

Coaches, die auf dem Land wohnen, stöhnen oft über das Unverständnis der Dorfbewohner für das Thema Coaching. Während bei Ihnen die Augen glänzen, wenn Sie über NLP-Formate, Gewaltfreie Kommunikation und wingwave reden, verdrehen die Landfrauen im Ort nur die Augen. Wie soll denn dieser Blödsinn ihr Leben erleichtern? Die Kundengewinnung erscheint ein unüberwindbares Hindernis.

Dasselbe gilt für Coaches in der Großstadt. Der Grund ist nur ein anderer. Gibt es in Großstädten wie München, Hamburg oder Berlin sicherlich viele Menschen, die von den Ergebnissen eines Coachings überzeugt sind, besteht dort „leider“ das Problem, dass es gefühlt an jeder Straßenecke einen Coach mit einem ausgezeichneten Methodenkoffer gibt.

Und so kommen beide Coaches –  trotz verschiedener Einzugsgebiete – zum selben ernüchternden Ergebnis: „Hier kann ich vom Coaching nicht leben.“

Und ob das geht…!

Wir zeigen Ihnen drei Wege aus dem Dilemma:

  1. Positionieren Sie sich als Experte.
  2. Sprechen Sie noch deutlicher die Sprache des Kunden.
  3. Zeigen Sie Ihre Persönlichkeit.

Wie soll das gehen und weshalb hilft mir das weiter?

Positionierung

So schwer es vielen Coaches auch fällt, dies einzusehen: Auch wenn wir methodisch fast jedem Menschen bei den meisten Problemen eine gute Unterstützung sein können, glaubt uns der Kunde das nicht. Übertrieben ausgedrückt: Wenn Sie neben Führungskräftecoaching auch Geburtsvorbereitungscoaching anbieten, dann wirkt dies für den Manager genauso befremdlich wie für die Schwangere. Haben Sie den Mut, sich festzulegen. Als Grundlage kann z.B. Ihr Lieblingsthema oder Ihre Lieblingszielgruppe dienen. Nach und nach kann eine weitere Fokussierung erfolgen, die dann auch bei Ihren Werbemitteln deutlich werden muss. Ihr Marketing ist dann auch nicht mehr für alles und jeden, sondern passend zu Ihrer neuen Ausrichtung. Und damit kommen wir auch zum nächsten Punkt:

Kundenansprache

Wichtig ist, dass sich die neue Zielgruppe auch in Ihren Werbemitteln „wiederfindet“. Sorgen Sie dafür, dass Sie nicht austauchbar wirken. Dies ist auch das beste Argument, die Werbemittel anderer Coaches nicht als Vergleich heranzuziehen. Bleiben Sie ganz bei sich und bei Ihrer Zielgruppe. Nur diese soll sich angesprochen fühlen, und damit ist auch klar, dass die verwendeten Fotos und Texte ganz unterschiedlich ausfallen sollten. Zum Beispiel kann diese bei Führungskräftecoaching viel nüchterner und männlicher ausfallen als bei Schwangeren, die sich emotionaler im Text und durch die Bildwelt abgeholt fühlen möchten. Generell gilt: Die Ansprache sollte immer einfacher sein, als Sie sich das zunächst vorstellen. Gut verständlich sind Ihre Werbemittel, wenn auch ein neunjähriges Kind grundsätzlich versteht, worum es geht.

Coaches, ob in der „Walachei“ oder in der Stadt, haben hier zwei Möglichkeiten:

a) Ich möchte gerne die Kunden im Umkreis für mich gewinnen. Dann ist es umso wichtiger, genau die Sprache des Umfeldes zu wählen. Und hier ist das Verkaufsargument selten die Coachingmethode an sich, sondern der ganz konkrete Bedarf. In gut verständlichen Worten ausgedrückt. Auch ein Landwirt, der vielleicht noch nie mit der Coaching-Welt in Berührung gekommen ist, versteht dann, was Sie tun. Bei dieser Zielgruppe sind flankierende Maßnahmen wie Informationsabende oder das Coachen von relevanten Meinungsbildnern im Ort sicherlich hilfreich.

b) Sie suchen sich bewusst eine Zielgruppe aus, die in der nächsten Großstadt wohnt und für Ihr Angebot auch mal 40 km+ Entfernung in Kauf nimmt. Dann ist ein klarer Expertenstatus ein absolutes Muss!

Sowohl für die Land-Coaches wie auch für die Stadt-Coaches gilt: Je spitzer Sie aufgestellt sind, desto einfacher wird es, aus Ihrem Expertenstatus heraus Klienten zu gewinnen. Auch jenseits der eigentlichen Positionierung. Wie das funktioniert zeigt unser Bild mit der „Expertenpyramide“.

Persönlichkeit

In der Stadt muss man sich erst Recht von den vielen Kollegen abheben. Und nachdem viele Coaches dieselben Methoden beherrschen und, noch wichtiger, diese den Kunden sowieso selten interessieren, fällt dieses Unterscheidungsmerkmal schon mal aus!

Wie entscheiden Sie auf Internetseiten, ob jemand für Sie der richtige Ausbilder, Coach oder Arzt ist? Wenn Sie ganz ehrlich sind, entscheiden Sie oft schon intuitiv über das Foto! Zeigen Sie sich! Ob auf der Startseite Ihrer Internetseite oder auf der ersten Seite Ihres Flyers. Das kostet Überwindung – zahlt sich aber garantiert aus. Vorausgesetzt, Sie haben ein professionelles Foto, das Sie seriös und sympathisch zugleich zeigt. Haben Sie den Mut und zeigen Sie sich authentisch. Wenn Sie auf dem Foto wie ein Business-Coach aussehen, sorgt es für Irritationen, wenn Sie im Coaching mit Birkenstockschuhen und gebatiktem T-Shirt erscheinen. Für beide gibt es die passenden Kunden, aber es muss halt einfach „passen“.

Manchmal steht sich der Coach jedoch selbst im Weg: So ist zum Beispiel die Homepage schon sehr gut, geht aber noch nicht online? Die Flyer sind gedruckt, aber verstauben im Schrank? Dann könnte es sein, dass hier ein sabotierender Glaubenssatz noch sein Unwesen treibt. In unserem Buch haben wir über zwanzig der meist verbreitenden Glaubenssätze beschrieben, und wir haben noch keinen Coach erlebt, der frei von allen war.

Selbst mit dem besten Werbemitteln und dem Mut, sich zu zeigen, ist Geduld gefragt: Erfahrungsgemäß vergehen Wochen bis Monate, bis ein Klient zum Telefonhörer greift. Nutzen Sie die Zeit und bringen Sie (noch) mehr über Ihre Zielgruppe in Erfahrung, lesen Sie ein wichtiges Fachbuch, schreiben Sie einen Fachartikel oder konzipieren Sie einen Vortrag. Starren Sie nicht das Telefon an, sondern nutzen Sie die Zeit!

Überlassen Sie einen „beliebten“ Fehler Ihrer Konkurrenz: Sobald nach vier Wochen nicht genügend Klienten kommen, wird alles wieder auf den Gemischtwarenladen von früher umgestellt. Wiederstehen Sie diesem Impuls, durchhalten ist angesagt.

Wir wünschen Ihnen viele sympathische Kunden! Egal ob in der Stadt, auf dem Land oder in der Luft. Wir sind uns ausnahmsweise mal einig, dass wir hier mit einem Zitat enden wollen, denn Oscar Wilde hat gesagt: „In der Stadt lebt man zu seiner Unterhaltung, auf dem Lande zur Unterhaltung der anderen.“

 

  Über die Autorinnen

Ruth Urban (links) und Tanja Klein (rechts) sind die Autorinnen von Coach, your Marketing: Authentisches Marketing für Coaches, das 2012 im Junfermann Verlag erschienen ist. Positionierung als Grundlage für individuell passendes Marketing ist ihnen ein besonderes Anliegen. Seit 2013 bieten Sie unter Federführung von Ruth Urban einen speziellen Postitionierungs-Prozess an: „Coach, wofür stehst Du?“ Aktuell in Planung ist ein Workshop-Tag zum Thema Positionierung. Termine und mehr finden Sie hier.